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Full text of "Das nördliche Mittel-Amerika nebst einem Ausflug nach dem Hochland von Anachuac : Reisen und Studien aus den Jahren 1888-1895"

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Nördliche Mittel-Amerika 


NEBST 


EINEM AUSFLUG NACH DEM HOCHLAND 


VON ANAHUAC. 












DAS 


Nördliche Mittel-Amerika 


NEBST 


EINEM AUSFLUG NACH DEM HOCHLAND 
VON ANAHUAC. 


REISEN UND STUDIEN 


AUS DEN 


JAHREN 1888 — 1895 


VON 


Dr. CARL SAPPER. 


MIT EINEM BILDNISS DES VERFASSERS, 17 IN DEN TEXT EINGEDRUCKTEN 
ABBILDUNGEN, SOWIE ACHT KARTEN. 


BRAUNSCHWEIG, 

DRUCK UND VERLAG VON FRIEDRICH VIEWEG UND SOHN. 

1897. 


Alle Rechte, namentlich jenes der Uebersetzung in fremde Sprachen, 

Vorbehalten. 


[2) ~Z-7) F. 1%!- AAf) 


VORWORT. 


Wenn man die Sache bei Licht betrachtet, fo ift eine 
Vorrede eigentlich ein unnützer Ballaft, da diefelbe gewöhnlich 
doch nicht gelefen wird, felbft für den Fall, dafs ein Buch 
überhaupt Lefer findet. Und doch ift eine Vorrede eine gar 
praktifche Einrichtung, da der Verfaffer hier fo Manches noch 
fagen kann, was in den Rahmen des Textes nicht fo recht 
hineinpafst , und man pflegt fehr häufig die Gelegenheit zu be- 
nutzen, um darzuthun, welch fühlbare Lücke durch das Büch 
ausgefüllt werden wird. 

Leider kann ich ein Gleiches von diefer Arbeit nicht fagen, 
da die Augen der Welt gewöhnlich nach anderen Ländern fich 
richten, welche mehr in den Vordergrund des Intereffes treten, 
als die zum Theil halb vergeffenen Länder des .nördlichen Mittel- 
amerika. Und doch find diefelben wegen ihrer bedeutenden 
landwirthfchaftlichen Production in erfter Linie, dann aber auch 
als Sitz alter, hochentwickelter Culturvölker , von welchen noch 
jetzt bewunderungswürdige Ruinen mit beredten Zungen erzählen 
des Intereffes werth und für Deutfche hauptfächlich , da ein 
grofser Theil des Handels und der Production in deutfchen 
anden ruht und die Zahl ' der in Mittelamerika anfäffigen 
Deut dien von Jahr zu Jahr wächft. Für folche, welche fich 
m»t dem Gedanken einer Ueberfiedelung nach jenen Gegenden 
tragen, dürfte dies Buch in erffer Linie von Nutzen sein, da ich 
dann eine möglich* klare Ueberficht der begehenden Verhält- 

r n unLn U i ge d " Und daZU durch ^reiche Wände- 
beXt f • , Ve ; fchiedenft en teilen der betreffenden Länder 

w rl cham" 1 , ’ aUCh dCr Kaufmann ’ der Theilhaber land- 
hafthcher Unternehmungen, welcher directes Intereffe 


an 


VI 


jenen Ländern hat, dürfte manchen Nutzen aus dem Buche 
ziehen; ebenfo dürfte der Geograph und Ethnograph manches 
Neue aus demfelben entnehmen. Hauptfächlich aber möchte ich 
das Buch einem weiteren Leferkreife widmen, welcher feine Luft 
daran fände, ein fchönes, überfeeifches Land und deffen inter- 
effante Bewohner kennen zu lernen. Ich weifs es zwar wohl, 
dafs es nicht möglich ift, in dem Lefer eine wirklich richtige 
Vorftellung anders geftalteter Verhältniffe zu erwecken, dazu 
müfste man wahrlich ein Zauberer fein; aber eine ungefähr 
richtige Vorftellung vom Charakter des Landes und feiner Be- 
völkerung dürfte, wie ich hoffe, jedermann aus der Lectüre 
ziehen können. 

Man eifert in neuerer Zeit vielfach gegen die rein erzählende 
Reifeliteratur und doch habe ich mich dazu entfchloffen , von 
jedem einzelnen Ländergebiete des nördlichen Mittelamerika eine 
oder mehrere Reifen zu befchreiben, da auf diefe Weife dem 
Lefer immer noch am leichteften eine richtige Vorftellung des 
Lahdes gegeben werden kann und ihm zugleich Gelegenheit zu 
einer gewiffen Kritik allgemein gehaltener Darftellungen geboten 
wird. Für denjenigen, welcher felbft jene Gebiete bereifen will, 
ift aber manchmal eine unfeheinbare Bemerkung eines Reife- 
berichtes von gröfserem Nutzen, als eine lange, lehrhafte Ab- 
handlung über das, was zu thun und zu laffen fei. 

Andererfeits aber ift es doch dem Lefer nicht möglich, fich 
aus einer Reihe einzelner Reifebefchreibungen ein klares Gefammt- 
bild zu fchaffen und deshalb habe ich in einem zweiten Theile 
einige allgemeine Schilderungen gebracht und denfelben eine 
Anzahl ethnologifcher und anderer Studien beigefügt , welche 
theils ein allgemeines Intereffe beanfpruchen dürfen, theils aber 
dem Fachmann eine gewiffe Ueberficht über den Stand unferes 
Wiffens ermöglichen follen. 

Wer fich noch eingehender über die Länder des nördlichen 
Mittelamerika unterrichten will , dem feien die Bücher von Stoll 
über Guatemala (Leipzig 1886), von Gibbs über Britisch-Hondu ras 
(London 1883) und die älteren Werke von Moritz Wagner, 
C. v. Scherzer, von Stephens, Squier u. a. empfohlen. 

Was ich in diefem Buche an neuen Beobachtungen biete, 
wird der Fachmann leicht erkennen; den übrigen Lefern aber 


VII 


ift es gleichgültig, wer die Beobachtungen gemacht hat und es 
kommt ihnen — mit vollem Recht — nur darauf an, ein richtiges 
Bild nach dem neueften Stande unferes Wiffens zu bekommen. 
Die beigegebenen Karten werden dazu beitragen, das Verftänd- 
nifs des Textes zu erleichtern; fie find eigens für diefe Arbeit 
entworfen, die letzte (Nr-. 4) mit Benutzung meiner im IV. Bd., 
1. Heft der Veröffentlichungen aus dem Kgl. Mufeum für Völker- 
kunde zu Berlin (1895) veröffentlichten Karte. 

Eine Auskunft vielleicht bin ich dem geehrten Lefer noch 
fchuldig — wie es nämlich kam, dafs ich nach einem fo wenig 
beachteten Erdenwinkel , wie es das nördliche Mittelamerika ift, 
gegangen bin. Die Urfache für meine Ueberfiedelung nach den 
Tropen war meine fchwächliche Gefundheit; fchon von Kindheit 
an (ich bin am 6. Februar 1866 in Wittislingen , Landgericht 
Döllingen, Bayern, geboren) nicht fehr kräftig, hatte ich bereits 
während meiner Gymnafialzeit in Ravensburg (Württemberg) in 
Fufswander ungen und Bergreifen Erholung gefucht und gefunden, 
und als ich (feit Herbft 1884) in München Naturwiffenfchaften 
ftudirte, verfolgte ich beiläufig diefelbe Methode gröfserer Fufs- 
wanderungen; ich reifte z. B. im Sommer 1886 zu Fufs von 
München nach Rom, im Januar und Februar 1888 in Sicilien, 
woran fich ein dreimonatlicher Aufenthalt an der zoologifchen 
Station in Neapel anfchlofs u. f. w. Als ich aber meine Studien 
nach Ablegung des naturwiffenfchaftlichen Lehramtsexamens 
(Herbft 1887) und nach Erlangung der Doctorwürde (Sommer 
1888) in München abgefchloffen hatte, befchlofs ich zur defini- 
tiven Kräftigung meiner Gefundheit einen längeren Aufenthalt 
in einem milden Klima zu nehmen. Die Veranlaffung zur Ueber- 
fiedelung nach Guatemala war aber in dem Umftande gegeben, 
dafs mehrere Jahre vorher (1884) mein Bruder Richard Sapper 
fich in Guatemala niedergelaffen und dort eine geficherte Stellung 
gefchaffen hatte, ich folgte einer Einladung deffelben nach jenem 
fchönen Lande um fo bereitwilliger, als die Kenntnifs jenes 
Gebietes noch eine fehr geringe war und fich mir alfo fo ein fehr 
ergiebiges Arbeitsgebiet zu bieten fchien. 

Gleich nach meiner Ankunft in der Republik Guatemala 
begann ich zunächst in der Umgebung von Coban, meinem 
Standquartier, geologifche, topographifche und ethnographifche 


VIII 


Studien auszuführen und dehnte diefelben allmälig auf immer 
weitere Gebiete aus. Da mir aber die Geldmittel hierzu fehlten, 
fo nahm ich zunächft für ein halbes Jahr eine Stellung an, in 
welcher ich Vermeffungen ausgedehnter Ländereien zu leiten hatte 
und mit Vergnügen ftellte ich dabei fett, dafs die befcheidene 
mathematifche Vorbildung, welche man auf einem deutfchen 
humaniftifchen Gymnafium bekommt, hinreicht, um im fpanifchen 
Amerika manchem ftaatlich ernannten Vermeffer feine Rechnungen 
corrigiren zu können. Nach Beendigung befagter Vermeffungen 
unternahm ich im September und October 1889 eine Reife in 
die Altos Cuchumatanes *) und nach dem mexicanifchen Staat 
Chiapas [Comitan und S. Bartolome de los Llanos **)'! , im No- 
vember nach Guatemala -Stadt; im December nach dem Mota- 
guathal (Gualan, Zacapa). 

Um mir für fernere Reifen die nöthigen Geldmittel zu 
erwerben, nahm ich fürs Jahr 1S91 eine Stellung als Verwalter 
der neu anzulegenden Kaffeeplantage Campur (Alta Verapaz) an, 
wobei mir natürlich nur wenig Zeit zum Reifen blieb (ich erwähne 
nur die eine Reife nach dem See von Yzabal und den Ruinen 
von Quiriguä). Im Jahre 1891 arbeitete ich noch ein Vierteljahr 
auf der Kaffeeplantage Chiacam, um hierauf eine Reife nach dem 
Golf von Amatique, den füdweftlichen Cockscomb Mountains und 
S. Luis, fpäter nach dem Peten (Rio de la Pasion, La Libertad, 
Usumacinta, Menche Tenamit) zu unternehmen. Kaum zurück- 
gekehrt, leitete ich die Anlage einer kleinen Plantage von 
Kautfchukbäumen und Saffaparilla in Chibut (Alta Verapaz), war 
dann wieder kurze Zeit bei Vermeffungen thätig und trat mit 
Beginn des Jahres 1892 eine Reife nach den Ruinen von Copan 
(Honduras) und nach Esquipulas an, fpäter nach den Vulcanen 
und der .Südgrenze von Guatemala. Den Reft des Jahres 1892 
verwandte ich auf Ausführung einer gröfseren hypfometrifchen 
Karte von Guatemala im Mafsftab 1 : 500000, für welche die 
Regierung des Landes mir eine entfprechende Gratification zu- 
erkannte ; gleichzeitig führte ich eine geologifche Karte von 


*) Vergl. Sa p per, Das Kettengebirge von Mittelguatemala in der Zeit- 
fchrift des deutfchen und öfterreichifchen Alpenvereins 1S91. 

**) Vergl. Sapper, Ein Streifzug nach Chiapas in Petermann's Mittheilungen 
1893, 12. Heft. 


IX 


Guatemala im gleichen Mafsftabe aus, welche auf der Ausftellung 
in Chicago 1893 prämiirt wurde. 

Nachdem ich fo die phyfikalifche Geographie von Guatemala 
in ihren Grundzügen kennen gelernt hatte, folgte ich mit Ver- 
gnügen einem Anerbieten der mexicanifchen Regierung, der 
dortigen geologifchen Commiffion als Mitglied beizutreten und 
reifte daher zu Anfang 1893 nach der Hauptftadt Mexico, von 
dort nach meinem Arbeitsgebiet, den Staaten Tabasco und 
Chiapas, aus welchen ich nach Beginn der Regenzeit zur Aus- 
arbeitung des gefammelten Materials nach Coban zurückkehrte. 

Im Jahre 1894 machte ich ebenfalls im Aufträge der. mexi- 
canifchen Regierung eine Reife durch das Innere der Halbinfel 
Yucatan und kehrte nach dem Befuch der Ruinenftätten von 
Palenque und Toninä durch Tabasco und Chiapas nach Coban 
zurück, von wo aus ich 1895 abermals nach dem Süden Mexicos 
abzui eifen beabfichtigte ; mein damaliger Gefundheitszuftand und 
die Gefahr eines Krieges zwifchen Mexico und Guatemala liefsen 
mich aber darauf verzichten und rafch entfchloffen wandte ich 
nun meine Schritte füdwärts, der fchönen Republik San Salvador 
zu, von wo aus ich durchs weltliche Honduras nach der atlanti- 
fchen Kiifte Guatemalas reifte, um über Jamaica, Haiti und 
New- York nach Deutschland zurückzukehren. 


Nur zu rafch verflogen mir die wenigen Monate meines 
Aufenthalts in der Heimath; die meifte Zeit mufste ich auf die 
definitive Ausarbeitung der Karten und Berichte für die mexi- 
canifche Regierung verwenden und konnte daher nur allzuwenig 
die Freuden heimathlichen Lebens geniefsen. 

Und da ich diefes fchrieb, trug mich die »Augusta Victoria« 
m Begleitung meines Bruders Richard bereits wieder amerikanifcher 
Erde zu, wo ich in den nächften Jahren das Südliche Mittel- 
amerika bereifen zu können hoffe. 

Unter folchen Umftänden darf ich wohl den geehrten Lefer 

b.tten, etwaige Verteilen, welche fiel, bei Drucklegung diefes 

Buches emfchleichen feilten, gütigrt entfchuldigen zu wollen da 

ich bei der weiten Entfernung vom Druckorte keine Correcturen 
bekommen kann. 


Ich möchte übrigens nicht fchliefsen, ohne einige Worte des 
ankes für die vielen Freunde und Bekannten hinzuzufügen, 


— X — 

welche mich bei meinen Reifen und Studien mit Rath und That 
unterftützt haben; namentlich darf ich es nicht unterlaffen, auch 
an diefer Stelle meinem Bruder Richard Sapper in Coban 
meinen Dank zu fagen, in deffen gaftfreundlichem Haufe ich für 
die Jahre meines mittelamerikanifchen Aufenthalts eine zweite 
Heimath gefunden habe und welcher durch Befchaffung zuver- 
läffiger Träger und Führer meine Reifen erft ermöglicht hat. 

Coban. 


Dr. Carl Sapper. 


Inhalts -Verzeichniss. 


Vorwort 

I. Abfchnitt. 


Eine Fahrt in die Neue Welt 

Ein Ausflug in die Urwälder der Alta Verapaz . . 

Aus einer mittelamerikanifchen Kleinftadt 

Am See von Yzabal, Guatemala 

Eine Ofterreife zum Meerbufen von Amatique 

Reife durch die Cockskomb Mountains (Honduras) 

Eine Reife ins Peten 

Heimkehr vom Petdn 

Die Vulkane der Republik Guatemala (hierzu Karte Nr. i): 

Vulkan von Ipala 1630 m 

» » Tacanä 3990 » 

» » Tajumulco .... 4120 » 

» » Cerro Quemado . 3230 » 

» » Santa Maria . . . 3800 » 

Mittlerer und nördlicher Atitlan 3050 » refp. 3030 m 

Vulkan von Agua 3700 » 

» » Pacaya 2530 » 

Reife nach Mexico 

Auf dem Hochlande von Anahuac 

Von Meer zu Meer 

Durch das Innere von Yucatan .... 

Reife nach San Salvador 

Ein Streifzug durch Honduras 

Heimkehr in die Alte Welt . 

II. Abfchnitt. 

Allgemeines Naturgemälde des nördlichen Mittelamerika 

1. Orographie 

2. Hydrographie 

3. Klima- und Vegetations - Zonen (hierzu die Karten Nr. 2, 3 und 

Beilage 1) . . 

Prodcution (hierzu Karte Nr. 4, flehe S. 2t 2 und Beilage 2). 

1. Nutzbare Mineralien 

2. Waldbenutzung 

3. Nutzthiere 

4. Agricultur 


Seite 

V 


14 

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1 12 
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186 

189 

193 

194 


XII 


Seite 

Verkehrswefen und Reifeleben 202 

Die Obrigkeit 213 

Arbeiterverhältniffe 219 

Mufikleben in Mexico und im nördlichen Mittelamerika 225 

Die Bevölkerung des nördlichen Mittelamerika (hierzu Karte Nr. 5) . . . . 237 
Die unabhängigen Indianerftaaten von Yucatan (hierzu Karte Nr. 6) . . . . 246 

Die Lacandonen 258 

Die Gebräuche und religiösen Anschauungen der Kekchi- Indianer 267 

Kekchi- Gebete 287 

Die Handelsbeziehungen der Indianerflämme im nördlichen Mittelamerika . . 296 
Volksmufik bei den Indianerftämmen des nördlichen Mittelamerika .... 310 

Tanzfpiele bei den Indianern des nördlichen Mittelamerika 326 

Indianifche Ortsnamen im nördlichen Mittelamerika (hierzu die Karten Nr. 7 u. 8) 334 
Altindianifche Siedelungen und Bauten im nördlichen Mittelamerika .... 354 

1. Die Anordnung der altindianifchen Bauten innerhalb der Siedelungen 

(mit 16 Textfiguren) : 356 

Hierzu Überfichtskarte der Bauflile im nördlichen Mittelamerika . 359 

2. Einzelgebäude und Gebäudecomplexe 369 

3. Zufammenfaffende Bemerkungen und Schlüffe 380 

Induftrielle Thätigkeit der Kekchi -Indianer 386 

Die Heimath der Mayavölker 390 

Anhang. 

Beilage I. Regenmeffungen im nördlichen Mittelamerika 402 — 403 

» 2. Culturgrenzen im nördlichen Mittelamerika 402 — 403 

» 3. Lieder in Noten: 6 Melodien 4°4 — 4°6 

» 4. Vergleichendes Vocabular culturgefchichtlich intereffanter 

Wörter der Mayafprachen 4°7 — 43^ 

Karten. 


Nr. I. Die Vulkane der Republik Guatemala. 

„ II. Die Verbreitung der Vegetationsformen im nördlichen Mittelamerika. 

» III. Höhenfchichtenljarte des nördlichen Mitlelamerika. 

» IV. Die Production und Verkehrswege im nördlichen Mittelamerika. 

» V. Die Verbreitung der Sprachen im nördlichen Mittelamerika. 

» VI. Die unabhängigen Indianerftaaten von Yucatan. 

» VII. Indianifche Ortsnamen im nördlichen Mittelamerika. 

» VIII. Ruinenplätze und geographifche. Ortsnamen im nördlichen Mittelamerika. 


Eine Fahrt in die Neue Welt *). 


Coban (Guatemala), am 22. November 1888. 

Die alte Regel, dafs nach der Lehrzeit die Wanderjahre 
folgen müfsten, ist den Anfchauungen der letzten Jahrzehnte 
gewichen, und es giebt nur noch wenige altmodifche Menfchen, 
welche an die Nützlichkeit des Wanderns glauben; dieweil ich 
aber folch ein altmodifcher Menfch bin und das Wandern für die 
Angehörigen meines Berufes nicht nur für nützlich, fondern fogar 
lür nothwendig halte, fo benutzte ich eine günflige Gelegenheit, 
um fofort, nachdem ich meine naturwiffenfchaftlichen Studien an 
der Univerfität München zu einem gewiffen Abfchluffe gebracht 
hatte, in die weite Welt zu fchweifen. Ich fchnürte alfo mein 
Bündel, beftehend in einem Handkoffer und neun Kiften voll 
Kleid ungsgegenftänden, Büchern und Inftrumenten , und verliefs 
am 23. September 1888 die alte Heimath. Von Mannheim bis 
Rotterdam fuhr ich auf dem Rheinftrome ; was wäre da viel zu 
erzählen? Der Rhein ilt eben ein fchöner Flufs, und wer ihn 
nicht fei b ft gefehen hat, der weifs es doch vom Hörenfagen. 
Dann ging ich (am 29. September) an Bord der »Amfterdam«; 
das Schiff fetzte mich nebft mehreren Hundert anderen Paffa- 
gieren am 11. October wohlbehalten in New -York ab — faft 
das einzige Rühmenswerthe , das ich von diefer fchwimmenden 

Miethscaferne zu erzählen wufste - und fo war ich denn in der 
Neuen Welt. 

.Eine neue Welt?, fo frug ich mich verwundert immer 
W.eder in den erden Tagen meines New-Yorker Aufenthaltes 
.eine neue Welt?.. Denn ich konnte zunächst gar nichts Neue? 
«decken: ich ftaunte zwar Uber die hohe Vollkommenheit der 
Verkehrsmittel und mancher anderer Einrichtungen und fand als 
Gail eines accl. mattfirten Deutfeh. Amerikaners auch rafch zahl. 

Sonnabend, 8 ?!' Januar! Zd, “"S («“"'*»> .889, Nr. 5, S. 65-67. 

Sappcr, Das nördliche Mittelamerika. 


I 


2 


reiche Eigentümlichkeiten in den Gebräuchen und der Lebens- 
weise heraus, die dem Hötelgaft entgehen dürften; aber das waren 
nur Merkmale von untergeordneter Bedeutung, und ich hätte 
mich, durch die kundige Führung meines Gaftfreundes (R. Schil- 
ling) mit diefen Eigentümlichkeiten vertraut gemacht, bald 
ganz heimifch in der grofsen Weltftadt gefühlt, wenn nur meine 
deutfchen, franzöfifchen, italienifchen und fpanifchen Sprachkünfte 
ein wenig beffer meine gänzliche Unkenntnifs der Landesfprache 
hätten verdecken können. Aehnliches Mifsgefchick hatte ich 
aber auch in der alten Welt zur Genüge mitgemacht, und fo 
ftörte es denn meine Gemütsruhe nicht im mindeften; ja, wenn 
ich fo durch die Strafsen fchlenderte, kam es mir oft vor, als 
ob ich mich in Neapel befände — allerdings in Neapel, wie es 
fich aus dem Romanifchen ins Germanifche überfetzt ausnehmen 
würde — da (ich manche Eigentümlichkeiten italienifchen, 
speciell neapolitanifchen Strafsenlebens in frappanter Weife in 
New-York wiederholen. Es mag abfurd erfcheinen, den nüch- 
ternen praktifchen Amerikaner mit dem kindlichen Italiener zu 
vergleichen, und doch habe ich fehr häufig die Amerikaner wie 
Kinder fich aufführen fehen, fowohl in Sportsangelegenheiten, als 
insbefondere bei ihren kindifchen Umzügen und lächerlichen 
Maskeraden zum Zwecke der Wahlbeeinfluffung. Und wenn die 
Erwachsenen fich wie Kinder betragen, fo ift bei den Jungen das 
Gegenteil der Fall: ich habe wenigstens noch nirgends 12- bis 
14jährige Burfchen fo frühreif und anmafsend gefehen wie in 
New-York, und die dortige Strafsenjugend wird nach meiner 
Erfahrung nur noch von der Meffinefer an Frechheit übertroffen. 
Aber, wie gefagt, wenn fich mir auch mancherlei Beobachtungen 
von fremdartigen Dingen aufdrängten — ich fand ftets die alten 
Menfchen wieder; kein Wunder, ift doch faft die gefammte Be- 
völkerung New-Yorks europäischer Abdämmung, und wenngleich 
Chinefen und zahlreiche Neger dem neuankommenden Europäer 
etwas fremdartig erfcheinen, auch fie find ja Abkömmlinge der 
»alten Welt«. 

Erft als ich etliche geologifche und mineralogische Samm- 
lungen (in New-York und New-Haven, Conn.) befichtigte und fo 
viele eigenartige Objecte fah, begann ich zu erkennen, dafs ich 
mich doch in einer anderen Welt befinde, und meine Spazier- 


— 3 — 

Crange in der Umgebung von New-York (befonders m Staten 
Island) öffneten mir hierüber vollends die Augen, denn alle 
Pflanzen, welche ich fah, waren fpecififch verfchieden von unteren 
heimatlichen Arten, obgleich die Typen noch ziemlich gleich- 
artig mit den unteren find. Meine botanifche Artenkenntmfs 
war dahin, und fchon hier hätte ich meine floriftifchen Studien 
von vorn anfangen dürfen; wie erH würde es in den Tropen 

fein? 

So mufste ich belländig denken, als ich mich am 23. October 
in Brooklyn an Bord des Dampfers »Hondo« begab, der mich 
dorthin bringen follte. Um 4 Uhr Nachmittags erfolgte die Ab- 
fahrt, aber bereits nach einer halben Stunde hielt das Schiff 
wieder ftill; es war aufgefahren, und erfl die vereinte Anftren- 
gung mehrerer Schleppdampfer vermochte es nach langer Arbeit 
wieder flott zu machen. Alfo verliefsen wir erfl am Moigen des 
24 October den Hafen von New-York und Heuerten dem feinen 
Süden zu. Es war eine herrliche Fahrt: das Schiff war fehr 
fchön und geräumig, die Küche gut, die Officiere gefällig, die 
wenigen Paffagiere durchweg fehr liebenswürdig, theils Eng- 
länder, theils Spanier, theils Deutfche; fo bildete fleh rafch eine 
ganz angenehme Vertraulichkeit im Verkehre heraus, und mit 
Muflciren, Sprechen und Spielen verging die Zeit in der an- 
genehmften Weife; Hörend griff nur zuweilen die Seekrankheit 
in das gemüthliche Zusammenleben ein, doch fcheint mir Nep- 
tunus ein befonders guter Freund zu fein, da er von mir bis 
jetzt noch niemals feinen Tribut gefordert hat. 

Am Abend des 28. October bekamen wir San Salvador 
(Guanahani) zu Gefleht, und mit eigenartigen Gefühlen blickten 
wir nach dem flachen Eiland hinüber, welches durch des 
Columbus Entdeckung die Pforte für die neue Welt dargeHellt 
hat. Am 29. October fuhren wir an der terraffenförmig anstei- 
genden OHfpitze von Cuba vorbei und waren am nächHen Tage 
der KüHe von Jamaica faH beHändig fo nahe, dafs man das 
wechfelvolle Panorama der fchön geformten, bis zum Gipfel be- 
waldeten Berge mit Mufse und Genufs betrachten und die Palmen 
am Strande leicht mit freiem Auge erkennen konnte. Gegen 
Abend liefen wir in die Bucht von KingHon ein, welche im 
OHen durch eine lange mit Cocospalmen bewachfene Landzunge 


, — 4 — 

fo vollftändig gegen das Meer abgefchloffen ift, dafs beim Port 
Royal nur eine fchmale Einfahrt für die Schiffe übrig bleibt. Es 
ifl ein herrlicher Anblick, wenn man die fanft anzeigende Ebene, 
von bewaldeten Bergen in weitem Halbkreife umrahmt, eine 
wahre conca d’oro, vor fich fieht, und wenn ihre Perle, die Stadt 
Kingfton, fich fo ftolz vor den Augen des Befchauers hindehnt! 
Und dazu die Pracht der Vegetation: die verfchiedenften Palmen- 
gattungen ragen ftolz in die Lüfte, die fchlanken Nadeln von 
Cafuarinen und die zartgefiederten Blätter der zahlreichen Cäfal- 
pinien fchwanken im leichterten Windhauche und grandiofe Ficus- 
Arten laden zur Ruhe in ihrem Schatten ein — man könnte 
glauben, man fahre in den Schoofs des Paradiefes hinein. 

Und doch, wenn ich fo bei Nacht und Tag durch die 
Strafsen der Stadt ging und die Menfchen fah mit ihren Fehlern 
und Schwächen, fo wurde ich mir bald bewufst, dafs ich noch 
mit beiden Füfsen auf unferer heimathlichen Erde ftand; allein 
ich hätte eher geglaubt, dafs ich mich in Afrika als in Amerika 
befinde, denn das charakteriftifche Element der Bevölkerung 
find die Neger: wo man geht und fteht, fieht man die Abkömm- 
linge der afrikanifchen Raffe in allen Nuancen von Schwarz bis 
zum lichteften Braun, in den verfchiedenften, oft ziemlich phan- 
taftifchen Kleidungen, gewöhnlich in hellen Farbentönen — was 
man allerdings häufig mehr errathen mufs , als man es wirklich 
erkennen kann — und mannichfaltigen Kopfbedeckungen; die 
Conducteure der Pferdebahnen, die Poliziften und andere niedere 
Beamte , die Drofchkenkutfcher , die Hafenarbeiter , die dienft- 
baren Geifter aller möglichen Branchen find Neger, und unter 
den Arcaden der niedrigen Häufer fitzen Negerweiber und bieten 
ihre für ein europäifches Auge nicht fehr einladenden Genufs- 
mittel feil — kurzum, die Europäer, fowie vereinzelte Söhne 
des Reiches der Mitte treten in dem Strafsenbilde Kingftons 
fehr zurück. Die Stadt macht übrigens mit ihren geradlinigen 
Strafsen und den vielfachen Arcaden einen ganz fchmucken Ein- 
druck und ift weit minder unfauber, als man nach füdeuropäifchen 
Vorbildern erwarten könnte; fie befitzt fogar einen hübfchen 
öffentlichen Garten, mehrere Standbilder (die jedoch ziemlich 
gelangweilt in ihre Umgebung blicken), und ein kleines, aber 
gutes Mufeum, welches u. a. eine vorzügliche geologifche Local- 


fammlung aufweift — ein Ruhm und eine Zierde für die ganze 
Colonie; der Befuch des Mufeums fcheint übrigens nicht allzu 
rege zu fein, wenigftens konnte mich mein fchwarzer Drofchken- 
lenker erft nach einer langen Irrfahrt und mehrfachem Fragen 
dorthin bringen, machte dafür aber auch einen fchiichternen 
Verfuch, das doppelte Fahrgeld von mir zu verlangen. 

Leider verliefsen wir am Abend des 31. October fchon 
wieder das prachtvolle Eiland, und als ich am nächften Morgen 
erwachte, kam mir mein ganzer Aufenthalt auf Jamaica wie ein 
fchöner, wechfelreicher Traum vor; denn die höchften Berge der 
Infel waren längft unter das Meer getaucht, und ich fah an 
diefem und dem nächften Tage (aufser den kleinen Albuquerque- 
Infeln, etlichen Waffervögeln und Hunderten von fliegenden 
Fifchen) nichts mehr als Himmel und Waffer. Und doch war 's 
kein Traum. Als ich am Morgen des 3. Novembers erwachte, 
fah ich am nahen Ufer wieder Palmen und eigenthümliche 
dicotyle Bäume ftehen; es war kein Zweifel, dafs ich mich in den 
Tropen befand, und wenn ich etwa noch ungewifs geblieben 
wäre, fo hätte mich die hohe Wärme untrüglich davon überzeugt; 
ich las an diefem Tage Nachts 10 Uhr noch 28,50 c. in meiner 
Cabine ab. Zugleich Teilten fich einige riefige Spinnen als 
Zimmergefährten bei mir ein, Thiere von folchen Dimenfionen, 
dafs ihre Abftammung aus der heifsen Zone klar am Tage lag-’ 
ich hätte gern ein Exemplar diefer Arachnoideen in Weingeift 
confervirt, wenn ich nur erftens Weingeift befeffen hätte, "und 
zweitens, wenn es mir gelungen wäre, eines zu fangen; allein 
die Beftien befafsen eine aufsergewöhnliche Gefchwindigkeit, und 
ich erkannte klar, dafs es mit dem zoologifchen Sammeln feine 
chwierigkeiten hat; »gut«, dachte ich, »dafs ich kein Zooloae 
bin; meine Gefteine und Pflanzen laufen mir wenigftens nicht 
avon« Hierin hatte ich nun allerdings Recht, allein die Zu- 
kunft liefs mich bald auch hier auf grofse Schwierigkeiten ftofsen 
Wir lagen vor Greytown (fpanifch: San Juan) unter io» 58' 

ün W * nr nZ f V ° n Nic ^ ua und Coftarica, und während wir 

uns^us M P f aragUenfifChe Berge erblicl< ten, brachten 
Mb r Ue r c rnG , gCWaltigen Schwefter -lcane Irazu und 
LTs dar S T • ce ^ralamerikanifchen Frei- 

^ aa te S dar - San J uan > ein Dorf von etwa 600 Einwohnern lieo-t 


6 


ein wenig landeinwärts an einem Arme des San Juanfluffes und 
fein Befuch war in vielfacher Hinficht intereffant: einmal die 
Fahrt auf dem fchmalen Fluffe an den üppigen Mangrove- 
waldungen hin, dann das Dorf felbft mit feinen niedrigen Holz- 
häufern, feinen breiten, fandigen Strafsen und den grofsen gras- 
bewachfenen Plätzen, dann die vielen tropifchen Nutzbäume, 
welche mir hier zum erften Male zu Geficht kamen, und endlich 
der eigenartige Verkehr der Menfchen, lauter Dinge, welche 
nach der Einförmigkeit einer Seefahrt befonderen Reiz zu bieten 
geeignet find. Zugleich fah ich hier in San Juan die erften In- 
dianer, harmlofe fympathifche Menfchenkinder, und konnte mich 
alfo endlich dahin beruhigen, dafs ich mich wirklich in der 
»Neuen Welt« befand. 

Ein Rückfall in meine alten Zweifel blieb in der Folge 
fchon deshalb ausgefchloffen, weil wir nach der Abfahrt von der 
Rhede von Greytown (am 4. November Abends) das Feftland 
faft beftändig in Sicht behielten: nachdem wir am 5. November 
während des ganzen Nachmittags die flache Mosquitoküfte vor 
Augen gehabt hatten, erblickten wir am Morgen des 6. No- 
vembers die prachtvollen Berge von Honduras, bis zum Gipfel 
bewaldet, und hatten wir nun den ganzen Tag über im Süden 
ein wechfelvolles Gebirgspanorama und den Anblick eines üppig 
bewaldeten Ufers, fo gefeilte fich dazu im Laufe des Nachmittags 
bald auch der Blick auf die langgeftreckten bergigen Infein 
Bonacca und Roatan im Norden und in fpäter Abendftunde 
lagen wir bereits wieder in der Bucht von Trujillo vor Anker, 
indem die Sterne und die Mondfichel, vom afchgrauen Wieder- 
fcheine der Erde zur Scheibe ergänzt, im Funkeln mit den 
freundlichen Lichtern des Städtchens, welches fich in einiger 
Höhe am Berge hindehnt, wetteiferten. Man kann fich kaum 
eine fchönere, abwechfelungsreichere Fahrt denken, als die eben 
zurückgelegte war, und das war gut fo, denn nachdem ich 
bereits in Jamaica meinen liebenswürdigen deutfchen Dolmetfch 
(Herrn J. G. Milke in Kingfton) verloren hatte, verlor ich in 
Greytown auch noch meine gefälligen fpanifchen Interpreten und 
war nun auf meine halsbrecherifchen englifchen Sprachrudimente 
angewiefen, um überhaupt mit meinem einzigen Mitpafiagier in 
Contact zu bleiben. Wir Beide waren übrigens, trotz diefer 


— 7 — 

Schwierigkeit, fehr gute Freunde und gingen denn auch (am 
7 . November) gemeinfam in Trujillo ans Land. 

War Greytown für mich fchon ein ganz intereffanter Platz 
gewefen, fo war es Trujillo noch viel mehr, denn fchon am 
Strande herrfchte ein lebhaftes Treiben der Thierwelt: flinke 
Lacerten hufchten durchs Laub und an den Wänden der Häufer 
hinauf, ein grofser Lizard barg fleh ängftlich unter alten Brettern, 
wenn man fleh ihm näherte, und zahlreiche Waffervögel, meift 
Pelicane, trieben fleh nahe am Ufer umher. Den Strand ver- 
laffend , kamen wir zunächft an zahlreichen ärmlichen Lehm- 
hütten vorbei, in welchen die caraibifche Bevölkerung von Tru- 
jillo lebt und bald traten wir auf fchmalen Fufspfaden in einen 
prachtvollen Wald ein, zwifchen deffen Bäumen und Schling- 
gewächfen fleh grofse Cacteen und Bromeliaceen fehr hübfeh 
ausnahmen. Bei einem Fluffe, in welchem zahlreiche Ne^er- 
weiber ftanden und wufchen, hörte unfer Pfad auf und fo fallen 
wir uns denn veranlafst, wieder den Heimweg anzutreten. Vom 
Schiffe aus aber fah ich mit jenem Gefühle von Befriedigung 
nach Trujillo zurück, welches man nach fchönen Erlebniffen zu 
empfinden pflegt, und konnte zugleich nicht müde werden, die 
hohe landfchaftliche Schönheit der Scenerie zu bewundern: im 
Offen eine lange, flache Landzunge, im Süden und Werten 
waldige, formfehöne Berge von beträchtlicher Höhe, im Norden 
das offene Meer, in den Strahlen der Sonne erglänzend; den 
Mittelpunkt jdes Landfchaftsbildes aber nimmt das Städtchen 
ein, deffen Steinhäufer auf einer Anhöhe liegen, während die 
mit Palmblättern gedeckten Lehmhütten der farbigen Bevölke- 
rung in malerifcher Folge die Thaldepreffionen einnehmen; die 
unzähligen fchlanken Cocospalmen aber, welche rings am Ufer 
e en tragen in ihren wechfelvollen Gruppirungen und ihren 
edlen Einzelformen in hohem Maafse dazu bei, die Stimmung zu 

er ni hei r’i m WdChe d ‘ e Stiüe inmitten a11 die fcr Schönheit un- 
willkürlich verfetzt. Und als wir dann hinausfuhren in den 

fuegelglatten Ocean, begrüfsten uns im Norden aufser Bonacca 

loL , , ^ Infdn V ° rb0rata Und die ** Cochinas- 

Lld U c1 Untei ^ ehende Sonne erfüllte Alles mit ihrem 
goMenen Scbmmer; nur fchade, dafs in den Tropen die Nacht 
so plötzlich eintritt und alle Herrlichkeit verfehlet; denn t 


8 


hell der Mond auch fchien und im weiten Meere erglänzte, das 
fchöne Bild des Tages vermochte er doch nicht mehr hervorzu- 
zaubern, es blieb verfchwunden. 

In der -Frühe des nächften Morgens aber Jag das Schiff in 
einem anderen Hafen von Honduras vor Anker, welcher gleich- 
falls einen hübfchen Anblick gewährt, obwohl er an Schönheit 
weit hinter Trujillo zurückfteht: es war Puerto Cortez. Ich ging 
natürlich wieder ans Land und ftreifte mit meinem englifchen 
Gefährten an der fumpfigen Küfte hin, an welcher fenfible 
Mimofen in grofser Menge wachfen. Aber diefe hübfchen Pflanzen 
waren es nicht, welche unfer Intereffe hauptfächlich in Anfpruch 
nahmen, fondern die Eifenbahn; denn es ift luftig anzufehen, wie 
die Landkarten Centralamerikas durchzogen find von den ver- 
fchiedenften projectirten und in Vorfchlag gebrachten Canälen 
und Eifenbahnen, die wohl niemals zur Ausführung gelangen; 
alfo mufs eine wirklich vollendete Eifenbahn, auch wenn fie nur 
12 Leguas lang ift, von vornherein Aufmerkfamkeit erwecken. 
Ich hatte meine Erwartungen gerade nicht hoch gefpannt , aber 
trotzdem erwiefen fie fich als optimiftifch; denn es war die 
reinfte Carricatur einer Eifenbahn: die Schwellen zum Theil 

ganz faul, die Schienen verroftet und vielfach fchadhaft, dabei 
aber zudem fo fchlecht gelegt, wie man es kaum bei einer provi- 
forifchen Bahn entfchuldigen könnte; das Befte an der Eifenbahn 
ift unzweifelhaft der Bahnkörper, welcher den Bewohnern von 
Puerto Cortez wenigftens einen guten Fufsweg darbietet; die 
Bahn felbft aber leidet an fo zahlreichen Entgleifungen, dafs der 
Betrieb in abfehbarer Zeit gänzlich wird eingeftellt werden müffen. 

Nachdem wir aber befagte Eifenbahn hinlänglich bewundert 
hatten und heimzukehren wünfchten, war am ganzen Hafen keine 
dienftbare Seele mehr zu fehen, welche uns gegen klingendes 
Entgelt Charonsdienfte geleiftet hätte, und fo mufsten wir denn 
in tropifcher Mittagshitze im Schweifse unferes Angefichtes uns 
felbft zum Schiffe zurückrudern, was feitens der Seeleute ziem- 
liche Heiterkeit erregte. Genug, wir kamen wohlbehalten hin- 
über, und der Dampfer führte uns Abends pflichtfchuldig weiter. 
Am 9. November fpazierte ich in den hübfchen und reinlichen 
Strafsen des blühenden Städtchens Belize umher , und am Vor- 
mittag des 10. November fafs ich bereits in dem einzigen Hotel 


— 9 — 

von Livingfton, einem guatemaltekifchen Hafenorte, möglichft 
geduldig der Stunde harrend , in der ich meine Reife fortfetzen 
könnte; deüh der Flufsdampfer , welcher mich nach Panzos 
bringen füllte, war natürlich gerade am Tage vor meiner An- 
kunft abgefahren, und vor feiner Rückkehr war für einen Mann 
mit viel Gepäck an ein Weiterkommen nicht zu denken. 

Man fagt, Livingfton fei ein langweiliger Ort, und ich 
glaube es gern, denn der Platz bietet aufser feiner hübfchen 
Lage nichts Befonderes, der Verkehr ift ein geringer, die. Zahl 
der Europäer befchränkt; gröfsere Spaziergänge verbietet der 
Wald mit feinen Schlingpflanzen, Wege exiftiren nicht, und die 
paar barfiifsigen Soldaten, welche die Befatzung bilden, find 
bald zur Genüge bewundert. Glücklicherweife kommt aber der 
Naturwiffenfchafter auch an engbegrenztem Raume nie in die 
Lage, der Langeweile anheimzufallen, und alsbald widmete ich 
meine Zeit botanifchen und geologifchen Beobachtungen. 

Allein wenn fchon in unferer Heimath der Botaniker oft 
genug in Verlegenheit geräth, indem er fleh z. B. am Rande 

. * i 

eines Baches oder Felfens befindet und fein Schirm fleh mit be- 
merkenswerther Regelmäfsigkeit immer um einige Centimeter 
zu kurz zur Erreichung des Objectes erweift, fo kommt er in 
den Tropen oft der Verzweiflung nahe, wenn er die fchönften 
Blumen epiphytifcher und fchlingender Pflanzen hoch oben an 
den Bäumen in unerreichbarer Ferne erblickt, oder wenn er mit 
Mühe tiefer ins Innere der Wälder dringt und nun faft nur 
Stämme und ein Gewirr blattlofer fchlingender Stengel um fleh 
fleht. Und doch ift der Botaniker noch gut daran dem Geologen 
gegenüber r er bekommt feine Objecte wenigftens zu Gefleht, 
dem Geologen aber wächft die allzu üppige Vegetation auch an 
folchen Stellen die Auffchlüffe zu, wo man fie in höheren Breiten 
gewifs aufs Schönfte aufgedeckt finden würde; da begreift fichs 
wohl, dafs der aufgewendeten Arbeit des Naturforfchers in den 
Tropen oft ein entmutigend kleiner Erfolg gegenüber fteht; ein 
Gluck für mich, dafs ich fo optimiftifch angelegt bin, denn wer 
wollte noch Luft zur Arbeit haben, wenn nicht der Strahl der 
Hoffnung die Schatten der Enttäufchungen milderte? 

Wahrend ich aber mitten in der Arbeit war und die Zahl 
der eingelegten Pflanzen, fowie der Argumente für eine Senkung 


IO 


diefer Küfte zu vermehren ftrebte, wurde mir eines fchönen 
Morgens plötzlich mit echt amerikanifcher Rückfichtslofigkeit 
mitgetheilt, dafs in anderthalb Stunden der Dampfer nach Yzabal 
abgehe, fo dafs ich kaum Zeit hatte, meine heben Sachen noth- 
diirftig zu ordnen, wobei natürlich etliche fchmerzlich vermifste 
Gegenftände, wie Salzfäure und Ammoniak, vergeffen wurden. 
Alfo gings am 15. des Monats ins Land Guatemala hinein. 

Der Weg dorthin führt durch eine Eingangspforte von 
geradezu hinreifsender Schönheit. Aehnlich, wie der Rhein das 
Schiefergebirge durchbrechen mufste, fo hat fich hier der Rio 
Dulce durch ein Faltungsgebirge von Kalkftein den Weg zum 
Meere bahnen müffen und fo ein tief eingeriffenes Thal ge- 
fchaffen; und doch, welch gewaltiger Unterfchied in der Scenerie: 
dort zeugen ftolze Burgen und blühende Städte von muthvoller 
Vergangenheit und kraftvoller Gegenwart, und der rege Verkehr 
an und auf dem Fluffe deutet auf die Mitte des lärmenden 
Tages; hier aber ftehen erft etliche wenige Plantagen, wie 
Pioniere der erwachenden Cultur am Ufer des Fluffes, und allent- 
halben herrfcht noch die Stille des dämmernden Morgens; dort 
erzählen die militärifchen Reihen der Rebengelände davon, dafs 
die gereifte Natur fich dem menfchlichen Willen untergeordnet 
hat, hier aber waltet fie noch in der forglofen Ungebundenheit 
und dem tollen Uebermuthe der Jugend. Gewifs ifts ein Ueber- 
muth der Mutter Natur, wenn fie an Hänge von 40 bis 70° Nei- 
gung hochftämmige Bäume pflanzt, und fie fcheint es felbft ein- 
zugeftehen, indem fie diefelben mit Hunderten und Taufenden 
von Schlingpflanzen feftbindet, und das Alles kleidet fie mit 
grünenden Guirlanden aufs Prächtigfte und windet die leuchtend- 
ften Blumen von Orchideen und Bignonien in den lachenden 
Straufs. Gegenüber folcher Pracht der Pflanzenwelt treten die 
Vegetationsbilder des Gardafees, der Riviera oder Neapels weit 
zurück, und felbft der Zauber, welchen die Papvrusftauden an 
der Kyane-Ouelle ausüben, erfcheint matt gegenüber der Man- 
nichfaltigkeit tropifcher Lebensäufserungen. Jede Biegung des- 
Fluffes, jede Wendung des Schiffes, eröffnet neue überrafchende 
Bilder: hier ahmt die Natur in neckifchem Spiele einen Maft 
mit feinem Tauwerke durch eine fchlanke Cocospalme mit herab- 
hängenden blattlofen Lianenftengeln nach, dort aber müht lie 


p t 

lieh, ein glatte, weifse Kalkwand durch grünende Ranken dem 
Anblicke zu entziehen, da hat fie einen ganzen Baum vollftändig 
durch wucherndes Beiwerk eingehüllt, und daneben wiederum 
ragt eine fchwach beblätterte Krone auf gefpenftig dürrem 
Stamme hoch in die Luft; man kann nicht fatt werden, all diese 
wechfelvolle Schönheit zu bewundern, und fleht mit Bedauern, 
dafs die Hänge allmählich niedriger werden, und der Flufs fleh 
zu dem langgedehnten »Golfete« verbreitert. Freudig dagegen 
grüfst der eingeborene Caraibe das offene Waffer, denn er glaubt, 
der Teufel wohne in dem engen Thale; denn, wenn man dort 
laut rufe, fo gebe Beelzebub felbft die Worte zurück. Welchen 
Aberglauben doch ein unfchuldiges Echo zu erzeugen vermag! 

Der Golfete und noch mehr der nahe Golfo Dulce find 
übrigens fehr fchöne Seen , welche in der grandiofen Stille dei 
Tropen einen unnennbaren Zauber ausüben; fo fagt man; ich 
weifs es nicht, denn fo lange ich darüber hinfuhr, regnete es faft 
immer, und erft bei der Ankunft in Yzabal war das gute Wetter 
zum Durchbruche gekommen. Aber wer follte noch Sinn für 
Naturfchönheiten haben, wenn die fühllofen Hände eines Zoll- 
beamten die ftets mit gröfster Sorgfalt behandelten Inftrumente 
roh antaften! Kaum aber war die Unterfuchung im Gange, fo 
brach auch schon die Nacht herein, und da der Dampfer »Coban« 
in aller Morgenfrühe weiterfuhr, fo mufste ich, wenn ich nicht 
felbft einige Wochen in dem kleinen Platze liegen bleiben wollte, 
acht Kiften auf dem Zollamte in Yzabal zurücklaffen ; das that 
ich denn mit fchwerem Herzen, um fo mehr, als wenig erfreuliche 
Erzählungen über die dort übliche Zollbehandlung in Aller Munde 
find. So ift z. B. kürzlich einer deutfehen Firma eine Sendung 
lediglich deshalb confiscirt worden, weil einige Gegenftände 
weniger darin waren, als die Declaration an gab. 

Der Dampfer »Coban« aber kümmerte fleh nicht um alle 
meine Sorgen; als ich am nächften Morgen erwachte, befand ich 
mich vielmehr bereits auf dem fchönen Polochic -Fluffe; riefisfe 
Cyperaceen und Gramineen , prächtige Palmen und andere 
tropifche Bäume ftanden an den Ufern , Papageien flogen in 
Schaaren kreifchend hoch über dem Fluffe hinweg , während 
weifse Waffervögel bedächtig ihr Haupt auf dem fchlanken 
Hälfe wiegten ; aber auch diefe Herrlichkeit tropifcher Scenerie 


12 


kümmerte den Dampfer nicht, der keuchend wider das Gefäll 
des Stromes ankämpfte. Die Ueppigkeit des Pflanzenwuchfes 
liefs allmählich nach, manche Palmen verfchwanden und an ihre 
Stelle traten gigantifche Ceiba-Bäume und nordländifche Weiden 

— den Dampfer kümmerte es nicht, und erft am fpäten Abend 
gönnte er fich Erholung und gab fich am Ufer des Fluffes der 
Ruhe hin. Lautlos glitten die Waffer am Schiffe vorüber, lautlos 
badete fich des Mondes Schimmer in den gefchäftigen Wellen, laut- 
los ftanden die Riefen des Urwaldes zu beiden Seiten auf treuer 
Wacht, bis gefchwätzige Papageien die nahende Eos ankündeten 

— Alles fchien zu ruhen in der fchweigenden Nacht, und doch 
wars nur leerer Schein: Legionen von Mosquitos lagen hier 
fchon feit manchem Tage auf der Lauer, harmlofe Reifende zu 
überfallen , und in ungleichem Kampfe mit zahllofen geflügelten 
Gegnern verging mir die lange, lange Nacht ohne jeglichen 
Schlummer; mit Sehnen, wie kaum je zuvor, harrte ich des 
fäumenden Tages und grüfste mit Jubel und Wonne den erften, 
erlöfenden, goldenen Strahl der Sonne! 

Um io Uhr Morgens, am 17. November, war Panzos, ein 
armfeliges Dorf von wenigen Häufern, erreicht, wo mich mein 
Bruder mit offenen Armen empfing, und dann gings drei Tage 
zu Pferde über Flüffe und Päffe, durch Wälder und Fluren, 
durch Dörfer und Einöden, bis wir endlich die prächtig gelegene 
Stadt Coban mit ihren ftolzen öffentlichen Gebäuden inmitten 
eines herrlichen Hügellandes erblickten und bald darauf in 
Chimax (der nahe gelegenen Kaffeeplantage meines Bruders) der 
wohlverdienten Ruhe pflegten. Wohl haften in meinem Gedächt- 
niffe noch vereinzelte Bilder von raufchenden Waffern und herr- 
lichen Wäldern, von erhabenen Gebirgsthälern und fchönen 
Vegetationsbildern (fubtropifchen Charakters), von fchlechter 
Unterkunft und noch fchlechterem Effen in Indianerdörfern — 
denn hier im Inneren erft findet man die Eingeborenen in grofser 
Zahl , während fie an der Küfte nur vereinzelt auftreten — aber 
das Alles verfchwimmt in der lebhaften Rückerinnerung an die 
Müdigkeit und die Strapazen, welche das mir gänzlich un- 
gewohnte Reiten auf den fchlechten Wegen eingebracht. 

Aber nach wenigen Tagen der Erholung fchwand diefe 
Müdigkeit, und ich fange nunmehr an, mich heimifch zu fühlen 


— 13 — 

in der Neuen Welt, und wenn ich fo die Rofen vor meinen 
Fenftern blühen fehe und der Duft vielfältiger Blumen zu mir 
dringt, dann denke ich der alten Heimath, die jetzt im Banne 
des Winters liegt und von Eis und Schnee ftarrt, wer wollte da 
wohl taufchen? Und doch, wenn ich der Eltern und Freunde, 
der Mutterfprache und des gemüthvollen Lebens gedenke, fo 
fühle ich wohl die ftarken Bande, die den Fernen an das Vater- 
land ketten, und der Sonne, die allen Völkern und Ländern des 
weiten Erdenrundes Licht und Wärme fpendet, rufe ich dann 
wohl zu: »Grüfs’ mir die theure Heimath! Auf Wiederfehen!» 


Ein Ausflug in die Urwälder der Alta Verapaz 

(Guatemala *). 




Coban, den 16. October 1889. 

An einem fchönen Junitage des Jahres 1889 verliefs ich 
wieder einmal die Stadt Coban und wanderte meinen Bergen 
und Wäldern zu; ich fage »wieder einmal«, weil fich daffelbe 
Ereignifs innerhalb des verfloffenen halben Jahres gar häufig 
wiederholt hatte, und belege das bergige Urwaldgebiet im 
Norden der Alta Verapaz mit dem Fürworte der erften Perfon 
nicht nur darum , weil es längere Zeit mein Arbeitsgebiet war 
und bleiben wird, fondern auch, weil es mir lieb und werth 
geworden ift, trotz der Anftrengungen und Entbehrungen, 
welchen man in ihm ausgefetzt zu fein pflegt. Meine Begleiter 
waren ein Dolmetfch (da der Fremde fich die nöthige Kenntnifs 
der Indianerfprachen bei dem gänzlichen Mangel an Hülfsmitteln 
nur langfam aneignet) und ein paar indianifche Träger, welche 
mein Gepäck nach hiefiger Sitte mittelft eines Stirnbandes auf 
dem Rücken trugen. Wenn ich noch mit einigen Worten meine 
Kleidung und Ausrüftung erwähnen darf, fo fei bemerkt, dafs 
diefelbe (abgefehen von einigen zweckdienlichen Abänderungen) 
der eines Alpenwanderers nahe ftand: Jäger'fche Wollkleidung, 
Wettermantel, Bergfchuhe und Korkhelm oder breitrandiger Filz- 
hut mit farbigem Schweifstuche; Hirfchfänger und Revolver ver- 
vollftändigten die Ausrüftung; neben genannten Mordwerkzeugen 
aber hingen friedlich mein Hammer und Ledertafchen für Höhen- 
meffer, Compafs und Notizbuch. 

Bald hatte unfer kleiner Zug auf gutem Karrenwege das 
wenige Kilometer örtlich gelegene grofse Indianerdorf San Pedro 
Carchä (1280m) erreicht, von wo aus wir uns nach Nordoften 
wandten. Wir verliefsen das rt hal des Cobanfluffes mit feinen 


! 

i 


*) cf. Beilage zur Allgemeinen Zeitung (München) 18S9, Nr. 3361 S. 1 2. 

Mittwoch, 4. December. — 


— 15 — 



freundlichen Kaffeepflanzungen und mit mäfsiger Steigung führte 
uns ein angenehmer Reitweg dem Pocolhä-Gebirge zu; Mais- 
pflanzungen begleiten uns auf unferem Wege, während von 
den Gipfeln der fteilen Hügel lichte Fichtenwaldungen herüber- 
grüfsen. Die Bevölkerung ift hier fchon durchaus indianifch und 
demgemäfs ift auch unfer Unterkommen befchaffen: als Hotel 
dient im Allgemeinen die »Ermita«, eine offene, meift mit Palm- 
blättern gedeckte Hütte, welche zugleich die Kirche, der Be- 
gräbnifsplatz, das Kneipzimmer und der Tanzboden des Indianers 

ift eine Häufung von Eigenfchaften, wie fie dem naiven Cha- 

j-jjkfer der Bevölkerung durchaus entfpricht (im Nothfalle findet dei 
Reifende auch in den Hütten der Indianer bereitwillige Unterkunft). 

In der Ermita von Chirixquiche (1440 m) verbrachten wir 
die erfte Nacht und erreichten, früh auf brechend, gegen 10 Uhr 
Vormittags die wenigen in den flachen Hochthälern des Pocolhä- 
Gebirges zerftreuten Hütten von Sacaranilä (1700 m) und noch 
vor Eintritt der Mittagshitze bei der Pafshöhe Nimlatzül, d. h. 
grofser Berg (1800 m), den Schatten des Urwaldes, den wir nun 
für lange Zeit nicht mehr verliefsen. 

Man fragt mich wohl, was man unter einem »Urwalde« ver- 
lieht und ich mufs geliehen, dafs ich eine erfchöpfende Erklärung 
des Wortes nicht zu geben weifs; es ift eben ein Wald, in welchem 
des Menfchen Hand noch nicht zerftörend oder umgeftaltend 
eingegriffen hat, kurzum ein Wald, wie ihn der liebe Gott in 
feiner freien Natur wachfen läfst. Daraus ergiebt fleh, dafs der 
Urwald fo vielgellaltig auftreten kann, als irgend welche andere 
Erfcheinungsform der Natur, nach den klimatifchen Bedingungen, 
den Bodenverhältniffen und der gegenfeitigen Beeinfluffung der 
Pflanzen felblt, und wirklich zeigt er fchon in dem engbegrenzten 
Gebiete der Alta Verapaz ein anderes Gefleht, je nachdem er 
im »kalten«, »gemäfsigten« oder »warmen« Lande auftritt. 

Man könnte glauben, dafs der Urwald in beträchtlicher Höhe, 
alfo im »kalten Lande«, unteren deutfehen Wäldern ähnlicher fei, 
als in tieferen Lagen, allein man wäre felir im Irrthume; zwar 
find fchlingende und fchmarotzende Pflanzen hier noch nicht fo 
fehr zur Herrfchaft gelangt, wie dort, daher er lichter und ruhiger 
erfcheint, und hierdurch allerdings unferem heimifchen Laubwalde 
etwas näher lieht; betrachten wir aber die Pflanzenformen des- 


— i6 — 

felben, fo fehen wir uns in eine entlegene Erdperiode zurück - 
verfetzt: die Hauptmaffe der Waldbäume find zwar dicotyledone 
Gewächfe , charakteriftifch aber für das Bild des Waldes find 
hier die Farn bäume, welche durch ihre edle Erfcheinung ebenfo 
fehr, wie durch ihr eigenthümliches Vorkommen die Aufmerk - 
famkeit des Reifenden auf fich ziehen. Während fie füdlich vom 
Pocolhä-Gebirge nur vereinzelt Vorkommen, kündigt ihr plötzlich 
maffenhaftes Auftreten die Nähe der Kammhöhe mit grofser 
Sicherheit an, indefs gleichzeitig Fichten und eine Anzahl anderer 
auffälliger Pflanzen verfchwinden. Auf der Kammhöhe und dem 
ungemein feuchten Nordabfalle des Gebirges treten die Farne 
zuweilen, aber allerdings feiten, fo maffenhaft auf, dafs das Auge 
überhaupt keine andere Pflanzen erreicht, fo dafs eine gelungene 
Zeichnung diefer fchönen Baumgruppen zugleich als ein ideales 
Bild aus der Steinkohlenzeit gelten dürfte. Bei der geringen 
Stammeslänge diefer Gefäfskryptogamen bilden ihre Wedel ein 
zweites Blätterdach unter dem der hochragenden dicotylen 
Bäume; »im gemäfsigten Klima« (zwifchen 500 und 1500m HöTie) 
dagegen übernimmt diefe Rolle ein Heer monocotyler Bäumchen, 
kleiner Palmen, deren freundlich graciöfe Erfcheinung in einem 
feltfamen Gegenfatze zu dem ernften Bilde der Fambäume fteht, 
mit welchen fie in höheren Lagen (800 bis icoom) zuweilen 
gemifcht Vorkommen. Ueberhaupt wird das Bild des Urwaldes 
im gemäfsigten Lande abwechfelungsreicher und freundlicher; 
mit dem üppigeren Wachsthume der Waldbäume felbft ftellen 
fleh auch zudringliche Freunde, fowie läftige Feinde in reicherem 
Mafse ein: zahlreiche epiphytifche Pflanzen, namentlich prächtig 
blühende Orchideen, fiedeln fich am Stamme und Aeflen an, 
blattreiche Schlingpflanzen winden fleh daran hinauf und in fchön 
gefchwungenen Linien hängen Lianen von der Laubkrone herab, 
theils in der Erde haftend, theils frei mit Luftwurzeln endigend. 
Trotz allem diefem wirr fich verfchlingenden Laubwerke ift es 
immer noch licht in dem Walde, da die Sonnenftrahlen, von den 
Blättern vielfach zurückgeworfen, in ihrem Wege zwar abgelenkt, 
aber nicht zurückgehalten werden. Zu Füfsen des Wanderers 
macht fleh üppig wucherndes Unterholz geltend, welches oft 
genug über die feiten betretenen Fufspfade hinwegwächft und 
mit dem Bufchmeffer entfernt werden mufs, um die Wege wieder 


— i7 — 

gangbar zu machen. Schlimmer ift es damit noch im »warmen 
Lande« (etwa unterhalb 500m Meereshöhe), wo das Unterholz 
und fcharfkantige kiefelreiche Gräfer mehr und mehr zur Herr- 
fchaft gelangen, fo dafs man fich durch diefes Dickicht erft einen 
Gang fchlagen mufs, welcher aus naheliegenden Gründen ge- 
wöhnlich fo niedrig ift, dafs man weite Strecken gebückt gehen 
mufs. Die Schönheit ift der Wildheit gewichen; im Uebermaafse 
der Lebenskraft drängt fich die organifche Welt; inmitten der 
fröhlich ften Fülle pflanzlichen Lebens macht fich ein unange- 
nehmer Modergeruch geltend, ftellenweife allerdings überdeckt 
von betäubenden Wohlgerüchen und noch öfter als in höheren 
Lagen mufs hier der Wanderer über geftürzte Baumftämme 
klettern, oder unter ihnen durchkriechen, um feinen Weg fortzu- 
fetzen. 

Eine ähnliche Steigerung vom Ruhigen zum Wilden läfst 
lieh mit Zunahme der Temperatur, alfo Abnahme der Höhenlage, 
auch in der Thierwelt verfolgen, welche übrigens viel mehr in 
den Hintergrund tritt, als man etwa annehmen könnte. Im 
kalten Lande ift es ftill und ruhig: nur feiten hört man bei Tage 
eine Cicade zirpen oder einen Vogel rufen, und noch feltener 
fleht man etwa auch einmal ein Reh oder Gürtelthier; bei Beginn 
der Nacht allerdings wird es auch hier (und in noch höherem 
Grade im wärmeren Lande) lauter, indem nunmehr die'ver- 
fchiedenften Vögel, Infecten und Nager ihre Stimme erfchallen 
affen. Im gemafsigten Lande ertönt gegen Ende der Trocken- 
zeit den ganzen Tag über das fchönfte Concert gefiederter 
Sauger aus dem undurchdringlichen Blätterwerke des Waldes 
und in kurzer Zeit vermag der Wanderer eine ganze Reihe von 
Vogelrufen aufzuzeichnen, denn Tonhöhen und Tact find in 
vielen hallen mit grofser Schärfe erkennbar, fo dafs es ein 
Leichtes ift, fl e durch Noten wiederzugeben. Auf der Erde be 
merkt man von auffälligen Thieren, aufser fchönen Käfern, am 
au ig cn grofse Mynopoden, fcherzhafte Landkrabben und — 

s":„ en h ffV erWeCken ’ Wenn man nch allmählich 
tZ Gef hT E ' fChe ' nUng gew8hnt ' “">er wieder ein unbehag- 

g ™ t am W We T ““ ? e in Ruhe zurammen, 

gerollt .am Wege hegen fleht; die hier vorkommenden Arten 

find zwar grofsentheils fehr giftig, aber nicht bösartio und 
Sapp er, Das nördliche Mittelamerika. un d 


wer- 


l8 


den, da fie noch nicht in abgefeimter Bosheit gleich anderen 
ihres Gefchlechtes auf die Bäume klettern *), dem Europäer nicht 
leicht gefährlich. Ein unangenehmes Gefühl ift es auch, wenn 
man fich fo recht behaglich in der Hängematte fchaukelt, und 
plötzlich an einem Balken über fich einen Scorpion einher- 
fpazieren fieht; doch find auch diefe Thiere im Grunde harmlos, 
da fie nur ftechen, wenn fie fich in Gefahr glauben. Bösartig 
und blutgierig dagegen find die zahlreichen kleinen Plagegeifter 
aus den Ordnungen der Acarinen, Rhynchoten, Dipteren, Hyme- 
nopteren u. dergl., deren man fich vergebens zu erwehren fucht, 
und welche einem manche Stunde Schlaf zu rauben pflegen. 
Noch viel fchlimmer ift es mit diefer Plage im »heifsen Lande?., 
welches ich überhaupt nicht fehl' zu rühmen weifs. Statt der 
munteren Sänger des Waldes finden wir in Schaaren häfslich 
kreifchende Papageien und andere fchön befiederte Schreier; in 
den Flüffen kommen Alligatoren vor und am Wege findet man 
gar nicht fehr feiten die frifchen Spuren des Jaguars. So oft 
ich folche Fährten traf, und aus denfelben einen Rückfchlufs auf 
die Gröfse des Thieres machte, befeelte mein friedfertiges Gemüth 
immer der Wunfch, dafs ich einer folchen Katze lieber nicht 
begegnen möge — ein Wunfch, welcher zu meiner Befriedigung 
bis jetzt immer in Erfüllung ging. 

Diefes eben befprochene bergige Urwaldgebiet, welches ich 
bei Nimlatzül erreichte, grenzt im Norden an das Tiefland von 
Peten; die Anfiedelungen find fpärlich und fehlen im warmen 
Lande auf weite Strecken ganz, ein grofser Theil derfelben ift 
nur zeitweife bewohnt, indem die Indianer lediglich dorthin gehen, 
um ihre Maisfelder zu beftellen , und fpäterhin wieder , um fie 
abzuernten. Da die Anfiedelungen in allen Fällen Indianern 
angehören, fo ift der Wanderer hier ganz von aller Civilifation 
entfernt und vollftändig auf fich felbft angewiefen. Die Fufs- 
pfade find bei den fteilen felfigen Gehängen der Berge und der 
aufserordentlichen Feuchtigkeit des Klimas faft immer in unge- 
mein fchlechtem Zuftande, und es ift gut, wenn man durch 


*) So glaubte ich damals, doch haben mir fpätere Beobachtungen gezeigt, 
dafs die meiden Schlangenarten diefer Gegend auch auf Bäume zu klettern ver- 
mögen . 



— 19 — 


Alpenwanderungen wenigftens einigermafsen auf derartige Wege 
vorbereitet ift. Kleider und Schuhwerk leiden empfindlich, und 
ich mufs geliehen, dafs ich an manchen Tagen mehr mit Nadel 
und Scheere als mit Hammer und Compafs gearbeitet habe. 
Einige Kenntniffe in der Kochkunft find hier gleichfalls von Vor- 
theil und es wäre fogar nützlich, wenn man früher bei einem 
Seiltänzer in die Lehre gegangen wäre, denn man hat nicht nur 
häufig Kahlfchläge auf gefällten Bäumen zu überfchreiten, fondern 
findet Baumftämme nicht feiten auch ohne weitere Vorrichtung 
als Brücken über Flüffe verwendet, und es ereignet fich dann 
bei Regenwetter fehr leicht, dafs der Reifende beim Ueber- 
fchreiten ausgleitet und ein unfreiwilliges Bad nimmt, wie es dem 
Schreiber diefer Zeilen auch fchon vorgekommen ift. Kurzum, 
man kann hier alle und jegliche Fertigkeit gebrauchen, welche 
irgend zu praktifchen Zwecken verwendbar ift. 


Hat man aufserdem noch etwas Thatkraft und Geduld mit 
auf den Weg genommen, fo kann man beruhigt in die Wälder 
ziehen, deren eigenartige Schönheit bald eines Jeden Herz gewinnen 
wird. Es ftellen fich zwar manche Unannehmlichkeiten ein 
welche den reinen Genufs von all dem Schönen zeitweife ftören’ 
die drückende Hitze der hellen Tage, die feuchte Schwüle 
wahrend des Regens, der oft ungeheuerliche Zuftand der Weo- e , 
häufiger Mangel an Trinkwaffer u. dergl., lallen oft fchwer auf 
der Stimmung des Reifenden und auch lange Nachtwanderungen 
bei Fackelfchein und Bivouaks, wie ich fie auch gelegentlich mit- 
zumachen hatte, gehören nicht zu den angenehmen Dingen im 
Urwaldleben. Auch die Pflanzenwelt ift in vielen Fällen des 
Wanderers Feind und es ift fehr zu bedauern, dafs Fr. Vifcher’s 
»Auch Einer« niemals einen Ausflug in tropifche Wälder unter- 
nommen hat, um den Kampf wider die Tücke des Objects in 

tt m ift 7 k fCh r dem; d “ n ‘ Ch g,3Ube ’ “W ■" de,- 

ft diefer Kampf erbitterter und ausfichtslofer als hier 
Domen verdecken fich heimtuckifch unter Moos und Flechten' 
and der Neuling pflegt fich mit befonderer Vorliebe oerade an 
derart, g vorbereiteten Bäumen fertzuhalten, hochragende Wurzeln 
legen fich unvermuthet über den Wpd- rinm - *- a 

- •» - - «i ... 


20 


Fülle von Verwicklungen gegeben, welche nicht feiten die gute 
Laune des Reifenden zu ftören drohen. 

Andererfeits erlebt man hier aber auch Augenblicke, welche 
den reichften Genufs gewähren. Wie fchön und ftets aufs Neue 
überrafchend ift es nicht, wenn man aus dem Dunkel des Wal- 
des plötzlich in eine Lichtung tritt: freundliche Maisfelder um- 
geben die mit Palmblättern gedeckte Hütte und einfam ift auch 
wohl noch da oder dort ein Urwaldriefe ftehen geblieben, von \ 
welchem armdicke Lianen malerifch herunterhängen; die Frau 
des Haufes pflegt dem Ankömmling gern die übliche Erfrifchung 
zu reichen, welche in warmem Waffer mit fein vertheiltem Mais 
befteht. Sie ift gewöhnlich im Neglige, wenn wir fle beim Mais- 
mahlen treffen, und ihr Anzug befteht dann aus einem blauen 
Rocke, rothen Zopfbändern und Perlenfchnüren um den Hals 
(um die Strafsentoilette zu vervollftändigen, wirft fle nur noch 
ihr Guipil um, welches ich bei meinen geringen Kenntniffen in 
der Toilettenfprache der Damen etwa als einen kurzen Sack aus 
leichtem Vorhanggewebe, mit einer mittleren und zwei feitlichen 
Oeffnungen für Kopf und Arme definiren kann). Die Kleidung 
der Kinder ift nicht feiten noch einfacher und befteht bei einem 
männlichen Spröfsling etwa aus einem Hute, bei der jungen 
Tochter Eva’s aber aus einer Perlenfchnur , indeffen andere 
gleichen Alters auch auf diefe befcheidenen Kleidungsftücke ; 
verzichten. Das Ganze ift ein Bild patriarchalifcher Urfprüng- 
lichkeit und Unfchuld, dergleichen man in Europa nicht wieder 
finden dürfte. 

Und wenn man auf dem Wege einen murmelnden Bach 
erreicht und dort Raft hält von den Anftrengungen des Marfches 
— was könnte es wohl Schöneres geben, als fleh nun behaglich 
in der Hängematte zu fchaukeln und ins Grün der herrlichen 
Bäume zu blicken, glücklich und zufrieden, als ob man der Herr- 
gott felber wäre! Selbft wenn etwa ftrömender Regen hernieder- 
fällt und man müde und durchnäfst in irgend einer Ermita i 
angelangt ift — das Gefühl des Unangenehmen verwandelt fleh 
bald in wohliges Behagen, wenn man rafch in trockene Kleider 
gefchlüpft ift, einen warmen Trunk genommen hat und fleh der 
Ruhe hingeben kann, in ficherem Schutze des gaftlichen Daches, 
während draufsen die fchweren Tropfen in dem dichten Laub- 


21 


werke langfam von Blatt zu Blatt niederfallen, fo dafs der Wald 
noch trieft, nachdem der Regen fchon längft aufgehört hat. 

Während der Wanderung felbft aber erfreuen und entzücken 
immer und immer wieder die wechfelnden Bilder einer geftalten- 
reichen, lebensfreudigen Pflanzenwelt, und mit Wonne fchweift 
der Blick ins Weite über die niedrigen Bergketten im Norden 
und die gewaltige Ebene von Peten hin, bis er fich im Endlofen 
verliert, wenn etwa einmal der Wanderer an einem hochgelegenen 
Orte eine gelichtete Stelle erreicht. Immer und überall aber 
wirkt das Raufchen des Waldes, das ewige Grünen und Blühen 
der Pflanzenwelt, der Zauber einer jungfräulichen Natur, die 
Ruhe und Einfamkeit der gefammten Umgebung beftrickend auf 
das Gemüth, und mehr und mehr lernt man diefen Frieden der 
Wildnifs dem Stadtleben mit feinem Jagen und Treiben und 
feinem Gezanke vorziehen; was Wunder, wenn ich und mancher 
Andere hier zuweilen zur Seele fprach: »Hier ift gut fein, hier 
lafst uns Hütten bauen«. 


Aus einer mittelamerikanifchen Kleinftadt. 


Coban, den 6. April 1890. 

Nach einem längeren Aufenthalte in befchaulicher Einfam- 
keit war ich über Oftern nach der Stadt Coban gekommen und 
weilte in Chimax, der naheliegenden Befitzung meines Bruders, 
für einige Zeit zu Gail. Es war mir fall, als ob ich mich wieder 
in der Heimath befände, fo muthete mich die deutfche Sprache, 
der gemüthvolle vertrauliche Umgang mit den im Haufe wohnen- 
den Deutfchen, die europäifche Art und Lebensweife an, und in 
der That könnten wir hier gar leicht vergeffen , dafs ein Welt- 
meer uns von Deutfchland trennt, wenn nicht manche Eigen- 
thümlichkeiten des Lebens, insbefondere aber das Klima und die 
eingeborene Bevölkerung uns daran erinnerten, dafs wir in der 
Fremde weilen. 

Die Einrichtung des Wohnhaufes von Chimax ilt ganz euro- 
päifch und weicht nur in einigen unwefentlichen Punkten von der 
eines deutfchen Hauswefens ab. Trotzdem möchte ich einer 
deutfchen Hausfrau nicht rathen, einen Blick in die Gemächer 
zu thun, denn fie könnte fich in ihrem Ordnungsfinne fchwer 
beleidigt fühlen: es iffc eben eine Junggefellenwirthfchaft in des 
Wortes verwegenfter Bedeutung; es fehlt die forgfame Frauen- 
hand, welche die wild zerftreuten Gegenftände je an ihren Platz 
zurückbringen und felbft in die Myllerien des Comptoirs mit 
ihrem ordnenden Blicke eindringen würde; nur die Dienftboten 
pflegen hier der Unordnung einigermafsen zu Heuern, aber eben 
in ihrem Sinne, d. h. nicht etwa durch peinliches Aufräumen, 


23 


wie der pedantifche Europäer will, fondern viel einfacher und 
genialer durch Verminderung der Objecte, wodurch es natur- 
gemäfs auch leichter wird, Ordnung in Zimmern und Schränken 
zu halten; dafs fie fich nebenbei auf diefe Weife einen Ver- 
mögensvortheil verfchaffen, kommt hierbei natürlich nicht in 
Betracht und es wäre ebenfo verfehlt, den Dienftboten wegen 
diefes rein zufälligen Nebenumftandes einen Vorwurf über 'ihr 
Ordnungsfyftem machen zu wollen, als wenn man fie wegen des 
enormen Lebensmittelverbrauches in der Küche fchelten würde; 
denn, wenn ich auch nicht weifs, wie der ganz unglaubliche 
Confum auf natürlichem Wege erklärt werden könnte, fo bin ich 
doch optimiftifch genug, anzunehmen, dafs die Köchin in ihrer 
Handlungsweife nur von der guten Abficht beeinflufst werde, 
ihren Herren ftets frifche und darum befonders gute Speifen und 
Getränke vorzufetzen. Es ift merkwürdig, dafs letztere diefen 
guten Willen nie recht anerkennen; es fcheint fogar, als ob fie 
niemals Ordnung im Haufe haben wollten, denn fo fehr fich 
auch alle Bedienfteten bemühen, dem Endziele ihrer Philofophie, 
einer »abfoluten« Ordnung nahe zu kommen, es gelingt ihnen 
niemals, da ihre Herren mit unermüdlicher Geduld immer aufs 


Neue diefelben Objecte kaufen und fo der Thätigkeit ihrer 
Untergebenen ftets wieder entgegenarbeiten. Dies ift um fo 
auffallender, als mit aufserordentlicher Regelmäfsigkeit gerade 
die neugekauften Objecte alsbald wieder verfchwinden , während 
die alteren, namentlich die fchadhaften, allein ihrem Befitzer treu 
zu bleiben pflegen. Wegen diefes eben gefchilderten, mit wech- 
felndem Kriegsglücke geführten, ftillen Kampfes zwifchen Herren 
und Dienern, ift bis heute noch keine. rechte Ordnung im Haufe 
anzutreffen, und ich kann den Lefer nur einladen, mit mir in die 
Salac< für einige Minuten einzutreten, um fich zu überzeugen, 
afs in der That die Einrichtung eine europäifche ift. 

r vu w BeW ° hner von Chima x nicht einig find, ob das 
fpanifche Wort »sala« dem deutfchen »Saal« oder dem franzöfifch- 

deutfchen »Salon« entfpreche, fo will ich bemerken, dafs diefes 
Gemach das Befuchszimmer darftellt, bei feftlichen Gelegenheiten 

aber , um K j 0 ^ 1 auf ückt Das . ft ^ ^ 

belegt, auf dem runden Tifche, gegenüber dem Haupteingange 
hegen einige Bücher auf, rings um den Tifch ftehen ziemlfch 


— 24 — 

fymmetrifch Rohrfeffel und Schaukelftühle, an den Wänden fehen 
wir einige Schränke mit der Hausbibliothek und indianifchen 
Alterthümern; auch erblicken wir aufser etlichen ftets leeren 
Blumenvafen eine (englifche) Lampe, welche die merkwürdige 
Eigenfchaft befitzt, eine Menge Erdöl zu verbrennen, ohne Helle 
zu geben. Photographieen, hübfche Oeldruckbilder und ein grofser 
Spiegel fchmücken die Wände. In einer Ecke aber befindet 
fich ein Pianino, mit Notenheften iiberfäet; auch meine Geige 
hatte dort lange Zeit ihren Platz, bis ich fie zur Verbannung 
nach Deutfchland verurtheilt habe; auf der Fahrt über den 
Atlantifchen Ocean hatte fie mir noch manche angenehme Stunde 
bereitet, kaum aber war fie hier angekommen, fo entpuppte fie 
fich als ganz böfes Gefchöpf. Aus reiner Bosheit löfte fie ihren 
Hals vom Körper los und kaum war der Schaden geheilt, fo 
klaffte auch fchon der halbe Refonanzboden weg; in meiner 
Langmuth liefs ich auch diefes ausbeffern, aber nach einiger 
Zeit ftreikte wieder ein Wirbel, welcher fich durchaus nicht 
mehr drehen wollte, und lieber abbrach, als feinem Eigenfinne 
nachgab. Aergerlich legte ich das Inftrument bei Seite, und als 
ich nach Wochen wieder nachfah, hatte es bereits wieder den 
Hals verloren. Die Leute fagten, das feuchte Klima fei Schuld 
daran, ich aber weifs es beffer und bin überzeugt, dafs Jeder- 
mann nach den genannten Vorkommniffen mein Verdict wird 
billigen müffen. Auch das Pianino war früher ein fchlimmer 
Gefelle: viele Taften befafsen die Laune, keinen Ton von fich 
zu geben, wenn man fie anfchlug, es fei denn, dafs fie zuvor 
von der Sonne befchienen worden waren; wenn man alfo fpielen 
wollte, mufste man das Klaviercymbalum erft an die Sonne 
ftellen, und wenn fchlechtes Wetter war, konnte man eben nicht 
fpielen. Auch hier behaupteten die Leute, das feuchte Klima 
fei Schuld; dafs fie aber Unrecht hatten, erhellt fchon daraus, 
dafs an dem Inftrumente eine Infchrift in grofsen Lettern befagt, 
daffelbe fei für alle Klimate gebaut. Die vereinigte Arbeit 
zweier Klaviermacher hat das Inftrument übrigens wieder zur 
Vernunft zurückgebracht; die Zukunft wird lehren, auf wie 
lange ? 

Verlaffen wir das Zimmer, fo gelangen wir in eine an der 
ganzen Innenfeite des Haufes verlaufende Vorhalle, ähnlich den 


— 25 — 


Münchener Arcaden, jedoch nicht mit Rottmann’fchen Fresken 
und königlichen Diftichen, fondern höchftens mit aufgefchichteten 
Kaffeefäcken und einigen Thermometern gefchmückt. Den Raum 
zwifchen den beiden rechtwinkelig an einander ftofsenden Flügeln 
des Haufes nimmt der Ziergarten ein, von Heckenröschen um- 
rahmt; er wird zwar nur wenig gepflegt, aber immerhin wachfen 
Dank der gütigen Mutter Natur das ganze Jahr hindurch Blumen 
darin und mehr wird nicht verlangt. Der Gemüfegarten auf der 
anderen Seite des Haufes ift etwas verwahrloft, zwar gedeihen 
faft alle einjährigen Gewächfe, die man in einem deutfchen 
Gemüfegarten antreffen kann, zu jeder Jahreszeit vortrefflich, da 
aber die Köchin die Gemüfe nicht zuzubereiten verlieht, hat es 
natürlich wenig Reiz und Zweck, fie zu bauen und zu pflegen, 
es feien denn folche, welche keine befondere Zubereitung noth- 
wendig haben, wie die Rettige. Faft alle Arten von deutfchem 
Obft müffen wir hier entbehren, an ihre Stelle aber treten zahl- 
reiche tropifche und fubtropifche Früchte, mit deren Namen und 


Eigenfchaften ich mich hier nicht weiter befchäftigen will. 

Hintei dem Wohnhaufe befindet fleh der »Patio« , eine 
grofse , gemauerte und wohlgeglättete Tenne, auf welcher der 
enthüllte Kaffee an der Sonne getrocknet wird. Dem Wohn- 
haufe gegenüber lieht das Mafchinenhaus , in welchem man die 
Verarbeitung des Kaffees vornimmt. Hei ! wie rollen die Räder, 
wie jagen die Riemen, wie fchafft die Dampfmafchine hier den 
heben langen Tag. Und welches Leben herrfcht nicht dort 
auf der Strafse: Gröfsere und kleinere Gruppen von Indianern 
fchleppen keuchend die fchweren Kaffeefäcke herbei; fie 
kommen oft meilenweit von anderen Kaffeepflanzungen her. 
Und in langen Reihen warten die zweiräderigen Ochfen- 
arren, um den fertigen Kaffee nach dem Flufshafen Panzös 
hinunterzuführen - heute aber ift Alles ftill und ruhig- es ift 
ja Oftertag! 

Rings um die Häufer erblicken wir Kaffeepflanzungen in 
ihrem fatten freundlichen Grün und zahllofe Bananen fehen wir 
als Schattenfpender zwifchen die Kaffeebäume gepflanzt, und 
wenn wir nach der nahen Stadt wandern wollen, fo führt unfer 

wiede W K ff Um dU r h KaffeCpflanZUngen - Kaffee und immer 
wieder Kaffee in der Natur und im täglichen Gefpräche, im 


26 


Handel und Volkshaushalte! Wenn die Stadt Coban einmal in 
die Verfuchung käme, fich ein Wappen zu wählen, fo würde fie 
zweifellos einen Kaffeebaum in den Schild nehmen. 

Die Häufer und Hütten von Coban (1313 m) liegen male- 
rifch gruppirt und grofsentheils weit zerflreut auf dem Rücken 
und an den Hängen eines fanften Hügels, deffen Südfufs der 
Cobanflufs befpült. Die Gebäude find faft ausnahmslos einflöckig, 
was zur Gemüthlichkeit des Lebens erheblich beiträgt, da man 
fo nicht immer fürchten mufs, dafs eines der immerhin ziemlich 
häufigen Erdbeben das obere Stockwerk des Haufes gelegent- 
lich herunterwerfe. Die Stadt Coban zählte nach dem Cenfus 
von 1880 4900 Einwohner. Breite, meifl rechtwinkelig fich 
fchneidende Strafsen durchziehen den Ort; der Marktplatz, deffen 
Geftalt einem länglichen Reckteck nahe kommt, liegt auf dem 
Gipfel des Hügels. Dort ift der Mittelpunkt des Verkehrs. Zahl- 
reiche Indianerinnen hocken in ihrer hübfchen Tracht (blauem 
Rocke , weifsem , oft roth geflicktem Guipil und rothen Zopf- 
bändern) vor der Kirche auf der Erde und bieten dem Vorüber- 
gehenden, welcher fich miihfam zwifchen Menfchen und Körben 
hindurchwindet, ihre Schätze, die in Tortillas (Maiskuchen), Eiern, 
gemahlenem Kaffee, Cacaobohnen, fpanifchem Pfeffer u. dergl. 
beftehen, zum Verkaufe an. An demfelben Platze befinden fich 
auch Verkaufsbuden aller Art, darunter Filialen der beiden 
deutfchen Gefchäftshäufer in Coban. Da kann man alles kaufen, 
was das Herz des Indianers, des Mifchlings (Ladino) oder Weifsen 
wünfchen mag: Glasperlen und Kleiderfloffe , Bufchmeffer und 
Weingläfer, Sättel und Wolldecken, Hämmer und Leibwäfche, 
Küchengefchirr und Farben, landwirtschaftliche Geräthe und 
Schmuckfachen, Petroleum und Schnaps, Wein, Bier und Con- 
ferven, aufser vielen anderen Dingen, find hier zum Verkaufe 
ausgeftellt. Nur Meffer, Gabel und Löffel würde man zur 
Zeit vergeblich fuchen, denn als im December vergangenen 
Jahres der Präfident der Republik die Stadt Coban mit 
feinem Befuche beehrte, überkam die Ladinos urplötzlich ein 
wilder Civilifationseifer , der an Fanatismus grenzte. Die alt- 
hergebrachte Sitte, die Speifen mittelfl der Tortillas, und 
nöthigenfalls der Hand, zum Munde zu führen, erfchien ihnen 
plötzlich unpaffend für fie, die herrfchende Bevölkerungsclaiie 


- 27 — 


des Landes, und fo kauften fie denn binnen wenigen Tagen die 
gefammten Vorräthe an diefen Hülfswerkzeugen bis auf den 
letzten Ladenhüter auf. Ob fie fich heutzutage noch der 
modernen Hülfsmittel beim Effen bedienen, oder nach der 
Abreife des Präfidenten wieder zu ihrer patriarchalifchen Sitte 
zurückgekehrt find, weifs ich nicht, denn ich habe keinen Ver- 
kehr mit Ladinofamilien. Was follte ich auch dort fuchen? 
Geiftreiche Unterhaltung fände ich ficherlich nicht, die mufika- 
lifchen Genüffe, welche die Tochter des Kaufes etwa mit Hülfe 
eines verftimmten Klaviers einem bereiten möchte, find nicht 
immer verlockend, und zum Bewunderer mittelmäfsiger Schön- 
heiten, denen jeder geiftige und feelifche Hintergrund fehlt, ift 
auch nicht Jeder geeignet. Die böfe Welt behauptet zudem, 
dafs Charakterlofigkeit den Grundzug im Wefen des Ladino 


ausmachen würde, wenn er nicht durch Hafs und Neid gegen 
alle Fremden einen gewiffen Halt und eine ausgefprochene Rich- 
tung gewinnen würde. Ob die Welt wohl Recht hat mit diefer 
Behauptung? 

Doch kehren wir zur Befprechung des Marktplatzes und 
feiner Eigenthümlichkeiten zurück! Da ift einmal die Kirche zu 
erwähnen, deren weifsgetünchte Faffade im Sonnenfeheine fo 
blendend ift, dafs man unwillkürlich die Augen fchliefsen mufs. 
Die Kirche ift fehr grofs und enthält zahlreiche, wenig gefchmack- 
V °H verzierte Altäre, vor denen man fromme Ladinos oder 
Indianerinnen knieend antreffen kann. An die Kirche fchliefst 
fich das Convento an, deffen grofser Saal bei Feftlichkeiten die 
tanzluftige Gefellfchaft von Coban vereinigt fieht. Darauf folgen 
m einftöckigen Gebäulichkeiten die Amtslocale der verfchiedenen 
e orden Gerichts- und Verwaltungskanzleien, Poft, Telegraph 

ei ” hÜbfdleS Thor mit der höchft launen- 
haften Stadtuhr fchhefst die Plaza ab. Die Hauptzierde derfelben 

w,e der ganzen Stadt, wird aber zweifellos einmal der grofsartig 
angelegte, mehrftöckige Regierungspalaft werden, welcher feit 
Jah en unvollendet und ohne Dach datand, an deffen Fertig. 

* 7 " * 5 " ebe ” jetzt emalitI ’ denkt. Man hat zu diefem 

.wecke eine Steuer von monatlich 1 Real (etwa 40 Pfe ) für 

£ Jahren"' f , BeW K° hner dCS De P artem e n ts zwifehen i°8 und 
6c Jahren ausgefchneben; ich fürchte aber, dafs es Schwierig- 


28 


keiten bei der Eintreibung diefer Steuer geben wird, da die 
Indianer zu allermeift nicht wiffen, wie alt fie find; im Uebrigen 
werden die Indianer fich zweifellos gefchmeichelt fühlen , bei 
diefer Gelegenheit fich voll und ganz als Staatsbürger betrachtet 
zu fehen: in einer Republik mufs ja jeder Bürger dem anderen 
gleichgeftellt fein, und es ift gewifs ein fchöner Zug von Billig- 
keit, wenn der Indianer, welcher im Monate durchfchnittlich etwa 
1 V 2 Pefos ( 1 2 Reales) einnimmt, auf gleiche Stufe geftellt wird 
mit den beffer fituirten Landesbewohnern, die ein monatliches 
Einkommen von mehreren Hundert Thalern haben! O, es find 
vortreffliche Einrichtungen und Grundfätze in einem republika- 
nifchen Staate wie Guatemala, und da ich ebenfo begeifhert für 
die hiefigen Zuftände bin, fo will ich, um nicht aus der Rolle 
zu fallen, unterlaffen, zu berechnen, wie viele Procente von den 
durch obige Steuer aufgebrachten Geldern wohl für den Palaft 
verwendet werden , und wie viele davon unterwegs verloren 
gehen dürften. 

In den Arcaden der öffentlichen Gebäude, welche den Markt- 
platz umgeben, fieht man zu gewiffen Zeiten die militärifche 
Welt: ftolze Officiere mit rothen Hofen und eleganten Lack- 
ftiefeln, und gemeine Soldaten in ihren einfachen, aber nicht 
unfchönen Uniformen, barfufs oder mit Sandalen angethan. Ueber 
die militärifchen Eigenfchaften diefer Männer zu urtheilen, ift 
mir als Nichtfachmann natürlich nicht möglich, und über ihre 
gefellfchaftliche Stellung bin ich mir auch nicht recht klar 
geworden, um fo weniger, als ich nicht die Ehre habe, in ihrem 
Kreife zu verkehren. Ich will an diefer Stelle nicht den 
Gerüchten Raum geben, welche die böfe Welt in Umlauf fetzt; 
von Intereffe für weitere Kreife dürfte höchftens fein, zu erfahren, 
dafs Jemand einen Officier auf Wache, im vollen Glanze feiner 
Uniform, feinem Gewerbe als Schneider huldigen fah, was ich, 
fofern es fich nicht um eine optifche Täufchung handelt, übrigens 
als ein gutes Mittel anerkennen mufs, die Langeweile zu ver- 
treiben. Minder freudig begrüfste ich die Nachricht, dafs der 
edle Mann, welcher fich’s zur Lebensaufgabe gemacht hatte, 
feinen Mitmenfchen, darunter auch mir, Schuhwerk zu erzeugen 
und auszubeffern, plötzlich anderen Sinnes wurde und fich zum 
Hauptmann machen liefs! 


— 29 — 

Eine ganz angenehme Abwechfelung im Alltagsleben bilden 
die Vorträge der Militärmufik, welche mehrmals wöchentlich auf 
dem Marktplatze oder in einem öffentlichen Gärtchen vor dem 
Stadtthore abgehalten werden. Darf man an die Leiftungen 
derfelben auch durchaus keine hohen Anforderungen ftellen , fo 
find fie doch in Anbetracht des Bildungsgrades ihrer Mitglieder 
nicht ganz zu verachten. Angenehmere und reizvollere Anregung 
gewähren die Unterhaltungen und Gefellfchaften, welche in den. 
deutfchen Familien oder im Deutfchen Club ftattfinden, und ich 
kann es mir nicht vertagen, den Lefer noch für einige Zeit 
nach dem Vereinslocale einzuladen, welches für die Deutfchen 
Cobans immerhin von Bedeutung ift. Man miifste in gänzlicher 
Unkenntnifs unteres Nationalcharakters befangen fein, wenn man 
annehmen wollte, dafs fämmtliche hier anfäffigen Deutfchen 
diefem Vereine angehören würden, denn Einigkeit ift noch nie- 
mals untere ftarke Seite gewefen. Immerhin aber hat fich der 
weitaus gröfsere Theil der hiefigen Deutfchen in diefem Club 
zufammengefunden und fich fo einen gefellfchaftlichen Mittel- 
punkt gefchafifen. Der Verfammlungsort ift ein einfaches Gebäude 
(Eigenthum des Vereins) im Inneren der Stadt, eine Anzahl 
deutfcher Zeitungen und Zeitfchriften liegen hier zum Lefen 
auf, ein Billard bietet manche angenehme Unterhaltung und die 
Kegelbahn verfammelt des Oefteren eine gröfsere Zahl von 
Mitgliedern zu gemeinfamem Spiele; unentwegt aber fitzen faft 
ftets etliche Herren Stunde um Stunde beim unvermeidlichen 
Skat. Die Fechtgeräthe (Schläger und Säbel), welche an den 
weifsgetünchten Wänden hängen, dienen nicht blofs zur Zierde, 
fondern auch zur Uebung, und auch Gambrinus, deffen buntes 
Conterfei neben patriotifchen Bildniffen und Emblemen die 
Wände fchmuckt, ladet nicht vergebens zum Trünke ein, 
obgleich der edle Gerftenfaft hier ziemlich koftfpielig ift (die 
Flafche Hackerbier koftet fechs Reales, d. h. etwa 2Mk. 4oPfo-.). 
Bei F efthchkeiten pflegen fleh fämmtliche anwefenden Mitglieder 
des Clubs und etwa noch einige befreundete Gälte zu löblichem 
hun zu verfammeln , und nach echter deutfcher Weife mit 
e ang Geplauder und gelegentlichen mufikalifchen oder 
poeti chen Vorträgen fleh zu vergnügen , wobei das Trinken 
natürlich nicht vergeffen wird und das erquickende Nafs in 


— 30 — 

Gefafsen verfchiedener Gröfse, vom kleinen Viertelliter-Gläschen 
bis zum echten Münchener Mafskruge , in erheblicher Menge 
zum Munde geführt wird, was das Staunen etwa anwefender 
Landesangehöriger und der durchs Fenfter zufchauenden Indianer 
in hohem Grade erweckt. 

Man fieht, der Deutfche lebt hier recht behaglich in dem 
fremden Lande, und dies zu zeigen, war der Zweck diefer 
Zeilen. 


Am See von Yzabal, Guatemala*). 


Mit herzlicher Freude begrüfste ich das prachtvolle Land- 
fchaftsbild, welches fich bei einer plötzlichen Biegung des wal- 
digen Gebirgsweges darbot, als ich am 29. October 1890 von 
Trece Aguas mit drei indianifchen Laftträgern nach Panzös 
wanderte. Zu meinen Füfsen lag das weite, waldbedeckte Polochic- 
Thal mit dem kleinen See von Zarco, zu beiden Seiten fchön- 
geformte Bergketten, deren fanft gefchwungene Kammlinien fich 
am Horizonte abhoben, während da und dort ein kühngeftalteter 
Felfenkopf aus dem dämmernden Frühnebel energifch empor- 
ftieg; den Mittelpunkt des grofsartigen Ausblickes nimmt der 
grofse See von Yzabal (Golfo dulce) ein, welcher fich, von 
Bergen umkränzt, am Ende der Thalebene weithin ausdehnt 
Schon Iängrt hatte ich den Wunfch gehegt, die Lagune von 
Yzabal, den einzigen gröfseren See von Mittel-Guatemala, einmal 
naher kennen zu lernen, und benutzte daher eine günftige Ver- 
anlagung mit Freuden, um diefen Vorfatz auszuführen. 

V l !7 -n an l ÖS 1(1 der Weg redlt gUt Und be< l uem 1 von da ’»ch 
zabal ift aber der Pfad minder angenehm zu nennen, da er 

Menwe'fe aufserordentlich fchmutzig ift, häufig durch Flüffe 

und kleine Sumpfe fchwer gangbar und vielfach durch geftürzte 

Der Ha 7 me , T T Überwuche ™de Vegetation gefperrt wird, 
immerhin' der Thaleben 7 un<i ift^fehr 1 eI 7 nü 0 W^^ 7 chtungen 


•) cf. De A. Petermann’s Mi t ,hei lu „ g , n , . 8 , Bd; ^ g ^ _ 


— 32 — 

Papageies die Stille des Waldes, aber nur feiten begegnet man 
einem gröfseren Thiere am Wege, und meine activen Jagdaben- 
teuer auf diefem Marfche befchränkten fich darauf, dafs ich die 
Spuren des Jaguars und Tapirs antraf, einige Schlangen fah und 
auf ein paar Affen fchofs. So fchwach übrigens die höhere 
Thierwelt in der Polochic -Ebene vertreten zu fein fcheint (ich 
könnte hier noch die zahlreichen Alligatoren erwähnen, von 
welchen man auf der Flufsfahrt gewöhnlich etliche zu fehen 
bekommt), defto zahlreicher ift die kleine Thierwelt vorhanden 
und defto zahlreicher waren auch meine paffiven Jagdabenteuer, 
wurde ich ja doch auf diefem Wege von einem Scorpion , zwei 
Madenfliegen, fünfzehn Niguas (Erdflöhen), etlichen Garrapates 
(Zecken) und zahllofen Mosquitos geftochen und gebiffen, fo dafs 
ich — in Ermangelung eines Mosquitonetzes — nur feiten ruhigen 
Schlaf finden konnte. Trotz alledem aber ift diefe Reife eine 
Quelle vielfachen Genuffes : von fchönen Landfchaftsbildern ift 
zwar wenig zu sehen, da man den Wald nur feiten verläfst; 
dagegen bietet der Wald felbft durch die abwechfelungsreichen 
Gruppirungen der verfchiedenen Vegetationsbilder und die Pracht 
und die Schönheit der einzelnen Gewächfe ftets neue Gelegen- 
heit, die Bewunderung des Wanderers zu erregen. Und in der 
That, was ift ein Palmengarten Europas für ein armfeliges Ding 
gegenüber diefen natürlichen Palmenhainen, welche hier den 
Wald durchfetzen! Vor allem lenkt hier die kräftige Corozo- 
Palme, deren io bis 12 m lange, fiederförmige Blätter fleh hoch 
über einer Unzahl kleiner Palmen wölben, ftets aufs Neue die 
Aufmerkfamkeit auf fleh. Dazu kommt die majeftätifche Stille 
unter diefem herrlichen Blätterdome, welche nur durch das 
laufchige Raufchen des Windes und gelegentliche Thierrufe 
unterbrochen wird. Die menfchenleere Einfamkeit und die tiefe 
Ruhe des Urwaldes üben einen nachhaltigen und mächtigen Ein- 
druck auf das Gemüth des Wanderers aus, und erfüllen es mit 
einer Art von heiliger Ehrfurcht, fo dafs man fleh fchliefslich 
fcheut, die erhabene Natur durch Gefang oder lautes Rufen in 
ihrem träumerifchen Schlafe zu ftören. 

Tag um Tag gingen wir unferes Weges; immer wilder wurde 
die Umgebung, in ermüdendem Zickzack führte der Pfad 
zwifchen verfumpften Stellen hindurch, fo dafs wir endlich furch- 


- 33 — 


teten, uns im Walde verirrt zu haben. Ganz unvermuthet aber 
öffnete fich (gegen Abend des 3. November) vor uns eine von 
hohem Gras und Bufchwerk bewachfene Lichtung, welche fich 
durch einige zerbrochene Holzkreuze und etliche frifche Gräber 
als ein Kirchhof erwies; gleichzeitig drang durch die Stille des 
öden Ortes das leife Raufchen des nahen Sees herüber, und 
bald Randen wir am Ufer deffelben in dem kleinen Indianerdorfe 
Chapin (etwa 15 m über dem Meere). DüRere Nebel lagerten 
über der weiten Wafferfläche, fo dafs das jenfeitige Ufer ver- 
borgen blieb, heftiger Nordwind jagte den leichten Landregen 
dahin und mit mächtigem Braufen brachen fich die anfehnlichen, 
mit trübem Schlamme erfüllten Wellen am Ufer des Sees; es 
war einer jener NordRürme, welche den See ziemlich häufig 
heimfuchen und kleineren Fahrzeugen leicht gefährlich werden. 

Ich fand leider nicht die Mufse, den grofsartigen Anblick in 
feiner ganzen Schönheit auszukoRen , denn vor Allem galt es, 
für Unterkunft zu forgen. Da das Amtszimmer des Rathhaufes 
von einer durchziehenden Militärpatrouille in Befchlag genommen 
war und der einzige noch übrige gedeckte Raum — das Gefäng- 
mfs — felbR meinen fehr befcheidenen Anfpriichen nicht genügte, 
fo mufste ich bei den Indianern des Dorfes Quartier Richen, und 
es gelang mir auch endlich, in der Hütte eines Eingeborenen 
freundliche Aufnahme zu finden. Am anderen Tage hatte fich 
das Unwetter gelegt, der Himmel war faft wolkenlos, und freund- 
lich lächelte die aufgehende Sonne über den gewaltigen See hin, 
feine weifsglänzenden Wogen in einem lichtvioletten Tone badend; 
die Luft war klar und durchfichtig und bot dem entzückten 
Auge alle Reize des herrlichen Landfchaftsbildes in voller Schön- 


Die Beleuchtung und Ausdehnung des Wafferfpiegels , die 
Geftaltung der Ufer und der benachbarten Bodenformen erinnern 
m mancher Hinficht an den Bodenfee. Jenfeits des etwa 20 km 

dlTr T gdS raBe '’ anfelmliche Bergketten empor; rechts 
dehnt fich der See weithin aus. während links das breite Delta 

ft eckt r C , V U f "" hinei " ra ^ hinter denselben 

ftreckt fich die bre.te 1 haiebene deffelben Fluffes hin, zu beiden 

tn ZZT T 7 7 Chtigen Gebir S ste ten. deren Ausläufer 

s mann ' 8 , fa er Farbenabt «nung couliffenförmig in die Fbene 
Supper, Das nördliche Mittelamerika. uieiioenc 


3 


— 34 — 

vorfpringen. Es ift nicht zu läugnen, dafs diefes landfchaftliche 
Bild in mancher Hinficht Aehnlichkeit mit dem Blicke von Lindau 
oder Bregenz befitzt. Bald aber drängen fich auch die bezeich- 
nenden Unterfchiede auf: es fehlt hier der reizende Wechfel von 
Wald und Matten, Fels und Schnee; ein einförmiges Waldkleid 
bedeckt hier Fufs und Haupt der Berge, und die wenigen Stellen, 
wo der nackte Fels, der Ueppigkeit der tropifchen Vegetation 
trotzend, zu Tage tritt, kommen kaum zur Geltung inmitten des 
alles beherrfchenden Waldes. An Höhe und Energie der Nei- 
gungsverhältniffe find diefe Gebirge dem Bregenzer Walde oder 
Alpftein zwar ebenbürtig, allein es fehlen hier die fcharf hervor- 
tretenden eigenartigen Berggeftalten, welche, wie dort der Sentis 
und Altmann, als ein Wahrzeichen der gefammten Landfchaft 
dienen könnten. Nur feiten ragen auch hier Bergeshäupter her- 
vor, welchen eine gewiffe Selbftändigkeit in Form und Lage 
zukommt, zumeift aber Feigen die Kämme in faft geraden Linien 
fanft auf und ab, fo dafs die Gebirge, von vorn gefehen, faft 
langweilig zu nennen find, während fie, von der Seite gefehen, 
an Grofsartigkeit der Verhältniffe und Schönheit der ftraffen 
Profilzeichnung in den Alpen ihresgleichen fuchen und den gewifs 
fchönen Gebirgen , welche das obere Rheinthal begrenzen , in 
diefer Hinficht überlegen find. Das ift nun zwar Gefchmacks- 
fache und es liefse fich wohl dagegen ftreiten; mir perfönlich 
aber kam es eben fo vor, und ich war fo gefeffelt von der 
Schönheit des Gefammtbildes, dafs ich mich nur fchwer von dem 
reizenden Punkte trennen konnte, um meine Reife fortzufetzen. 

Nachdem wir mehrere Stunden im Schatten des Waldes 
gewandert, erreichten wir das Ufer des Sees wieder, um dem- 
felben nunmehr bis Yzabal zu folgen. Ein hoher Genufs für 
Plerz und Auge ift diefe Wanderung dem Geftade entlang, 
an welchem die leichten Wellen des Sees fpielen und zu dem 
vom fernen anderen Ufer die waldbedeckten Berge herüber- 
fchauen, und ganz in Gedanken verfunken fchweifte meine Seele 
wieder nach dem heimathlichen Bodenfee zurück. Aber wie fo 
ganz anders ift es hier ! Kein Glockengeläute, kein Liederfang 
erklingt hier, wenn die fcheidende Sonne den Spiegel des Sees 
vergoldet, kein Schiff belebt die weite Waflerfläche; nur die 
ruheiofen Cikaden fingen ihr Lied und der Abendwind treibt 


- 35 - 

fein heiteres Spiel mit den unermüdlichen Wogen. Das Auge, 
das nach dem jenfeitigen Ufer hinüberfpäht, vermag keine mensch- 
liche Wohnung, kein Fleckchen urbaren Landes, keine Lichtung 
zu entdecken; der Wald bedeckt und beherrfcht Ufer und Hang 
und Berg und Thal als menfchenscheuer Tyrann, — ein fchwer 
zu überwindender Feind der Cultur. 

Gewöhnt an die Einfamkeit diefer Wäldernatur, empfand 
ich es fafl als eine Störung, wenn wir auf unferem Wege am 
Stidufer des Sees dann und wann eine Lichtung und eine menfch- 
liche Wohnftätte trafen; die fchlecht geblafenen Signale und das 
brutale Trommelgeraffel der kleinen Garnifon von Yzabal (wo 
wir am 4. November mit Einbruch der Nacht eintrafen) belei- 
digten mein Ohr in empörender Weife. Im Uebrigen aber ift 
Yzabal ein gar ftiller Ort; Gras und fenfible Mimofen wachfen 
auf den breiten, geradlinigen Strafsen, und auch die weit in den 
See hinausgebauten Landungsftege liegen meift öde und ver- 
laffen , denn der ganze Schiffsverkehr befchränkt fich auf eine 
wöchentlich dreimalige Dampferverbindung mit Livingfton und 
gelegentliche Fahrten mit Ruder- oder Segelbooten von und 
nach den wenigen Anfiedelungen am Ufer des Sees; die Dampf- 
fchifffahrt auf dem Polochic nach dem Flufshafen Panzös, dem 
Stapelplatze für die Alta V erapaz , ift ziemlich unregelmäfsig ; 
dei Waarenverkehr auf dem von Yzabal ins Innere abgehenden 
Saumwege ift fehr ftark zurückgegangen und faft ganz auf den 
Localbedarf des unmittelbaren Hinterlandes befchränkt. Die 
Gelände zu den Seiten des Sees würden fich vorzüglich für 
mannigfache Zweige tropifcher Agricultur, wie auch für Vieh- 
zucht eignen. Der (etwa 50 km lange, 20 km breite) See ift zwar 
fe.cht und entbehrt guter Häfen; da er aber den Austaufch 
von Producten unter den Küftenorten fehr erleichtern müfste 
und zudem mit dem Meere durch den fchiffbaren Rio dulce in 
directer Verbindung fteht, während der Polochic eine gute 
Strecke weit fchiffbar bleibt, fo wäre er einer grofsartigen Ent- 
w.ckelung der Landwirthfchaft (wie des Handels) in hohem Grade 
erderhch. Dafs trotz diefer günftigen Verhältniffe Ackerbau 
und Viehzucht keinen Auffchwung nehmen konnten, ift die 

aUS fChWaChe " BefieddU '^ » 

3 * 


- 36 - 

Ob die Ufer des Sees in früherer Zeit ebenfo einfam und 
fchwach bevölkert waren wie heutzutage, ift eine Frage von 
hohem Intereffe, für welche der Bericht von Ferdinand Cortes 
an Kaifer Karl V. vom 3. September 1526*) wichtige Anhalts- 
punkte giebt. Cortes hatte in Nito erfahren, dafs unmittelbar 
nach der Ankunft des Gil Gonzales, des Gründers von Nito, 
eine Expedition den Flufs hinaufgegangen fei und zwei grofse 
Süfswafferfeen angetroffen habe, in deren Umgebung fich viele 
Dörfer befänden; die Spanier feien auch eine Strecke weit den 
Polochic hinaufgefahren, aber von den Indianern gefchlagen und 
zur Rückkehr gezwungen worden. Um Lebensmittel für die von 
Hungersnoth bedrängte Anfiedelung Nito zu bekommen, unter- 
nahm Cortes auf diefe Nachricht hin eine Expedition nach den 
genannten Gegenden; er fchififte fich mit 40 Spaniern und 50mexi- 
kanifchen Indianern in einer Brigg, zwei Barken und vier Canoes 
(Einbäumen) ein und fuhr den Rio dulce hinauf, eine Fahrt, die 
er felbft in folgender Weife befchreibt (a. a. O., S. /|/|/| f): 

»Ich verfolgte meinen Weg den Flufs aufwärts mit grofser 
Mühe wegen der fehr ftarken Strömung und erreichte in zwei 
Nächten und einem Tage den erlfen der zwei Golfe, welche fich 
oben bilden , 3 Leguas **) vom Orte meiner Abfahrt entfernt. 
Diefer Golf (heutzutage Golfete) mag 12 Leguas im Umfange 
meffen, und an demfelben giebt es keine einzige Anfiedelung, 
weil er ringsum ganz überfchwemmt ift. Ich fuhr einen Tag 
lang auf diefem See, bis ich wieder an eine Verengung kam, 
die der Flufs bildet. Ich lief in diefelbe ein und erreichte am 
anderen Tage Morgens den zweiten Golf, welcher als das fchönfte 
Ding der Welt anzufehen war (que era la cosa mas hermosa del 
mundo de ver); er ift von folgender Befchafifenheit : zwifchen den 
rauheften und fchroffften Bergketten, die es geben kann, befand 
fich ein Meer, fo grofs, dafs es in feinem Umfange und Umkreife 
mehr als 30 Leguas mifst; ich legelte dem einen Ufer entlang, 
bis endlich, als es fchon beinahe Nacht wurde, der Eingang eines 
Weges gefunden wurde; nach etwa ä / 3 Legua gelangte ich in 
ein Dorf, wo ich, wie es fchien, bemerkt worden war, denn es 

'*) P. de Gayangos, Cartas y relaciones de Hernan Cort6s al Eniperador 
Carlos V. Paris 1866. 

**) 1 Legua = 4 km. 


— 37 — 

war ganz verlaßen und leer. Im Felde fanden wir viel grünen 
Mais; fobald wir jene Nacht und am nächften Morgen gegeffen 
hatten, nahmen wir, bemerkend, dafs wir uns hier nicht mit dem 
gefuchten Proviant verfehen konnten, etwas von dem grünen 
Mais zum Effen mit und kehrten zu den Barken zurück, ohne 
Leute von den Eingeborenen des Landes zu begegnen oder zu 
fehen. Nachdem wir uns eingefchifft hatten, fegelte ich zur 
anderen Seite des Golfes hinüber; wir hatten unterwegs ein wenig 
ftiirmifches Wetter, fo dafs wir nur mit Mühe übei fetzten und 
ein Einbaum verloren wurde; die Leute erhielten Hülfe mit einer 
Barke, fo dafs nur ein Indianer ertrank. Wir erreichten das 
Land fehr fpät, kurz vor Einbruch der Nacht, und konnten bis 
zum nächften Morgen nicht ausft eigen; dann fuhren wir mit den 
Barken und Einbäumen ein kleines Flüfschen hinauf, das hier 
mündete; während die Brigg im Golfe aufserhalb des erwähnten 
Flüfschens blieb, traf ich einen Weg an und brach auf dem- 
felben mit 30 Leuten und allen Indianern auf; die Barken und 
Canoes liefs ich zur Brigg zurückgehen. Ich folgte jenem Wege 
und ftiefs l / i Legua von meinem Landungsplätze entfernt auf ein 
Dorf, welches, wie es fchien, feit langer Zeit verlaßen war, denn 
die Häufer waren alle voll von Unkraut.« 

Man erfieht aus diefer Schilderung, dafs die Umgebung des 
Sees zu jener Zeit fchon recht einfam war und nicht mehr die 
zahlreichen Dörfer aufwies, welche die Spanier bei ihrer erften 
Expedition in diefer Gegend angetroffen haben follen; es ift 
möglich, dafs die Indianer fich aus Furcht vor den Spaniern in 
Nito mehr ins Innere des Landes zurückzogen, was Cortes felbft 
in feinem Berichte (a. a. O., S. 438) *als Grund für die Entvölke- 
rung des Dorfes Taniha anführt. Die unmittelbaren Ufer des 
Golfo dulce fcheinen damals ganz unbewohnt gewefen zu fein, 
während fte heutzutage wenigftens dürftig befiedelt find. Uebri- 
gens traf Cortes auch auf feinem Weitermarfche, das Polochicthal 
hinauf, verhältnifsmäfsig wenige Anfiedelungen und fand erft in 
dem grofsen Dorfe Chacujal, in welches er nicht ohne Kampf 
eindrang, Lebensmittel in Menge vor, welche er dann auf grofsen 
Flöfsen, unter mannigfachen Gefahren den Polochic hinunter- 
fahrend, nach feiner Brigg brachte; da aber der Mais auf jener 
Fahrt grofsentheils nafs geworden war, erntete er bei dem zuerft 


— 38 — 

erwähnten Dörfchen am See die (inzwifchen ausgereiften) Mais- 
felder ab und kehrte nach Nito zurück. Die ganze Reife hatte 
Cortes zur Zeit des hohen Wafferftandes der Flüffe gemacht, 
wodurch die ohnehin befchwerliche Wanderung noch mühfamer 
wurde. Wer nicht felbft in dergleichen Ländern und Wald- 
regionen gewandert ift, unterfchätzt nur allzu leicht die Strapazen 
und Mühfeligkeiten , denen die Spanier bei diefen Zügen aus- 
gefetzt waren; man kann ihrer Energie und Ausdauer die leb- 
haftefte Bewunderung nicht verfagen. 

Leider ift der Bericht in geographifcher Hinficht nicht fehr 
deutlich und aufser dem Polochic kein Flufsname erwähnt; fo 
viel aber fcheint aufser Zweifel zu fein, dafs Cortes füdlich vom 
Polochic das Thal hinauf wanderte; denn wenn er nördlich von 
jenem Fluffe gegangen wäre, fo hätte er (12 Leguas vom See 
entfernt) den ftarken Rio de Cajabon erreicht, den man — befon- 
ders in der Regenzeit — nur mit Booten überfchreiten kann und 
der daher ficherlich von ihm erwähnt worden wäre. Es ift nun 
fehr wahrfcheinlich , dafs Cortes beim Eintritte in den See von 
Yzabal deffen Nordufer folgte und — gleiche Fahrgefchwindig- 
keit wie im Golfete vorausgefetzt — etwa zwifchen Sta. Cruz 
und El Sauce das erfte Dörfchen traf; er fetzte darauf über den 
See und dürfte in einem Flüfschen bei Yzabal oder Las Canas 
eingelaufen fein. Verfolge ich von hier aus den Weg, den ich 
felbft foeben gekommen bin und der mit dem von Cortes 
begangenen im grofsen Ganzen übereinftimmen dürfte, zurück, 
fo finde ich unter Benutzung der von Cortes gegebenen Entfer- 
nungen, dafs der Flufs, den jener am Morgen des zweiten Marfch- 
tages überfchritt, der Matilfcuate fein mufste, welcher in mehrere 
Arme gefpalten in die Bucht von Chapin mündet. Das nächfte 
Dorf, welches Cortes traf und in der Morgenfrühe, als die Bewohner 
nach einer Feftfeier im Schlafe lagen, überrumpelte, dürfte in 
der Gegend des|heutigen Machaquilä liegen, wo, beiläufig gefagt, 
die Mosquitoplage, von der Cortes hier ausdrücklich fpricht, 
fchlimmer ift als an jedem anderen Punkte des Polochicthaies; 
der Flufs, welchen die Spanier in der Nähe von Chacujal nur 
mit Mühe zu überfchreiten vermochten, müfste demnach der Rio 
Tinaja fein und Chacujal felbft zwifchen diefem und dem Fluffe 
Pueblo viejo gelegen haben, eine Gegend, wo in den Wäldern 


— 39 — 

in der That noch Ruinen und Grabhügel vorhanden fein füllen*). 
Sehr bemerkenswert^ ift, dafs Cortes, welcher fich noch am See 
von Yzabal mit Hülfe feiner mexikanifchen Indianer (Mayas) mit 
den Eingeborenen verftändlich machen konnte, dort eine andere 
Sprache vorfand (wahrfcheinlich Poconchi). Sehr bemerkenswerth 
ift auch die Kunde, dafs das Land zu beiden Seiten des Polochic 
reich bevölkert und wohl bebaut war, während die Spanier auf dem 
Landwege nur wenige Niederlaffungen antrafen. Die Bevölkerung 
hätte fich demnach in jener Zeit hauptfächlich in der Nähe des 
Polochic concentrirt , während die Ufer des Fluffes heutzutage 
noch einfamer find als die. Geftade des Golfo dulce. 

Die einftige Graufamkeit der Spanier (wie auch die frevel- 
haften Menfchenraubziige cubanifcher Coloniften, denen Dr. Stoll 
wohl mit Recht die Hauptfchuld an der Entvölkerung jener 
Gegenden zufchreibt) laften wie ein fchwerer Fluch auf den 


fruchtbaren Geländen und hemmen ihre wirthfchaftliche Ent- 
wickelung. Ob diefelbe einer fpäteren Zukunft Vorbehalten 
bleibt und jene Gegenden wieder neu befiedelt und dicht bevöl- 
kert werden, ift eine fchwer zu beantwortende Frage; ich glaube 
fall, dafs man fie verneinen mufs, denn die Malariafieber würden 
die Zahl etwaiger Einwanderer, welche fich bei ftrenger Arbeit 
im Freien allen Unbilden des Klimas ausfetzten, rafch verringern- 
nur Abkömmlinge der afrikanifchen Raffe fcheinen fich hier wohl 
zu fühlen, zur Zeit aber find fie in viel zu geringer Anzahl vor- 
lanclen, um eine gedeihliche Entwickelung der Landwirthfchaft 
zu ermöghchen. Ich glaube daher nicht, dafs jemals blühende 
Stad e und reiche Pflanzungen am Ufer des Sees von Yzabal 
erftehen werden; in befchaulicher Stille und Einfamkeit werden 
feine Geftade wohl auch in fpäteren Jahrzehnten verharren, und 
landfchaf liehe Schönheit ift vielleicht der einzige Ruhm, der dem 

Ruhm 1 abe” Tu ^ ^ Zukommen wird'. Diefen 

Ruhm aber wird ihm wohl Niemand beftreiten wollen, welcher 

das Ta geft j hen hat > und gerade die idyllifche Einfamkeit und 

ruht übTTT C we ‘g en > das über der ganzen Landfchaft 
ruht, üben einen beftnekenden Zauber auf den Europäer aus, 


*) J°f^ Milla fpricht in feiner HifWio a t a , 

,879) dief " b ' w-h 


(Guatemala 

anzuführen. 


— 40 — 

und wenn manche klimatifche Unannehmlichkeiten nicht wären, 
fo könnte man wahrhaftig hier im Anblicke des blauen Sees und 
der ewig grünen Wälder feine Tage verträumen und der Heim- 
kehr vergeffen. 

Auch die Umgebungen des Sees find reich an landfchaft- 
licher Schönheit und weifen manche befuchenswerthe Punkte auf. 
So find die nahegelegenen altindianifchen Ruinen von Quiriguä 
mit ihren von hoch entwickeltem Kunftfinne und vorgefchrittener 
Technik zeugenden Steindenkmälern ein Ort von hervorragendem 
Intereffe; die nahen Hügel (fowie auch der Reitweg nach Quiriguä) 
bieten herrliche Ausficht auf den See und feine Umgebung, und 
die Fahrt auf dem Rio dulce übertrifft, was die landfchaftliche 
Schönheit der Ufer und die Pracht der Vegetation anlangt, felbft 
die kühnften Erwartungen. So geftaltet fich denn ein längerer 
Aufenthalt in Yzabal und Umgebung unter günftigen Witter ungs- 
verhältniffen zu einem höchft genufsreichen, und die Tage, welche 
ich hier verlebt, werden zweifellos zu meinen fchönften Erinne- 
rungen zählen. 


Eine Ofterreife zum Meerbufen von Amatique *). 


Um die Ofterzeit in Gottes fchöne Natur hinauszuwandern, 
ift mir wie vielen Anderen in der deutfchen Heimath zur lieben 
Gewohnheit geworden, und da ich im fremden Lande diefe 
Gepflogenheit nicht laffen wollte, befchlofs ich auch vorm Jahr, 
eine Ofterreife zu machen. Das ift hier zu Lande nun freilich 
ein ander Ding als in Deutfchland, wo man nur zur beftimmten 
Tageszeit an den Bahnhof zu gehen und einen Fahrfchein zu 
löfen biaucht, um innerhalb weniger Stunden auf bequeme und 
billige Weife meilenweit fortgeführt zu werden; am Beftimmungs- 
orte angelangt, brummt man wo möglich noch über die Lang- 
famkeit der Beförderungsmittel und ift durch die gebotenen 
Speifen und Getränke kaum zufrieden zu Hellen. Wer dagegen 
in einem halbcivilifirten und ftellenweife fchwach bevölkerten 
Lande, wie Guatemala, reifen will und fleh nicht auf die aller- 
gebräuchlichften Verkehrsftrafsen befchränken mag, den führt 
fein Weg ftellenweife durch die Wildnifs, und demgemäfs müffen 
auch die Vorbereitungen zur Reife, fowie die Art derfelben ver- 
fehlen fein von unterer heimatlichen Weife, denn es gilt, 
Alles bei fleh zu haben, was man für den Lebensunterhalt und 
die Unterkunft für notwendig hält. Da die Wege in der Wild- 
nifs meiftens nur zu Fufs begangen werden können und deshalb 
auch das Gepäck nur von Menfchen getragen werden kann, fo 
fmd Geduld und Genugfamkeit die wichtigften Eigenfchaften für 
den Wandersmann, der folche Gebiete durchzieht; wer diefe 
" ftCn mC k ht bef,tzt ’ wird fie derartigen Wanderungen 
“ f 7 rben ,° dei - er wird - Haufe bleiben müffen und 
eine Reifeluft z ügeln , bis er wieder in Culturländer zurück- 


S. - 5 — 




— 42 — 

gekehrt ift, wo das Reifen eine fo leichte und angenehme Sache 
ift, wie in unferer deutfchen Heimath. 

Schon monatelang vor Antritt meiner vorjährigen Ofterreife 
hatte ich Unterhandlungen wegen Gewinnung zuverläfflger Träger 
und F tihrer gepflogen und fünf Indianer für diefelbe verpflichtet, 
in der Hoffnung, im entfcheidenden Augenblicke auf vier der- 
felben rechnen zu können. Als aber der Zeitpunkt der Abreife 
heranrückte, erfchienen (mit eintägiger Verfpätung) nur drei 
Träger, fo dafs das wohl vorbereitete Gepäck in aller Eile ver- 
mindert und anders vertheilt werden mufste, um die Reife zu 
ermöglichen. Indem ich ftatt eines vollftändigen Zeltes nur ein 
Segeltuch als Zeltdach mitnahm, gelang die nothwendige Ver- 
ringerung des Gepäcks ohne Mühe, und am 18. März 1891 zogen 
meine Träger von Chiacam (850 m), meinem damaligen Aufent- 
haltsorte in der Alta Verapaz, ab, um zunächft nach Cajabon 
zu wandern, wohin ich Tags darauf zu Pferde nachfolgte. Der 
Weg dorthin ift nicht gerade fchlecht, und allenthalben waren 
Leute befchäftigt, denfelben auszubeffern, eingefallene Brücken 
wieder herzuftellen u. dgl. — für den Landeskundigen ein ficheres 
Zeichen, dafs eine Infpectionsreife des Departement-Oberhauptes 
unmittelbar bevorftand, denn fonft wäre es den Gemeindebehörden 
gewifs nicht eingefallen, auch nur das Geringfte für Inftandhaltung 
der Wege zu thnn. 

Cajabon (280 m) ift ein armfeliges Dorf in öder Gegend^ 
deren Vegetationscharakter ftark an die Sabanen des Peten 
erinnert; fein einziger Schmuck find die grofsen Cocospalmen, 
welche zwifchen den Hütten des Dorfes malerifch aufragen. 
Cajabon bildet für weite Strecken den letzten ftarken Vorpoften 
des Mifchlingselements, wie es auch im 16. und 17. Jahrhundert 
der letzte Ort war, wo die chriftlichen Miffionare und die 
fpanifche Obrigkeit feilen Fufs zu faffen vermochten. Denn die 
im Norden, Nordweften und Often wohnenden Lacandonen (unter 
welchem Namen man verfchiedenartige Stämme: Mayas, Choles, 
Mopanes u. a. begriff) wufsten fleh lange Zeit mit Erfolg gegen 
die Europäer zu behaupten. Zwar war der Dominicanermönch 
Domingo de Vico fchon um die Mitte des 16. Jahrhunderts mehr- 
fach in ihr Land vorgedrungen, hatte mehrere Heiden bekehrt 
und ein Dorf gegründet; daffelbe wurde aber überfallen, die 


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— 43 — 

chriftlichen Miffionare getödtet und ein Indianerknabe, der den 
Padre Vico fchützen wollte, geopfert, indem man ihm die Bruft 
öffnete und das noch fchlagende Herz der Sonne darbrachte 
(29. Novbr. 1555). Mehrere Kriegszüge, welche zur Beftrafung 
diefes und anderer Frevel gegen die Lacandonen von der Vera- 
paz wie von Chiapas aus unternommen Avurden, blieben ohne 
nachhaltigen Erfolg. Im dritten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts 
\v r ar es den Dominicanermönchen Aviederum gelungen, auf dem 
friedlichen Wege der Bekehrung die Landfchaft (Mauche) nörd- 
lich von der Verapaz für fich zu gewinnen und mehrere Dörfer 
zu gründen. Als fie diefelben aber der Aveltlichen Obrigkeit zur 
Befitzergreifung übergaben, wurden die benachbarten Indianer in 
Unruhe verfetzt, überfielen mehrmals die chriftlichen Anfiede- 
lungen und verbrannten die Dörfer. Mehrere andere Chriftiani- 
firungsverfuche der Dominicaner erlitten ein ähnliches Schickfal, 
und wenn es denfelben auch gelang, im Jahre 1685 im Lande 
der Choles wieder ein Dorf zu gründen, fo war auch diefer 
Erfolg nur von kurzer Dauer; denn diefes Dorf (San Lucas) 
A\urde bereits nach vierjährigem Beftehen wieder niedergebrannt, 
Avobei die Miffionare kaum das nackte Leben retteten. Die 
Indianer von Cajabon drangen hierauf mehrere Male in das Land 


der Choles ein und fammelten die zerftreuten Chriften, welche 
im Thale Urran (Baja Verapaz) angefiedelt wurden. 

Die Gebiete im Olten, Norden und Nordwelten von Cajabon 
find heutzutage fehr dünn bevölkert, grofse Strecken fogar völlig 
unbewohnt. Es begreift fich daher wohl, dafs die Wege zwifchen 
den fparhchen Niederlaffungen Avenig begangen werden und fich 
grofsentheils in fehr fchtechtem Zuftande befinden; ich fandte 
daher von Cajabon mein Pferd zurück und fetzte mit meinen 
indianifchen Begleitern zu Fufs die Reife fort (20. März 1891) 
Bald erreichten wir den Heilen Bergzug, welcher im Norden von 
ajabon dahinftreicht, und damit den kühlen Schatten des Waldes 
welchen wir (einige wenige Lichtungen und die unmittelbare 
Umgebung des Dorfes Chaal abgerechnet) nun für längere Zeit 
mcht wieder verlaffen feilten. Tag um Tag änderten wir lang- 

’ aber ftetlg unferes We S es ^ endlos erfcheinendem Wechfel 
von ungemein Heilen Felfenpfaden und flachen, kotherfüllten 
cerungen, wo ich ,n meinen langen Reitftiefeln mehrmals 


— 44 — 

nahe daran war, das Schickfal des Jafon zu theilen; wir fchliefen, 
wie gerade der Zufall es wollte, in Indianerhütten oder in meinem 
Zelte irgendwo im Urwalde, oder auch in den kleinen Unter- 
kunftshüttchen , welche die Indianer da und dort am Wege 
errichtet haben. Die Wanderung war etwas einförmig zwar, 
aber doch im Allgemeinen ganz intereffant und reich an herr- 
lichen Vegetationsbildern, welche in Folge der geradezu capri- 
ciöfen Verbreitung der verfchiedenen hier vorkommenden Palmen- 
arten eine unerwartete Fülle verfchiedenartiger Combinationen 
bieten. Es verdient hier beiläufig erwähnt zu werden, dafs eine 
Anzahl diefer Palmen, von welchen ich leider zumeift nur die 
indianifchen Namen anzugeben wüfste , für die Küche des Wan- 
derers eine ganz annehmbare Beigabe liefern, indem von einigen 
die jungen Triebe, von anderen die Früchte, roh oder gekocht, 
eine ganz ausgezeichnete Speife abgeben. 

Die Gefahren diefer Wanderung waren mir in überaus grellen 
Farben gefchildert worden; die Jaguare, fo hiefs es, liefen hier 
am hellen Tage am Wege fpaziren, die Häufer wimmelten von 
Schlangen, Skorpionen und giftigen Spinnen und dergleichen 
mehr. Wer die Lügenhaftigkeit der Meftizen nicht kennt, hätte 
fich vielleicht abfchrecken laffen, den Weg zu machen; ich aber 
nahm alle diefe Erzählungen von Anfang an für arge Ueber- 
treibungen, wie fie es in der That auch waren. Es ift zwar 
richtig, dafs Jaguare hier fehl' häufig find, wie ich aus den zahl- 
reichen Fufstapfen am Wege erfah, und in einer Indianerhütte 
klagten mir die Leute auch, dafs ihnen in der verfloffenen Nacht 
ein Schwein von einer folchen grofsen Katze geraubt und ver- 
zehrt worden fei; den Menfchen aber greift der Jaguar kaum 
jemals an, und ich bin bisher auch niemals im Geringften von 
einem folchen Thiere beläfbigt worden, habe auch niemals eines 
im Freien gefehen, womit ich ganz zufrieden bin, denn wenn- 
gleich ich z. B. Palmen und andere tropifche Gewächfe am 
liebften in Gottes Natur bewundere und mit Geringfehätzung 
an die kränkelnden Treibhauspflanzen in Deutfchland zurückdenke, 
fo bewirkt doch der friedfertige Grundzug meiner Seele, dafs 
ich die wilden Thiere der Tropen weit lieber in einer Menagerie 
hinter dicken Eifenftäben, meinetwegen auch in Spirituspräpa- 
raten oder ausgeftopft, kennen lerne, als in der freien Natur. 


— 45 — 


Leider aber geht diefer Wunfch mir 'auf meinen Wanderungen 
eben nicht immer in Erfüllung, fo auch auf diefer Reife nicht. 
Schlangen trafen wir mehrfach an, wenn auch nicht häufiger als 
anderswo in der Alta Verapaz, befonders zahlreich und grofs 
fchienen mir aber in diefer Gegend die Skorpione vertreten zu 
fein, und ich verfäumte niemals, am Morgen die zu benutzenden 
Kleidungsftücke zu unterfuchen, ob fie etwa folche Thiere ent- 
hielten, und am Abend die weichen Stiefelrohre zuzubinden, um 
eine derartige Einquartirung zu verhindern. Man mag diefe 
Vorficht übertrieben finden, aber — gebrannte Kinder fürchten 
eben das Feuer. 

Am Gründonnerstage erreichten wir den Bergkamm von 
Sibic, welcher uns noch vom Polochicthale und dem See von 
Yzabal trennte; wir wanderten lange auf dem Grate deffelben 
hin und fchlugen auf der Höhe deffelben auch unfer Nacht- 
quartier auf. Ich fchlief dabei in einem kleinen Blätterhüttchen, 
das ganz vertrauenerweckend ausfah, aber mich gründlich täufchte ; 
denn als am nächften Morgen ein Gewitter ausbrach, weckte mich 
der durchs Dach fchlagende Regen unfanft aus dem Schlafe und 


zwang mich zu eiligem Verlaffen meines Lagers, worauf ich 
unter meinen Regenfchirm flüchtete, während die Indianer mit 
möglichfter Eile das Gepäck in Sicherheit brachten. Als das 
Lnwetter ausgetobt hatte, belehrte mich Domingo Caal, mein 
getreuer Reifebegleiter, dafs Charfreitag fei; an diefem Tage 
werde der liebe Gott im Dorfe umgebracht und deshalb gebe 
es auf der Reife viel Regen, Jaguare und Schlangen. Trotz 
diefer wenig erfreulichen Prophezeiung hellte fleh das Wetter 
mehr und mehr auf, und als wir gegen Mittag in halber Höhe 
des Abftieges eine lichte Stelle erreichten, welche wir durch 
Fallen einiger Bäumchen noch klärten, genofs ich eine pracht- 
volle Ausficht über den gewaltigen See von Yzabal, welcher im 
nellften Sonnenfehein, vom blauen Gebirge umrahmt, weithin zu 
meinen Füfsen fich ausdehnte. In früher Nachmittagsftunde 
ftanden w,r bereits an feinen Ufern in dem kleinen Dörfchen 
orr (ca. 15m), von wo aus wir nach kurzem Aufenthalte in 
einem kleinen Segelfchiffchen unfere Reife fortfetzten. 

Die Fahrt war anfangs recht angenehm und hübfeh und bot 
une prächtige Ausficht auf die nahen Ufer und Berge; gegen 


— 46 — 


Abend aber iiberrafchte uns ein ziemlich heftiges Unwetter: der 
See ging hoch; die grünen Wogen krönten fich mit weifsem 
Gifchte und fchlugen nicht feiten in unfer Schiffchen herein, fo 
dafs wir Alle ganz und gar durchnäfst wurden, während auf der 
anderen Seite das Waffer über den Rand des Bootes eindrans\ 
wenn ein Windftofs daffelbe auf die Seite legte. xCharfreitag- 
wetter!« mochten meine Indianer bei fich denken; da ich aber 
nichts fagte, fagten fie auch nichts und fchöpften mit ftoifchem 
Gleichmuthe das eingedrungene Waffer aus*). 

Mit Einbruch der Nacht langten wir wohlbehalten, obgleich 
durchnäfst, in dem reizenden Hafenplatze Yzabal an, wo wir in 
der angenehmften Weife Oftern verbrachten. So klein das 
Städtchen auch ift, fo hatte ich doch das Glück, mit lieben 
Landsleuten Umgang pflegen zu können: in dem gaftlichen 
Haufe eines jungen Deutfchen hatte ich mein Quartier auf- 
gefchlagen, und im Salon eines reichen amerikanifchen Kauf- 
manns traf ich auch ein Berliner Kind, die Frau eines amerika- 
nifchen Ingenieurs, in deren liebenswürdiger Gefellfchaft ich 
manche Stunde verplauderte. Als ich diefe Dame hier im ele- 
ganten Gefellfchaftsanzuge erblickte, konnten wir Beide uns eines 
leichten Lächelns nicht enthalten, da wir unwillkürlich an unfere 
letzte Begegnung zurückdachten: wenige Monate vorher hatte 
ich fie auf einem Waldwege getroffen, als fle in Männerkleidung, 
den Revolver an der Seite, nach Männerart auf einem Mauithiere 
ritt, und ich hätte in dem hübfchen blaffen Jungen ficherlich 
kein weibliches Wefen vermuthet, obgleich fie mich anfprach, 
wenn nicht — das Parfüm fie mir verrathen hätte. 

Nach einem mehrtägigen Aufenthalt in Yzabal verliefsen 
wir am Morgen des 30. März den hübfchen Platz, überfchritten 
die Sierra del Mico (Pafshöhe 455 m) und fetzten im Thale des 
Motagua unfere Wanderung fort. Der Weg war felir leicht zu 
finden, da längs deffelben früher der Telegraph hingefuhrt hatte 
und jetzt, nachdem der Betrieb auf diefer Strecke wieder auf- 
gelaffen worden irt, der herabgefallene Telegraphendraht die 
Richtung wies. Nur in der Nähe menfchlicher Anfiedelungen 
verfagte diefer eigenthümliche Führer, da hier die Einwohner 

*) Ich erfuhr aber fpäler, dafs fie mit Beftimmtheit glaubten, ihr letztes 
Stündchen habe gefchlagen. 

















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den Draht zu holen pflegen, um ihn zum Wäfcheauf hängen und 
für andere häusliche Zwecke zu benutzen. Da nun keinerlei 
Steigungen mehr zu überwinden waren, die trockene Jahreszeit 
die Wege gründlich ausgetrocknet hatte und der Schatten des 
Waldes die fonft hÖchft läftige Hitze milderte , war die Reife 
ohne irgend welche Schwierigkeit. Wer aber glauben wollte, 
dafs diefe Wanderung angenehm fei, wäre in grofsem Irrthume 
befangen, denn kaum irgendwo in Guatemala wird man von den 
kleinen, blutdürftigen Peinigern der Tropen fo fehr geplagt, wie 
im unteren Motaguathale. Nicht genug, dafs man überall von 
Schaaren von Mosquitos verfolgt wird, hat man auch noch das 
Vergnügen, tagtäglich eine mehr oder minder grofse Zahl von 
Garrapates (Zecken) mit dem eigenen Fleifch und Blut zu nähren. 
Die fchlimmften Plagegeifter aber find die Comoyotes, eine Art 
Fliegen, welche bei jedem Stiche ein Ei zurücklaffen , das fleh 
bald zur Made entwickelt. Wer dies nicht weifs und die Made 
grofs werden läfst, mufs fehr heftige Schmerzen erdulden, wer 
dagegen über die Natur des Stiches im Klaren ift und fleh des 
erprobten Heilmittels der Indianer (Copalharz oder auch Tabak- 
faft) bedient , befreit fleh leicht von diefem unangenehmen 
Schmarotzer. Wenn ich die Abfleht gehabt hätte, die Entwicke- 
lungsgefchichte diefes Thieres zu ftudiren, fo hätte ich auf diefer 
und früheren Reifen Gelegenheit dazu in Fülle gehabt, da ich 
mii mehr als ein Dutzend folcher Maden in den verfchiedenften 
Gröfsen herauszuoperiren hatte. 

Am Nachmittag des I. April gelangten wir nach dem kleinen 
Dorfe Las Quebradas (170 m), welches als der Mittelpunkt der 
Goldwäfchereien im unteren Motaguathal anzufehen ift. Ich 
nahm hier einen mehrtägigen Aufenthalt und fand im Haufe des 
Mr. Knight äufserft freundliche Aufnahme. Mr. Knight ift Theil- 
haber und Gefchäftsleiter der bedeutendften Goldwäfcherei diefer 
Gegend und war gern bereit, mir den Betrieb zu zeigen Die 
Goldwäfcherei liegt auf der linken Seite des Rio Bobos und 
befchäftigt gegen 40 Arbeiter, welche in dem heifsen Klima 
Steine fchleppend oder Tage lang im Waffer ftehend fauer genug 
.hr Brot verdienen müffen. Es ift aufser Zweifel, dafs ein ein- 
zelner Mann, welcher auf eigene Rechnung in den kleinen Seiten- 
bachlein diefes goldreichen Diftricts arbeiten würde, ein gutes 


- 48 - 

Stück Geld verdienen könnte; aber da für den gröfsten Theil 
des Didricts die Conceffionen für lange Jahre hinaus vergeben 
find, ift dazu keine Gelegenheit geboten; nur am .'>Maheine- 
Bächlein« bei Las Quebradas fah ich einzelne Goldwäfcher für 
eigene Rechnung arbeiten. Ohne dafs die auri sacra fames mich 
im geringden ergriffen hätte, machte es mir doch einmal Spafs, 
die Goldkörner am Boden herumliegen zu fehen: von einem 
ftarken, unter hohem Drucke flehenden Wafferflrahl ausgewafchen, 
bleiben diefelben auf dem Grunde der Abflufsrinnen liegen, 
während die kleineren Gefteinftiickchen mit dem Waffer weg- 
gefchwemmt und die gröfseren Blöcke von den Arbeitern weg- 
getragen werden; man fchöpft darauf die Goldplättchen mit 
Löffeln auf und zieht den mit dem Erdreich fortgefchwemmten j 
Goldflaub mit Queckfilber aus. — Diefe Goldwäfcherei ift feit 
einer Reihe von Jahren in fehr lohnendem Betriebe, während 
mehrere andere grofse Unternehmungen trotz des hohen Gold- 
gehaltes der Schwemmerde wegen technifcher Schwierigkeiten 
oder unvortheilhafter Anlage nach grofsen Verluden wieder auf- 
gegeben werden mufsten. 

Eine Sehenswürdigkeit in der Umgebung von Las Quebradas 
find nebd den Goldwäfchereien die ziemlich bedeutenden Rede 
altindianifcher Anfiedelungen, welche bisher ganz unbeachtet 
geblieben zu fein fcheinen. Aufser zahlreichen Tumuli (hier Cal- 
pules genannt) id befonders eine eigenartige Siedelungsform 
bemerkenswerth, welche vielleicht religiöfen Zwecken gedient 
haben mag. Es id dies ein Sydem von ganz oder theilweife 
umwallten , rechteckigen Hofräumen , welche fall durchweg ver- 
fchiedene Höhenlage befitzen. Die diefelben unter einander* und 
nach aufsen abfchliefsenden Umwallungen lind mit treppen- 
förmig aufdeigender Steinverkleidung verfehen; einzelne läng- 
liche Umwallungstheile ragen badeienartig über die übrige 
Umwallung hervor. Die Stufen der Steinverkleidung find von 
verfchiedener Höhe und Breite und erweitern fich an manchen 
Stellen zu langen, dem ganzen Verlauf einer Umwallung folgen- 
den, mehrere Meter breiten Terraffen. Im gröfsten diefer Hof- 
räume (plazas) id gegenwärtig der Friedhof des Dorfes eingerichtet, 
welcher gleichzeitig mit feinem üppigen Graspolder als Pferde- 
weide Verwendung findet. 


- 49 — 


Als ich am 4. April wieder aufbrach, um meine Wanderung 
ans Meer fortzufetzen, änderte fich zu meinem grofsen Bedauern 
das bisher fo günftige Wetter gänzlich. Von jeher war mir 
Jupiter Pluvius feindfelig gefinnt gewefen, und als er nun fah, 
dafs ich bereits den gröfsten Theil der Reife im Sonnenfeheine 
zurückgelegt hatte, ergrimmte er fehr und fandte mir für die 
letzten Tage meiner Wanderung die fchlimmften Regengüffe. 
Es war dies um fo unangenehmer, als gerade auf diefem Pfade 
das Unkraut fo fehr über den Weg gewachfen war, dafs man 
unterwegs ununterbrochen mit dem Geflehte und dem ganzen 
Körper die Regentropfen von den naffen Zweigen abftreifte. Im 
Regen wanderten wir die ganze Strecke bis zur Pafshöhe (320 m) 
zwifchen Tenadores und Santo Tornas, wo endlich das Wetter 
und damit auch unfere recht trübfelig gewordene Stimmung fich 
aut klärte, und als fich nun vollends an manchen Stellen ein freier 


Biick daibot, begrüfsten wir mit hellem Jubel das weite blaue 
Meer und feine vielgeftaltigen, von Bergen und Felfen begrenzten 
Geftade. In der fröhlichften Stimmung vollendeten wir das kurze 
Stückchen Weges, das uns noch fehlte, und zogen gegen Abend 
des 6. April in dem hübfehen Städtchen Santo Tornas ein, welches 
an einer tiefen Bucht des Meerbufens von Amatique, inmitten 
grünender Bananenpflanzungen, überragt von hohen Gebirgen, 
ungemein freundlich gelegen ift. 

, Die kühnen Erwartungen, welche man bei der Entdeckuno- 
diefes fchönen Hafens (1604) hegte, indem man von hier aus eine 
andelsftrafse nach der Fonfecabay anlegen und den fpanifchen 
Sudfeehandel auf diefen Weg zu lenken beabfichtigte , find nie- 
mals verwirklicht worden. Auch die directen Handelsftrafsen 
von Santo omas nach Guatemala wurden noch im Anfänge des 
17 Jahrhunderts verlaffen und die Rhede von Santo Tornas darauf 
fort nur noch aufgebläht, um die Waaren von den grofsen See- 
fchiffen auf kleine Barken zu verladen und fie auf dem Waffer- 
wege nach dem Go.fo Dulce fSee von Yzabal, zu Inden. Auch 
heutzutage ,ft Santo Tornas, obwohl Freihafen, ein (Klier Ort 
und wenn etwa die langft projectirte interoceanifche Eifenbahn 
Guatemalas zur Vollendung gelangen follte oder der vor Kurzem 
n Arbeit genommene Canal von der Bahia Graciofa zum Motagua- 
fluflfe ausgeführt werden Tollte - woran kW. , > 


4 


Verhältniffe lehr itark zweifeln — , fo würde der geringe Waren- 
verkehr, welcher von hier aus nach dem Hinterlande ausgeht, 
völlig abgelenkt werden. Aber auch dann würde vorausfichtlich 
der ziemlich eifrig betriebene Bananenbau dem Orte eine gewiffe 
befcheidene Zukunft hchern , wie denn auch diefer genannte 
Culturzweig heutzutage faft feine ganze wirthfchaftliche Bedeu- 
tung ausmacht. Ausnehmend gering ift der Perfonenverkehr, 
weshalb auch keinerlei Hotel, felbft nicht der befcheidenften 
Art, befteht. Ich fah mich daher genöthigt, im Waarenhaufe 
eines Kaufmanns Unterkunft zu fuchen. W/as kümmerte es mich? 
Ich fchlief dort ebenfo gut, als irgendwo fonft , und lange follte 
mein Aufenthalt in Santo Tornas auch nicht dauern; bald 
fchwellten fich die Segel der Barke, welche mich nach Living- 
fton bringen follte — die erfte Strecke der Heimreife. 






Reife durch die Cockscomb Mountains (Honduras *). 


Durch das Innnere von Britifch-Honduras ziehen fich, in den 
Grenzgebieten Guatemalas beginnend, die Cockscomb Mountains 
hm, eine breite, allmählich auffteigende Bodenwelle, aus welcher 
das fhefsende Waffer Thäler und Schluchten, fteile Hügel und 
mehr oder minder bedeutende Bergzüge herausgemeifselt hat**). 
Aus der Ferne gefehen, bieten diefe eigenthümlichen Bergformen 
unter denen kaum da und dort einmal ein einzelner Gipfel fich 
befhmmt und fcharf abhebt, einen merkwürdigen Anblick da 
tiotz der grofsen Zahl einzelner Erhebungen doch die Kamm- 
mie (wenigftens ,m Süden) äufserft einfach verläuft. Längfi 
hatte diefes Gebirge meine Aufmerkfamkeit auf fich gezogen 

. ' Ch ™' ch lm A P ril i 8 9- in Livingfton aufhielt, befchlofs 
■c , einen Ausflug in die Cockscomb Mountains zu unternehmen 
C nuethete ein Segelfchiffchen, das mich mit meinen drei iX 

m ichT„dem e f n h WOhlbe K al ‘ en n “ h Punta S° rda brachte; ohne 
zuhalten I Ub " en '. aber wen, S bedeutenden Orte länger auf- 
brach ich am nächfte^Morgen (den"" ^ nothwendi g war , 
wanderte den fernen BeZ zi E e P auf 1 a " d 

mein Weg der Meeresküfte entlaß A™ ^ fU '' rte mich 
an mehreren grofsen Zuckerofla B ’ g, " g “ andeinwärts 

inmitten ^ 

gelegen, einen gar freundlichen Anblick ' ° ta " Hügel 

Mittagszeit, als die Sonne ihre fengende/sT I?™’ Um die 
recht ^»Wandersmann £ 


2 ™ G !, obus ’ Bd - 61 ( i8 9 D, s. 209- — 212. 

) Erft che öftlichften Ausläufer de«; r k- 
mtfiviclualifirten Gipfeln zu an fehn lieber Höhe. rgSZUges erheben fich in wohl- 


— 52 — 

der dunkle Schatten des Waldes auf, welchen ich mit Ausnahme 
fehl- fpärlicher Lichtungen auf der ganzen Reife durch die Cocks- 
comb Mountains nicht wieder verlaffen follte. Gewaltige Wälder 
bedecken die Küftenebene und das Gebirge von Britifch- 
Honduras, Wälder von Laubholzbäumen, unter deren mächtigen 
Kronen zahllofe fchlanke Palmen fich erheben, während dichtes 
Unterholz das Erdreich bedeckt und fchlingende Gewächfe an 
Bufch und Baum emporranken, nicht feiten finden fich auch 
wilde (oder verwilderte?) Cacaobäume in diefen Wäldern und 
ich verlor gar manche Viertelftunde auf meiner Wanderung, da 
meine Träger allenthalben, wo fie Cacaofrüchte entdeckten, Halt 
zu machen pflegten, die Bäume erkletterten und abernteten. 
Dann und wann kam uns auch jagdbares Wild zu Gefleht und 
es gelang meinen Indianern auf diefer Reise einmal , ein junges 
Wildfehwein (Jabali) zu erbeuten, welches fie im Laufe einholten 
und mit den Händen erwürgten. Abgefehen von derartigen 
kleinen Vorkommniffen aber war die ganze Wanderung von 
Punta gorda bis Cajabon, dem erften Dorfe der Alta Verapaz, 
ungemein eintönig, da menfchliche Anfiedelungen in diefen 
Gegenden äufserft fpärlich find und demgemäfs auch der Ver- 
kehr auf diefen Wegen ein fchwacher ift. 

Nachdem wir die mehrere Meilen breite Küftenebene durch- 
quert hatten, erreichten wir am Nachmittag des 14. April auf 
einer der erften Anhöhen der Cockscomb Mountains das Dorf 
San Antonio Nuevo (115m), wo wir bis zum nächften Morgen 
verweilten. Die Bevölkerung diefes Dorfes befteht ausfchliefslich 
aus Indianern, welche einen Mayadialekt als Mutterfprache reden; 
auch die Kenntnifs der Kekchifprache ift faft allgemein verbreitet 
und manche Indianer find auch des Spanifchen mächtig. Die 
verfchiedenartigen Gefichtstypen der Bewohner verrathen alsbald, 
dafs die Bevölkerung aus verfchiedenen Elementen zufammen- 
gefetzt fein mtiffe, und die Vorgefchichte des Dorfes und feiner 
Bewohner weift klar und deutlich die Zuwanderung und Affimi- 
lation von Kekchiindianern zum herrfchenden Mayaftamnie nach, 
wie wir im Folgenden zeigen wollen. 

Im Stidoften des Departamento Peten liegt das Dort San 
Luis, früher eines der volkreichften von Nordguatemala. Als um 
die Mitte der fiebziger Jahre eine Blatternepidemie ausbrach, , 







; 








— 53 — 


welche eine fehr bedeutende Zahl von Todesfällen zur Folge 
hatte, wanderten viele Indianer, eingefchüchtert durch die grofse 
Sterblichkeit, in andere Dörfer des Peten aus, fo dafs aufser den 
wenigen Ladinos des Dorfes nur noch eine geringe Anzahl von 
Mayafamilien in San Luis zurückblieb. Der Zuzug etlicher 
Kekchifamilien aus Cajabon und San Pedro Carchä füllte die 
entftandene Lücke einigermafsen aus und nach wenigen Jahren 
war die Mayafprache bereits wieder allgemein herrfchend, wäh- 
rend die Kekchifprache faft nur noch im Verkehre nach aufsen, 
z. B. mit durchreifenden Kekchiindianern, gefprochen wurde. 
Bald aber trat eine neue Aenderung im Stande der Bevölkerung 
von San Luis ein: im Jahre 1883 begannen etliche Indianer, 
überdrüffig der Arbeit, zu welcher fie durch die guatemaltekifche 
Obrigkeit nach den Beftimmungen der beftehenden Gefetze 


(gegen Bezahlung) verpflichtet wurden, ins Gebiet von Britifch- 
Honduras auszuwandern, da dort keine derartigen Gefetzesbeftim- 
mungen gelten und die Indianer lediglich zur Bezahlung der 
fellgefetzten Steuern verbunden find. Sie gründeten ein Dorf 
(San Antonio), welches unter ähnlichen Verhältniffen Fand, wie 
ihr Heimathsdorf San Luis, auf einem Bergrücken von ähnlicher 
Höhenlage, Oberflächenform und geologifcher Befchaffenheit, 
inmitten von Urwäldern, welche denfelben Vegetationscharakter! 
diefelben Gewächfe aufweifen, wie die Wälder ihrer urfprüng- 
hchen Heimath. Die Bevölkerung von San Antonio erhielt bald 
neuen Zuzug aus San Luis, indem andere Indianer mit ihren 
amilien dem Beifpiele der erften Auswanderer folgten, theils 
aus demfelben Grunde wie diefe, theils aber auch in der Abficht 
1 . ^' n S e fc> an S ene n Verpflichtungen gegen Privatperfonen zu 
entziehen Es ift nämlich in Guatemala Gebrauch, den Arbeitern 
Geldvorfchuffe zu gewähren, welche diefe durch ihre Arbeit 
zuruckzuerftatten haben. Da aber in Britifch- Honduras keine 
perfonhche Haftpflicht befleht, fo entfliehen nicht feiten aus den 
Grenzgebieten Guatemalas die Schuldner auf britifches Gebiet, 

fühlen 6 1 AUSheferUng und gerichtlicher Verfolgung 

fuh en können. Nicht lange feilten die Bewohner von San 

ntomo im ruh, gen Befltze ihres Dorfes bleiben, vielmehr mufsten 
t im 1 Jahre 1 890 auf Betreiben der britifchen Behörden ihre 
Wohnfltze tiefer ins Innere der Colonie verlegen; am 6. Juni l89 o 


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wurde die englifche Plagge in »San Antonio Nuevo< gehifst und 
im Februar 1891 fiedelten die letzten Bewohner von »San Antonio 
Viejo« in ihre neue Heimath über. Ein Vergleich zwifchen den 
Naturverhältniffen des alten und neuen Dorfes fpricht zu 
Ungunften des letzteren und ich entnahm aus den Bemerkungen 
der Indianer , dafs fie die Ueberfiedelung keineswegs freiwillig 
unternahmen. Die Verlegung des Dorfes San Antonio gefchah 
aus politifchen Rückfichten; denn die Grenzlinie von Guatemala 
und Britifch- Honduras ift nicht in ihrem ganzen Verlaufe durch 
Grenzpfähle feftgelegt, fo dafs es zweifelhaft fein konnte, ob 
San Antonio Viejo wirklich innerhalb des britifchen Gebiets liege 
oder aber noch in Guatemala, wie die Guatemaltekos behaupteten. 
Die Verlegung des Dorfes nach dem jetzigen Platze war daher 
ganz angezeigt, um allen politifchen Zwiftigkeiten vorzubeugen, 
welche aus diefer Frage hätten entliehen können. 

San Antonio Nuevo bot zur Zeit meines Befuches noch 
einen ziemlich ungalllichen Eindruck: Das Fehlen aller Frucht- 
bäume und Culturgewächfe, welche fonft in der Umgebung der 
Indianerhütten allgemein zu finden find, die frifch gerodeten 
Lichtungen, die neu errichteten Gebäulichkeiten, der Mangel 
grünender Fruchtfelder und Fluren in der Umgebung liefsen den 
Anblick diefes Dorfes minder freundlich erfcheinen , als folche 
indianifche Niederlaffungen für gewöhnlich find. Immerhin aber 
find die Bewohner bereits mit allem Notlügen verfehen und auf 
dem Rücken des Hügels liehen auch fchon das Rathhaus und 
die Kirche, welche fich durch ihre Gröfse von den übrigen 
Gebäuden auszeichnen. Währenddem aber eine Bank und ein 
Tifch das gefammte Mobiliar des Rathhaufes ausmachen, ift die 
Kirche weit reicher ausgellattet und weift aufser zahlreichen 
Heiligenfiguren drei gute alte Kirchenglocken auf, in deren 
Befitz das Dorf auf nicht ganz gefetzliche Weife vor Kurzem 
gekommen ift. Eines fchönen Tages erfchienen die Männer von 
San Antonio urplötzlich um die Mittagszeit in ihrem ehemaligen 
Heimathsdorfe San Luis, eilten fchnurftracks auf die Kirche zu, 
drangen mit Hülfe von Leitern in diefelbe ein, holten das höl- 
zerne Standbild des heiligen Ludwig und die Glocken der Kirche 
und kehrten mit ihrem Raube nach Haufe zurück, ohne Wider- 
Hand zu finden, da die Bewohner von San Luis um jene lages- 


- 55 — 






ftunde in ihren Maisfeldern befchäftigt waren und auch der 
Comisionado politico des Bezirks fich zufällig nicht im Dorfe 
befand. Die Leute von San Luis waren begreiflicherweife fehr 
erboft über diefes Ereignifs, fchickten fich aber mit ftoifcher 
Ruhe in das Gefchehene, kauften neue Glocken und eine neue 
Heiligenfigur, fchöner und beffer, als fie zuvor befeffen hatten 
und liefsen die Leute von San Antonio in ungeftörtem Befitze 
ihres Raubes. 

Nachdem ich die Kirche von San Antonio Nuevo mit ihren 
Sehenswürdigkeiten befichtigt und in einige Wohnhäufer ein- 
getreten war, um mir die Einrichtung derfelben zu betrachten, 
fetzte ich am nächften Morgen mit meinen drei indianifchen 
Trägern meine Reife fort; die erfie Nacht brachte ich in einer 
der noch wohlerhaltenen Hütten von San Antonio Viejo (290 m) 
zu, die folgenden in meinem Zelte, das wir irgendwo an einer 
geeigneten Stelle des Waldes auffchlugen; der W^eg führte berg- 
auf, bergab über zahlreiche Flüffe und Bäche, immer aber im 
Schatten des Urwaldes dahin; die Berge waren von geringer 
Höhe, aber zahlreich und wiefen ziemlich fteile Böfchungen auf, 

fo dafs die Wanderung im Allgemeinen doch ziemlich anftren- 
gend war. 


Am Vormittag des 18. April kam ich in San Luis (415 m) 
an, wo ich mich (zur Ergänzung der Lebensmittel) eine Zeitlang 
aufhalten mufste. San Luis ift gegenwärtig ein unbedeutendes 
Dorf, deffen Häufer auf dem Rücken und an den Hängen eines 
aus Thonfchiefern und Kalkbänken zufammengefetzten Hügels 
z erftreut liegen. Die gefammte indianifche Bevölkerung (es leben 
im Dorfe noch zwei guatemaltekifche Beamte und zwei Mexi- 
kaner, welche als politifche Flüchtlinge dorthin gekommen lind 
als die einzigen Mifchlinge) berteht gegenwärtig mit Ausnahme 
einer einzigen Mayafamilie aus Kekchiindianern ; es ift bemerkens- 
vcrth, wie rafch dergleichen ethnographifche Veränderungen hier 
zu Lande vor fich gehen, Veränderungen, welche binnen weniger 
ganzen T! “T Verfiel, iebungen der Sprach- und Stammes- 
f",, . F ° Ig = haben ' Wennfchon übrigens zur Zeit die 

Kekchifprache m San Luis herrfichend geworden ift, fi 0 ift doc h 

uch die Kenntnifis des früher gebräuchlichen Mayadialekts „och 
Vielfach verbreitet und in manchen Sitten und Gebräuchen fipricht 


— ' 56 — 

fich der Mayaeinflufs noch deutlich aus, wie ich namentlich bei 
Gelegenheit einer Trauung wahrnehmen konnte, da ich nach dem 
Civiltrauacte mit dem Comisionado politico des Dorfes in das 
Haus des Brautpaares eintrat und eine Weile als Gaft der häus- 
lichen Feier beiwohnte. Da San Luis kein Pfarrdorf ift , fand 
keine kirchliche Trauung ftatt, diefelbe wird aber nachträglich 
gehalten werden, wenn der Pfarrer von Peten das Dorf befucht, 
was alle Jahr einmal gefchieht. Es ift dies jedesmal ein grofses 
Feft für die guten Dorfbewohner, denn die Indianer haben trotz 
(oder wegen?) der fehr dürftigen Kenntniffe, welche fie vom 
chriftlichen Glauben haben, fehr viel Sinn für jede Art religiöfer 
Ceremonien; fie haben vor denfelben ebenfo viele Ehrfurcht als 
vor ihren Heiligenbildern, welche heutzutage bei ihnen diefelbe 
Rolle zu fpielen fcheinen, wie die Götzenbilder in der heidnifchen 
Vorzeit. 

Am 20. April fetzte ich meine Reife fort und heimwärts 
ging es mit befchleunigten Schritten, allzeit im Schatten des 
Urwaldes. Der Weg, den wir in den nächften Tagen gingen, 
dürfte im grofsen Ganzen mit der Marfchroute zufammenfallen, 
welcher Ferdinand Cortez mit feinem Heere auf feinem berühmten 
Zuge nach Honduras beim Durchwandern diefer Gegenden (Oftern 
1525) gefolgt fein mag. Freilich ift aus der Befchreibung des 
Cortez*) von dem ganzen Wege von Tobasco bis Nito am Golfe 
von Amatique nur die Infelftadt Flores mit Sicherheit wieder zu 
erkennen. Es ift aber fehr wahrfcheinlich, dafs Cortez vom See 
von Peten aus in füdöftlicher Richtung weiter marfchirte, in der 
Gegend von San Luis das Gebirge überfchritt, und nach dem 
(bei Hochwaffer fehr fchwierigen) Uebergange über den Cancuen 
(Rio S. Yfabel) wieder füdoftwärts weiterzog. Er überfchritt den 
Rio Sarftoon, welcher damals — wenigftens in feinem Unter- 
laufe — Yafa (wohl Yaxha, d. h. »Grünes Waffen) hiefs, mit 
Hülfe von Nachen und erreichte nach mühfeliger Gebirgswande- 
rung in der Nähe von Livinglton den Rio Dulce, von wo aus er 
in Bälde in Nito, dem Endziel feines Zuges, eintraf. 

Dafs der Weg, welcher heutzutage von San Luis aus füd- 
wärts über das Gebirge führt, fchon zur Zeit des Cortez beftan- 

*) I*. Gayancos, Cartas y Relaciones de Hernan Cort6z al Emperador 
Carlos V. Paris 1868. 


— 57 - 


den habe und von diefem grofsen Heerführer begangen wurde, 
möchte ich nicht behaupten. Dagegen fchemt es mir in 
, rächt der topographifchen Verhältniffe wahrfchem ich dafs 
Cortez’ Wea im Wefentlichen diefelbe Richtung einhielt und die 
leiben Gegenden durchzog, wie denn auch feine Betreibung 
fehr wohl auf die phyfifchen Naturverhältniffe des gegenwärtigen 
Weges pafst. Die Schilderung ift von kraftvoller Einfachheit 
und grofser Wahrheit; eine Uebertreibung läge (fofern Cortez 
wirklich denfelben Weg gemacht haben follte) einzig und allem 
darin, dafs die Wegftrecke, welche durch die wafferleeren felfigen 
Kalkgebirge führt, bedeutend kürzer ift, als Cortez angiebt; im 
Uebrigen aber kann der eigenthümliche Naturcharakter diefes 
Gebietes kaum anfchaulicher gefchildert werden, als es dei 


fpanifche Heerführer in feinem Berichte an Kaifer Karl V. gethan 
hat. Auf Jeden, der diefe Wegftrecke aus eigener Anfchauung 
kennt, übt die Erzählung von dem furchtbaren Marfch des fpa- 
nifchen Heeres durch diefe riefigen fchweigfamen Bergwälder 
eine ergreifende Wirkung aus. Allein das Regenwaffer, das bei 
Nacht von den Blätterhüttchen niederträufelte, rettete das Heer 
vor dem Verfchmachten; Schlangen, Eidechfen und allerhand ekel- 
hafte Thiere wurden verzehrt und die Früchte einer Palme 
(zweifellos der Corozopalme — Atalea Cohune — , welche dort 
fehr häufig ift und deren Frucht ganz angenehm fchmeckt) bil- 
deten ein Hauptnahrungsmittel der hungernden Soldaten. Und 
zu alledem kamen noch die Strapazen eines rauhen Reinigen 
Pfades, auf welchem das Heer nur langfam vorwärts kam. Die 
Steigungen find allerdings fehr unbedeutend, aber die gewaltigen 
Felsköpfe, welche mit fenkrechten und nicht feiten überhängen- 
den kahlen Steilwänden rechts und links vom Wege auffteigen, 
laffen einige Male kaum fo viel Raum , dafs der fchmale Fufs- 
pfad fich zwifchen denfelben durchwinden kann, und die 
Befchaffenheit des Weges ift durch das rauhe Geftein, das allent- 
halben zu Tage tritt, fowie durch herabgeftiirzte Felsblöcke oder 
-platten und durch die mannigfachen Hinderniffe , welche die 
Vegetation darbietet, fo ungaftlich, dafs man wohl begreift, unter 
welch unfäglichen Leiden das hungernde und diirftende Heer 
des Cortez die Wildnifs durchzog. 

Als ich auf meiner Reife durch diefes eigenartige Felfen- 


- 58 - 

gebirge kam, begegnete mir ( i Va Tagereifen von San Luis ent- 
fernt) das Mifsgefchick , meine indianifchen Träger aus dem 
Geflehte zu verlieren, vom Wege abzukommen und mich in dem 
Labyrinth wilder gigantifcher Felfenkegel zu verirren. Da mein 
Rufen ungehört an den Felswänden verhallte, fchofs ich einige 
Revolverfchüffe ab, um meine Begleiter aufmerkfam zu machen, 
und wartete geduldig, bis diefelben kommen würden, mich zu 
fuchen. Ich überlegte dabei die zweifelhaften Ausfichten, welche 
ich trotz Compafs und Bufchmeffer haben würde, wenn es gelte, 
allein aus diefen Bergen und Wäldern herauszufinden und zu 
der nächften menfchlichen Anfiedelung (San Luis) zu gelangen. 
Aber ich konnte ja ruhig fein, denn meine Indianer waren durch- 
aus zuverläffige Leute, treu wie Gold, und wirklich trafen die- 
felben auch nach kurzer Zeit ein, um mich abzuholen. 

Im Uebrigen verlief die Reife ohne Störung, dann und wann 
hatten wir freilich unter Waffermangel zu leiden und eines fchönen 
Tages waren wir faft ganz ohne Waffer und unfere einzige 
Hoffnung beftand darin , in der Höhle von Chilom , einer Art 
Hungerbrunnen, Waffer anzutreffen. Unfere Hoffnung täufchte 
uns nicht, wir krochen in die Höhle hinein bis zu einem loth- 
rechten Schlund, banden die Laterne an eine lange Stange, 
um die Stelle einigermafsen zu beleuchten, und warfen unfere 
metallenen Kochkeffelchen hinunter, welche in der That (in 4 m 
Tiefe) Waffer antrafen. Den Cancuenflufs durchwateten wir ohne 
Schwierigkeit, da die langanhaltende Trockenheit feine Waffer- 
maffen ftark vermindert hatte; andere Flüffe, welche wir zu über- 
fchreiten hatten, waren mit Brücken, d. h. einfachen Baum- 
ffämmen, über welche man hinwegbalanciren mufs, verfehen und 
am fechften Wandertage um die Mittagszeit bekamen wir auch 
wieder die erflen Lichtungen und die erften menfchlichen Anfied- 
lungen zu Geficht; am 27. April trafen wir in finkender Nacht 
in Cajobon ein und zwei Tage fpäter befand ich mich bereits 
wieder in Coban, um von den Anftrengungcn der Reife auszu- 
ruhen. 

Mit Freude begrüfste ich das offene Feld, mit hreude Dorf 
und Stadt und die mannigfachen Pflanzungen und Culturen, 
welche mein Auge erblickte; alles fchien mir fchöner und befier 
als zuvor, und es kam mir vor, als ob felbfl die Sonne freund- 


— 59 — 

licher und heller fchien als fonft; mit Luft fog meine Bruft die 
kühlere, reinere Luft des hoch gelegenen Ortes ein, und meine 
Seele fühlte fich freier und leichter — denn fo reich der Weg 
durch die Urwälder von San Luis auch an Naturfchönheiten aller 
Art, herrlichen Pflanzengruppen, fchönen klaren Flüffen, präch- 
tigen Felsgruppen und intereffanten Höhlen fein mag, fo wirkt 
doch das tiefe Schweigen der Wälder, das Dunkel des endlofen 
Blätterdoms, der Mangel jeglicher Lichtung und menschlicher 
Anfledlung drückend auf das Gemüth des einfamen Wanderers 
und erfüllt es mit melancholifchen Gedanken. Und wenn man 
endlich den Urwald verläfst und ins freie Feld tritt, fo ift es, 
als ob der helle Sonnenftrahl wie erlöfend auch in das Herz des 
Wanderers fiele und es wieder zu neuer Freude und fröhlicherem 
Empfinden erweckte. 


\ 


Eine Reife ins Peten*). 


So oft ich von den Bergen der Alta Verapaz einen freien 
Ausblick nach Norden gewann , wo das gewaltige Tiefland des 
Peten weithin fleh ausdehnte, bis der Blick fleh im Unendlichen 
verlor, wurde der Wunfch in meinem Herzen rege, dorthin zu 
wandern und die merkwürdige, wenig bekannte Gegend, den 
äufserften Norden der Republik Guatemala, aus eigener Anfchauung 
kennen zu lernen. Immer aber gab es irgend welches Hindernifs, 
welches mich an der Ausführung diefes Planes hinderte, und erft 
im Juni des Jahres 1891 gelang es mir, die längft geplante Reife 
zu verwirklichen. Am 3. des genannten Monats brach ich von 
Cobän (1320 m) auf; durch wohlbevölkerte und wohlbebaute, im 
Schmucke keimender Maisfelder und tiefgrüner Kaffeepflanzungen 
prangende Gegenden, durch Wald und Flur ritt ich meines 
Weges und kam am Abend deffelben Tages in Setal an, welches 
am Tualfluffe in etwa 730 m Meereshöhe liegt. Es waren nahezu 
zwei Jahre verfloffen, feitdem ich das letzte Mal an diefem Orte 
geweilt hatte, und mit Staunen gewahrte ich die Veränderung, 
welche hier in der Zwifchenzeit vor fleh gegangen war: wo fleh 
damals wirrer Bufchwald und etwa da und dort Maisfelder zeigten, 
ftanden nun wohlgeordnet in Reih und Glied Taufende junger 
Kaffeebäumchen mit grünendem Laub und fchneeweifsen jung- 
fräulichen Blüthen — ein Anblick, welcher geeignet ift, das Herz 
des Menfchen zu erfreuen, und auch in mir ein Gefühl der leb- 
hafteften Befriedigung erweckte. 

Nachdem ich einen Tag in der angenehmften Weife in 
traulichem Verkehre mit meinem lieben Freunde und Studien- 

' *) cf. Beilage (Nr. 219) zur Allgemeinen Zeitung (München) 1892. Nr. 261, 

S. 4 — 6. 


6 1 






s-enolTen Dr. Meyerowitz in Setal verbracht hatte, fetzte ich 
am 5. Juni meine Reife fort, diesmal zu Fufs und in Begleitung 
von drei indianifchen Trägern. In Chibut, wo ich mein erftes 
Nachtquartier bezog, war für mich die Annehmlichkeit geboten, 
nochmals in einer guten Hütte zu wohnen und mich fpanifch 
unterhalten zu können, während in den nächften Tagen aller 
Verkehr nur durch Indianifch vermittelt wurde, da keiner meiner 
Begleiter Spanifch verftand. 

In Chibut entfpringt (320 m) zwifchen übermoosten Felfen 
hervorquellend ein anfehnlicher Flufs, welcher nach einem Laufe 
von wenigen Kilometern Länge wieder in der Erde verfchwindet, 
um in unterirdifchem Laufe eine Gebirgskette zu durchwandern 
und jenfeits derfelben als Chajmayic wieder ans Tageslicht zu 
kommen. Aber auch der Chajmayic bleibt nur eine vergleichs- 
weife kurze Strecke an der Oberfläche der Erde, dann taucht 
er gleichfalls in den Schofs der Berge und kommt nördlich von 
einem anfehnlichen Gebirgszuge im Tieflande wieder zum Vor- 


fchein, um in Verbindung mit dem San Simon und Chajchinic 
den Rio de la Pafion zu bilden. Der Flufs hat es gut; durch 
kühle fchattige Grotten und Höhlen, durch hochgewölbte Felfen- 
dome und tropffteingefchmückte Gänge nimmt er feinen Weg 
im Inneren der Berge und geniefst vielleicht gar die angenehme 
Gefellfchaft niedlicher Nixen mit grünen Augen und goldenem 
Haar; was weifs ich, welch reizende Abenteuer der Flufs da 
unten in der Unterwelt erlebt. Ich armes Menfchenkind aber 
mufste im profaifchen Sonnenlicht und tropifcher Hitze auf ftei- 
mgem Pfade über den Rücken der Berge wegklettern, und hatte 
ich eine Kette glücklich überwunden, fo folgte alsbald eine zweite 
un ritte; es fehlen kein Ende nehmen zu wollen. Schwere 
Schweifstropfen perlten von meiner Stirne und nahmen mit 
befonderer Vorliebe ihren Weg über meine Brille; der treue 
Diener des Auges vertagte feine Dienfte, und die fchlimme 
Natur benutzte die günftigen Umflände, um mir da und dort 

ZVjn rt r/ Pielen - GaUZ bef ° ndei ' S fchien - dabei 

auf meine Kopfbedeckung abgefehen zu fein, und für einen 
un e engten Zufchauer wäre es gewifs recht heiter gewefen 
mit anzufehen, wie mannigfach der Kampf der Objecte gegen 
<len wackeren Hüter meines Hauptes geführt wurde. Derfelbe 


62 


ein Tropenhelm Wifsmann’fcher Conftruction, wehrte fich tapfer 
und fchien unempfindlich gegen die Stöfse der quer über den 
Weg liegenden Baumftämme und gegen die Stiche der Dornen 
zu fein. Wie aber Achilles an der Ferfe, Siegfried am Schulter- 
blatte verletzbar war, fo zeigte auch der Wifsmannhelm eine 
empfindliche Stelle: die Ventilationsöffnung. Ich mochte die 
Schraube zudrehen, fo weit es nur ging, immer fanden fich auf 
dem fchmalen, verwachfenen Fufspfade wieder Zweige oder 
Dornen, welche fich in der Oeffnung fingen, mir den Hut vom 
Kopfe wegangelten und mich fo zu einem unfreiwilligen Grufse 
an die einfamen Urwälder nöthigte. Solche kleine Neckereien 
der Mutter Natur dürfen den Wandersmann nicht verdriefsen: 
Geduld ift die erfte Erfordernifs bei dergleichen Urwaldwande- 
rungen ; fo manche Unbequemlichkeit, manches kleine Mifsgefchick 
kommt einem in die Quere, mit ein wenig Geduld wird Alles 
überwunden, und wenn auch Führer und Träger allzu langfam 
gehen — man darf fie nicht zu fehr zur Eile antreiben, denn der 
Weg ift oft fchwer zu fehen, und ift er einmal verloren, fo 
können Stunden eifrigen Suchens nothwendig fein, ihn wieder 
zu finden. Auch darf man feine in urwaldbedeckten Bergen 
zurückgelegten Wegftrecken nicht mit Marfchleiftungen auf 
deutfchen Landftrafsen vergleichen, denn es kommt oft vor, dafs 
man den ganzen Tag redlich gewandert ift und müde fein Nacht- 
lager auffucht, obgleich kaum mehr als 8 oder iokm Weg (Luft- 
linie) zurückgelegt wurden. Und wer folche Reifen zum Zwecke 
wiffenfchaftlicher Unterfuchungen unternimmt und heimgekehrt 
den Erfolg derfelben betrachtet, wie fo klein und unbedeutend 
derfelbe ift im Vergleich mit dem Aufwande an Zeit und Kraft, 
der möchte dann wohl faft den Muth verlieren und fich vor- 
nehmen, nie wieder folche undankbare Studienreifen zu unter- 
nehmen. Ich habe auch fchon fo gedacht und bin doch wieder 
in meine liebgewordenen Wälder gegangen, wie fo manches Mal, 
fo auch jetzt. 

Der Empfang, den fie mir bereiteten, war jedoch nicht fehr 
gaillich (wie ich fchon oben angedeutet habe), denn ich kann 
mich nicht erinnern , jemals einen fo fchlechten Weg in der 
Verapaz gegangen zu fein. Die Bergketten, die ich zu über- 
fchreiten hatte, waren zwar nicht hoch |der höchfte Punkt 


— 63 — 

zvvifchen Chibut und dem Rio Chajmayic betrug 650 m, die 
höchfte Pafshöhe zwifchen dem Chajmayic (170 m) und dem Rio 
San Simon (150 m) zeigte 500 m], aber die Böfchungen waren 
fehr fteil, der Weg fehr fchwach begangen und zumeift fehr 
fteinig; das Schlimmfte aber war der Waffermangel , welcher in 
diefen Kalkbergen lieh fühlbar machte und in mir manche fehn- 
luchtige Erinnerungen an die ehrwürdigen Hallen des Münchener 
Hofbräuhaufes und den angeftammten Tifch in der »Capelle« 
des Hackerbräu wachrief. Tempi passati! Jetzt war ich auch 
zufrieden, wenn ich am Wege in einer vertrockneten Bachrinne 
einen Waffertümpel antraf und Kaffee oder nach Landesfitte 
gekochtes Waffer, mit geröftetem Maismehl verfetzt, zu trinken 
bekam. Die Berge zwifchen Chajmayic und San Simon find 
vollftändig unbewohnt, weshalb wir mehrere Male im Walde 
unfer Nachtlager auffchlagen mufsten. Da das Wetter meift 
günftig war und ich aufserdem, durch frühere Erfahrungen 'klug 
geworden, ein Zelt mitgenommen hatte, fo war damit keine 
befondere Unannehmlichkeit für mich verbunden; ja, wenn ich 
fo behaglich in meiner Hängematte fchaukelte und Cacao, nach 
mdianifcher Sitte aus einer hölzernen Schale (Guacal) zu mir 
nahm, während der Mondftrahl da und dort verftohlen zwifchen 
den dunkeln Riefenbäumen durchblickte, erfchien mir das Alles 

recht fchön und gut und 'ich fummte dann wohl manchmal das 
bekannte Lied: 

»Ein freies Leben fuhren wir, 

Ein Leben voller Wonne« u. f. w. 

vor mich hin, obgleich ich mir - vom Aeufseren abgefehen — 
gar mch, räuberhaft vorkam. Einmal ging bei Nacht, als wir 

” VV , a ' de cam f' rten ’ ein heft « er Re g“ nieder ; allein das Zelt 
m welches auch die Indianer flüchteten, bot genügenden Schutz 

und g'e'chzemg rettete uns der Regenfchauer aus einer au«en- 

bhekhehen Waffernoth, indem wir mit allerhand Gefäßen - nach 

berühmtem Muter das Abwaffer des Zeltdaches auffingen 

So hatte Cortez m der örtlichen Fortfetzung diefes Gebirges auf 

fernem berumten Zuge nach Honduras (,525) fich und J n „ 

vor dem Verfchmachten bewahrt. Heer 

In touriffifcher Hinficht war ich recht w • j- 

Theile meiner Reife. Von .and chäftfeh f™ d,gt von ^ 

andlchafthch fchonen Ausblicken 


— 64 — 

kann ich allerdings nicht berichten, denn der Wald verhindert 
jeden freieren Blick. Ich erftieg zwar einmal einen fteilen Felfen- 
kopf am Wege und erkletterte dann einen auf dem Gipfel befind- 
lichen Baum; aber auch fo gewann ich nur befchränkte Einzel- 
anfichten, welche kaum eine Orientirung geftatteten. Aber in 
anderer Hinficht gewährt der Weg gar manches fchöne Bild; 
insbefondere lind es die prächtigen Pflanzengruppen und Fels- 
partien, welche in wechfelvoller Verbindung die Aufmerkfamkeit 
des Wanderers auf fleh lenken. Den fchönften Anblick nach 
diefer Richtung hin gewährt ohne Zweifel die Stelle, wo der 
anfehnliche San Simonflufs, welcher, wie viele andere Flüffe der 
nördlichen Alta Verapaz , ftellenweife unterirdifch fliefst, in 
mehreren mächtigen Quellen aus dunklen Felfenthoren wieder 
ans Tageslicht tritt. 

Jenfeits des Rio San Simon wird die Gegend flacher, da 
und 'dort treffen wir kleine indianifche Dörfchen an; die Wege 
find hier beffer und ftark begangen, und in früher Nachmittags- 
ftunde langten wir am n.Juni in der Monteria (Holzfällerei) 
Porvenir am Rio Chajchinic -(ca. 140 m) an, wo ich mich einzu- 
fchiffen gedachte. Zwei meiner indianifchen Träger kehrten 
nach Haufe zurück, während der dritte mich auf der Weiterreife 
zu begleiten verfprach. 

Es war ein günftiger Zufall, dafs fchon wenige Tage nach 
meiner Ankunft ein Boot abgehen follte; es wäre ebenfo gut 
möglich gewefen, dafs ich wochenlang hätte warten müffen, denn 
der Verkehr auf dem Rio de la Pafion (indianifch Caucuen 
genannt) ift ein äufserft geringer, da die ganze Nachbarfchaft 
deffelben, wie feiner Zuflüffe, weit hinauf gänzlich unbewohnt ift, 
wenn man von den Holzfällereien abfieht. Die gefammte Holz- 
induftrie diefer weiten Gebiete hegt in den Händen des Haufes 
Jamet & Saftre, welches an verfchiedenen Punkten des Ufumacinta 
und feiner Quell- und Nebenflüfle im Peten Holzfällereien errichtet 
hat. Es werden fall ausfchliefslich Mahagonibäume, und zwar 
folche von beträchtlicher Gröfse, gefällt; Farbholz und andere 
Nutzhölzer werden nicht verwerthet. Die gefällten Mahagoni- 
bäume werden an Ort und Stelle rechtwinkelig befchlagen, wobei 
gewiffe Längserftreckungen durch Abftufungen hervorgehoben 
werden. Man bahnt darauf Wege mit zahlreichen Seitenwegen 



— 65 — 

durch den Wald, fchleift die Stämme, deren Vorderende an eine 
Art Schlitten (»Lagarto«) gekettet wird, durch Ochfengefpann 
zu den nächften Bächen oder Flüffen und läfst fie, wohl markirt 
mit Jahreszahl und Firma, ftromabwärts treiben, bis fie in Teno- 
hque (Tabasco) aufgefangen und zu Flöfsen verbunden werden, 

um fo nach dem Verfchiffungshafen Laguna de Terminos weiter 
zu gelangen. 

Durch Empfehlungsbriefe eingeführt, fand ich im Herren- 
haufe der Monteria Porvenir gaftfreundliche Aufnahme. Vom 
Luxus der Stadt wird dort wenig verfpürt: das Herrenhaus ift 
eine grofse mit Palmblättern gedeckte Holzhütte, deren Wände 
durch Rohrftäbe gebildet find; die Hausgeräthe (faft durchweg 
aus Mahagoniholz hergeftellt) find roh gezimmert, Thüren und 
Gefimfe in patnarchalifcher Einfachheit mit der Axt aus Maha 
gomblöcken herausgehauen; die Küche war einfach und ländlich 
manche in Deutschland als felbftverftändlich angefehene Bequem- 
lichkeiten fehlten gänzlich und dennoch fühlte ich mich dort 
avo er und behaglicher als im feinften europäifchen Hotel Das 

Ent f genk ° mmen meines Wirthes, fo manche 
Jeme aber angenehm empfundene Rückficht liefsen mich dorten 
ba d e.m'fch fühien, das eigenartige Leben und Treiben in ^ 
HoMa ler- Colon, e gewährte mir mancherlei Anregung und fo 

Weife m ' r d ' e ^ meineS AufenthaIts in lehr angenehmer 

fl r t" 1 - ‘ 5 c Uni VerHerS ‘ Ch den gaffliU'en Ort, um meine Reife 
ufsabwarts fortzufetzen. Ein grofses Ruderboot, mit drei Leuten 
bemannt, ging nach dem Pafo Tanahi ab um • t t u 

Lebensmittel und andere Gegen (fände f Ur den Bedarf "der n T' 
fallerei abzuholen. In der Mitte des P d V H °‘ Z ' 

tt^eltt" f ZgerÜte ™ d . Ci “ s waffLrhtr^ch“ 

Aufenthaltsort' dfenetWbllte f““'' der Reife als 

getroffen waren, brach ich „ach Versichern I^Vd’ 
meinem Gaftfreunde auf „nri r , ■ llcllem Abfchiede von 

hinunter, unferem fernen Ziele ^ Rl ° ^ k Pafion 

^*&t , E fuhren 'wir dahin, ^urch die"" Wetter be gün- 

diefe ganze Landfchaft bedecken- upnü ^ V^ WaIder ’ WeIche 
Sapp er, Das nördliche Mittelamerika. ’ ^ ^ ^ e & etat »On fchlTlÜckt 


5 


66 


allenthalben die Ufer und blätterreiche Zweige und Lianen hän- 
gen zu beiden Seiten bis ins Waffer hernieder, fo dafs man oft 
weithin kein Erdreich zu Geficht bekommt; da und dort ragen 
rieiige Mahagoni- und Ceibabäume hervor und auf allen Seiten 
erblickt man Corozopalmen, deren gewaltige Fiederblätter fich 
fcharf von dem dunkleren Grunde des herrfchenden kleineren 
Laubwerks abheben, während anderwärts blühende Bäume und 
Sträucher. oder blumengefchmückte Guirlanden von Schling- 
pflanzen das Vegetationsbild farbenreicher geftalten. Die begin- 
nende Regenzeit hatte durch ihren Einflufs auf die Vegetation 
und den Wafferreichthum des Fluffes die landfchaftliche Schön- 
heit feiner Ufer noch gehoben. Dann und wann treten auch 
kleine Hügelzüge an den Flufs heran, der nun zwifchen Felfen 
und Feilen Hängen in rafcherem Laufe, zuweilen kleine Strom- 
fchnellen bildend, der nahen Ebene zueilt. In zahllofen Win- 
dungen von wechfelvoller Geltaltung ftrömt der Rio de la Palion 
dahin, nimmt da und dort anfehnliche Zuflüffe auf und wird, je 
länger wir feinem Laufe folgen, delto mächtiger und majeltä- 
tifcher: während ich am Zufammenfluffe des Chajmayic und 
Chajchinic die Breite des Fluffes auf 20 bis 30 m fchätzte, dürfte 
fle am Pafo real, wo wir in einen Nebenflufs (Rio Subin) ein- 
bogen, gegen 100 m betragen. 

Obgleich menfchliche Anfiedelungen nur äufserlt feiten die 
Einfamkeit der Gelände unterbrechen, ermüdete mein Auge doch 
niemals am Anblicke der Rillen, waldbedeckten Ufer. Fünf Tage 
lang währte diefe Wafferfahrt; bei geeigneter Zeitausnutzung 
hätten wir fie leicht in drei Tagen zurücklegen können, allein 
da mir die Fahrt wohlgefiel, wollte ich die Bootsleute nicht zu 
gröfserer File antreiben. Diefe Reife war in der That fehr 
angenehm zu nennen, wozu die landschaftlichen Schönheiten der 
Ufer, die Gunft der Witterung, der Mangel von Mosquitos in 
diefer Jahreszeit, fowie manche kleine Bequemlichkeit, welche 
ich mir verfchaffen konnte, das Ihrige beitrugen. Wenn ich von 
Annehmlichkeiten der Reife fpreche, fo braucht man übrigens 
nicht gleich an eine Rheinfahrt auf dem Salondampfer zu denken. 
Die Hitze in den frühen Nachmittagsftunden war im Zelte des 
Bootes, das mir zum Schutze gegen die Sonnenftrahlen diente, 
faft noch drückender, als aufserhalb defleiben, und bei Nacht, 


— 67 - 

wo ich in denselben Zelte auf dem Bretterboden des Schiffchens 
fchlief, kühlte fich die Temperatur darin auch bedeutend lang- 
famer ab. Manche Bequemlichkeit verfchaffte mir mein india- 
nifcher Diener: wenn das Boot anlegte und wir an Land gingen, 
machte er alsbald meine Hängematte zurecht, bereitete das Effen 
und dergleichen mehr, ohne dafs ich ein Wort zu verlieren 
brauchte, als derfelbe aber am dritten Tage der Fahrt durch 
eine Wunde am Fufse erkrankte, hörte diefes alles auf; vielmehr 
mufste ich nun felbft kochen, nicht nur für mich, fondern auch 
für ihn; auch mufste ich nun felbft meine Leibwäfche wafchen, 
was mir — nach meiner milden Beurtheilung ziemlich gut 
gelang; die Brandflecken und Löcher, welche ich bei Ausübung 
meiner Kochkunft den Tafchentüchern zugefügt hatte, konnte 
ich durch Wafchen allerdings nicht entfernen, ebenfo wenig wie 
alte Säureflecken, welche bisher allen Wafchkunftftücken deut- 
fcher und indiänifcher Wäfcherinnen ftandhaft getrotzt haben. 

Viele angenehme Abwechfelung und Unterhaltung fchafften 
mir die Bootsleute, welche immer munter und guter Dinge mit 
kindlichen Spielen und heiteren Scherzen, mit fröhlichem Geplau- 
der und Liebesliedern ihre Arbeit begleiteten. Zudem unter- 
brachen manche kleine VorkommnilTe die Einförmigkeit des 
Tages: dann und wann bekamen wir fchwimmende oder fleh 
fonnende Alligatoren in Sicht, das Spiel der Fifche und Iguanas, 
der Gefang und das Gefieder der Vögel zogen die Aufmerkiam- 
keit auf fleh; bei günftiger Gelegenheit betrieben die Bootsleute 
auch Fifchfang und Jagd und bereicherten unteren Küchenvorrath 
aufser mit mehreren Fifchen mit drei Fafanen und zwei Wild- 
fchweinen. 

Am angenehm ften war ohne Zweifel die Fahrt in den fpäten 
kühlen Abendftunden, wenn die Sonne untergegangen war und 
das Boot zwifchen den nachtdunkeln Gewachten der Ufer auf 
dem im Mondfeheine erglänzenden Fluffe ruhig dahinglitt; leider 
hatte ich nicht volle Mufse, diefe fchönen Augenblicke ganz zu 
geniefsen, denn ich fafs mit Compafs, Uhr und Bleiftift im Boote, 
um bei Laternenfehein den Verlauf der einzelnen Windungen 
aufzuzeichnen. Der Flufslauf ift zwar vor Jahren von mexika- 
nifchen Ingenieuren aufgenommen worden; da aber die Aufnahme 
aus politifchen Rückfichten bisher nicht veröffentlicht wurde, 

5 * 


68 


wollte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen laffen, den Lauf 
des Fluffes wenigftens in groben Umriffen feftzulegen. 

Als ich am 20. Juni am Pafo Tanahi des Rio Subin ankam, 
Stand ich allein da; mein indianifcher Begleiter war von Pafo 
real aus heimgekehrt, um feine Wunde auszuheilen, und damit 
waren alle meine Reifepläne mit einem Schlage durchkreuzt. 
Ein günftiger Zufall aber wollte mir wohl: als ich am Pafo 
Tanahi ankam, waren gerade Saumthiere und Saumthiertreiber 
anwefend, welche mein Gepäck mitnahmen, während ich mit den 
Bootsleuten zu Fufs nach La Libertad ging. Es befindet fich 
hier eine Niederlaffung des Kaufes Jamet & Saftre, welche die 
Gefchäftsleitung über die Holzfällereien des Peten innehat; der 
Chef diefer Filiale, Don Felipe Palenque, empfing mich in der 
liebenswürdigften Weife, und fo geniefse ich denn feither die mit 
grofser Herzlichkeit angebotene Gaftfreundfchaft deffelben. 

La Libertad (indianifch Sacluc) (170m) ift ein von Mifch- 
lingen bewohntes, offenes Dorf, inmitten einer weiten Savane. 
Kein Flufs oder Bach fliefst in der Nähe vorbei; Vieh und Pferde 
werden zu benachbarten Waffertiimpeln zur Tränke geführt, 
während eine Anzahl tiefer Ziehbrunnen die menfchliche Bevöl- 
kerung mit Waffer verforgt. Viehzucht ift neben Maisbau und 
Bohnencultur faft die einzige landwirthfchaftliche Befchäftigung 
der Bewohner; in den Gärten des Dorfes fieht man auch wohl 
etliche tropifche Fruchtbäume angepflanzt, ohne dafs auf deren 
Pflege befondere Sorgfalt verwendet würde. Der Marktplatz und 
die Strafsen des Dorfes find ftill und öde , vom Rafen über- 
wuchert; einfam und verlaffen ift auch die Umgebung der Ort- 
fchaft. Meilenweit nach allen Richtungen hin ift die Landfchaft 
unbebaut und unbewohnt, und der Wanderer, der durch diefe 
Gegenden ftreift, kann fich eines melancholifchen Gefühles kaum 
erwehren. Er findet allenthalben weite, von vereinzelten Baum- 
gruppen und Palmen belebte, grasbewachfene Ebenen, aus 
welchen waldbedeckte Hügelzüge wie Infein hervorragen. Da 
die Regenzeit bereits mit Macht eingefetzt hat, fo bietet diefer 
Wiefenteppich einen recht angenehmen Anblick dar durch fein 
frifches Grün und die mannichfaltigen Blumen, deren Farben 
und Formen eine befcheidene Abwechfelung in der Erscheinung 
der Grasflächen hervorrufen. Da und dort trifft man auch mehr 


— 69 — 

oder weniger ausgedehnte rundliche Waffertümpel an, und es 
läfst fich nicht läugnen, dafs diefe Teiche der Landfchaft einen 
eigentümlichen Reiz verleihen, insbefondere wenn, wie dies 
meift der Fall ift, einige gröfsere Bäume die Ufer fchmücken 
und weidende Viehheerden eine freundliche Staffage bilden. 

Zu diefen ftillen Wafferteichen führen mich gewöhnlich meine 
Spaziergänge, welche ich tagtäglich zu unternehmen pflege; für 
Ausflüge zu den grofsen Seen der Savanen ift leider die Jahres- 
zeit nicht günftig, da feit meiner Ankunft in La Libertad faft 
jeden Abend heftige Gewitterfchauer niedergehen und die Wege 
dadurch rafch in fchlechten Zuftand verfetzt worden find ; zudem 
bin ich durch den Mangel eines eigenen Dieners oder eines 
eigenen Reitthieres fo ziemlich an die Scholle gebunden. So 
verbringe ich denn die Zeit meines hiefigen Aufenthaltes vor- 
zugsweife mit Plaudern und Lefen und warte geduldig, bis fleh 
mir eine günftige Gelegenheit darbietet, auf einem neuen Wege 
nach Coban zurückzukehren. 


Heimkehr vom Peten. 


Lange , lange Tage hatte ich im gaftfreundlichen Haufe in 
La Libertad auf eine Gelegenheit geharrt, entweder über Flores 
und Belize, oder auf dem Ufumacinta und Chixoy nach Coban 
abreifen zu können und allmählich begann ich zu forgen, ob 
überhaupt in Bälde fich die Möglichkeit der Heimkehr bieten 
würde; denn der Landweg nach Coban war in Folge der hef- 
tigen Gewitterregen zum grofsen Theil und vermuthlich auf 
längere Zeit überfchwemmt , fo dafs diefer directe Weg eigent- 
lich für mich verfchloffen war. Als daher mein Freund Don 
Felipe Palenque mir vorfchlug, mit einem feiner Holzvermeffer 
nach den Holzfällereien des Ufumacinta und von dort bei 
Gelegenheit nach den Salinen der neun Berge zu fahren, fo war 
ich alsbald damit einverftanden , denn von den genannten Salz- 
werken war es ja nicht mehr weit nach meiner Adoptivheimath. 
Ich liefs daher den Plan einer Reife nach dem Petenfee*) fallen 
und richtete mich auf die baldige Abreife ein. 

Am i . Juli 1891 verliefs ich in Begleitung des Holzvermefiers 
»Don Porffrio Diaz« das freundliche Dorf und fort gings durch 
die weiten Savanen dem Walde zu. War bis dahin der Weg 
recht gut gewefen, fo wurde er nunmehr alsbald abfcheulich: 
grofse Strecken waren überfchwemmt und bis zum Bauche im 
Waffer flehend watete mein Maulthier, mit den Füfsen vorfichtig 
nach den dann und wann auf dem Boden liegenden Baumflämmen 

*) Erft viel fpäter, 1894, hatte ich dann Gelegenheit, diefen fchönen See und 
das ungemein malerifch auf einer Infel liegende Städtchen Flores, die Hauptftadt 
des Departamento Petdn, kennen zu lernen. 


— 7i — 


taftend, durch die Waffertümpel, um erft auf feftem Boden wieder 
eine fchnellere Gangart anzufchlagen. Mein Begleiter, welcher 
mit dem Wege vertraut war, war vorausgeritten und einfam 
durchzog ich nun die gewaltigen Wälder, bis ich nach mehrftün- 
digem Ritte den Einfchiffungsort, Pafo Tanahi, erreichte, von wo 
aus wir uns nach kurzem Imbifs in das von drei Ruderern bemannte 
Boot »La Flecha« (»der Pfeil«) begaben. Es war ein gutes 
fchnelles Boot, das feinem Namen Ehre machte, leider aber war 
es zu klein, als dafs mein Begleiter und ich bequem unter dem 
Zeltdache Platz gefunden hätten, und fo mufste ich denn ftunden- 
und tagelang mit krämpfigen Gliedern auf engbefchränktem Platze 
fitzen. Ich merkte bald, dafs es nun vorbei war mit den ver- 
gnügungsreichen Fahrten, welche ich bisher auf den Strömen 
des Peten gemacht hatte, denn die inzwifchen eingetretene Regen- 
zeit ift ein Feind des Reifenden und bringt ihm viele Unannehm- 
lichkeiten mit. Hunderte von Mosquitos fchwärmten nun durch 


unfer Boot und plagten uns den lieben langen Tag, und in den 
Nächten konnte mein müdes Auge kaum den erfehnten Schlaf 
finden, da ich mich unvorfichtiger Weife ohne Mosquitonetz in 
diefe Gegenden gewagt hatte, wo während der Regenzeit 
Milliarden kleiner geflügelter Satane an den Ufern der Flüffe 
oder im feuchtwarmen Dunkel des Waldes auf den arglofen 
Wanderer harren. War mir auf der Herfahrt allezeit Sonnen- 
fchein befchieden gewefen, fo wurden wir nunmehr dann und 
wann von heftigen Regengüßen heimgefucht, und in der Nacht 
des zweiten Juli machten wir, unter dem Zeltdache des Bootes 
zufammengekauert, ein Gewitter mit, desgleichen ich noch niemals 
zuvor erlebt hatte. Furchtbar krachte und rollte der Donner 
der Wind fuhr durch die rief, gen Baumwipfel der Wälder mit 
lautem Getofe und grelle Blitze erleuchteten für Momente taa- 
hell die nachtgraue Umgebung, fo dafs man wenigftens für 
Augenblicke die Ufer des Fluffes erkennen konnte. Sonft war 
aber che Nacht fo finfter, dafs der Bootsführer zuletzt nicht 
mehr ficher wufste, ob er ftromab- oder ftromaufwärts fahre, denn 
m der finfteren Nacht hätte er auf dem träge dahinfliefsenden 
reiten Strome (Rio de la Pafion) an einer der zahlreichen fcharfen 
Windungen leicht eine allzu fcharfe Wendung machen und 
dadurch wieder umkehren können. Sorgenvoll ruderten deshalb 


— 72 — 

die Bootsleute triefend vor Näffe im ftrömenden Regen weiter 
und begrüfsten mit lautem Jubel das einfame Licht von Plancha 
de Piedra, wo wir nach Mitternacht ankamen und gaftliche Auf- 
nahme fanden. 

Wenn übrigens das Reifen nun recht befchwerlich war, fo 
war ich doch der beften Hoffnung und vollauf befriedigt; denn 
die Schönheit der Landfchaft, insbefondere der herrlichen Vege- 
tation, vermochte kein Unwetter zu vernichten und zudem hatte 
ich das Glück gehabt, von der Holzfällerei La Union aus, eine 
der wenigen noch beftehenden Anfiedelungen der heidnifchen 
Lacandon (am See von Izan) befuchen zu können (2. Juli 1891). 
Mit Freude und Genugthuung begrüfste ich auch am 3. Juli den 
hoch angefchwollenen, Schaum, Bimsftein und Baumftämme daher- 
wälzenden Rio Chixoy, welcher fich mit dem trägen Paffions- 
fluffe zum Ufumacinta vereinigt und pfeilfchnell fuhren wir nun 
inmitten der Hauptftrömung des letztgenannten mächtigen 
Stromes abwärts, an der Mündung des Lacantun vorbei, zur 
Holzfällerei Conftancia. Der Chef derfelben, Don Joaquin Cetina, 
welcher mir in der Folge ein lieber Freund geworden ift, empfing 
uns in zuvorkommendfter Weife und bald fühlte ich mich hei- 
mifch in feinem Haufe , wo ich eine hübfche kleine Bibliothek 
vorfand. Welch ein Glück, dafs ich hier etwas zu lefen fand, 
denn die projectirten geologifchen Studien waren durch die hoch 
angefchwollenen Flüffe und durch ausgedehnte Ueberfchwem- 
mungen unmöglich gemacht; in dem Dickicht des nahen Waldes 
hörten bald alle Wege auf und fo wäre ich denn auf das Haus 
angewiefen gewefen, auch wenn nicht faft täglich der wolken- 
bedeckte Himmel uns mit reichlichem Regen bedacht hätte. Mein 
Aufenthalt in der Conftancia follte nur wenige Tage dauern, 
während welcher Don Porffrio auf einer benachbarten Holz- 
fällerei Holz meffen follte; Fiebererkrankungen der dortigen 
Beamten hielten ihn aber viel länger, als vermuthet, auf und 
ungeduldig harrend ftand ich indeffen alle Tage am Ufer des 
Ufumacinta, von Stunde zu Stunde nach dem erwähnten Boote 
ausfpähend. Vergebens, ich war gefangen! vor mir der gewal- 
tige reifsende Strom, hinter mir der pfadlofe Urwald, um mich 
her einige armfelige blättergedeckte Holzhütten ; ich kam mir 
vor wie ein Vogel, der zwar fich der Freiheit erfreut, dem aber 


— 73 — 

die Schwingen gelähmt find. Zu all dem kam noch, dafs mein 
Freund Don Joaquin, ebenfo wie mehrere andere Angeftellte der 
Holzfällerei, an Fieber erkrankten; mehrere kleine Kinder ftarben 
an Fieber, die Stimmung war allgemein eine gedrückte und mit 
Sehnen gedachte ich der Heimkehr, welche mich aus der etwas 
unheimlichen, ungefunden Gegend nach der fchönen gefunden 
Mia Verapaz bringen follte. Wenn ich es freilich mit anfah, 
wie die Holzarbeiter manchmal bis zur Bruft im Waffer ftanden, 
wenn fie die bearbeiteten Mahagoniftämme durch die über- 
fchwemmten Niederungen zum Fluffe brachten, fo konnte ich 
mich allerdings über das heftige Auftreten von Malaria-Erkran- 
kungen nicht wundern und ftaunte nur, dafs fich immer wieder 
Leute finden, welche diefe zwar lohnende, aber höchfl: anftren- 
gende und ungefunde Befchäftigung wählen. 

Die Arbeiter der Holzfällern find grofsentheils zufammen- 
ge aufenes Gefindel, das nur durch eine eiferne Zucht zufammen- 
gehalten werden kann und bei der weiten Entfernung von allen 
Dörfern, von jeglieher ftaatlicher Behörde ift der Chef der Holz- 
fallere, ganz auf fich felbft angewiefen; er ift ein kleiner König 
m fernem Bereiche, er ift oberfter Richter und Verwaltun^- 
bearnter, er ,rt Arzt und Anwalt, er bindet und lört dte (wilde 6 ,,) 
hen welche auf einer Holzfällerei gefchloffen werden; erwacht 
darüber, dafs die Arbeiter von ihren Frauen zur Zeit den nöthi 
gen Mundvorrath erhalten und theilt ihnen die entfprechenden 

^ “r- “ Ober Ordnung u^d Sfttlil 

felbft mit S ÄtT Vergehe " ICh h3be “ 

geneitfcht „nH i Con Fancia ein Arbeiter durch- 

“zunr z : n gL Kette gelegt ^ 

BllH ^ 17 ^.^" endUch Don Porflri ° wieder auf der 
fie vor der "coTftanci^anlegte^ um mth ’wLt" ^ 

™hle“fTh:L b .uX e "' d " F p r ‘ 

wieder ruhiger im flachen T , ’ ^ ann die Fahrt 

“ ““ » *» i.i». isr: “z 


— 74 — 

Ruinen von Menche Tinamit (Lorillard City), welcher mir zeit- 
lebens in angenehmer Erinnerung bleiben wird: waren es doch 
nächft Quiriguä die erften gröfseren indianifchen Ruinen, welche 
ich zu Geficht bekam, und mit Staunen und Bewunderung 
betrachtete ich die maffigen Tempel und Bauwerke mit ihren 
eigenartigen Innengemächern und fauber ausgeführten , vortreff- 
lich erhaltenen Basreliefs. Schweigfam wölbt fich über diefen 
ernften Zeugen einer untergegangenen Cultur der gewaltige 
Blätterdom des Urwaldes; Sträucher und Bäume wachfen aus 
den Ritzen der Bauwerke hervor; in fchlanker graeiöfer Linie 
fchlingen fich Lianen zu den Gipfeln der Bäume empor oder 
umfchlingen in freundlicher Umarmung die kalten Steinbauten, 
deren Fufs prächtige Palmen entfpriefsen; es ift ein eigenartiger 
Gegenfatz zwifchen der geftaltenvollen Schönheit der lebendigen 
Pflanzenwelt und den fteifen Linien der menfchlichen Bauwerke, 
eine melancholifche Ruhe breitet fleh über das ganze Bild; nichts 
rührt fleh in dem gewaltigen Walde , und nur wenn man ins 
Innere der Gemächer eindringt, fliegen flatternd ganze Schaaren 
von Fledermäufen dem unerwarteten Eindringling entgegen. 
Weifs Gott, hier ift ein Ort zum Träumen, zum Sinnen und 
Nachdenken über die Vergänglichkeit alles Irdifchen und doch 
wirkt die Schönheit und Lebensfülle der Pflanzenwelt wie tröftend 
und verföhnend, wenn die Betrachtung der Ruinenftätten trübe 
Gedanken erweckt. 

Nur fchwer trennte ich mich von dem herrlichen Stück Erde, 
und doch freute ich mich, als nun das Boot ftomaufwärts fuhr, 
denn es ging nun ja der Heimath zu und nach kurzem Aufent- 
halte in den Holzfällereien Defempeno und Conftancia verliefsen 
wir am 30. Juli Conftancia, um nach den Salinen der neun Berge 
zu fahren. Wir hatten an Stelle der leichten »Flecha« ein 
gröfseres Boot nehmen müffen, da Don Porffrio Salz zurück- 
bringen follte, und kamen deshalb noch langfamer voran, als es 
fonft der Fall gewefen wäre. So rafch nämlich in der Regen- 
zeit die Thalfahrt vor fleh geht, fo langfam geht dagegen die 
Bergfahrt; mit Rudern kann man gegen die Strömung nicht 
ankämpfen, und fo fährt man denn an dem Ufer hin, welches 
gerade die fchwächfte Strömung zeigt; dabei wird das Boot 
mittel ft fehr langer Ruder durch Abftofsen vom Grunde oder 


- 75 - 

an den am Ufer flehenden Bäumen fortgefchoben ; wenn nun im 
Verlaufe der Windungen die Strömung auf einer Seite zu ftark 
wird, fo fetzt man an das andere Ufer über, wobei begreiflicher 
Weife bei der Stärke der Strömung und der Breite des Flufles 
wieder eine anfehnliche Strecke Weges verloren wird. Wenn 
das grofse Boot unfere Fahrt auch verlangfamte , fo hatte es 
doch den Vortheil, dafs Don Porffrio und ich nun fehr bequem 
Platz neben einander unter dem Zeltdache hatten, und da ich 
mir im Defempefio ein Mosquitonetz hatte anfertigen laffen 
können, fo reifte ich nun mit weit mehr Bequemlichkeit als 
zuvor. Wenn ich aber auch des Nachts Ruhe vor diefen Plage- 
geiftern hatte, fo konnten fie mich bei Tage um fo mehr quälen, 
da fie jetzt in viel gröfserer Zahl ins Boot kamen, als vorher 
bei der Thalfahrt, wo wir in der Mitte des breiten Stromes 
gefahren waren. Bald flellte fich aber noch eine neue Unan- 
nehmlichkeit heraus: wir bemerkten nach den erften Tagen nach 
unterer Abreife, dafs wir nicht genügend verproviantirt waren, 
und da ein Verfuch, in Plancha die Vorräthe zu ergänzen, fehl 
fchlug, fo mufsten wir eben unfere Mahlzeiten einfchränken und 
mit knurrendem Magen fafsen wir nun Tag für Tag im Boote, 
das uns langfam unterem Ziele näher brachte. 

Als Proviant für die Bootfahrten benutzt man trockenes 
Fleifch, Reis, fchwarze Bohnen und Totopofte (getrocknete Mais- 
kuchen, welche Monate lang auf bewahrt werden können und 
geröftet recht wohlfchmeckend find). Fleifch war uns längft aus- 
gegangen, von Reis und Bohnen hatten wir noch einen befchränk- 
ten Vorrath, Totopofte war in genügender Menge vorhanden. 
Früh Morgens um 4 Uhr pflegten wir Kaffee zu trinken und uns 
einige Totopoftes zu röften. Mittags gegen 12 Uhr tranken wir 
etwas Pofol (d. h. kaltes Waffer mit Maisteig vermifcht) und 
gegen Abend hielten wir unfere Hauptmahlzeit ab, welche 
abwechfelungsweife — neben Totopofte — aus Reis oder aus 
gekochten fchwarzen Bohnen beftand. Ich bewundere noch jetzt 
die Bootsleute, welche bei diefer fpärlichen Koft den lieben 
langen lag, ohne Ruhepaufe, ihrer fchweren Arbeit nachgingen. 
Obgleich ich felbft keinerlei Arbeit zu thun hatte, fühlte ich 
doch oft nagenden Hunger und fehnte mich, offen geftanden, 
nach den Fleifchtöpfen Cobans. Ich fchmeichle mir, weder ver- 


— 76 — 

wohnt, noch weichlich, noch auch befonders materiell gefinnt zu 
fein, und doch merkte ich hier fehr wohl, wie viel beim Menfchen 
vom materiellen Wohlbefinden abhängt, und wie Unrecht man 
thut, diefem Umftande fo wenig Bedeutung beizumeffen. Der 
Reifende, welcher die Wildniffe unter Entbehrungen und Müh- 
falen durchzogen hat, befchreibt diefe hernach oft in humori- 
ftifcher Weife, da er in der Erinnerung fich oft fchämt, von 
materiellen Einflüffen fo fehr beeinträchtigt worden zu fein, und 
deshalb vielfach die ganze Sache in einem Anfluge von Selbft- 
fatyre ins Lächerliche zieht. 

Da der Unterlauf des Rio Chixoy ganz unbewohnt ift, fo 
fchliefen wir des Nachts gewöhnlich irgendwo im Walde am 
Ufer des Fluffes, oder auch in den verlaffenen Hütten von Holz- 
fällereien, welche vor noch nicht zu langer Zeit von ihrem 
damaligen Ort nach anderen, noch nicht ausgebeuteten Gebieten 
verlegt worden waren. 

Am 6. Auguft erreichten wir die erfte menfchliche Anfiede- 
lung am Chixoy: S. Elena, wo wir bei einem Neger Unterkunft 
fanden und zum erften Male feit langer Zeit wieder einmal in 
Früchten (Bananen) fchwelgen konnten; am nächften Abend 
(7. Auguft) hatten wir fogar in der kleinen Anfiedelung El Limon 
das Glück, je ein Spiegelei vorgefetzt zu bekommen, und als 
wir zwei Tage fpäter in den Salinen der neun Berge ein wirk- 
liches gebackenes Huhn verfpeifen durften, da fchien es mir, als 
ob ich mein Leben lang noch niemals fo aufserordentlich gut 
gegeffen hätte. 

Sonft aber ward mir in den Salinen keine gute Kunde: mein 
Bruder hatte mir einige Indianer entgegen gefchickt, um mich 
und mein Gepäck abzuholen; da ihnen aber allmählich die Mund- 
vorräthe ausgingen, fo waren fie gerade am Tage vor meiner 
Ankunft heimgegangen und ich ftand nun einfam und verladen 
da. Der Verwalter der Salinen bot mir aber freundlicher Weife 
einen Indianer als Führer an, und fo konnte ich, mit fpärlichem 
Mundvorrathe verfehen, am folgenden Morgen (10. Auguft) den 
Heimweg antreten. Der Weg führte durch prachtvolle Urwälder 
dahin und bot keinerlei Schwierigkeiten, da es glücklicher Weife 
kurz vorher wenig geregnet hatte , und der Weg daher nicht 
iiberfchwemmt war. Die Bäche und Flüfle waren allerdings ftark 


- 77 — 

angefchwollen, aber auf hinübergelegten Baumftämmen als impro- 
vifirten Brücken waren fie verhältnifsmäfsig leicht zu überfchreiten. 
Dagegen regnete es alle Tage mit grofser Regelmäfsigkeit, und 
da ich meinen Mantel dem Indianer als Schutzhülle für mein 
Gepäck gegeben hatte, fo wurde ich alle Tage gründlich durch- 
näfst. Um nun trocken fchlafen zu können, wechfelte ich Abends 
die Kleider und fchlüpfte am anderen Morgen wieder in meine 
naffen Kleider, um für die nächfte Nacht trockenes Zeug zu 
haben. 

Endlich am Abend des 12. Auguft erreichten wir die Kaffee- 
plantage Cubelguitz (300 m), von wo aus ich am nächften Morgen 
zu Pferde nach Coban weiter reifte. Wie herrlich erfchienen 
mir die tiefgrünen Kaffeepflanzungen und die ausgedehnten Mais- 
felder, an welchen mein Weg vorbeiführte, wie freundlich blickte 
mich das ganze, wohlbebaute Gelände an mit feinen malerifch 
darin zerftreuten Indianerhütten; wie trefflich erfchien mir auch 
der Reitweg, wie erfrifchend, ja fall: zu kühl, die Luft nach der 
Treibhausatmofphäre der letzten Monate. Und wie fchön erft 
war das Wiederfehen mit meinem Bruder, wo ich ganz unerwartet 
eintraf, als die ganze Familie gerade an wohlbefetztem Tifche 
beim Abendeffen war! Man glaubt es nicht, wie angenehm nach 
einem Aufenthalte in der Wildnifs europäifche Cultur, und vor 
AHem der Zauber des Familienlebens berührt und wie behaglich 
flchs nach der Arbeit und den erlittenen Entbehrungen im hei- 
mathlichen Haufe ruhen läfst. 


Die Vulkane der Republik Guatemala*). 

(Hierzu Karte Nr. i.) 


Vulkan von Ipala 1630m. 

Häufig hatten mich auf meinen Wanderungen in verfchiede- 
nen Gebieten Guatemalas die fchönen Geftalten der zahlreichen 
Vulkane zu einem Befuche heraus’gefordert und je länger es 
anftand, ehe ich dem Wunfche meines Herzens Folge leiften 
konnte, defto ftärker wurde auch meine Sehnfucht, diefe herr- 
lichen Berge näher kennen zu lernen; als ich im Januar 1892 
auf einer Reife im füdöftlichen Guatemala in die Nähe eines 
Vulkans kam, befchlofs ich daher alsbald, denfelben aufzufuchen. 

Der Vulkan von Ipala, welchem mein Befuch galt, ift ein 
verhältnifsmäfsig niedriger Berg, welcher fich inmitten einer 
keffelförmig geftalteten Hochebene von etwa 800 m mittlerer 
Höhe erhebt und ("nach meiner barometrifchen Beftimmung) eine 
Höhe von 1630 m erreicht. Trotzdem bietet der Berg eine fehr 
impofante Erfcheinung durch die Schönheit der Form und feinen 
maffigen Bau; den mächtigen Krater nimmt ein fehr regel- 
mäfsiger ovaler See ein, deffen Längsachfe etwa 1 km mifst. 
Die Hänge des Berges find ltellenweife mit fpärlichem Baum- 
wuchfe (meifi; Fichten) bewachfen, im Uebrigen aber abgeholzt 
und als Pferdeweide benutzt, da und dort auch trotz der Steil- 
heit der Hänge dem Maisbau gewidmet. Die Umwallung des 
Kraters nehmen fchöne Eichenbeftände mit mächtigen Baum- 
riefen ein. 

Wir befinden uns hier im Inneren der Republik Guatemala; 
die von den Meeren kommenden Luftftrömungen, bereits früher 
des gröfsten Theiles ihrer Feuchtigkeit beraubt, bringen hier 

*) cf. Globus Bd. 64 (1893), S. 1—5 und 27—31. 


- 79 - 

nur wenig Niederfchläge hervor und ermöglichen nur auf den 
Bergkämmen und an günftig gelegenen Hängen zufammenhän- 
gende Wälder, während in den tiefer liegenden Ebenen der 
Charakter der Vegetation fteppenhaft wird. Auch am Fufse 
des Vulkans von Ipala breitet lieh eine Art Strauchfteppe aus, 
wo zwifchen dürrem Dorngeftrüpp, Cacteen, Crescentia- Bäumen 
und Grasbüfcheln allenthalben das fchwarze vulkanifche Geftein 
zu Tage tritt. 

Vom Dörfchen Calvario (830 m) aus wanderte ich am 


26. Januar 1892 früh Morgens mit einem indianifchen Begleiter 
dem Fufse des Berges zu, wo wir gegen 9 Uhr Morgens ankamen; 
ohne Weg fliegen wir die fteil geneigten Hänge hinan und 
erreichten gegen 11 Uhr Vormittags den Gipfel des Berges. 
Die Befteigung war ftellenweife etwas mühfam, da auf diefer 
Seite des Berges wenig feftes Geftein anfteht und der gröfsere 
Theil des Hanges aus lockerer Afche gebildet ift. Die Vege- 
tation, welche in regenreichen Gegenden Guatemalas wegen ihrer 
Ueppigkeit dem Bergfteiger hinderlich wird, bietet wenige Hemm- 
niffe, fchützt aber auch den Wanderer nicht gegen die Strahlen 
der Sonne und fo hat mich denn die kleine Tour manchen 
Schweifstropfen gekoftet. Wer etwa, wie ich früher einmal, an 
einem fchonen Augufttage um die Mittagszeit den Afchenkegel 

des Vefuv zu Fufs erfliegen hat, wird fleh gut in meine Lage 
verfetzen können. 

Die Ausficht, welche fielt mir auf dem Gipfel des Berges 
darbot, war aber fo fchön und eigenartig, dafs ich die Anftren- 
gungen des Anftieges rafch vergafs und lange Zeit in ftillem 
Frftaunen den prächtigen Anblick genofs. Gegen Norden hin 
allerdings hinderten dichte Wolken, die über den Bergkämmen 
agerten, die Ausficht vielfach; um fo reiner und fchöner war 
aber der Blick nach Well und Süd, wo ein grofser Theil von Süd- 
guatemala und San Salvador (ich zu den Füfsen des Befchauers 

ausdehnt, während von Often her u u u 

Hpr p , ... „. , en ner etliche hohe Bergeshäupter 

der Republik Honduras herüberwinken. In friedlicher Stille lag 

hdifTVr t da ’ ffi “ a “ Ch * zahlreichen unter 

Vulk h ' T fiCh ^ manni S fach geformten, fchonen 
Vulkanbergen verkörpert haben, felbft der ruhelofe Izalco in, 

ahen Salvador hatte für ein Weilchen feine Thätigkeit eingertellt 


8o 


aber nur für kurze Zeit, dann fliegen wieder mächtige fchwarze 
Rauchwolken aus feinem Schlunde hervor und erinnerten inmitten 
der herrfchenden Ruhe der gefammten Natur an die Gewalten, 
welche das Innere der Erde beherbergt. Stille aber und lachend 
blickte aus der Tiefe der grofse See von Güija herauf, deffen 
Ausdehnung und fchön geflaltete Ufer die Aufmerkfamkeit auf 
f ich lenken, und wenn das Auge des Befchauers müde von dem 
Sonnenglanze fich abwendet , findet es an dem regelmäfsig 
geftalteten Kraterfee mit feinen träumerifch dunkeln Waffern 
einen Ruhepunkt, welcher wieder Reize ganz anderer Art in fich 
birgt und aufs Neue den Befchauer feffelt. 

Endlich rifs ich mich von dem Zauber los, welchen die 
prachtvolle Ausficht auf mich ausübte, und trat den Heimweg 
an. Ich flieg zum Kraterfee (1480m) hinunter, deffen Spiegel 
fich nur 3 m unterhalb der tiefflen (füdweftlichen) Einfenkung 
der Umwallung ausdehnt, wanderte dann über alte Lavaflröme 
nach dem Dörfchen Monterico (1150 m), erflieg den gleich- 
namigen parafitischen Vulkankegel (1300 m) und kehrte dann 
nach Calvario zurück, wo ich Nachts gegen 8 Uhr ankam. 

Am näcliften Morgen trat ich darauf den Heimweg nach 
Coban an , wandte aber häufig meine Augen nach dem fchönen 
Vulkan zurück, der durch feine exponirte Stellung eine Ausficht 
von fo hervorragender Eigenart und Schönheit gewährt, und im 
Herzen nahm ich mir fefl vor, dafs meine nächfle Reife den 
gewaltigen Vulkanen gelten follte, welche in langer Reihe am 
Südabfalle der Küflencordilleren von Guatemala aufragen. 


Tacana 3990m. 

Nach langen Unterhandlungen war es mir Anfangs Juni 1S92 
gelungen, drei Träger für die in Ausficht genommene Reife zu 
bekommen und am 13. des genannten Monats marfchirte ich, 
wie gewöhnlich zu Fufs, mit denfelben von Coban (1320 m) ab, 
meinem fernen Ziele zu. Die Sommerregenzeit hatte fchon mit 
Macht eingefetzt und verfolgte uns mit fafl alltäglich fich wieder- 
holenden Regen güffen ; allein da die Indianer in den vorauf- 
gegangenen trockenen Monaten ihre Maisfelder zu beflellen 
pflegen, fo hatte ich nicht früher Träger bekommen können. 


8i 


Am 14. Juni überfchritt ich den Rio Chixoy (630 m), erreichte 
am 15. Juni S. Miguel Ufpantan (1800m), am 20. Juni S. Cruz 
del Quiche (2020m), am 23. Juni Huehuetenango (1880m) und 
begann darauf die Altos Cuchumatanes (Sierra Madre von Guate- 
mala) hinanzufteigen. Von S. Yfabel (2370m) aus erblickte ich 
(am 26. Juni) zum erften Male auf diefer Reife die prachtvollen 
Vulkankegel des Tacanä und Tajumulco und begrüfste fie mit 
lebhattei Freude. Ich hatte den fchönen Anblick diefer Berge 
von früheren Reifen her noch wohl in der Erinnerung und 
bemerkte daher eine kleine Aenderung fofort, welche fich in 
diefer Jahreszeit geltend machte: am Nordofthange des Taju- 
mulco zog fich ein langes Schneefeld herunter, im Sonnenfehein 
glänzend, ein Anblick, der mich mit eigenthümlichen Gefühlen 
■erfüllte, denn feit meiner Abreife von Europa (1888) hatte ich 
nie mehr Schnee gefehen! 

Rafch rückten wir von S. Yfabel unferem Ziele näher. Ueber 
einen Pafs von 2550m Höhe wanderten wir nach S. Pedro Necta 
(1550m), Überfchritten bei Trapichillo den Rio Saleguä in 1150m 
Hohe, dann -gings über eine ungemein fteile Bergkette der Sierra 
Madre (Pafshöhe 2910m) nach Cuilco (1210m), über das Dorf- 
c en Canzal (2330 m) und den Canivalflufs (1340 m) nach Teatitan 
(2180 m), und in früher Morgenftunde erblickten wir am nächften 
age von der nahen Pafshöhe aus (2480 m) die Stadt Tacanä 
und ein gut Stück weiter im Hintergründe den riefigen Ke^el 
des Tacanä in einfamer Gröfse, da die Höhenzüge der Küft^n- 
cordilleren feinen Nebenbuhler verdeckten. Gegen Norden und 
*7 Ofen fällt die Profillinie ungebrochen und fiel, 

lehret I b r d "rT ^ ^eigter G ™‘ ™t 

hreren Abfatzen fiel, gegen die Kürtencordilleren hin erftreckt 

Tncanttsoti '° u, V ° rmitta e s hatt “ wir das Städtchen 
blieben ' W ° ’* WS ZUm "«»ften Morgen ver- 

e en R U A “"T VerPr ° Viantircn und ™en Führer zu enga- 
Z w .® e,des 7 eIan g freilich in nicht fehr zufriedenftellfn 
der We.fe, und in der Morgendämmerune des , teilen- 

wir mit unferem Führer, einem Soldaten °dic Stadt kf w” 

Sapper, Das nördliche Mittelamerika. C & IITlmei me hf alpinen 


Charakter an. Wir kommen (oberhalb 2700 m) an fteiler geneigte, 
mit Felsblöcken überfäete Hänge, welche niedriger Rafen mit 
Moofen und kleinen Blumen bedeckte; dann nimmt den Wanderer 
lichter Hochwald auf, deffen Beftände fich zum gröfseren Theil 
aus langnadeligen Kiefern, zum kleineren aus Tannen und etlichen 
wenigen Laubbäumen zufammenfetzen; Vaccineengebüfch oder 
niedriger Rafen bedeckt den Boden im Schatten des Waldes. 
In 3290 m Höhe erreichten wir den Kamm eines im Halbkreife 
um den Vulkan herumftreichenden Grats und ftiegen nun zu der 
Einfenkung ab, in welcher die letzte menfchliche Wohnftätte 
(Haciendita 3000 m) fich befindet. Es find einige malerifche zer- 
ftreute Indianerhütten inmitten von Pferde- und Schafweiden, 
Kartoffel- und Weizenfeldern. Ehe wir noch die Hütten von 
Haciendita erreichten, war unfer famofer Führer fpurlos ver- 
fchwunden; ich war im Grunde genommen froh, den läftigen, 
lügenhaften Menfchen los zu fein und machte mich mit meinen 
Indianern daran, eine Unterkunft zu fuchen. Da aber die dort 
wohnenden Indianer kein Wort Spanifch und wir kein Wort ihrer 
(Mam-) Sprache verftanden, fo war guter Rath theuer und wir 
quartirten uns eben, ohne zu fragen, in einer armfeligen Schaf- 
hiitte ein, wo wir wenigftens Schutz vor dem bald ausbrechenden 
Unwetter fanden. Den gröfsten Theil des Nachmittags und der 
Nacht dauerte das Unwetter fort; bald gefeilte fich auch heftiger 
Wind hinzu und diefer mag nebft der verdünnten Luft Schuld 
daran getragen haben, dafs ich in diefer Nacht, fowie beim 
Anftiege am nächften Morgen etwas an Athembefchwerden litt; | 
es ift dies das einzige Mal, dafs ich Spuren der Höhenkrankheit 
an mir bemerkte; bei den fpäteren Vulkanbefteigungen habe ich 
nichts mehr davon verfpürt, da fich mein Organismus bereits 
beffer dem veränderten Luftdruck angepafst hatte. 

Als ich am Morgen des 2. Juli erwachte, brach gerade der 
Tag an und fo rafch als möglich beendete ich meine Vorberei- 
tungen, um in Begleitung eines meiner indianifchen Träger den 
Vulkankegel zu erfteigen. Ich zählte hier wie bei allen folgen- 
den Bergreifen die Zahl der Schritte ,. nahm mit dem Compafs 
den jeweiligen Richtungswinkel auf und zeichnete dies alles nebft 
der entfprechenden Höhencote (die ich meinem Aneroid ent- 
nahm) auf, um an der Hand diefer Aufzeichnungen bei der Heim- 


— 

kehr wieder den richtigen Weg finden zu können, eine Methode, 
die fich auf meinen Reifen aufs Befte bewährte und mich manch- 
mal vor dem Fehlgehen im Nebel bewahrt hat. Ich hatte zwar 
einen meiner Kekchi- Indianer bei mir und ich möchte nicht ver- 
faumen, dem ausgezeichneten Ortsfinn und der fcharfen Beobach- 
tungsgabe meiner indianifchen Begleiter die vollfte Gerechtigkeit 
wiederfahren zu laffen. Wie oft war ich fchon mit denfelben im 
Urwalde umhergegangen und ftets hatten fie mich, da fie beim 
Hinwege fich gewiffe Merkmale einprägten, z. B. wie fpielend 
einige Zweige oder Blätter abknickten oder dergleichen, mit 
untrüglicher Sicherheit denfelben Weg zurückgeführt! Aber das 
war in den regenfeuchten Wäldern ihrer Heimath gewefen. Auf 
hohe Berge waren fie noch niemals gekommen; dort bot die 
fpärlichere Vegetation minder gute Anhaltspunkte und zudem 
herrfcht in folchen Höhenlagen häufig genug dichter Nebel, 
welcher die bellen Merkmale dem Auge zu entziehen vermag 
Auf Nebel aber mufsten wir uns bei allen künftigen Bergreifen 
gefafst machen, denn wenn auch fall alle Tage in prächtiger 
larheit anbrachen, fo pflegten doch mit aufserordentlicher 
Regelma sigkeit gegen 9 Uhr Vormittags dichte Wolken aus 
den Thalern aufzufteigen und die Berge einzuhüllen; in den 
frühen Nachmittagsftunden pflegte dann der Regen einzufetzen 
um in der erften Hälfte der Nacht wieder aufzuhören und für 
kurze Zeit fchonem Wetter Platz zu machen. 

Unter, folchen Um Händen hielt ich es für gerathen mich 

und ”T e freme' kanb h fteigUngen nUr ^ mi ° h allein zu verfallen 
und ich freute mich, meine früher gerammelten Erfahrungen 

W. der einmal praktifch verwerten zu können. Die Bergreifen 

eiche ich in den Alpen gemacht, gehören zwar durchaus nichi 

thet” fC, r?, r,geren ; ^ iCh ab « -ift ohne Führer "m 
heil.? auch allein unternommen Int-fp zu u u • i • 5 

gewiffe Sicherheit im Wegefinden und Un hh- T" ^ e " ,e 
der Hülfe erworhen . , Unabhängigkeit von frem- 

gekommen ift. Ich’ wdlsTohT daf fCh °" ° ft 2U G “ te 

kreifen das führerlofe Gehen vielfach fch"’f T ° Uriften - 

für viele Fälle gewifs mit Recht l verurtheiIt wird und 

nicht zu leugnen, dafs der Alleingang gerfde^eTl^ 
nur auf feine eigene Kraft gehe, ft i ft 6 ,„fd mh 


6 * 


- 8 4 - 

Hülfe rechnen kann , viel genauer alle Schwierigkeiten und 
Gefahren in ihrer richtigen Gröfse und Tragweite kennen lernt 
und daher nicht nur felbftändiger und findiger, fondern zu guter- 
letzt auch vorfichtiger werden wird, als derjenige, welcher nur 
am Gängelbande der Führer die Bergwelt durchzieht. Doch 
genug davon! 

Am 2. Juli Morgens 6 Uhr brach ich mit einem meiner 
indianifchen Begleiter auf und flieg ohne Weg (teil aufwärts, 
dem oben erwähnten Südoftgrat folgend, deffen Gratzinken wir 
nach links umgingen. In 3100 m Höhe blieben die letzten kleinen 
Getreidefelder zurück, in 3550m die letzten Tannen, in 3630m 
die letzten vereinzelten Laubbäume und als wir nach 3 1 / 2 ftün- 
digem, von wenigen Kletterpartien unterbrochenem Steigen den 
Gipfel des Berges (3990m) erreicht hatten, fo hatten wir auch 
die Region der Kiefern und damit die Baumgrenze überhaupt 
überfchrittten; aufser Gras und einer gelben Compofite fand ich 
nur noch ein unferem Wachholder ähnliches Gebüfch auf dem 
Gipfel vor. Leider entfprach weder die Ausficht noch die 
Geftaltung des Gipfels meinen Erwartungen. Wir waren oben 
angelangt, als der Nebel bereits in feine Rechte getreten war 
und wenn wir auch vereinzelte weite Blicke nach dem Inneren 
von Chiapas, nach der Küftenebene und der Südfee gewannen, 
fo waren diefe Bilder doch zu fehr abgeriffen, um einen nach- 
haltigen Eindruck hinterlaffen zu können. Auch meine Hoffnung, 
auf dem Gipfel des riefenhaften Berges, der unvermittelt aus der 
pacififchen Küftenebene auffteigt, anfehnliche Spuren noch fort- 
dauernder vulkanifcher Thätigkeit*) zu finden, hatte mich gründ- 
lich getäufcht. Ein eigentlicher Krater fehlt vollftändig, wenn 
man nicht etwa eine im Verhältnifs zur Gröfse des Berges 
lächerlich kleine Einfenkung, nahe dem aus lofen Blöcken auf- 
gebauten Gipfel, dafür anfehen will; Exhalationen von Gafen oder 
Wafferdämpfen konnte ich nirgends finden; dagegen beobachtet 
man 100 m unter dem Gipfel einen deutlichen halbkreisförmigen 
Wall, den Ueberreft eines ehemaligen grofsen Kraters. In dem 
dadurch gebildeten Atrium, in welchem fich einige Pferde umher- 
trieben, befinden fich die Reffe einer Hütte, in welcher die 


*) Eine leichte Eruption hatte 1855 (lattgefunden. 


- 85 — 

Ingenieure der mexikanifch- guatemaltekifchen Grenzcommiffion, 
Später die der transcontinentalen EiSenbahn einige Tage zugebracht 
hatten. Den Gipfel des Berges krönt ein Signal, ein Markstein 
der Grenze zwifchen den Republiken Mexiko und Guatemala. 

In dichtem Nebel verlieSsen wir gegen II Uhr Vormittags 
den Gipfel und kehrten nach Haciendita zurück, wo wir um 
i Uhr im Regen ankamen, um alsbald nach dem Dörfchen Sibinal 
weiter zu wandern. 


Tajumulco 41 20 m. 

Von Sibinal (2580m) führte unfer Weg Steil hinan bis zum 
Hauptkamme der Küftencordillere, auf deffen flachem, breitem 
Rücken wir längere Zeit zu gehen hatten. In 349 ° m Höhe 
überfchritten wir den Kamm, um wieder nach der pacififchen 
Seite hin abzufteigen. In dichtem Nebel wanderten wir durch 
das Dörfchen S. Chriftöbal Ixchivuan (3220 m) und eilten unter 
heftigen Regengüffen der Einfenkung zu, welche das Maffiv des 
Tajumulco mit der Küftencordillere verbindet. Es war Schon 
dunkle Nacht, als wir vor einer der zahlreichen Indianerhütten 
(3020 m) Halt machten und um Unterkunft baten. Der Befltzer 
gewährte uns diefelbe gern, ohne fleh lange zu befinnen und 
machte für mich fofort einen Schemel und einen Platz am 
Feuer frei, damit ich mich erwärme. In der Hütte, welche im 
Ganzen nicht gröfser war als ein geräumiges Zimmer in Deutfch- 
land, häuften zwei vollständige Familien: Vater, Mutter, Schwieger- 
sohn, zwei erwachsene Töchter und einige Enkelchen, aufserdem 
ein halbtaubes Mütterchen. Dazu kam noch ein Indianer mit 
Trau und Kind, welcher zufällig auf Befuch da weilte. Man 
kann fleh denken, dafs es da eng herging in der Hütte, die wie 
die meiften ihres Gleichen nur aus einer einzigen Stube beftand; 
trotzdem aber war es gar gemüthlich an dem warmen Feuer, 
während draufsen der Sturmwind heulte und die fchweren Regen- 
tropfen vom Blätterdache niederfielen. Freilich beizte der Rauch 
zuweilen meine Augen, denn die Feuerftelle ift ohne jeglichen 
Rauchfang, aber es war doch wenigstens warm, während abfeits 
davon der kalte Wind, durch die Ritzen der Wand eindringend, 
mich fröSteln machte. Mit einiger Mühe fand fleh noch ein 


— 86 — 

Plätzchen für mein Feldbett und da fchlief ich dann vortrefflich 
bis zum frühen Morgen. 

Es war noch finftere Nacht, als ich am 4. Juli gegen 4 Uhr 
erwachte: die Indianerinnen waren bereits am Feuer befchäftigt, 
um den Mais für Herftellung der Tortillas vorzubereiten. Rafch 
erhob ich mich, nahm einen kleinen Imbifs ein und machte mich 
mit einem meiner Indianer noch in der Dunkelheit auf den Weg. 
Langfam fliegen wir aufwärts, bis der helllichte Tag anbrach und 
ein fchnelleres Steigen ermöglichte. Wir beeilten uns fo fehr 
als möglich, um noch vor dem Auffteigen der Wolken den 
Gipfel zu erreichen, was uns denn auch gelang. Zunächft (liegen 
wir über einen Lavaftrom hin, dann (teil empor zu einem langen 
Grat (3700 m), auf deffen Schneide wir einen Fufspfad fanden, 
der uns bis zum Gipfelkegel brachte. Dort verloren wir den 
Fufsweg im vulkanifchen Geröll und kletterten eben ohne diefe 
Hülfe direct über die Schutthalden und Felsköpfe zum Gipfel 
empor (Ankunft y 1 /^ Uhr Vormittags). Eine grofse Zahl von 
gabelförmigen Stöcken (deckte dort im Boden: zudem bemerkten 
wir Kohle und zahlreiche, mit runden Löchern durchbohrte 
Scherben, wie fie die Marne-Indianer zum Räuchern zu benutzen 
pflegen. Der Gipfel des Tajumulco fcheint demnach eine Art 
Opferplatz für die (dem Namen nach chriftlichen) Indianer der 
Umgebung zu fein; daher der verhältnifsmäfsig gut begangene 
Pfad auf der Schneide des Grats! Die Indianer geben freilich 
an, dafs fie dort oben Schwefel holen wollten; allein Schwefel 
ift nur in fo geringer Menge zu finden, dafs man die Angabe 
als eine Ausrede anfehen mufs. 

Die Vegetation ill auf dem Gipfel (4120 m) fehr kümmerlich; 
einige Phanerogamen (bes. Gräfer) beobachtet man noch aufser 
Moofen und Flechten, der gröfsere Theil des von Gefteinsblöcken 
überfäeten Bodens ift ohne Spuren pflanzlichen Lebens. Die letzte, 
zwerghaft verkümmerte Kiefer findet fleh in einer Höhe von 
4000m am Südwefthange des Berges; gefchloffene , wenn auch 
lichte Beftände von Kiefern findet man erft unterhalb 3700 bis 



I 

I 


I 




3800 m Höhe. 

Leider herrfchte auf dem Gipfel bei fchneidendem Winde 
eine folche Kälte (-(- 2,2° C.), dafs es uns nicht möglich vai, 
lange hier auszuhalten und die grofsartige, nach allen Richtungen 



- 8 ; - 


hin vollkommen klare Ausficht zu geniefsen. Ich hatte noch 
niemals eine fo weite Rundficht erfchaut, allein ich war, was die 
landfchaftliche Wirkung betrifft, offen geftanden, einigermafsen 
enttäufcht. Die Ausficht vom Vefuv ift zwar in Bezug auf Weite 
des Blickes gar nicht mit derjenigen von Tajumulco zu ver- 
gleichen, aber an landfchaftlicher Wirkung übertrifft fie die 
letztere bedeutend. Der Blick auf das nahe, tiefblaue Mittelmeer, 
auf die fchön gefchwungenen Uferlinien des Golfes von Neapel, 
auf die zahlreichen Infein und Vorgebirge, die Städte und Dörfer, 
Gärten und Landhäufer ift eben von ganz hervorragender Schön- 
heit und Farbenwirkung. Die ungeheure Wafferfläche der Südfee 
dagegen ift zu weit von den Vulkanen Tacanä, Tajumulco u. f. w. 
entfernt, um noch Farbeneffecte zu erzeugen, und die Küfte ift 
viel zu einförmig, um durch die Gliederung der Uferlinien irgend 
welchen nachhaltigen Eindruck zu machen. Landwärts aber ftand 


gleichfalls die Ausficht hinter meinen allerdings hochgefpannten 
Ei Wartungen zurück. Das eruptive Maffengebirge der Küften- 
cordillere mit feinen gerundeten Kuppen liegt bereits zu tief 
und be fitzt zu wenig eigenartige Bergformen, um mächtig zu 
wirken , und das Kettengebirge von Mittelguatemala, obgleich 
an Hohe beinahe ebenbürtig, vermag das Auge nicht zu feffeln 
wegen des einförmigen Verlaufes der Kämme. Der Blick auf 
die zahlreichen, dem Tajumulco an Höhe wenig nachftehenden 
Vulkane ift allerdings von eigenartiger Schönheit, ift aber gerade 
dadurch in feiner Wirkung beeinträchtigt, dafs keiner derfelben 
von diefer noch gewaltigeren Warte aus gefehen, wirklich domf 
n.rt. So ruht denn das Auge mit dem meiften Wohlgefallen 
auf der großartigen Umgebung und auf der nahen Küftenebene 
welche am Fufse des Berges einfetzt und fich fanft gegen das 
Meer hm abdacht. Reizend ift der Blick auf die weifsen Gebäude 
und Trockenplätze der zahlreichen Kaffeeplantagen, welche fich 

abh h Cin h V ° n dem dunklen > grünen Hintergrund 

abheben befonders fchön liegt Porvenir, die Pflanzung der Ham- 

des g B r e^!es ta ^ en ^ e ^ e !^ C ^ a ^ , “ -IdbedeLen Fufse 

des Berges m ungeheurer Tiefe vor dem Befchauer da (mehr 
als 3000 m Höhenunterfchied). 

gekrönten dem mit «*»» Signale 

gekrönten G.pfel ft, egen w,r zun, Krater hinab, um dort an 


88 


einem windfreien Plätzchen die erharrten Glieder an der Sonne 
zu wärmen. Auch mein frugales Frühftück — etwas Wein, 
Schinkenconferven und gekochten Reis, letzteren als Erfatz für 
Brot, das feit einigen Tagen ausgegangen war — legte ich in 
die Sonne, um es vorzuwärmen und mir durch den kalten Imbifs 
nicht zu fchaden. Auf folcher Höhe ift der Unterfchied der 
Temperatur in directer Sonneneinwirkung und im Schatten an 
windfreien Orten auffallend grofs. 

Während mein Frühftück von den Sonnenftrahlen erwärmt 
wurde, ftieg ich in den Krater hinab, wo unter den mächtigen 
Lavablöcken fleh noch etwas Schnee erhalten hatte — ratzam 
li que, »Salz der Kälte«, fagen die Indianer — und beluftigte 
mich nach Jahr und Tag wieder einmal mit Schneeball werfen, 
zum grofsen Erftaunen meines Begleiters, der mich anfah, als ob 
er an meinem Verftande zweifelte. Nach einem längeren Aufent- 
halte im Krater (4070 m) ftieg ich dann zu dem Sattel hinunter 
(3960m), der den Hauptgipfel von dem füdweftlichen Seitengipfel 
trennt; ich beftieg diefen felbft (4020m) und machte mich darauf 
(10 Uhr Vormittags) auf den Heimweg, den wir zum Theil in 
dichtem Nebel zurücklegten. Gegen 1 Uhr Nachmittags hatten 
wir unfer Obdach wieder erreicht und blieben dafelbft des bald 
eintretenden Regenwetters wegen bis zum nächften Morgen. 

Als wir nach einer bitterkalten Nacht am 5. Juli unfere Reife 
fortfetzten, erblickten wir den Tajumulco bis zu einer Höhe von 
etwa 3600 m herunter in blendendweifsen Neufchnee eingehüllt, 
ein prachtvoller Anblick, der mein Herz höher fchlagen machte 
und mir den Tajumulco fo recht als den König der mittel- 
amerikanifchen Berge vorftellte *). 

Cerro Quemado 3230m. 

Am 6. Juli kam ich gegen Abend in ein von den Reften 
eines mächtigen Bergfturzes erfülltes Thal, welches fich weltlich 

*) Der Tajumulco ift in der That — nach Mittheilungen von Herrn Edwin 
Kock ftroh — der höchfte Berg Guatemalas. In früheren Werken findet man für 
viele Berge, namentlich für Acalenango, Agua und Fuego, zu hohe Höhenzahlen 
angegeben. Ich folge hier meinen eigenen barometrifchen Meffungen, welche 
natürlich auch keine völlige Sicherheit gewähren. Neuerdings (1892) haben ameri- 
kanifche Ingenieure die Höhe genau gemeffen , doch ift die Veröffentlichung ihrer | 
Arbeit erft in einigen Jahren zu erwarten. 


— 89 — 

von dem eigenthiimlichen, langgeftreckten Vulkan Cerro Quemado 
befindet. Da ein heftiges Unwetter drohte, befchlofs ich, in einer 
kleinen Indianeranfiedelung (2500 m) am Fufse des Berges Unter- 
kunft zu fuchen. Ich befand mich hier im Verbreitungsgebiete 
der Quiche -Indianer, und da ich auf früheren Wanderungen 
manche unangenehme Erfahrung in Bezug auf die Gaftfreundlich- 
keit diefer Indianer gemacht hatte, fo fchickte ich einen meiner 
Begleiter, der die Quichefprache verftand, voraus, um ein Obdach 
für uns zu fuchen. Derfelbe wurde an mehreren Stellen abge- 
wiefen, fand aber doch endlich — gegen Bezahlung — Unter- 
kunft für uns Alle im Haufe eines älteren, mit zahlreicher Nach- 
kommenfehaft gefegneten Indianers. Von hier aus unternahm 
ich am nächften Morgen mit einem meiner Kekchi- Indianer die 
Befteigung des Vulkans, während ein zweiter meiner Begleiter 
nach Quezaltenango zum Einkäufen von Lebensmitteln gefchickt 
wurde, der dritte aber beim Gepäck zurückblieb. 

Die Erfteigung des Cerro Quemado foll von der Oftfeite 
her leicht fein; von der Weftfeite aus, wo ich fie unternahm, 
kann man dies nicht mit demfelben Rechte fagen: eine gewaltige 
Kataftrophe hat in grauer Vorzeit die weftliche Kraterumwallung 
in einem Bergfturze ins Thal hinabgeführt, und daher befinden fich 
auf diefer Seite mächtige Steilwände, die nicht ohne Schwierig- 
keit zu überwinden find. Auf Heilem, ftellenweife fchwindeligem 
Pfade fliegen wir zum Krater (3080 m) des Berges hinauf, wo an 
zahlreichen Stellen heifse Wafferdämpfe, mehrfach mit Schwefel- 
wafferftoff und Schwefliger Säure vermengt, hervordringen. Ueber 
machtige , lofe über einander gethürmte Lavablöcke fliegen wir 
dann langfam zu der rief, gen Felswand hinan, welche den Krater 
im ften abfehhefst, und nach mehreren vergeblichen Verfuchen 
gelang es uns in einem Kamine diefe Wand zu überwinden, und 
nun von der Oftfeite aus den Gipfel zu erreichen (3230 m) 

bereit Uhr V ° rmi “ ags ' Die Wolken hatten 

benachbarten Berggipfel erreicht und hüllten auch 

uns dann und wann ,n Nebel. So konnten wir die Ausficht nur 
-wo C geniefsen, da und dort eröflhete fich der Blick auf die 
benachbarten Vulkane auf die KUftenebene und einen Streifen 

ge nicht exponirt genug, um eme Rundficht in grofsem 


— 90 — 

Stil zu bieten. Schön ift der Blick auf die nahe Stadt Quezal- 
tenango und die wohlbebauten Niederungen im Norden; am 
intereffanteften aber ift zweifellos der Ueberblick des Berges felbft 
mit feinen wilden Felfenmauern in dem Krater, feinen mächtigen 
Lavafeldern im Norden und Often, den gewaltigen Steilwänden 
im Werten und den freundlichen Matten der Vorberge. 

Gegen ioUhr verliefsen wir den Gipfel, da der Nebel immer 
dichter zu werden begann, und folgten dem Südgrate des Berges, 
in der Hoffnung, einen befferen Abftieg zu finden; aber wir 
kamen vom Regen in die Traufe. Als wir bis zum Ende des 
Grates geklettert waren, fenkten fleh die Hänge mit aufserordent- 
licher Steilheit ins Thal hinunter und wir mufsten hier auf mifs- 
lichem Terrain abfteigen, ohne dafs wir, wie beim Aufftiege, 
ftreckenweife einen Fufspfad hätten benutzen können. Ein 
Holzhauer, den wir in halber Höhe des Berges antrafen, rieth 
uns aufser grofser Vorficht im Allgemeinen noch befondere Vor- 
ficht vor den zahlreichen, in den Klüften des Gefteins häufenden 
Schlangen an. 

Wohlbehalten und ohne nennenswerthes Vorkommnifs 
erreichten wir gegen i Uhr Nachmittags unfer Quartier wieder 
und fetzten nach kurzer Raft unfere Reife fort. 


Santa Maria 3800 m. 

Es war in fpäter Nachmittagsftunde, als ich am 7. Juli mit 
meinen drei Kekchi-Indianern die höchftgelegenen Indianerhütten 
(2760 m) am Nordofthange des Vulkans von Santa Maria erreichte. 
Da der Befitzer gerade nicht anwefend war, warteten wir geduldig 
auf deffen Heimkehr, um ihn um Unterkunft zu bitten. Wir 
warteten erft kurze Zeit, als ein Indianer mit feiner Frau in 
grofser Aufregung auf uns zueilte und uns heftige Vorwürfe 
wegen Eindringens in fein Eigenthum machte; er zeigte deut- 
lich die Abficht, uns hinauszuwerfen, und erft nach langen 
Befchwichtigungsverfuchen und unter Aufbietung aller meiner 
Beredtfamkeit gelang es mir, den Mann zu beruhigen und von 
ihm die Erlaubnifs zum Uebernachten zu erhalten. Als feine 
Frau dies hörte, begann fie heftige indianifche Wechfelreden mit 
ihrem Manne und wandte ftch dann plötzlich an mich mit der 


— 91 - 

naiven Frage: »Y no come V. gente?; Nosotros tenemos miedo«; 
(»Und effen Sie keine Menfchen? Wir haben Angft!«). Nach 
langem Reden gelang es mir, die Frau einigermafsen zu beruhigen 
und trotz allen Mifstrauens wurde mir geftattet, in einer unbe- 
wohnten Hütte der Anfiedelung zu nächtigen. Aber Tags dar- 
auf forfchten die Leute in meiner Abwefenheit meine Träger 
aufs Genauefte aus, welche Speifen ich zu geniefsen pflege, und 
waren trotz der beruhigendften Auskunft noch nicht gänzlich 
von dem Aberglauben geheilt, dafs die Europäer Menfchenfreffer 
wären. So fteht es nach faft 400jährigen »Civilifations«- 
Beftrebungen feitens der Spanier und ihrer Nachkommen mit 
der Intelligenz der einft wohl civilifirten Indianer, und das 
i J /2 Leguas von der volkreichen Stadt Quezaltenango entfernt! 

In der Morgendämmerung des 8. Juli brach ich mit einem 
meiner Träger auf und ftieg erft in dichtem Walde langfam auf- 
wärts, dann fteil und immer fteiler an den baumarm werdenden 
Hängen des mächtigen Kegels hinan; die obere Grenze der 
Kiefern überragt der Gipfel nicht. Die Befteigung bietet keinerlei 
Schwierigkeiten, ift aber anftrengend; die letzte Strecke mufs 
über Heile Felfen erklettert werden.' 

Es war kurz vor 9 Uhr, als wir den Gipfel des Vulkans 
erreichten (3800 m), eine kleine, unebene Fläche, mit mächtigen 
Lavablöcken überfäet, ohne Spuren einer Kratereinfenkung. Eine 
ungemein grofsartige Ausfleht wartete meiner hier: die zahllofen 
Kämme und Kuppen des Kettengebirges von Mittelguatemala 
und der Küftencordillere, auf der anderen Seite die Küftenebene 
und in ungeheurem Bogen das Stille Meer, faft die Hälfte (170«) 
■des Gefichtskreifes einnehmend , zu beiden Seiten aber in male- 
rifcher und intet effanter Gruppirung in langer Reihe die gewal- 
tigen Vulkane Guatemalas; über den Kamm des Zunil hinweg 
grüfst ein kleiner Streifen des Gebirgsfees von Atitlan. Das 
Ganze ift ein Bild, wie man es grofsartiger nicht leicht irgendwo 
wiederfinden wird, ein Bild von unermefslicher Weite des Blickes, 
das fleh vermöge der Schönheit einzelner Partien unauslöfchlich 
dem Gedächtniffe des Befchauers einprägt. 

Leider begannen bald nach meiner Ankunft auf dem Gipfel 
Nebelwolken aufzufteigen; nur mit Mühe gelang es mir, die 
wichtigften Punkte anzupeilen — eine Arbeit, die mir durch die 


— 92 — 

magnetablenkende Kraft des Gefteines erfchwert wurde — , dann 
befanden wir uns mitten im dichteften Nebel. Es blieb uns fo 
nichts Anderes übrig, als wieder den Abftieg anzutreten. Noch 
ein kurzer Aufenthalt in der Indianerhütte, wo ich übernachtet 
hatte, dann zog ich zur grofsen Befriedigung meiner mifstrauifchen 
Gaftgeber mit meinen Tägern wieder ab und in weitem Bogen 
ging es nun am Fufse des Vulkans hinunter zum Dörfchen 
S. Maria (1660 m). 

Am 9. Juli fetzten wir von hier aus auf breitem, in zahllofen 
Windungen hinlaufendem Fahrwege am Hange des Vulkans 
unfere Reife fort; Kiefern und Myrtengebüfch blieben bald hinter 
uns zurück, ein warmer Lufthauch drang von der Küftenebene 
zu uns hinauf und wurde von uns nach der ungewohnten Kälte 
der letzten Tage mit Freude begrüfst; üppige Laubwälder mit 
.Schlingpflanzen und Epiphyten, Farrenbäumen und kleinen Palmen 
treten auf; von den Hängen des Vulkans ftürzen zahlreiche 
raufchende Bäche herunter, welche im dunklen Schatten des 
wundervollen Waldes dahinfliefsen , und an manchen Biegungen 
des Weges eröffnet fleh ein Blick auf den tadellos fchönen 
Kegel des mächtigen Vulkans. Bald lichtete fleh, während wir 
weiter wanderten, der Wald und an feine Stelle treten Kaftee- 
pflanzungen und Maisfelder, indefs die brachliegenden Cultur-, 
flächen von dichtem, jungem Gebüfche bewachfen find. Bei El 
Palmar (680 m) begrüfsen wir die fchönen Kokos- und Corozo- 
palmen und von S. Felipe (670 m) ab begleiten uns auf unferem 
Wege Zuckerrohrpflanzungen, und — im Schatten grofser Laub- 
hölzer — Kaffee- und Cacaobäume. Es ift ein Wechfel von 
verfchiedenen Eindrücken und Vegetationsbildern, welche einen 
unbefchreiblichen Zauber auf den Wanderer ausüben, der unmittel- 
bar zuvor alpinen Florencharakter in den Hochregionen der \ ul- 
kane gefchaut hat. 

Gegen Abend langten wir, von heftigen Regenfchauern 
durchnäfst, in der Stadt Retalhuleu (260m) an, wo ich in dem 
trefflichen Gran Hotel Unterkunft fand. Wir hatten einen tüch- 
tigen Tagemarfch hinter uns und hofften daher vortrefflich zu 
fchlafcn — weit gefehlt, wir litten alle an ftarker Schlaflofigkeit, 
wofür ich neben der ftark erhöhten Lufttemperatur vor Allem 
den ftarken Luftdruckunterfchied verantwortlich mache, denn ich 


— 93 — 

fühlte feit unferer Ankunft in der Küftenebene die Bruft beengt 
und das Athmen erfchwert, während ich zwei Tage darauf, nach- 
dem lieh mein Organismus an den erhöhten Luftdruck gewöhnt 
hatte, keinerlei Befchwerden mehr fühlte und mich des beiden 
Schlafes erfreute. 

Am nächften Morgen machte ich einen kleinen Spaziergang 
in der Umgebung der Stadt und bewunderte die prachtvolle, 
klare Ausficht: den Mittel- und Glanzpunkt des Landfchaftsbildes 
bildet der herrliche Vulkankegel des S. Maria, der mich unwill- 
kürlich an den Aetna erinnerte. Der Vulkan von S. Maria ift 
feinem berühmten Rivalen in Sicilien durchaus ebenbürtig hin- 
fichtlich der Höhe und übertrifft ihn bedeutend in Bezug auf die 
Schönheit der Geftalt. Der fchlanke kühne Kegel des S. Maria 
ift überhaupt die fchönfte, regelmäfsigfte Berggeftalt, die ich 
jemals gefehen habe, und trotzdem ift der Eindruck, den er auf 
den Befchauer macht, lange nicht fo überwältigend, wie es beim 
Aetna der Fall ift. Vor Allem ift es der Mangel der Schnee- 
bedeckung, die geringere Maffenhaftigkeit des Baues, dann aber 
auch hauptfächlich die beträchtliche Höhe des Hinterlandes und 
die Nachbarfchaft der anderen Vulkankegel, was die landfchaft- 
liche Wirkung beim S. Maria beeinträchtigt, während gerade die 
dominirende Stellung des Aetna gegenüber allen benachbarten 
Bergen und Gebirgsketten zum grofsen Theil den impofanten 
Eindruck diefes Berges verurfacht. 

Am gleichen Vormittage fuhr ich mit der Eifenbahn nach 
dem Hafenorte Champerico, einmal, um dadurch eine Stütze für 
die barometrifchen Höhenberechnungen zu gewinnen, dann aber 
auch, um vom Strande der Südfee aus die Gefammtwirkung der 
Vulkanreihe Guatemalas zu fehen. Leider aber waren die meiften. 
Gipfel von Wolken bedeckt, fo dafs von einer wirkungsvollen 
Ausficht nicht die Rede fein konnte. Abends kehrte ich mit der 
Bahn nach Retalhuleu zurück. 

Mittlerer und nördlicher Atitlan 3050m refp. 3030m. 

Mit Tagesanbruch wanderte ich mit meinen Trägern am 
11. Juli aus der Stadt Retalhuleu hinaus, den fernen Bergen zu. 
Zahlreiche Indianer eilten bereits der Stadt zu und wir fahen 


— 94 - 

fogar eine europäifche Dame in der kühlen Morgenftunde einfam 
fpazieren gehen; in der rechten Hand trug fie einen Sonnen- 
fchirm, in der linken einen blitzblanken Revolver. Ich hätte fie 
gern angefprochen, um ihr zu rathen, es lieber umgekehrt zu 
machen, da fie mit der linken Hand doch wahrfcheinlich fchlecht 
fchiefsen würde und andererfeits wenig Ausficht hätte, mit dem 
Sonnenfchirme einen Angreifer zu erftechen. Da ich aber fah, 
dafs es ein exaltirtes Frauenzimmer war, liefs ich es doch lieber 
bleiben. Beiläufig bemerkt ift die perfönliche Sicherheit in Guate- 
mala durchfchnittlich ebenfo grofs wie irgendwo in Europa, und 
das Tragen von Schufswaffen als Schutz gegen böfe Menfchen 
ganz unnöthig, obgleich allgemein gebräuchlich. 

Anderthalb Tage wanderten wir in der Küftenebene hin, 
ohne irgend welches nennenswerthe Ergebnifs (mit Ausnahme 
eines Erdbebens am 12. Juli Morgens 7 Uhr, welches den Boden 
unter uns in bedenkliches Wanken brachte). Von dem Dörfchen 
Chicacao aus (490 m) fliegen wir fteil die bewaldeten Hänge der 
Küffcencordillere hinan und erreichten am Abend des 12. Juli die 
Kaffeepflanzung Mezebal (1340 m), wo ich den Abend und den 
folgenden Tag in fröhlichem Verkehre mit meinem Freunde Ernft 
Leipprand verbrachte, welcher als Verwalter die genannte Plan- 
tage bewirthfchaftet. 

Erft am 14. Juli fetzten wir unfere Reife fort und erreichten 
gegen 8 Uhr früh einen Punkt (1770 m), wo wir nach einer Seite 
hin einen prachtvollen Blick auf die drei Atitlanvulkane, auf die 
Küftenebene und das Meer hatten, während fich nach der anderen 
Seite hin eine nicht minder fchöne Ausficht auf den wundervollen 
grofsen Gebirgsfee von Atitlan mit den dahinter liegenden Bergen 
und dem Vulkane von S. Petro eröffnete. Am Südrande des 
ausgedehnten Sees, deffen Spiegel fich in einer Meereshöhe von 
1500m befindet, zogen wir unferes Weges, über zahlreiche zer- 
klüftete Lavaftröme hinweg, die häufig bis in den See hinein- 
reichen und dort formenreiche Halbinfeln und Infelchen bilden. 
An verfchiedenen Stellen des Weges geniefst man eine herrliche 
Ausficht auf die malerifchen Ufer des Sees und die benachbarten 
Berge; am fchönften ift der Blick vom Gipfel des Felfenhügels 
Cerrito de oro (1820 m), den ich vom Wege aus beflieg. Abends 
gelangten wir nach dem Dorfe S. Lucas (I530m)> wo ich gute 


— 95 — 

Unterkunft fand und mich eingehend nach dem Wege zu den 
Vulkanen von Atitlan erkundigte. Da die Zutuhil- Indianer, 
welche diefe Gegenden bewohnen, nicht fehr freundlich gegen 
Ausländer fein füllen, fo fürchtete ich, unterwegs von etwa 
begegnenden Indianern keine Auskunft zu erhalten. 

Wohl wiffend, dafs ein Tag nicht zur Befteigung des gröfs.ten 
füdlichen Atitlan-Vulkans (3750m nach Angabe von Dolfus und 
Montferrat) hinreichen würde, befchlofs ich, blofs den beiden 
kleineren Vulkangipfeln von Atitlan meinen Befuch abzuftatten, 
und verliefs am 15. Juli Morgens 5 :1 / 4 Uhr mit einem meiner 
Indianer das Dorf, um mein Vorhaben auszuführen. Leider ver- 
loren wir bald den Weg und fahen uns darauf angewiefen, mit 
dem Bufchmeffer einen Weg durch den mit dichtem Unterholze 
bewachfenen Urwald zu bahnen. Langfam und unter grofser 
Anftrengung (namentlich feitens des vorausgehenden Indianers) 
kamen wir fo vorwärts und erreichten erfl gegen i2 1 / 2 Uhr den 
Gipfel des mittleren Atitlan-Vulkans (3050 m), wo wir uns eine 
kurze Raft gönnten. Von Ausficht war des Nebels wegen nur 
wenig zu fehen. Ich flieg darauf zur nördlichen Einfattelung 
hinab (2940 m), befuchte eine ftarke, nicht ganz leicht zugäng- 
liche Solfatare nahe dabei (2930 m), beftieg im Regen den nörd- 
lichen Atitlan- Vulkan (3030 m), hielt mich noch ein wenig mit 
Berichtigung des dortigen Kraters auf, und als ich endlich an 
den Heimweg dachte, war es bereits 4V 2 Uhr Nachmittags. Auf 
dem Wege, den wir gekommen waren, konnten wir nun nicht 
mehr wohl zurückkehren, ich befchlofs daher, direct vom nörd- 
lichen Vulkangipfel aus abzufteigen, in der Hoffnung, noch bei 
Tage die höchstgelegenen Maisfelder zu erreichen und dort einen 
Weg nach S. Lucas anzutreffen. Mein Indianer bahnte, obgleich 
fehr ermüdet, abermals mit dem Bufchmeffer einen Weg durch 
den Wald Reil den Berg hinunter und vor Einbruch der Nacht 
erreichten wir einige Maisfelder (2550 m), von wo aus wir tief 
zu unferen Füfsen das Dörfchen S. Lucas und den herrlichen 
See erblickten; trotz Nebel und Waldesdickicht hatte ich auf 
Grund vorheriger Peilungen leicht mit dem Com paffe die rich- 
tige Richtung gefunden. Wie aber füllten wir in der Nacht den 
Abftieg bewerkftelligen? Wir waren durchnäfst, unfer Proviant 
ging auf die Neige und fo befchloffen wir, unter allen Umlländen 


— 96 — 

dcas Dorf zu erreichen. Wir waren fo glücklich, einen Fufspfad 
zu erreichen, dem wir natürlich folgten; nach einiger Zeit aber 
bemerkten wir trotz der dunklen Nacht, dafs wir uns immer 
mehr von unferem Ziele entfernten, da der Weg in weitem Bogen 
um den Nordhang des Berges herumführt. Als wir daher ein 
rechts abzweigendes Seitenwegehen erreichten, befchloffen wir, 
diefem zu folgen , und wanderten muthig in die nachtdunklen 
Maisfelder hinein. 

Aber nur allzubald ftanden wir am Ende des Maisfeldes, der 
Weg hatte aufgehört und wir mufsten entweder zurückkehren 
oder durch das wirre Bufchwerk, das vor uns war, durchzudringen 
fuchen. Wir entfchloffen uns für das letztere. Diefe Gegend liegt 
im Windfchatten des Berges, weshalb hier die Vegetation viel 
weniger üppig ift als an der Oft-, Süd- oder Weftfeite der Atitlan- 
vulkane und daher konnte ich hoffen, ohne Hülfe des Bufch- 
meffers auszukommen. 

Ich übernahm nun die Führung; wo es nicht gelang, mit 
dem Körper durch das Gebüfch durchzudringen, that mein 
fchwerer Bergftock vortreffliche Dienfte; da es trotz der Sternen- 
helle zu dunkel war, um irgend etwas vom Wege zu fehen, fo 
unterfuchte ich bei jedem Schritte mit dem Stocke die Stelle, : 
auf welche ich treten wollte, und als ich einmal an einer felfigen 
Stelle eines trockenen Bachriffes in der leeren Luft herum- | 
ftocherte und mit dem Bergftocke keinen Grund mehr finden 
konnte, da wufste ich genau, dafs es nun Zeit war, zurückzu- * 
klettern und einen anderen Weg zu fuchen. Bald in Maisfeldem, 
bald in dichtem Bufch werke fliegen wir abwärts; von Zeit zu 
Zeit wurde ein Zündholz angezündet und mit dem Compaffe 
die Richtung feftgeftellt, die wir in dem Wirrfale von hoch 
gewachfenen Maisftauden , von Bufch und Baum und zahllofen 
arrofsen und kleinen Lavablöcken nur allzu oft verloren. Bald 
krochen, bald rutfehten wir über die rauhen Felsblöcke weg, 
deren kleinere Erhöhungen wir natürlich nicht fehen konnten 
und mehrmals erft durch Anfchlagen an Arme oder Beine in 
unliebfamer Weife kennen lernten. Offen geftanden, es war 
gerade kein Vergnügen, fo in der Finftemifs ohne Weg und 
Steg dahinzuwandern; wir waren daher fehr froh, als der Mond 
aufging und wir bald darauf den Reitweg zwifchen Atitlan und 




- 97 — 

S. Lucas erreichten, noch froher aber, als wir — i V2 Uhr Mor- 
gens — endlich in dem Dörfchen S. Lucas einzogen, über und 
über mit fchwarzer vulkanifcher Erde befchmutzt. Eine Meute 
von Hunden ftürzte unter lautem Gebelle auf uns los; ärgerlich 
fchlug ich mit meinem fchweren Bergftock unter die Thiere und 
traf fo gut, dafs eines jämmerlich heulend am Wege liegen blieb, 
während die Anderen lautlos Reifsaus nahmen. Bald hatten wir 
unfere Herberte erreicht und erfreuten uns der wohlverdienten 
Ruhe. 

Am 16. Juli verliefsen wir das freundliche Dorf S. Lucas 
und ftiegen auf fchöner Strafse an den Bergen öftlich vom See 
hinan. Da und dort hatten wir eine prachtvolle Ausficht auf 
den wundervollen See und feine Umgebungen, die Vulkane von 
Atitlan und S. Pedro, bald auch auf die Küftenebene und das 
Meer, während fpäter nahe Godines (2090 m) fich gleichzeitig die 
Ausficht auf die Bergriefen des Acatenango, Fuego und Agua 
eröffnet. Es ift gerade dies eine Wanderung, welche an land- 
fchaftlicher Schönheit und Mannigfaltigkeit der Eindrücke ihres 
Gleichen auf der Erde fucht; jedenfalls gehe ich nicht zu weit, 
wenn ich den Umgebungen des Sees von Atitlan, hinfichtlich 
malerifcher Schönheit, die Krone unter den Landfchaften Guate- 
malas zufpreche. Bedauernd nahm ich Abfchied von dem, pracht- 
vollen Blick auf den See und ging meines Weges, neuen Zielen 
entgegen. 

Agua 3700m. 

Am 18. Juli kam ich Nachmittags gegen 2 Uhr nach der 
Stadt Antigua (1530 m), wo ich mich den Reft des Tages auf- 
zuhalten befchlofs. Ich machte einen langen Spaziergang durch 
die Strafsen der Stadt und in die benachbarten Alleen und Pro- 
menaden; allenthalben zeigen fich Klofter-, Kirchen- und Palaft- 
ruinen von intereffanter Architektur und beträchtlicher Gröfse 
der Anlage, die Zeugen einer fchönen Vergangenheit, zugleich 
aber auch der Zerftörungswuth ftattgehabter Erdbeben. Obgleich 
der alte Glanz längft erlofchen ift und die breitlinigen Strafsen 
recht ftill und öde find, erkennt man doch an der Pracht der aus 
alter Zeit flammenden Bauten noch jetzt die einftige Bedeutung 
der Stadt als Metropole Mittelamerikas, und noch immer mufs 

Sapper, Das nördliche Mittelamerika. 


7 


— 98 — 

Antigua als die fchönfte Stadt Guatemalas gelten , wegen der 
Bedeutung ihrer einftigen Kunftbauten, wegen der fchönen Plätze 
und Promenaden und der herrlichen Umgebung. Am meiften 
Eindruck machte auf mich der Marktplatz mit dem fchönen 
arkadengefchmückten Regierungsgebäude und dem Ausblicke 
auf die nahen Vulkane Agua, Fuego und Acatenango — ein 
Bild von grofsartigem, faft bedrückendem Ernfte. 

Unmittelbar im Süden der Stadt ragt der Agua auf, aus- 
gezeichnet durch die Maffenhaftigkeit feiner Geftalt und durch 
feine Formfchönheit, und ich befchlofs, demfelben alsbald meinen 
Befuch abzuftatten. Der höhere und kühner geftaltete Fuego 
hätte mich freilich noch mehr gereizt, allein ich wufste von 
Befteigungsberichten Anderer her, dafs er nicht leicht — ohne 
Bivouak auf halber Höhe — erftiegen werden könnte, und des- 
halb verzichtete ich auf die Tour, da ein Bivouak ohne Zelt und 
andere Bequemlichkeiten in der herrfchenden Regenzeit nichts 
Verlockendes für mich hatte. Der Agua ift aufserordentlich 
leicht und bequem zu erfteigen, da ein Reitweg bis zum Krater 
hinaufführt. 

Zu Fufs, wie gewöhnlich, verliefs ich mit meinen drei 
Trägern früh Morgens am 19. Juli die Stadt Antigua und erreichte 
auf einer ausgezeichneten Strafse gegen 8 1 / 2 Uhr Vormittags das 
Dorf S. Maria (1990m); dort liefs ich mein Gepäck zurück und 
brach gegen 9 Uhr mit einem meiner Indianer auf. Auf gutem 
Reitwege ftiegen wir gemächlich aufwärts im Genuffe einer immer 
weiter fich ausdehnenden Ausficht, von welcher namentlich der 
Blick auf den hübfchen See von Amatitlan Erwähnung verdient. 
Erft ging es durch Mais- und Kartoffelfelder mit Pfirfichgärten, 
dann (von 2550m) durch fchönen Eichenwald, endlich (von 3000m 
an) im Bereiche der Kiefernregion aufwärts. Von dem Krater- 
rande aus (3580 m), wo der Reitweg fein Ende nimmt, hatten 
wir einen prächtigen Blick auf die Stadt Antigua zu unferen 
Füfsen, welche mit ihren geradlinigen Strafsen und grofsen 
Gebäuden inmitten grünender Gärten und Kaffeepflanzungen 
einen fehr freundlichen Anblick gewährt. Auf dem Gipfel 
(3700m) aber fallen wir uns fo fehr in Nebel eingehüllt, dafs 
wir nicht nur keine Ausficht hatten, fondern nur mit Hülfe des 
Compaffes den Rückweg finden konnten. Im Krater felbft, der 


- 99 — 

• nicht die geringften Anzeichen noch fortdauernder vulkanifcher 
Thätigkeit aufweift, hielten wir noch ein Weilchen Raft, um 
einen Imbifs zu uns zu nehmen. Dann ftudirte ich das Fremden- 
buch, als welches die auf dem Kraterboden umherliegenden 
Lavablöcke dienen. Die älteften Namen, welche ich auf folchen 
Blöcken eingemeifselt fand, find aus dem 17. Jahrhundert 
:P. Suherres (?) 1683, aufserdem zwei andere unleferliche Namen 
mit der Jahreszahl 1654 und 1669], dann folgen einige Namen 
aus dem 18. und dem Beginne des 19. Jahrhunderts, endlich 
viele aus der jüngften Zeit, darunter manche Deutfche (mein 
Name ift nicht dabei, da ich wohl einen Steinhammer, aber 
keinen Meifsel bei mir hatte). Bei der aufserordentlichen Leich- 
tigkeit der Befteigung feit Anlage des Reitweges ift der Befuch 
des Berges ein recht häufiger geworden und er follte in der 
That von keinem naturfreundlichen Reifenden, der in diefe 
Gegend kommt, verfäumt werden, denn es wird nicht leicht 
irgendwo ein Berg von fo beträchtlicher relativer Höhe und fo 
exponirter Lage bequemer befliegen werden können, wie der 
Agua. Sogar eine kleine, freilich jetzt verfallende Schutzhütte 
befindet fich im Krater des Berges. 

Gegen 6 Uhr Abends waren wir wieder in S. Maria ansre- 
langt, wo ich in einem Zimmer des Rathhaufes Unterkunft fand. 


Pacaya 2530m. 

Am 20. Juli 1892 verliefs ich mit meinen drei Trägern das 
Dorf S. Maria und wanderte über das Städtchen Amatitlan 
(1220 m) und das Dörfchen Pacaya (1540 m) nach der Hacienda 
Las Calderas (1780 m) am gleichnamigen Kraterfee. 

Von hiei aus erflieg ich am nächften Morgen in Begleitung 
von einem meiner Indianer den Vulkan Pacaya. Das Wetter 
war mir nicht hold, denn fchon frühzeitig fliegen Nebel auf, und 
-als ich nach mehrfachem Umherirren in die Nähe des Vulkans 
kam, bewahrte mich nur der Compafs davor, dafs ich nicht auf. 
der anderen Seite des Bergkammes wieder abftieg. Ich habe 
überhaupt die Erfahrung gemacht, dafs die Mitnahme ortskun- 
diger Führer namentlich bei den kleineren Vulkanen angebracht 
ift, weil in den niedrigen Regionen zahlreiche Kreuz- und Quer- 

7 * 


IOO 


wege gehen und fremde Bergformen ftörend nahe herantreten.' 
Bei den grofsen, regelmäfsig geftalteten Vulkanen ift ein Ver- 
irren beim Anftiege beinahe ausgefchloffen ; man fteigt eben 
immer höher hinauf, bis der Gipfel erreicht ift; dagegen ift die 
Abftiegsrichtung bei der gleichförmigen Geftaltung mancher 
Gipfel im Nebel recht fchwer zu finden und nur der Compafs 
kann dann einen ficheren Führer abgeben. 

Als wir nach Ueberfteigung eines halbkreisförmig gekrümm- 
ten Kammes am Fufse des thätigen Vulkankegels*) anlangten 
(2350 m), empfing uns ein ungemein heftiger Wind. Wir banden 
die Hüte zur Sicherung feft und fliegen fo rafch als möglich 
die Geröllhalden hinan, von Zeit zu Zeit ftillhaltend , um mit 
Hülfe des Bergftockes wieder einen feften Halt zu gewinnen 
und vom Winde abgewendet wieder ruhiger athmen zu können. 
Endlich war der Gipfel (2530 m) erreicht und rafch überfchritten 
wir den Kraterwall, um im Windfchutze deffelben auszuruhen 
und an dem , an zahlreichen Stellen herausftrömenden Waffer- 
dampf die Hände zu erwärmen. Nach einer Weile flieg ich zu 
dem fehr kleinen Kraterboden ab (2500 m), dann ging ich zum 
jenfeitigen Umwallungstheil und wieder zurück zum Gipfel, wo 
ich, auf dem Boden liegend, hinter einem Felsblocke wenigftens 
fo viel Schutz vor dem Sturmwinde fand, dafs ich mein Aneroid 
ablefen konnte. 

Dann und wann zerftreute der Wind den herrfchenden Nebel 
und in folchen Augenblicken gewann ich hübfche Ausblicke auf 
die benachbarte Landfchaft und das Meer im Hintergründe. Von 
befonders grofser Wirkung war es, als fich einmal die Nebel 
zertheilten , mit einem Schlage fich in gefpenftiger Gröfse die 
nahen Riefengeftalten des Agua (3700 m), Fuego (etwa 3800 m) 
und Acatenango (etwa 3900m) vor meinem Auge erhoben; da 
begriff ich denn in der That, warum ein vielgereifter, geiftreicher 
Naturforfcher (Moritz Wagner) in Erinnerung an die Ausficht 
vom Pacaya es in Frage ftellen konnte, ob die Alpen wirklich 
das fchönfte Gebirge der Erde wären und nicht vielmehr der 
mittelamerikanifchen Vulkanreihe diefer Rang gebühre. So fehr 
ich aber auch die Schönheit der Vulkane Guatemalas und ihre 


*) Die letzte Eruption fand 1775 


IOI 


Ausficht bewundere, fo kann ich doch in diefem Falle nicht 
beiftimmen, denn es will mir fcheinen, als ob es fich bei 
diefer Frage überhaupt um incommenfurable Gröfsen handeln 
würde. 

Gegen Mittag waren wir wieder in Las Calderas angelangt, 
von wo aus wir nach Amatitlan und Tags darauf nach Guate- 
mala-Stadt (1480 m) wanderten. 


Heimkehr. 

In Guatemala hielt ich mich gefchäftlich eine Zeit lang auf, 
machte dann mit der Eifenbahn einen (fchon wegen der herr- 
lichen Ausficht lohnenden) Ausflug nach Escuintla (400 m), um 
Herrn Edwin Rockftroh, den betten Kenner der Vulkane 
Guatemalas, zu befuchen, und fetzte am 30. Juli meine Reife 
nach dem Süden der Republik fort, um die dortigen Vulkane 
kennen zu lernen. Ich unterlaffe es an diefer Stelle, über die 
erwähnte Reife eingehender zu berichten*), weil fle vergleichs- 
weife wenig touriflifches Intereffe bietet. Es genüge , hier her- 
vorzuheben, dafs dort Vegetations- und Temperaturverhältniffe 
im Allgemeinen weit ungünftiger für Bergbefteigungen find, als 

im Hochlande und dafs man zudem meifb auf den Gipfeln — 

% 

der Waldbedeckung oder der geringen Höhe wegen — keine 
bedeutende Ausficht hatte. Am Vulkane von Chingo (etwa 
1800 m) befindet fleh allerdings in 1680 m Höhe eine Lichtung, 
welche wenigftens nach einer Seite hin fchöne Ausficht bietet, 
allein es ift nicht zu vergehen, dafs der Anftieg vom Dörfchen 
Chingo aus bis dorthin ebenfo weit ift, wie von den höchften 
Wohnftätten am Tacanä, Tajumulco oder S. Maria bis zum 
Gipfel der genannten dominirenden Vulkane. Ich war etwas 
unbefriedigt vom Befuche der kleineren Vulkane im Süden der 
Republik und kehrte, dem Drängen meiner Träger nachgebend, 
von Chingo aus nach Coban zurück, wo wir am 18. Auguft 1892 
gefund und munter, wenn auch etwas abgemagert**), ankamen 

*) Vergl. »Ein Ausflug nach der Südgrenze von Guatemala«. Globus LXIII. 
1893. P- 265 ff- 

**) Von allgemeinem Intereffe mag vielleicht die auf S. 102 folgende Zufam- 
menffellung fein: 


102 


Wir hatten die ganze Reife zu Fufs zurückgelegt, nur die letzte 
Strecke, von Salamä nach Coban, hatte ich zu Pferde gemacht. 

Die Reife hatte fich manchmal recht anftrengcnd geftaltet, 
hier und da waren wir auch mehr als befcheiden verproviantirt, 
weil es eben in den kleinen Ortfchaften nicht möglich war, 
genügend Lebensmittel einzukaufen; auch das Wetter hat uns 
zuweilen übel mitgefpielt; allein es trat bei diefen Vulkanbeftei- 
gungen — im Gegenfatze zu den Wanderungen im waldreichen 
Kettengebirge von Mittelguatemala — keinerlei Mifsverhältnifs 
zwifchen dem körperlichen Kraftaufwand und dem dadurch 
erworbenen äfthetifchen Genufs ein, und ich kann nicht umhin, 
jedem Bergfreunde, der in diefe Gegenden kommt — und es 
wohnen ja zahlreiche deutfche Landsleute in Südguatemala — , 
zu rathen, auf die grofsen Vulkane zu fteigen, die fo nahe bei 
den bedeutendften Städten des Landes (Guatemala, Antigua, 
Quezaltenango) und bei den von den Hafenorten S. Jofe und 
Champerico ausgehenden Eifenbahnlinien aufragen, denn eine 
prachtvolle, eigenartige Ausficht harrt des Befteigers und die 
Anftrengungen find verhältnifsmäfsig geringe. Ich gebe freilich 
zu, dafs es nicht Jedermann leicht fein wird, geeignete Führer 
und Träger zu finden und Stoll’s lebendige Befchreibung feiner 
Befteigung des Fuego*) zeigt, dafs befonders für die höchften 
Regionen auf Indianer kein ficherer Verlafs ift, obgleich diefelben 
viel zuverl affiger find, als die Mifchlinge. Ich felbft habe alle 
Befteigungen in Begleitung eines Kekchi-Indianers ausgeführt und 


Name 

1 

Alter Gröfse 
Jahre j cm 

0 Bruftumfang 
(ausgeathmet) j 

Vor der Reife, 
12. Juni 

Bei der Heim- 
kehr, 18. Auguft 

Körper- 

gewicht 

Pfd. 

Trag- 

laft 

Pfd. 

Körper-| 
gewicht I 
Pfd. | 

Trag- 

laft 

Pfd. 

Carl Sapper .... 

26 167 

78 

1 20 y 2 

— 

”5 

— 

Sebaftian Botzoc . . 

22 164 

85 

128 

100 

1 241/2 

66 

Antonio Pop .... 

20 152 

82 

117 

88 

10S 

66 y, 

Santiago Ical .... 

15 ; 156 

75 

1 *3 

IOO 

104 

55 


Ich felbft trug auf der Reife aufser Compafs , Notizbuch und Bergftock noch Baro- 
meter, Bufchmeffer, Steinhammer, Revolver und Munition. Mein Gewicht betrug 
am 22. September 1892 bereits 131 Pfd. 

*) Dr. Otto Stoll, »Guatemala«. Leipzig 1886. 


— io 3 — 

habe niemals die geringeren Schwierigkeiten mit demfelben 
gehabt; ich habe dabei unter meinen drei Trägern abgewechfelt 
und alle gleich vorzüglich und willig befunden. 

Immer weiter werden von Jahr zu Jahr die Kreife der 
Touriftenbewegung, immer fernere Gebiete werden von den Berg- 
freunden aufgefucht und ich dächte, die Vulkane Mittelamerikas 
find nicht die letzten, welche verdienen, von Touriften befucht 
und bewundert zu werden. Unerftiegene Gipfel von Bedeutung 
dürften freilich nur wenige zu finden fein — in Guatemala wenig- 
firens find alle wichtigeren Vulkane fchon von Europäern beftiegen 
worden, vielleicht mit Ausnahme der Vulkane von S. Petro (etwa 
2900 m)*) und Suchitan (etwa 1800 m) — , aber ift denn die Aus- 
ficht darum minder fchön, weil der eine oder andere Sterbliche 
fie vorher einmal gefchaut hat? Ich bin überzeugt, dafs Jeder, 
der bei gutem Wetter einzelne Vulkangipfel erreicht hat, mir 
zullimmen wird, dafs die Ausficht von diefen hohen Warten an 
eigenartiger Schönheit reich ift und für immer in angenehmer 
Erinnerung bleiben wird; mich foll es freuen, wenn diefe fchönen 
Berge dereinft einen beredteren Schilderer finden als mich. 

Es ift in der That ein herrlicher Anblick , wenn man diefe 
Berge in ungebrochener, fchön gefchwungener Linie von der 
Küftenebene bis zu der namhaften Höhe von 3000 bis 4000 m 
anfteigen lieht , und trotz diefer riefenhaften Gröfsenverhältniffe 
herrfcht eine edle Ruhe und Einfachheit der Formen, welche in 
merkwürdigem Gegenfatze fteht zu den wilden Wänden, Zacken 
und Hörnern gleich hoher Alpengipfel. Man mag die letzteren 
fchöner finden, aber immerhin wird Niemand den kühnen Vulkan- 
kegeln Guatemalas den Zoll der Bewunderung vertagen können. 

*) Später — 1894 — von meinem Bruder Richard und mir beftiegen. Vergl. 
»Neue Beiträge zur Kenntnifs der Vulkane von Guatemala«. Petermann's Mit- 
theilungen 1895, p. 195 ff. 


Reife nach Mexiko. 


Das Jahr 1893 hatte kaum mit jungen Schwingen feinen 
Flug begonnen, als ich mit meinem Bruder Richard die Stadt 
Coban verliefs, um neuen Zielen und einer neuen Beftimmung 
entgegenzugehen. Die Sonne mühte fich vergebens, die Wolken 
zu durchbrechen, welche regendrohend am Himmel {fanden: es 
war eben die Winterregenzeit noch nicht ganz vorbei , welche 
der atlantifchen Abdachung des Kettengebirges von Mittelguate- 
mala eigen ift; man mag zuweilen die lange dauernden Regen, 
welche dem Klima von Coban und Umgebung eigen find, unan- 
genehm finden, aber andererfeits verdankt man ihnen auch die 
Fruchtbarkeit und die ewig dauernde Frifche der Vegetation, 
welche nächft der malerifchen Lage Coban zu einer Perle land- 
fchaftlicher Schönheit machen. Auf der Pafshöhe der Tres 
Cruces (1520m) fchauten wir noch einmal zurück, dann eilten 
wir im befchleunigten Tempo füdwärts. Noch am felben Tage 
(1. Januar 1893) überfchritten wir die Kammhöhe des Gebirges 
und traten damit zugleich in eine andere klimatifche Zone über: 
die Senke zwifchen den Kammhöhen des Kettengebirges einer- 
feits und der pacififchen Küftencordillere andererfeits zeichnet 
fich durch fpärliche Niederfchläge aus; die Luft ift deshalb klarer, 
trockener, die Vegetation aber armfeliger, dürftiger, in den Niede- 
rungen fogar ftcppenhaft, und in fengendem Sonnenfeheine ritten 
wir nun unferes Weges bergauf, bergab der Stadt Guatemala zu, 
wo wir am Vormittag des 4. Januar eintrafen und einen mehr- 
tägigen Aufenthalt nahmen. Dann nahm ich Abfchied von 
meinem Bruder, fuhr mit der Bahn nach S. Jofe am Ufer des 


— 105 — 

Stillen Oceans, um mich am II. Januar an Bord der »Acapulco« 
zu begeben. 

Bei klarem Wetter ift die Fahrt längs der mittelamerika- 
nifchen Küfte von ungewöhnlichem Reiz, denn ununterbrochen 
wechfeln die Landfchaftsbilder und immer wieder lenken die 
ftolzen Gehalten der Vulkane in immer neuer Gruppirung die 
Aufmerkfamkeit des Reifenden auf fich; wenn man aber .die 
Gewäffer Guatemalas verlaffen hat und längs der füdmexika- 
nifchen Küfte dahinfährt, fo mindert fich der Reiz des landfchaft- 
lichen Bildes: es mangeln nunmehr die fchlanken kegelförmigen 
Vulkane, die Kammhöhe der Küftencordillere fenkt fich mehr 
und mehr und wenn fie fich auch gleichzeitig der Küfte nähert 
und daher genauere Details erkennen läfst, fo fteigert fich damit 
die malerifche Wirkung doch keineswegs, weil nunmehr (Tonalä, 
Salina Cruz) der Charakter der Vegetation ein dürftiger geworden 
ift und deutlich die Trockenheit des Klimas durch Baumarmuth 
und ftrauchfteppenartige dürre Geftrüppwälder ankündigt, wäh- 
rend die feuchte Südabdachung der Küftencordillere von Guate- 
mala im Schmucke eines herrlichen , üppigen Pflanzenkleides 
prangt. 

Aber nicht nur in Bezug auf landfchaftliche Schönheit fteht 
die mexikanifche Küfte der guatemaltekifchen nach, fondern auch 
in Bezug auf die Verkehrserleichterungen: während in den guate- 
maltekifchen Hafenplätzen (S.Jofe, Champerico und Ocös) eiferne 
Landungsftege ins Meer hineingebaut find, von deren Spitze aus 
der Reifende in käfigähnlichen Sitzgeftellen in Boote herab- 
gelaffen wird , um nach dem weit im Meere draufsen liegenden 
Dampfer gebracht zu werden, fehlt diefe praktifche Einrichtung 
in den drei füdmexikanifchen Häfen S. Benito, Tonalä und Salina 
Cruz zur Zeit noch vollftändig und man wird in ganz vorfint- 
fluthlicher Weife im Ruderboote längs einem im Meere veranker- 
ten ftarken Tau durch die zuweilen recht ftarke Brandung- hin- 
durchgezogen und es ereignet fich dabei häufig, dafs man hierbei 
mehr oder weniger ftark durchnäfst wird; da die Ruderboote 
nicht bis an das flache Ufer felbft gelangen können, fo fpringt 
man in dem Momente auf den Boden (oder fetzt fich einem 
Träger auf die Schulter), wenn die Brandungswelle fich gerade 
zurückgezogen hat und fucht laufend vor deren Rückkehr das 


— io6 — 

trockene Uter zu erreichen; das Einfchiffen ift begreiflicher Weife 
noch ungünftiger , insbefondere für Damen, welche auf einem 
Tragfeffel von zwei Trägern zum Boote gebracht werden müffen. 

Auch ich wurde ziemlich ftark durchnäfst, als ich in Salina 
Cruz am 16. Januar an Land ging. War ich darüber fchon nicht 
fehr erbaut, fo war ich es noch viel weniger über das Dörfchen 
mit. feinen dürftigen Hütten; auch die nahen Hügel mit ihrer 
fpärlichen Bufch- und Grasvegetation, faft jeglichen Baumwuchfes 
bar, machten einen gar trübfeligen Eindruck auf mich und nur 
die Bucht des Meeres felbft mit ihren Klippen und fteilen Vor- 
gebirgen bot einen malerifchen Anblick dar. Ein heftiger Nord- 
wind blies mir Sand und kleine Steinchen ins Gefleht und auch 
das Pfeifen der Locomotive vermochte in mir keine fröhlichere 
Stimmung zu erwecken : es war nämlich nicht möglich, zu erfahren, 
um welche Stunde der aus einer Locomotive, einem Frachtwagen 
und einem lotterigen Perfonenwagen beftehende Zug abfahren 
würde, und fo blieb denn den Paffagieren nichts Anderes übrig, 
als einzufteigen und im Wagen die Abfahrt abzuwarten. Nach- 
dem wir in dem Perfonenwagen drei Stunden lang gewartet 
hatten und auf den Rangirgeleifen bald dahin, bald dorthin 
gefchoben worden waren, fuhr der Zug plötzlich ohne befonderes 
Zeichen ab*) und dampfte Tehuantepec zu, wo wir kurz vor 
i Uhr Nachmittags ankamen. Da fleh kein Zollbeamter um mein 
Gepäck bekümmerte, nahm ich daffelbe kurz entfchloffen ins 
Hotel »Globo« und war dadurch von der immerhin läftigen Zoll- 
unterfuchung entbunden. 

In Tehuantepec mufste ich einige Tage Aufenthalt nehmen, 
bis es mir nach langen Anftrengungen gelang, einige Pferde 
bezw. Maulthiere für mich und mein Gepäck, und einen Führer auf- 
zutreiben. Ich hatte inzwifchen Mufse, das altberühmte Städtchen 
Tehuantepec mir anzufehen. Daffelbe liegt am linken Ufer des 
gleichnamigen, in der Regenzeit ftark anfchwellenden Flufles; 
jenfeits deffelben einige Vororte. Von einem Hügel aus, an dem 
fleh ein Theil der indianifchen Bevölkerung angefledelt hat, hat 
man einen prächtigen Blick auf die Stadt und das benachbarte 


*) Seit Vollendung der Ifthmusbahn (1894) '" ind aber jedenfalls diefe Mifs- 
ftände abgefchafft worden. 


— 107 — 


Gelände. Der tiefblaue, faft wolkenlofe Himmel, das ziemlich 
trockene, mattfarbene Bufchwerk, welches an Berg und Hang 
neben fucculenten Gewächfen (Cereus, Opuntia) die herrfchende 
Vegetationsform bildet, dann die von Laftmaulthieren und Fufs- 
gängern belebte Strafse erinnerten mich an italienifche Land- 
fchaften ; freilich legen die zahllofen Cocospalmen und die grünen- 
den Zuckerrohrfelder in der Flufsebene der Phantafie fofort 
fchärfere Zügel an. 

Abgefehen von der fchönen landfchaftlichen Lage bietet 
Tehuantepec noch vieles Intereffante , insbefondere feine india- 
nifche Bevölkerung (Zapoteken), welche fich durch grofse Sauber- 
keit, gefällige Gefichtszüge und angenehme Sitten auszeichnet. 


Berühmt iffc die Tracht der Indianerinnen: der farbige, meift 
blaue oder rothe Rock wird durch ein fchmales Baumwollband 
zufammengehalten , das kurze farbige Hemdchen reicht gewöhn- 
lich nicht ganz bis zum Rock herunter; ein Guipil (Ueberhemd) 
mit breitem geftärktem Anfatze wird gewöhnlich auf dem Kopfe 
getragen und über den Rücken fallen gelaffen. Ein bunt bewegtes 
Leben entwickelt fich in der Markthalle der Stadt, wo man nicht 


nur die einheimifche Tracht fludiren, fondern auch Typen vieler 
benachbarter Stämme (Huaves, Zoques, Mijes u. a.) fehen kann. 
Merkwürdiger Weife herrfcht aber die Sitte, dafs nur fremde 
Männer, aber keine emheimifchen, die Markthalle betreten dürfen. 

Am 19. Januar konnte ich meine Reife fortfetzen. Es war 
noch Nacht, als ich zu Pferde mit einem berittenen Führer und 
einem Laftmaulthiere Tehuantepec verliefs. Langfam ritten wir 
die dunkeln Strafsen entlang und erft, nachdem wir eine gute 
trecke weit geritten waren und es taghell wurde, bemerkte ich 
dafs die Thiere zwar ftark gebaut, aber vollftändig abgehetzt 
waren , fo dafs ich nur im Schritt mit ihnen fortkommen konnte 
Wer jemals weite Strecken im Schritt hat durchreiten müffen 
wird begreifen, dafs mich diefe Entdeckung nicht gerade in 
rofige Laune verfetzte. Das Trübfelige meiner Stimmung wurde 
noch vermehrt durch den deprimirenden Eindruck, welchen die 
arm ehge Bufchvegetation jener Gegenden auf mich machte 

murnc , r fle , niCht ° hne Rdz: die wen *S en tiefgrünen 

fcr'fr V Wirke '’ Un6emein w ohlthuend, die 
zahilofen . oft fehr grofsen Cereus-Individuen, welche in dem 


io8 


ßufchwalde auftreten, überrafchen wenigftens Anfangs vielfach 
durch ihre feltfamen Formen und Gruppirungen und gar hübfch 
nehmen fich die mattgrünen Blattrofetten der Agaven aus, wenn 
fie aus den Spalten faft fenkrechter Kalkfelswände hervorfpriefsen 
und dem kahlen Geftein einen eigenartigen Schmuck verleihen. 
Ich glaube auch, dafs diefe Vegetation dem Reifenden, welcher 
unmittelbar von Europa kommt, recht gut gefallen würde; wenn 
man aber , wie Schreiber diefes , Jahre lang in der prächtigen, 
immergrünen Alta Verapaz gelebt hat, fo macht diefe dürftige 
Pflanzenwelt, inmitten der dünn bevölkerten Landfchaft, einen 
recht traurigen Eindruck. 

Wie ich nun durch diefes wüfte und leere Gebirge dahin- 
ritt, ging mir unwillkührlich Uhland's »Schwäbifche Kunde« 
durch den Sinn und der Vergleich mit meinem wackeren Lands- 
mann aus der Zeit der Kreuzzüge machte mir Spafs, obgleich 
ich mir felbft gerade nicht fehr ritterhaft vorkam, und half mir 
über manche unangenehme Lage leichter hinweg: 

»Das Rofslein war fo krank und fchwach, 

Er zog es nur am Zaume nach« 

citirte ich, wenn ich die fteilen fteinigen Bergpfade auf- und abwärts 
zu Fufs ging und mein Pferd an der Leine führte; und weiter: 

»Dem Pferde war’s fo fchwach im Magen, 

Faft mufste der Reiter die Mähre tragen« 

wenn ich felbft noch in der Ebene von Tlacolula und Oaxaca 
in halbfufstiefem Staube zu Fufs gehen und den Gaul vor mir 
hertreiben mufste. 

»Viel Steine gab’s und wenig Brot«; 

dachte ich, wenn ich nach langem befchwerlichen Ritte in einem 
dürftigen Quartier eintraf und nur mit Mühe ein paar Eier auf- 
zutreiben vermochte; Bier oder Wein war felbftverftändlich erft 
recht nicht zu haben, oft nicht einmal Kaffee, und wenn ich 
nicht in langer früherer • Praxis gelernt hätte, mich mit Atoll 
(Maisbrei) zu befreunden, fo hätte ich gar manches Mal mich mit 
klarem Waffer begnügen rnüffen, und ich fprach dann wohl in 
wehmüthiger Erinnerung an meine Münchener Studienzeit zu 
meiner Seele: 

»Und mancher deutfche Reitersmann 

Hat dort den Trunk fich abgethan.« 


— 109 — 

Früh Morgens um 3 oder 4 Uhr pflegten wir uns zu erheben, 
dann galt es, das Laftmaulthier zu bepacken — eine wenig ange- 
nehme Befchäftigung — und dann gings den lieben langen Tag 
in glühender Sonnenhitze bis zum fpäten Abend weiter, um dann 
in irgend welcher Hütte Unterkunft zu fuchen. Hätten wir gute 
Thiere gehabt, fo hätten wir jedesmal die gröfseren Ortfchaften 
erreichen können und die Reife hätte lieh weit angenehmer 
o-eftaltet: fo aber mufsten wir eben bleiben, wo wir am Abend 
eine menfchliche Wohnung fanden und da war es denn recht 
dürftig mit der Unterkunft beftellt; öfters wurde mir auf befon- 
dere Fürfprache meines Führers hin, welcher die Zärtlichkeit 
meiner Conftitution betonte, ein Bett hergerichtet: man legte 
einige Bretter über zwei Holzpflöcke, breitete eine dünne Binfen- 
matte darüber und das »Bett« war fertig: ein hartes Lager, und 
doch fchlief ich darauf gewöhnlich vortrefflich, denn von dem 
Wege, den wir zurückzulegen hatten, habe ich mindeftens ein 
Drittel zu Fufs gemacht, und kam daher meift ziemlich müde 
im Quartier an. Mein Führer ging noch weitere Strecken zu 
Fufs, um fein Maulthier zu fchonen, war aber dann oft fo gut- 
müthig, irgend welchen Fufsgänger, der ihn darum bat, ftunden- 
weit reiten zu laffen, während er felbft zu Fufs hinterher lief. 
Und dabei machte der Mann, feines Zeichens ein Maurer, die 
Reife zum Vergnügen, wie er mir felbft fagte. Weifs Gott, der 
Mann war ein Original! Ich meines Theils war herzlich froh, 
als ich mit Einbruch der Nacht am 24. Januar in die Stadt 
Oaxaca einritt und dafelbft im Hotel Segarra gute Zimmer, gute 
Betten, ordentliches Effen und Getränke fand. 

Die Bevölkerung der durchzogenen Gegend befteht zum 
Theil aus Indianern (Zapoteken), zum Theil aus Mifchlingen und 
fcheint fehr wenig von der Civilifation beleckt zu fein. Die erfte 
Stufe höherer Civilifation beginnt erft auf dem Hochlande; ich 
merkte es daran, dafs ich fchon im erften Dorfe der Hochebene 
( Hacolgla) von den Erwachfenen wegen meiner Kleidung und 
meiner Kopfbedeckung ausgefpottet wurde. Alle Civilifation ift 
zunächft äufserlich und erzeugt Dünkel und Selbftüberhebung. 
Der Unciviliflrte ftaunt über fremdartige Erfcheinungen, der 
Civilifirtere macht fleh darüber luftig, weil er bereits fo viel 
Kritik übt, das Fremdartige mit dem Einheimifchen zu ver- 


I IO 


gleichen und weil er überzeugt ift, dafs das Einheimifche dem 
Fremdartigen überlegen fei. Bei wenig civilifirten Völkern find 
nur die Erwachfenen, aber noch nicht die Kinder auf diefem 
Standpunkte angekommen; bei anderen Völkern (z. B. Italien) 
find Erwachsene und Kinder gleicher Weife auf diefem Stand- 
punkte; bei höher flehenden Völkern (z. B. Deutfchland) nur 
noch die Kinder, während die Erwachfenen, wenigftens der Mehr- 
zahl nach, fo viel Tact haben, dafs fie ihren Spott verbergen. 
Echte Civilifation , welche ohne Vorurtheil die Vorzüge des 
Fremden und Einheimifchen prüft und auf alle Fälle Jedermann 
nach eigener Fapon felig werden läfst, ift übrigens felbft unter 
den Gebildeten der höher flehenden Nationen feiten. 

Oaxaca ift eine hübfche, ftille Stadt mit etwa 30000 Ein- 
wohnern, mit geradlinigen Strafsen, einigen berühmten Kirchen 
(die ich aber nicht befucht habe), hübfchen Anlagen u. f. w. 
Das Schönfte aber, was Oaxaca bieten kann, ift das milde Klima, 
welches hier (in 1550m Höhe) jahraus jahrein herrfcht, und wenn 
nicht während der Trockenzeit fich ein geradezu gräulicher Staub 
auf den Strafsen befände, fo wäre Oaxaca geradezu als ein Luft- 
curort für Lungenkranke zu empfehlen. 

In der Hochebene (Valle) von Oaxaca und Tlacolula wird 
neben Mais und Zuckerrohr bereits ziemlich viel Getreide, auch 
Klee gebaut. Die Art der Feldbeftellung ift aber noch fein- 
primitiv: man bedient fich noch der altväterifchen hölzernen 
Pflüge, deren Schar nur mit einer Eifenplatte befchlagen ift und 
es ift wahrfcheinlich, dafs diefer Pflug fich noch lange erhalten 
wird, denn die Indianer hängen allenthalben fehr am Alther- 
gebrachten und die Grofsgrundbefitzer haben keine Urfache, 
hierin eine Aenderung durchzufetzen. Die Indianer bauen näm- 
lich die Feldfrüchte unentgeltlich an unter der Bedingung, dafs 
zur Zeit der Ernte die eine Hälfte dem Grundbefltzer, die andere 
dem Bebauer zufalle. Man fleht, dafs die Landwirthfchaft , auf 
folchen Grundlagen ruhend, eine fehr flchere und gute Ernte 
liefert. 

In der Nachbarschaft von Oaxaca findet man zahlreiche 
Ueberrefte altindianifcher Anfiedelungen und man fleht zahllofe 
Vafen, Thonfiguren, Götzenbilder u. f. w. , theils zapotekifchen, 
theils mixtekifchen Urfprunges, im Privatbefitze. Wundervolle 




Ueberrefte indianifcher Baukunft finden fich bei Mitla, 1 1 Leguas 
von Oaxaca entfernt, und ich habe nicht verfäumt, diefen herr- 
lichen Ruinen, fovvie dem weit berühmten Riefenbaum von Tule 
(einem herrlichen Taxodium mucronatum) — zu Wagen — meinen 
Befuch abzuflatten. Doch glaube ich hier von einer Befchreibung 
abfehen zu können, da diefe Merkwürdigkeiten bereits häufig von 
berufenerer Feder gefchildert worden find. Auch die Eifenbahn- 
fahrt von Oaxaca nach Puebla und Mexiko -Hauptftadt, welche 
mancherlei fchöne Blicke auf die riefigen Vulkane der Gegend, 
auf die riefigen Maguerz- Pflanzungen in der Nachbarfchaft der 
Hauptftadt u. f. f. bietet, braucht hier nicht eingehend gefchildert 
zu werden, da ich mich hier ja fchon auf bekanntem, viel 
befchriebenem Boden bewegte, und ich erwähne als gewiffen- 
hafter Chronift nur noch, dafs ich am 29. Januar 1893 in der 
alten Stadt der Azteken meinen Einzug hielt. 


Auf dem Hochlande von Anahuac. 


Mexiko ift bekanntlich eine grofse, ziemlich regelmäfsig 
gebaute Stadt und befitzt einen lebhaften Fremdenverkehr, Dank 
den guten Eifenbahnverbindungen. Ich bin nach allen Richtungen 
hin durch die Stadt gebummelt und habe die wichtigften Sehens- 
würdigkeiten gefehen ; ich will darauf nicht näher eingehen, denn 
über Mexiko ift fchon fo viel gefchrieben worden, dafs ich hier 
nichts Neues zu fagen wüfste. Nur das Eine möchte ich hier 
betonen, weil es in anderen Reifebefchreibungen häufig neben- 
fächlich oder gar nicht erwähnt wird, dafs nämlich Mexiko eine 
fchmutzige Stadt ift: die Plätze mit öffentlichen Anlagen und 
einige Strafsen des Centrums werden allerdings mit grofser Mühe 
rein gehalten; die anderen Strafsen aber, obwohl breit und luftig 
angelegt, ftarren gewöhnlich vor Schmutz. Je mehr Luxus in 
Pferden, Wagen und Toiletten geleiftet und namentlich des 
Abends bei Spazierfahrten auf dem »Pafeo« zur Schau getragen 
wird, defto mehr fällt die erfchreckende Armuth an der Peri- 
pherie der Stadt auf. Diefe zeigt fich zwar nicht fo auffällig, 
wie etwa im ehemaligen Ghetto von Rom, ift aber ficherlich 
nicht in geringerem Mafse vorhanden; die jämmerlichen, ein- 
ftöckigen, flachen, oberirdifchen Höhlen, welche man hier Häufer 
zu nennen beliebt, find gewifs in hygienifcher Hinficht noch 
fchlimmer, als einft die Riefenhäufer in den engen Gaffen des 
Ghetto; dazu kommt die elende Nahrung und die gänzliche 
Mifsachtung jeglicher Vorficht: wie oft habe ich gefehen, wie 
Leute aus dem niederen Volke aus dem flehenden Waffer der 
Baffins feiten fpringender Fontänen tranken! Allenthalben wer- 


— 1 1 3 — 

den auch hier, wie in den armen Vierteln italienifcher Städte, 
auf offener Strafse, in unreinlicher Weife die Mahlzeiten für die 
arme Bevölkerung zubereitet; bedenkt man zudem den Schmutz 
der Strafsen, die Unvorfichtigkeit der Stadtverwaltung, welche 
am hellen Tage in den belebteften Strafsen die gefundheits- 
widrig-ften Erdarbeiten vornehmen läfst, bedenkt man ferner die 

o 

bekannten fchlechten hygienifchen Verhältniffe des Thaies*) von 
Mexiko, die von Wafferpflanzen überwucherten Hinkenden Abzugs- 
canäle, welche dem eifrigften Spaziergänger das Spazierengehen 
verleiden können, dann kann man fich wirklich nicht wundern, 
wenn von Jahr zu Jahr die Sterblichkeitsziffer Mexikos zunimmt 
und der Typhus in epidemifcher Form auftritt. 

Trefflich eingerichtet und weit verzweigt ift in Mexiko das 
Syflem der Pferdebahnen, welche man hier auch zum Fracht- 
verkehr und Feichenconduct verwendet. Der Verkehr von Fufs- 
gängern und Wagen auf den Strafsen der Stadt ift: lebhaft; 
Mexiko ift überhaupt recht grofsftädtifch, freilich nicht grofs- 
ftädtifch genug, als dafs nicht meine Jäger’fche Wollkleidung 
da und dort lebhaftes Auffehen erregt hätte , und als ich zum 
erften Mal das Reftaurationslocal des »Deutfchen Haufes« betrat, 
rief einer der Anwefenden ganz vernehmlich aus: »Da kommt 
Profeffor Jäger aus Stuttgart«, eine Bemerkung, welche mich 
natürlich in .die heiterfte Stimmung verfetzte. Die Deutfchen 
nehmen eine fehr geachtete Stellung in der Stadt ein, find aber 
natürlich in verfchiedene Lager gefpalten und der junge »Deutfche 
wiffenfchaftliche Verein« ift bei diefer Spaltung leider zu Grunde 
gegangen. 

Die Civilifation ift in Mexiko bereits auf einer fehr hohen 
Stufe angelangt, denn man kennt hier bereits recht wohl den 
Begriff des Trinkgeldes und beobachtet häufig in unliebfamer 
Weife, dafs Drofchkenkutfcher , Kellner, Verkäufer fleh beim 
Anfetzen der Preife oder beim Herausgeben — natürlich ftets 
zu ihrem Vortheile — täufchen. Es ift dies eine Errungenfchaft 
der Cultur, von der ich meines Wiffens, während meines vier- 


*) Zur Entwaffnung und Gefundmachung des Thaies von Mexiko werden 
übrigens feit Jahren koftfpiclige Arbeiten ausgeführt, deren Vollendung allerdings 
noch nicht abzufehen ift. 

Sapper, Das nördliche Mittelamerika. 


8 


— 1 14 — 

jährigen Aufenthaltes in der minder civilifirten Republik Guate- 
mala, keine Proben erfahren habe. 

Der Blick auf die Stadt Mexiko und Umgebung, befonders 
auf die Schneeberge Popocatepetl und Iztaccihuatl im Süden ift 
fehr anmuthig und ich pflegte gar manches Mal von der Platt- 
form der Escuela Nacional de Ingenieros aus über die im Sonnen- 
fehein erglänzenden Dächer der Stadt hinweg fehnfüchtig nach 
den fernen Firnfeldern diefer Berge auszufchauen. Die Escuela 
de Ingenieros, welche etwa einer deutfehen technischen Hoch- 
fchule entfpricht, war mein gewöhnlicher Aufenthalt bei Tage, 
denn in ihren Räumen fand ihr Heim auch die geologifche Com- 
miffion von Mexiko, welcher ich foeben als Mitglied beigetreten. 
Bis aber meine Beftallungsurkunde ausgefertigt war, vergingen 
bei dem langfamen Inftanzengang einige Wochen, und fo fand 
ich denn Gelegenheit, einige Bergbefteigungen auszuführen, 
welche in das einförmige Stadtleben eine fehr erwünfehte 
Abwechfelung brachten. 

Am 12. Februar Morgens 8 Uhr verliefs ich die Stadt Mexiko, 
um nach Toluca zu fahren. Nachdem wir die Ebene von Mexiko 
durcheilt hatten, begann, die Bahn in einem hübfehen Gebirgs- 
thale anzufteigen. Mit Vergnügen ruhte mein Blick auf dem 
malerifch gelegenen Dörfchen S. Bartolito, deffen Holzdächer, wie 
in anderen Gebirgsländern üblich, vielfach mit Steinen befchwert 
find. Mais- und Getreidefelder bedecken den Thalboden, wäh- 
rend niedrige Eichen und kleineres Bufchwerk die ziemlich dürren 
Berghänge bekleiden. Manche Büfche prangen in jungem Grün, 
und die rothblühenden Bäume, welche an den Ufern des Flüfs- 
chens Rehen, erfcheinen mir wie Vorboten des erwachenden 
Frühlings. Man fpricht zwar vielfach von dem ewigen Frühling, 
welcher im Thale von Mexiko herrfchen foll; es ift dies aber 
ein Märchen, das nur zum Theil auf Wahrheit beruht. Als ieji 
Ende Januar in Mexiko ankam, war es zuweilen empfindlich kalt, 
und die Pflanzenwelt lag zum gröfsten Theil im Winterfchlafe; 
die fruchtbaren Gelände erfchienen daher recht dürr und öde, 
und wo die Pflanzenwelt auszudauern fchien, war es nur ein 
traumhaftes Weitervegetiren (denn erft die erften Regen um 
Ende Februar brachten jungen Saft und jungen Trieb in die 
Gewächfe). 


— IIS — 

Höher fteigt die Bahn in engem Thale, das fich bei Dos 
]Rios erweitert; in fchneidendem Gegenfatze zu dem freundlichen 
Landfchaftsbilde , welches man hier geniefst, fteht die ungünftige 
■äufsere Erfcheinung der hiefigen indianifchen Bevölkerung (Oto- 
mies). Vergleicht man mit dem Schmutze diefer Leute die 
peinliche Sauberkeit, welche die meiften Stämme des minder 
civilifirten Guatemala auszeichnet, fo mufs man fich unwillkürlich 
die Frage aufwerfen, ob das wohl vor Ankunft der Spanier 
■ebenfo gewefen ift oder ob es nur eine Folge der europäifchen 
Cultur ift, oder beffer gefagt, der Art und Weife, wie diefelbe 
jenen Indianern gebracht worden ift? 

Immer noch höher fteigt die Bahn; Kiefern, Tannen und 
Cypreffen beginnen neben den Eichen aufzutreten, aber noch 
immer begleiten uns, trotz der ziemlich fteilen Gehänge, Getreide- 
und Maisfelder, durch Agavenhecken gefchieden. Eine pracht- 
volle, immer grofsartiger werdende Ausficht eröffnet fich auf die 
Thäler, Hügel und Ebenen im Offen, mit ihren wohlbebauten 
Fluren, ihren Dörfern und Kirchen. Allmählich bleiben die 
Getreidefelder unter uns, wir treten in zufammenhängende Coni- 
ferenwälder ein, die Landfchaft nimmt alpinen Charakter an 
und in etwa 3060 m Höhe iiberfchreiten wir die Pafshöhe und 
befinden uns nun in einem flachen Hochthale mit armfeligen 
Weideflächen. Nun geht es allmählich abwärts und bei dem 
grofsen, malerifchen Dorfe Jajalpa erreichen wir die fruchtbare, 
aber ftellenweife fumpfige Hochebene von Toluca; einige kleine 
vulkanifche Hügel ragen in der Nähe auf und in der Ferne 
■erblicken wir den Nevado de Toluca mit feinen Schneefeldern, 
-den Gipfel in Wolken gehüllt. Um 11 Uhr Vormittags erreichte 
ich die anfehnliche Stadt Toluca (2690 m), fuhr Nachmittags mit 
•der Dampfftrafsenbahn nach dem Dorfe S. Juan (2900 m) und 
ritt von dort aus am nächffen Morgen mit einem Führer meinem 
Ziele zu. 

Es war empfindlich kalt; Reif bedeckte Gras und Bufch 
und den Staub des Weges und ich verhüllte, um die Zügel 
führen zu können, meine erffarrten Hände in Ermangelung von 
Handfchuhen mit einer wollenen Mütze, bis allmählich eine 
angenehmere Temperatur eintrat. Wir ritten ff eil durch pracht- 
vollen Kiefernwald aufwärts, an der Alpe »La Dispensa« (3330 m) 

8 * 


— ii 6 — 

vorbei, iiberfchritten die obere Wald- und Baumgrenze bei 4000 m 
Höhe, erreichten bei 4180m die unterften Schneeflecken und 
gelangten mit unteren Pferden, welche, der dünnen Bergluft 
ungewohnt, alle Augenblicke ausruhten, an den Nordgrat des 
Berges bis zu einer Höhe von 4390 m, wo mein Führer erklärte, 
mit den Pferden Zurückbleiben zu müffen. Ich frug ihn, wo ich 
wohl zum Gipfel hinauffteigen könne, er aber erklärte gutmüthig, 
»wo ich wolle, denn er kenne die Anftiegsroute nicht«. 

Ich ftieg alfo über lockere Gefteinsblöcke , welfche häufig 
von Schnee bedeckt waren, aufwärts, wo es mir gut fchien und 
kam nach einer Stunde zum Pico del Fraile, welcher nach Aus- 
fage der Anwohner der höchfte Punkt des Berges fein foll. Die 
Ausficht von hier ift fehr weit, fie bietet aber nicht die nöthige 
Abwechfelung von Formen und Farben, um eine bedeutende 
malerifche Wirkung zu erzielen. Da um diefe Jahreszeit die 
Felder erft in den gefchützteren Thälern beftellt waren, fo 
machte die ganze Landfchaft mit den fcheinbar öden Ebenen 
und mit den gleichförmigen Kiefernwaldungen an den höheren 
Berghängen einen recht froftigen Eindruck. Von grofser Schön- 
heit aber ift der Blick auf den grofsen elliptifchen Krater mit 
feinen riefigen Steilwänden und auf den kleinen Kraterfee zu 
Füfsen des Hauptgipfels. Nicht ohne Schwierigkeit flieg ich 
zum See hinunter (4280 m), kletterte dann zum Oftkamm empor 
(4550m) und kehrte zu den Pferden zurück, um möglichft rafch 
nach S. Juan hinabzureiten. 

Abends um 6 1 /, Uhr waren wir wieder in unferem Quartier 
und am 14. Februar Nachmittags 1 Uhr befand ich mich wieder 
in Mexiko (2280m), ein wenig ermüdet, aber um eine fchöne 
Erinnerung reicher. 

Wenige Tage fpäter (den 17. Februar) verliefs ich abermals 
Mexiko und kam gegen 11 Uhr Vormittags in dem Dörfchen 
Amecameca (2500m) an, von wo aus man gewöhnlich den Popo- 
catepetl erfteigt. Ich wandte mich, von einem Gaftfreunde 
angeleitet, zunächft an einen »Vertrauensmann« (Antolino 
Mendizabal), welcher nach Empfang des ausbedungenen Preifes 
(21 Mk.) fich verpflichtete, alles Nothwendige für die Befleigung 
des Popocatepetl vorzubereiten. Ich felbft beforgte für mich die 
nöthigen Lebensmittel und einige Kleinigkeiten, welche nach dor- 


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tiger Sitte für die Bergreifen verwendet werden; dann ging ich fpa- 
zieren und fah mir zunächft die nahen Schneeberge von unten an. 

Am folgenden Tage ritt ich gegen 11V2 Uhr Vormittags 

mit dem Vertrauensmanne und einem Laftmaulthiere von Amec- 

ameca ab, während der Maulthiertreiber und der Bergführer uns 

zu Fufse nachliefen. Das Wetter fah recht bedenklich aus und 

als fich über uns in einer Höhe von etwa 2960 m (nahe der 

oberen Grenze des Getreidebaues) ein tüchtiges Hagelwetter 

entlud, da hatte ich wahrlich kaum mehr eine Hoffnung auf eine 

glückliche Ausführung der Tour. Schweigend und in fchlechter 

Laune ritt ich in den fchönen Kiefernwäldern höher hinan und 

• 

ärgerte mich über die Nervofität meines Reitpferdes, über das 
geiftlofe Gerede meines Begleiters, über das Wetter, bald auch 
über die Kälte, kurz, über alles Mögliche, bis wir endlich gegen 
4 1 2 Uhr Abends in der Hütte von Tlamacas (3900 m) , der 
früheren Schwefelraffinerie, ankamen, wo meine gute Laune beim 
warmen Feuer und einem guten Imbifs bald wiederkehrte, um fo 
eher, als das Wetter fich allmählich aufhellte und vor Einbruch der 
Nacht der mächtige Kegel des Popocatepetl in feinem blendend 
weifsen Firnmantel fich in feiner ganzen majeftätifchen Gröfse 
aus nächfter Nähe zeigte. Frühzeitig fuchte ich mein Lager auf 
und fchlief, gegen Kälte wohl verwahrt, vortrefflich bis zum 
nächften Morgengrauen. 

Um 5 x / 2 Uhr Morgens (Temperatur: — 5°C.) brach ich, 
wohlverfehen mit Schneebrille, Schleier und Handfchuhen, in 
Begleitung des Führers und des Maulthiertreibers auf und ritt 
an den Hängen des Popocatepetl hin bis zu einer Felsgruppe, 
welche mit einem Holzkreuze geziert ift: »Las Cruces« (4440m). 
Von hier aus wurde das Pferd zurückgefchickt, während ich felbft, 
ungern genug, mich meiner guten deutfchen Bergfchuhe ent- 
ledigte, um mir nach Landesfitte die Füfse mit Wolltüchern 
umwickeln und mit Sandalen bekleiden zu laffen. Langfam ftieg 
ich dann mit meinem Führer die fteiler werdenden Hänge des 
Berges hinan; bald betraten wir Firn, benutzten aber, fo weit 
als möglich, ein aperes Geröllband, um rafcher fteigen zu können. 
Nachdem wir dann den zufammenhängenden Firn betreten hatten, 
mufste mein Führer jede Stufe mit feiner Schneefchaufel aus- 
graben — Eispickel find hier unbekannt; wir kamen daher nur 


fehr langfam voran und ich hatte fomit Mufse, die ungemein 
klare Ausficht zu geniefsen, welche fich gegen Norden und Orten 
eröffnete. Befonders grofs und fchön erfcheint von hier aus der 
Pik von Orizaba, während im Norden der langgeftreckte Iztacci- 
huatl die Aufmerkfamkeit feffelt. Kurz vor 12 Uhr erreichten 
wir den Rand des Kraters an feiner tiefften nordöftlichen Ein- 
renkung (5190m) unmittelbar oberhalb des Haspels, welcher 
früher die Verbindung zwifchen dem Kraterboden und der Ober- 
welt vermittelt hatte , als noch der Schwefelbergbau in dem 
Krater betrieben wurde. Jetzt ift derfelbe längft aufgelaffen, 
der Haspel ift zerbrochen und neidifch blickte ich nach der 
Tiefe des Kraterkeffels, die mir nun nicht erreichbar war. Ich 
mufste mich fchon damit begnügen, das prachtvolle Bild von 
oben zu fchauen: die fteilen Riefenwände mit ihren Lava- und 
Geröllfchichten, die dampfenden Fumarolen an ihren Hängen 
und in der Tiefe, der kleine grüne See am Grunde des Kraters 
und All diefes umrahmt von blendendem Firn, welcher den 
Rand der Umwallung krönt! Es ift ein herrlicher Anblick und 
ich geftehe, dafs ich nie zuvor einen Krater von fo gewaltigen 
und fchönen Verhältniffen gefehen habe. Nur zu bald mufste 
ich mich von dem prachtvollen Bilde trennen und den Abftieg 
antreten (2 Uhr Nachmittags). Es war ziemlich unangenehm, an 
den fteilen Hängen des Berges in den früher gefchlagenen Stufen 
abzufteigen, denn die Stufen waren verhältnifsmäfsig weit von 
einander entfernt und ich befafs in meinen Sandalen keinen fo 
ficheren Tritt, wie in den gewohnten Bergfchuhen. Wie fchade, 
dafs der Firn fo hart gefroren war; wäre der Schnee weich 
gewefen, fo hätten wir in wenigen Minuten in luftiger Fahrt auf 
einer Strohmatte den Bergkegel herunterrutfchen können. Um 
3 3 / 4 Uhr Nachmittags erreichten wir übrigens auch fo wieder 
Tlamacas, um 8 Uhr Nachts Amecameca, und am 20. Februar 
Morgens 9 Uhr war ich wieder in Mexiko zurück und fchaute mit 
einem eigenartigen Gefühl der Befriedigung nach dem prächtigen 
Schneeberge zurück, dem ich foeben einen Befuch abgeftattet. 

Wenige Tage fpäter wurden mir von der Regierung meine 
Papiere übergeben, und am 25. P'ebruar reifte ich von Mexiko 
ab, um mich in mein Arbeitsgebiet Tabasco und Chiapas zu 
begeben. Die prachtvolle Eifenbahn von Mexiko nach Veracruz 


— i IQ — 

ift fchon fo oft in Wort und Bild gefchildert worden, dafs ich 
hier Nichts hinzuzufügen habe. Ich freute mich wie ein Kind, 
als von Orizaba ab wieder üppig grüne Vegetation an Stelle der 
armfeligen Pflanzendecke der trockenen Hochebene trat und die 
rankenden und fchlingenden Gewächfe an Bufch und Baum fleh 
zeigten, welche einen der eigenthümlichflen Charakterzüge der 
feuchten Tropenvegetation darftellen. Als ich in Veracruz ange- 
kommen war, ftellte es fleh heraus, dafs der Dampfer »Veracruz« 
um mehrere Tage verfpätet eintreffen würde und ich hätte dem- 
nach das zweifelhafte Vergnügen gehabt, einen längeren Aufent- 
halt in dem heifsen Hafenplatze nehmen zu müffen. Ich rechnete 
hin und rechnete her; mir fchien, dafs es gehen könnte und 
rafch entfchloffen packte ich meine Koffer und fuhr am nächffen 
Morgen wieder dem Hochlande zu. In wunderbarer Klarheit 
flieg der Schneeberg von Orizaba hinter den bewaldeten Vor- 
bergen auf und je näher man nach Cordoba und Orizaba kommt, 
defto grofsartiger und fchöner erfcheint der gewaltige Berg, 
welcher an landfchaftlicher Wirkung felbft den Aetna noch iiber- 
bietet. An reiner Formfchönheit fleht der Orizaba zwar dem 
Santa Maria, Atitlan oder Agua in Guatemala nach, er bringt 
aber einen viel gewaltigeren Eindruck hervor als jene Feuer- 
berge, wegen feiner Schneebedeckung, feiner gröfseren Maffen- 
haftigkeit und wegen des Mangels eines jeglichen Rivalen — 
von Weften her betrachtet. 

Bald war das Dorf S. Andres Chalchicomula (2560 m) erreicht, 
die nöthigen Vorbereitungen getroffen und gegen 11 Uhr Vor- 
mittags; am 27. Februar, ritt ich mit einem berittenen Vertrauens- 
mann (Sabino Morales) und deffen zehnjährigem Sohne, fowie 
mit zwei Laflthieren weg, während der Maulthiertreiber und drei 
Führer zu Fufse nachfolgten. Durch fchöne Getreidefelder, 
fpäterhin durch prächtige Wälder, endlich über alpine Weide- 
flächen, führte unfer Weg dahin und kurz vor Einbruch der 
Nacht erreichten wir die »Cueva de los Muertos« , eine Höhle 
welche man zum Uebernachten zu benutzen pflegt (4030m). 
Bald entwickelte fleh hier ein reges Leben und Treiben; ein 
Feuer wurde angezündet, es wurde gekocht und gebraten; in 
malerifcher Gruppirung lagerten fleh meine Begleiter ums Feuer 
und verzehrten mit beflem Appetit ihren Imbifs. Am meiflen 


120 


Spafs machte es mir, den zehnjährigen Jungen zu beobachten, 
dem die helle Freude über das ungewohnte Treiben aus den 
Augen leuchtete. Bald ftreckte ich mich auf meiner mitgebrachten 
Matratze aus und fchlief vortrefflich bis zum Morgengrauen. 

Gegen 6 Uhr Morgens (Temperatur — ii/ 2 ° C.) verliefs ich 
dann zu Pferde in Begleitung meiner drei Führer und des Maul- 
thiertreibers die Höhle, um fo hoch als möglich an den Hängen 
des Berges hinaufzureiten. Beim »Encargadero de los Azufreros« 
{4630m), wo bereits nur noch fpärliche Gräfer zu fehen find, 
mufste ich das Pferd zurückfchicken; ich umhüllte meine Füfse 
mit Wolltüchern, legte Handfchuhe, Schleier und Schneebrille 
an, an Stelle eines Bergftockes wurde mir ein kurzer, kaum bis 
zu den Hüften reichender Holzprügel ohne Eifenfpitze gegeben, 
und fort gings auf die Bergreife (8 Uhr Vormittags). Die Hänge 
find am Ciltlaltepetl (Pik von Orizaba) im Allgemeinen noch 
Heiler als am Popocatepetl und ich ftieg daher in dem lockeren 
vulkanifchen Geröll fehr langfam aufwärts, indem ich die Vor- 
ficht gebrauchte, ftreng rhythmifch im beftimmten Verhältniffe zu 
meinen Schritten Athem zu holen und wo möglich jede gefteigerte 
Herzthätigkeit zu vermeiden. Man kommt fo langfam, aber ftetig 
vorwärts und läuft nicht Gefahr, fich zu überanftrengen , was in 
fo dünner Luft leicht Vorkommen dürfte, da die Leiftungsfähig- 
keit doch im Allgemeinen herabgemindert ift. Wir erreichten 
endlich den Siidgrat des Berges und folgten nun demfelben, über 
kleinere und gröfsere Felsblöcke aufwärts kletternd, wobei wir 
dann und wann eine kurze Raft hielten, um neue Kräfte zu 
fammeln oder auch, um einen kleinen Imbifs zu uns zu nehmen. 
Eine wundervolle, vollftändig klare Ausficht eröffnete fich nach 
Süden und Werten: hier die weiten Ebenen mit ihren Städten, 
ihren Dörfern, ihren Randgebirgen, der edelgeformte riefige 
Popocatepetl mit feinem grofsen Firnfeld auf der Nordfeite, und 
feinem langgeftreckten Nachbarberg Iztaccihuatl, dann die ein- 
fame Malinche und ferner die Berge von Mexiko, welche im 
Ajusco dominiren, dort der hochintereffante, herrliche Steilabfall 
des Hochlandes gegen die Ktiftenebene, in nächfter Nähe aber 
der gekrümmte Grat der Sierra Negra, die bizarren Felsformen 
des »Thürmchens« (Torrecillo) , der Lavaftroin des »Malpais« 
und andere landfchaftlich wirkfame Theile des Ciltlaltepetl felbft. 





1 2 1 


Kurz vor einer Felsgruppe, welche den ominöfen Namen 
Arrepentimiento (5290m) (»Reue«) führt, überfchritten wir den 
erften Schnee und von nun ab führte unfer Weg faft ausfchliefs- 
licli über Schnee bis zum Gipfel. Weicher Neufchnee bedeckte 
hier in dünner Lage den harten, oberflächlich oft in blankes Eis 
umgewandelten Firn, und es koftete hier noch mehr Anftrengung 
als am Popocatepetl, mit einer Schaufel die Stufen auszuftechen; 
allein ich hatte ja nunmehr drei Führer, welche fleh in das müh- 
fäme Gefchäft theilten; an ein Anfeilen wurde übrigens weder 
hier, noch am Popocatepetl gedacht. Etwas ermüdet, aber fonft 
ohne alle Befchwerden, erreichten wir eine kleine, apere, durch 
Fumarolen ausgezeichnete Stelle (»Respiraderos«) (5560m), und 
gleich darauf, kurz vor 1 Uhr, die höchfte Spitze des Berges 
felbft (5582 m), welche im Jahre 1892 von Lic. Bulues mit 
einem fchwarz angemalten Holzkreuze — wohl dem höchft- 
gelegenen Kreuze der Welt? — gefchmtickt worden ift. Wir 
hatten von hier aus einen prachtvollen Blick nach dem grofs- 
artigen, tiefen Krater, deffen Grund man aber bei der Enge des 
Schlundes nicht fehen kann; die Ausficht nach Norden und Often 
war uns aber durch Nebel vollftändig verhüllt. Bei dem fchnei- 
denden kalten Winde (Temperatur — 3°C.), welcher auf dem 
Gipfel herrfchte, vermochte ich es nicht lange, dort oben aus- 
zuhalten; wir fliegen daher zu den Refpiraderos , nahmen dort 
unfer einfaches Mahl ein und genoffen die herrliche , klare Aus- 
ficht, welche fleh nach Werten und Süden bot. Aber auch hier- 
her verfolgte uns der kalte Wind; mich fror; und als uns der 
Nebel zudem noch dann und wann in feinen wallenden Mantel 
zu hüllen begann, befchlofs ich, wieder den Abftieg anzutreten 
( 1 V-2 Uhr Nachmittags). Gewitzigt durch meine Erfahrungen 
am Popocatepetl hatte ich mir diesmal trotz des Zuredens der 
Führer meine Bergfchuhe nicht rühmen laffen, und fand deshalb 
den Abftieg trotz des ungenügenden Bergftockes verhältnifs- 
mäfsig leicht, da ich in dem gewohnten Schuhwerk guten Halt 
in den Stufen fand. Gegen 2 1/2 Uhr Nachmittags erreichten wir 
die Felfen »Arrepentimiento« wieder und nun begann ein müh- 
seliges Abwärtsklettern über die lofen Felsblöcke des Grates, 
bis wir örtlich von demfelben eine Geröllhalde fanden, welche 
einen rafcheren und bequemeren Abftieg geftattete. 


122 


Um 5 Uhr Abends hatten wir wieder die »Todtenhöhlec 
erreicht, wo Sabino Morales uns bereits mit dem Abendeffen 
erwartete. Ich liefs es mir vortrefflich munden, genofs noch 
einen Augenblick die herrliche Ausficht nach dem Pik von Ori- 
zaba, in deffen weifsem Schneemantel man ganz deutlich unteren 
Weg zum Gipfel verfolgen konnte und legte mich dann fchlafen, 
denn es galt am nächften Morgen frühzeitig aufzubrechen, und 
zudem litt ich an jenem Abend (ebenfo wie vorher nach der 
Befteigung des Popocatepetl und Nevada de Toluca) an Kopf- 
fchmerz, welcher offenbar durch den geringen Luftdruck veran- 
lafst gewefen ilf. 

Als ich am nächften Morgen (i. März) früh um 4 Uhr mich 
erhob, fühlte ich mich wieder vollftändig wohl und munter; zwei 
meiner Führer aber, welche unbegreiflicher Weife ohne Schnee- 
brille gegangen waren, waren fchneeblind geworden und ver- 
mochten kaum nach dem Dorfe zurückzugehen. 

Um 5 Uhr Morgens waren die Pferde gefattelt, die Laft- 
thiere bepackt und unfere ganze Karawane trat nun den Heim- 
weg an. Um 9 Uhr Vormittags war S. Andres Chalchicomula 
wieder erreicht, und Nachmittags führte mich die Eifenbahn 
wieder nach Veracruz herunter, von wo aus ich am 3. März an 
Bord der »Veracruz« nach meinem nächften Ziele — Tabasco — 
abreifte. 

Der gewaltige Höhenunterfchied von nahezu 5600 m inner- 
halb 30, von über 4000 m innerhalb 14 Stunden, war diesmal — 
im Gegenfatze zu früheren Erfahrungen bei den Vulkanen Guate- 
malas — faft ohne Einwirkung auf meinen Organismus geblieben; 
jedoch fühlte ich am Meeresfpiegel einen ganz leichten Druck 
auf die Bruft, welcher aber das Athmen kaum merkbar erfchwerte. 
Mein Organismus hatte fleh durch die mehrfachen Bergreifen 
an bedeutende Luftdruckunterfchiede gewöhnt, und ich glaube 
daher, dafs jeder rüftige Berggänger, welcher lieh eine Weile 
auf dem Hochlande von Anahuac aufgehalten hat, ohne Schwie- 
rigkeit die Erfteigung des Pik von Orizaba ausführen kann, 
während fie ihm doch wahrfcheinlich fchwer fallen dürfte, wenn 
er, dünner Luft ganz ungewohnt, von Veracruz aus fleh fofort 
an diefe Hochtour wagen würde. 


Von Meer zu Meer. 


Nachdem ich am 3. März an Bord der »Veracruz« , eines 
ungemein fchmutzigen, gänzlich unbequemen Dampfers, den 
Hafen von Veracruz verlaffen hatte, befand ich mich am nächften 
Morgen bereits in Coatzocoalcos, dem Endpunkte der Tehuan- 
tepec-Bahn und noch am Abend des 4. März fuhren wir den 
mächtigen Coatzocoalco-Flufs höher hinauf an anfehnlichen Infein 
und einzelnen kleinen Ortfchaften vorbei, vorbei an der Ein- 
mündung beträchtlicher Nebenflüffe, an fchönen Waldftreifen mit 
üppigen Bäumen und Sträuchern, an ausgedehnten grünenden 
Sabannen, welche weidendes Vieh belebte, und fo fort bis zu 
dem anfehnlichen Orte Minatitlan, wo wir einen mehrtägigen 
Aufenthalt hatten. Am 8. März endlich lichtete der Dampfer 
wieder die Anker und am Morgen des 9. März befanden wir uns 
vor Frontera de Tabasco, von wo aus uns der kleine Dampfer 
»Sophia« während der Nacht nach S. Juan Bautista führte. 

Hübfch ift die Einfahrt in den Rio Grijalva, und zur Belebung 
der Scenerie trugen etliche anfehnliche Alligatoren bei, welche 
fich auf den Sandbänken der Ufer formten, aber durch Revolver- 
fchüffe rafch verfcheucht wurden. Früher follen Alligatoren an 
diefen Ufern in grofser Zahl gehäuft haben; feit einigen Jahren 
ift man ihnen ftark zu Leibe gerückt, indem ein fchwunghafter 
Handel*) mit Alligatorenhäuten begann und nachdem binnen 
weniger Jahre mehrere hunderttaufend Häute aus Tabasco ver- 

*) Der Handel mit Alligatorhäuten und damit die Alligatorenjagd find aber fehr 
ftark zurltckgegangen, da gegenwärtig der Markt mit Häuten überfüllt ift (1895). 


— 124 — 

lchickt worden find, find die Thiere fcheu und ziemlich feiten 
geworden. 

In Frontera fowohl, wie in S. Juan Bautifta mufste ich mein 
ganzes Gepäck öffnen und von Zollbeamten unterfuchen laffen — 
eine Beläftigung, welche der verftändige Reifende mit ftoifchem 
Gleichmuthe über fich ergehen läfst, welche aber doch eine 
treffliche Illuftration zur mexikanifchen Einigkeit bildet. 

In S. Juan Bautifta habe ich nur wenige Tage verweilt und 
die Zeit meines Aufenthaltes war faft ganz durch nothwendige 
Beforgungen, Befuche, Einkäufe u. dergl. ausgefüllt. Es galt 
da, fich über die Wege zu erkundigen, Empfehlungsfchreiben 
für manche Punkte zu erhalten, Vorräthe einzukaufen u. dergl. 
mehr; denn fobald man die Hauptftadt von Tabasco verlaßen 
hat, hat man mit mancherlei Schwierigkeiten zu kämpfen, an 
welche man in Culturländern gar nicht zu denken braucht. 

Zunächft ging meine Reife im Ruderboote vor fich; die 
Ufer des Rio Grijalva, dann des Rio Blanquillo find zwar flach, 
aber die grünen, von Viehheerden belebten Sabannen, kleinere 
Waldfireifen und da und dort befcheidene Hütten, höher hinauf 
fchöne Cacaopflanzungen und anfehnliche Haciendas gewähren 
dem Auge viele Abwechfelung und angenehme Ruhepunkte; 
auch die Mosquitos traten — in diefer Jahreszeit — in ziemlich 
befcheidener Zahl auf; mifslich find dagegen die Unterkunfts- 
verhältniffe, da man durchweg auf Gaftfreundfchaft angewiefen 
ift, und es ift mir trotz mehrjährigen Wanderlebens in folchen 
Ländern doch fiets aufs Neue unangenehm, in wildfremde Häufer 
einzudringen und deren Bewohner um ein Frühftück oder um 
Unterkunft anfprechen zu müffen und manchmal klopft man eben 
doch umfonft an die fremde Thür, wie mirs auch auf diefer 
Fahrt einmal gefchah. 

Am 1 6. März war ich in dem Städtchen Pichucalco (ioom) 
angelangt und mein erfter Gang galt der Jefatura polftica (dem 
Bezirksamt), durch deren Vermittelung ich Träger für meine 
Reife zu bekommen hoffte. Allein ich hatte die Rechnung ohne 
den Wirth gemacht: Der Zufall wollte, dafs der Jefe politico 
gerade abwefend war und fein Stellvertreter hatte zwar den 
guten Willen, aber nicht die Macht, meinen Wünfchen zu will- 
fahren; er fchickte einen Poliziften nach einem benachbarten 


— 125 — 

Indianerdorf, um Träger zu holen, nach einigen Tagen aber kam 
derfelbe ohne Träger zurück: offene Infubordination; wenn die 
Katze fort ift, tanzen die Mäufe. Nun ift die Umgebung der 
Stadt ja recht hübfch; man hat die Küftenebene verlaffen und 
befindet fich in einer anmuthigen Hügellandfchaft, die Gipfel 
bewaldet, die Hänge theils mit Maisfeldern, theils mit üppig 
grünendem Bufch werke bekleidet; Cocospalmen ragen zwifchen 
den Hütten des Städtchens auf und Zuckerrohrfelder zeigen fich 
im Thalgrunde; der fehnliche Wunfch, im Grünen zu weilen, 
welcher mich im trockenen Hochlande von Mexiko erfüllt hatte, 
war nun gefüllt, allein Pichucalco war doch zu unbedeutend, die 
nächfte Umgebung geologifch zu unintereffant , die Regenzeit 
in zu drohender Nähe, als dafs ich nicht vor Ungeduld gebrannt 
hätte, um jeden Preis weiterzukommen. Ich verftand mich unter 
folchen Umftänden fchweren Herzens dazu , mich von einem 
Theile meines Gepäckes zu trennen: ich fandte zwei Kiften mit 
indianifchen Trägern nach Tuxtla und brach am 22. März end- 
lich felbft auf in Begleitung eines Mannes, welcher den Reft 
meines Gepäckes auf fein Pferd packte und zu Fufse neben mir 
herging, denn ich felbft ging von nun ab wieder zu Fufs, um 
Wegeaufnahmen und geologifche Studien mit der wünfchens- 
werthen Genauigkeit machen zu können. Freilich verfolgte mich 
dabei öfters der Gedanke, dafs die von mir begangenen Wege 
möglicher Weife fchon anderweitig vermeffen fein könnten und 
alfo meine Arbeit fchon im Entliehen antiquirt wäre. Eine 
folche Möglichkeit ift bei den eigenthiimlichen Verhältniffen, wie 
fie in der mexikanifchen Republik beftehen, recht wohl denkbar. 
Man füllte gar nicht glauben, welch anfehnliche Summen von der 
Regierung Mexikos und anderen Republiken des lateinifchen 
Amerika für wiffenfchaftliche, namentlich topographifche Arbeiten, 
ausgegeben werden, aber der Enthufiasmus erlahmt oft fehr 
rafch, und wenn die Ingenieure ihre Arbeiten einliefern, fo bleiben 
diefelben nur allzu oft einfach in den Archiven liegen, ohne jemals 
veröffentlicht zu werden und find in Folge der Geheimnifskrämerei 
der verfchiedenen Sectionen und Commiffionen fo ficher aufge- 
hoben, dafs Niemand etwas von den Refultaten erfährt; werden 
die Arbeiten aber wirklich gedruckt, fo kommt es nicht feiten 
vor, dafs die ganze Auflage aus Nachläffigkeit liegen bleibt, ohne 


126 


zur Vertheilung zu kommen, oder dafs zwar die ausländifchen 
Bibliotheken und Fachgefellfchaften, nicht aber die einheimifchen 
Intereffenten und Büchereien mit Exemplaren bedacht werden! 

Doch genug der Abfchweifung 1 In drückender Schwüle 
wanderte ich durch anmuthige Hügellandfchaft nach Solosuchiapa 
{220 m), wo der Weg, dem Teapafluffe folgend, tiefer ins Innere 
des Bergzuges eindringt. Wir erreichen hier die herrlichften, 
regenfeuchten Tropenwälder, welche gleich einem ewig grünen 
Mantel die gewaltigen Thalfchluchten und Bergeshäupter bedecken. 
In dem abfeits gelegenen Gold- und Silberbergwerke von Santa 
Fe (510 m) verweilte ich einen Tag, um die Erzlagerftätten und 
den Gang der Arbeiten kennen zu lernen; ich habe es nicht 
bereut, denn nicht nur das Bergwerk an fich bot viel des Inter- 
effanten , fondern auch die prachtvolle Lage der eigenartigen 
Colonie mit den klappernden Steinbrech -Mafchinen zog mich 
ungemein an. Sie liegt am Vereinigungspunkte einiger anfehn- 
licher Bäche, deren kryftallklare Fluthen fich braufend zwifchen 
mächtigen Felsblöcken durchzwängen oder fie fchäumend über- 
fpringen; gewaltige Berge ragen zu allen Seiten auf, von dichtem 
Urwalde bedeckt, und nur ein einziger Weg führt durch eine 
enge Thalfchlucht aus diefer Waldeinfamkeit heraus, um die 
Verbindung mit der Aufsenwelt herzuftellen. Das klingt recht 
nett und anfpruchslos und doch ift nicht zu vergeffen, dafs diefer 
Weg von der Bergwerksgefellfchaft erft mit beträchtlichen Koften 
{40000 Dollars) hergeftellt wurde. Man bedenkt die bedeutenden 
Nebenausgaben oft nicht hinreichend, wenn man an Anlagen 
von Bergwerks- oder landwirthfchaftlichen Unternehmungen geht 
und aus diefem Grunde ift fchon manche Gefellfchaft zu Grunde 
gegangen, anftatt goldenen Lohn zu ernten. 

Am Abend des 24. März fetzte ich meine Reife fort und 
begann am nächften Morgen, von der Hacienda Zacualpa aus 
{390 m), zum Berglande von Nordchiapas hinanzufteigen; zunächft 
der Richtung des Teapafluffes folgend fteigt man Stufe um Stufe 
höher, bis beim Rancho de las Nubes (1750 m) die letzte Steigung 
zu überwinden ift. Der Weg, der fchon bisher recht fchlecht 
war, obgleich er eine Hauptverkehrsftrafse (Camino real) bildet, 
wird nun noch elender. Steil fteigt man in rauhem Steingerölle 
in fcharfen Kehren aufwärts; der Pfad ift oft fo tief und eng ein- 


* — 127 — 

gefchnitten, dafs das Packthier kaum mit dem Gepäcke fich 
•durchzwängen kann und an einer Stelle, welche den reizenden 
Namen »LaVentana« (»das Fenfter«) führt, mufs man das Gepäck 
abladen und auf der Schulter tragen , da die Packthiere auch 
ohne Laft kaum jene jammervolle Stelle paffiren können und 
Gefahr laufen, in dem engen heilen Wege rückwärts abzuftiirzen 
und umzukommen. Endlich zeigt der Pfad minder beträchtliche 
Steigungen, bald erfcheinen einzelne Kiefern, und wenn man die 
Kammhöhe (2040m) überfchritten hat, hören die prachtvollen 
Laubbäume und Farnpalmen, welche uns bisher begleitet haben, 
plötzlich auf und die Kiefern werden mit einem Schlage die 
herrfchende Baumform; kaum aber hat man das Dörfchen Manza- 
nillo (1950m) erreicht, fo werden auch fie fpärlich; dürres Gras 
bedeckt nun in fpärlichen Büfcheln die heilen, heinbefäeten Berg- 
hänge, während Akazien oder Eichen in vereinzelten Exemplaren 
nothdürftig die Einförmigkeit der Landfchaft beleben. 

Der Abhieg von Manzanillo nach El Sacramento ih noch 
fchlimmer als der Aufhieg gewefen; es ih einfach eine Schande 
für den Staat Chiapas, folch jammervolle Pfade als Hauptverkehrs- 
wege zu befitzen, ohne feit Menfchengedenken etwas Wefentliches 
für ihre Ausbefferung zu thun. Hier mufs auch der Reiter zu 
Fufse gehen, denn es wäre lebensgefährlich, auf dem fchmalen 
heilen Pfade zu reiten , der zuweilen auf einer Seite fcharf an 
der Felswand hreift, während zur anderen Seite der baumlofe 
Hang fich jäh in die Tiefe fenkt; das Lahthier, das hier hrauchelt, 
hürzt ohne Halt und Rettung zu Thal. Ich war daher recht 
froh, als wir (bei anfehnlichen indianifchen Ruinen) die Thalfohle 
des Sabinabaches erreichten, und nach einem heftigen Gewitter- 
regen kamen wir munter, wenn auch durchnäfst, in der Hacienda 
El Sacramento am Abend des 26. März an und fanden bei dem 
gefälligen Hausverwalter freundliche Unterkunft. 

Am nächhen Tage führte unfer Weg zunächh in dem inter- 
effanten Thale des Sacramentofluffes hinunter, dann aber befchlofs 
abermals ein befchwerlicher Aufhieg das Tagewerk; allein der 
Blick auf die Thalfchlucht mit dem reichen Wechfel ungemein 
wild zerriffener Felszacken und fanfter, aber hrafif gezeichneter 

1 Berglinien, war für mich fo anziehend und lehrreich, dafs ich 
diefe Weghrecke zu meinen intereffantehen zähle. Späterhin 

* 

I 


128 


bot die Landfchaft, bei fpärlichem YVechfel von armfeligen 
Eichenwäldern, von Bufchformationen und Grasfluren wenige 
anziehende Bilder mehr; auch nennenswerthe Erlebniffe vermag- 
ich nicht zu berichten; ich führe daher den Lefer direct nach 
Tuxtla Gutierrez (530m), der gegenwärtigen Hauptftadt des. 
Staates Chiapas, wo ich am 1. April ankam. Mein Gepäck, das 
ich mit zwei Indianern vorausgefchickt hatte, war natürlich noch 
nicht eingetroffen, und fo mufste ich eben in meinen genagelten 
Bergfchuhen in der Audienz beim Gouverneur erfcheinen. Ich 
wurde trotzdem fehr höflich empfangen und fah — was ich höher 
fchätzte — , meine Wünfche rafch erledigt. 

Der Governador, Don Emilio Rabasa, beiläufig gefagt, 
ein hervorragender mexikanifcher Schriftfteller, ift ein Kind der 
Stadt Tuxtla und die Rückfichtnahme auf feine Vaterftadt ift 
nach allgemeinem Glauben der einzige Grund gewefen, weshalb 
Rabasa (im Sommer 1892) den Regierungsfitz von S. Cristöbal 
Las Casas nach Tuxtla verlegt hat. Deshalb find die Tuxtlecos 
fehr zufrieden mit dem Gouverneur, da Tuxtla, fchon vorher der 
bedeutendfte Handelsplatz des Staates, neuerdings fehr gewonnen 
hat; anderwärts im Lande ift man aber fehr ungehalten über 
diefen Schritt, da der neue Regierungspalaft in San Christöbal 
nahezu fertig war, während nun in Tuxtla wieder neue Regie- 
rungsgebäude gebaut werden müffen, womit man die ftarke 
Erhöhung der Steuern wohl nicht mit Unrecht in Zufammen- 
hang bringt. 

Auf mich hat die Stadt Tuxtla keinen befonders angenehmen 

• 

Eindruck gemacht; es ift eine Stadt wie die meiften im fpani- 
fchen Amerika, mit geradlinigen, rechtwinkelig fich fchneidenden 
Strafsen und obligater Plaza (Marktplatz), ohne bemerkenswerthe 
Gebäude. Ein ftarker Procentfatz von Indianern (Zoques) lebt 
hier. Das Klima ift heifs und trocken (in den Monaten December 
bis Mai), die Umgebung ohne einladende Reize, die Vegetation 
dürr und armfelig. Unter folchen Umftänden wollte ich meine 
Reife fobald als möglich fortfetzen; als ich aber am 4. April 
aufbrechen wollte, war mein Begleiter fo betrunken, dafs ich 
ihn nur mit Mühe (gegen 11 Uhr Vormittags) auf den Weg 
bringen konnte, und während ich in glühender Mittagshitze durch 
die ausgedörrte Ebene wanderte, hatte ich Zeit, über den Unter- 


— 129 — 

fchied zwifchen unvernünftigen und vernunftbegabten Menfchen 
nachzudenken. Man pflegt nämlich hier zu Lande die Indianer als 
gente sin razon« (vernunftlofe Menfchen) den Mifchlingen (Ladi- 
nos) gegenüberzuftellen; ich geftehe aber, dafs ich bisher mit 
Indianern viel beffere Erfahrungen auf meinen Reifen gemacht 
habe, als mit den »vernunftbegabten« anfpruchsvollen Mifchlingen. 
Freilich mufs man erft lernen, die Indianer zu verftehen und 
richtig zu behandeln, dann aber find fie, wenn man überhaupt 
gute Leute bekommt, die beften Träger und Diener, welche man 
fleh nur billiger Weife wünfehen kann. 

Nach kurzem Aufenthalte in Chiapas (420 m), wo ich die zwei 
Indianer mit meinem Gepäcke antraf und nach S. Cristobal beor- 
derte, fetzte ich meine Reife in der ziemlich öden Landfchaft 
fort; gegen Nachmittag erreichte ich das Dorf Iztapa (zu deutfeh: 
Salzftelle«), wo ich die intereffanten, von den dortigen Indianern 
(Tzotziles) ausgebeuteten- Salinen befuchte. Als ich von dort 
nach dem Dorfe zurückkehrte, bemerkte ich in einem Hohlwege, 
quer über die Strafse ausgeftreckt, ein fanft gebogenes Stück 
Wurzel mit eigenartig gezeichneter Rinde; der Gegenftand 
erregte meine Aufmerkfamkeit, fo dafs ich im Begriff war, ihn 
aufzunehmen, als ich bemerkte, dafs das Ding nach beiden Seiten 
hin an Dicke abnahm; da erfchrak ich und fah fchärfer hin: es 
war eine etwa H/^m lange Schlange von jener Gattung, welche 
man wegen ihrer Aehnlichkeit mit Lianen (vejuco) und wegen 
ihres häufigen Aufenthaltes auf Bäumen Vejuquillas nennt. Ich 
wäre nun ruhig über das Thier weggegangen, da ich aus langer 
Beobachtung weifs, dafs die Schlangen Niemanden angreifen, es 
fei denn, dafs fie fich felbft angegriffen oder bedroht glauben; 
aber das Thier war bereits aufgeregt, es züngelte ftark und da 
ich es doch mit meinem Regenfchirm nicht tödten konnte, fo 
wartete ich, bis einige Indianer des Weges kamen und die 
Schlange mit ihren langen Stöcken erfchlugen. 

Am 6. April veiliefsen wir Iztapa (1070 m) und wanderten 
über die baumlofe, mit Felsblöcken überfäete Ebene hin, dem 
nahen Gebirge zu. Bei der Hacienda Burrero (1260 m) beginnt 
der Anftieg an den fteilen Berghängen und erft gegen Abend 
erreichten wir die Pafshöhe, von wo aus fich ein reizender Blick 
eröffnete auf das kleine Dorf Sinacanta (2080 m), mit der weifs- 

Sapper, Das nördliche Mittelamerika. 


9 


— 130 — 

getünchten, befcheidenen Kirche und den malerifch zerftreuten 
Häufern, deren Holz- und Ziegeldächer aus dem freundlichen 
Grün der Aepfel- und Pfirfichgärten und der ausgedehnten 
Getreidefelder hervorlugten. Nach der ermüdenden Wanderung 
in den ausgedörrten heifsen Thallandfchaften von Chiapas muthete 
meine nordländifche Seele der Anblick der grünen Pflanzenwelt 
des kalten Landes mit ihren Kiefern, ihren europäifchen Frucht- 
bäumen und Getreidearten ganz heimathlich an, mit Behagen 
athmete ich die frifche Luft des Hochlandes ein, und noch 
gröfser war meine Freude, als ich am nächften Morgen aus der 
Ferne, im weiten Thalkeffel dahingeflreckt, von leichtem Nebel 
halb verhüllt, die Stadt S. Cristobal erblickte, den altehrwürdigen 
Bifchofsfitz des Fray Bartolome de las Casas, des ftreitbaren 
Vertheidigers der Indianer, des friedfertigen Eroberers der Verapaz. 

San Cristobal, du liebes Neftl In deinen Gärten blühen die 
Aepfelbäume, unreife Früchte hängen gleichzeitig von den 
Pfirfichbäumen und da und dort duftet auch der liebliche Geruch 
frifcher Orangenblüthen ! An deinen Strafsen flehen weifsgetünchte 
Kirchen mit altväterifch überladenen Faffaden, alte Häufer mit 
Ziegeldächern und Holzgittern vor den Fenftern und kleine 
Hütten mit fchwärzlich-grauem Holzdache, da und dort wohl 
auch ein neumodifches Gebäude ohne rechten Stil und Gefchmack! 
Deine Plätze find von Arkaden umrahmt, die Anlagen mit alt- 
modifchen Ruhebänken in zopfiger Manier verfehen! Deine 
Strafsen find fchlecht gepflaftert, oft auch fehr fchmutzig, aber — 
Gott fei Dank! — krumm, was nach der Langeweile der fcha- 
blonenhaften fpanifch-amerikanifchen Städte ungemein wohl- 
thuend wirkt! 

Die ganze Stadt erfchien mir regellos, flillos, widerfinnig 
und doch wieder von einem Harken Hauche fpiefsbürgerlicher 
Gemüthlichkeit durchweht; kurzum, es haftet diefem Städtebild 
etwas Eigenartiges an, das vielleicht auf anfpruchsvollere, welt- 
kundigere Gemüther einen minder günftigen Eindruck hervor- 
bringt, als auf mich, denn nachdem ich meine ganze Jugendzeit 
in einer idyllifchen alten Reichsftadt Schwabens zugebracht, ifl 
mir wohl ein gut Theil fpiefsbürgerlichen Denkens und Fühlens 
haften geblieben, was mir die überlegene Grofsfladtfeele nach- 
fehen möge. 


Y\ ie behaglich iiihlte ich mich hier im Hotel Progrefo, einem 
alten Haufe mit grofsen Altanen und mit Flechten überwucher- 
tem Ziegeldache, wie heimifch in meinem riefigen, ziegelftein- 
gepflafterten Schlafzimmer, mit dem wackeligen Holzbalkon! 
W ie ruhig konnte man da ausgehen ohne andere Wehr und 
Waffe, als den Zimmerfchlüffel, der im Nothfalle leicht als Todt- 
fchläger benutzt werden konnte! Wie anheimelnd war es für 
mich, jetzt, wo gerade Jahrmarkt war, dem bunten Durcheinander 
von ftutzerhaften Pflaftertretern , von befcheidener gekleideten 
Mifchhngen und von Indianern (Tzotziles) mit langem fchwarzen 
Haar und zerlumpten Kleidern zuzufehen, wie luftig erft, in die 
verwunderten Augen der Indianerjungen zu blicken, die ich nach 
dem Wege zum Feftplatze (»Cerillo«) frug und die durchaus 
mcht begreifen wollten, dafs es Jemand geben könne, welcher 
nicht einmal den Weg zum Feftplatze von S. Cristobal kenne! 

Man fagte, diefer Jahrmarkt fei wenig befucht gewefen, im 
erhältniffe zu früheren Jahren, und es dürfte wohl etwas Wahres 
daran fein, denn die Verlegung der Regierung und die Ver- 


'T' i j r ...... 

Trotzdem fand ich hier fo manche Unterhaltung und Abwechfelung. 
Reizend war es, das fpiefsbürgerlich fteife Puhl, 'mm 


minderung der Garnifon haben der Stadt das Leben 


1I11L ^‘cnnoizDundeln beleuchtet, ; 



beleuchtet, alles Uebrige 


— 132 — 

blieb im Dunkeln, wenn nicht gerade der Mond fchien, und wer 
keine Handlaterne zur Verfügung hatte, that gut, einen anfehn- 
lichen Vorrath von Zündhölzern mitzunehmen, um jedesmal die 
Stelle zu beleuchten, wo man die Strafsenbäche zu überfpringen 
oder befonders fchlechte Paffagen des vorfintfluthlichen Pflafters 
zu überfchreiten hatte. 

In deutfchen Zeitungen ift S. Cristobal Las Casas im Jahre 
1892 todt gefagt worden; es hiefs, ein heftiges Erdbeben hätte 
am 29. Juli genannten Jahres die Stadt von Grund aus zerftört 
und Taufende von den Einwohnern getödtet; davon war aber 
glücklicher Weife keine Silbe wahr und man darf hoffen, dafs 
der todtgefagten Stadt noch ein langes, glückliches Leben 
befchieden fei. 

Am 12. April fagte ich der freundlichen Stadt und ihren 
gefälligen Bewohnern Lebewohl und wanderte mit vier Trägern 
über die Hochebene (2070 m) hin in die mit fchönen Kiefern- 
wäldern beftandenen Berge hinein. In früher Nachmittagsftunde 
überfchritten wir die Pafshöhe Mitzton (2390 m) und gewannen 
gegen Abend prachtvolle Ausblicke auf die eigenartige Land- 
fchaft zu unteren Füfsen: hier die Gebirgsterraffe von Teopisca 
und Amatenango mit den fruchtbaren grünenden Ebenen, die 
waldigen Berge im Rücken, dort der Abfall gegen die grofse 
Thalfenke des Chiapasfluffes , aus welcher die kühn geftalteten 
Andefitberge von S. Bartolo, Lanza und Mispilla mit ihren Zacken, 
Thürmen und Felswänden Holz emporragten. Dorthin führte 
mich mein Weg (über Soyatitan und S. Bartolome de los Llanos) 
und auf einer ausfichtsreichen Eruptivkuppe fand ich die aus- 
gedehnten altindianifchen Ruinen von Bolonchac (1150 m), in 
deren Hofräumen die Indianer neuerdings die noch vorhandenen 
Steingötzen gefammelt haben und vor denselben nächtliche Felle 
abzuhalten pflegen. Leider find diefe Steinbildwerke durch die 
Atmofphärilien fclion ftark zerftört, fo dafs man nur noch die 
groben Umriffe erkennen kann; man fleht übrigens dennoch, dafs 
diefe Sculpturen an künftlerifcher Vollendung fehr weit hinter 
jenen der Mayas, Kholes oder Chortes zurückftehen. 

Am 17. April wanderte ich mit meinen Trägern nach der 
Hacienda Laja tendida (580 m), in deren Nähe ein kegelförmiger 
Berg von ungemein regelmäfsiger Geftalt aufragt. Diefer Berg 


— 133 — 

war mein Ziel, da er feiner Form nach möglicher Weife ein 
Vulkan fein konnte. Mit einem Begleiter machte ich mich auf 
den Weg, dem Berge zu, um diefe Frage durch eigene Unter- 
fuchung zu entfcheiden; bald aber hörte der Weg auf und da 
fich mein Begleiter als ganz ungeübt erwies, fo ging ich eben 
felbft voraus und flieg kriechend und kletternd zwifchen Dorn- 
geflriipp und fchlingendem Gefträuche bergan. Die Dornen zer- 
kratzten mir dabei Geficht, Hände und Hals, zerfchliffen mir 
meinen Rock u. dergl., aber den Gipfel erreichte ich nach drei- 
flündiger Arbeit doch! Freilich fand ich dort aufser Scherben 
von Räuchergefafsen nichts Auffallendes: der Berg hatte mich 
gefoppt, er ift kein Vulkan, fondern ein einfacher Denudations- 
kegel von Kalkflein. So durfte ich nun am nächflen Tage zur 
Mittagszeit bei 35 0 C. Lufttemperatur im fpärlichen Schatten eines 
fchwach belaubten Baumes meinen Rock flicken, während daneben 
meine Träger am Boden gelagert ihr einfaches Mittagsmahl ver- 
zehrten und das Brodeln des Waffers in meinem Theekeffel mir 
baldige Stillung meines Durftes verfprach — ein Bild für einen 
Amateurphotographen! Ueberhaupt hätte ein folcher Liebhaber- 
künftler manches eigenartige Genrebild fefthalten können, wenn 
er mich auf diefer Reife begleitet hätte, fo z. B. als ich im freien 
Felde, auf meinem Gepäcke fitzend, vermittelft eines Steinmeifsels 
die Schrauben meines Compaffes öffnete, um eine kleine Repa- 
ratur vorzunehmen, oder auch, als ich eines Abends unter meinem 
Zeltdache in der Hängematte fafs und in Ermangelung eines 
Pfriemens vermittelft einer Sacknadel und eines Champagner- 
hakens mit Bindfaden die Doppelfohlen meiner Bergfchuhe 
zufammenflickte, um diefe hier unerfetzlichen treuen Bekleidung- 
ftücke vor gänzlichem Untergange zu retten. Man kommt auf 
folchen Reifen oft in eigenthümliche Lagen und wenn mich Jemand 
fragen würde, wie er fleh für eine Forfchungsreife in diefen 
Gegenden vorbereiten follte, fo würde ich ihm vor Allem rathen, 
einen abgekürzten Lehrcurfus bei einem Schufter, einem Schneider, 
einem Mechaniker, einem Koch und einem Chirurgen durchzu- 
machen, denn von Allem braucht man dann und wann ein weni cr 
Am 19. April fetzten wir in früher Morgenftunde in 
einem Kahne über den Chiapasflufs und erreichten kurz nach 
Mittag das freundliche Dörfchen La Concordia (570 m), wo ich 


— 134 — 

die eigenartigen Salinen befichtigte; dann führte unfer Weg in 
die »Frailesca de Chiapa« , eine Landfchaft, welche ehedem 
gröfstentheils im Befitze der Dominikanermönche von Chiapa 
gewefen ift. Da die Mönche die eingeborenen Indianer (Chiapa- 
neken) aus jenen Gegenden nach den Dörfern von Chiapa, 
Suchiapa und Acala tibergefiedelt hatten, fo führten fie zur 
Bewirthfchaftung ihrer Güter Negerfclaven ein, in Folge deffen 
man noch heute viele Spuren afrikanifchen Blutes in der Bevöl- 
kerung der Frailesca wahrnimmt. Die Frailesca dehnt fich füd- 
lich vom Chiapasfluffe am Abhange der Sierra Madre hin aus 
und befteht aus einer Anzahl anfehnlicher Ebenen, welche durch 
kleine Bergzüge (Ausläufer der Sierra Madre) von einander 
gefchieden werden. Während die Berge vorzugsweife von einer 
trockenen Bufchformation oder lichten Eichen- und Kiefern- 
wäldern bedeckt find , find die Ebenen oft weithin faft baumlos, 
und da der niedrige Graswuchs das Erdreich nicht ganz zu über- 
decken vermag, fo machen fie einen fleppenhaften Eindruck. 
Wenn die Sonne über diefen weiten Ebenen brütete und die 
erhitzte Luft über dem fpärlich .bewurzelten, fall dürren Gras- 
boden tanzte, perlte mancher Schweifstropfen von meiner Stirn 
und mit Sehnfucht erwartete ich dann den kühleren Abend, an 
welchem wir in irgend einer gaftlichen Hacienda Unterkunft zu 
fuchen pflegten. Die Landfchaft ift belebt von grofsen Rinder- 
und Pferdeheerden und eine nicht unbedeutende Indigocultur ift 
eine Quelle des Reichthums für den Landwirth. 

Bei dem Dörfchen Trinidad de la Ley (620 m) biegt unfer 
Weg in ein Gebirgsthal ein und je höher man fteigt, defto 
frifcheres Grün zeigt die Vegetation und bei Ractrojo (1360 m) 
ift man wieder inmitten prachtvoller feuchter Laubwälder mit 
üppigem Unterholze und fchönen Farnbäumen und Palmen. Aber 
nur die nächfte Umgebung der Kammhöhe prangt im Schmucke 
diefer herrlichen Wälder. Kaum hatten wir (am 26. April) die 
Pafshöhe de tres Picos (1420 m) überfchritten und den Abflieg 
begonnen, als auch bereits wieder die Vegetation an Fülle und 
Schönheit abzunehmen anfing; dafür aber entfchädigte der pracht- 
volle Blick auf den gewaltigen Steilabfall der benachbarten Berge, 
zwifchen deren frifchgrünem Waldkleide nicht feiten die nackten 
Felswände zu Tage treten; höchft grofsartig ift vor Allem der 




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Anblick des ftolzen dreigipfeligen Cerro de tres picos, welcher 
eine Höhe von etwa 2000 m haben mag und in unmittelbarer 
Nachbarfchaft furchtbar fteil emporragt. Leider beeinträchtigten 
da und dort trübgraue Wolken die Ausficht, und das Meer, 
obwohl deutlich fichtbar, entbehrte bei der ungünftigen Beleuch- 
tung der belebenden Farbe. 

Rafch fliegen wir in fchmalen Heilen Hohlwegen zu Thal 
und erreichten gegen Abend die Stadt Tonalä (50 m), am 27. April 
aber frühzeitig den gleichnamigen Hafen, wo wir im Anblicke 
des brandenden blauen Meeres auf die Ankunft des Dampfers 
warteten, um über Tapachula und Comitan die Heimreife nach 
Coban anzutreten. 


Durch das Innere von Yucatan. 


Obgleich gar viele mittelamerikanifche Gebiete fo wenig 
bekannt find, dafs wir nur ganz allgemeine, vage Nachrichten 
darüber befitzen , fo ift doch das Innere von Yucatan wohl der 
am wenigften bekannte Landftrich zwifchen den Landengen von 
Tehuantepec und Panama. Es rührt dies namentlich davon her, 
dafs weite Gebiete der Halbinfel feit einer Reihe von Jahren im 
Befitze unabhängiger Indianerftaaten find und dafs die Furcht, 
mit diefen Indianern in Conflict zu kommen, die meiften Reifen- 
den abhält, in jene Gebiete vorzudringen. Die Yucatecos willen 
Schreckensgefchichten von der Graufamkeit und Feindfeligkeit 
der unabhängigen Mayas zu erzählen, und wo immer ich die 
Abficht ausfprach, das Innere Yucatans zu durchziehen, da rieth 
man mir dringend von meinem Vorhaben ab. Aber das Geheim- 
nifsvolle, das Unerforfchte lockt und reizt, und ohne mich von 
den ungünftigen Gerüchten abfchrecken zu lallen, begann ich 
fchon um die Mitte des Jahres 1893 Erkundigungen einzuziehen, 
als deren Refultat fich ergab, dafs ein Eindringen ins Innere der 
Halbinfel am eheften von Britifch-Honduras aus möglich wäre. 
Als ich daher im Januar 1894 mit drei getreuen Kekchi -Indianern 
zur Fortfetzung meiner angefangenen geologifchen Studien 
von Coban aufbrach, wanderte ich durch die ausgedehnten, 
fchweigfamen Urwälder des Peten nach dem Dorfe El Cayo 
(ca. 60 m), von wo aus uns ein mit mehreren Mulatten bemanntes 
Ruderboot in wenigen Tagen den Rio Viejo hinunter nach 
Belize brachte. Da erfuhr ich nun, dafs nur der Indianerftaat 
von Chanfantacruz auf Kriegsfufs mit Mexiko ftehe, während die 


— 137 — 


übrigen unabhängigen Mayas im Freundfchaftsverhältniffe und 
nomineller Abhängigkeit zu Mexiko fich befinden. Diefe Kunde 
war für mich eine äufserft günftige, denn nun konnte ich — als 
mexikanifcher Beamter — hoffen, bei den füdlichen Indianern 
von Icaiche Förderung und gute Aufnahme zu finden, während 
ich allerdings die Chanfantacruz-Gebiete vorfichtig meiden mufste. 
Voll guter Hoffnung fchiffte ich mich daher am 19. Februar an 
Bord der »Freddie M.« ■ ein und befand mich am folgenden 
Morgen in dem hübfchen kleinen Städtchen Corozal, von wo 
unfer Dampfer nach kurzem Aufenthalte weiterfuhr. Noch ein- 
mal grüfsten die freundlichen weifsen Häufer, die fich fo hübfch 
von dem grünen Grunde abhoben, herüber, noch ein Blick auf 
die zahllofen fchlanken Cocospalmen, welche die Meeresufer 
umfäumen — dann bog unfer Dampfer in den New River ein 
und fuhr zwifchen den abenteuerlichen Baum- und Wurzelformen 
des Mangrovegehölzes in dem fchwärzlich-olivgrünen Waffer des 
Fluffes hinauf. Bald befchränkte fich das Mangrovegehölz auf 
einen fchmalen Saum am unmittelbaren Flufsufer, indefs niedriges 
Bufchwerk, mit Fächerpalmen untermifcht, oder moorartige Gras- 
flächen herrfchend wurden; eigentümlich verkrüppelte und ver- 
fchlungene Schlangencacteen zeigen fich da und dort an den 
Aeften der Bäume. Um die Mittagszeit landeten wir bei dem 


Dorfe San Efteban (1300 Einwohner) und um 2 Uhr Nachmittags 
erreichten wir Orange Walk (600 Einw.), welches durch ehr 
wohlarmirtes Fort befchützt wird. Die wackelige Befchaffenheit 
des von Schiefsfeharten durchbrochenen Bretterzaunes, welcher 
das Haus des Diftrictscommiffärs umgiebt, beweift aber, dafs die 
Zeiten der Gefahr längft vorüber find: im Jahre 1872 hatte 
Orange Walk zum letzten Mal eine Belagerung von Seiten der 
Icaiche -Indianer auszuhalten. Trotzdem erfchienen mir die 
Beteiligungen wie eine Art Warnungszeichen und auch der 
Diftnctscommiffär, Dr. Harrifon, war fehr erftaunt, als ich ihm 
meine Pläne auseinander fetzte; mit gröfster Bereitwilligkeit that 
er aber Alles, was in feinen Kräften ftand, um meine Reife zu 
erleichtern, und fo erfuhr ich nun zum erften Mal etwas Beftimmtes 
über die Wege, welche nach dem Inneren Yucatans führen. Es 
gelang mir auch, einen Führer zu finden, der fich verpflichtete 
m.ch bis Icaiche zu geleiten; aber als ich am nächften Morgen,’ 


I 


— 138 — 

den 21 . Februar, aufbrach, liefs fich mein famofer Führer krank 
melden , und fo rnufste ich denn mit meinen treuen Kekchi- 
Indianern allein die Reife antreten. 

Wenn man von Orange Walk aus nach Südweften wandert,, 
fo kommt man zunächft durch Gebiete, in welchen die Vege- 
tation recht üppig ift; prachtvolle Corozopalmen mit ihren unge- 
heuren Blattfiedern und riefige Fächerpalmen erfreuen das Auge 
des Wanderers, aber doch vermag fich der Wald nicht zu der 
Kraft und Hochwüchfigkeit zu erheben, welche ich zuvor im 
Peten oder im füdlichen Britifch-Honduras beobachtet hatte, und 
manchmal durchzieht man auch fumpfige Landftreifen, in welchen 
wirres Bufchwerk und niedrige Fächerpalmen herrfchen. Weit- 
hin ift aber auch die Landfchaft mit ziemlich unfruchtbaren 
Sandflächen bedeckt, welche nur mittelhohes Gras, niedrige 
Fächerpalmen und namentlich viele Kiefern (Pinus cubensis 
Grifeb.) tragen, die fogen. »Pineridges«, welche fich insbefondere 
gut für Viehzucht eignen. 

Am Abend des 2i. Februar erreichten wir das Dorf Pine- 
ridge (6 om), wo wir in einer offenen Hütte gegenüber dem von 
wenigen Soldaten befetzten, befeftigten Blockhaus übernachteten. 
Es gelang mir abermals, einen Führer für die Reife nach Icaiche 
zu dingen, und abermals blieb derfelbe am nächften Morgen aus, 
da angeblich inzwifchen fein Kind erkrankt war. Alfo zog ich 
denn am 22. Februar wieder mit meinen drei Kekchi- Indianern 
weiter, überfchritt um die Mittagszeit den Rio Hondo und damit 
das Machtbereich der britifchen Colonie. Der Zufall wollte, dafs 
fleh hier, in der Blauholzfällerei Yo Creek (iom), ein Icaiche- 
Indianer mit feiner Frau und einem Knaben befand und durch 
Vermittelung des Herrn Oswald, eines in Yo Creek wohnenden 
Schweizers, vermochte ich diefen zu beftimmen, dafs er mir den 
Weg nach Icaiche zeige, und obwohl wir kein Wort Maya, der 
Icaiche -Indianer aber kein Wort Spanifch verftand, fo verfiän- 
digten wir uns durch Zeichen und durch die dürftigen Sprach- 
künfte des Jungen doch fo weit, dafs unfere Reife nach Icaiche 
ohne alle Schwierigkeit vor fleh gehen konnte. Icaiche liegt 
inmitten eines ungeheuren, völlig unbewohnten Urwald gebietes als 
eine kleine Oafe Culturlandes da und wir bedurften dreier voller 
Tage mühfamer Wanderung auf fchmalen, aber für Reitthiere 


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noch gangbaren Pfaden über unbedeutende Terrainfchwellen, um 
von Yo Creek zu dem Dorfe Icaiche zu gelangen. 

Das Dorf ift aus einer verhältnifsmäfsig geringen Zahl regel- 
los zerftreuter Hütten gebildet, zwifchen denen man nicht feiten 
noch die Grundmauern und Keller früherer Steinhäufer (aus der 
Zeit vor dem Indianeraufftande 1849) beobachtet. Die Einwohner- 
zahl mag zwifchen 200 bis 3CO Seelen betragen. Zum Gebiete 
von Icaiche gehören noch die kleineren füdlich gelegenen Anfiede- 
lungen Ixtinta, Chanakal , Jajche und Ixpujil. Die Höhe von 
Icaiche mag etwa 160 m über dem Meere betragen. Die ganze 
Umgebung ift fruchtbar, die Urwälder in der Nähe der Anfiede- 
lungen ftark gelichtet, da die Indianer fich hauptfächlich der 
Cultur von Mais und Bohnen widmen (jedoch ift auch die Jagd 
von Bedeutung für ihren Haushalt). Der Charakter der Vege- 
tation bekundet, dafs hier reichliche Niederfchläge fallen und 
gerade während meines Aufenthaltes dafelbft gingen ausgiebige 
Regen nieder. 

Als ich am 25. Februar gegen Abend in Icaiche ankam, 
fand ich den General Tamay am Schleiffteine, fein Bufchmeffer 
fchleifend. Die Sitte verlangt hier, dafs man ihm zur Begrüfsung 
die Hand küffe, und fo ftreckte der General auch mir feine Hand 
hin, die ich aber, anftatt fie zu küffen, ergriff und kräftig fchüttelte. 
Ein ftark angeheiterter Indianer, der ein wenig Spanifch rade- 
brechte, diente mir als Dolmetfcher; der Kazike, General Tamay, 
war ebenfalls — gleichwie ein grofser Theil der männlichen 
Dorfbewohner — ftark angeheitert und konnte nicht mehr gerade 
gehen. Zu guterletzt erfchien auf der Bildfläche der Schreiber, 
Dolmetfcher und Vertraute des Generals, feines Zeichens ein 
Hutmacher, der einzige Mann im Dorfe, der gut Spanifch fpricht, 
fowie ein wenig lefen und fchreiben kann. Glücklicher Weife 
war derfelbe verhältnifsmäfsig nüchtern, fo dafs ich ihm den 
Zweck meines Kommens aus einander fetzen konnte. Als der- 
felbe hörte, dafs ich »Ingenieur« der mexikanifchen Regierung 
fei, wurde mir fofort mit grofser Freundlichkeit ein gutes Quar- 
tier in einer Hütte eingeräumt, welche zugleich Wachlocal zu 
fein fcheint ; wenigftens fchliefen darin etliche Soldaten, doch 
wurde mir nicht klar, ob fie mich befchützen oder bewachen 
und beobachten follten. 


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Kaum hatte ich mich mit meinen Indianern einigermafsen 
eingeniftet, fo hatte ich meine Papiere auszukramen und dem 
Schreiber vorzulegen; ich war ihm beim Lefen behülflich, da 
der gute Mann nur mit Mühe buchftabiren konnte. Der General 
hörte den Erläuterungen feines Schreibers andächtig zu und 
begnügte fich damit, von Weitem die amtlichen Siegel anzufehen; 
andere Indianer fchauten fchweigend dem ganzen Vorgang zu. 
Nachdem die Leute hinlänglich beruhigt waren , verfprach mir 
der General bereitwillig, mir Führer und Lebensmittel zu ver- 
fchaffen und lud mich dann in fein Haus ein. 

Das Haus des Kaziken ift eine Blätterhütte, genau fo grofs 
und ebenfo eingerichtet, wie die irgend welchen anderen India- 
ners; nur waren bei ihm zu Haufe einige grofse Schnapsgebinde 
fichtbar. Auch in der Kleidung unterfchied fich der General in 
Nichts von feinen Unterthanen: ein fchäbiger Strohhut, weifse 
Baumwollhofen und dito Hemd, Sandalen, welche mit Schnüren 
am Fufse befeftigt werden. Auch feine Frau und Töchter gleichen 
in ihrer Kleidung durchaus den übrigen Dorfbewohnerinnen. 

Im Haufe des Generals wurde ich mit Schnaps, dann mit 
Cacao und fauer gewordenen Biscuits bewirthet, worauf mich 
der General und fein Schreiber zum Gegenbefuche in meine 
Behaufung zurückgeleiteten. Es war inzwifchen Nacht geworden 
und jeder von uns trug zur Beleuchtung eine brennende Kerze 
in einer Hand; mit der anderen führte ich den guten Landes- 
herrn, deffen Fiifse nachgerade den Dienft zu vertagen begannen. 
Trinken ift überhaupt die fchwache Seite der Icaiche- Indianer, 
und ihres Oberhauptes insbefondere; man erzählte mir, dafs der 
Herr General Don Gabriel Tamay oft eine Reihe von Tagen 
hinter einander bis zur Bewufstlofigkeit trinke und nach einer 
Paufe von wenigen Tagen der Nüchternheit im alten Stile fort- 
fahre. Freilich belaftet hier auch keine Steuer den Branntwein- 
brenner, keine Abgabe fchmälert das Einkommen des Indianers, 
kein Gefetz fetzt dem unmäfsigen Trinken irgend welche Schran- 
ken: Icaichö ift eben ein freies Indianerland. 

Als ich am 26. P'ebruar früh Morgens den General Tamay 
wieder auffuchte — natürlich in Begleitung des Dolmetfchers — 
war derfelbe im Begriffe auszugehen, um perfönlich ein Stück 
Land zu roden und für fein Maisfeld vorzubereiten. Ich erinnerte 


— 141 — 

ihn an fein Verfprechen, betreffs Lebensmittel und Führer, er 
erklärte aber mit anerkennenswerther Offenheit, dafs feine Unter- 
thanen feinen Befehlen in folchem Falle nicht gehorchen würden, 
und dafs ich beffer daran thue, die Lebensmittel felbft zu kaufen 
und freiwillige Führer zu fuchen. So that ich denn auch duich 
Vermittelung des Schreibers, und am beftimmten Tage, zur 
beftimmten Stunde, ftellten fich auch meine drei Mayaführer bei 
mir ein, von denen Einer etwas des Spanifchen kundig war und 
fo als Dolmetfcher dienen konnte. 

Mit drei Kekchi- und drei Maya-Indianern zog ich fo am 
28. Februar zum Dorfe Icaiche hinaus, dem fernen Norden zu. 
Zunächft führte uns unfer Weg in ein weit ausgedehntes »Akalche«, 
d. h. in eine jener muldenförmigen Flächen, welche in Yucatan 
und im Peten, wegen der eigenartigen orographifchen Geftaltung, 
fo oft zu beobachten find und welche in der Regenzeit fich in 
periodifche Seen umwandeln. Man kann fich vorftellen , wie 
befchwerlich und ungefund das Reifen in der Regenzeit in diefen 
Gegenden ifl, wenn der Wanderer zuweilen meilenweit fufstief, 
oder felbft bis zur Bruft herauf, im Waffer waten mufs. Aber 
auch in der Trockenzeit find Akalches eine unangenehme Erfchei- 
nung für den Wanderer, denn die Vegetation ift in Folge der 
wechfelnden Exiftenzbedingungen dürftig und verkümmert: ver- 
krüppelte Bäume mit fpärlichem Laub — darunter übrigens 
häufig Campecheholz — , Dornfträucher und halbdürres Gras 
bedecken diefe Flächen, in welchen die Indianer mit Vorliebe 
ihr Vieh weiden laffen; unbarmherzig brennt die Tropenfonne 
auf den Reifenden nieder und häufig zwingen ihn die in den 
Weg hereinragenden knorrigen Aefte der Bäume und Sträucher, 
fich tief zu bücken und unter den Hinderniffen hinwegzukriechen. 
Dabei bevölkern Millionen von Garrapaten (Zecken) die Blätter 
und Gräfer der als Viehweide benutzten Akalches, allezeit bereit, 
fich an den vorbeiftreifenden Reifenden anzuklammern und fich 
in feine Haut einzubohren. 

Man empfindet es da wie eine Wohlthat, wenn der Weg 
wieder in den Urwald führt, und diefer ift ja im fiidlichen 
Yucatan die durchaus vorherrfchende Vegetationsform: herrliche 
hoch gewachfene Laubbäume, darunter viele Mahagonibäume,, 
breiten ihre fchattenfpendenden Wipfel aus und fröhliches frifches 


— 142 — 

Grünen und Gedeihen zeigt fich auch in den Büfchen, Kräutern 
und Palmen des Unterholzes. Die üppige Fülle von Pflanzen- 
formen, die urwüchfige Kraft und Dichte der Vegetation, welche 
man noch im benachbarten Peten beobachtet, erreichen diefe 
Urwälder aber nicht mehr, und die prachtvollen Corozopalmen 
fehlen bereits vollftändig. 

Unfer Weg führte über eine von zahllofen Hügelreihen über- 
deckte Hochfläche von etwa 230m mittlerer Höhe; der höchfte 
Pafsübergang war wenig mehr als 300 m hoch. Auf der ganzen 
Reife überfchritten wir nur drei, oberflächlich allerdings einge- 
trocknete Bäche, deren Waffer übrigens höchft unangenehm 
fchmeckte und wirkte, wegen eines nicht unbeträchtlichen Gehal- 
tes an Glauberfalz; fonft entnahmen wir das Trinkwaffer den 
Anfammlungen von Regenwafler, welche hier Aguadas heifsen 
und in flachen Mulden kleinere oder gröfsere Teiche bilden. 
Die Zeit meiner Reife war die denkbar günftigfte, da einerfeits 
die Akalches längft trocken waren, andererfeits aber die meiften 
Aguadas noch Waffer führten; gegen Ende der Trockenzeit 
(Mai) find fehr viele Aguadas ausgetrocknet und es ift dann 
ungemein befchwerlich und fchwierig , diefe Gebiete zu durch- 
wandern. Auch wir mufsten gar manches Mal im Walde über- 
nachten, ohne einen Teich erreicht zu haben und mufsten uns 
dann eben mit dem wenigen Waffer begnügen, das wir in 
Flafchenkürbiffen mitgenommen hatten; einmal mufsten wir auch 
ganz ohne Waffer campiren und wir fchliefen dann ein , ohne 
getrunken und gegeffen zu haben, denn der Dürft war fo grofs, 
dafs es Keinem von uns möglich wurde, irgend etwas zu effen. 

Je weiter man nach Norden kommt, defto lichter werden 
Wald und Unterholz, allmählich bleiben auch die fchönen Fächer- 
palmen zurück, und als wir am 6. März wieder die erfte Anfiede- 
lung (Halatun, 210m) erreichten, begann die Vegetation fchon 
•den Charakter eines Trocken waldes (Chaparral) zu bekommen. 
Die mächtigen Chico-Sapotebäume, deren Früchte fo angenehm 
fchmecken und deren Milchfaft hier zur Herftellung von Kau- 
gummi verwendet wird, find neben Ceibas faft die einzigen Bäume, 
welche einen ergiebigen Schatten geben. 

Die jetzt ganz unbewohnten Gebiete zwifchen Icaiche und 
Halatun miiffen übrigens früher ftark bevölkert gewefen fein, da 


— 143 — 


wir unterwegs eine grofse Zahl mehr oder minder ausgedehnter 
altindianifcher Siedelungen, zum Theil mit noch wohl erhaltenen 
Steinhäufern antrafen, natürlich zumeift in der Nächbarfchaft der 
j Wafferteiche. 

Am 8. März erreichten wir Ixkanhä (160 m), die Hauptftadt 
eines unabhängigen Indianergebietes, wo man uns im »Ballhaus« 
neben der Kaferne einquartierte, und arh u. März erreichten wir 
Chunchintok (80 m) , das erfte Dorf, welches nicht mehr unter 
-der Herrfchaft des Generals Arana von Ixkanhä, fondern unter 
unmittelbarer mexikanifcher Verwaltung fteht, am 12. März 
Iturbide (110m), wo der am weiteften vorgefchobene Poften 
mexikanifchen Militärs und die äufserfte Telegraphenftation fich 
befinden. Ich war, offen geftanden, froh, dem Machtbereiche 
der unabhängigen Indianer unbeläftigt entronnen zu fein, denn 
1 wenn ich auch allenthalben eine durchaus anftändige Aufnahme 
■erfahren hatte, fo war es mir doch ein unangenehmes Gefühl, 
mich in dei Gewalt von Leuten zu wiffen, welche Niemandem 
Rechenfchaft für ihr Treiben und Thun fchuldie find 

Die Landfchaft wird nun flacher; an Stelle der Fufs- und 
' Rei twege find nun Fahrfirafsen getreten; aber damit wurde das 
Reifen keineswegs angenehmer: wir Alle ermüdeten viel mehr 
| auf den ebenen Fahrfirafsen, als zuvor auf den hügeligen Wald- 
pfaden. Die Sonnenhitze, vorher durch den Schatten des Wal- 


des gemildert, wurde nun ungemein drückend, fo dafs wir die 
erften Nachmittagsllunden der Ruhe widmen mufsten und doch 
zwang uns die weite Entfernung der menfchlichen Anfiedelungen 
oder der Aguadas oft zu Harken Märfchen, fo dafs wir einige Male 
bei Mondfehein bis tief in die Nacht hinein wandern mufsten. Das 
Waffer der künfllichen Brunnen ift meid fchlecht fchmeckend und 
wirkt leicht abführend, das Waffer der Aguadas ift hier oft vom 
Vieh verunreinigt und noch denke ich mit Entfetzen der Aguada 
Nibuul, deren Waffer weifs wie Milch ausfah; wir kochten es 
und wollten Thee bereiten, da wurde es fchwarz wie Tinte und 
da es mir widerftand, reiche fchwarze Brühe zu trinken, der 

qualend war ’ wir eben wieder gewöhn- 

liches Waffer und tranken mit gefchloffenen Augen diefe öli» 

Reckende Höffigkeit hinunter. Auf den gröjren Ha^ 

übrigens das Regenwaffer gefammelt und in grofsen gemauer- 


. — 144 — 

ten Räumen auf bewahrt, und da der Fremde gewöhnlich mit 
herzlicher Gaftfreundfchaft willkommen geheifsen wird, fo kann 
er in diefem Falle der Wohlthat eines guten Trinkwaffers theil- 
haftig werden. 

Die Vegetation ift bereits recht dürftig und öde geworden, 
nur auf den Höhenzügen lieht man noch lichte, trockene, blatt- 
arme, alfo fchattenlofe Wälder, in den Niederungen beobachten 
wir nur noch Sabannen (Grasfteppen) und einen Bufchwald von 
blattarmem, dornigem Geflrüpp, das nur in der Regenzeit oder — 
während der Trockenzeit — an günftigen Hängen grünt (Strauch- 
fteppe). Man bekommt nun auch manchmal weitere Ausblicke: 
etliche nahe bewaldete Hügel oder in blauender Ferne wenig 
hervorragende Höhenzüge am Horizonte, das ift Alles; das 
Terrain ift etwas gewellt, der Boden fteinig und trocken. 

Als ich am 15. März nach der Stadt Bolonchen-Ticul (140m) 
kam, begegnete ich einem Pionier der Wiffenfchaft, dem bekannten 
Archäologen Teobert Maler — ein Lichtpunkt in dem lang- 
weiligen Einerlei der Wanderung; am 16. März kam ich nach 
dem Dorfe S. Elena (60 m), wo zur Zeit des Kaiferreiches Maxi] 
milian’s eine deutfche Colonie gegründet worden war; mit dem 
Sturze Maximilian’s brach auch diefe, mit ungünftigen Verhält- 
niffen kämpfende Niederlaffung zufammen und jetzt befinden fich 
nur noch zwei Frauen aus jener Zeit in S. Elena, nämlich Frau 
Scholz und Friederike Dietrich. Ich hätte gern mit den- 
felben über die Schickfale der Colonie geplaudert, wenn meine 
Zeit nicht allzu befchränkt gewefen wäre. So aber widmete ich 
den folgenden Tag der Berichtigung der nahen Ruinen von 
Uxmal, über welche fchon fo viel gefchrieben worden ift, dafs 
ich füglich mich einer Befchreibung enthalten darf, und in der 
Nacht des 18. März zogen wir in der hübfchen, ausgedehnten 
Stadt Ticul (30 m) ein. Wir waren alle ungemein müde von der 
langen Wanderung und die drei Maya-Indianer von Icaichö hinkten 
in bedauernswerther Weife; aber fonahe am Ziele, hatten wir eben 
Alle die äufserfte Kraft angeftrengt, um die Eifenbahn möglichft 
bald zu erreichen. 

Hier trennte ich mich von den guten treuen Mayas, welche 
wieder zu Fufs den Rückweg nach ihrer fernen Heimath antraten 
und fuhr nach einem Befuche bei dem trefflichen Don Antonio 


— 145 — 

Fajardo — mit Windeseile auf der Eifenbahn durch ausgedehnte 
Hennequenpflanzungen hindurch nach der Stadt Merida (iom). 
Zufällig wohnte dafelbft im gleichen Hotel ein lieber Freund 
aus Mexiko und bald war ich durch ihn bei der deutfchen 
Colonie eingeführt, in deren Mitte ich in vollen Zügen die Reize 
civilifirten Lebens und anregender Unterhaltung genofs. So ift 
mir denn Merida in fehr angenehmer Erinnerung geblieben. Die 
Umgebung ift ja allerdings nicht fchön, die Stadt felbft mit 
ihren geradlinigen, fonnigen Strafsen, auf welchen der Wind ekel- 
hafte Staubwolken dahinjagt, bietet auch fehr wenig des Inter- 
•effanten und fteht an Schönheit unbedingt dem ftilleren freund- 
lichen Ticul nach. Aber das freundliche Entgegenkommen , die 
verbindlichen Manieren der yucatekifchen Bevölkerung berühren 
v'ohlthuend und mit Vergnügen fchaut man auch wohl hübfchen, 
graciöfen Damen nach, welche auf der Strafse promeniren. Die 
mexikanifche Nationaltracht ift unter den Yucatecos vollftändig 
verpönt und man würde gar nicht vermuthen, dafs man fich in 
Mexiko befindet, wenn man die Yucatecos fieht und hört. Frei- 
lich herrfcht hier auch ein fehr ausgefprochener Particularismus 
und die Gelüfte, fich von Mexiko loszutrennen, find auch jetzt 
noch, wie früher um die Mitte diefes Jahrhunderts, fehr ftark. 
Ein belebendes Element im Strafsenbilde von Merida find die 
.zahlreichen Maya -Indianer und -Indianerinnen, welche in ihren 
blendendweifsen, ungemein fauberen Baumwollgewändern oft eine 
fehr hübfche Erfcheinung bilden. 

Von allen Mexikanern, welche ich perfönlich kennen gelernt 
habe, find mir im Durchfchnitte die Yucatecos am fympathifchften, 
wegen ihres feinen Benehmens, ihrer Gaftfreundfchaft und ihrer 
oft nicht unbedeutenden Bildung, und wenn ich mir den blühenden 
Zuftand des Staates Yucatan vor Augen halte, mit feiner hoch 
•entwickelten Agricultur (Hennequen), feinem lebhaften Handel 
und ziemlich hoch flehenden Verkehrswefen, fo will es mir 
fcheinen, dafs fie auch wirthfchaftlich den tüchtigften Zweig des 
mexikanifchen Volkes darftellen. 

Die fchönften Naturmerkwürdigkeiten des nördlichen Yucatan 
find die fogen. Cenotes, mehr oder minder ausgedehnte Höhlen, 
die nach der Tiefe gehen und auf ihrem Grunde unterirdische 
Flüffe zeigen. Die Scenerie ift bei manchen Cenotes wirklich 

Sapper, Das nördliche Mittelamerika. 


— 146 — 

prächtig und ein Bad im Cenote Geysyr bei Merida ift mir eine 
intereffante und fchöne Erinnerung geworden. 

Ungern fchied ich am 24. März von der mir lieb gewordenen 
Stadt, um nach Progreso zu fahren und mich dort an Bord der 
fchmutzigen »Veracruz« zu begeben, die mich und meine drei 
Kekchi-Indianer über Campeche und Laguna nach Tabasco brin- 
gen follte. Die Pflicht rief und fo fagte ich denn dem inter- 
effanten Lande Lebewohl, mit dem lebhaften Wunfche, dafs es 
mir vergönnt fein möge, bald dahin zurückzukehren und meine 
Studien fortzufetzen. 


Reife nach San Salvador. 


Es ift ein altes Wort, dafs Niemand ungeftraft unter Palmen 
wandle, und wenn ich auch lange Jahre die Wahrheit deffelben 
an mir nicht habe erproben müffen, fchliefslich überfiel doch 
auch mich die heimtückifche Malaria, wohl als eine Folge der 
mühfeligen Reife und des fchlechten Trinkwaffers in Yucatan. 
Als die Regenzeit ihrem Ende zupeigte und ich daran gehen 
mufste, meine Studien in Südmexiko fortzufetzen, litt ich noch 
immer an leichten Fieberanfällen und traute mich daher nicht in 
die ungeheuren Wäldergebiete des Peten und der Halbinfel 
Yucatan hinein. Als nun zu gleicher Zeit ein Krieg zwifchen 
Mexiko und Guatemala auszubrechen drohte, in Folge deffen in 
den mexikanifchen Grenzgebieten eine Art Militärdictatur 
herrfchte, da fafste ich rafch den Entfchlufs, die finftern Wälder 
und bedrohlichen Grenzen zu meiden und nach dem fonnigen, gefun- 
den Süden aufzubrechen — nach San Salvador. Freilich herrfchte 
dort um eben diefe Zeit gelbes Fieber, aber ich nahm mir eben 
vor, die hauptfächlich heimgefuchten Siedelungen zu umgehen, 
und brach am 11. Januar 1895 wohlgemuth von Coban (1300 m) 
auf. Mein Bruder begleitete mich zu Pferde über S. Cristöbal, 
ein ungemein reizend am Ufer eines Sees gelegenes Dorf, nach 
Purulhä (1610m); dann trennten fich unfere Wege, mein Pferd 
wurde nach Coban zurückgefchickt und ich begann mit drei 
Kekchi-Indianern meine Reife zu Fufs. Noch kurze Zeit führte 
mich mein Weg durch die ganze Pracht regenfeuchter Tropen- 
wälder, mit ihren Lianen und Epiphyten, ihren edeln Farnbäumen 
und den übermooften Riefenftämmen. Dann kamen wir bei dem 


— 148 — 

Dorfe Union Barrios (1710m) in den Windfchatten vorgelagerter 
Berge und mit einem Schlage ändert fich der Charakter der 
Vegetation; die Ueppigkeit und Pracht der Laubbäume ift dahin; 
froftige Kiefern, untermifcht mit etlichen Eichen, begleiten uns 
von nun ab auf unferen Wegen, und wenn wir von den Bergen 
herab nach der Ebene von S. Gerönimo (ca. 990 m) oder gar 
nach der Thaldepreffion des Motagua fteigen, fo laffen wir hoch 
oben die Kiefern zurück und treten in ein Gebifct von Strauch- 
fteppen ein, einer wilden Dorngeftrüppformation , welche nur in 
der Regenzeit grünt und blüht, und welche in den Thalniede- 
rungen da und dort mit Sabanen (Grasfteppen) abwechfeln. 

Das Motaguathal ift die Hölle von Guatemala; wenn nicht 
die allerdings ziemlich regelmäfsigen Tag- und Nachtwinde dem 
fchmachtenden Menfchen einige Kühlung zufacheln, fchwebt die 
Sonnengluth druckend über der ausgedorrten Erde; Bufch und 
Baum haben hier zur Trockenzeit ihre Blätter verloren und nur 
die eigenartigen, gewaltigen Armleuchtercacteen oder da und dort 
auch wohl ein Amate oder eine Ceiba bieten dem Wanderer 
gaftlichen Schatten; an den Aeften der Büfche, an den Gras- 
halmen lauern aber zahllofe Zecken auf ein Opfer, dem fie das 
Blut ausfaugen könnten. Die grofse Trockenheit laftet wie ein 
Fluch auf der Gegend und hemmt ihren wirthfchaftlichen Auf- 
fchwung; nur Viehzucht ift auf ihren fteinüberfäeten Flächen 
möglich und die hier heimifche Fächerpalme hat eine namhafte 
Strohhutflechterei hervorgerufen; wo aber durch die Zuflüfle des 
Motagua künftliche Bewäfferung möglich ift, da verwandelt das 
befeuchtende Nafs die Wüfte in einen Garten und mit grofser 
Ueppigkeit gedeihen alle tropifchen Nutzpflanzen auf den frucht- 
baren vulkanifchen Sanden, welche den Thalboden zum Theil 
zufammenfetzen. 

Am 16. Januar hatten wir den Motaguaflufs durchwatet und 
traten noch Abends in die landfchaftlich fchöne Schlucht des 
Guastatoyafluffes ein, froh darüber, dafs wir nun bald kühlere 
Regionen erreichen würden. Da ftellte fich aber ein neuer Mifs- 
ftand ein: Santiago Botzoc, der ältefle meiner Reifebegleiter, 
bekam einen böfen Fufs (Knochenhautentzündung) und konnte 
nur langfam und hinkend mitkommen. Gar langfam fliegen wir 
fo zu dem fudlichen Hochlande hinan; ich gönnte ihm einen 


— 149 — 

Tag Raft, währenddem ich den Vulkan Jumay (2160 m) beftieg, 
und als es am nächften Morgen noch nicht beffer mit ihm ging, 
da mufste ich ihm rathen, mit dem entbehrlichen Gepäcke nach 
Haufe zurückzukehren. Während ich mit zwei Indianern in der 
Richtung nach Jalapa aufbrach, begann er, weinend wie ein Kind, 
den Heimweg; als ich aber auf eine kleine Weghöhe kam und 
nach ihm zurückfchaute , da ftand er auf der entgegengefetzten 
Höhe und fchaute ebenfalls zurück, und als ich mit meinen 
Begleitern in die Stadt Jalapa (1340m) einzog, da war er mir 
bereits wieder nachgehumpelt und erklärte , er bringe es nicht 
über fich, allein nach Haufe zurückzukehren. Eine folche 
Anhänglichkeit verdient auch weitgehende Rückficht und fo 
befchloffen wir eben alle zufammen langfam die Reife fortzu- 
fetzen. Ich felbft war ja durch das Fieber auch in meiner 
Leiftungsfähigkeit fehr herabgedrückt, fo dafs auch ich keine 
langen Tagemärfche hätte machen können. 

Die Hochebenen bei Jalapa find Sabanen, welche hauptfäch- 
lich der Viehzucht dienen, fie find jedoch nicht fo trocken, wie 
im Motaguathal und zeigen nur wenige Opuntien; die Berge find 
vom Fufse bis zum Gipfel mit Kiefern und Eichen bewaldet und 
auf dem höchften Gipfel des Vulkans Jumay beobachtet man 
fogar einen kleinen, üppigen Urwaldftreifen. 

Nachdem wir die tiefer gelegene, von zahlreichen Reften alt- 
indianifcher Anfiedelungen bedeckte Ebene von Las Monjas 
(960 m) durchquert hatten, befuchte ich den in einem wundervoll 
erhaltenen Seitenkrater des Vulkans Tahual gelegenen Krater- 
fee Laguna del Hoyo (1000 m) — 21. Januar — und weiter ging 
es, immer - in trockener fteiniger Landfchaft dahin, vorbei an dem 
mächtigen Doppelvulkan von Santa Catarina, am Vulkan Iztepeque 
und zahlreichen kleineren, längft erlofchenen Feuerbergen, der 
Grenze von S. Salvador zu. Leider mangelte mir in Folge 
leichten Malariafiebers die pfychifche Energie und die phyfifche 
Kraft, diefe intereffanten Vulkanvorkommniffe näher zu unter- 
fuchen und ich habe mich nur dazu aufgerafft, den merkwürdigen 
•>Obfidianberg« Iztepeque (1320m) zu erfteigen, von deffen Gipfel 
man eine prächtige Ausficht weit in die Lande hinein, ins- 
befondere aber auf den nahen, buchtenreichen See von Guija 
geniefst. 


150 


Wenn man die Grenzen der Republik San Salvador über- 
fchritten hat, fo fällt einem bald der beffere Zuftand der Wege 
und der ftärkere Verkehr auf; obgleich die Vegetation auch hier 
fehr dürftig und dürr ift, fo find doch zu beiden Seiten des 
Weges die Felder mit Stacheldraht eingezäunt, woraus man 
erkennt, dafs in S. Salvador das Grundeigenthum höher geachtet 
wird als in Guatemala in ähnlichen Klimazonen, und als ich das 
Städtchen Metapan (520m) erreichte, da wollte mich dünken, 
als ob hier auch mehr Wohlftand und Behäbigkeit herrfche als 
in Guatemala. In der That ift in S. Salvador das National- 
vermögen gleichmäfsiger vertheilt als in Guatemala, wo neben 
fehr reichen Grofsgrundbefitzern eine Menge armer, ganz befitz- 
lofer Leute wohnen; hier aber befitzt faft Jeder fein kleines Gut 
und bewirthfchaftet es mit feiner Familie, oder höchftens ein 
paar Arbeitern, intenfiv und dies eigene Intereffe, welches die 
Mehrzahl der Salvadorenos an ihrer Arbeit haben, ift gewifs die 
Urfache ihres gröfseren Fleifses, ihrer planmäfsigeren Thätigkeit 
und ihres gröfseren Wohlftandes. 

Auch die Civilifation ift in S. Salvador etwas tiefer in die 
breiten Schichten des Volkes eingedrungen; ich merkte dies 
bald in unliebfamer Weife daran, dafs die Handwerker und 
Bauern fich hier manchmal über meine Kleidung luftig zu machen 
liebten, während ich im füdöftlichen Guatemala überall mit der 
gröfsten Freundlichkeit und zuvorkommender Liebenswürdigkeit 
aufgenommen worden war. Man darf aber nicht glauben, als ob 
die Bevölkerung von S. Salvador im Allgemeinen unliebens- 
würdig wäre , vielmehr findet man zumeift fehr gefällige Auf- 
nahme und die beffer fituirten Leute find hier im Durchfchnitt 
weit gebildeter und entgegenkommender, als in Guatemala oder 
Chiapas; ich fand namentlich in der Hauptftadt felbft die Gefell- 
fchaft umgänglicher und herzlicher, den Gegenfatz zwifchen Ein- 
heimifchen und Fremden weniger betont, als in der Stadt 
Guatemala. 

Ift demnach der Verkehr mit den Landeskindern ein recht 
angenehmer, fo ift aber auch die Natur des Landes von nicht 
zu unterfchätzender Schönheit. Wohl fehlen hier die üppigen, 
gewaltigen Urwälder von Guatemala und Südmexiko faft \oll 
ftändig, wohl fehlen die riefigen Maffenerhebungen , welche wir 


— 1 51 — 

im nördlicheren Mittelamerika bewundern, es fehlt die aufser- 
ordentliche Mannichfaltigkeit des Klimas und der Vegetation, 
der Bergformen und des Thierlebens, welche dem Wandern in 
Guatemala einen befonderen Reiz verleiht, aber dennoch bietet 
auch die Landfchaft von S. Salvador des Schönen viel und ich 
denke mit Vergnügen an meine Wanderungen in diefem ftark 
bevölkerten, glücklichen Ländchen zurück. Es ift wahr, das 
Klima ift verhältnifsmäfsig trocken im ganzen Lande, daher auch 
faft allenthalben eine ans Steppenartige erinnernde Pflanzendecke 
vorherrfcht und nur in den höheren Regionen der bedeutenderen 
Vulkane regenfeuchte Wälder auftreten; es ift wahr, die Berge 
und Maffenerhebungen erreichen hier nur mäfsige Höhen und fo 
vermiffen wir denn auch jene Mannichfaltigkeit der Lebensbedin- 
gungen und der Production, welche man in Guatemala und Chia- 
pas beobachten kann. Aber trotz alledem findet man hier auch 
Vorzüge, welche jenen Ländern fehlen, und dazu rechne ich vor 
Allem die ftärkere Befiedelung und ausgedehntere Bodencultur, 
welche dem falvadorenifchen Landfchaftsbilde ein fo freundliches 
Gepräge verleihen; dazu kommt die trockenere Luft, welche die 
fernen Gebirge mit blauem Dufte verklärt und eine eigenartige 
Beleuchtung ermöglicht. Gar manches Mal, wenn das Abend- 
roth auf die fonft fchon ungemein zart abgetönten Farbentinten 
der Berge einen goldenen Schimmer warf, fühlte ich mich in 
Gedanken in italienifche Landfchaften zurück verfetzt. Von befon- 
derer Schönheit, ausgezeichnet durch den reichften Wechfel der 
Farben und Formen, ift der Blick auf die Seen von Guija und 
Ilopango oder auf den herrlichen Meerbufen von Fonseca, und 
es wird ein folcher Anblick im nördlichen Mittelamerika höch- 
ftens in noch gewaltigerer Schönheit und Pracht vom Atitlanfee 
in Guatemala geboten; wenn ich in meinen europäifchen Erinne- 
rungen krame, fo finde ich, dafs höchftens die Ausficht vom 
Vefuv, oder von den Bergen von Elba, oder manchen Höhen 
Siciliens diefen herrlichen Landfchaftsbildern einigermafsen an 
die Seite geftellt werden kann. 

Als ich am 26. Januar den in unmittelbarer Nähe des Guija- 
fees aufragenden Vulkan von S. Diego (820 m) beftieg und den 
wundervollen, blauen See mit feinen Infein und Buchten zu 
meinen Füfsen erblickte, da jubelte meine Seele in lauter Wonne 


— 152 - 

über all diefe Schönheit auf und mein junger indianifcher Begleiter 
war fo entzückt, dafs er mir vorfchlug, wir möchten den ganzen 
Tag auf diefem Berge bleiben und die Ausficht betrachten. 
Wahrlich, ich hätte ihm gern willfahrt; aber das Verlangen nach 
Speife und Trank trieb uns doch bald nach dem Seeufer felbft 
hinunter, an deffen Geftaden fich die intereffanten altindianifchen 
Ruinen von Zacualpa befinden. 

Am 27. Januar fetzte ich meine Reife fort und vorbei an 
einem reizenden Miniatur -Vulkan gelangten wir an das örtliche 
Ufer des Guijafees (460 m), welcher hier durch zwei gefonderte 
Abflüffe entwäffert wird. Beide (Desague und Guajoyo) ver- 
einigen fich übrigens nach kurzem Laufe und fliefsen vereint 
in den Rio Lempa, die Hauptwafferader von S. Salvador. 

Je näher wir der volkreichen Stadt S. Ana (660 m) kamen, defto 
ftärker wurde der Verkehr auf der Landftrafse, defto läftiger und 
tiefer aber auch der Staub, und ich fah mich nun genöthigt, fowohl 
hier, wie in vielen anderen Theilen der . Republik, zeitweife 
Umwege auf Seitenfträfschen und Fufswegen zu machen, um 
nicht allzu lange von dem abfcheulichen Staube zu leiden. 

Nach ganz kurzem Aufenthalte in S. Ana lenkte ich meine 
Schritte dem gleichnamigen Vulkan zu, deffen nördliche Gehänge 
ungemein ftark befiedert und mit vielen Kaffeepflanzungen bedeckt 
find. Das Erdreich ift hier äufserft fruchtbar, aber fo porös, dafs 
alles Regenwaffer einfickert, weshalb man hier nur ganz verein- 
zelte Quellen findet und das Trinkwaffer ftundenweit mit Laft- 
thieren oder Ochfenkarren fortfehaffen mufs. Die gröfseren 
Kaffeeplantagen fammeln daher in grofsen eifernen Gefäfsen das 
Regenwaffer auf und verforgen fich fo fürs ganze Jahr, wie fie 
auch ihre Arbeiter durch Gewährung einer täglichen Ration von 
Trinkwaffer fich fichern. 

Am Nachmittag des 29. Januar kamen wir auf der Kaffiee- 
plantage La Montanita (1260 m) an und fanden dafelbft gaft- 
freundliche Aufnahme; in der Morgenfrühe des 30. Januar ging 
ich darauf mit einem meiner Kekchi-Indianer nach dem Vulkane 
von S. Ana, an deffen fteilen, aber ungemein forgfältig ange- 
bauten Hängen wir auf fchmalen Reitwegen bis zu der einzigen 
Quelle der Gegend (in 2010 m Höhe) anftiegen. Dann nahm uns 
fchöner regenfeuchter Wald mit kleinen Palmen auf und erft in 


- 153 - 

der Nähe des Gipfels lichtete fich derfelbe und machte einer 
etwas alpinen Strauchvegetation Platz. Endlich erreichten wir 
den Kraterrand und fchauten mit Staunen in den riefigen Krater 
hinein, deffen Eruptionscentrum ganz allmählich in oftfüdöftlicher 
Richtung vorgerückt zu fein fcheint, wodurch eine ganz eigen- 
thümliche, faft fpiralartige Anordnung der älteren und neueren 
Kraterwälle entftand. Wir umwanderten den Krater in feiner 
ganzen Ausdehnung und fchauten bald nach dem nahen, thätigen 
Vulkan Izalco, bald nach dem reizenden See von Coatepeque 
hin und weit ins Land hinein, bald aber auch in den unzugäng- 
lichen Mittelkrater hinab mit feinen fchrofifen Abftürzen und dem 
kleinen, gelbgrünen Kraterfee am Grunde, aus welchem unauf- 
hörlich fchwache, nach fchwefliger Säure riechende Dämpfe auf- 
ftiegen. Vom Gipfel des Berges aus (2410 m) kehrten wir in 
befchleunigten Schritten nach der Kaffeeplantage La Montanita 
zurück. 

Die Innenfeite des Kraters von S. Ana ift mit vielen ver- 
dorrten Laubbäumen beftanden, was mit Sicherheit darauf 
fchliefsen läfst, dafs vor nicht allzu langer Zeit die vulkanifche 
Thätigkeit des S. Ana, refp. feine Schwefelexhalationen eine 
Steigerung erfahren haben müffen. Uebrigens ift auch der ganze 
Südwefthang (gegen Izalco hin) flellenweife vegetationslos. — 
Dagegen ift der Vulkan Naranjo, welchen ich am 31. Januar 
beftieg, vollftändig erlofchen und erft in der Nähe von Ahuacha- 
pan traf ich auf meinen Wanderungen wieder Anzeichen vulka- 
nifcher Thätigkeit in den fog. Aufoles, merkwürdigen Dampf- 
quellen und kleinen Schlammvulkanen, welche die Aufmerkfam- 
keit aller Reifenden in diefen Gegenden auf fich lenken. Bald 
find es einfache Dampfexhalationen , welche mit mächtigem 
Getöfe der Erde entquellen und hohe Dampffäulen in die Luft 
entfenden, bald aber find es mehr oder minder ergiebige Ouellen 
von fprudelndem Waffer, das aber trotzdem oft tief unter dem 
Siedepunkte fich befindet, dann aber auch findet man kleine 
Schlammfeen von grauer oder rother Farbe, in welchen nach 
kurzen Zwifchenräumen mächtige Gasblafen unter Getöfe zer- 
platzen, oder man fieht auf vegetationslofem Thonboden unregel- 
mäfsige Einfturztrichter mit Schwefelausblühungen. Das ganze 
Erdreich ift in der Nähe der Aufoles fchon in geringer Tiefe 


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empfindlich heifs und ein Einbruch in die oft von Hohlräumen 
durchzogenen Thonflächen ift daher unter Umftänden fogar nicht 
ohne Gefahr. 

Von dem hübfchen Städtchen Ahuachapan (790 m) aus, wo 
ich in Gefellfchaft einiger Deutfchen einen angenehmen Abend 
verlebte, wanderte ich mit meinen drei indianifchen Trägern auf 
fchöner, aber ftaubiger Landftrafse über das hochgelegene Dorf 
Apaneca (1460 m) nach dem grofsen, von Pipiles bewohnten 
Indianerdorf Naoizalco (550 m) und endlich nach Sonsonate (220 m), 
von wo aus wir mit der Eifenbahn nach S. Salvador fuhren. 
Als wir in Sonsonate in den Zug einfteigen wollten, frug ich 
meine Indianer, ob fie gern Eifenbahn fahren, erhielt aber zu 
meiner Verwunderung die Antwort: »Nein!« und als ich nach 
dem Grunde fragte, antwortete der Führer meiner Leute einfach 
und treuherzig: »Naht la couü « (»Dein Angeficht ift weit ent- 
fernt«), d. h. die Leute fuhren nicht gern mit der Eifenbahn, 
weil ich eine andere Wagenclaffe benutzte, wie fie. Man beachte, 
welche Kraft und Anfchaulichkeit , zugleich aber auch welche 
Anhänglichkeit aus den wenigen Worten diefer Antwort fpricht! 

Von der Station Ceiba (620 m) nach S. Tecla (Nueva S. Sal- 
vador, 900 m), ift die Eifenbahn noch nicht vollendet, weshalb wir 
die kurze, landfchaftlich fchöne Strecke zu Fufs zurücklegten, 
und am Morgen des 6. Februar kamen wir fo von S. Tecla aus 
mit der Bahn in der Hauptftadt S. Salvador (657m) an, wo ich 
im Haufe meines verehrten Freundes Dr. Pr owe liebenswürdige 
Aufnahme fand. 

San Salvador ift eine hübfche, ziemlich regelmäfsig gebaute 
Stadt von etwa 30000 Einwohnern; die Häufer find faft alle ein- 
ftöckig, mit Rückficht auf die häufigen Erdbeben, und gröfsere 
Gebäude, wie die Kathedrale, find mit befonderer Vorficht (aus 
Holz und Blech) erbaut und gedeckt, denn S. Salvador gehört 
zu denjenigen Städten der Welt, welche am häufigften von 
fchweren Erdbeben heimgefucht werden; ift die Stadt doch in 
der letzten Hälfte diefes Jahrhunderts zweimal (1854 und 1873) 
von Grund aus durch Erdbeben zerftört worden! 

S. Salvador fleht zwar an Gröfse weit hinter der Stadt 
Guatemala zurück, in gefellfchaftlicher Hinficht dünkt mich aber 
das Leben angenehmer als dort und an Unterhaltung (Theater, 




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Circus und Militärconcerte) bietet S. Salvador eigentlich mehr 
als die benachbarte gröfsere Rivalin. 

Die Umgebung von S. Salvador zeigt zwar keine fo gewal- 
tige Riefenberge , wie man fie in der Nähe von Guatemala gen 
Himmel aufragen fieht, aber doch ift fie von nicht geringer 
Schönheit, namentlich gegen Weftnordweften hin, wo der Vulkan 
von S. Salvador mit feinem fpitzigen Hauptgipfel und der breiten, 
den riefigen Krater bergenden Seitenkuppe Boqueron auffteigt. 
Vom Gipfel diefes Berges aus (den ich vom io. zum u. Februar 
beflieg), hat man eine herrliche Ausficht über den gröfsten Theil 
des Ländchens, welches fich wie eine plaftifche Landkarte vor 
den Augen des Befchauers ausbreitet, während der Abftieg zu 
dem kleinen Kraterfee im »Boqueron« zwar etwas mühfam, aber 
fehr intereffant ift. Deshalb ift auch der Befuch diefes Vulkans 
einer der beliebteften Ausflüge von der Stadt S. Salvador aus. 

Ein anderer Anziehungspunkt von hoher landfchaftlicher 
Schönheit ift' der nahe See von Ilopango, über welchen man 
namentlich auf dem Wege, welcher von S. Salvador über die 
Eidlichen Höhen nach S. Miguel und S. Juan führt, ganz wunder- 
volle Blicke bekommt. Diefer See ift befonders bemerkenswerth 
durch den Umftand, dafs fleh in feiner Mitte im Jahre 1880 plötz- 
lich unter gewaltigen Eruptionen und zahllofen Erdbeben ein 
neuer Vulkan bildete, von welchem noch bis heute einige kleine 
Infelchen übrig geblieben find. 


Ein Streifzug durch Honduras 


Es war eine fchöne Zeit gewefen, die zwei Monate, welche ich 
in S. Salvador geweilt hatte; von der weltlichen Grenze bis zur 
öftlichen, vom See von Guija bis zum Golf von Fonfeca war ich 
mit meinen treuen Kekchi-Indianern gewandert; wir hatten eine 
gröfsere Zahl von Vulkanen beftiegen, manche Städte und Dörfer 
gefehen und viel auch von Hitze und tropifchem Ungeziefer 
gelitten; kein Wunder, dafs uns endlich das Verlangen erfafste, 
nach der Heimath zurückzukehren, und als wir am 19. März 1895 
zu den Thoren von S. Salvador hinauswanderten , da waren wir 
gar froh und guter Dinge und wir malten uns, ein Jeder nach 
feiner Weife, das baldige Wiederfehen mit den lieben Ange- 
hörigen aus. Dazu hatten wir nun Mufse genug, denn der Weg, 
den wir gingen, war eine breite Fahrftrafse, die unfere Aufmerk- 
famkeit in keiner Weife in Anfpruch nahm, und die Umgebung 
war auch nicht gerade fo reizvoll, dafs fie unfere Sinne gefangen 
genommen hätte. Nur die zahlreichen Vulkane, welche man von 
dem Wege aus erblickt, und die nicht gerade häufigen, mit 
Cocospalmen gefchmückten Dörfer boten einige Abwechfelung 
in dem Einerlei der Wanderung dar. So kamen wir am Abend 
des 19. März nach dem grofsen Dorfe S. Jose Guayabal (580 m) 
und am nächften Morgen beflieg ich mit einem meiner Begleiter 
von der Hacienda Montepeque (630 m) aus die intereffante Vulkan- 
ruine von Guazapa, von deren Gipfel El Roblar (1440 m) aus 
ich eine fchöne Rundficht zu gewinnen hoffte. Meine Hoffnung 
war eitel, denn bis ich gegen 2 Uhr Nachmittags fehweifstriefend 
den Gipfel erklommen hatte, hatte fich ein fo ftarker Höhen- 


- i57 - 

rauch*) durch die ganze Atmofphäre verbreitet, dafs fogar die 
nächft liegenden Berge mit verfchleierten Umriffen erfchienen, 
die entfernten aber vollftändig verdeckt blieben. Enttäufcht und 
durltend kehrte ich fo von dem Berge heim und wanderte am 
21. März über das lang ausgedehnte Städtchen Suchitoto (410 m) 
nach dem anfehnlichen Rio Lempa (250m), welchen wir in vor- 
vorgerückter Nachmittagsftunde auf einer Fähre paffirten. 

Kaum hat man den Lempaflufs überfchritten, fo beginnt fich 
•das Landfchaftsbild zu ändern: die Gegend wird gebirgiger, das 
Erdreich fteiniger, die Befiedelung dünner und die vorher fo 
intenfive Bodencultur verfchwindet mehr und mehr. In der kleinen 
Stadt Chalatenango (360 m) mufsten wir uns für die kommende 
Reife ausgiebig verproviantiren und bald wird unfer Weg einfam 
und ftill, namentlich nachdem wir Pafs (820 m) und Dorf Zapotal 
{670 m) paffirt haben. Auf fteilem, Reinigen Pfade fteigen wir 
zum Rio Sumpul (260 m) hinab, einem Nebenfluffe des Rio Lempa, 
welcher für eine längere Strecke die Grenze zwifchen den Repu- 
bliken S. Salvador und Honduras bildet, auf ebenfo fteilem und 
Reinigern Wege Reigen wir dann in glühender Sonnenhitze 
bergan, bis wir gegen Abend die Pafshöhe (990m) erreichten 
und zu unferen Füfsen ganz nahe das Städtchen Guarita (880 m) 
erblickten. 

Guarita machte fo aus der Ferne einen ganz Rattlichen Ein- 
druck mit feinen wohlgebauten, z. Th. recht anfehnlichen Stein- 
häufern; aber als wir dafelbR unferen Einzug hielten, da erfchien 
uns die Stadt fa'R wie ausgeRorben, fo Rill und öde war es auf 
• den Strafsen und nur wenige Leute fahen wir in oder vor den 
Häufern fitzend ihre Abendruhe halten. Vergebens liefen meine 
Indianer in allen Häufern umher, um Lebensmittel einzukaufen: 
•es war faR nichts zu bekommen und wir mufsten fchon jetzt 
beginnen, von unferen mitgebrachten Vorräthen zu zehren. Im 
Uebrigen waren aber die Leute recht gefällig und gaRfreundlich 
und erlaubten mir gern, im Rathszimmer mein Lager aufzu- 
fchlagen. Kaum hatte ich mich aber auf meinem Feldbette zur 
Ruhe gelegt, fo begann fich das Rathszimmer mit den Honora- 

*) Höhenrauch ift um diefe Zeit fehr häufig und wird dadurch hervorgerufen, 
dafs Indianer wie Mifchlinge das Unkraut und Unterholz ihrer Felder vor deren 
3s T eubeflellung zu verbrennen pflegen. 


- 158 - 

tioren zu füllen, welche nun nächtlicher Weile — es war etwa 
9 Uhr — nicht etwa über der Stadt Wohl und Wehe zu berathen, 
fondern — Karten zu fpielen begannen. Die Rufe der Spielenden 
und das Klirren des Geldes liefsen mich nicht zur Ruhe kommen; 
fo packte ich denn mein Lager zufammen und legte mich aufser- 
halb des Zimmers unter dem Vordache des Rathhaufes zur Ruhe, 
um vortrefflich bis zum frühen Morgen zu fchlafen. 

Am 24. März fetzten wir unfere Reife fort, erft Heil abwärts 
bis zu einem oftwärts fliefsenden Flüfschen (560 m), dann fteil 
hinauf bis zum Dorfe Tämbla (1140 m), dann abermals, aber 
mäfsig, abwärts zum Dörfchen Tomalä (1070m), wo wir unfer 
frugales Mittagsmahl einnahmen. War bis hierher die Gegend 
verhältnifsmäfsig wohl bevölkert gewefen, fo wurde nunmehr die 
Landfchaft immer menfchenleerer und einfamer. Dagegen war 
die dürre Vegetation San Salvadors, wenigftens auf den Höhen, 
allmählich immer fchöneren Kieferwäldern gewichen und mit 
Vergnügen ruhte nun mein Auge auf dem dunklen Grün der 
freundlichen Coniferen aus. Freilich, wenn man von den Bergen 
wieder ins Thal hinab fteigt, fo mufs man auch die faft an die 
Heimath gemahnenden Nadelbäume wieder hinter fleh laffen, und 
fleht fleh wieder in baumarme, an Strauch- und Grasfteppen 
erinnernde Gelände verfetzt, fo wenn man vom Paffe von Tomalä 
(1280 m) nach dem Weiler S. Lorenzo (790 m) hinunterfteigt. 
Aber fofort führt unfer Pfad ja wieder bergan, dem lieben Kiefern- 
walde zu, und wenn man fleh der Pafshöhe (2040m) nähert, fo 
mifchen fleh auch prächtige Eichen und fchlanke Liquidambar- 
bäume ein nebft kleineren Laubbäumen und üppigem Unter-- 
holz — ein Labfal fürs Auge nach dem langen Aufenthalte im 
trockenen, heifsen Salvador! Wenn nur der Weg auch etwas 
gangbarer wäre! Wahrlich, ich habe noch feiten eine fo gebirgige 
Gegend gefehen, wie es das füdweftliche Honduras ift. Nicht 
als ob die Bergkämme von bedeutender Höhe wären; vielmehr 
find es hauptfächlich die in dem herrfchenden Eruptivgefteine 
fchroff und tief eingefchnittenen Thäler, welche -die Wege 
zwingen, immer wieder fteil hinabzufteigen und die einmal 
gewonnene Höhe wieder aufzugeben. 

Mit Einbruch der Nacht kamen wir in dem Dörfchen Colo- 
fuca (1610 m) an, wo meine Indianer glücklicher Weife ihre fehr 



— 159 — 

zufammengefchmolzenen Vorräthe ergänzen konnten. Während 
wir fo ganz gemüthlich vor dem Rathhaufe am Feuer fafsen 
und unfere Mahlzeit einnahmen, kam in der fintieren Nacht noch 
ein hondureiiifcher Officier angeritten und erzählte uns in ziem- 
licher Aufregung, dafs er auf demfelben Wege, welchen wir eben 
gekommen waren, im Dämmerlichte von einem Puma*) ange- 
fallen wurde, und denfelben nur mit Mühe durch Revolverfchüffe 
verfcheuchen konnte. In der That follen in diefen einfamen 
Gegenden Pumas und Jaguare ziemlich viel Vorkommen und die 
Leute vermeiden es daher wo möglich, allein auf den feiten 
begangenen Wegen zu wandern. Was nun die Wege felbft 
betrifft, fo find diefelben natürlich in einem fo gebirgigen und 
fchwach bevölkerten Lande nicht befonders gut, aber immerhin 
noch bedeutend beffer, als z. B. im mexikanifchen Staate Chiapas, 
und befonders anerkennenswerth ift es, dafs die Regierung in 
wenig bevölkerten Gegenden Unterkunftshütten (Ranchos nacio- 
nales) in beftimmten Zwifchenräumen errichten und unterhalten 
läfst (ähnlich, wie es die Regierung von Guatemala im Peten 
oder den Altos Cuchumatanes thut). 

Von Colofuca fteigt man Heil hinab zum Rio Mocal (noom), 
deffen Waffer nach dem Stillen Ocean zuftrömen; dann geht es 
über das zur Zeit halb entvölkerte Dorf Coloete (1520m) hinauf zur 
Wafferfcheide zwifchen den beiden Weltmeeren (1830 m) und 
hinunter auf ein Hochland, in welchem Grasfluren und lichte, des 
Unterholzes faft völlig entbehrende Kiefernwälder vorherrfchen. 
Es mufs ein gefundes und im grofsen Ganzen fehr angenehmes 
Klima hier oben herrfchen und dies mögen auch die Gründe 
gewefen fein, weshalb die Spanier hier fchon in der erften Hälfte 
des 16. Jahrhunderts die Stadt Gracias ä Dios gründeten. Die 
Landfchaft hat aber — wohl wegen ihrer von den Hauptverkehrs- 
wegen abgelegenen Lage — keinen rechten Auffchwung genommen 
und fcheint zur Zeit nur wegen ihrer Viehzucht einige Bedeutung 
zu haben. Gerade als wir in jene Gegend kamen, herrfchte 
grofse Maisnoth und fo mufsten fleh denn meine Indianer ebenfo 
gut wie ich in Gracias mit Reis und fchwarzen Bohnen ver- 
proviantiren, da in der ganzen Stadt keine Tortillas (Maiskuchen) 

I — — 


*) Kuguar oder Silberlöwe (Felis concolor). 


i6o 


zu kaufen waren. Der Handel fcheint überhaupt in der Stadt 
fehr wenig entwickelt zu fein, fonft wäre es nicht möglich, dafs 
man hier erft in den Empfangsfalon kommt und zum Sitzen ein- 
geladen wird , bevor man in dem dabei befindlichen Laden- 
zimmerchen einkauft (wie ich es bei der Suche nach Reis erlebt 
habe). 

Noch vor Mittag verliefsen wir am 27. März die Stadt Gracias 
(8iom), um unfere Reife nach Norden fortzufetzen. Am Pafo 
de Guayavo (670 m) mufsten wir den anfehnlichen Flufs durch- 

l 

waten, da die vorhandene Hängebrücke vollftändig unpaffirbar 
war. Mit welchen Gefühlen mag ein Wanderer in der Regenzeit 
auf die zerbrochene Brücke blicken, wenn die angefchwollenen 
Fluthen ein Durchwaten unmöglich machen, und unter Umftänden 
zu tage-, ja wohl wochenlangem Warten verurtheilen! Gerade 
die zahlreichen Flüffe machen das Reifen in Honduras fo fchwierig 
und gefährlich, dafs man in Guatemala oder S. Salvador mit Ent- 
fetzen von den dortigen Wegeverhältniffen zu fprechen pflegt. 

Vom Pafo de Guayavo aus flieg unfer Weg, wie ich es in 
Honduras ja nicht anders gewohnt war, wieder fteil hinan und 
in der Nähe der Pafshöhe (1410 m) hatte ich das Vergnügen, zu 
fehen, wie fleh die Waldvegetation in Folge der vermehrten 
Niederfchläge und Luftfeuchtigkeit zu kräftiger Ueppigkeit auf- 
fchwang: epiphytifche Orchideen blühten auf den mächtigen 

Kiefern und grofse Eichen, Liquidambar- und andere Laubbäume 
mifchen fleh in fo grofser Zahl unter die Coniferen, dafs fie 
flreckenweife herrfchend werden. Hat man den Gebirgskamm 
überfchritten , fo fleht man weithin das Land zu feinen Füfsen 
ausgebreitet und mit grofser Freude bemerkte ich, dafs die Berg- 
züge im Norden allmählich niedriger und flacher wurden und 
dafs fich da und dort fogar Streifen ziemlich flachen Landes 
dazwifchen fchoben. 

Als ich aber in der Nähe des Städtchens Santa Barbara 
{300 m) wirklich das Tiefland erreicht hatte, da war es mit meiner 
Freude vorbei; denn wenn nun auch meine Strafse ziemlich flach, 
zuweilen fogar eben wurde, fo herrfchte andererfeits hinwiederum 
eine fall unerträgliche Hitze (ich mafs im Schatten bis + 38° C.), 
die Vegetation wurde dürTtig und dürr, fteppenartig, die Lebens- 
mittelnoth in den fpärlichen Dörfern und Weilern immer grofser, 


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— 1 6 1 — 

fo dafs wir Alle uns nach den kühlen, wenn auch fteilen Gebirgen 
des füdlichen Honduras zurückfehnten. 

Am 3. April erreichten wir den Südfufs der Sierra del 
Espiritu Santo und begannen, froh, den heifsen Steppengebieten 
entronnen zu fein, wohlgemuth (in etwa 370m Meereshöhe) 
unferen Anftieg in prächtigen Kiefernwäldern. Aber unfer Pfad 
wurde immer kleiner, oft faft unkenntlich und führte auf einem 
fcharfen Gebirgsgrat aufwärts, wo nirgends Waffer zu erwarten 
war; unfere Stimmung wurde immer trübfeliger, denn Dürft thut 
weh, und ein Bivouak ohne Waffer gehört zu den unangenehmen 
Vorkommniffen. Erft als fich Palmen, Farn- und Laubbäume in 
den Kiefernwald einmifchten, belebte fich unfere Hoffnung 
wieder; allein es wurde Nacht, bis wir den Saum des gefchloffenen, 
regenfeuchten Laubwaldes erreichten, und auch hier keine 
Spur einer Quelle! Wir mufsten uns nun eben durftend zur 
Ruhe legen , und da unfere Lebensmittel (Reis und Bohnen) 
ohne Waffer nicht zubereitet werden konnten, füllten wir unferen 
Hunger mit den Herztrieben einer hier häufigen Palmenart 
(Halaute). 

In der Nacht begann es zu regnen, und wir fingen nun in 
unferen Kochkeffelchen das von meinem Zelte niedertraufende 
Waffer auf, um am kommenden Morgen unferen Dürft mit einer 
Taffe warmen Thees füllen zu können. Leider hörte der feine 
Regen aber auch am Morgen noch nicht auf und fo ftreiften wir, 
in dem Urwalde auf unferem fchmalen Wege aufwärts fteigend, 
ununterbrochen mit unferen Kleidern die Regentropfen von 
Blättern und Zweigen ab und kamen fo, ganz durchnäfst, eine 
kurze Strecke nach der Pafshöhe (1360 m) bei einem kleinen 
Waffertümpel an, wo wir uns inmitten der nebeldurchtränkten 
Luft ans warme qualmende Feuer fetzten und mit Hochgenufs 
unfer einfaches Mittagsmahl zu uns nahmen. Jetzt erft fand ich 
eigentlich Zeit und Mufse, den wundervollen Urwald mit feinen 
zahllofen Palmen, mit den prächtigen Farnbäumen und kleineren 
Farnkräutern, mit feinen feltfamen Baum- und Blattformen, feinen 
Epiphyten und Lianen, zu bewundern und ich bedauerte es hier, 
wie fchon fo manches Mal, dafs ich keinen photographifchen 
Apparat mit mir führte, um wenigftens einen Theil des zauber- 
haften Vegetätionsbildes feftzuhalten. 

S a p p e r , Das nördliche Mittelamerika. 


II 


IÖ2 


Steil führte nun unfer Pfad, ftets dem Grate folgend, abwärts, 
und als die Nacht mit ihren Schwingen das Erdreich deckte, 
hatten wir noch immer nicht das Thal erreicht und mufsten, wie 
in der Nacht zuvor, ohne Waffer campiren. Am 5. April aber 
kamen wir in früher Vormittagsftunde nach dem Dörfchen Las 
Quebradas, wo ich, wie einige Jahre früher, im Haufe von Mr. 
Knight die liebenswürdigfte Gaftfreundfchaft fand und meine 
Zeit mit dem Befuche der dortigen Goldwäfchereien und der 
altindianifchen Ruinen angenehm ausfüllte. 

Dann aber ging es mit befchleunigten Schritten durchs 
Motaguathal und über die Sierra del Mico nach Yzabal, galt es 
doch, meinen Bruder und Familie hier zu erwarten. Als wir 
aber am 8. April Abends in dem freundlichen ftillen Dorfe ange- 
kommen waren, erfuhr ich, dafs mein Bruder er ft vierzehn Tage 
fpäter kommen würde. Was thun? Um meine Zeit nutzbringend 
auszufüllen, befchlofs ich, nun noch einen kleinen Ausflug nach 
der Sierra del Espiritu Santo zu machen. Aber es koftete mich 
grofse Mühe, meine Indianer, welche fleh fchon nach Haufe zu 
kommen freuten, nochmals zum Mitgehen zu bewegen. 

Nach langen Ueberredungsverfuchen gelang es mir, fie trotz 
der Charwoche mir gefügig zu machen, und am 10. April ver- 
liefsen wir abermals Yzabal (10 m), um über die Sierra del Mico 
(Pafshöhe 460 m) nach Los Amates am Motagua zu gehen und in 
der Nacht vom 10. auf den 11. April auf der neuerbauten Eifen- 
bahn nach Tenedores zu fahren. Wir fetzten dort im Boote über 
den Motaguaflufs und befanden uns bald wieder im dichteften 
Urwalde, in welchem wir in der Nähe einer hübfehen Quelle 
unfer Bivouak auffchlugen und in gemüthlichem Geplauder die 
erften Stunden der Nacht zubrachten. Da erfuhr ich nun ein 
Näheres darüber, weshalb die Indianer in der Charwoche nicht 
reifen wollen. 

Vor langen Jahren wurde nämlich in der Heimath meiner 
Begleiter, in S. Pedro Carchä, Jefus Chriftus geboren. Als der- 
felbe erwachfen war, verfolgten ihn feine Feinde, die Jodidos*), 
die Juden, und trachteten ihm nach dem Leben. Chriftus wufste 


*) Spanifche Wörter werden im Indianifchen oft In der komifchften Weife 
vertltimmelt. 


— i6'3 — 

davon und als er unterwegs an einer Indianerhütte vorbeikam, 
wo ein zur Maisfaat vorbereitetes Stückchen Land war, trug er 
dem Befitzer auf, jetzt gleich feinen Mais auszufäen. Wenige 
Stunden danach war der Mais fchon mannshoch emporgewachfen 
und als die Juden des Weges kamen und nach Chriftus fragten, 
fagte der Indianer: »Diefer Mann kam hier vorbei, bevor ich 
noch den Mais fäete.« Die Juden kehrten nun um und glaubten, 
auf dem falfchen Wege zu fein. Aber ein gewiffer Judas theilte 
ihnen mit, dafs Chriftus nur durch Zauberei den Mais fo rafch 
habe wachfen laffen; fie nahmen ihn nun gefangen und fchlugen 
ihn ans Kreuz. Als fie ihm am Charfreitage , Mittags 12 Uhr, 
einen Nagel durch den Kopt fchlugen, ftarb er und erwachte 
erft am Ofterfonntage wieder vom Tode. So haben denn die 
Indianer während diefer Tage der Gefangenfchaft und des Todes 
keinen Gott, der fie vor Schlangen, Jaguaren etc. fchützen würde, 
und deshalb trugen meine Begleiter nunmehr ihr Bufchmeffer 
immer fchlagfertig umgefchnallt , um fich eventuell gegen wilde 
Thiere zu vertheidigen. Ich tröftete fie jedoch, indem ich ihnen 
fagte, dafs mein Gott auch in jenen Tagen lebendig fei und dafs 
fie fich nur in meiner Nähe halten füllten, um keine Gefahr zu 
laufen. 

Am 12. April überfchritten wir in 1030 m Höhe die Pafs- 
höhe des Gebirges und fliegen, bald den Urwald hinter uns 
laffend, in fchönem Kiefernwalde abwärts ins Chameleconthal 
hinab, welchem wir weftwärts bis La Florida folgten. Da die 
meiden der hier in Betrieb genommenen Goldbergwerke wieder 
aufgelaffen worden find, fo wüfste ich aus diefer Gegend, aufser 
einigen unbedeutenden altindianifchen Ruinen, nichts Bemerkens- 
werthes zu erwähnen. Nachdem wir jenfeits La Florida (510 m) 
abermals die Pafshöhe (1060 m) des Gebirgszuges überfchritten 
hatten, kamen wir nach dem Dorfe El Paraiso (230 m), das vor 
nicht zu langer Zeit von einer religiöfen Secte gegründet wor- 
den war; Ausfchreitungen und Uebelthaten der fanatifirten 
Bewohner hatten das Einfehreiten hondurenifcher Truppen zur 
Folge, die Sectirer zerftreuten fich nach dem Tode ihres »Hei- 
ligen« (Anführers) und jetzt ift das Dorf durch neue Coloniften 
wieder bevölkert worden. Hier befinden fich anfehnliche alt- 
indianifche Ruinen mit grofsen Tumulis und umwallten Hofräumen 


— 164 — 

auch Sculpturen find hier mehrfach gefunden worden. Der gröfste 
Tumulus ift nordfüdlich gerichtet und unter ihm entfpringt in 
feiner Medianlinie auf der Weftfeite eine Quelle, welche aller- 
dings zur Zeit meines Befuches — in der Trockenzeit — kein 
Waffer hatte. 

Die Urwälder, welche man nördlich von El Paraiso durch- 
wandert, gehören zu den fchönften, welche ich in Mittelamerika 
gefehen habe, vermöge der vielfach wechfelnden Vegetations- 
bilder und der zahllofen kleinen Palmenformen, welche allent- 
halben ihre freundlichen Wedel ausbreiten. Und das Bivouak, 
welches ich an den Ufern des Rio Molcä bezog, bot geradezu 
wundervolle Vegetationsbilder an den Rändern des prächtigen, 
eilenden Fluffes: riefige Laubbäume, an denen gewaltige Lianen 
hinaufftreben , während von Aft und Zweigen langblätterige 
Farne und die blattreichen Endzweige krautiger Schlinggewächfe 
herunterhängen und gleichfam mit einem grünen Schleier das 
Dunkel des Waldes abfchliefsen, und unter all diefer lebens- 
vollen vegetabilifchen Welt breiten zahlreiche kleine Palmen 
fchweigend ihre fchönen fieder- und fächerförmigen Blätter 
aus, unmittelbar über den riefigen Felsblöcken, zwifchen denen 
der Flufs fchäumend und braufend feine Gewäffer hindurch- 
zwängt. 

Am 19. April gegen Abend erreichten wir wieder Los 
Amates und ich befchlofs, den Ruinen von Quiriguä, welche 
ich im Jahre 1890 zuerft kennen gelernt hatte, nochmals einen 
Befuch abzuftatten. Von allen bedeutenderen mittelamerika- 
nifchen Ruinen find feit Erbauung der Terrocarril al Norte 
diefe wohl am leichterten zu erreichen: vom Eifenbahndamme 
aus führt ein Reitweg bis zum Ruinenplatze hin, und da man 
im Frühjahre 1895 den Befuch des Präfidenten Reina Barrios 
erwartete, fo waren die Wege und der Ruinenplatz felbft vor- 
trefflich gereinigt, fo dafs man die fchönen Monolithen und 
Stufenpyramiden aufs Bequemfte bewundern konnte, um fo mehr, 
als erftere erft kürzlich von A. Maudslay und fpäter von Mr. 
Price gereinigt worden waren. Der Erhaltungszuftand der 
Sculpturen ift ein vortrefflicher; nur wenige Theilftücke find 
ganz zerftört oder undeutlich, andere durch die lagenweife häufig 
auftretenden gröberen Kiefelfteinchen beeinträchtigt. 


— 165 — 

Am 21. April erreichten wir bei prächtigem Wetter und 
herrlicher Ausficht auf den fchönen See wieder das Dörfchen 
Yzabal und am nächften Tage trennten fich mit herzlichem 
Abfchiede meine treuen indianifchen Träger von mir, um nach 
ihrer Heimath zu wandern, während ich in Yzabal verblieb, um 
meinen Bruder zu erwarten und mit ihm gleichfalls nach meiner 
Heimath, der langentbehrten, zu reifen, — nach Deutfchland. 


Heimkehr in die alte Welt. 


Wie ich fo in Yzabal weilte und an den einfamen Ufern 
des fchönen Sees meine Spaziergänge machte, erinnerte ich mich 
der Zeit meiner Ankunft im Jahre 1 888 und wenn ich mir über- 
legte, wie jugendlich und leicht erregbar damals noch mein 
Empfinden war, und wie kühl und vernünftig meine Seele wäh- 
rend meines amerikanifchen Aufenthaltes geworden war, da kam 
ich mir wahrlich fehr gealtert vor und ich fuchte und forfchte 
nach, inwieweit ich mich denn eigentlich geändert hätte. War 
ich denn unempfänglich gegen die Schönheit der umgebenden 
Natur geworden? Gewifs nicht, denn immer und immer wieder 
genofs ich ja mit Wonne die herrliche Ausficht, die wunderbare 
Pracht der Vegetation, welche ich auf meinen Reifen fah — viel- 
leicht mit weniger Staunen, aber gewifs mit mehr Verftändnifs 
als vor Jahren. Oder war ich etwa allzu fehr amerikanifirt, der 
Jagd nach dem Dollar ergeben? Auch das nicht, denn fonft 
hätte ich mich ficherlich nicht all die Jahre her einem eleganten 
Sport, nämlich wiffenfchaftlichen Befchäftigungen, gewidmet, über 
welche man im fpanifchen Amerika mit mitleidigem Achfelzucken 
zur Tagesordnung übergeht und wofür einen keine Anerkennung, 
kein Lohn erwartet, als etwa die eigene Befriedigung über die 
vollbrachte Arbeit. Kurz, ich kam fchliefslich zu dem Refultate, 
dafs die Aenderung eine mehr äufserliche gewefen fei, hervor- 
gebracht durch die gröfsere Erfahrung und durch die Anpaflfung 
an die Lebensgewohnheiten meiner Adoptivheimath und tröftete 
mich dahin, dafs doch der alte Kern geblieben fei. 

Einmal zur Selbftbeobachtung angeregt, fiel es mir auf, wie 
ungeduldig und erwartungsvoll mein Herz fchlug, als ich an Bord 


— 167 — 

eines kleinen Dampfers an der Mündung des Polochicfluffes auf 
meinen Bruder und feine Familie wartete, während ich in meinem 
äufseren Gebahren die gröfste Ruhe zur Schau trug; da erkannte 
ich deutlich, dafs ich eben die fpanifche Sitte angenommen hatte, 
und die innere Erregung unter äufserer Ruhe verdeckte, und als 
ich fpäter an Bord deffelben Dampferchens den herrlichen Rio 
dulce hinabfuhr und mit gröfster Freude die prachtvolle Scenerie 
bewunderte, die fteilen Ufergehänge, an denen die fchönften 
tropifchen Laubwälder mit all ihren Palmen und fchlingendem 
Rankenwerk kühn emporkletterten, und das tiefgrüne Waffer des 
Fluffes, in welchem fich diefe grofsartigen Bilder fchmeichelnd 
wiederfpiegelten — da wufste ich, dafs ich noch immer mit 
gleicher Empfänglichkeit die landfchaftliche Schönheit zu geniefsen 
vermochte, wie vor langen Jahren. 

Noch ein Tag Aufenthalt im heifsen Livingfton (28. April), 
dann fchift'ten wir uns ein an Bord der »Portia« , eines fchönen, 
fauberen Dampfers, und fort ging es, zunächft nach Puerto 
Barrios, der Endftation der im Bau begriffenen interoceanifchen 
Eifenbahn von Guatemala, dann nach Belize und vorbei an der 
Infel Turnefife und etlichen reizenden kleinen Koralleninfelchen 
nach Jamaica, dem prachtvollen Eiland. Da das Schiff hier einen 
längeren Aufenthalt nahm, gingen wir an Land (3. Mai), befich- 
tigten zunächft die Stadt Kingfton und ihr kleines Provinzial- 
mufeum mit htibfchen Sammlungen, einer Bibliothek und einem 
inftructiven, leider allzu ftark überhöhten Relief der Infel. Dann 
unternahmen wir — fchon in der Abficht, der Langeweile eines 
englifchen Sonntags zu entgehen — einen Ausflug ins Innere 
der Infel: wir verliefsen Kingfton am 4. Mai mit der Eifenbahn, 
nahmen einen kürzeren Aufenthalt in dem freundlichen Städtchen 
Spanish Town, fuhren gegen Abend auf prächtiger, landfchaft- 
lich hochintereffanter Strecke bis Ewarton weiter und benutzten 
dann Zweifpänner, um am felben Tage noch das fchön gelegene, 
trefflich eingerichtete Hotel Moneague zu erreichen. Am folgen- 
den Morgen fuhren wir weiter nordwärts auf vortrefflich gehal- 
tenen Strafsen durch grüne, bergige Landfchaft, welche haupt- 
fächlich der Viehzucht, in viel geringerem Mafse der Mais- oder 
Kaffeecultur gewidmet ift. Die Vegetation ift allenthalben frifch 
und grünend, die zahlreichen graziöfen Cocospalmen, die häufigen 


i68 


krautartigen Farne, da und dort, wo mcnfchliche Cultur noch 
nicht eingegriffen hat, auch Epiphyten und Lianen, geben dem 
Vegetationsbilde vielen Reiz. Freilich find die indianifchen 
Ranchos Mittelamerikas mit ihren Bananengruppen malerifcher, 
als die mit Holzfchindeln gedeckten, häufig halb verfallenen 
Häuschen der Jamaica -Neger, auch ift die indianifche Bevölke- 
rung fympathifcher in Ausfehen, Kleidung und Benehmen, als 
die hier ftark vorherrfchende Neger- und Mulattenbevölkerung, 
die übrigens recht gefällig und höflich war, ohne aufdringlich zu 
werden. Bedenkt man zu alledem die peinliche Ordnung in 
Städten und Dörfern, den ganz ausgezeichneten Zuftand der 
Verkehrswege, die ausgiebige Ausnutzung des nicht allzu frucht- 
baren Bodens, fo mufs man der englifchen Colonialregierung die 
gerechtefte Bewunderung zollen, dafs fle trotz des ziemlich fprö- 
den Bevölkerungselementes eine fo hoch entwickelte Ordnung 
und fo fortfchrittgemäfse Zuftände auf der tropifchen Infel zu 
Stande gebracht hat. 

Durch eine herrliche, feuchte Schlucht führte unfer Weg 
nach dem Hafenplatze Ocho Rios und folgte nun auf pracht- 
voller Strafse dem Meeresufer entlang vorbei an fchönen Fels- 
partien und wundervollen Palmengruppen nach dem Roaring 
River, der in prächtigen Wafferfällen dem Meere zueilt. Höher 
oben bildet der Flufs fchöne tiefe Waffertümpel, in welchen das 
klare grüne Waffer bei der wechfelnden Tiefe und den ver- 
fchiedenen Beleuchtungseinflüffen eine ungemein reizvolle Man- 
nigfaltigkeit von Farbennüancen zeigt. Ein Bad, das mein 
Bruder und ich in einem folchen Waffertümpel nahmen, war 
herrlich und erfrifchend. Das Waffer des Roaring River ift fo 
kalkhaltig, dafs es alle in feinem Bereiche befindlichen Gegen- 
ftände in kurzer Zeit mit einer Kalktufifkrufte überzieht, fo dafs 
die im Fluffe flehenden Bäume wie in einer Kalktuff hülle auf- 
gewachfen erfcheinen. 

Vom Roaring River fuhren wir nach S. Anns Port, um dann 
nach Moneague und am folgenden Tage nach Kingston zurück- 
zukehren. Wir hatten nun noch einen vollen Tag Aufenthalt 
dafelbft; aber fo fchön uns Stadt und Infel auch erfchien, fo 
fehnten wir uns doch danach, unfere Reife fortfetzen zu können, 
und begrüfsten es mit Freuden, als am 7. Mai die »Portia« wieder 


— 1 69 — 

In den Hafen einlief und gegen Abend die Anker lichtete, um 
durch die fchöne Bai von Kingston an Port Royal vorbei ins 
offene Meer hinauszufahren. Es war eine prächtige Fahrt, erft 
der Landzunge von Port Royal entlang, dann nahe der Süd- 
oftküfte der Infel, fo dafs man ununterbrochen inftructive Blicke 
auf das gröfste Gebirge der Infel, die Blue Mountains, bekam. 
Die Hänge der Berge find auf diefer Seite fehr Reil und Reinig, 
und da fie zudem verhältnifsmäfsig trocken und ftellenweife 
baumarm find, fo erkennt man leicht, dafs die wirthfchaftliche 
Bedeutung diefer Gegend eine geringe ift. 

Wie fo anders zeigten fich am nächften Morgen die Geftade 
der Infel Haiti, an denen wir mehrere Stunden lang in grofser 
Nähe dahinfuhren. Die weit üppigere Vegetation, die fanfteren 
Hänge der nahe liegenden Berge, die flachen Thaleinfchnitte, 
die wir dabei zu Gefleht bekamen, erweckten unwillkürlich die 
Vorftellung, dafs das Land viel reicher an natürlichen Hülfs- 
quellen fein und weit vorteilhaftere Productionsbedingungen 
bieten müfste, als Jamaica. Mit Spannung erwartete ich daher 
den Augenblick, wo ich an Land gehen konnte, und der reizende 
Blick auf das Städtchen Jeremic, das mit feinen weifs ange- 
ftrichenen, häufig zweiftöckigen Häufern fehr freundlich ausfah, 
lleigerte noch meine Erwartungen. Wie fehr follte ich mich 
aber darin getäufcht haben ! Denn als ich mit einigen anderen 
Herren nach langen Verhandlungen mit den Bootsleuten endlich 
an Land gefahren war, fahen wir mit Entfetzen den faft unbe- 
fchreiblichen Zuftand der Strafsen in dem commerciell nicht 
unbedeutenden Städtchen. Schmutz überall, wo das Auee 
hinblickte; Koth und kleine Wafferanfammlungen mit grünem 
verfilzten Algenüberzuge , zerbrochene Stühle und andere Haus- 
haltungsgegenftände, faulende Früchte oder Schalen von Cocos- 
nüffen neben allerlei anderen Dingen lagen im wüften Durch- 
einander da und dort auf den Strafsen umher, ohne dafs man 
daran zu denken fcheint, diefelben jemals zu entfernen. Auf 
dem Marktplatze daffelbe Bild und dazu fchmutzige Marktweiber, 
die in fchmutzigen Körben und Gefäfsen ihre Waaren feilbieten 
und mit lautem Gefchrei ihrer Verwunderung und Mifsbilligung 
über unfere Ankunft Ausdruck gaben. Auf den Strafsen herrfchte 
ziemlich reges Leben und inmitten der hin- und hergehenden 


— iyo — 

Neger fahen wir einen haitifchen General hoch zu Rofs mit 
langem Barte und vergoldeten Epauletten, in einem arg ver- 
fch offenen (grün oder blau gewefenen?) Uniformrock und leider 
allzu kurzen Beinkleidern würdig und langfam einherreiten: ein 
Bild von äufserft komifcher Wirkung, doch hüteten wir uns 
natürlich, unferer Heiterkeit irgend welchen äufserlich bemerk- 
baren Ausdruck zu geben, fonft hätten wir inmitten der fremden- 
haffenden Bevölkerung vielleicht noch unangenehme Erfahrungen 
machen können. Die gefammte Bevölkerung der Stadt ift farbig,, 
freilich in den mannigfächften Schattirungen von lichten Farben 
bis Schwarz, und fpricht ein für den Fremden ganz unverftänd- 
liches Patois; die gebildeten Elemente, unter welchen man fehr 
gefällige Leute trifft, fprechen franzöfifch, manche auch englifch, 
und durch Vermittelung etlicher freundlicher Herren gelang es 
uns fchliefslich, das Poftamt auszukundfchaften, nachdem uns ein 
ziemlich zudringlicher Führer wohl eine Viertelftunde lang kreuz 
und quer durch die Strafsen der Stadt geführt hatte, ohne das 
Poftamt finden zu können. 

Nicht ungern verliefsen wir nach etwa zweiftündigem Aufent- 
halte die Infel wieder, und als wir mit dem Dampfer uns immer 
weiter von ihren Geftaden entfernten, mufste ich, wenn ich ihre 
Berge vor mir auftauchen fah, mir unwillkürlich Gedanken dar- 
über machen , welch ein Bild von Blüthe , Reichthum und Ord- 
nung diefe von der Natur fo begünftigte Infel wohl bieten würde, 
wenn fie unter englifcher Herrfchaft ftände, anftatt fich felbft 
durch ihre fchwarzen Präfidenten zu regieren. So fchöne und 
wünfchenswerthe Güter auch Freiheit und Unabhängigkeit für 
den Menfchen fein mögen, fo kann man fich doch oft nicht dem 
Gedanken verfchliefsen , dafs viele Völker. fich beffer ftänden 
unter der zielbewufsten Leitung einer feften fremden Hand, als 
unter dem unficheren Zügel der eigenen Herrfchaft. 

Rafch ging nun unfere Fahrt nordwärts, vorbei an Cubas 
Oftfpitze, dann an den flachen Bahama- Infein, und als wir uns 
New-York näherten, trat mit einem Schlage kaltes unfreund- 
liches Wetter ein und diefer Witterungsumfchlag war für meinen 
an die Tropen gewöhnten Organismus fo ungünftig, dafs ich 
gleich nach der Ankunft in New-York (14. Mai) mich in Folge 
eines Fieberanfalles zu Bett legen mufste, und mich erft am 


- 1 7 1 — 

Tage der Abreife wieder einigermafsen wohl fühlte. Von New- 
York habe ich daher diesmal faft nichts gefehen, immerhin aber 
hatte ich Gelegenheit, auch jetzt wieder die grofsartige Ent- 
wickelung der Technik, insbefondere aber die ftaunenswerthe 
und doch mit fo einfachen Mitteln arbeitende Organifation der 
Verkehrsmittel zu bewundern, welche einen Stolz und Ruhm der 
Vereinigten Staaten bedeuten. 

Am 1 6. Mai fuhren wir nach Hoboken, um uns an Bord der 
Augufta Victoria« zu begeben, und mit freudigem Erftaunen 
fah ich das herrliche riefenhafte Schiff, das uns nach der Hei- 
math bringen follte. Wenn man fich lange Jahre in primitiven 
Verhältniffen bewegt hat und nun zu einem Culturcentrum 
zurückkehrt, fo regt fich beim Anblicke eines folch flaunens- 
werthen Verkehrsmittels im Herzen etwas von der naiven Freude 
eines Kindes , das zum erften Mal in feinem Leben die Eifen- 
bahn oder ein Dampffchiff fieht und zum erften Mal damit fahren 
darf. Ich fühlte nun deutlich, dafs mein Herz nicht nur nicht 
alt geworden war, fondern dafs der intime Verkehr mit Natur- 
völkern im Gegentheil wie ein Jungbrunnen auf das Gefühlsleben 
des Culturmenfchen wirkt, während ich andererfeits angefichts 
des blühenden Ausfehens der jungen Leute des gemäfsigten 
Klimas allerdings nicht beftreiten kann, dafs das anftrengende 
und entbehrungsreiche Wanderleben in wenig entwickelten tro- 
pifchen Ländern den Körper rafcher altern läfst als im bequemen 
Leben der Culturländer. 

Einmal an Bord der »Augufta Victoria«, hatte ich Mufse, 
die verfchiedenen Abfchiedsfcenen zu betrachten, von denen 
einige in ihrem aufdringlichen Pathos einfach komifch wirkten. 
Als aber der Dampfer abfuhr, fah ich ein Schaufpiel von hervor- 
ragender Schönheit: Auf dem Vorplatze des Landungsgebäudes 
ftand dichtgedrängt die Menfchenmenge und aus den Luken des 
Haufes felbft fchauten noch Menfchen, Kopf an Kopf, heraus; 
fie alle riefen ihren Angehörigen ein letztes Lebewohl zu, hielten 
Blumen fträufse in den Händen, oder am Schirm angebunden, in 
die Höhe und winkten mit Tafchentüchern und Hüten und Blumen 
und Stöcken, indefs die Schififscapelle während der langfamen 
Abfahrt unfer liebes altes fchwäbifches Volkslied fpielte: »Mufs 
i denn, mufs i denn zum Städtele naus?« Es war eine Scene von 


— 172 — 

wirklich dramatifchem Leben, ein Wogen und Treiben in diefer 
bunt zufammengewürfelten Menfchenmenge , wie ich es noch 
feiten gefehen hatte und dabei brachte die Mannigfaltigkeit der 
Kleidung, die Menge der Blätter und Blumen, die Verfchieden- 
artigkeit der Kopfbedeckung eine Abwechfelung der Farben 
hervor, welche von ftarker malerifcher Wirkung war. Lange 
noch fahen wir die wehenden Tücher und grüfsenden Hände dem 
Schiffe nachwinken, bis das Schiff fich drehte und rafch dem 
Ausgange des Hafens zufteuerte. 

Nun begann ich mir das Schiff und feine Inwohner näher 
zu betrachten. Die »Augufta Victoria« ift das fchönfte Schiff, 
das ich jemals gefehen habe, die Cabinen ausgezeichnet, Effen, 
Getränke und Bedienung vortrefflich. Freilich erfchienen mir 
die Salons der erften Cajüte allzu fürftlich ausgefchmückt zu 
fein: die fchweren vergoldeten Verzierungen wirken etwas plump 
und aufdringlich und der Mufikfalon machte, fo lange noch darin 
die Blumenfpenden aufgeftellt waren, den beängftigenden Ein- 
druck einer Todtenkammer ; allein, wenn ich um mich blickte 
und fo manchen meiner Mitpaffagiere ftorchähnlich daherftelzen 
fah, als ob ihm die ganze Welt gehörte, als ich fah, dafs felbft 
halbwüchfige Mädchen einen Alles verachtenden Stolz in den 
Mienen zur Schau trugen, da begriff ich wohl, dafs einer folchen 
Gefellfchaft nur ein ftark ins Auge fallender Prunk gefallen mochte. 
Es waren theils Gefchäftsmienen , theils fchablonenhafte Alltags- 
geflchter und nur wenige fympathifche Erfcheinungen tauchten 
unter der Menge auf. Unwillkürlich mufste ich Vergleiche mit 
unferen Indianern der Alta Verapaz anftellen und ich glaube, dafs 
unter einer gleich grofsen Zahl von Kekchi-Indianern gewifs eine 
viel gröfsere Anzahl intereffanter, menschlich angenehmer Geflehter 
zu finden wären, als hier. Man wird mir vielleicht übel nehmen, 
dafs ich Indianer zum Vergleiche mit Europäern und Nordameri- 
kanern heranziehe, aber es gefchah ja nicht in Bezug auf Verftan- 
desbildung, fondern nur in Bezug auf das äufsere Ausfehen; auch 
die Kleidung der Indianer und Indianerinnen ift trotz ihrer Ein- 
fachheit unbedingt gefchmackvoller, als diejenige von vielen ihrer 
bevorzugten Mitmenfchen, und was das Benehmen betrifft, fo 
möchte ich nicht verfaumen, hervorzuheben, dafs Mutter Natur 
vielfach den mittelamerikanifchen Indianern feinen natürlichen 


— 173 — 

Tact in die Seele gepflanzt hat, was fie vielen unferer femitifchen 
Schififspaflagiere vollftändig verfagt zu haben fcheint. 

Durchfchnittlich befcheidener und fympathifcher war das 
Benehmen und die Erfcheinung der Paffagiere zweiter Cajüte, 
welche auch ausfchliefslich deutfch zu fprechen pflegten, und ich 
bin an manchem Abend nach der zweiten Cajüte geflüchtet, um 
bei luftiger Mufik gemüthlich ein Glas Bier zu trinken, ohne 
mich über hochnafige Protzengeflchter ärgern zu müffen. Auch 
im Zwifchendeck fah ich manches gefällige und fympathifche 
Gefleht; was mir aber befonders auffiel, war das abgehärmte 
und kränkliche Ausfehen fo vieler Zwifchendeckspaffagiere, und 
wieder mufste ich meine Vergleiche ziehen mit unferen Indianern, 
welche keine Armuth und Noth in europäifchem Sinne kennen, 
und kaum jemals langdauernden Sorgen und Entbehrungen aus- 
gefetzt find. 

Glücklicher Weife befanden fleh auf dem grofsen Schiffe 
noch eine Anzahl lieber Freunde aus Coban und Guatemala und 
mit diefen fchloffen wir nun einen engen, fidelen Ring, welcher 
den fefteften Kern von Stammgäften im Rauchzimmer bildete. 
So verging uns die rafche, von fchönem Wetter begünftigte 
Fahrt auf die angenehmfte Weife; in Southampton verliefs uns 
ein grofser Theil der Mitpaffagiere und am nächften Morgen 
lagen wir bereits in Cuxhaven vor Anker. 

Noch ehe wir das Schiff verliefsen, lernten wir in nicht 
gerade angenehmer Weife eine in Guatemala unbekannte, euro- 
päifche Unfitte wieder kennen, das Trinkgeld, und als wir in 
Cuxhaven gelandet hatten, fiel uns die übermäfsige Bevormun- 
dung des reifenden Publicums durch Polizeimannfchaft und Bahn- 
beamte auf. Aber andererfeits, wie angenehm war es nun, allent- 
halben und überall die deutfehe Sprache zu hören , und als wir 
mit der Bahn nach Hamburg fuhren, waren wir Alle entzückt 
von dem fchönen hellen Grün der Felder, dem Gelb der blühen- 
den Rapspflanzungen, von der Ordnung und Eintheilung, der 
gründlichen Ausnutzung von Grund und Boden ; das Alles erfchien 
uns nun wie ein grofser, forgfam gepflegter Garten, und die 
Häufer mit ihren altväterifchen Dächern wie Zierftiicke; und 
vollends in Hamburg, wie fchön waren nicht die Ufer der Alfter 
mit ihren wohlgepflegten Rafenflächen und dem hellen Grün der 


— 174 - 

frifch treibenden Bäume! Gerade diefes lichte Grün der jungen 
Blätter forderte unfer Entzücken am meiften heraus, denn diefes 
findet man in den vollfaftigen , dunkelgrünen Urwaldgewächfen 
der Tropen nirgends. 

Als wir in der Nacht vom 23. auf den 24. Mai nach Süden 
fuhren und im bequemen Schlafwagen die Zeit verträumten, da 
flellte ich mit Vergnügen feft, dafs in den letzten Jahren in Bezug 
auf das Verkehrswefen in Deutfchland bedeutende Fortfehritte 
gemacht worden find, und als ich dann in der lieben fchwäbifchen 
Heimath weilte, fpäter aber nach alter Weife an der Univerfität 
München ftudirte, da fühlte ich mich alsbald wieder fo heimifch, 
als ob ich nur wenige Monate abwefend gewefen wäre. Nichts 
von der Entfremdung, welche fo manchen Deutfeh- Amerikaner 
bei der Heimkehr in die alte Heimath anwandelt; kein Gedanke 
daran, dafs ich die deutfehen Verhältniffe zu kleinlich oder 
befchränkt gefunden hätte. Es ifl ja Vieles anders als in Mittel- 
amerika, Vieles engherziger und unfreier, aber das Meifle ift 
fchöner und beffer — wenigftens fo lange man fich nicht in den 
hier fo fchwierigen Kampf ums Dafein zu ftürzen hat — und fo 
fühlte ich mich bald fo behaglich und angenehm, dafs mir der 
Gedanke ans Scheiden keineswegs fympathifch war. Es ift ja 
überhaupt eine Thatfache , dafs der Deutfche im fpanifchen 
Amerika im Allgemeinen mit grofser Zähigkeit an deutfeher 
Art und Sitte klebt, und keineswegs im Volke feiner Adoptiv- 
heimath aufgeht, wie es in den Vereinigten Staaten fo häufig 
der Fall ift. 

Mit Wonne genofs ich nun Theater und Oper, und wenn 
auch der gefunde naive Sinn, welchen ich mir durch den langen 
Umgang mit Naturvölkern erworben habe, mir das Unwahre 
der fchablonenhaften Theatergeften der meiften Schaufpieler fehr 
eindringlich vor Augen führte, fo war doch der Gefammteindruck 
zumeift ein fehr günftiger und angenehmer, und mit befonderem 
Vergnügen erfüllte es mich, endlich wieder einmal vollendet 
fchönen Coloraturgefang hören zu können, welcher, an der 
rechten Stelle, leicht und graziös gefungen, auf mich einen viel 
freundlicheren und natürlicheren Eindruck machte, als der 
gefpreizte Cothurnfchritt fo mancher »dramatifcher« Mulik. Der 
faft gänzliche Mangel an Kunftgenüffen ift eine der härteften 


- 175 - 

"Entbehrungen, welcher man im fernen Lande ausgefetzt ift, und 
fo that ich denn mein Möglichftes, ein Capital an Erinnerungen 
für die kommenden Jahre exotifchen Wanderlebens aufzufpeichern 
und fchon jetzt, wo ich noch inmitten all der Annehmlichkeiten 
europäifchen Culturlebens und deutfcher Gemüthlichkeit weile, 
freue ich mich der Zeit , wo ich wieder einmal heimkehren darf 
nach der alten Heimath, um den Wanderftab in die Ecke zu 
ftellen und der Ruhe zu pflegen. 


Allgemeines Naturgemälde des nördlichen 

Mittelamerika. 


Wenn man den Begriff »Mittelamerika« lediglich in poli- 
tifchem Sinne auffaffen wollte, fo würde man dazu nur die fünf 
Republiken Guatemala, S. Salvador, Honduras, Nicaragua und 
Coftarica rechnen. Sobald man aber für denfelben Namen eine 
geographifche Abgrenzung fucht, fo mufs man Britifch-Honduras 
und Gebietstheile von Mexiko und Columbien dazu rechnen und 
als nordweftliche Grenze den Iflhmus von Tehuantepec, als füd- 
örtliche den Ifthmus von Panama annehmen. Von dem fo abge- 
grenzten Gebiete habe ich in den Jahren 1888 bis 1895 die 
nordweftliche Hälfte, d. h. das Land zwifchen der Landenge 
von Tehuantepec und der Einfchnürung des Continents zwifchen 
Puerto Cortez und der Fonseca-Bay, zum Gegenftande meiner 
Studien und Aufnahmen gemacht und es möge mir geftattet 
fein, im Folgenden in grofsen Zügen ein Bild der allgemeinen 
Naturverhältniffe diefes in einzelnen Theilen noch fehr wenig 
bekannten Gebietes zu entwerfen. Ich fchicke voraus, dafs die 
bisher vorhandenen Kartenwerke diefes Ländergebietes in hohem 
Grade ungenau find, und in allen älteren Atlanten fogar — 
abgefehen von den Kiiftenlinien — ein ziemlich unrichtiges Bild 
der oro- und hydrographifchen Verhältnifte geben; die klima- 
tologifchen Verhältniffe find feit v. Frantzius nicht mehr in 
allgemeinerer Weife dargeftellt worden, bis in jüngfter Zeit 
Mr. Mark Walrod Harrington in einer allerdings auf das 
politifche Mittelamerika befchränkten Abhandlung den Regenfall 


— 177 — ' 

zum Gegenftande einer Specialftudie machte*). Die botanifche 
und zoologifche Kenntnifs von Mittelamerika ift in dem grofs 
angelegten Werke Biologin centroamericana regiftrirt, allein das 
Werk ift fo koftfpielig, dafs nur reiche Privatleute oder Biblio- 
theken es fich anfchafifen können und fo ift es auch dem Schreiber 
diefer Zeilen nur feiten zugänglich gewefen, weshalb ich mich 
in meinen folgenden, auf die allgemeinften Verhältniffe gerich- 
teten Darlegungen faft ganz auf meine eigenen Beobachtungen 
befchränken mufs. 

i. Orographie. 

Etwa die Hälfte des nördlichen Mittelamerika ift Flach- 
land', die andere (kleinere) Hälfte Gebirgsland. Die Flach- 
landgebiete find (abgefehen von der vergleichsweife fchmalen 
pacififchen Küftenebene) ganz auf den Norden befchränkt und 
umfaffen die nördlichen Gebiete des Ifthmus von Tehuantepec, 
den mexicanifchen Staat Tabasco, die Halbinfel Yucatan, das 
Peten und das nördliche Britifch- Honduras. Von diefen ausge- 
dehnten Länderftrecken find nur die pacififche Küftenebene, 
ferner die Mündungsgebiete der Ströme Coatzocoalco , Grijalva, 
Ufumacinta und Candelaria und die Küftengebiete von Britifch- 
Honduras wirkliche, vorzugsweife von Flufsabfätzen gebildete 
Ebenen; die Halbinfel Yucatan und das Peten find dagegen zwar 
auch flaches Land , aber von Höhenzügen , Plöhenrücken und 
merkwürdigen Depreffionen durchzogen, fo dafs fie ein ganz 
eigenartiges orographifches Bild darbieten, das allerdings in 
feinen Einzelheiten viel zu wenig bekannt ift, als dafs es fich 
kartographifch feftlegen und im Einzelnen genetifch erklären 
liefse. Während die echten Ebenen Mittelamerikas fich im 
Wefentlichen nicht von unferen gewöhnlichen europäifchen Tief- 
ebenen unterfcheiden, ift das Flachland von Yucatan und dem 
Peten von fo eigenthümlicher Befchaffenheit, dafs ich mit einigen 
Worten auf daffelbe näher eingehen mufs. Das Peten fcheint in 
feinen mittleren und nördlichen Gebieten aus einer Anzahl -paral- 
leler, gekrümmter Bodenwellen **) zu beftehen, welche oberfläch- 

*) Central American Rairifall, by Mark Walrod Harrington, read before 
the philosophical Society of Washington, March 1895. 

) Sapper, I hyfikalifche Geographie von Guatemala (Gotha 1894), p. 39, 

S a p p e r , Das nördliche Mittelamerika. 


12 


— 178 - 

lieh durch Erofion und Einfturz von Hohlräumen wieder in eine 
Unzahl von Hügeln und Keffelthälern aufgelöft erfcheinen; 
dagegen dürfte die Halbin fei Yucatan ein von der Faltung unbe- 
rührt gebliebenes Schollenland darflellen, deffen Schichten, für 
den Beobachter faft horizontal erfcheinend, ein generelles, fehr 
flaches nördliches Einfallen aufweifen; auch hier haben Erofion 
und locale Einbrüche die urfprünglich wohl ebene Oberfläche in 
Hügelzüge und Einfenkungen von mannigfacher Form aufgelöft, 
fo dafs für das Innere Yucatans die Bezeichnung einer /Ebene« 
ebenfo irrthümlich wäre, wie fürs Peten. Beide Gebiete find 
aber fo flach, dafs ihre höchften Erhebungen nur wenig über 
300m abfoluter Höhe erreichen mögen; aufserdem beftehen beide 
zum weitaus gröfsten Theile aus Kalken von ähnlichen Eigen- 
fchaften (vorwiegend tertiären, in geringerer Ausdehnung creta- 
ceifchen Alters), weshalb auch, um das gleich vorwegzunehmen, 
die hydrographifchen Verhältniffe beider Gebiete fehr ähnlich 
find. Während nämlich in der Trockenzeit weite Gebiete waffer- 
leer find und nur wenige, durch Thonabfätze undurchläffig 
gewordene Mulden noch kleine Regenwafferanfammlungen 
(»Aguadas«) aufbewahren, füllen fich in der Regenzeit, wo auch 
in fchmalen Thalrinnen plötzlich Bäche und Flüffe auftreten, die 
Niederungen mit oft recht ausgedehnten Seen von meift geringer 
Tiefe an (ak’alche in Maya, saab in Kekchi), welche erft im 
Laufe der Trockenzeit allmählich wieder verfchwinden. 

Das Gebirgsland des nördlichen Mittelamerika fcheidet 
fich in zwei fchon landfchaftlich leicht zu unterfcheidende Abthei- 
lungen: ein Kettengebirge in den nördlichen Theilen und ein 
Maffengebirge in den Eidlichen Theilen des Gebirgslandes. Das 
hauptfächlich aus mefozoifchen und tertiären Ablagerungen 
beftehende Kettengebirge des Staates Chiapas*) bildet aber 
keineswegs die unmittelbare Fortfetzung des Kettengebirges von 
Mittelguatemala, fondern hängt nur in feiner Südoftecke direct 
damit zufammen, während feine nördlichften Ketten fich oftwärts 
in die flachen Bodenwellen des Peten fortfetzen. Das Ketten- 

*) Sapper, Informe sobre la geografia fisica y la geologia de los Estados de 
Chiapas y Tabasco, in Boletin de agricultura , mineria 6 industrias. publicado por 
la secretaria de fomento, colonizacion <5 industria de la Repüblica mexicana. 
Mexico 1894 (Ano III Nunv. 9. März). 


— i/9 — 

gebirge von Mittelguatemala*) befteht nur in feinen nördlichften 
Beftandtheilen aus mefozoifchen und tertiären Ablagerungen, wäh- 
rend füdlich davon eine paläozoifche und dann einige archäifche 
Ketten folgen. Eine derfelben fetzt fich als Sierra del Espiritu 
santo nach Honduras hinein fort, während im Süden davon fedi- 
mentäre Bergketten, noch unbeftimmten Alters, jene Republik 
durchziehen. In Chiapas erreichen die Kettengebirge nicht viel 
mehr als 2200 m Höhe [die Culminationspunkte des nördlichen 
Chiapas find von jungeruptiven Ergüßen gebildet: Hulitepec bei 
S. Cristobal Las Casas (2760 m), in Guatemala dagegen kommt 
ihnen (in den Altos Cuchumatanes) eine Höhe von etwa 3800 m 
zu]. In Britifch-Honduras findet man die Scholle der Cockscomb 
Mountains, wohl eine Fortfetzung der paläozoifchen Kette Guate- 
malas. 

Das Mafiengebirge des Staates Chiapas entfpricht in 
keiner Weife den Maffengebirgen von Guatemala und San Sal- 
vador: denn die Sierra Madre von Chiapas befteht aus Graniten, 
welche die paläozoifchen und archäifchen Ketten Guatemalas 
überdeckt und von der Verbindung mit der archäifchen Küften- 
cordillere von Mexico**) abgefchnitten zu haben fcheinen. 
Dagegen find die Maffengebirge von Südguatemala, San Salvador 
und Süd-Honduras aus jungeruptiven Gefteinen (Andefiten und 
Bafalten) gebildet und gehören daher einer fehl* viel jüngeren 
geologifchen Entftehungszeit an. Die granitifchen Erhebungen 
von Chiapas erreichen eine Höhe von etwa 2800 m; die jung- 
eruptive Küftencordillere von Guatemala erreicht dagegen Höhen 
von mehr als 3600 m (Cotzic 3620 m) , fenkt fich aber beträcht- 
lich gegen Often und theilt fich in der Gegend von Chimaltenango 
in zwei getrennte Züge, deren nördlicher durch das mittlere Süd- 
guatemala nach dem füdlichen Honduras hineinftreicht, während 
der Eidliche Zug, mehrfach von Flufsthälern durchbrochen, im 
Allgemeinen der pacififchen Küfte folgt und die Republik San 
Salvador in ihrer ganzen Ausdehnung durchzieht. 

Den Kettengebirgen des nördlichen Mittelamerika kommt, 

*) Sapper, Das Kettengebirge von Mittelguatemala. Zeitfchrift des Deutfchen 
und Oefterreichifchen Alpenvereins, Berlin 1892. 

**) Felix und Lenk, Ueber die tektonifchen Verbal tniffe der Republik 
Mexico. Zeitfchrift der Deutfchen geologifchen Gefellfchaft 1892, S. 303 fr. 


1 80 


im Gegenfatz zu den europäifchen, ein ganz eigenthümlicher 
landfchaftlicher Charakter zu, indem die einzelnen Ketten, foweit 
fie nicht in gewaltigen Schluchten von Flüffen und Strömen 
durchbrochen find, eine ungemein gleichförmige, nur ganz fanft 
auf- und abfteigende Kammlinie aufweifen, fo dafs fcharf indivi- 
dualifirte Bergformen zu den Seltenheiten gehören oder auch 
von ifolirten jungeruptiven Ergriffen (wie die kühnen Berge bei 
S. Bartolome de los Llanos in Chiapas), nicht von fedimentären 
Gefteinen gebildet werden. Die dichte Waldbedeckung, welche 
den Kettengebirgen gröfstentheils zukommt, ift gewifs die Haupt- 
urfache für den einförmigen Verlauf der Kammlinien, da fie in 
erfter Linie die Wirkungen der Erofion verhindert oder wenig- 
ftens abgefchwächt hat. Die archäifchen Gebirgsketten von 
Guatemala zeigen dagegen bereits eine Anlehnung an unfere 
europäifchen Gebirgsformen, da fich hier namhafte Seitenkämme 
vom Hauptkamme abzugliedern pflegen und tiefe Thalgründe 
zwifchen diefen feitlichen Gebirgszweigen fleh gebildet haben; 
freilich find im Gebiete diefer archäifchen Ketten Guatemalas 
auch die Verhältniffe des Klimas und der Pflanzendecke und 
damit auch die Erofionserfcheinungen den europäifchen ähnlicher, 
als an der feuchten Nordabdachung der Kettengebirge. 

Wenn nach dem Gefagten die allzu grofse Regelmäfsigkeit 
im Verlaufe der Kammlinien die landfchaftliche Schönheit der 
Kettengebirge beeinträchtigt, fo ift andererfeits die allzu grofse 
Unregelmäfsigkeit im Verlaufe der Bach- und Flufsrinnen im 
Gebiete der Maffengebirge der Entftehung landfchaftlich bedeut- 
famer Anflehten hinderlich und bei der ziemlich einförmigen, 
kuppenartigen Ausbildung der Gipfel befteht die hauptfachliche 
Schönheit der Maffengebirge nicht in ihrer Gipfelregion, fon- 
dern in dem grandiofen Steilabfall gegen die pacififche Küften- 
ebene hin. 

Die landfchaftlich wirkfamften orographifchen Elemente 
Mittelamerikas aber find die Vulkane, deren oft wunderbar 
regelmäfsige kegelförmige Geftalten in ihrer edlen Einfachheit 
und Grofse die Bewunderung und Aufmerkfamkeit jedes Reifen- 
den auf fleh ziehen. Erft kürzlich, als ich bei denkbar klarftem 
Wetter auf einem Hochgipfel bei Zermatt ftand und die wilden 
Felshörner um mich, die gewaltigen Eisftröme zu meinen Füfsen 


1 8 1 


überblickte, mufste ich unwillkürlich an die ftolzen und doch fo 
einfachen Vulkangeftalten Mittelamerikas zurückdenken, und es 
fiel mir wieder ein Ausfpruch von Moritz Wagner ein, der es 
in Zweifel zog, ob nicht etwa die mittelamerikanifche Vulkan- 
reihe an Schönheit die Alpen übertreffe. Es ift gewifs mifslich, 
eine Vulkanreihe mit einem Kettengebirge zu vergleichen, aber 
ich möchte jetzt, nachdem ich die Alpen wieder in verfchiedenen 
Gegenden befucht habe, doch nicht unterlaffen, darauf aufmerk - 
fam zu machen, dafs allerdings den Tropengegenden, vermöge 
ihrer üppigen Vegetation, der Wechfel an mannigfachen Farben 
fehlt, welcher fo viel zur malerifchen Schönheit der Alpenland- 
fchaften beiträgt, dafs aber die grofsartigen Vulkangeftalten mit 
ihren einfachen fchön gefchwungenen Linien auf mich wenigftens 
einen äfthetifch befriedigenderen Eindruck machen, als die 
unruhigen Linienfolgen der alpinen Felsregionen und Gipfelformen. 

2. Hydrographie. 

Das nördliche Mittelamerika ift befpült vom Atlantifchen 
Ocean im Norden, vom Pacififchen im Süden. Diefen beiden 
Weltmeeren ftrömen denn auch alle Gewäffer zu (mit Ausnahme 
der wenigen abflufslofen Seengebiete). Die Wafferfcheide zwifchen 
dem Atlantifchen und Stillen Ocean bilden die Maffengebirge 
von Chiapas, Südguatemala und Südhonduras. Da diefe Maffen- 
gebirge im Werten fehr nahe der pacififchen Kürte bleiben, 
fo haben dafelbft die Flüffe einen nur kurzen Lauf und find 
daher von geringer Bedeutung. Erft nachdem fich der Haupt- 
zug des eruptiven Maffengebirges von Guatemala (von Chimalte- 
nango ab) rein örtlich gewendet hat, entfernt fich die Waffer- 
fcheide etwas mehr von den Geftaden des Stillen Weltmeeres 
und damit erreichen auch die Flüffe eine immer gröfsere Bedeu- 
tung und längeren Lauf. Der wichtigfte Flufs des pacififchen 
Gebietes ift der anfehnliche, ftreckenweife fchiffbare Rio Lempa, 
die Hauptwafferader der Republik San Salvador. 

Ungleich wichtiger und wafferreicher find die Ströme des 
atlantifchen Gebietes: Coatzocoalcos , Grijalva, Ufumacinta 

(welcher fich durch die Quellftröme Lacantun, Chixoy und Rio 
de la Pasion bildet) und Candelaria fliefsen in den mexicanifchen 
Golf, Rio Hondo, Rio nuevo, Rio Viejo (Belize), Sibun, Sarftoon, 


182 


Polochic -Rio Dulce, Motagua, Chamelecon und Ulua in den 
caraibifchen Meerbufen; von all diefen Strömen ift nicht nur der 
Hauptarm, fondern auch eine Reihe von Nebenflüffen für kleine 
Fahrzeuge ftreckenweife fchififbar. 

Aufser etlichen Seen in Südguatemala (Atitlan, Ayarza) find 
der grofse Petenfee und der Bitterfalzfee Chichankanab nebft 
vielen kleineren Seen von Yucatan abflufslos. Yucatan bietet 
überhaupt höchft eigenartige hydrographifche Verhältniffe dar, 
indem nur in feinem äufserften Süden wirkliche Flüffe vorhan- 
den find (z. B. Rio de Champoton) , während in den nördlichen 
Gebieten die Wafferläufe unterirdifch find und nur in den fchönen. 
nach abwärts gerichteten Höhlen, welche man dafelbft Cenotes 
nennt, erreicht werden können. 

3. Klima- und Vegetations-Zonen. 

(Hierzu die Karten Nr. 2 und 3 und Beilage 1.) 

Wenn man fich die plaftifchen Verhältniffe des nördlichen 
Mittelamerika vergegenwärtigt, fo fieht man, dafs einem flachen 
Vorlande im Norden ein Gebirgsland im Süden gegenüberfteht, 
deffen nördliche Theile ein Kettengebirge, deffen füdliche Theile 
ein Maffengebirge darftellen ; zwifchen beiden befindet fich eine 
Depreffion von wechfelnder Tiefe und Breite und am füdlichen 
Fufse des Maffengebirges eine fchmale Küftenebene. Bedenkt 
man nun, dafs die Paffatwinde eine im Allgemeinen nordöftliche 
Richtung haben, fo begreift man leicht, dafs fie an der nörd- 
lichen bezw. nordöftlichen Abdachung der Kettengebirge ihre 
Feuchtigkeit entladen und als trockene Winde jenfeits des Haupt- 
kammes ihren Lauf fortfetzen. So kommt es, dafs die ganze 
Nordhälfte des nördlichen Mittelamerika im Allgemeinen reiche 
Niederfchläge erhält (mit Ausnahme der Halbinfel Yucatan, 
welche zu flach ift, um eine Condenfation der Wafferdämpfe zu 
Stande zu bringen ; erft das niedrige Hochland im Süden, welches 
eine mittlere Höhe von etwa 250m erreicht, bekommt reichliche 
Niederfchläge und ift daher mit Urwald bedeckt). Die im Regen- 
fchatten liegenden Gegenden ftidlich vom Hauptkamme der 
Kettengebirge find dagegen verhältnifsmäfsig trocken und erft 
am füdlichen Abfalle der Maffengebirge treffen wir abermals aut 
«inen feuchten Landftrich, indem die grofse Landmafie einen 


- x8 3 - 

auffteigenden weltlichen Luftftrom anlockt, der feine Feuchtig- 
keit auf jener Seite entladet; nur in der Gegend des Ifthmus 
von Tehuantepec ift die Landmaffe zu gering, um einen der- 
artigen Einflufs hervorzurufen, weshalb hier die Gegend auch zu 
den trockenen Gebieten gehört. 

Leider ift die Zahl der Regenmefsftationen im nördlichen 
Mittelamerika viel zu gering, als dafs fich aus ihren Angaben 
allein ein Bild von der Vertheilung der klimatifchen Zonen 
machen liefse; ich habe daher diefe Angaben mit meinen Beobach- 
tungen über den Vegetationscharakter combinirt (Eingehenderes 
darüber in meiner phyfikalifchen Geographie von Guatemala!) 
und bekam dabei ungefähr ein Bild , wie ich es in der bei- 
gegebenen Karte Nr. 2 wiedergegeben habe. Zum Verftändnifs 
derfelben hebe ich hervor, dafs in allen Gegenden mit reich- 
lichen Niederfchlägen fich Urwälder bilden, welche in den wär- 
meren Regionen ausfchliefslich aus Laubbäumen (mit einge- 
mifchten Palmen und Farnbäumen, mit viel Lianen und Epiphyten) 
beftehen: »tropifche und fubtropifche Regenwälder« , in 
kalten Gebieten aber fich aus Kiefern, Eichen, Erlen und anderen 
Laubbäumen zufammenfetzen : »feuchte Laub- und Nadel- 

wälder des kalten Landes«. Wo fich Kiefern, Liquidambar- 
oder Taxixcöbäume im Gebiete der tropifchen Regenwälder 
finden, find die Niederfchläge fchon etwas gemäfsigt, und wo 
Kiefern und Eichen für fich allein in Gegenden von mäfsigen 
oder hohen Temperaturgraden waldbildend auftreten, kann man 
fchon auf ein ziemlich trockenes Klima fchliefsen (trockene 
Eichen- und Kiefernwälder); wenn aber die Bäume regel- 
mäfsigen Blattfall zeigen oder ganz zurücktreten und einer For- 
mation kleinblätteriger Dornfträucher und fteppenartiger Gras- 
fluren Platz machen, fo befindet man fich in einer fehr trockenen, 
durch eine ftark ausgefprochene Trockenzeit charakterifirten 
Gegend (»Chaparales, Strauch- und Grasfteppen«). »Baum- 
fabannen« dagegen find Gebiete von anfehnlichem Regenfalle, 
in welchen die regenfeuchten Tropenwälder ftreifenweife mit 
Grasfluren abwechfeln (z. B. Südguatemala, Tabasco) oder krautige 
Schlingpflanzen Bufch und Baum der Tropenwälder überwuchern 
und theilweife zurückdrängen. Wenn auch im Einzelnen noch 
Vieles hervorzuheben wäre, dafs z. B. die aus hochwüchfigen, 


— 184 — 

grünem Grafe beftehenden Sabannen von Tabasco auf das Ueber- 
fchwemmungsgebiet der grofsen Flüffe befchränkt find, dafs die 
lichten Kiefernwälder der Pine ridges in Britifch- Honduras in 
dem wafferdurchläffigen Sandboden und dem tiefgehenden Grund- 
waffer ihre rein locale Entftehungsurfache haben u. f. w., fo kann 
man doch im Allgemeinen feftftellen, dafs mit Ausnahme des 
nördlichen Yucatan die ganze atlantifche Seite des nördlichen 
Mittelamerika ein niederfchlagreiches Gebiet darftellt, während 
ein zweiter Streifen feuchten Landes in Guatemala und Chiapas, 
rudimentär auch in S. Salvador, der pacififchen Küfte folgt. Die 
Depreffion zwifchen den Hauptkämmen der Kettengebirge und 
Maffengebirge dagegen bezeichnet ein Gebiet geringerer Feuch- 
tigkeit bis grofser Trockenheit (wie in den Thalebenen von 
Salamä und dem Motagua, wo grofse Cereusformen der Land- 
fchaft ein eigenartiges Gepräge verleihen). Die Urwaldgebiete 
find im Durchfchnitt ungemein fchwach bevölkert, die trocke- 
neren und gefunderen Gegenden dagegen find verhältnifsmäfsig 
dicht bevölkert. 

Während die Sommerregenzeit mit ihren häufigen elektrifchen 
Entladungen ganz Mittelamerika gemeinfam ift und von Mai 
(manchmal fchon April) bis September herrfcht, beginnt im 
October oder November in den Gegenden füdlich vom Haupt- 
kamme des Kettengebirges und im nördlichen Yucatan die 
Trockenzeit, während an der Nordabdachung des Kettengebirges 
die Winterregenzeit mit oft mehrere Tage lang andauernden 
Landregen einfetzt und bis December oder Januar fortdauert, 
um dann einer durch fpärliche Regen unterbrochenen Trocken- 
zeit (Januar bis April) Platz zu machen (vergl. Beilage i). 

Wie man aus der Tabelle leicht erfieht, tritt die Sommer- 
regenzeit in den Eidlichen Gebieten frühzeitiger ein als an der 
Nordabdachung des Kettengebirges, wo der Monat April über- 
einftimmend als der trockenfte erfcheint. 

Aber nicht nur in Bezug auf die Niederfchlagsverhältniffe, 
auch in Bezug auf die Wärmebedingungen wirkt die plaftifche 
Geftaltung des Landes differenzirend ein. Da mit zunehmender 
Erhebung die Temperatur immer mehr abnimmt, fo haben wir 
in den Maffenerhebungen bei Huehuetenango, Quezaltenango oder 
S. Cristöbal Las Casas Gebiete verhältnifsmäfsig kalten Klimas, 


- 1 85 - 

welches den Anbau tropifcher Früchte unmöglich macht, aber 
die Cultur der Cerealien unferer gemäfsigten Zone begünftigt. 
Bis 1800 m herunter pflegt alljährlich Reif aufzutreten und in 
den höchften Regionen (oberhalb 3200 m) nähert fleh das Klima 
fo fehr unferem europäifchen, dafs fogar dann und wann Schnee 
fällt. In den Flachlandgebieten dagegen herrfcht Jahr aus, Jahr 
ein eine hohe Temperatur, welche in den Monaten December 
und Januar am meiften gemäfsigt erfcheint, in den Monaten April 
und Mai aber am höchften ift; in den Urwaldgebieten erreichen 
die Temperaturen übrigens niemals fo hohe Grade wie in den 
trockenen Steppengebieten und doch empfindet der Wanderer 
hier die Hitze oft noch drückender (wegen der hohen Luftfeuch- 
tigkeit) als dort. Zwifchen den warmen und kalten Regionen 
breitet fleh ein Klimagürtel gemäfsigter Wärme verhältniffe aus, 
welcher, zwifchen beiden Extremen die Mitte haltend, die ange- 
nehmften Lebensbedingungen, namentlich für den Europäer, dar- 
bietet. Eine fcharfe Grenzlinie zwifchen den einzelnen Klima- 
ftufen giebt es nicht, doch glaube ich die einzelnen Stufen am 
beften folgendermafsen unterfcheiden zu können (vergl. Karte Nr. 3): 

I. Tierra caliente (heifses Land), o bis 600 m. Hauptzone 
des Cacaobaues, des Kautfchuk- und Mahagonibaumes, 
der Cocos- und Corozopalme. Kaffeebau beginnt. Mitt- 
lere Jahrestemperatur ca. 27 bis 23°C. 

II. Tierra templada (gemäfsigtes Land), 600 bis 1800m. 
Hauptzone des Kaffeebaues (in den höheren Lagen 
bereits mit Froftgefahr verbunden). Mittlere Jahres- 
temperatur 23 bis I7°C. 

III. Tierra fria (kaltes Land), oberhalb 1800 m. Alljährlich 
tritt Reif ein. 

A. Untere Abtheilung von 1800 bis 3250m. Anbau 
von Weizen (der in S. Salvador allerdings bis 1000 m 
herabfteigt) , Kartoffeln und Aepfeln. Laubwälder. 
Mittlere Temperatur etwa 17 bis io°C. 

B. Obere Abtheilung, oberhalb 3250m. Hochgebirgs- 
region, ohne Agricultur, mit alpinen Kiefernwäldern 
und Bergwiefen, Region möglichen Schneefalles. 
Mittlere Jahrestemperatur unter io°. 


Production. 

(Hierzu Karte Nr. 4, s. S. 212, und Beilage 2.) 


1. Nutzbare Mineralien. 

Als die Spanier vor Jahrhunderten die Länder des nördlichen 
Mittelamerika betraten und unterwarfen, da war ihr Dichten und 
Trachten zunächft auf die Erlangung edler Metalle und Steine 
gerichtet, und nur langfam überzeugten fie fich davon, dafs die 
Mineralreichthümer hier nicht in grofser Menge vorhanden waren. 
Die Sucht, durch Bergwerksunternehmen rafch reich zu werden, 
hat fich aber in ihren Nachkommen bis auf den heutigen Tag 
erhalten und mancher Unglückliche hat fich durch den Fund 
einer hübfchen Erzfiufe dazu verleiten laffen, fein ganzes Befitz- 
thum zur Auffuchung der Reichthum verheifsenden Mine zu 
opfern, die er natürlich niemals fand. Schon Carl v. Scherzer 
hob vor mehr als 40 Jahren mit vielem Recht hervor, dafs die 
Republik Honduras reicher wäre ohne ihre Mineralreichthümer 
als mit denfelben, und wenn in den Nachbarrepubliken San 
Salvador und Guatemala fich auch fchon vor Jahrzehnten die 
Ueberzeugung geltend machte, dafs die Agricultur den Reich- 
thum des Landes bedinge, fo fpukt doch auch hier die Phrafe 
von den Mineralreichthümern unheildrohend in vielen Köpfen. 
Es ift recht bezeichnend, dafs das Bureau of the American repu- 
blics im Bulletin 58 (Washington 1892) hervorhebt, dafs es 
180 Minen in San Salvador gebe, dabei aber vergifst, zu bemerken, 
dafs diefelben faft fämmtlich aufgegeben find. Als ich im Jahre 
1895 San Salvador bereifte und einige Minen kennen lernen 
wollte, erfuhr ich, dafs nur noch eine einzige mit wenigen 
Arbeitern bearbeitet werde. 


- i8; — 

Ich will damit natürlich nicht behaupten, dafs nutzbare 
Mineralien im nördlichen Mittelamerika fehlten, fondern nur, dafs 
viel Geld und Mühe an ganz ausfichtslofe Bergwerksunternehmen 
verfchwendet werden und dafs man die Bedeutung der Mineral- 
vorkommen fall: allgemein weit überfchätzt. 

Am reichten an Mineralfchätzen ift zweifellos die Republik 
Honduras, wo zur Zeit auch eine Reihe gut rentirender Minen 
ausgebeutet werden; im weltlichen Honduras jedoch hat die 
Minenindultrie keine grofsen Erfolge aufzuweifen gehabt: aufser 
den Opalfunden bei Erandique und einer, wie ich höre, mit Eifer 
abgebauten Silbermine bei El Labor, find wohl nur die Gold- 
bergwerke der Sierra del Espiritu Santo zu nennen, welche aber 
wegen mangelnder Rentabilität faft fämmtlich wieder aufgelaffen 
worden find. In S. Salvador ift meinen Erkundigungen zufolge 
nur noch eine einzige Silbermine im Betriebe; die Kohlenflötze, 
auf deren Abbau man in S. Salvador grofse Hoffnungen fetzte, 
befchränken fich, foweit ich fie perfönlich kennen lernte, aul 
etliche fchwache Braunkohlenbänke , deren Abbau fich ficherlich 
nicht lohnen würde (ähnliche Braunkohlenbänkchen find mir auch 
aus Guatemala und Chiapas bekannt). In Guatemala find aufser 
einer Bleiglanzgrube bei Chiantla nur noch einige Goldwäfche- 
reien im Motaguathal im Betriebe; die einft abgebauten Silber- 
bergwerke von Alotepeque und die fchöne Silbermine von San 
Rafael bei Mataquescuintla haben vor wenigen Jahren den Betrieb 
eingeftellt. In Chiapas wird nur eine einzige , aber vorzügliche 
Mine (von Santa Fe bei Zacualpa) abgebaut, in Tabasco aber 
ift die verfuchte Ausbeutung der Petroleumquellen von Macus- 
pana wieder aufgegeben worden. In Yucatan bildete fich vor 
Kurzem eine Gefellfchaft zur Ausbeutung einer Kupfermine, 
welche fich in der Nähe von Champoton befindet; aber bald 
zeigte fich die Unrentabilität des Unternehmens und die Gefell- 
fchaft löfte fich wieder auf. In den Cockscomb Mountains in 
Britifch- Honduras ift vor Kurzem fchöne Steinkohle gefunden 
worden; eine fachmännifche Unterfuchung der (noch geheim 
gehaltenen) Localität fcheint aber noch nicht ftattgefunden zu 
haben, fo dafs man über die Bedeutung des Fundes kein Urtheil 
ausfprechen kann. 

Von ganz vereinzelten Fällen abgefehen, ift die Production 


— 1 88 — 

edler Metalle oder Steine im nördlichen Mittelamerika eine 
abfolut unbedeutende, und wenn auch die Möglichkeit befteht, 
dafs feiner Zeit gut rentirende Bergwerksunternehmen ins Leben 
gerufen werden, fo fei doch der bisherige faft allgemeine Mifs- 
erfolg als Warnung an alle minenfüchtigen Capitaliften hervor- 
gehoben. 

Wenn aber auch die Edelmetalle in vergleichsweife fpär- 
licher Menge Vorkommen und fonftige exportfähige Mineralftofife 
zur Zeit nirgends in abbauwürdigen Lagerftätten bekannt find, 
fo ift doch das nördliche Mittelamerika keineswegs arm an nutz- 
baren Mineralien, welche von hervorragender volkswirthfchaftlicher 
Bedeutung für die einheimifche Bevölkerung find oder waren. 
Ich meine hier vor allem das Salz, welches vielfach durch Eva- 
poration des Meerwaffers (fo in S. Salvador, in Südguatemala — 
befonders bei Chiquimulilla — und in Yucatan) , aber auch da 
und dort im Inlande aus Salzquellen gewonnen wird, fo bei 
S. Maddalena und der Salina de los Nueve Cerros in Guatemala 
durch Eindampfen der Soole in eifernen Pfannen , im Valle de 
Cuxtepeque in Chiapas durch Eindunften derfelben in flachen 
Teichen, in Iztapa (Chiapas) und Sacapulas (Guatemala), wo noch 
jetzt Indianer nach offenbar alter Methode ihr Salz bereiten, 
durch Eindampfen in thönernen Gefäfsen. Trotzdem wird noch 
viel fremdes Salz in Mittelamerika eingeführt. — Die Maismahl- 
fteine, welche einen unentbehrlichen Haushaltungsgegenftand in 
jedem mittelamerikanifchen Haufe darftellen, werden von den 
Indianern von Chiapas, Guatemala und San Salvador aus jungen 
Eruptivgefteinen (Andefiten) angefertigt, in Yucatan aber aus 
Feuerftein. (Früher wurden Maismahlfteine auch aus Glimmer- 
fchiefer , hartem Phyllit und anderen Materialien hergeftellt.) 
Feuerftein war im Peten und Yucatan in der Zeit vor Ankunft 
der Spanier ein äufserft wichtiges Material , da die Indianer 
daraus ihre Waffen zu verfertigen pflegten, wie heute noch die 
Lacandonen ihre Pfeilfpitzen aus Feuerftein bilden; die Indianer 
von Guatemala, Chiapas und San Salvador dagegen pflegten 
ihre Waffen und Meffer aus Obfidian herzuftellen, welchen fle in 
ungeheurer Menge am »Obfidianberge« Iztepeque (in Siidoft- 
guatemala) fiilden konnten. 


189 


2. Waldbenutzun'g. 

Aehnlich wie jeder Mittelamerikaner gerne die »Mineral- 
reichthümer« feines Landes im Munde führt, fo betont auch der 
Guatemalteke gar zu gern die nationalen Schätze, welche in den 
werthvollen Holzarten der gewaltigen Urwälder des Peten der 
Hebung harren, und je weniger der Mann von diefen Urwäldern 
weifs, defto fabelhafter erfcheint ihm der Werth der edlen Hölzer. 
Es ift das eine der vielen Legendenbildungen, welche zwar ein 
Körnchen Wahrheit in fich fchliefsen, aber in ihrer übertriebenen 
Vergröfserung der Thatfachen fchädlich wirken. 

Es ift in der That nicht zu leugnen, dafs die Urwälder des 
Peten und des öftlichen Chiapas eine gro.fse Menge werthvoller 
Hölzer in fich bergen, von welchen theils der Stamm (wie Maha- 
goni) , theils der Farbftoff (wie Blau- und Gelbholz) , theils der 
Milchfaft (Kautfchuk, Kaugummi) Verwendung finden; auch 
Medicinalpflanzen (z. B. Saffaparilla , Perubalfambäume) finden 
fich in anfehnlicher Menge und bei genauerer Unterfuchung wür- 
den noch viele nutzbare Hölzer und Stoffe gefunden werden 
können, aber die Verkehrsverhältniffe find leider derart, dafs 
eine gründliche Ausbeutung vorläufig ganz ausgefchloffen ift. 
Die einzigen brauchbaren Verkehrswege des Peten und öftlichen 
Chiapas find nämlich die Flüffe, und die allermeiften derfelben 
find Tributäre des gewaltigen Ufumacinta, der kurz vor dem 
Eintritt ins Tiefland von Tabasco eine Reihe von Stromfchnellen 
und Wafferfällen bildet, welche ein unüberwindliches Hindernifs 
für die Schifffahrt darftellen. In Folge deffen können hier 
nur diejenigen Hölzer exportirt werden, welche wegen ihrer 
Leichtigkeit auf dem Waffer fchwimmen, nämlich Mahagoni, und 
auch von diefen Stämmen ift unterwegs ein nicht unbeträcht- 
licher Verluft zu erwarten; zudem haben eine Anzahl fchiffbarer 
Nebenflüffe ftreckenweife einen unterirdifchen Lauf (z. B. die 
Quellflüffe des Rio Cendales), wodurch natürlich mit einem Schlage 
wieder ausgedehnte Waldftrecken fich jeder Ausnutzung ent- 
ziehen. Dann aber ift zu beachten, dafs die Mahagonibäume 
ziemlich zerftreut im Urwalde Vorkommen und dafs die in grofser 
Nähe der Wafferftrafsen befindlichen Stämme in den meiften, 


— 190 — 

leichter zu erreichenden Gegenden bereits gefällt find, fo dafs 
die Holzfäller häufig Strafsen von 20 Kilometer Länge durch 
den Urwald bahnen müffen, um die bearbeiteten Stämme mit 
Ochfengefpannen nach der Wafferftrafse zu fchleppen; wenn ein- 
mal die Zeit kommt, wo man noch längere Zufuhrwege bauen 
mufs, oder wo man in gebirgigen Gegenden fchwierige Terrain- 
verhältniffe antrifift, fo wird der Mahagoniexport aufhören ein 
rentables Gefchäft zu fein; ift es ja doch fchon jetzt für manchen 
Neuling, der noch nicht die genügende Erfahrung betreffs der 
Arbeiterverhältniffe oder der Wafferftrafsen befafs, verhängnifs- 
voll geworden. 

Die Verfchiffungshäfen für Mahagoniholz find im nördlichen 
Mittelamerika befonders Minatitlan, Laguna de Terminos und 
Belize, an welch letzteren Platz auch die im Indianergebiete 
des füdlichen Yucatan gefchlagenen Stämme, in Flöfse zufammen- 
gebunden, von Schleppdampfern gebracht werden. Im Innern 
Yucatans giebt es viel Mahagoniholz, das aber wegen mangeln- 
der Verkehrsmittel wohl niemals wird verwerthet werden können; 
in den Wäldern beim unteren Motaguathale und Livingfton giebt 
es gleichfalls noch ziemlich viel Mahagoni , doch ift es fraglich, 
ob es fich mit hinreichendem Nutzen wird verwerthen laffen, da 
die leicht erreichbaren Stämme längft gefällt find. 

Die Kautfchukbäume finden fich in den regenfeuchten Tropen- 
wäldern und werden dafelbft von den Kautfchukfammlern ausge- 
beutet, aber meift fo ftark angezapft, dafs die Bäume zu Grunde 
gehen, fo dafs in manchen Gegenden (z. B. inSoconusco) die wildwach- 
fenden Kautfchukbäume bereits faft vollftändig ausgerottet find. 

Die Chicohapotebäume , von deren Milchfaft durch Kochen 
der in den Vereinigten Staaten beliebte Kaugummi (chicle) 
gewonnen wird, kommen nicht nur in den regenfeuchten Wäldern 
vor, fondern auch vielfach in den trockenen Wäldern des mitt- 
leren Yucatan, welche eine Uebergangsform zwifchen den feuchten 
Urwäldern und den trockenen Chaparrales darftellen. 

Blauholz kommt vorzugsweife in den trockenen Wäldern 
von Yucatan in grofser Menge vor, oder (im Gebiete der tro- 
pifchen Regenwälder) in Lagen, welche periodifchen Ueber- 
fchwemmungen ausgefetzt find (Tabasco, Südyucatan, Peten, 
Britifch - Honduras). Bei der grofsen fpecififchen Schwere des 


— I 9 I — 

Blauholzes kommen nur diejenigen Gebiete für die Ausbeutung 
in Betracht, welche fich in der Nähe fchiffbarer blühe befinden 
oder von Fahrfirafsen durchzogen find. Im Staate Campeche 
wird Blauholz auf Entfernungen bis etwa 80 km mit Ochfenkarren 
zum Hafenplatze gefchafft und bei Champoton hat man eine 
Pferdebahn ins Innere gebaut, welche mit fortfehreitender Aus- 
beutung des Waldes allmählich weiter verlängert wird. 

Blauholz wird hauptfächlich aus den Staaten Tabasco und 
Campeche, fowie aus Britifch-Honduras exportirt; das viele Blau- 
holz des Peten entzieht fich der Ausfuhr, foweit es nicht in der 
Nähe des Rio S. Pedro vorkommt. 

Gelbholz wird in viel geringerer Menge gefchlagen als Blau- 
holz; man exportirt es aus Tabasco, fowie aus dem füdöftlichen 
San Salvador. 

Da die Urwaldgebiete vorzugsweife Regierungsland geblieben 
find, fo beziehen die Regierungen eine kleine Abgabe für die 
Ausnutzung diefer Wälder; diefe Einnahme fteht aber in keiner- 
lei Verhältnifs zu dem Schaden, welchen das Raubfyftem der 
Ausbeuter den Wäldern zufügt, indem die nutzbaren Pflanzen 
vielfach ganz ausgerottet werden (Saffaparilla, Kautfchukbäume), 
ohne dafs an ein Nachpflanzen gedacht würde, oder wenigftens 
die werthvollen Hölzer in den leicht erreichbaren Gegenden 
gefällt werden (Mahagoni, Farbhölzer), wodurch diefe Wald- 
gebiete für eine lange Reihe von Jahren faft werthlos werden. 
Man hat zwar da und dort Saffaparilla (Guatemala) und Kaut- 
fchukbäume (Guatemala, Soconusco, Tabasco) unter Cultur 
genommen, aber die Pflanzungen find zu unbedeutend, um einen 
ergiebigen Erfatz für den einftigen natürlichen Reichthum der 
Wälder zu gewähren. 

Bietet demnach die Forflbenutzung der Urwälder im All- 
gemeinen kein erfreuliches Bild, fo ift es mit den lichteren 
Kiefern- und Eichenwäldern der trockeneren Gebiete nicht beffer: 
fchonungslos wurden diefelben allenthalben nieder gefchlagen, wo 
Indianer oder Mifchlinge Maisculturen oder andere Anpflanzungen 
zu machen wünfehten, und beim Niederbrennen der jungen Lich- 
tungen wird faft nirgends das Feuer bewacht, fo dafs oft grofse 
Waldftrecken ganz unnöthiger Weife mit verbrennen. In der Nähe 
der gröfseren Anfiedelungen ift der Wald meift fchon fo weithin 


— 192 — 

zerftört (felbft in Gegenden, welche früher Urwald getragen 
hatten, wie die Alta Verapaz), dafs lieh allenthalben empfind- 
licher Mangel an Brenn- und Nutzholz geltend macht und dafs' 
die Aufforftung kleinerer Areale in der Nähe der Städte als eine 
fichere Speculation bezeichnet werden mufs. Bauholz und die 
in meift primitiven Sägewerken gefchnittenen Bretter werden oft 
viele Kilometer weit mit Ochfenkarren , Maulthieren oder India- 
nern nach den Bauftätten unter grofsen Koften gebracht. An 
Export von Bauholz und Brettern kann in Anbetracht der Ver- 
kehrs verhäl tni ffe nicht gedacht werden; es werden im Gegentheil 
nach den Hafenplätzen und günftigen Punkten im Innern nicht 
wenige nordamerikanifche Holzhäufer eingeführt. 

Ift aber nach dem Gefagten der Wald trotz feiner gewal- 
tigen Ausdehnung (einfchliefslich der Trock'en- und Geftrüpp- 
wälder fchätzungsweife auf vier Fünftel der Bodenfläche zu ver- 
anfchlagen) von verhältnifsmäfsig geringer Bedeutung für den 
Export, fo ift er doch von der gröfsten Bedeutung für den 
Haushalt der Indianer: die kleineren Bäume bilden das Bau- 
material feiner Hütten, die Palmblätter dienen hauptfächlich zum 
Dachdecken, die Lianen zum Feftbinden der einzelnen Conftruc- 
tionstheile, fowie zum Bau der Hängebrücken; die Herztriebe 
oder Früchte vieler Palmen werden gegeffen, die Früchte der 
wildwachfenden Cacaobäume werden zu Chocolade verwendet, 
zahlreiche andere Früchte dienen als Erfrifchungs- und Nahrungs- 
mittel; die grofsen Blätter der Corozopalme oder einer gewiffen 
Fächerpalme werden zum Bau von Wetterfchirmen verwendet, 
welche auf den Reifen in wenigen Minuten errichtet find; die 
Fiedern der Corozoblätter benutzt man zur Verfertigung der 
fchönen indianifchen Regenfchirme (Suyacales); die Früchte der 
in Trocken- und Geftrüppwäldern vorkommenden Crescentia- 
Arten geben Trinkgefäfse ab (Jicaras und Guacales); die flachen 
Wurzelausläufer gewiffer Waldbäume geben das Rohmaterial für 
grofse Holzteller; das Harz der Copalbäume dient dem Indianer 
nach altem Brauche als religiöfes Räuchermittel u. f. w. Kurzum, 
es ift faft nicht möglich, all den vielfachen Nutzen aufzuzählen, 
welchen der Indianer aus dem Walde zieht, und fo ift derfelbe 
denn doch für die einheimifche Bevölkerung von ganz aufser- 
ordentlicher Bedeutung. 


193 


3. Nutzthiere. 

Von noch geringerer Bedeutung als die einheimifche Pflan- 
zenwelt ift die einheimifche Thierwelt für den Export: nur Reh- 
felle und Alligatorhäute (letztere hauptfächlich aus Tabasco) haben 
einige Wichtigkeit für die Ausfuhr. Sonft aber ift die volks- 
wirthfchaftliche Bedeutung der einheimifchen Thiere fehr gering, 
wenn auch deren Jagd in den Urwaldgebieten unter Umftänden 
wichtig ift und dem Volke der Lacandonen z. B. in erfter Linie 
den Lebensunterhalt ermöglicht. Die Lacandonen halten fleh 
auch kleine gezähmte Säugethiere und Vögel (z. B. Hoccohühner), 
doch ift mir nicht bekannt, ob fleh diefelben in der Gefangen- 
fchaft fortpflanzen; ich glaube es nicht. Dagegen haben die 
Indianer, und ihnen nach da und dort auch die Mifchlinge, die 
einheimifchen Bienenarten (deren Honig auch im Walde ausge- 
nommen zu werden pflegt) ans Haus gewöhnt, ohne dafs der 
erzeugte Honig irgendwie für Ausfuhr in Frage käme, da er 
alsbald an Ort und Stelle confumirt zu werden pflegt, oder auch 
(bei den Lacandonen) zu einem beraufchenden Getränke ver- 
gohren wird (»Balche«). 

Von der gröfsten volkswirthfchaftlichen Bedeutung find 
dagegen die feiner Zeit von den Spaniern eingeführten Haus- 
thiere: Schweine und Hühner werden in allen Gebieten des nörd- 
lichen Mittelamerika (neben den einheimifchen Truthühnern) 
gezüchtet; Ziegen werden nicht in grofser Zahl gehalten, dagegen 
ift die Schafzucht in den trockeneren Gebirgsgegenden fehr 
bedeutend, namentlich in den Altos von Guatemala und im 
Hochlande von Chiapas; die hier erzeugte Wolle wird an Ort 
und Stelle von Indianern und Mifchlingen verarbeitet und ver- 
forgt die meiften Gegenden des nördlichen Mittelamerika mit 
wollenen Reifedecken, während in den Hochländern felbft ein 
Theil der indianifchen Kleidung aus Wollftoffen hergeftellt wird. 

Für die Vieh- und Pferdezucht eignen fleh in erfter Linie 
die natürlichen Grasfluren und die unterholzarmen Kiefern- und 
Eichenwälder der trockenen Landftriche, während in den Urwald- 
gebieten nur mit Mühe und Koften künftliche Weideplätze her- 
geftellt werden können. Aus diefem Grunde concentrirt fleh die 

Sapper, Das nördliche Mittelamerika. 


13 


— 194 - 

Vieh- und Pferdezucht hauptfächlich auf diejenigen Länder, in 
welchen die trockenen Gebiete befonders ausgedehnt find, alfo 
namentlich Chiapas und Honduras, von woher denn auch eine 
ziemlich ftarke Einfuhr von Vieh, Pferden und Maulthieren nach 
Guatemala ftattfindet; die mexikanifchen Pferde und Maulthiere 
find im Durchfchnitte kräftiger und leiftungsfähiger als die hon- 
durenifchen. Vor wenigen Jahren beftand auch eine lebhafte 
Ausfuhr von Vieh aus den Ifthmusgegenden und Tabasco nach 
dem nödlichen Yucatan; neuerdings hat diefelbe aber fafl ganz 
aufgehört, da fich die einheimifche Viehzucht in den genannten 
Gebieten inzwifchen gehoben zu haben fcheint. 

Es fei hier übrigens beiläufig bemerkt, dafs beim Ankäufe 
von fremdem Vieh oder Pferden ftreng darauf geachtet werden 
mufs, dafs diefelben wo möglich aus Gegenden kommen, wo ein 
ähnliches Klima herrfcht, wie an ihrem künftigen Aufenthaltsorte. 
Nehmen wir z. B. an, dafs aus den trocken-heifsen Niederungen 
des Motaguathales Vieh nach der frifchen, grünen Alta Verapaz 
verkauft werde, fo darf man mit Beftimmtheit erwarten, dafs 
binnen kurzer Zeit ein flarker Procentfatz des Viehes geftorben 
fein wird, da es fich an die veränderte Nahrung und die ver- 
fchiedenen klimatifchen Bedingungen nur fchwer gewöhnt. 

Ehedem war auch die Züchtung der Cochenille -Laus von 
grofser Bedeutung, und es gab eine Zeit, in welcher Guatemala 
an der Spitze der Cochenille-Production ftand; die erftaunliche 
Entwickelung der Anilinfarben-Induftrie hat aber diefem Erwerbs- 
zweige den Todesftofs gegeben. Die Cochenille-Production war 
auf ziemlich trockene Gebiete befchränkt gewefen und hatte in 
der Gegend von Amatitlan ihr Hauptcentrum. 


4. A g r i c u 1 1 u r. 

Die Bedeutung Mittelamerikas im Welthandel beruht einzig 
und allein in feiner Agricultur, und fo mag es denn am Platze 
fein, über diefen Gegenftand ein wenig eingehender zu berichten. 
Die aufserordentlich mannigfaltige klimatifche Gliederung des nörd- 
lichen Mittelamerika geftattet einen ungemein reichgegliederten 
Ackerbau, und es giebt kaum eine Pflanze der Tropen oder der 
gemäfsigten Zone, welche nicht mit Ausficht auf Erfolg angebaut 


— 195 

werden könnte. Freilich find mit vielen derselben niemals ernft- 
liche Verfuche gemacht worden, mit manchen anderen hat man 
zwar erfolgreiche Verfuche gemacht, die inzwifchen veränderte 
Handelslage aber hat es dann nicht zu gröfseren Anpflanzungen 
kommen laffen. 

Die wichtigfte Culturpflanze von Yucatan ift der einheimifche 
Henequen (Sifalhanf), eine Agavenart, deren Fafern fehr 
gefchätzt find und im Staate Yucatan in grofsen Pflanzungen 
erzeugt werden. Das ganze nördliche Yucatan hat fleh in fo 
ausgedehntem Mafse der Henequen -Cultur ergeben, dafs es faft 
alle verfügbaren Arbeitskräfte darauf verwendet und daher nicht 
mehr genügend viel Mais für den Unterhalt der Bevölkerung 
erzeugt. Mais und Bohnen werden daher in namhafter Menge 
von den Vereinigten Staaten her eingeführt. Die Fafern des 
Henequen werden jetzt meift mit mafchinellen Vorrichtungen 
gewonnen, weshalb die Cultur diefer werthvollen Faferpflanze 
einen grofsen Auffchwung nehmen konnte; der Henequen hat 
Yucatan zu einem reichen Lande gemacht; follte aber einmal 
diefe Fafer eine Entwerthung erfahren, fo wäre die Blüthe 
Yucatans geknickt. (Im örtlichen S. Salvador wird Henequen 
gleichfalls, aber in kleinem Mafsftabe angebaut.) 

An den feuchten Abdachungen des Gebirgslandes im nörd- 
lichen Mittelamerika fpielt der Kaffeebau eine ähnliche Rolle, 
wie der Henequenbau in Yucatan: die pacififche Gebirgsabdachung, 
welche fleh in befonderem Mafse wegen der ungemein frucht- 
baren, leichten vulkanifchen Erde für Kaffeebau eignet, erzeugt 
allein mehr als eine Million Centner Kaffee jährlich. Erft etwas 
fpäter und in kleinerem Mafsftabe hat fleh die Kaffeecultur an 
der feuchteren atlantifchen Gebirgsabdachung eingebürgert, wo 
das Klima vielleicht noch günftiger, der Boden aber nicht ganz 
fo geeignet für Kaffee ift, wie an der pacififchen Seite. Die 
Alta Verapaz, der ältefte Kaffeediftrikt auf der atlantifchen Seite, 
erzeugt jährlich zwifchen 50000 und 60000 Ctr. Kaffee; injüngfter 
Zeit find aber viele Neuanpflanzungen fowohl hier als im nörd- 
lichen Chiapas gemacht worden, fo dafs in Kurzem die Pro- 
duction des atlantifchen Kaffeediftrikts erheblich gefteigert werden 
vitd, auf der atlantifchen Abdachung der Altos Cuchumatanes 
wird wegen zu grofser Entfernung vom Hafenplatze und 

i 3 # 


wegen 


— 196 — 

grofser Transportfclnvierigkeiten kein Kaffee gebaut, obgleich 
fich die Speculation zum Theil fchon der dortigen Ländereien 
bemächtigt hat. Aufser den genannten hauptfächlichen Kaffee- 
diftricten auf der pacififchen und atlantifchen Gebirgsabdachung 
giebt es noch eine Reihe anderer Kaffeebezirke, welche aber 
eine geringere Bedeutung beanfpruchen können, z. B. die Tief- 
ebene von Tabasco, die Berge von Capucal und Olopa (Südoft- 
guatemala), die Ebene von S. Gerönimo (Mittelguatemala), das 
Chameleconthal (nordweftliches Honduras) u. f. w. 

Wenn man die Verbreitung des Kaffeebaues im nördlichen 
Mittelamerika verfolgt, fo erkennt man leicht, dafs Kaffee unter 
den verfchiedenften Klima- und Bodenverhältniffen gedeiht. 
Wenn man aber glauben würde, dafs der Kaffeebaum überall in 
derfelben Weife behandelt werden dürfe, fo wäre man in einem 
ftarken Irrthum befangen; denn unter verfchiedenen klimatifchen 
Bedingungen mufs auch die Pflege des Kaffeebaumes, die Behand- 
lung der Ernte eine jeweils verfchiedene fein, und der aufmerk- 
fame Beobachter ftaunt oft darüber, welch grofse Unterfchiede 
gerade in diefer Hinficht in den verfchiedenen Gegenden herr- 
fchen. Während z. B. in den Kaffeepflanzungen am Vulkan von 
Santa Ana (S. Salvador) die Gefammtblüthe mit einem Schlage 
erfolgt und hernach auch die gefammte Ernte auf einmal gepflückt 
werden kann, vertheilt fich die Kaffeeblüthe in der feuchten Alta 
Verapaz auf mehrere Monate, in Folge deffen reifen die Beeren 
auch zu ungleicher Zeit und die Ernte zieht fich deshalb wohl 
ein halbes Jahr hin etc. In trockenen Gebieten oder im heifsen 
Lande erfordert der Kaffeebaum ftarke Befchattung zu feinem 
Gedeihen; in bedeutender Höhenlage darf man ihm dagegen das 
Sonnenlicht nicht vorenthalten, da er unter ftarkem Schatten 
nicht diejenige Wärmemenge erhalten würde, welche zur Erzeu- 
gung und Ausreifung einer ergiebigen Ernte nothwendig ift. Es 
würde mich aber zu weit führen, wenn ich auf alle Einzelheiten 
an diefer Stelle eingehen wollte, und ich bemerke daher nur 
noch kurz, dafs Kaffieebau bei den gegenwärtigen hohen Kaffee- 
preifen ein gut rentirendes Gefchäft ift, vorausgefetzt natürlich, 
dafs die Bewirthfchaftung der Pflanzung eine energifche und 
fparfame fei, und dafs das Anlagecapital nicht allzu hoch fei. 
Sollten aber einmal die Kaffeepreife einen erheblichen Rückgang 


— 197 — 

erfahren , fo wäre dies ein fchwerer Schlag für die Republiken 
Guatemala und S. Salvador, deren Hauptreichthum eben auf dem 
Kaffeebau beruht. 

Währenddem die Kaffeecultur im heifsen und gemäfsigten 
Klimagürtel von faft Meereshöhe bis 1500, in Ausnahmefällen 
fogar 1800m Höhe, möglich ift, ift der Cacaobau ganz aufs 
heifse Land befchränkt; feiten trifft man wohlentwickelte Cacao- 
bäume in höheren Lagen (bis über 900 m). Das wichtigfte Cacao- 
productionsgebiet ift das nordweftliche Chiapas (Departamento 
Pichucalco), von wo anfehnliche Mengen Cacao ausgeführt werden. 
Nächftdem folgt die pacififche Küftenebene von Guatemala, wo 
ziemlich viel Cacao gebaut, aber im Lande felbft verbraucht 
wird. In Soconusco, S. Salvador, Verapaz ift die Cacaocultur 
zu Gunften des Kaffeebaues ftark zurückgegangen. 

Gleich dem Cacao ift auch der Indigo ein Product des 
heifsen Landes; während aber die Cacaobäume ein feuchtwarmes 
Klima und ftarke Befchattung lieben, verlangt der Indigoftrauch 
(Jiquilite) ein trocken-heifses Klima und ftarken Sonnenfehein. 
Indigo wird nur noch im mittleren Chiapas (Departamentos 
Tuxtla und Chiapa) und im nördlichen und örtlichen S. Salvador 
in nennenswerther Menge producirt; in Guatemala hat der Anbau 
von Indigo feit langen Jahren aufgehört. Die primitive Gewin- 
nung des Farbftoffes ift für die betreffenden Arbeiter ein anftren- 
gendes und ziemlich ungefundes Gefchäft. 

Bananen werden nur in den atlantifchen Küftengegenden 
von Honduras, Guatemala und Britifch- Honduras für den Export 
cultivirt. Sonft find fie über das ganze übrige Mittelamerika 
zerftreut, foweit die klimatifchen Verhältniffe es geftatten (fie 
find nämlich auf das heifse und das gemäfsigte Land befchränkt), 
aber der Anbau gefchieht in kleinem Mafsftabe und ift nur für 
den Confum der betreffenden Gegend berechnet. Eine Bedeutung 
als Volksnahrungsmittel hat die Banane nur unter der Neger- 
bevölkerung von Britifch -Honduras. 

Aehnlich, wie die Bananen, ift auch das Zuckerrohr in 
feinem Anbau auf das heifse und gemäfsigte Klima befchränkt, 
vertheilt fich aber (innerhalb diefer klimatifchen Grenzen) über 
das ganze nördliche Mittelamerika. Der Zuckerexport ift übri- 
gens in Folge der ungünftigen Preife auf dem Weltmärkte ziem- 


— 198 — 

lieh gering, der weitaus überwiegende Theil der Zuckerproduction 
ift für den einheimifchen Confum berechnet, und 7 t war entweder 
als Rohzucker oder (deftillirt) als Schnaps; raffinirter weifser 
Zucker wird nur in geringer Menge im Inlande erzeugt und 
verbraucht. 

1 a b a k wird überall im warmen und gemäfsigten Lande in 
kleiner Menge gebaut; in grofsem Mafsftabe für den Export 
wird Tabak aber nur in Tabasco cultivirt (und hauptfächlich 
nach Cuba ausgeführt). Aufserdem wird der Tabakbau in etwas 
concentrirterer Weife gepflegt im Departamento Copan (Hon- 
duras) und im Departamento Zacapa (Guatemala), auch in ein- 
zelnen Theilen von S. Salvador. 

Reis wird da und dort in den mäfsig warmen Gebieten 
Mittelamerikas an gebaut, vorzugsweife aber in trockeneren Land- 
ftrichen (mittleres Chiapas, Südoftguatemala, Cobulco, S. Sal- 
vador etc.); die Production ift aber fo gering, dafs he nicht für 
den einheimifchen Confum ausreicht, weshalb noch Reis einge- 
führt werden mufs. 

Cocospalmen wachfen allenthalben in den Kiiftengebieten, 
find auch da und dort im Inlande im heifsen Lande angepflanzt; 
gröfsere Pflanzungen, deren Früchte exportirt werden, giebt es 
aber meines Wiffens nur in Britifch- Honduras. 

Baumwolle wird vorzugsweife in trockenen heifsen Gebieten 
(z. B. nördliches Yucatan, mittleres Chiapas, Deprefhon von 
Cajabon) noch in befcheidenem Mafsftabe angebaut und von 
den dortigen Indianern gefponnen und gewoben; auch kleinere 
Spinnereien (fo eine im Departamento Chiapa) find in neuerer 
Zeit erbaut worden und erzeugen die üblichen Baumwollftofie 
(manta) an Ort und Stelle; der weitaus gröfsere Theil der Baum- 
wollftoffe wird aber aus Europa eingeführt und drängt die ein- 
heimifche Baumwollkultur in immer befcheidenere Grenzen zurück. 

Orangenbäume werden faft allenthalben im warmen und 
gemäfsigten Lande an gebaut; eine gröfsere wirthfchaftliche 
Bedeutung kommt ihnen aber ebenfo wenig zu, wie den zahl- 
reichen einheimifchen Fruchtbäumen. 

Die Grundlage der gefammten Volksernährung bildet in ganz 
Mittelamerika der Mais, und überall triftt man daher auch 
Maispflanzungen an, wo irgend das Land bevölkert ift. Vom 


— 199 — 

Meeresboden an fteigt die Cultur des Maifes bis 3100 m an, fo 
dafs nur wenige Theile des bewohnten Landes oberhalb der 
Culturgrenze diefer wichtigen Pflanze liegen. Trotzdem der Mais 
in enormer Menge erzeugt wird, fo mufs doch ajljährlich in den 
Gegenden, welche fleh intenfiver Henequen- oder Kaffeecultur 
gewidmet haben (nördliches Yucatan, Südguatemala, S. Salvador), 
noch Mais aus den Vereinigten Staaten eingeführt werden. 

Nächft dem Mais find fchwarze Bohnen das wichtigfte 
Volksnahrungsmittel, und auch ihre Cultur erftreckt fich vom 
Meeresboden an bis etwa 3000 m Höhe. 

Von geringerer Bedeutung find die einheimifchen Knollen- 
früchte (Camote, Quequexque, Yuca), nur bei der Caraibenbevöl- 
kerung der atlantifchen Küfte ift Yuca- oder Kaffavenmehl an 
Stelle des Maifes als Hauptnahrungsmittel gebräuchlich. 

Da der Mais im Hochlande nicht fo ergiebig ift wie in 
tieferen Lagen, und da aufserdem Weizen allenthalben gefucht 
und gut bezahlt wird, fo haben fich die Indianer des Hochlandes 
von Guatemala in ziemlich grofsem Mafsftabe der Weizen- 
cultur gewidmet; doch ift die Production lange nicht hin- 
reichend für den einheimifchen Confum, fo dafs noch viel ameri- 
kanifches Mehl eingeführt werden mufs. In Guatemala und 
Chiapas geht der Weizenbau nicht unter 1800 m herab, in Oaxaca 
bis 1500 m, in der Republik S. Salvador (am Vulkan gleichen 
Namens) aber bis etwa 1000m. Gerfte wird nur in kleinem 
Mafsftabe angebaut (z. B. bei Guatemala 1480 m); noch weniger 
Hafer (bei S. Criftobal, wo man ihn aber nicht ausreifen läfst, 
fondern grün verfüttert). In grofser Ausdehnung wird in den 
Hochländern von Guatemala und Chiapas auch Kartoffelbau 
getrieben und von hier aus ein Haufirhandel mit Kartoffeln 
nach den benachbarten tiefer liegenden Gebieten betrieben, ebenfo 
mit Aepfeln. Beide Producte genügen aber der Menge nach 
lange nicht dem Bedarf, weshalb fie auch von den Vereinigten 
Staaten her eingeführt werden. 

Von einiger Bedeutung für den Localbedarf, fowie für die 
einheimifche indianifche Induftrie ift aufserdem die Cultur der 
Agaven, welche befonders in den Altos Cuchumatanes, in der 
Alta Verapaz und Südoftguatemala in etwas gröfserem Mafse 
angebaut werden; die Fafern werden dann von den dortigen 

o 


200 


Ixil-, Pokonchi-, Kekchi- und Pipil- Indianern zu Stricken, Hänge- 
matten, Tragnetzen verarbeitet und weithin verhandelt. In Yucatan 
und Oftsalvador werden diefe Dinge aus Henequen - Fafern ver- 
fertigt. In Comitan (Chiapas) wird der Saft der dortigen Agaven 
zufammen mit dem des Zuckerrohres deftillirt, wodurch der treff- 
liche »Comiteco«, ein weithin berühmter Schnaps, entlieht, der 
das Hauptproduct von Comitan und Umgebung darflellt. 

\' on nicht geringer localer Bedeutung ift auch der Bau des 
fpanifchen Pfeffers (Chile), welcher aufs heifse und gemäfsigte 
Land befchränkt ift, und von dort in grofsen Mengen nach dem 
kalten Lande verhandelt wird , denn Chile wird von Indianern 
und Mifchlingen in unglaublichen Quantitäten vertilgt. Er fcheint 
übrigens zur Verdauung der Maiskuchen (Tortillas) förderlich zu 
wirken, wenigftens pflegten meine Träger auf allen Reifen Chile 
maffenhaft zu elfen , fo lange fle die gewohnte Maisnahrung 
hatten; fobald fle aber genöthigt waren, zu der leicht verdau- 
lichen Reisnahrung überzugehen, pflegte ihnen der Chile verleidet 
zu werden, und nach wenigen Tagen veränderter Nahrung liefsen 
fle dann das fonft fo beliebte Gewürz unberührt. 

| Obgleich ich in diefer Productionsüberficht eigentlich nicht 
auf die Productionsweife zu fprechen kommen follte, fo möchte 
ich einige beiläufige Bemerkungen doch nicht unterdrücken. Nur 
auf wenigen Kaffeepflanzungen und in wenigen anderen Gebieten 
findet eine regelmäfsige Düngung ftatt; meiftens wird Raubbau 
getrieben, und die Indianer laffen, wenn fie genug Land zur 
Verfügung haben, ein Feld gewöhnlich vier bis fünf Jahre brach 
liegen. Nur in dicht bevölkerten Gebieten, auf fehr fruchtbarem 
Boden, wird dauernd ein und daffelbe Feld in Benutzung genom- 
men und in Ausnahmefällen trägt es auch wohl zwei Maisernten 
in einem Jahre; dafs aber irgendwo in Mittelamerika der 
Boden in einem Jahre drei oder vier Ernten gebe, wie 
manche Nachfchlagebücher behaupten, ift Legende. In 
manchen Gebirgsgegenden find die Indianer Agricultur-Nomaden, 
d. h. fie bauen während der Sommerzeit ihr Maisfeld in wärmeren 
Gegenden und fäen bei Beginn der Regenzeit ein zweites Mais- 
feld im gemäfsigten oder kalten Lande; letzteres ift meiftens 
das gröfsere, dort ift alfo auch ihr Hauptwohnfitz; wenn es aber 
die Pflege des anderen Maisfeldes erfordert, fo zieht der Indianer 


201 


mit Frau und Kindern auch dorthin, fo dafs er alfo an zwei 
Orten gleichzeitig zu Haufe ift.] 

Europäifche Garten gemüfe wachfen bei zweckentfprechen- 
der Pflege faft überall. Zwiebel und Knoblauch werden in 
den Altos in etwas gröfserem Mafsftabe von Indianern cultivirt 
und nach wärmeren Gegenden hin haufirt. Trotzdem werden 
aber viele Gartenfrüchte noch von den Vereinigten Staaten ein- 
geführt. 

Weintrauben werden nur in ganz kleinem Mafsftabe bei 
Huehuetenango und Salamä und wenigen anderen Plätzen gebaut; 
Wein wird nicht bereitet. Bier wird aus einheimifcher Gerfte, 
aber eingeführtem Hopfen in Guatemala, Quezaltenango und 
S. Cristobal Las Casas gebraut. 


I 


t 


Verkehrswefen und Reifeleben. 


Da fämmtliche Länder des nördlichen Mittelamerika dem 
Weltpoftverein angehören, fo find die poltalifchen Beziehungen 
zum Auslande in einfacher und günftiger Weife geregelt. Auch 
im Inlande find die Poftverbindungen allenthalben recht befriedi- 
gende, und wenn man fieht, dafs z. B. Guatemala felbft mit dem 
weltvergeffenen Peten zweimal wöchentlich Briefpoftverkehr hat, 
fo mufs man geliehen , dafs die Regierungen in wirklich aus- 
giebiger Weife für die Möglichkeit rafcher Correfpondenz forgen. 
Die Correfpondenz ilt auch im Allgemeinen fehr ficher; wenn 
auch dann und wann einzelne Briefe, felbft eingefchriebene, fpur- 
los verfchwinden, oder wenn auch in unruhigen Zeiten (Krieg, 
Revolution etc.) die Briefe vielfach von Amtswegen geöffnet und 
auf ihren Inhalt geprüft werden, fo find das doch Ausnahmefälle 
und es ift daher kein zu grofses Gewicht darauf zu legen. 

Auch die Telegraphenverbindungen, mit welchen feit neuerer 
Zeit gute Fernfprecheinrichtungen verbunden find, find gut. 
Britifch-Honduras befitzt keine Telegraphenlinien. Mit dem Aus- 
lande lind Guatemala (in S. Jofe) und S. Salvador (in La Libertad) 
durch fubmarine Kabel verbunden. 

Ebenfo find die Dampferverbindungen mit den Vereinigten 
Staaten, fowohl auf der atlantifchen, wie auf der pacififchen Seite 
im Allgemeinen gut, obgleich fich im Einzelnen manches Tadelns- 
werthe hervorheben liefse. Schmutzig find dagegen zum grofsen 
Theile die mexikanifchen Dampfer, welche die Verbindung 
zwifchen den Hafenplätzen des Golfes von Mexiko unterhalten, 
und auch das Poftdampferchen, welches den Dienft längs der Küfte 


— 203 — 

von Britifch -Honduras beforgt, ift nicht rühmenswerth. Auch 
die Flufsdampffchifffahrt auf dem Rio Grijalva, dem Ufumacinta, 
dem Rio Dulce und Polochic, ift natürlich nicht mit europäifchem 
Mafsftabe zu meffen; aber fie ermöglicht doch eine rafche Beförde- 
rung der Perionen und Waaren, und ift in jeder Hinficht weit 
der Fahrt mit Ruderbooten vorzuziehen, namentlich in Flüffen, 
wo man — wie auf dem Rio viejo (Belize-Flufs) — Stromfchnellen 
zu paffiren hat. Im grofsen Ganzen genommen aber ift das 
Reifen zu Waffer rafch und verhältnifsmäfsig angenehm. 

Die Schwierigkeit des Reifens und des YVaarentransportes 
beginnt erft auf dem Lande, denn die Zahl der im Betriebe 
befindlichen Eifenbahnen ift noch zu gering, um einen allzu 
grofsen Einflufs zu haben. Am höchften entwickelt ift das Eifen- 
bahn- und Strafsennetz in dem hochcivilifirten nördlichen 
Yucatan, wo nicht nur eine ganze Anzahl tüchtig gebauter 
Bahnlinien beftehen , fondern auch Fahrwege bis zu den ent- 
legen ften Dörfern des unter mexikanifcher Verwaltung ftehenden 
Theiles der Halbinfel führen. Indem ich diefes hervorhebe, ift 
es aber doch gerecht, zu bedenken, dafs hier das flache Gelände 
und das trockene Klima die Anlage eines fo ausgedehnten 
Strafsennetzes fehr begünftigt, während die Gebirgsländer von 
Mittelamerika mit den gröfsten Schwierigkeiten zu kämpfen 
haben. In Tabasco ift das Gelände zwar auch flach, aber die 
grofsen Flüffe überfchwemmen in der Regenzeit weite Strecken, 
fo dafs die Strafsen alle künftlich erhöht fein müfsten, um das 
ganze Jahr über brauchbar zu fein. Die Ueberfchwemmung'en 
fchaffen aber während diefer Zeit bequeme Wafferwege für Ruder- 
boote und in der Trockenzeit bewegt fleh gleichfalls der haupt- 
fächliche Perfonen- und Frachtenverkehr auf den natürlichen 
Wafferftrafsen der zahlreichen Flüffe, fo dafs das Fehlen guter 
Landftrafsen weniger in Betracht kommt. Die Eifenbahn über 
den Ift hm us von Fehuantepec ift feit 1894 in Betrieb; dagegen 
ift in Chiapas die kurze Bahnftrecke, welche vom Hafen Tonalä 
nach der Stadt gleichen Namens und weiter ins Innere führte, 
wieder verlaffen worden; auch Fahrftrafsen fehlen in Chiapas — 
ausgenommen einige kurze Strecken — noch vollftändig. In 
Guatemala find auf der Südfeite eine Anzahl kürzerer Bahn- 
ftrecken im Betriebe (Champerico -S. Felippe, S. Jofd- Guatemala, 


— 204 — 

Escuintla-S. Lucia), ebenfo in San Salvador (Acajutla-Ceiba- 
Chilamatal und S. Tecla-S. Salvador), andere find im Bau 
begriffen (von Ocös ins Innere, und von Chilamatal nach S. Ana). 
Aufserdem giebt es im {udlichen Guatemala und in San Salvador 
eine grofse Zahl von Fahrftrafsen und auf einigen derfelben 
(S. Felipe -Quezaltenango- Antigua- Guatemala und La Libertad- 
S. Salvador) verkehren fogar Diligencen. Im mittleren Guatemala 
war im April 1895 die Eifenbahnftrecke Los Amates- Puerto 
Barrios eröffnet, doch follte noch vor Ablauf deffelben Jahres die 
Bahn bis Gualan fertig geftellt fein. In der Alta Verapaz foll 
Ende 1895 die Bahnftrecke Panzös-Tucurü in Bau genommen 
werden; vorläufig verbindet aber nur eine Karrenftrafse die 
Metropole der Landfchaft, Coban, mit dem Flufshafen Panzös. 
In Honduras ift nur die in elendem Zuftand befindliche Bahn- 
ftrecke Puerto Cortez-S. Pedro Sula in Betrieb, welche in Bälde 
nach S. Barbara fortgeführt werden foll. Von S. Barbara geht 
eine Fahrftrafse nach Comayagua und Tegucigalpa. 

Ich habe die vorhandenen Eifenbahnen und Fahrftrafsen mög- 
lichft ausführlich befprochen, da diefelben auf den beftehenden 
Karten oft nicht richtig angegeben find, und da deren Kenntnifs 
von grofser praktifcher Bedeutung für den Reifenden ift. Ueber- 
all, wo Eifenbahnen und gute Fahrftrafsen fich befinden, ift das 
Reifen leicht, auch findet man dann in allen gröfseren Ortfchaften 
Hotels, feien diefe auch oft recht primitiver Natur, und braucht 
alfo in keiner Weife ums Weiterkommen oder um Unterkunft 
beforgt zu fein. Auch der Frachtverkehr ift auf all diefen 
Strecken verhältnifsmäfsig leicht. 

Ganz anders aber geftalten fich die Verhältniffe , fobald 
man tiefer ins Innere des Landes eindringt und in weniger ftark 
befuchte Gegenden kommt. Dann giebt es eben nur noch Reit- 
wege; Jedermann mufs nun zu Pferde oder Maulthier oder zu 
Fufs reifen, alle Art von Fracht wird nun mit Laftmaulthieren 
oder indianifchen Laftträgern befördert, und damit ergiebt fich 
das unumgängliche Gebot, das Gepäck, bezw. die betreffenden 
Waaren, in Kiften oder Colli von mäfsigem Gewichte, am beften 
je nicht über einen Centner, zu vertheilen, da im anderen Falle 
eine Beförderung fehr fchwierig wäre. Auch für diejenigen 
Hafenplätze des pacififchen Oceans , an welchen es keine Lan- 


— 205 — 

dungsftege giebt (z. B. S. Benito, Tonalä, Salina Cruz), follten 
alle Waaren in kleine Kiften oder Ballen verpackt fein , wie fie 
ein einzelner Mann zu tragen vermag; denn an folchen Hafen- 
plätzen können grofse Kiften nur auf Tragbahren von einer 
grofsen Zahl von Menfchen ans Land gefchafft werden , und da 
diefe natürlich ziemlich lange zum Transport gebrauchen und 
fammt ihrer Laft von den Brandungswellen durchnäfst werden, 
fo laufen die Waaren Gefahr, zu verderben oder Schaden zu 
leiden. 

An den viel bereiften Reitwegen findet man noch oft foge- 
nannte Hotels, welche aber mit dem europäifchen Inftitute diefes 
Namens höchftens die Preife gemeinfam haben , in Bezug auf 
Effen und Comfort aber fehr ländlich zu fein pflegen. Auf 
weniger häufig bereiften Routen find Hotels fchon fehr feiten 
und einfach (meift aber auch fehr billig), und man kommt nun 
fchon häufig in die Lage, irgendwo in einer Hacienda oder auch 
in der armfeligen Hütte eines Indianers oder Mifchlings Unter- 
kunft fuchen zu müffen. Ich geftehe , dafs Gaftfreundfchaft 
gewöhnlich gern oder wenigftens ohne Widerrede gewährt zu 
werden pflegt, aber in gewiffem Grade peinlich ift es doch immer, 
des Abends oder oft fchon bei vorgerückter Stunde der Nacht, 
bei wildfremden Menfchen anklopfen zu müffen und fie um 
Unterkunft und Unterhalt für Menfch und Thiere zu erfuchen. 
Gar manches Mal fchläft man dann auf dem blofsen Erdboden, 
nimmt feinen Sattel als Kopfkiffen, den Regenmantel als Decke 
und läfst fein Pferd im Freien, angebunden oder mit zufammen- 
gekoppelten Vorderfüfsen, weiden. So primitiv auch derartige 
Unterkunftsverhältniffe fein mögen, fo anftrengend und ent- 
behrungsreich das Reifen in wenig befuchten und fchwach bevöl- 
keiten Gegenden auch ift, fo ift doch das eine Gute im nörd- 
lichen Mittelamerika — die mexikanifchen Staaten mit einge- 
fchl offen , dafs die öffentliche Sicherheit eine ausgezeichnete 
ift, und dafs man eigentlich überall fein Haupt mit Ruhe nieder- 
legen kann. Selbft Geldtransporte pflegt man in S. Salvador 
und Guatemala (aber allerdings nicht in den mexikanifchen 
Staaten) ohne irgend welche militärifche Bedeckung reifen zu 
laffen, ja, man darf ruhig fagen, dafs die perfönliche Sicherheit 
des Reifenden in den genannten Ländern gröfser ift als in 


206 


Deutfchland. Minder ficher find vielleicht fein Gepäck oder feine 
Reit- und Laftthiere während der Nacht, und es foll, namentlich 
in den Grenzdiftricten, manchmal Vorkommen, dafs der Reifende 
beim Erwachen fich ohne Reitpferd findet; mir felbft ift aber 
während meiner zahlreichen Reifen niemals etwas entwendet 
worden. 

Je fchwächer bevölkert, je gebirgiger ein Land ift, je weiter 
die Regenzeit vorgefchritten ift, defto fchlechter pflegen die 
Wege zu fein, und man mufs oft mehr oder minder lange 
Strecken zu Fufs gehen und fein Pferd am Stricke nachziehen, 
wenn die Wege allzu fchlecht oder zu gefährlich find; manchmal 
kann man fich an dergleichen Steigen (z. B. am Wege von 
Tacotalpa ins Hochland von Chiapas) von einem Indianer im 
Tragfeffel tragen laffen, doch wird nicht leicht ein Europäer fich 
dazu verftehen, ein folches Beförderungsmittel in Anfpruch zu 
nehmen. Durchfchnittlich am mühfeligften ift das Reifen in den 
ungemein dünnbevölkerten Urwaldgebieten von Yucatan oder 
vom Peten, wo man fich oft für längere Zeit verproviantiren 
mufs, wo die Pferde manchmal nur noch Blätter ftatt Gras zu 
freffen bekommen, und wo in der Trockenzeit oft weithin Waffer- 
mangel, in der Regenzeit aber ausgedehnte Ueberfchwemmungen 
drohen. 

Das Reifen zu Fufs ift im nördlichen Mittelamerika ganz 
ungewöhnlich und wird nur in fehr entlegenen Gebieten zur 
Nothwendigkeit. Ich felbft aber habe, zum Zweck meiner 
wiffenfchaftlichen Aufnahmen, faft alle meine Reifen zu Fufs 
gemacht und finde, dafs das Fufsreifen viel angenehmer und 
minder anftrengend ift als das Reifen zu Pferde, fofern man 
nämlich das Glück hat, etliche zuverläffige intelligente indianifche 
Träger zu Begleitern zu haben. Man kommt fo zwar ziemlich 
langfam voran, ift aber, fofern man Proviant und ein Zelt mit 
fich nimmt, faft unabhängig von der Gaftfreundfchaft und wahrt 
fich feine volle Bewegungsfreiheit; man ift dann auch nicht von 
der landesüblichen Koft abhängig, fondern kann fich feine Mahl- 
zeiten ganz nach Belieben von feinen Indianern zubereiten laflen, 
fo dafs man beffer ifst und behaglicher oder wenigftens unge- 
nirter wohnt, als wenn man von Gaftfreundfchaft Gebrauch 
machen müfste. So hat denn auch diefes ungebundene Wander- 


— 20 7 — 

leben für mich einen ganz, befonderen Reiz gewonnen; doch 
möchte ich nicht verfäumen, darauf aufmerkfam zu machen, dafs 
ich mir diefes Reifeleben fehr bequem einrichtete und dafs ich 
im Vergleich mit anderen Forfchungsreifenden , wie z. B. den 
Mitgliedern der Xingu -Expedition , ein wahrer Schlemmer bin, 
wobei ich aber bitte, auch meine Lebensart noch keineswegs als 
eine lucullifche anfehen zu wollen. 

Befonders fchön und reizvoll ift das Wandern in den dünn- 
bevölkerten Urwaldgebieten, wenigftens während der Trocken- 
zeit, einmal deshalb, weil hier niemals fo hohe Temperaturen 
Vorkommen, wie in den Sabannen-Gegenden, und dann aber auch, 
weil hier die Vegetation von einer Ueppigkeit und Schönheit 
ift, die in den trockenen Gebieten des nördlichen Mittelamerika 
nirgends zu beobachten ift. Wer einmal den Zauber des Urwaldes 
längere Zeit und unmittelbar auf fein Gemüth hat einwirken 
laffen, der vergifst ihn fein Leben lang nicht wieder und auf 
allen meinen Wanderungen, die ich in Mit^elamerika nach trocke- 
neren Gegenden unternommen habe, hat nicht nur mich, fondern 
auch jedesmal meine indianifchen Träger ein wahres Heimweh 
danach ergriffen, und mit Jubel und wahrer Herzensfreude 
begrüfsten wir immer von Neuem den ftillen laufchigen Schatten 
des gewaltigen Blätterdomes, wenn wir nach langer Wanderung in 
Steppengegenden oder Kiefernwaldungen wieder einen Urwald 
mit all feiner Ueppigkeit und Pracht erreichten. Die aufser- 
ordentliche Mannigfaltigkeit der Laubbäume und des wechfel- 
vollen Unterholzes, welche für einen Urwald charakteriftifch find, 
mag derfelbe auch im kalten Lande in ganz anderer Entwicke- 
lung fich zeigen als im gemäfsigten oder heifsen Klimagürtel, 
wirkt ungemein belebend und erfrifchend auf das Gemiithsleben 
des Wanderers nach der Einförmigkeit eines Kiefernwaldes oder 
eines Steppengebietes, und mit Wonne begriffst man die herr- 
liche Formenfchönheit der Palmen und Farnbäume, der Lianen 
und Epiphyten, der kriechenden und fchlingenden Kräuter, auf 
welche hier in ftetigem Wechfel der Gruppirung das Auge des 
Reifenden ftöfst. Der oft geradezu herrliche Schwung der Linien, 
welchen hier Blatt und Zweig, Lianen und Kräuter zeigen, die 
zauberhafte, halb fchleierhafte Umhüllung, in welche blattreiche, 
abwärts hängende Ranken die nächften Pflanzengruppen ein- 


208 


kleiden, der Gegenfatz mächtiger, kraftvoller Stämme der Laub- 
bäume mit den oft fadendünnen Luftwurzeln mancher Gewächfe 
und den fchlanken Stielen der kleinen Palmenarten, wirken unge- 
mein anregend auf Herz und Sinne, die Stille und Ruhe des 
Waldes aber mildert den Nervenreiz zu einer ruhigen, bald 
erheiternd, bald melancholifch wirkenden Stimmung. Obwohl die 
Beleuchtung mit ihren oft eigenartigen, durch die fpiegelnden 
Blätter bewirkten Schattirungen nicht feiten eine eigenthümliche, 
träumerifche Wirkung erzielt, fo beruht doch die Schönheit des 
Urwaldes der Hauptfache nach auf der Pracht und Mannigfaltig- 
keit der Formen; Blumen find, insbefondere in der Trockenzeit, 
ziemlich feiten, und kommen meift nicht fo recht zur Geltung, 
weil fie gewöhnlich hoch über der Erdoberfläche zur Blüthe 
gelangen; fo fchaut denn das Auge faft nur die dunklen Stämme 
und die gleichfalls faft immer dunklen Nuancen der grünen 
Blätter, fo dafs man bald gewahr wird, die Schönheit folcher 
Urwälder fei eine zeifhnerifche, keine malerifche. Eine folche 
wird fie eigentlich erft in Verbindung mit Fels und fchäumenden 
Gebirgsbächen oder ftillen, träumerifchen Seen, wie es der Rei- 
fende in Mittelamerika ja oft genug beobachten und bewundern 
kann. 

Einen befonderen Reiz für den Urwaldwanderer bietet auch 
das hier ftärker entwickelte Thierleben; Wildfehweine, Jaguare 
und anderes grofses Wild fieht man freilich fehr feiten, man 
bedauert das in Anbetracht der Gefährlichkeit diefer Thiere auch 
nicht; dagegen fieht jeder gern das graeiöfe Reh durch die 
Bäume und Büfche fchreiten, oder verfolgt mit den Augen das 
hurtig hufchende Wiefel oder Eichhörnchen, den P'lug fchöner 
Käfer und Vögel und von einer oft unwiderftehlichen Komik ift 
mancher unerwartete Einblick in das Familienleben der Affen, 
welche mit unglaublicher Gefchicklickkeit von ihren vier Armen 
und ihrem Greiffchwanze Gebrauch machen, bald hinauf-, bald 
herabklettern, oder im nie fehlenden Sprunge bei munterem 
Spiele von Baum zu Baum, von Aft zu Aft hüpfen. Die komi- 
fche Wirkung diefer niedlichen Affenbewegungen beruht in erfter 
Linie auf der Menfchenähnlichkeit diefer Quadrumanen und 
andererfeits ift es auch vorzugsweife wieder ihre Menfchenähn- 
lichkeit, welche unfer Mitleid hervorruft, wenn ein Affe ange- 


— 209 — 

fchoffen zur Erde fällt, und unter angftvollem Rufen, Verzweif- 
lung in den Augen, auf nur zwei Beinen durch die Wälder eilt, 
um die Flucht zu ergreifen. Ja, wenn ich fall, wie meine Indianer 
folchen Affen nach der Erlegung das Haar abfengten, das Thier 
zerlegten und den, einem Kindskopfe zum Verwechfeln ähnlichen, 
gedörrten Afifenkopf mit den kindähnlichen Armen in ihr Gepäck 
fchoben und fpäter im Kochkeffel kochten, fo konnte ich mich 
eines gelinden Graufens manchmal nicht enthalten und es wider- 
ftand mir, Afifenfleifch zu effen, wenn ich auch fonft mich mit 
allen möglichen Wildpretarten (Gürtelthieren, Tepescuintlas, Wild- 
fchweinen, allerlei Vögeln u. f. w.) fofort befreundete. 

So poffirliche Gefellen auch die mittelamerikanifchen Affen 
find, eine fo fürchterliche Stimme befitzt eine Art derfelben und 
dem Neuling pflegt das Gefchrei der Brüllaffen einen viel gröfseren 
Eindruck zu machen, als der fcharfe Ruf des Jaguars. Abgefehen 
davon aber ift es meift fehr ftill im Urwalde und nur feiten 
unterbricht ein Ruf die allgemeine Ruhe; erft gegen Abend pflegt 
es etwas lauter zu werden, namentlich find es gewiffe Cicaden, 
welche mit uhrartiger Regelmäfsigkeit kurz vor Sonnenuntergang 
ihr Lied beginnen und die uns daher bei Urwaldwanderungen 
immer zum Auffuchen eines Lagerplatzes mahnten. Gegen Abend 
wird auch der (befonders um die Wende der Trocken- und 
Regenzeit zu beobachtende) füfse Gefang der Singvögel lauter 
und häufiger, und auf mich hat der Wohlklang der Stimmen und 
die Mannigfaltigkeit der Vogelrufe einen fo nachhaltigen Eindruck 
gemacht, dafs ich nicht mit wenigen Worten darüber hinweggehen 
möchte, fondern fpäter etwas eingehender darauf zurückkommen 
werde. Die Nacht ift wieder gewöhnlich fehr ftill und ruhig und 
meiftens ift das Raufchen eines nahen Baches, das Säufeln des 
Windes oder auch das Kniftern des Feuers das einzige Geräufch, 
welches der bivouakirende Reifende vernimmt. 

Gerade diefe Stille und allgemeine Ruhe wirkt auf den Neu- 
ling oft unheimlich und man denkt fleh dann wohl beim leifeften 
Geräufch, beim : Brechen eines Zweiges, beim Fallen dürren 
Laubes, es könnte fleh ein wildes Thier oder eine Schlange zum 
Ueberfalle nahen , aber wenn man viele Bivouacs mitgemacht 
und nichts Abenteuerliches dabei erlebt hat, fo wird man zuletzt 
ganz ruhig, und fchläft im dichteften Walde in feiner Hänge- 

Sapper, Das nördliche Mittelamerika. 


14 


210 


matte oder auf dem Feldbette — nötigenfalls im Schutze des 
Mosquitonetzes — fo gut, wie irgendwo im ficheren Haufe. Die 
Gefahr einer Urwaldwanderung ift ja gering, und die eines nächt- 
lichen Ueberfalles durch wilde Thiere noch geringer. Denn wenn 
man die »wilde« Thierwelt in der Natur beobachtet, findet man. 
dafs alle gröfseren Thiere dem Menfchen gegenüber durchaus 
friedfertig find und gewöhnlich die Flucht ergreifen, wenn fie 
ihn nur nahen fehen. So hat unfere kleine Karawane zweimal 
im Urwalde Jaguare überrafcht, aber jedesmal bekam nur der 
vorausgehende Indianer das Thier zu Geficht, das fich fo fchnell 
aus dem Staube machte, dafs die nachfolgenden Leute abfolut 
nichts mehr fehen konnten. Schlangen allerdings find minder 
fcheu und furchtfam, daher auch weit gefährlicher, denn fie laffen 
den Menfchen in die nächfte Nähe herankommen, ohne fich zu 
rühren und werden daher leicht überfehen; ich bin in der erften 
Zeit mehrmals darüber hinweg gefchritten, einmal fogar auf ein 
folches Thier daraufgetreten, ohne es in meiner Kurzfichtigkeit 
zu bemerken, und ich habe deshalb fpäter die Gewohnheit ange- 
nommen, ftets einen Indianer voraus gehen zu laffen, da deffen 
fcharfen, geübten Augen nicht leicht etwas Verdächtiges entgeht. 

Wenn man aber auch in nächfter Nähe, felbft auf Entfernung 
* von kaum einem Zoll, an einer Schlange vorbeigeht oder darüber 
hinweg fchreitet, fo greift fie darum doch den Menfchen noch 
nicht an, verfolgt ihn aber fcharf mit ihren Augen. Wer aber 
unglücklicher Weife direct (mit Fufs oder Hand) oder indirect 
(z. B. durch einen Zweig oder Aft) die Schlange berührt, den 
greift fie alsbald mit grofser Energie und heftigem Zorn an (der 
Zorn ift im Falle einer Verwundung fogar fo grofs, dafs die 
Schlange blindlings um fich beifst und möglicher Weife fich 
felbft verletzt, wie ich einmal an einer Raxgaj Icvolai bemerkte, 
als ich fie mit einem Stocke fchwer verwundete). Aber nur, 
wenn die Schlange fich angegriffen glaubt, wird fie bösartig; 
wenn fie dagegen z. B. an einer engen Stelle den Weg verfperrt 
und es gelingt, fie durch ein fanftes Rafcheln zum Fortgehen zu 
bewegen, fo kann man ungehindert feinen Weg verfolgen: fo 
trafen wir auf einem fchmalen Bergpfade einmal eine etwa 3 m 
lange Schlange quer über den Weg liegend, und da die Indianei 
fich fürchteten, das Thier todtzufchlagen, fo rafchelten fie ganz 


211 


leife mit ihren Stöcken im Unterholze, und langfam begann die 
grofse grüne Schlange in wunderfchönen graciöfen Windungen 
fich am nächften Baume emporzuwinden; als fie ihren Kopf etwa 
einen Meter oberhalb unferer Häupter hatte, blieb fie ruhig 
flehen, und mit angehaltenem Athem und eingezogenen Schul- 
tern fchlichen wir möglichft geräufchlos unter ihr hinweg, wobei 
wir unwillkürlich nach ihr empor blickten und fie fixirten: fie 
rührte fich nicht und mit erleichtertem Herzen fetzten wir unfere 
Reife fort. 

Ich habe etwas ausführlicher von den Schlangen gefprochen, 
weil diefelben wegen ihrer Häufigkeit und Giftigkeit oder Kraft 
faft die einzige wirkliche Gefahr für den Urwaldwanderer dar- 
ftellen; ich bitte aber, dafs man nicht etwa glauben möge, dafs 
der Reifende auf Schritt und Tritt auf folches Gewürm ftofse; 
vielmehr kann man Tage lang im Walde gehen, ohne eine Schlange 
zu fehen, und erft wenn man es unternimmt, Urwaldgebiete oder 
alte Lichtungen zu roden, erkennt man, wie viele diefer Thiere 
in Bufch und Höhlen verborgen find, und gerade bei der Arbeit 
des Rodens find mehrere, mir bekannt gewefene Indianer in den 
letzten Jahren am Biffe der dortigen Klapperfchlange (Crotalus 
horridus, in Kekchi Icvolai, d. i.: »die Schlange des fpanifchen 
Pfeffers«) geftorben. 

Während die gröfseren Säugethiere und Amphibien durch- 
wegs fcheu find, die Reptilien, fowie auch Skolopender, Skor- 
pione u. dergl. wenigftens den Menfchen nie angreifen, ift die 
Legion der Mosquitos, Hohenes, Chaquiftes, Arradores, Garrapates 
(Zecken), Canoyotes (Oestriden), Niguas (Sandflöhe), und wie die 
Plagegeifter alle heifsen mögen, von einer unheimlichen Blutgier, 
und vergällen dem Wanderer allenthalben im heifsen Lande, im 
Urwalde fowohl wie im Steppengebiete, den fchönften Natur- 
genufs; da heifst es eben fich mit Geduld wappnen und mit 
Ergebenheit tragen, was nun einmal nicht zu ändern ift; möglichft 
häufig baden (aber nur in klarem, fliefsendem Waffer oder 
gröfserem Seebecken, ja nicht in ftagnirenden Tümpeln!) und 
für die Nacht ein Mosquitonetz bereit halten, das in den meiflen 
diefer Gegenden viel wichtiger ift als eine wollene Decke. Ein 
Mosquitonetz (mit Aermeln, durch welche die Stricke der Hänge- 
matte durchgefleckt werden) ift in der That eine herrliche Ein- 

14* 


212 


richtung und fichert dem Reifenden lange Stunden erquickenden 
Schlafes, wo er ohne daffelbe die Nacht über mit den kleinen 
geflügelten Gegnern kämpfen müfste , ohne Schlaf und Ruhe zu 
finden. So werden auch die Reifen durch die fchlimmften Mos- 
quitogegenden einigermafsen erträglich, und wenn man die Bilanz 
zwifchen Vergnügen und Unluft einer Urwaldreife zieht, fo fällt 
diefelbe doch zumeift günftig aus vermöge der unverwüftlichen 
Schönheit der Pflanzenwelt, welche den empfänglichen Wanderer 
alle Plage und Mühfal immer wieder vergeffen läfst. 


Die Obrigkeit. 


Die mittelamerikanifchen Staaten find ebenfo wie der mexi- 
kanifche Staatenbund Republiken auf demokratifcher Grundlage 
mit einer vom Volke gewählten legislativen Deputirtenverfamm- 
lung u. f. w. ; man kann das ja fehr ausführlich in gröfseren 
Nachfchlagebüchern lefen; in Wirklichkeit ift das aber alles mehr 
oder weniger Schein, denn die wirkliche Staatsform ift eine Art 
unbefchränkten Abfolutismus , gemildert durch die gefetzlich 
befchränkte (aber freilich auch oft illuforifch gemachte) Amts- 
dauer des Gewalthabers und durch die Furcht vor Revolutionen; 
denn thatfächlich vereinigt der Präfident fall alle Gewalt in feiner 
Hand, weshalb man das Wort »Republik« ja nicht mit dem 
deutfchen Worte »Freiftaat« überfetzen darf, fondern immer 
das romanifche Fremdwort anwenden follte, denn im Spanifchen 
giebt es in den täglichen Umgangsformeln genug folche, welche 
fchön klingen, aber in der Wirklichkeit durchaus das nicht meinen, 
was fie befagen; alfo ftört auch im Spanifchen die fchiefe Bedeu- 
tung des Wortes Republik Niemanden im Geringften, während 
das deutfche »Freiftaat« Illufionen erwecken würde, welche fich 
in Mexiko oder Mittelamerika gewifs nie erfüllen dürften. Im 
Grunde genommen ift es aber (in Anbetracht der politifchen 
Unmündigkeit diefer zum grofsen Theile noch aus politifch ganz 
indifferenten Indianern beftehenden Völker) ein Glück, dafs die 
republikanifche Staatsform nur ein Deckmantel für die abfoluti- 
ftifche Regierung ift, und das Land darf fich glücklich preifen, 
deffen Präfident ein einfichtsvoller, energifcher Mann ift, der es 
verlieht, mit eiferner Hand Ordnung und Ruhe zu fchaffen und 


— 214 — 

zu erhalten, die Verkehrswege zu verbeffern, den Handel zu 
heben und die Staatsfinanzen auf einen giinftigen Stand zu 
bringen. Wenn es dabei zuweilen ohne Härte und Strenge nicht 
abgeht, wenn auch, wie in Mexiko, die Prefsfreiheit thatfächlich 
halb unterdrückt ift, wenn auch die perfönliche Freiheit des 
Staatsbürgers dann und wann beeinträchtigt wird, fo ift das in 
Anbetracht der grofsen Schwierigkeiten nicht zu verwundern und 
man darf deshalb mit den Regierenden nicht zu ftrenge ins 
Gericht gehen; es fehlt eben überall an einem zuverläffigen, ehr- 
lichen Beamtenftand und mancher gut gemeinte Befehl, manches 
wohlthätige Gefetz wird in der Ausübungsweife mehr oder min- 
der verdreht und umgedeutet. Auch wenn der Präfident fich 
von feinem fchmalen Jahresgehalte in . kurzer Zeit Millionen 
erfpart, nimmt man ihm das nicht befonders übel, wenn er nur 
verfteht, während feiner Regierung die Ruhe im Lande aufrecht 
zu erhalten und Handel und Landwirthfchaft zu fchützen. Alle 
wichtigeren Gefchäfte laufen durch die Hand des Präfidenten, und 
wenn e$ fich um eine wichtige aufsergewöhnliche Angelegenheit 
handelt, fo thut man immer am beften, fich direct an den Präfi- 
denten zu wenden, da man dann eine rafche und definitive Ent- 
fcbeidung erhält, während auf dem Umwege durch fubalterne 
Behörden bei dem langfamen Gefchäftsgange jedenfalls viel Zeit 
verloren geht, wenn nicht die entfprechenden Schriftftücke gar 
einmal »unauffindbar« werden. Eine wirklich fchöne demokra- 
tifche Einrichtung ift die Leichtigkeit, mit welcher Jedermann, 
ohne Rückficht auf Rang, Stellung oder Kleidung, zum Präfi- 
denten gelangen kann, um ihm perfönlich fein Anliegen vorzu- 
tragen. 

In Mexiko ift feit langen Jahren, befonders unter der Regie- 
rung des jetzt noch im Amte befindlichen Präfidenten D. Porfirio 
Diaz, eines ausgezeichneten Feldherrn und Diplomaten, Ruhe 
und Ordnung im Lande gewahrt geblieben, und auch Guatemala 
hat feit langer Zeit keine gewaltfamen Aenderungen mehr erfahren 
müffen; den Krieg gegen S. Salvador im Jahre 1890 hat man 
mehr in finanzieller Hinficht als durch directe kriegerifche Beläfti- 
gung unangenehm empfunden, und obgleich S. Salvador im 
Jahre 1894 eine blutige Revolution hatte, fo herrfchen dafelbft 
doch im Allgemeinen, und fo auch jetzt wieder, durchaus geord- 


— 215 - 

nete, ruhige Verhältnilfe. Nur in der Republik Honduras wollen 
die politifchen Umwälzungen nicht recht zur Ruhe kommen und 
darum ift dies arme Land auch fo fehr entvölkert, darum find 
die Arbeiterverhältniffe fo ungünftig, das Verkehrswefen fo ver- 
nachläffigt, das allgemeine Vertrauen fo gering. Gar manchmal ift 
nur die unberechtigte V erallgemeinerung hondurenifcher Unruhen 
daran Schuld, wenn man in Europa glaubt, dafs es in Mittel- 
amerika überhaupt immer gähre, oft aber find auch die Zeitungs- 
nachrichten direct falfch oder mafslofe Uebertreibungen : fo 

erinnere ich mich, dafs im December 1892 in Guatemala eine 
Reiberei zwifchen Militär und Publicum vorkam, wobei es einige 
Beulen und Hautfchiirfungen abfetzte, und bald darauf las ich 
in amerikanifchen und englifchen Zeitungen lange Berichte, 
wonach in Guatemala heftige Strafsenkämpfe ftattgefunden haben 
füllten, wobei Hunderte von Todten und Verwundeten gezählt 
worden wären. 

Wie die Präüdenten der Republiken, fo find auch die Gober- 
nadores der mexikanifchen Souveränen« Staaten, fowie auch die 
Jefes politicos der einzelnen Departamentos in gewiffem Sinne 
Autokraten, freilich in befcheideneren Grenzen, und wie die all- 
gemeinen Verhältniffe der Republik durch die Perfönlichkeit des 
Präfidenten und feine Ziele und Pläne ihr Gepräge erhalten, fo 
auch die der kleineren Gebietsteile durch das ihrer Gouverneure 
und Diftrictschefs. Bei diefem Vorherrfchen des perfönlichen 
Elementes ift es ganz natürlich, dafs jeder Pflanzer, jeder Kauf- 
mann danach trachtet oder trachten mufs, mit den regierenden 
Perfönlichkeiten auf gutem Fufs zu flehen, und da hier mit dem 
Wechfel des Diftrictschefs oder Gouverneurs auch häufig ein 
ganz radicaler Wechfel des Syftems eintritt, fo erfordert es 
namentlich für den Pflanzer, der mit einer gröfseren Zahl von 
Arbeitern zu rechnen hat, eine ziemlich grofse Anpaffungsfähig- 
keit, um nicht zu fagen, eine diplomatifche Gabe, um unter ver- 
änderten Verhältniffen, die ihn vielleicht zum Gegner des Jefe 
politico gemacht haben, und die feine Stellung den Arbeitern 
gegenüber mit einem Schlage ändern, feine Gefchäfte dennoch 
vortheilhaft weiter zu führen. Um das an Beifpielen zu erläutern, 
müfste ich wohl etwas weit ausgreifen; doch möchte ich eines, 
das ich felbft mit erlebt, nicht übergehen: Ein fubalterner Regie- 


rungsbeamter war im Streite mit dem Verwalter einer Kaffee- 
pflanzung; als er nun Befehl erhielt, eine Anzahl Indianer für 
die Regierung zum Lafttragen aus Indianerländern zu befchaffen, 
ging er in directem Gegenfatz zum Wortlaute feiner Ordre mit 
feinen Soldaten direct auf jene Kaffeepflanzung und nahm alle 
bei der Arbeit befindlichen Indianer gefangen; da ein folches 
Vorgehen eine Plantage aufs Empfindlichfte fchädigen mufs, fo 
wurde der Befitzer der Plantage durch einen nächtlichen Boten 
vom Vorgefallenen benachrichtigt; er ging in aller Morgenfrühe 
zum Diftrictschef, welcher fich über die directe Infubordination 
ärgerte und deshalb alsbald jenem Subalternbeamten feine Beute 
wieder abjagte und ihn bald darauf abfetzte. Es ift fonft — 
übrigens ebenfalls ganz ungefetzlich — bei den einzelnen Orts- 
behörden Gebrauch, zufällig des Weges kommende Indianer 
gefangen zu nehmen, wenn man irgend welcher Arbeiter oder 
Laftträger für Regierungs- oder Gemeindezwecke bedarf. 

Man fleht, dafs die Behörden nicht immer genau nach dem 
Wortlaute der Gefetzesvorfchriften handeln, fondern fich oft ganz 
nach Belieben ihren eigenen Codex zurechtlegen. Trotzdem ift 
die Verwaltung der mexikanifchen und mittelamerikanifchen 
Staaten eine recht gute, im Verhältniffe zu ihrem Juftizwefen, 
welche in all diefen Ländern, ganz unabhängig von der Executive, 
befteht. Ueberall ift der Rechtsweg ein fchneckenhaft langfamer 
und oft fehr gewundener. Eine Specialität der Rechtfprechung 
ift das Herausgreifen und Aufbaufchen von Bagatellklagen; man 
fleht, dafs alfo auch hier das perfönliche Element von grofser 
Bedeutung ift, da der Richter durch Aufbaufchen gewiffer Klagen 
oder Unterdrückung anderer einen wichtigen Einflufs auf das 
Privat- und fogar Gefchäftsleben ausüben kann. Ich könnte hier 
viele Fälle anführen, doch hat es keinen Zweck, fich allzu ein- 
gehend damit zu befaffen. — Man begreift, dafs in folchen Län- 
dern das Procefsführen, wenn irgend angänglich, unterlaffen oder 
wenigftens aufs Aeufserfte eingefchränkt werden follte, da es 
langwierig und unficher, mit viel Ivoften und Aerger verbunden 
zu fein pflegt*). Meineid wird, wenn im eigenen Intereffe geleiftet, 

*) Als ich im Jahie 1893 von Comitan nach Coban reifen wollte, übergab 
mir die Obrigkeit zwei einheimilche Träger; in der Nähe der Grenze holte mich 
ein Mexikaner ein und behauptete , die Leute fchuldeten ihm Geld , ich folle fie 


— 217 — 

in Guatemala nicht beftraft, und fo kann natürlich die Gegen- 
partei leicht falfche Zeugen aufbringen und den Erfolg der Klage 
verhindern. Aufserdem herrfcht in den Gerichten oft eine ganz 
unverzeihliche Nachläffigkeit: ich weifs von einem San Pedraner 
Indianer, Namens Butz, der wegen Anbau von Tabak — Tabak- 
bau ift Regierungsmonopol — einige Monat Gefängnifs bekam, 
die er aber fchon in der Unterfuchungshaft abgefeffen hatte; das 
Urtheil war gefällt, doch fehlte noch die Unterfchrift des Rich- 
ters und lange Monate blieb der vergeffene Mann im Gefängnifs, 
bis er endlich die Flucht ergriff, nach Haufe lief und fich aus 
Verzweiflung erhängte! — Manchmal ift die Nachläffigkeit der 
Richter auch fo grofs, dafs das Volk durch Lynchjuftiz eingreift, 
wie kürzlich bei einem Falle in S. Ana (San Salvador), oder 
dafs die Verwaltungsbehörden indirect einfehreiten: ich weifs 
einen Grenzort in Mexiko, wo zu einer beftimmten Zeit fleh 
Pferdediebftähle und Raubanfälle in erfchreckender Weife häuften; 
da griff ein energifcher Jefe politico ein; wenn wieder ein Dieb 
eingebracht wurde, fo fchrieb man in die Acten: »Da zur Zeit 
kein Richter erfter Inftanz im Orte ift, wird der Angeklagte 
nach der nächften Diftrictshauptftadt zur Aburtheilung gefchickt«; 
der Angeklagte wurde von einer Patrouille Soldaten abgeführt 
und nach kurzer Zeit kam der Unteroffizier der Patrouille mit 
der Meldung zurück, der Gefangene habe einen Fluchtverfuch 
gemacht und fei dabei erfchoffen worden; eine kurze Bemerkung 
in die Acten und der Fall war erledigt. Als die nächftfolgenden 
Fälle fämmtlich denfelben Ausgang nahmen, da ftellte fleh mit 
erftaunlicher Schnelligkeit die gröfstmögliche Sicherheit und Ord- 
nung in der Grenzftadt her. Sapienti sat. 

Zieht man das Facit aus diefen Bemerkungen, fo könnte 


ihm herausgeben. Ich wollte das aber natürlich nicht thun , worauf der Mann 
wuthfehnaubend feinen Revolver zog und in kaum I m Entfernung auf mich zielte. 
Da es unter folchen Umftänden unklug und höchft gefährlich gewefen wäre, weiter 
zu flreiten und nach meinem Revolver zu greifen , fo fleckte ich die Hände in die 
Tafche und fagte dem Manne, er folle nur feine Leute nehmen und mich in Ruhe 
lallen. Mein Gepäck blieb zunächfl auf freiem Felde, dann Monate lang in einer 
Indianerhütte liegen, bis ich es wieder bekam. Ich theilte es der Obrigkeit mit, 
ohne dafs diefelbe für gut fand, einzufchreiten, und den Gerichtsweg befchritt ich 
nicht, weil ich wufste , dafs mich das viel Zeit, Schreiberei und Aerger gekoflet 
hätte und doch wohl fruchtlos gewefen wäre. 


218 


man glauben, dafs ein Aufenthalt in Mittelamerika ftetige Placke- 
reien oder felbft Gefahren für den Europäer biete; glücklicher 
Weife ift aber die Gemüthsart des Mittelamerikaners keine 
fchroffe, fo dafs trotz des allenthalben zu beobachtenden Frem- 
denhaffes fich verhältnifsmäfsig ganz gut leben und mit der 
Obrigkeit auskommen läfst. Freilich darf fich Jeder, welcher 
nach jenen Ländern zieht, darauf gefafst machen, gar manchen 
Aerger fchlucken und manches Unrecht leiden zu müffen. Bei 
dem Harken Hervortreten des perfönlichen Elementes bei allen 
obrigkeitlichen Perfonen verfteht es fich, dafs man fich im Ver- 
kehr mit ihnen, wie überhaupt mit Jedermann, grofser Höflich- 
keit befleifsigen mufs, die ja fo wie fo im fpanifchen Amerika 
wie eine Hülle die geheimen Gedanken zu überdecken pflegt. 
»Höflich währt am längften«, müfste man unfer deutfches Sprich- 
wort dort umtaufen. 

Da mancher Richter in neuefter Zeit in Guatemala es zu feiner 
Specialität gemacht hat, Ausländer unter irgend welcher Anklage 
gefangen fetzen zu laffen, fo mufs man fich dadurch nicht allzu 
fehr aufregen laffen, fondern durch eigene diplomatifche Gefchick- 
lichkeit möglichft bald wieder frei zu kommen fuchen, denn nur 
wenn der Betreffende ein Engländer oder Amerikaner ift, hat er 
Ausficht auf fofortige und energifche Unterftützung des betreffen- 
den Gefandten. Dagegen hat man in den letzten Jahren nie 
gehört, dafs der deutfche Vertreter bei der Regierung irgendwie 
energifch vorftellig geworden wäre, wozu doch oft genug lieh 
ein Anlafs geboten hätte. 


Arbeiterverhältniffe. 


Wie in den meiden tropifchen Ländern, fo ift auch im nörd- 
lichen Mittelamerika ein Haupthindernis für die weitere Aus- 
breitung der Agricultur der Mangel an Arbeitskräften, und es 
dürfte daher wohl am Platze fein, mit einigen Worten darauf zu 
fprechen zu kommen. Das Natürlichfte und Befte ift, die Einge- 
borenen (Indianer oder Mifchlinge) zur Arbeit heranzuziehen, und 
man beginnt in den meiden Gegenden bereits einzufehen, dafs 
man nur mit den einheimifchen Arbeitskräften wird rechnen 
können, denn die Verfuche mit der Einführung fremder Arbeiter 
(Chinefen in Yucatan, Japaner und Gilbert-Infulaner in Südguate- 
mala, indifche Kulis in der Alta Verapaz) haben nur zum Theil 
gute Refultate gegeben, und diejenigen auswärtigen Arbeiter, 
welche dch noch am beden bewährten (indifche Kulis aus Jamaica), 
kann man jetzt nicht mehr bekommen, da die Colonialregierung 
von Jamaica eine Ausfuhr derfelben nicht mehr gedattet; auch 
Gilbert-Infulaner dnd nicht mehr zu bekommen, feit die eng- 
lifche Flagge vor wenigen Jahren auf jenen Eilanden gehifst 
worden id. Negerfclaven find in Mittelamerika nur in fehr 
wenigen Gegenden (meid zur Bearbeitung von Klodergiitern) 
eingeführt worden, alfo giebt es Neger, Mulatten und Zambos, 
welche dch wegen ihrer Kraft und ihrer vergleichsweife hohen 
Immunität gegen tropifche Krankheiten vortrefflich zu Plantagen- 
arbeiten eignen würden, nur in geringer Menge; nur in Britifch- 
Honduras find folche F arbige in grofser Menge vorhanden und 
werden auch vorzugsweife als Landarbeiter und Schiffsleute ver- 
verwendet, find aber ein oft fchwierig zu behandelndes Menfchen- 


220 


material, dabei auch ziemlich theuer (me hl 50 Cents Gold pro 
Tag). Europäifche Feldarbeiter find mit ganz vereinzelten Aus- 
nahmen nirgends verwendet, doch würde ihrer Verwendung in 
hochgelegenen Kaffeeplantagen vom gefuüdheitlichen Standpunkte 
aus nichts im Wege flehen; dagegen würde ich es für eine Ver- 
meffenheit halten , europäifche Arbeiter irgendwo im heifsen 
Lande zu verwenden, und ich würde einem jeden derartigen 
Unternehmen von vornherein eine ungünftige Prognofe ftellen, 
fo z. B. dem Projecte, am unteren Chamelecon, kaum einige 
Hundert Fufs über dem Meere, in noch ungerodetem Urwaldlande, 
eine Colonie von 1000 europäifchen Familien anzulegen und die 
Männer in einer Kaffeeplantage zu befchäftigen: abgefehen vop 
den in grofser Ausdehnung zu erwartenden Fiebern würde es 
dort, wie überall in Honduras, bald Schwierigkeiten geben, eine 
fo grofse Menfchenmenge mit Lebensmitteln zu verfehen, und 
dann würde die Auflöfung der Colonie nicht mehr lange auf fich 
warten laffen; wer der Gründer und Leiter diefer Colonie ift, 
weifs ich nicht, doch erzählten mir die Eingeborenen, als ich im 
April 1895 in jene Gegend kam, dafs die Landparcellen für die 
einzelnen Familien bereits vermeffen wären. So wird man denn 
wohl in Bälde etwas von dem grofs angelegten Projecte hören; 
follte in Folge befonders giinftiger localer Gefundheitsverhält- 
niffe die Anfiedelung gelingen und gedeihen, was ich für äufserft 
unwahrfcheinlich halte, fo mufs doch ein derartiges Unternehmen 
ftets als ein höchft gewagtes bezeichnet werden, denn die Lände- 
reien des heifsen Landes find wohl für fchwarze, höchftens india- 
nifche Arbeiter, nicht aber für europäifche geeignet. 

Wenn man alle diefe Verhältniffe bedenkt, fo ift leicht ein- 
zufehen, dafs faft überall nur Indianer oder Ladinos (Mifchlinge) 
als Feldarbeiter und Holzfäller in Frage kommen und die Art 
der Arbeitergewinnung ift in den verfchiedenen Landfchaften je 
nach ihrer hiftorifchen Entwickelung verfchieden. In der Alta 
Verapaz pflegt man bei Anlage einer Plantage ziemlich ausge- 
dehnten Grundbefltz zu erwerben;' man erlaubt dann den dafelbft 
wohnenden Indianern innerhalb diefes Gebietes ihre Maisfelder u. f. w. 
zu bearbeiten, verpflichtet fie aber dafür (gewiffermafsen als Pacht- 
entfchädigung) , im Monat eine oder zwei Wochen zu arbeiten 
(gegen Bezahlung von zwei bis drei Reales Silber täglich = 50 bis 


221 


75 Pfg-)* Aufserdem beftand in Guatemala bis zum Jahre 1894 
die Einrichtung, dafs die Regierung auf Verlangen der Pflanzer 
Indianer zur Arbeit verpflichtete : der Obrigkeit wurde der Arbeits- 
lohn für eine beftimmte Zeit und eine beftimmte -Zahl Indianer 
übergeben und diefe hatte nun zum feflgefetzten Termine die 
betreffenden Arbeitskräfte einzuliefern, was freilich oft nachläffig 
genug betrieben wurde. Seit dem 1. März 1894 ift aber diefe 
Einrichtung der fogenannten Madamientos *) aufgehoben und die 
Pflanzer an der Südfeeküfte haben nun durch Gewährung von 
Vorfchüffen freiwillige Arbeiter zu fuchen, wozu fie ihre Agenten 
weit ins Innere des Landes hineinfenden. Die Arbeitslöhne 
betragen etwa drei Reales täglich pro Arbeiter (75 Pfg.), aber 
durch die Gehälter für die Agenten (habilitadores) und durch 
gelegentliche Verlufte (Tod oder Durchgehen eines Arbeiters) 
erhöhen fich die Koften beträchtlich. Neben diefen für kürzere 
Zeit engagirten Feldarbeitern hat aber jede Plantage noch eine 
Anzahl Tagelöhner, welche jahraus jahrein, bei der Kaffeeernte 
auch mit Frau und Kindern, arbeiten müffen und durch hohe 
erhaltene Vorfchüffe an die Plantage gebunden find; fie können 
den Ort nur wechfeln, wenn fie zuvor ihre Schuld zurückbezahlt 
haben, d. h., wenn ein anderer Herr für fie ihre Schulden zurück- 
bezahlt, wodurch fie fich verbindlich machen, für jenen anderen 
Herrn zu arbeiten. Nun bedarf der freie Indianer eigentlich 
kaum des Geldes, wenn er nach Art feiner Väter wirthfchaftet 
und befcheiden und nüchtern lebt; aber es giebt eine fehr grofse 
Zahl von Indianern, welche fich alle möglichen Bedürfniffe ange- 
wöhnt haben und zu deren Befriedigung Vorfchüffe aufnehmen, 
welche fie mit ihrer Arbeit zurückbezahlen müffen; da fie aber 
fortfahren, diefelben Bedürfniffe zu haben und immer neue Anlehen 
aufzunehmen, fo werden fie ihr Leben lang ihre Verbindlich- 
keiten nicht mehr los und find zu dauernder Arbeit verbunden, 
wobei fie höchftens ihren Herrn nach eigenem Belieben wechfeln 
können. Die Behandlung der indianifchen Feldarbeiter ift aber 
durchfchnittlich eine fehr gute, und Mangel oder wirkliche 
Armuth ift ihm eigentlich fremd. 


*) Sapper, Die fociale Stellung der Indianer in der Alta Verapaz, Guatemala. 
Petermanns Mittheilungen 1891, S. 44 ff. 


Im Gegenfatze hierzu erfahren die Indianer oder Ladinos, 
welche in \ucatan, Tabasco, theilweife auch in Chiapas, als 
Feldarbeiter oder Holzfäller arbeiten und zuvor oft hohe Vor- 
fchüffe erhalten haben, zuweilen eine fehr harte Behandlung, 
namentlich in entlegenen Plantagen oder Holzfällereien, wo aller- 
dings die Aufrechterhaltung einer ftrengen Disciplin zur dringen- 
den Nothwendigkeit werden kann. Der Tagelohn beträgt in 
Tabasco durchfchnittlich etwa fechs Reales Silber täglich (i Mk. 
5oPfg.), z. B. in Tenofique; dagegen ift in manchen Gegenden 
von Chiapas der Tagelohn noch fehr niedrig [in Tumbalä z. B. 
einen Real (25 Pfg.) pro Tag] und es haben lieh in jenen bis 
vor Kurzem ganz vernachläffigten Gegenden, welche ihrer klima- 
tifchen Verhältniffe wegen fehr wohl für Kaffeebau fich eignen, 
nunmehr eine Reihe von Plantagen gebildet, welche zum nicht 
geringen Theile in deutfehen Händen find; da die dort wohnen- 
den Chol -Indianer vielfach zu ftolz und unabhängigkeitsliebend 
find, um Arbeit auf den Kaffeepflanzungen zu thun, zieht man 
die armen Tzental- Indianer von Yahalon etc. zur Bearbeitung 
der Plantagen heran. 

In S. Salvador, wo die Indianerbevölkerung ftark zurücktritt 
und die Ladinobevölkerung fehr thätig ift, werden die Plantagen 
mit freien Arbeitern (Ladinos) bewirthfehaftet und denfelben 
ein Tagelohn von vier Reales (1 Mk.) bezahlt. 

In den meiften Gegenden erhält der Feldarbeiter neben 
feinem Tagelohn noch freie Beköftigung, in anderen Gebieten 
(z. B. in der Alta Verapaz) mufs fich aber der Indianer felbft 
beköftigen. 

Von der gröfsten Wichtigkeit für den Leiter einer Plantage 
ift es, den richtigen Ton im Verkehre mit feinen Angeftellten 
und Arbeitern zu finden; es richtet fich das natürlich in erfter 
Linie nach dem Charakter der Leute, dann aber auch nach den 
in der Gegend herrfchenden Gebräuchen; eine allgemeine Norm 
läfst fich daher nicht geben, und man mufs es mehr oder weniger 
dem Tacte des Einzelnen überlaffen, fich felbft in die Verhält- 
niffe hineinzufinden oder fich von zuverläffigen , orts- und litte- 
kundigen Bekannten anleiten zu laffen. Während man z. B. in 
Südguatemala faft allenthalben ein ziemlich ftraffes Regiment 
führen kann, mufs fich der Pflanzer in der Alta Verapaz mög- 


lichft genau dem Temperament und der Anfchauungsweife der 
dortigen Indianer anpaffen und eine mehr oder weniger patri- 
archalifche Behandlung einführen; fagen doch die dortigen Indianer 
nicht feiten von ihrem Herrn, dafs er »wie ein Vater unter ihnen 
lebe«, und erwarten daher auch von ihm ein entfprechendes 
Benehmen; namentlich ift es hier wichtig, die einheimifche 
Sprache der Indianer zu lernen, da durch die Ueberfetzung der 
Dolmetfcher viele Mifsverftändniffe entftehen, welche böles Blut 
erzeugen können. 

Die Indianer flehen zwar an Kraft den Negern weit nach, 
find aber durchfchnittlich gefchickte und gutwillige Arbeiter. 
Freilich lieben fie die Feldarbeit nicht, und der Freiheitsdrang 
treibt manchen trefflichen Mann mit Weib und Kindern in unweg- 
fame Wälder oder über die Grenze nach Nachbarländern hin; 
die Zahl der Indianer, welche nicht zur Feldarbeit auf Plantagen 
fich herbeilaffen will oder nur für kurze Zeit fich verpflichtet, 
ift grofs und daher befteht die Hoffnung, dafs die Agricultur 
(auch ohne Einführung . auswärtiger Arbeitskräfte) noch eine 
anfehnliche Weiterausbreitung im nördlichen Mittelamerika 
erfahren werde; immerhin ift aber das noch unangetaftete Capital 
von Arbeitskräften ein verhältnifsmäfsig befchränktes und damit 
ift auch die Steigerung der landwirthfchaftlichen Production vor-, 
läufig nur in beftimmten Grenzen möglich und würde vielleicht 
leichter durch rationelleren Betrieb als durch Heranziehung neuer 
Arbeitskräfte rafch zu heben fein. 

Die wichtigflen landwirthfchaftlichen Anlagen find aufs heifse 
und gemäfsigte Land befchränkt. Die Getreideproduction der 
Hochländer wird faft durchweg von Kleinbauern, meift rein 
indianifchen Blutes, erzeugt und diefelben Indianer arbeiten oft 
während der Kaffeeernte auch in benachbarten Kaffeepflan- 
zungen. Grofse Getreidepflanzungen giebt es nur wenige (z. B. bei 
Chimaltenango in Guatemala) und daher ift auch die Arbeiter- 
frage im kalten Lande keine brennende. Im kalten Lande 
könnten europäifche Arbeiter oder Einwanderer ohne irgend 
welchen Schaden für ihre Gefundheit ftrenge Feldarbeit ver- 
richten; aber die beften, für Getreide- und Kartoffelbau geeigneten 
Ländereien find im Privatbefitze von Indianern oder Ladinos, 
könnten alfo nicht billig erworben werden; aufserdem kann der 


— 224 — 

theure europäifche Arbeiter gerade im kalten Lande nicht mit 
dem mäfsigen Indianer concurriren. — Nun giebt es allerdings 
noch fehr ausgedehnte culturlofe Gebiete im kalten Lande, aber 
in diefen ifl eben entweder die fteinige Befchaffenheit des Erd- 
reiches oder die Heile Böfchung, welche das Arbeiten mit dem 
Pfluge unmöglich macht, ungünftig für irgend welche Ackerbau- 
thätigkeit, fo dafs alfo hier kaum ein Feld für Einwanderung 
oder Verwendung europäifcher Arbeiter ifl. 


Mufikleben in Mexiko und im nördlichen 

Mittel am er ika*). 


Der Mufikfreund, welchen fein Lebensweg nach den fpanifch- 
amerikanifchen Ländern in irgend ein entlegenes Städtchen führt, 
mufs gewöhnlich auf die mufikalifchen Genüffe verzichten, die 
ihm in früheren Zeiten zugänglich gewefen waren. Da fehnt er 
fich denn je länger, je mehr nach gröfseren mufikalifchen Auf- 
führungen, nach der Klangwirkung eines wohlgefchulten Orchefters, 
nach Theater, Oper und Concerten, und wenn er bei Gelegenheit 
in eine gröfsere Stadt kommt, wo ein Hauch europäifchen Kunft- 
lebens herrfcht, fo ift es fein ernftes Streben, fo viel als möglich 
von folchen ungewohnten Genüffen zu erhafchen. 

Virtuofenconcerte bekommt man nur feiten zu hören , man 
fucht fie auch wohl kaum auf, denn bei dem Herauskehren tech- 
nifcher Kunftfertigkeit und dem Mangel an reichhaltigem, gutem 
Programm vermögen fie das Sehnen des Mufikdurftenden gewöhn- 
lich nicht zu ftillen. Es klingt paradox und ift doch wahr, dafs 
man eher noch die häufigen öffentlichen Abendconcerte der 
Militärcapellen auffucht, um endlich wieder einmal den Zufammen- 
klang verfchiedener Inftrumente zu hören, und wenn einem der 
Zufall wohl will, fo hört man neben unbedeutenden und werth- 
lofen Stücken auch ein oder das andere Mal eine fchöne Ouver- 
türe oder hübfche Ausfchnitte aus Opern, Operetten oder auch 
Symphonien. 

Die Militärcapellen der gröfseren Städte find in Mexiko, 
Guatemala und S. Salvador im Allgemeinen recht tüchtig gefchult 
und werden, wie in Italien, dazu angehalten, häufig Abends oder 

*) Ver gl- Ne “ e Mufik-Zeitung. Stuttgart-Leipzig. XVI. Jahrg., 1895, Nr. 1, 
S. 6 und Nr. 2, S. 20 und 21. ' 

Sapper, Das nördliche Mittelamerika, 




226 


Nachmittags an öffentlichen Plätzen unentgeltlich zu fpielen. Je 
nach dem Gefchmacke des Capellmeifters, zum Theil auch wohl 
des Publicums, ift die Wahl der Stücke an verfchiedenen Plätzen 
fehl- verfchieden: während ich in der Hauptftadt Mexikos bei den 
öffentlichen Militärconcerten niemals etwas zu hören bekam, was 
mein Intereffe hätte erregen können, hörte ich in Oaxaca, Vera- 
cruz und Guatemala manche erfreuliche Vorträge, unter denen 
von unferen deutfchen Claffikern höchftens einmal vereinzelt 
Haydn vorkommt, während italienifche Operncomponiften 
(namentlich Roffini und Verdi) häufig, in Guatemala fogar 

R. Wagner manchmal zu Wort kommen. 

Ich werde mich ftets mit Vergnügen an einen fchönen Abend 
in Veracruz erinnern, an dem ich auf dem Balcon des Hotels 
fafs und dem bunten Treiben auf dem Hauptplatze mit feinen 
hell erleuchteten Anlagen , den blühenden Bäumen und fchönen 
Cocospalmen zufah: eine fröhliche Menfchenmenge , elegant 

gekleidete junge Damen und Herren neben armen Leuten in 
zerlumptem Anzuge gingen in munterem Gewimmel fpazieren 
und laufchten den Klängen der Capelle, welche die reizende 
Ouvertüre zur »Semiramis« von Roffini fpielte; ftill und regungs- 
los aber lag das nahe Meer zu meinen Füfsen, im Mondfehein 
glänzend; für mich ein prächtiges Gemälde und ein wahrer 
Genufs 

Weniger erfreuliche Erinnerungen erweckt die Kirchen- 
mufik jener Städte. Während in deutfchen Städten der Mufik- 
freund mit befonderer Liebe die kirchlichen Aufführungen zu 
befuchen pflegt, da fie (wie etwa die Aufführungen in der Aller- 
heiligen-Hofkirche in München) manchmal die einzige Gelegenheit 
bieten, gute, ernfte, ältere Mufik zu hören, kann aus den fpanifch- 
amerikanifchen Ländern nichts Aehnliches berichtet werden; hier 
werden vielmehr zur Meffe gewöhnlich operettenhafte, bewegte 
Rhythmen aufweifende Stücke ohne jeglichen tieferen Gehalt 
gefpielt, und je frömmer die Bevölkerung, defto unheiliger fcheint 

*) Die trefflichften Aufführungen hörte ich aber von einer Militärcapelle von 

S. Salvador, welche unter der ausgezeichneten Leitung eines deutfchen Capell- 
meifters (Herrn Drews) fleht, Aufführungen, welche kaum von den bellen ölter- 
reichifchen Militärcapellen an Weichheit und Exactheit des Vortrages erreicht 
werden dürften. 


227 — 

die Kirchenmufik zu fein. Als ich am Charfreitag des Jahies 
1894 mich in Merida, der Hauptftadt von Yucatan, befand, waren 
dafelbft nicht nur alle Gefchäfte gefchloffen, fondern es hatte 
auch aller Pferdebahn-, Drofchken- und Eifenbahnverkehr aufge- 
hört, da alle Welt von Kirche zu Kirche ging, um zu beten, 
und dabei wurden in diefer frommen Stadt in der Kathedrale 
von Orgel und Orchefter Weifen gefpielt, welche in ihrem Cha- 
rakter den Mittelweg zwifchen Tanz- und Marfchmufik einhielten; 
fie waren eher geeignet, die Andacht eines ernften Menfchen zu 
vernichten, als fie zu heben. Und wenn man auch in der Stadt 
Guatemala in manchen Kirchen ernftere Mufik zu hören bekommt, 
fo läuft doch auch hier gewöhnlich ein opernhafter, weihelofer 
Zug mit unter, fo dafs man, in feinem mufikalifchen Gefühl 
geärgert, die Kirche wieder verläfst. Am eheften befriedigte 
mich noch die einfache, nur von einem Streichquartett gefpielte 
Kirchenmufik in manchen kleinen Plätzen, denn obgleich auch 
hier gewöhnlich etwas Tanzmäfsiges, Menuettartiges in den 
Rhythmen liegt und alfo die richtige Weihe fehlt, fo macht doch 
diefe Mufik in ihrer Anfpruchslofigkeit und naiven Einfachheit, 
mit ihren freundlichen, befcheidenen Klangreizen einen ange- 
nehmen Eindruck. Im Grofsen und Ganzen aber fieht man, dafs 
die Kirchenmufik im Allgemeinen keine Quelle der Erbauung 
für den Freund der Tonkunft in diefen Ländern bildet, und fo 
find denn hauptfachlich Theater und Oper das Ziel feiner W.ünfche. 

In den Städten Guatemala und San Salvador fpielt alljähr- 
lich eine italienifche oder franzöfifche, zuweilen auch eine fpanifche 
Operngefellfchaft, angelockt durch die nicht unbedeutende Regie- 
rungsfubvention ; zuweilen tritt auch wohl eine fpanifche Schau- 
fpielertruppe auf eigene Rechnung für einige Zeit auf. Da das 
gefammte Perfonal aus Europa gekommen, fo bietet deren Spiel 
oder Gefang nichts Eigenartiges, die Aufführungen find ungefähr 
fo, wie in einem mittleren deutfchen Theater. Auch das Publicum 
unterfcheidet fich in Kleidung oder Benehmen nicht wesentlich 
von einem europäifchen Theaterpublicum und ift in feinen Bei- 
falls- und Mifsfallsbezeugungen gemäfsigter, ruhiger, als z. B. italie- 
nifche Theaterbefucher zu fein pflegen. 

Im Teatro Colon in Guatemala ift das Orchefter, welches 
vom Confervatorium von Guatemala geftellt wird, wirklich gut, 

15* 


228 


namentlich die Saiteninstrumente find Sehr tüchtig vertreten. 
Ueber die Operngefellfchaft aber kann man kein allgemeines 
Urtheil abgeben, da faft alljährlich eine andere Truppe auftritt ; 
die Kräfte find gewöhnlich mittelmäfsig, abgefehen von einigen 
befferen Soliften. Der Chor ift gewöhnlich geradezu fchlecht. 
Demjenigen, der Jahre lang kein Theater mehr gefehen hat, 
fällt befonders die Manierirtheit der bei europäifchen Spielern 
gebräuchlichen Theatergeften auf, und diefelbe Beobachtung 
machte ich nicht nur in Guatemala, Sondern auch in einigen 
mittleren Städten von Mexiko (S. Juan Bautifta und S. Cristobal 
Las Cafas), wo kleine Operettentruppen mit einem aus Clavier 
und etlichen Streich- und Blasinftrumenten gebildeten Orchefter 
geringwerthige mufikalifche Schwänke aufführten. 

In der Stadt Mexiko war leider während meines einmonat- 
lichen Aufenthaltes das grofse »Nationaltheater« gefchloffen, fo 
dafs ich über deffen Leiftungen Nichts zu berichten weifs. 
Doch möchte ich bemerken, dafs der Name »Nationaltheater« 
ganz und gar nicht am Platze ift, denn es fpielen hier niemals 
einheimifche, fondern ausfchliefslich ausländifche (meift fpanifche) 
Gefellfchaften , manchmal mit grofsen »Sternen« in ihrer Mitte, 
und das Theaterpublicum ift, wenn ich recht berichtet bin, nach 
europäischer Mode gekleidet, die mexikanische Nationaltracht 
faft: verpönt. Einen fpecififch mexikanifchen Charakter zeigt 
nur das aus niedrigeren Gefellfchaftsfchichten Stammende Publi- 
cum der kleineren Theater, von welchen ich das »Teatro Prin- 
cipal« mehrmals befucht hatte. Da erfcheinen, auch im Parquet, 
die meisten Herren mit dem grofsen mexikanifchen Hute, mit 
der kurzen Jacke, den engen, zu den Seiten der Nähte mit Sil- 
bernen Knöpfen verzierten Beinkleidern und — zur Vervollstän- 
digung der Nationaltracht, auch mit dem blank geputzten, lang- 
läufigen, ganz offen getragenen Revolver. Erft wenn der Vorhang 
aufgeht, mufs der Hut abgenommen werden, und wer es etwa 
verfäumt, den erinnert ein Schutzmann daran; den Revolver 
braucht man aber nicht abzufchnallen. Das Publicum beträgt 
Sich übrigens ganz anftändig, und wird auch bei den oft vor- 
trefflichen, aber derben Localcouplets niemals allzu unruhig. Da 
in diefen Theatern die Sitte herrfcht, dafs man nicht ein Billet 
für den ganzen Abend zu nehmen braucht, fondern auch Einlafs- 


— 229 — 

karten für jeden einzelnen Act (»Tandas«) kaufen kann, fo 
erneuert fich ein Theil des Publicums nach jedem Acte. Diefe 
Theater find Privatunternehmen und haben ihre ftändige Opern- 
gefellfchaft, ihr ftändiges Orchefler; Chor und Soliften find 
mittelmäfsig, und ich würde ihrer nicht erwähnen, wenn nicht 
das Spiel manchmal von einem gewiffen Intereffe wäre. So hörte 
ich im »Teatro principal« einmal eine »Carmen« -Aufführung, 
welche mir in diefer Hinficht bemerkenswert!! erfchien. Das 
Orchefter war feiner Aufgabe keineswegs gewachfen und brachte 
die feine prickelnde Mufik Bizet’s nur verfchwommen zum Aus- 
drucke; die Sänger und Sängerinnen ftanden in ihrem Können 
nicht höher, als die Orcheftermitglieder. Auch die »Carmen«, 
ein hübfches kleines Perfönchen mit einer dünnen Stimme, fang 
recht mittelmäfsig, was mir befonders auffiel, da ich in diefer 
Rolle bisher nur vortreffliche Sängerinnen (Frau Lucca und Frau 
Bafta) gehört hatte; auch ihr Spiel wollte mir anfangs nicht 
gefallen, obwohl ihr natürlich kokettes Wefen recht gut mit ihrer 
Rolle zufammenftimmte. Eines aber behagte mir an ihrem und 
aller Anderen Spiel: die Natürlichkeit und Wahrheit der Bewe- 
gungen, das gänzliche Fehlen der gekünftelten, fchablonenhaften 
Theatergeften europäifcher Darfteller, und in manchen Scenen 
erhob fleh das Gefammtfpiel zu wirklich dramatifcher Wirkung, 
fo namentlich in der Schlufsfcene des letzten Actes, wo die 
»Carmen« mit bewunderungswürdiger Lebenswahrheit und feiner 
Charakteriftik ihre Rolle zur Durchführung brachte. In wohl- 
thuendem Gegenfatze zu den conventioneilen Bewegungen euro- 
päifcher Darftellungen drückte ihr Gefleht im Beginne der 
Schlufsfcene äufserlich völlige Ruhe aus, wie denn überhaupt in 
fpanifchen Ländern der Affect möglichft verborgen gehalten zu 
werden pflegt; dagegen verrieth das nervöfe Spiel mit dem 
Fächer, das Zupfen der Hände an den Spitzen des Kleides, das 
leife Stampfen der Füfse die immer wachfende Aufregung und 
den dabei fleh immer trotziger regenden Eigenfinn in wahrhaft 
künftlerifcher und allgemein verftändlicher Weife und rifs den 
Zufchauer zu immer gröfserer Spannung und Theilnahme bis zur 
Schlufskataftrophe hin, die hier, im Lande der Stiergefechte, auch 
lebendiger und wahrer gefpielt wurde, als ich es bisher in Deutfch- 
land gefehen hatte. 


— 230 — 

In allgemein künftlerifcher Hinficht flehen die Aufführungen 
auf einer recht niedrigen Stufe, wie denn überhaupt das Mufik- 
leben in Mexiko und im nördlichen Mittelamerika im Allgemeinen 
recht dürftig und feicht ift. Es ift hier allerdings nicht zu über- 
fehen, dafs Mexikaner und Mittelamerikaner häufig recht mufika- 
lifch find, dafs man in Privatkreifen oft wohlgefchulte Dilettanten 
findet, und dafs manche kleinere Compofitionen einheimifcher 
Mufiker wirklich von Talent und Gefchmack zeugen; aber nichts- 
deftoweniger bietet das öffentliche Mufikleben dem Beobachter 
nur wenig Erfreuliches. 

So bleibt denn dem Mufikfreunde nichts übrig , als dem 
mangelhaften öffentlichen Mufikleben den Rücken zu kehren und 
fich mit einfacher, guter Hausmufik zu befcheiden, und wenn 
Einem das Glück hold ift, fo findet fich wohl auch an weltent- 
legenen Orten der eine oder andere tüchtige Dilettant, welcher 
mit einer gewiffen Meifterfchaft fein Inftrument beherrfcht und 
neuen Reiz in das befcheidene häusliche Mufikleben zu bringen 
verfteht. Wo eine gröfsere deutfche Colonie befteht (wie in 
Mexiko, S. Salvador oder hier in Coban), bildet fich auch wohl 
ein kleiner Männergefangverein oder auch (wie in Coban) 
ein Streichquartett, die eine breitere Grundlage für mufikalifche 
Abende geben. An folchen Abenden kommen dann auch in 
engem Kreife unfere guten deutfchen Claffiker und andere Meifter 
zur Geltung und dankbar laufcht man den befcheidenen Auf- 
führungen, für welche der verwöhnte Mufiker drüben vielleicht 
nur ein mitleidiges Lächeln übrig hätte. Uns aber, die wir fern 
vom reichen Mufikleben Europas leben müffen, bieten fie immer- 
hin einen Schimmer des Glückes in dem klanglofen Alltagsleben 
des fremden Landes. 


Die Singvögel von Mittelamerika *). 


Es kann keine Frage darüber fein, dafs der Gefang bei den 
Vögeln die Stelle der Sprache vertritt, infofern als ihre mufika- 
lifchen Weifen der Ausdruck ihrer Gefühle und Wünfche, ihrer 
Freude und ihres Schmerzes lind und fo von ihresgleichen ver- 
ftanden werden. Aber damit ift über ihre mufikalifche Begabung 
noch nichts ausgefagt, da in diefem Sinne der Gefang nicht höher 
ftünde , als das Bellen der Hunde, das Miauen der Katze oder 
die Rufe und fonftigen Klangäufserungen anderer Thiere. Erft 
dadurch wird ihr Gefang mufikalifch bedeutungsvoll, dafs die 
Klangäufserungen fich an beftimmte, klar ausgefprochene Töne 
binden und zugleich diejenige Mannigfaltigkeit in Stärke, Höhe 
und Dauer der Einzeltöne zeigen, welche zur Hervorbringung 
eines äfthetifch befriedigenden Gefühles nothwendig ift. Eben 
durch diefe letztere Eigenfchaft ftellt fich der Vogelgefang hoch 
über das Summen und Zirpen vieler Infecten , welches gewifs 
auch als mufikalifche Klangäufserung zu betrachten ift, aber 
feiner Einförmigkeit wegen keine Befriedigung hervorruft. Der 
Gefang vieler Singvögel dagegen ift fo mannigfaltig und reich, 
dafs er es wirklich verdienen würde, einmal der Gegenftand einer 
eingehenden äfthetifchen Beurtheilung zu werden. Dafs diefes 
nicht fchon längft gefchehen ift, hat feine Urfache hauptfächlich 
darin, dafs die allermeiften europäifchen Singvögel Coloratur- 
fänger find, und zwar eine folche Gefangsweife befitzen, deren 
Triller und Gurgeltöne, deren jähe und doch durch feine Ueber- 
gänge verbundenen dynamifchen Aenderungen, deren Tiriliren 
und Schmettern uns fremdartig berühren und mit unferen gebräuch- 
lichen mufikalifchen Inftrumenten und in unterer Notenfchrift nicht 
wiedergegeben werden könneh. Obgleich wir daher die oft unge- 

*) Vergl. Neue Mufik-Zeitung. Stuttgart-Leipzig. XVI. Jahrg., 1895, Nr- 4, 
S. 45- 


— 232 — 

mein zarte Tonbildung und Klangfchattirung bei unteren euro- 
päifchen Singvögeln bewundern und hochfchätzen, fo ift uns doch 
ihre Tonfprache etwas völlig Fernftehendes; untere mufikalifche 
Schulung und die Gewöhnung unteres Ohres befähigen uns nicht 
zum Mitfühlen diefer Weifen; kurz, mit demfelben Rechte, mit 
welchem wir den Vögeln das Verftändnifs unterer Mufik abfprechen, 
kann man auch tagen, dafs uns das richtige Verftändnifs für die 
Mufik unterer heimifchen Singvögel fehlt. 

Aufser dem Coloraturgefange findet aber noch ein anderer 
mufikalifcher Stil feine Anhänger unter der gefiederten Sänger- 
welt und die Mehrzahl der mittelamerikanifchen Singvögel will 
nichts von dem Kunftgefange ihrer europäifchen Collegen wiffen: 
fie bringen ihre Gefühle in mehr gehaltenen, wohl durchbildeten 
Tönen zum Ausdrucke und bilden durch verfchiedene, meift klar 
ausgefprochene Rhythmen und Tonhöhen einfache melodifche 
Weifen. Dadurch rückt ihr Gefang unterem mufikalifchen Ver- 
ftändniffe näher und berührt unter Gemüthsleben auch mächtiger, 
als es bei den viel kunftvolleren Tiraden der europäifchen Sing- 
vögel der Fall ift. In ähnlicher Weife übt ja auch der Ruf des 
Kuckucks trotz feiner Einfachheit und der oft zu bemerkenden 
Unreinheit des Intervalls eine ungleich gröfsere Wirkung auf das 
Gemüth des Menfchen, namentlich aber des Kindes, aus, als die 
vollendetften Triller eines Kanarienvogels. 

Viele mittelamerikanifche Vogelrufe bergen ein harmonifches 
Element in fich, infofern als fie oft nur aufgelöfte Accorde dar- 
ftellen. Aber trotzdem ift diefen einfachen kurzen Weifen ein 
gewiffer Reiz eigen, der nicht nur dem füfsen Wohllaute des Klanges 
allein zuzufchreiben ift, fondern auch manchmal in verhältnifs- 
mäfsig reich bewegten Rhythmen feine Erklärung findet, z. 13.: 



— 233 — 

Aber auch da, wo keine rhythmifche Differenzirung ftatt- 
findet, haben oft fchon die Tonverbindungen an fich etwas 
Anziehendes, und der einfame Wanderer, der im Urwalde die 
fanften klagenden Töne des folgenden Rufes hört: 



fühlt fich fchmerzlich berührt von dem unbefriedigten Sehnen, 
das in diefem Rufe liegt, und wenn er weiter wandernd fchwächer 
und fchwächer die fehnfüchtigen Töne vernimmt, empfindet er es 
peinlich, dafs keine beruhigende Auflöfung des Accordes als 
Antwort aus dem fchweigfamen Walde erklingt. Und als ich 
nach einer längeren Reife in dem fanglofen Hochlande von Mexiko 
einmal ganz unerwartet in den Bergwäldern bei Tonalä (Chiapas) 
in wunderbar weicher Klangfarbe die fehnenden Töne des folgen- 
den Rufes vernahm : 



JL 

i 




j 

ri*T\ 


d 

J 

i 

/ ~± w m w - 

U 

i 


der mehrmals ganz oder nur in den erften drei Tönen wieder- 
holt wurde, da ergriff mich geradezu ein Gefühl des Heimwehs 
nach den fchönen Urwäldern meiner Adoptivheimath im mittleren 
Guatemala. 

Ein elegifcher Grundzug zeichnet überhaupt fehr häufig die 
Vogelrufe aus und gewöhnlich enden folche Weifen ohne befriedi- 
genden Schlufs. Doch hörte ich auch manchmal Vogelrufe, die 
einen richtigen Schlufs der Tonformel aufweifen, wie folgende, 
fonft nicht gerade reizvolle Weife: 


/TS 


±r* - : 

: 1 • 

V —V x. 


-> — H 

i . 




-}-4- r - 

— i — 0 — 

A H * 

- k 0 - 

.zq 0 : 

V -K - 

1 


U- 0 J 

■ - 0 

TT 




— p -p— 

j 


Manchmal fchliefst auch die aus anderer Richtung erfchal- 
lende Antwort die an und für fich unbefriedigende Weife des 
gefiederten Sängers befriedigend ab, wie ich es z. B. einmal bei 
Tonalä in Chiapas beobachtete: 


Frage : Antwort • 



— 234 — 

oder wie ich bei Xaltenamft in Guatemala mehrmals hörte: 


Frage: Antwort: 



Von Intereffe ift es auch, zu beobachten, wie manche Vögel 
ihren eigenen Ruf verändern, indem fie z. B. gehaltene Töne in 
kürzere Einzeltöne auflöfen oder auch wichtigere Unterfchiede, 
felbft in Bezug auf die Tonhöhe, hervorrufen, wie in folgendem 
Falle: 



Viele Rufe haben auch einen energifchen Charakter, felbft wenn 
fie fich innerhalb der Töne eines einzigen Accordes bewegen, z. B.: 



und der folgende Ruf 



erhält dadurch, dafs der Sänger nach kurzer Paufe die beiden 
letzten Tacte wiederholt und nach erneuter Paufe abermals 
wiederholt, etwas Drängendes, wie es auch ein Mufiker von Fach 
mit fo einfachen Mitteln nicht wirkfamer erreichen könnte. 

Ich gehe überhaupt fo weit, den Weifen der mittelamerika- 
nifchen Singvögel einen gewiffen mufikalifchen Kunftwerth zuzu- 
fchreiben, an dem die Einfachheit der Motive und die aufserordent- 
liche Kürze der Sätze nichts zu ändern vermögen. Namentlich tritt 
diefer relative Kunftwerth deutlich hervor an folchen Vogelrufen, 
welche fich nicht blofs innerhalb der Tonfolge eines beftimmten 


— 235 — 

Accordes bewegen, fondern mehr dem rein melodifchen Principe 
huldigen, wie nachftehende Beifpiele zeigen mögen: 



Ich für meine Perfon finde, dafs in diefen Weifen eine nicht 
unbedeutende melodifche Kraft fleckt, und wenn ich ein Com- 
ponift wäre, fo würde ich mich nicht fcheuen, eine Anleihe bei 
dem Capital zu machen, das in folchen Vogelrufen aufge- 
fpeichert ift. 

* 

tfi 

Die Singvögel von Mittelamerika find in ihrer Verbreitung 
faft ausfchliefslich auf die Urwaldgebiete befchränkt; in den 
Savannen- und Strauchfleppengebieten find Vögel überhaupt 
feltener und ftatt der Singvögel fallen vielfach farbenprächtige, 
aber ganz unmufikalifche Papageien auf. 

Ich felbft habe kaum jemals die Singvögel zu Geficht 
bekommen, deren Rufe ich auf meinen zahlreichen Wanderungen 

aufgezeichnet habe , ich liefs mir aber fagen , dafs fie fich 

ähnlich wie die deutfchen Singvögel — im Allgemeinen nicht 
durch glänzendes Gefieder auszeichrien. Sie haben es ja freilich 
auch nicht nöthig, denn wenn der Zweck des fchönen Gefieders 
hauptfächlich darin zu fuchen ift, dafs es dem Männchen die 
Liebe des Weibchens gewinne und fichere, fo thut gewifs ein 


— 236 — 

fchöner, herzbewegender Gefang ebenfo gute Dienfte, und in den 
dichten Urwäldern gewifs noch beffere, da das üppige Blätter- 
werk keinen weiten Blick geftattet, der ruhende Wald aber weit- 
hin die Stimme des liebefuchenden Sängers trägt. Es ift nament- 
lich der Uebergang von der Trockenzeit zur Regenzeit (in den 
Monaten April und Mai), wo das Sehnen der gefiederten Sänger 
am häufigften feinen mufikalifchen Ausdruck findet, und da der- 
jenige Vogel, welcher am füfseften und fchönften fingt, am 
eheften ein Weibchen erobert, fo dürfen wir nach den Gefetzen 
der Vererbung und der natürlichen Zuchtwahl erwarten, dafs 
noch in Jahrtaufenden diefe Wälder vom melodifchen Vogel- 
concert erfchallen, und dafs die mufikalifche Begabung und Aus- 
drucksfähigkeit der Singvögel allmählich noch eine höhere Stufe 
erreichen werde. 

Wie dem aber auch fein möge, ftets werde ich diefer liebens- 
würdigen befcheidenen Sänger mit herzlicher Dankbarkeit geden- 
ken, denn ihr Gefang hat mir ein häufigeres und dauernderes 
Vergnügen bereitet, als das herrliche Gefieder und die glänzende 
Erfcheinung des (hier zu Lande gleichfalls vorkommenden) Quezals, 
der wohl als der fchönfte Vogel der Welt gelten mag, aber 
durch feinen eintönigen , etwas melancholifchen Ruf keine Saite 
im Herzen des Mufikfreundes zum Mitklingen veranlafst. 


Die Bevölkerung des nördlichen Mittelamerika. 

Hierzu Karte Nr. 5. 


Wie grofs die Bevölkerung des nördlichen Mittelamerika (in 
der früher gegebenen natürlichen Begrenzung) ift, läfst fich nicht 
genau fagen, da einmal die ftatiftifchen Ergebniffe äufserft unficher 
find und nur als rohe Annäherungswerthe gelten dürfen, und da 
ferner von einigen Staaten (Oaxaca, Veracruz, Honduras) nur 
beftimmte Theile in den Rahmen des nördlichen Mittelamerika 
fallen. Ich gebe hier die zunächft intereffirenden Daten aus 
»Bevölkerung der Erde« von Wagner und Supan (Gotha 1891), 
S. 213: 

Flächeninhalt 



Statift. Amt Gotha 

Bevölkerung 


Zahl 


1890 1882 

1890 ? 

der Einw. auf 


qkm qkm 

Einwohner 


I qkm 

Chiapas . . . 

• 70 5 2 4 55 316 

24I 4O4 


4 

Tabasco . . 

. 26094 2 5 2 4I 

IO4747 


4 

Campeche . . 

. 46855 56462 

93976 


1,6 

Yucatan . . 

. 91 201 85827 

329621 


4 

Britifch-Honduras 21 475 

27668 

(1887) 

1.3 

Guatemala . . 

I25IOO 

I 460017*) 

(1889) 

12 

San Salvador . 

21070 

663613 

(1887) 

32 

Honduras . . 

119820 

331 917 

(1887) 

2,8 

Roh kann 

man ungefähr fagen, dafs das 

nördliche 

Mittel- 


amerika (d. i. das Land zwifchen dem Ifthmus von Tehuantepec 
und der Linie Puerto Cortez-Fonfecabai) ein Areal gleich vier 


*) Nach dem Cenfus vom 26. Februar 1893 würde die Einwohnerzahl von 
Guatemala nur 1364678 betragen; doch glaubt der Director des ftatiftifchen 
Amtes von Guatemala, Don Victor Sanchez O., dafs etwa 10 Proc. der Bevölke- 
rung nicht gezählt feien, die Gefammtfumme alfo auf 1% Millionen anwachfen würde. 


— 238 — 

Fünftel des Deutfchen Reiches, mit ungefähr drei Millionen Ein- 
wohnern, befitzt. Die gröfste Volksdichte beobachtet man in 
San Salvador, die kleinfte in Campeche; als allgemeine Regel 
findet der Reifende, dafs durchschnittlich die trockenen Gebiete 
aller Klimazonen weit Stärker bevölkert find als die feuchten 
Urwaldgebiete, weil letztere ungefunder find und zudem der 
Urbarmachung weit gröfsere Hindemiffe in den Weg ftellen. 
Die allerdünnfte Bevölkerung zeigt das gewaltige, zusammenhän- 
gende Urwaldgebiet des Peten, des weltlichen Britifch-Honduras, 
des örtlichen Chiapas und Südlichen Yucatan -Campeche: die 
Guatemala- Provinz Peten hat kaum eine Volksdichte von ein 
Fünftel auf i qkm und dabei ift der gröfste Theil der Bevölke- 
rung noch auf das kleine Sabannengebiet im Centrum concentrirt; 
die Volksdichte in den benachbarten fabannenlofen Urwaldgebieten 
ift jedenfalls noch bedeutend geringer, ausgedehnte Länderflächen 
find fogar ganz unbewohnt. 

Der weitaus gröfste Theil der Bewohner bekennt Sich zur 
katholifchen Religion; die Zahl der Andersgläubigen beträgt 
nicht einmal i Proc. In Guatemala wurden 1893 gezählt 
1 356 105 Römifch-Katholifche, 2254 Protestanten , 1146 Ange- 
hörige verschiedener anderer Religionen, 5 173 Religionslofe, und 
ähnliche Verhältnisse dürften auch in den anderen mittelamerika- 
nifchen Staaten herrfchen. 

Etwa die Hälfte der Gefammtbevölkerung find reine Indianer, 
die Uebrigen der überwiegenden Mehrzahl nach Meftizen; Neger, 
Zambos, Mulatten find nur in wenigen Gebieten im Inneren in 
gröfserer Zahl vorhanden, ihr Hauptverbreitungsgebiet ift die 
atlantifche Küfte, namentlich Britifch-Honduras. Als rein Weifse 
kann man faft nur die in den letzten Jahrzehnten aus Europa 
oder den Vereinigten Staaten gekommenen Indogermanen 
betrachten, da die altanfäfsigen Gefchlechter aus der fpanifchen 
Colonialzeit faft ausnahmslos Beimifchung indianifchen Blutes 
haben; die Zahl der Weifsen kann man Schätzungswerte für das 
Gefammtgebiet auf höchstens 1 5 000 (wahrscheinlich weniger) 
angeben. Die Zahl der Japaner, Chinefen, Indier u. S. w. ift ver- 
schwindend klein. • 

Das interefiantefte Bevölkerungselement Mittelamerikas find 
zweifellos die Indianer, welche in manchen Gebieten, namentlich 


— 239 — 

in Yucatan und in den Hochländern von Guatemala und Chiapas, 
an Zahl die Mifchlinge (Ladinos) weit übertreffen. Im Inneren 
und im Südoften der Halbinfel Yucatan giebt es fogar einige 
unabhäno-igre Indianerftätchen mit faft ausfchliefslicher Indianer- 
bevölkerung; das Departamento Alta Verapaz in Guatemala zeigt 
ebenfalls 95 Proc. reiner Indianer. Mit Ausnahme der heidnifchen 
Lacandonen, welche auch heute noch in ziemlich hohem Grade 
die Sitten und Lebensweife ihrer Vorfahren befolgen, haben fich 
alle anderen Indianerftämme des nördlichen Mittelamerika mehr 
oder weniger der europäifchen Cultur angepafst und die Lebens- 
weife allmählich modificirt, theilweife auch in ihrer Sprache fich 
dem Spanifchen genähert, oder auch (namentlich in Südoftguate- 
mala und San Salvador) das Spanifche, unter Aufgabe ihrer 
Mutterfprache, als alleinige Verkehrsfprache angenommen. Trotz- 
dem find noch allenthalben in Sitten und Gebräuchen, in ihren 
religiöfen Anfchauungen, in Kleidung, Hausbau, Landwirthfchaft 
und anderen Einrichtungen ftarke Anklänge an die vorfpanifche 
Zeit zu beobachten, und wenn es gelänge, in jedem einzelnen 
Stammesgebiete alle diefe Dinge eingehend zu ftudiren, fo würde 
eine Fülle höchft intereffanter Thatfachen zu verzeichnen fein, 
welche auf die Beziehungen der einzelnen Stämme zu einander, 
insbefondere aber auf die alte mittelamerikanifche Cultur helles 
Licht werfen könnten. Leider bringen aber allenthalben die 
Indianer dem Ausländer ein grofses Mifstrauen entgegen, fo dafs 
es jahrelangen intimen Verkehrs mit den Leuten eines Stammes 
bedarf, um einigermafsen zum Vertrauten ihrer geheimen Gedanken 
werden zu können; ja, es ift dem Reifenden häufig kaum möglich, 
auch nur Beobachtungen über Hausbau,- Hausgeräthe u. dergl. Dinge 
auszuführen , ohne fich unangenehmen Situationen auszufetzen. 
Freilich äufsert fich das Mifstrauen der Indianer meilt nur in 
paffivem Widerftande, wobei aber die Gefetze der Gaftfreund- 
fchaft trotzdem ftrenge eingehalten werden; nur im Quiche- 
Gebiete (Guatemala) äufsert fich das Mifstrauen manchmal fehr 
fchroff, und ich erinnere mich, dafs mir dort mehrmals die Unter- 
kunft verweigert wurde, oder dafs man wenigftens zuerft meine 
indianifchen Träger über mich ausfragte , ehe man mir Einlafs 
in die Hütte gewährte. In Chilanga (S. Salvador) begegneten 
mir die (zu den Leuka -Völkern gehörigen) Indianer mit über- 


— 240 — 

grofser Höflichkeit, fuchten aber durch Lügen meinen Fragen 
auszuweichen — ein anderes Syftem , aber diefelbe Sache! So 
ift denn auch unfere Kenntnifs des gegenwärtigen Culturzuftandes 
der Indianer noch recht lückenhaft; am eingehendften hat darüber 
Dr. Otto Stoll in feiner »Ethnologie der Indianerftämme von 
Guatemala« (Leiden 1889) berichtet; dagegen ift von vielen 
Stämmen des nördlichen Mittelamerika, namentlich von den 
Leuka -Völkern des weltlichen Honduras, faft nichts Genaueres 
bekannt. Aus dem, was man aber bisher beobachtet hat, geht 
ohne Zweifel hervor, dafs die Cültur aller diefer Stämme grofse 
Aehnlichkeit unter einander hat, und alfo entweder von einer 
gemeinfamen Muttercultur herrührt, oder zwar von verfchiede- 
nen Centren ausging, aber durch gegenfeitige Vermifchung ein- 
heitlich wurde. Wo immer ich Spinnen, Weben, Färben, das 
Verfertigen von Stricken, Matten, Hüten, ferner das Maismahlen, 
Säen und Ernten etc. beobachtete, gefchah es immer mit den- 
felben Mitteln und auf diefelbe Weife; allenthalben trifft man 
diefelben Speifen, diefelbe Zubereitung derfelben, und nur feiten 
beobachtet man Gerichte, welche nur einzelnen Stämmen eigen- 
tümlich, den anderen fremd wären. Freilich find die einzelnen 
Werkzeuge, die Gefäfse der Küche, die Mahlfteine u. f. w. nach 
Form und Material mannigfachen Verfchiedenheiten unterworfen 
und in Hausbau, Flechten der Hängematten, Tracht und anderen 
Dingen zeigen fleh manche charakteriftifche Unterfchiede, auf 
welche ich hier freilich nicht näher eingehen will, — aber das 
Princip ift überall daffelbe. 

Gegenüber einer folchen Einheitlichkeit der Cultur (auf Geiftes- 
cultur kann hier nicht Rückflcht genommen werden) bei den alt- 
eingefeffenen mittelamerikanifchen Stämmen fällt es fofort auf, 
dafs die Karaiben, welche erft gegen Ende des letzten Jahrhun- 
derts nach der mittelamerikanifchen Küfte verbracht worden - find 
und jetzt nur noch in Vermifchung mit der afrikanifchen Raffe 
Vorkommen, ein principiell verfchiedenes Hauptnahrungsmittel 
(Kaffave) befltzen, während die Mittelamerikaner ohne Ausnahme 
Mais als Hauptnährmittel benutzen. Auch fonftige Unterfchiede 
find zu bemerken, doch find auch die Karaiben noch ethnologifch 
zu wenig bekannt, als dafs ein eingehenderer Vergleich mög- 
lich wäre. 


— 241 — 

So einheitlich in ihren Grundzügen die Cultur der mittel- 
amerikanifchen Stämme ift, fo grofs ift die Mannigfaltigkeit der 
Sprachen, und in Ermangelung eines befferen Eintheilungselementes 
mufs man auch die Stämme nach Sprachen zufammenfaffen, denn 
eine anthropologifche Unterfuchung der Indianer ift in diefen 
Gebieten niemals verfucht worden, und vorausgefetzt, dafs es 
gelänge, eine folche trotz des Mifstrauens der Indianer durchzu- 
führen, fo ift es doch fehr zweifelhaft, ob die fomatifchen Eigen- 
thümlichkeiten genügen würden, die Stämme von einander zu 
unterfcheiden , denn dafs fie fich in ausgedehntem Mafse durch 
kriegsgefangene Sklaven , durch Heirath , durch Einwanderung 
kleinerer fremder Stammesbruchftücke gegenfeitig vermifchten, 
fteht aufser Frage. Andererfeits allerdings läfst fich für gewiffe 
Stammestheile (z. B. Lanquineros und Cajaboneros in der Alta 
Verapaz) mit grofser Wahrfcheinlichkeit annehmen, dafs fie 
urfprünglich einem anderen Stamme angehört haben und in ver- 
hältnifsmäfsig naher Vorzeit die fremde Sprache annahmen, wie 
folches ja in kleinem Mafsftabe noch jetzt zu beobachten ift 
(z. B. in S. Luis im Peten, Guatemala, fiehe oben: »Reife in die 
Cockscomb Mountains«, S. 55). 

Die Sprachen der einzelnen Indianerftämme find in neuerer 
Zeit mehrfach Gegenftand mehr oder minder eingehender Unter- 
fuchungen gewefen, und von einer Anzahl derfelben befitzen wir 
fogar grammatikalifche Darftellungen (aufser den in Vateffs 
Mithridates und in Pimentel’s Cuadro descriptivo y comparativo 
de las lenguas indfgenas de Mexico kurz behandelten Sprachen, 
aufser der mehrfach behandelten Maya- und der genau bekannten 
Nahuatlfprache find hier vor allem zu erwähnen die Gramätica 
de la lengua Zoque von Jofe Maria Sanchez 1877, die Gra- 
mätica de la lengua Tzeltal von Vicente Pineda 1888, die 
grammatikalifchen Arbeiten des Dr. E. Calderon über das 
Pupuluca des Ifthmus von Tehuantepec und die Xinca- Sprache 
von Guatemala im Repertorio Salvadorefio, Tom. V und VI, und 
die vortrefflichen Grammatiken von Prof. Dr. Otto Stoll über 
Ixil und Pokonchf). Von der Mehrzahl der Sprachen aber befitzen 
wir nur Vocabularaufnahmen, gefammelt durch Dr. Berendt, 
Rockftroh, Dr. Stoll, Dr. Calderon, Squier u. A., fo auch 
meine Wenigkeit, und fo ift denn die Stellung mancher Sprachen 

Sapper, Das nördliche Mittelamerika. , 


— 242 — 

oft noch fehl- zweifelhaft; es ift fogar mehr als wahrfcheinlich, 
dafs einzelne der jetzt unterfchiedenen Sprachen fich bei genauerer 
Unterfuchung lediglich als Dialekte einer und derfelben Sprache 
herausftellen werden; aber zurficheren Entfcheidung einer folchen 
Frage gehört eben mehr Material, als wir von vielen Sprachen 
noch befitzen. 

Man wird nun vielleicht den einzelnen Reifenden den Vor- 
wurf machen, dafs fie in den verfchiedenen Sprachgebieten hätten 
genauere Sprachaufnahmen machen follen, allein man unterfchätzt 
in Europa allzu leicht die Schwierigkeiten einer folchen Auf- 
nahme, denn das Mifstrauen der Indianer ift oft fo grofs, dafs 
es aller Ueberredungskunft nicht gelingen will, fie zur gewünfchten 
Auskunft zu bewegen, und feiten ift eben ein Reifender in der 
Lage, diefelbe zu erzwingen, wie feiner Zeit Herr Edwin Rock- 
ftroh, damals Mitglied der Grenzcommiffion und Profeffor am 
Instituto Nacional in Guatemala: da es diefem Forfcher während 
feines Aufenthaltes im Gebiete der Jacaltecos und Chujes nicht 
gelang, feine Sprachaufnahmen in gewünfchter Weife durchzu- 
führen, liefs er fich fpäter durch eine militärifche Patrouille etliche 
Indianer nach Guatemala bringen, die fich nun doch zu genauerer 
Auskunft bequemten ! Aber nicht nur das Mifstrauen der Indianer 
ift ein Hindernifs für Sprachaufnahmen, fondern auch ihre oft 
fehr mangelhafte Kenntnifs des Spanifchen und das abfolute 
Unvermögen, fich in den Gedanken des Fragenden hineinzuleben. 
Fragt man z. B. einen Indianer. »Was heifst in deiner Sprache 
die Phrafe: »Bringe Holz!«, fo überfetzt er nicht, fondern ant- 
wortet unterwürfig: »»Ich bringe Holz«« (in Kekchi: tinxic 

ajsf), u. f. f. , fo dafs man oft nach mannigfachen Verfuchen die 
Hoffnung wieder aufgiebt, und refignirt feine Papiere wieder 
zufammenpackt. Man werfe aber deshalb den Indianern ja nicht 
mangelnde Intelligenz vor, ftelle fich vielmehr vor, was wohl 
beifpielsweife ein chinefifcher Sprachforfcher für Antworten 
bekäme, wenn er vom himmlifchen Reiche nach Deutfchland 
käme und von fchwäbifchen, bayerifchen, fchweizerifchen Bauern 
Sprachaufnahmen machen wollte; nehmen wir aber auch an, es 
gelänge ihm einigermafsen , fo möchte ich nur die vielgeftaltige 
Sprachenkarte fehen, welche ein folcher chinefifcher Linguift von 
Süddeutfchland und der Schweiz entwerfen würde! 


— 243 — 

Immerhin ift unfere Kenntnifs der Indianerfprachen des nörd- 
lichen Mittelamerika theilweife wenigftens hinreichend, um mit 
Sicherheit eine grofse Zahl von Sprachen zu unter fcheiden, und 
wenn manche auf der Sprachenkarte mit befonderen Farben aus- 
gezeichnete Sprachen fich nur als Dialekte erweifen follten, fo ift 
ja auch die geographifche Verbreitung einzelner Dialekte von 
Intereffe, und ich habe daher die Zahl der bisher unterfchiedenen 
Sprachen noch nicht herabgemindert, obgleich einzelne wohl bald 
zufammengezogen werden dürften. (Siehe die Sprachenkarte, 
mit welcher ich zu vergleichen bitte die Carta etnografica de 
Mexico von Orozco y Berra, Mexiko 1864, fowie Dr. Otto 
St oll, »Zur Ethnographie der Republik Guatemala«, Zürich 
1884, Dr. D. G. Brintort, »The american Race« , New-York 
1891, und meine »Beiträge zur Ethnographie von Guatemala« und 
»Südoftmexiko und Britifch- Honduras» in Petermann’s Mitthei- 
lungen 1893 und 1895). 

Ganz unficher ift die Stellung der bisher unbekannten Sprache 
von Guatajiagua (S. Salvador), fowie die der Sprache von 
Cacaopera (S. Salvador). Sehr wenig bekannt find auch die 
Leuca-Sprachen im füdweftlichen Honduras, von welchen E. G. 
Squier einige Vocabulare mitgetheilt hat; in verwandtfchaftlichen 
Beziehungen dazu fteht die im Ausfterben begriffene Sprache 
von Chilanga (S. Salvador). Noch immer unbekannt ift auch 
die Stellung der bereits ausgeftorbenen Sprachen Pupuluca 
(Südguatemala) und Alagüilac (im Motaguathale , Guatemala). 

Das Aztekifche wird in mehr oder minder veränderten 
Dialekten an der atlantifchen Küfte (in den Staaten Veracruz 
und Tabasco), an der pacififchen Küfte (in Chiapas, Guatemala, 
S. Salvador) und im mittleren Guatemala (Salamä, S. Aguftin 
Acafaguaftlan) gefprochen. Während diefe Sprache im übrigen 
Mexiko ihre Hauptausdehnung und zahlreiche Verwandte hat, 
auch fich bis nach Nicaragua hinein erftreckt, ftehen die Xinca- 
Sprache in Südguatemala, die Huave-Sprache am Ifthmus ganz 
ifolirt da. Das Chiapaulkifche hatte in der ausgeftorbenen 
Mangue- Sprache in Nicaragua feinen nächften Verwandten*); 
das erft neuerlich eingewanderte Caraibifche fteht mit füd- 

*) Daniel G. B rin ton, Notes on Mangue, read before the American philo- 
sophical Society, 20. Nov. 1885. 


— 244 — 

amerikanifchen Sprachen in Zufammenhang. Das Zapotekifche 
bei Tehuantepec fteht im directen Zufammenhange mit dem 
Hauptgebiete des Zapotekifchen in Oaxaca. 

Eine zufammengehörige Sprachgruppe bilden die Mije- 
Sprachen, von welchen Mije und Populuca auf dem Ifthmus 
verbreitet find, das Zoque im weltlichen Chiapas feine Haupt- 
verbreitung hat, die Tapachulteca, eine dem Ausfterben nahe 
Sprache, aber eine ifolirte, weit entfernte Infel im füdlichlten 
Chiapas darftellt. 

Den weitaus gröfsten Raum nehmen die Mayafprachen 
im nördlichen Mittelamerika ein, und zwar breiteten fie fich 
urfprünglich, d. i. vor Ankunft der Spanier, über ein zufammen- 
hängendes Gebiet aus, mit einziger Ausnahme der Huasteca, 
welche räumlich weit entfernt von allen anderen Sprachen der 
Gruppe, in den jetzigen Staaten Veracruz und S. Luis Potosi 
gefprochen wurde und fich noch jetzt in einer Anzahl von 
Dörfern erhalten hat. Trotzdem hat die Huasteca eine Ver- 
wandte in der Chicomucelteca im Staate Chiapas. Minder 
fcharf von den übrigen Mayafprachen unterfcheidet fich die reine 
Maya s. str., welche in ganz Yucatan, im Peten, Britifch- 
Honduras und Theilen von Chiapas und Tabasco gefprochen 
wird; der Mayadialekt von S. Luis (Peten) fcheint mit der foge- 
nannten Mopan-Sprache identifch zu fein. Eine gewiffe gegen- 
feitige Zufammengehörigkeit zeigen Chontal (Tabasco), Chol 
(nördliches Chiapas) und Chorti (Südguatemala, weltliches Hon- 
duras), ferner Tzental, Tzotzil und Tojolobal in Chiapas, 
dann Marne, Aguacateca, Ixil, Chuj, Jacalteca (Guatemala) 
und Motozintleca (Chiapas), fowie Quiche, Cakchiquel, 
Tzutuhil und Uspanteca (Guatemala), und endlich Kekchi, 
Pokonchi und Pokomam (Guatemala). 

Bei dem grofsen Intereffe , welches gerade die Mayavölker 
beanfpruchen können wegen ihrer grofsen räumlichen Ausdeh- 
nung und der hohen ehemaligen Cultur, möge es mir geftattet 
fein, in den nächften Studien noch etwas näher auf fie oder ein- 
zelne Zweige derfelben einzugehen. 

In wenigen Gebieten (Yucatan und Alta Verapaz, fowie 
Theilen von Chiapas) ift das Indianifche noch ausfchliefslich vor- 
herrfchend, fo dafs der Reifende fich die Grundbegriffe der 


— 245 — 

betreffenden Sprachen aneignen, oder aber einen Dolmetfcher 
mitnehmen mufs. Fall allenthalben durchdringt bereits das 
Spanifche die indianischen Sprachgebiete, indem nicht nur die 
in Solchen Gegenden wohnenden Mifchlinge, Sondern auch ein 
grofser Theil der männlichen Indianer Spanifch verfteht und 
Spricht, und im Südöstlichen Guatemala, in San Salvador und 
im westlichen Honduras iSt Sogar vielfach (auch unter den rein- 
blütigen Indianern) das SpaniSche zur alleinigen Verkehrssprache 
geworden; in anderen Gegenden und Dörfern aber ift gleichfalls 
das Spanifche bereits vorherrfchend geworden; man findet jedoch 
noch vereinzelte, ältere Leute, welche die angestammte Sprache 
noch kennen und Sprechen [nordöstliches S. Salvador, dann das 
Pipil (AztekiSche) im mittleren Guatemala, das ChiapanekiSche 
in Chiapas u. f. w.]. 

Das EngliSche iSt nur längs der atlantischen KüSte in 
BritiSch -Honduras, Guatemala und SpaniSch -Honduras eine wirk- 
liche Verkehrssprache, doch behauptet fich auch hier noch das 
Spanifche daneben als zweite Verkehrssprache. In Britifch- 
Honduras ift das EngliSche die Amtssprache, allein es giebt an 
allen Gerichten Staatliche Dolmetfcher fürs Spanifche; in den 
übrigen Ländern des nördlichen Mittelamerika ift natürlich das 
Spanifche als Amtssprache gebräuchlich; nur in den unabhängigen 
IndianerStaaten Yucatans herrfcht noch ausfchliefslich die Maya- 
Sprache. 


Die unabhängigen Indianerftaaten von Yucatan*). 

(Hierzu Karte Nr. 6.) 


Es ift bekannt, dafs die Eroberung von Yucatan den Spaniern 
viele Mühe gekoftet hat und dafs der Adelantado D. Francisco 
de Montejo, obgleich er die Uneinigkeit der verfchiedenen 
Indianerftaaten in fchlauer Weife auszunutzen verftand, fchliefs- 
lich fich gezwungen fah, Ferdinand Cortes zu Hülfe zu rufen. 
Als die Eroberung der Halbinfel endlich gelungen war, erhoben 
fich da und dort die Indianer zur Wiedererlangung ihrer Freiheit; 
die Spanier unterdrückten mit blutiger Strenge die Aufftände, 
vermochten aber niemals den Hafs gegen die weifsen Eindring- 
linge auszutilgen, welcher bis auf den heutigen Tag im Herzen 
der Mayas weiter glimmt und fich von Zeit zu Zeit in erneuten 
blutigen Aufftänden Luft fchaffte, fo um die Mitte des vorigen 
und gegenwärtigen Jahrhunderts (1761 und 1847). Die letzt- 
genannte Erhebung ift von bleibender Einwirkung auf die poli- 
tifche Geftaltung der Halbinfel gewefen und giebt den Schlüffel 
ab zum Verftändnifs der eigenthümlichen Yerhältniffe, welche 
man heutzutage beobachtet. Aus diefem Grunde will ich fie 
an diefer Stelle etwas eingehender befprechen. 

Die Bewegung ging von den örtlichen Stämmen aus, welchen 
fich bald die füdlichen Stämme anfchloffen; eine Menge Ort- 
fchaften wurden zerftört und im Jahre 1848 fiel auch Bacalar**), 
der letzte wichtige Platz der Mexikaner im füdlichen Yucatan, 

*) Vergl. Globus, Bd. 67, Nr. 13. 

**) Bacalar, urfprünglich Bakhalal genannt, war im Jahre 1545 von D. Melchor 
Pacheco gegründet worden. Siehe über die Schickfale des Platzes den Auffatz: 
»Bacalar« in »The Angelus«, Belize, Vol. 9, 1893, p. 48 ff- 


— 247 — • 

damals eine Stadt von über 5000 Einwohnern, den örtlichen 
Indianern unter Venancio Pec, Juan Pablo Cocom, Teodoro 
Villanueva u. A. in die Hände. Im folgenden Jahre gelang es 
allerdings den Yucatecos unter Oberft Zetina, die Stadt wieder 
in ihre Gewalt zu bekommen (3. Mai 1849), allein die örtlichen 
Indianer unter Jacinto Pat, verftärkt durch die füdlichen Mayas 
von Chichanhä unter Jose Maria Tzuc griffen bereits im Juni 
deffelben Jahres Bacalar wieder heftig an und konnten nur mit 
Mühe zurückgefchlagen werden; die Belagerung dauerte nun 
Jahre lang weiter und erfuhr nur dann Unterbrechungen, wenn 
die mexikanifche Befatzung erhebliche Verftärkungen erhielt. 

Erft als der General D. Römulo Diaz de la Vega das 
Commando in Yucatan übernommen hatte, wurde der Krieg von 
Seiten der Mexikaner mit gröfserer Energie geführt. Der 
genannte General marfchirte über Chansantacruz , die »heilige 
Stadt« der örtlichen Indianer, nach Bacalar, wo er am 1. März 
1852 ankam. Die füdlichen Indianer, welchen die Mexikaner 
eine Niederlage beigebracht hatten, boten nun den Yucatecos 
Friedensunterhandlungen an, worauf die örtlichen Mayas fich 
erboft gegen fie wandten, unvermuthet deren Hauptort Chichanhä 
angriffen und denfelben faft vollftändig zerftörten. Diaz de la 
Vega überrumpelte aber bald darauf den (inzwifchen befehligten) 
Hauptort der örtlichen Indianer Chansantacruz (Juli 1852), wobei 
der gefürchtete Häuptling Venancio Pec und fein Adjutant 
Juan Bautista Yam fielen. Einen nachhaltigen Erfolg ver- 
mochten die Mexikaner aber nicht gegen die örtlichen Mayas zu 
erringen und im Jahre 1858 verloren fie an diefelben endgültig 
Bacalar, welches gegenwärtig einen Hauptftützpunkt und Waffen- 
platz diefer Indianer bildet. Im Jahre 1871*) machten die Mexi- 
kaner abermals einen bewaffneten Einfall ins Gebiet der örtlichen 
Stämme , eroberten wiederum deren Hauptort Chansantacruz, 
hatten aber auch diesmal nicht den geringften nachhaltigen 
Erfolg, da die Indianer nach dem Abzüge der mexikanifchen 
Truppen ruhig wieder in ihre ehemaligen Wohnfitze einrückten 
und heutzutage wieder diefelben Gebiete inne haben, wie ehedem. 


) ^ W oeikof, Reife durch Yucatan und die ftidöftlichen Provinzen 

von Mexiko in Petermann’s Mittheilungen, 1879, Bd. 25, S. 203. 


— 248 — 

Sie unternehmen von Zeit zu Zeit Raubzüge nach dem mexika- 
nifchen Gebiete von Yucatan oder auch nach den Gebieten der 
füdlichen Stämme; alle grofsen Gefichtspunkte aber hat ihre Krieg- 
führung nunmehr verloren und fcheint nur noch auf gelegent- 
liche Erlangung reicher Beute gerichtet zu fein. 

Während demnach die örtlichen Stämme feit dem Jahre 1847 
ununterbrochen auf Kriegsfufs mit der mexikanifchen Regierung 
ftehen, fchloffen die Häupter der füdlichen Stämme (Josö Maria 
Tzuc, Andres 1 zima und Juan Jose Cal) mit den mexika- 
nifchen Bevollmächtigten (Dr. Canton, Oberft Lopez und 
P. Peralta) bereits im Jahre 1853 unter Vermittelung des eng- 
lifchen Superintendenten Ph. Ed. Woodhoufe in Belize Frieden, 
deffen Beftimmungen in fpanifcher und in Maya-Sprache nieder- 
gefchrieben wurden. Es ift mir leider nicht möglich gewefen, 
Einblick in diefe Friedensbedingungen zu gewinnen; die that- 
fächlich herrfchenden Verhältniffe deuten darauf hin, dafs den 
Indianern volle Unabhängigkeit in ihren inneren Angelegenheiten 
(Verwaltung, Rechtspflege u. f. w.) gewährleiftet wurde, während 
fie formell die Oberhoheit Mexikos anerkannten und ihre Kaziken 
von der mexikanifchen Regierung (bezw. dem Gobernador des 
Staates Campeche) beftätigt werden müffen. 

Die füdlichen Stämme find in zwei gefonderte Staaten 
gefpalten, deren Hauptorte zur Zeit Ixkanhä im mittleren Yucatan 
und Icaiche im füdlichen Yucatan find; beide Staaten haben ihren 
Frieden mit Mexiko im Allgemeinen getreu gehalten; nur im 
Jahre 1869 mufsten mexikanifche Truppen im Gebiete von Ixkanhä 
einrücken, um eine Ruheftörung der dortigen Indianer unter 
General Arana, dem Bruder des jetzt regierenden Generals 
Eugenio Arana, zu unterdrücken. Dagegen hatten beide Staaten 
gelegentliche Einfälle der feit dem Friedensfchlufs von 1853 
feindfelig gertnnten örtlichen Mayas abzuwehren, und dienten fo 
gewiffermafsen als Bollwerk und Vorpoften für den unter mexi- 
kanifcher Verwaltung fliehenden Theil des Staates Campeche. 

Bei den Icaiche -Indianern, welche nach der Zerftörung von 
Chichanhä fich weiter nach Süden zurückgezogen hatten, wollte 
der einmal erregte kriegerifche Sinn nicht mehr zur Ruhe kom- 
men und machte fleh in zahlreichen Einfällen nach dem Gebiete 
von Britifch-Honduras Luft, wobei die Indianer einmal bis in die 


— 249 — 

Nähe der Stadt Belize vordrangen*). Im Jahre 1868 befetzten 
die Icaiche-Indianer unter ihren Führern Marcos Canul und 
Rafael Chan die Stadt Corofal, zogen fich aber aus Furcht vor 
den Santacruz-Indianern wieder zurück, und im Jahre 1872 griff 
der kriegerifche General Marcos Canul die Stadt Orange Walk 
an, wurde aber bei der Belagerung von einem Schweizer Namens 
Oswald tödtlich verwundet, worauf die Indianer fich zurück- 
zogen. Die britifche Regierung erhob nun Befchwerde bei der 
mexikanifchen wegen der wiederholten Indianereinfälle, und als 
die Mexikaner erklärten, die Icaiche-Indianer Händen nicht unter 
mexikanifcher Verwaltung, fondern wären ein unabhängiger 
Stamm, wiefen die Engländer darauf hin, dafs die Führer der 
Indianer mexikanifche »Generäle« wären. Die Reclamation ver- 
lief übrigens im Sande, da die Icaiche-Indianer nach Canul’s Tod 
keine Einfälle mehr in britifches Gebiet unternahmen, weder 
unter Rafael Chan (Canul’s Nachfolger), noch unter dem treff- 
lichen Santiago Pech, noch unter dem jetzt regierenden General 
Gabriel Tamay. In der Gegenwart find freilich irgend welche 
grofse kriegerifche Unternehmungen seitens der Icaiche-Indianer 
geradezu undenkbar, denn ihre Zahl ift durch Krieg, Branntwein 
und Seuchen immer mehr zurückgegangen , und im Jahre 1892 
hat eine heftige Pocken- und Keuchhuftenepidemie ungefähr die 
Hälfte der damaligen Bevölkerung hinweggerafft, fo dafs man jetzt 
die Gefammtbevölkerung des einft gefürchteten, unabhängigen 
Indianerftaates nur noch auf etwa 500 Seelen fchätzen kann. Trotz- 
dem find in Icaiche in einer befonderen, als Cuartel (»Caferne«) 
bezeichneten Hütte ftets ein paar Indianer als Wachen aufgeftellt, 
und in dem Haufe, in welchem ich während meines Aufenthaltes 
dafelbft wohnte, hingen fünf fchufsfertige Repe tirge wehre an 
dem Querbalken des Dachftuhles, ein Zeichen, dafs die Icaiche- 
Indianer immer auf der Hut find vor den Santacruz-Indianern, 
welche in der That noch vor Kurzem (während der Regierung 
des Generals Tamay) einen vergeblichen Angriff auf das Dorf 
unternommen hatten. 

In Ixkanhä find etwas mehr Soldaten unter dem Befehle 


•) Vergl. Uber diefe Indianereinfälle: A. R. Gibbs, »British - Honduras «, 
London 1883. 


— 2 50 — 

eines »Capitäns« Tag und Nacht in der Caferne auf Wache und 
obwohl fie ebenfo wenig eine Uniform tragen als die Indianer 
von Icaichö, fo nähern fie fich doch durch den Gebrauch von 
Trommel- und Trompetenfignalen und dergleichen Dinge etwas 
mehr dem disciplinirtem Militär. Im Gebiete von Ixkanhä ift die 
Bevölkerung gegen früher gleichfalls zurückgegangen (nament- 
lich durch Pockenepidemien und wegen gänzlichen Mangels an 
guter ärztlicher Hülfe), und vor einigen Jahren hat der General 
Eugenio Arana das anfehnliche Dorf Chunchintok an den Staat 
Campeche abgetreten. Trotzdem mag die Einwohnerzahl des 
unabhängigen Gebietes von Ixkanhä etwa 8000 betragen. 

Die Bevölkerung des Santacruzgebietes wurde bei Beginn 
des Aufftandes auf etwa 40000 Menfchen angegeben; feitdem 
ift fie aber gleichfalls ftark zufammengefchmolzen und wird von 
Kennern des Landes auf etwa 10000 bis 15000 Seelen gefchätzt. 
Es fcheint überhaupt, als ob gerade die Waldgebiete der Halb- 
infel (öftliches und füdliches Yucatan) immer mehr der Entvölke- 
rung entgegengingen; es ift jedoch allerdings wahrfcheinlich, dafs 
diefe Gebiete fchon vor der Conquifta fchwächer bevölkert waren, 
als die trockenen und gefunderen Gegenden im weltlichen und 
nördlichen Yucatan. Die Bevölkerung von Chansantacruz ift 
hauptfächlich auf den Gebietsftreifen zwifchen der Bacalarlagune 
und der Ascenfionsbucht befchränkt, denn die langdauernden 
erbitterten Kriegszüge haben eine immer ftärker werdende 
Bevölkerungsconcentration der öftlichen Indianer fowohl als auch 
ihrer Feinde zur Folge gehabt, wodurch zwifchen beiden Par- 
teien unbewohnte Landftreifen entftanden, in denen bei der ziem- 
lich üppigen Waldvegetation die einft vorhandenen Wege rafch 
verwuchfen und ungangbar wurden. Wenn auch einzelne Indianer 
diefe verwachfenen Wege zur Noth noch benutzen können, fo 
miiffen doch die Santacruz- Indianer für ihre gröfseren Einfälle 
immer aufs Neue Wege öffnen, was den Bewohnern der betreffen- 
den Gebiete im Voraus zur Warnung dienen kann. 

Das Gebiet von Santacruz ift in vier Provinzen getheilt, 
an deren Spitze je ein »General« fteht, während ein fünfter 
General die Oberaufficht über das ganze Land hat. Ausge- 
zeichnet ift der militärifche Wachdienft organifirt und durch 
Pulverexplofions-Signale wird die Kunde von feindlichen Einfällen 


— 251 — 

ungemein rafch durchs ganze Land bekannt gemacht. (Mitthei- 
lung von Mr. Strange.) 

Der Culturzuftand der unabhängigen Mayas ift ein niedriger. 
Schulbildung giebt es nirgends, und wenn auch für Ixkanhä, das 
wegen der gröfseren Nähe wohl auch in etwas ftrengerer Abhängig- 
keit von Campeche ift, als Icaiche, im Staatsbudget von Cam- 
peche eine Schulftelle vorgefehen ift, fo ift damit noch nichts 
gewonnen, da fich niemals ein Bewerber dafür findet. Maya ift 
die ausfchliefsliche Verkehrsfprache und in jedem der drei unab- 
hängigen Gebiete ift der Schreiber, welcher von dem General 
als Secretär und Dolmetfcher angeftellt ift, der einzige Mann im 
Staate, welcher gut Spanifch fpricht und aufserdem etwas lefen 
und fchreiben kann. In feelforgerifcher Hinficht find die Mayas 
von Santacruz auf Corosal, diejenigen von Icaiche auf Orange 
Walk, die von Ixkanhä auf die benachbarten campechanifchen 
Dörfer angewiefen. In Ixkanhä fah ich allerdings, dafs in der 
Kirche ein glattrafirter Indianer, der fich freilich fonft in nichts 
von feinen Stammesgenoffen unterfchied, Morgens und Abends 
in Mayafprache Gottesdienft abhielt, wobei viel gefungen wurde; 
ein richtiger Priefter war er aber offenbar nicht. 

Die öffentlichen und privaten Gebäude der unabhängigen 
Mayas find ausfchliefslich Holzhütten mit Strohdach, wie fie auch 
anderwärts unter der indianifchen Bevölkerung der Halbinfel 
gebräuchlich find. Die Luftziegel- oder Steinhäufer, welche vor 
dem Aufftand vorhanden gewefen waren, find zerftört oder zer- 
fallen, und in Santa Clara Icaiche z. B. erinnern nur noch die 
zahlreichen Grundmauern und Keller an deren ehemaliges Vor- 
handenfein. 

Kleidung, Lebensweife und Befchäftigung der unabhängigen 
Mayas find fehr einfach, und der General unterfcheidet fich in 
diefer Hinficht durch Nichts von feinen Unterthanen; es wäre 
denn etwa zu erwähnen, dafs derfelbe fich, feinem gröfseren 
Reichthume entfprechend, Reitpferde hält. 

In der Kleidung weichen die unabhängigen Indianer kaum 
von den übrigen Mayas ab: die Frauen tragen einen weifsen 
Baumwollrock und ein weifses, bis zu den Knien reichendes 
Guipil von gleichem Stoffe, welches manchmal am unteren Rande 
und um den Halsausfchnitt mit rothen Stickereien verziert ift; 


— 252 — 

die Haare find in einem Knoten am Hinterkopfe zufammen 
genommen; grofse goldene Ohrringe find ihr Schmuck, während 
die anderwärts unter den Indianerinnen fo beliebten Halsketten 
hier feltener getragen werden. Die Männer tragen weifse baum- 
wollene Hofen und Hemden, Sandalen, welche mit Schnüren am 
bufse befeftigt werden, und Strohhut. Die Indianer bauen die 
wichtigften Nahrungs-, Genufs- und Gefpinftpflanzen felbft, züchten 
Vieh, Schweine, Hühner, fpinnen und weben ihre Kleider felbft, 
flechten ihre Strohhüte und Hängematten u. f. w. , fo dafs fle 
nur verhältnifsmäfsig wenig Dinge (wie Waffen, Munition, Salz, 
Schmuckfachen und dergleichen) einführen müffen. Bei den 
Indianern von Icaiche und Santacruz, welche in Urwaldgebieten 
wohnen, ift das Ergebnifs der Jagd von grofser Bedeutung für 
den Haushalt; für die Ixkanhä - Mayas , welche im Gebiete der 
trockenen Strauchfteppen wohnen und nur im Süden und Often 
an das zufammenhängende Urwaldgebiet angrenzen, ift die Jagd 
von geringerer Wichtigkeit. 

Im Gebiete von Chansantacruz haben fleh etliche Engländer, 
im Gebiete von Icaiche etliche Engländer und Yucatecos nieder- 
gelaffen, um Mahagoni- und Blauholz zu fchlagen; diefelben 
bezahlen für jede Tonne Nutzholz, welche fle ausführen, eine 
beftimmte Abgabe an den General des Gebietes, wovon diefer 
die öffentlichen Ausgaben (fo Ankauf von' Waffen und Munition, 
Gehalt des Schreibers) bezahlt; der etwaige Ueberfchufs fcheint 
dem General zu gehören. Steuern oder Zölle giebt es nicht. Da 
das Ixkanhä -Gebiet nirgends ans Meer oder an fchiffbare Flüffe 
angrenzt, und da auch keine Fahrftrafsen das Gebiet durch- 
fchneiden, fo wird das in anfehnlicher Menge vorhandene Blau- 
holz nicht verwerthet; dagegen fammelt die Bevölkerung ziem- 
lich viel Chicle (Kaugummi), eine Art Kautfchuk, welche vom 
Milchfafte der Chicofapotes gewonnen wird. Woraus die Staats- 
einkünfte von Ixkanhä beftehen, ift mir unbekannt. 

Die Santacruz-Indianer flehen hauptfächlich mit Corosal, die 
Mayas von Icaiche mit Orange Walk in Handelsverbindung, 
während die Ixkanhäleute hauptfächlich mit Campeche in Ver- 
kehr flehen; vor Kurzem hat allerdings der General Arana 
einen directen Reitweg von Ixkanhä über Chichanhä nach St. Cruz 
am Rio Hondo und nach Orange Walk auffchlagen laßen , um 


— 253 — 

den directen Handel mit der britifchen Colonie und den einft 
lebhaften Tranfitverkehr von dort nach Campeche neu zu beleben; 
da aber diefer Weg nahe am Gebiete der Santacruz- Indianer 
vorbeiführt und daher die Gefahr der Beraubung der Handels- 
karawanen naheliegt, da ferner die meiften Einfuhrvvaaren gegen- 
wärtig in Britifch- Honduras nicht mehr wefentlich billiger find 
als in Campeche, fo ift ein ftarker Verkehr auf diefer Strafse 
nicht zu erwarten. 

Die Handelsbeziehungen find von entfcheidendem Einfiuffe 
auf das Geldwefen der unabhängigen Maya-Staaten: da in Britifch- 
Honduras bis 1895*) meift guatemaltekifches Kleingeld, fowie 
chilenifche und peruanifche Silberdollars im Umlaufe waren, fo 
find diefe Münzen auch im Santacruz- und Icaichegebiete vor- 
herrfchend. Im Ixkanhägebiete dagegen ift nur mexikanifches 
Geld im Umlaufe; als aber vor einer Reihe von Jahren in der 
Republik Mexiko die alten Scheidemünzen abgefchalft und neue 
mit decimaler Einth'eilung eingeführt wurden, fchloffen fich die 
Ixkanhä -Indianer der Neuerung nicht an, fondern liefsen die 
feither im mexikanifchen Gebiete längft aufser Curs gefetzten 
mexikanifchen und altfpanifchen Medios und Reales**) im 
Umlaufe. 

Das Amt des Kaziken ift nicht in einer beftimmten Familie 
erblich, vielmehr rückt die nächft niedrige militärifche Charge, 
der Kommandant, beim Tode des Generals in deffen Stelle ein, 
während gleichzeitig der ältefte Capitän zum Commandanten 
befördert wird u. f. w. Während der Abwefenheit des Generals 
ift der Commandant fein Stellvertreter. Die wichtigften Befug- 
niffe des Generals find der Oberbefehl im Kriege und das Richter- 
amt, weshalb die Kaziken von Ixkanhä und Icaiche bei ihrer 
Betätigung im Amte vom Gobernador von Campeche der Form 
wegen die officielle Ernennung zum Jefe politico und Comandante 
de armas, fowie zum Richter erhalten. Beide Generäle führen 
einen Stempel, welcher neben dem mexikanifchen Adler die 
Infchrift »Padficos del Sur« zeigt, entfprechend der in Yucatan 

*) Gegenwärtig herrfcht in Britifch -Honduras Goldwährung; mit den Yucatan- 
Indianern führen die englifchen Kaufleute aber Silberwährung weiter. 

**) Diefelben alten mexikanifchen und fpanifchen Münzen findet man auch 
noch in S. Salvador und Honduras im Umlauf. 


— 254 - 

üblichen Eintheilung der unabhängigen Mayas in Indios suble- 
vados paci'ficos« (die »friedlichen Aufftändifchen « von Ixkanhä 
und Icaiche) und in »Indios sublevados bravos« (die »böfen Auf- 
ftändifchen« von Chansantacruz«), 

Der General fcheint für feine Handlungen, foweit diefelben 
nicht gerade Kriegswefen und Richteramt betreffen, in gewiffem 
Sinne der Volksverfammlung verantwortlich zu fein, wie ich aus 
einigen Bemerkungen des Schreibers von Icaiche fchliefsen zu 
dürfen glaube. Ich felbft mufste in Icaiche, nachdem mir der 
General Tamay bereits die Erlaubnifs zum Durchwandern feines 
Gebietes gegeben hatte, eine Abfchrift des Circulars zurücklaffen, 
welches mir das Minifterium des Innern für die Behörden der 
Republik ausgeftellt hatte, damit der General auf Grund diefes 
Schreibens fein Vorgehen vor feinen Mitbürgern rechtfertigen 
könne, welche auf den Tag nach meiner Abreife (i. März 1894) 
zu einer allgemeinen Volksverfammlung zufammenberufen worden 
waren. Wäre ich nicht als Beamter der mexikanifchen Regie- 
rung nach Icaiche gekommen, fo wäre mir höchft wahrfcheinlich 
der Durchzug durch diefes Gebiet verboten worden. 

Der höchfte General der Santacruz- Indianer hat, wie ich aus 
meinen Erkundigungen entnehme, diefelben Befugniffe, wie die 
Chefs der Ixkanhä- und Icaiche-Indianer. Ueberhaupt find die 
Verhältniffe in den drei unabhängigen Mayaftaaten faft durch- 
weg gleichartig. 

Unter den unabhängigen Mayas herrfcht allgemeine Wehr- 
pflicht; jeder waffenfähige Mann ift zum Kriegsdienft verpflichtet 
und wird zum Wachdienft herangezogen. Die Bewaffnung ift 
fehr ungleichförmig: neben modernen gezogenen Repetirgewehren 
fleht man fchwere alterthümliche Vorderlader. Im Allgemeinen 
gelten die unabhängigen Mayas als gute Schützen und muthige, 
fchlagfertige, in Kriegsliften gewandte Soldaten. Die Mayas, 
welche mit mir als Führer durchs Innere von \ ucatan gingen, 
trugen ihre Schrotflinten ftets geladen mit aufgefetztem Zünd- 
hütchen und gefpanntem Hahn auf der Schulter und brachten 
das Wild, das wir unterwegs trafen, gewöhnlich in kürzefter 
Frift zur Strecke. 

Die Rechtspflege ift rafch und fummarifch, aber fie wird, 
wie ich glaube, fehr gewiffenhaft geübt, in wohlthuendem Gegen- 


— 255 — 

fatze zu dem fchleppenden, unficheren Rechtswege in den mexika- 
nifchen Gerichten. Der Angeklagte wird entweder freigefprochen, 
oder geprügelt, oder — in fchweren Fällen, wozu, wie man mich 
verficherte, auch Nothzucht gerechnet wird — erfchoffen; Gefäng- 
niffe und Gefängnifsftrafen giebt es nicht. 

Die beftehenden Vorfchriften werden ftrenge eingehalten 
und ich habe felbft einmal eine kleine Probe davon und von dem 
folgerichtigen, wenn auch etwas kleinlichen Urtheil der Behörden 
miterlebt: Ich hatte in Icaiche drei Mayas als Führer und Dol- 
metfcher srewonnen und vor dem Schreiber von Icaiche einen 
rechtsgültigen Contract mit denfelben abgefchloffen , wonach fie 
mich bis nach Ixkanhä zu begleiten hatten, die Hälfte des aus- 
bedungenen Lohnes im Voraus bekamen und die andere in 
Ixkanhä bekommen follten. Als wir Ixkanhä erreicht hatten, 
fchlugen mir die drei Icaicheleute freiwillig vor, fie wollten mich 
gegen eine gewiffe Summe noch weiter bis zur Eifenbahnftation 
begleiten, wo ich ihnen dann den gefammten Lohn auf einmal 
ausbezahlen füllte. Ich war damit einverftanden. Nun aber 
befteht in Icaiche und Ixkanhä Pafszwang für die dortigen 
Indianer, und daher durften meine Icaicheleute nicht ohne befon- 
dere Erlaubnifs der Ixkanhäbehörden weiter reifen.' Da der 
General Arana abwefend war, mufsten meine Führer mit dem 
Commandanten verhandeln, wobei der erwähnte Contract ihnen 
als Legitimation diente. Nach einer Weile wurde auch ich 
gerufen und der Commandant liefs mir durch feinen Dolmetfcher 
fagen, dafs ich den Contract nicht erfüllt hätte, da die Icaiche- 
leute noch nicht bezahlt wären, und obgleich diefe felbft es gar 
nicht wollten, beeilte ich mich nunmehr, fie auszubezahlen, wobei 
der Commandant aufmerkfam zufah; dann fuhr er fort, dafs nun 
ein neuer Contract abgefchloffen werden dürfe; er befprach fich 
mit den Icaiche-Indianern, liefs mir durch feinen Dolmetfcher 
deren Bedingungen mittheilen und als ich mich damit einver- 
ftanden erklärte , . wurde der Schreiber beauftragt , den Contract 
aufzufetzen und »im Namen des Generals Arana« zu zeichnen, 
worauf die Icaiche- Indianer nach etwa einftündiger Verhandlung 
Erlaubnifs erhielten, mich auch fernerhin zu begleiten. Obgleich 
der ganze Vorfall ohne irgend welche Bedeutung war, fo freute 
es mich doch, zu beobachten, wie der Commandant fich bemühte, 


— 256 — 

die Indianer, die ihrerfeits nicht das ge ringfte Mifstrauen gegen 
mich hegten, gegen etwaige Uebervortheilung zu fchützen und 
wie ruhig und fachlich er die ganze Verhandlung führte. Das 
Mifstrauen gegen Fremde ift fehr wohl erklärlich, wenn man 
weifs, wie häufig die Indianer von der Mifchlingsbevölkerung 
übervortheilt und um den ausbedungenen Lohn betrogen werden. 

Was den Charakter der unabhängigen Mayas betrifft, fo 
kann ich nach meinen Erfahrungen faft nur Gutes berichten. Da 
ich aus Britifch-Honduras kam, wo die faule Neger- und Mifch- 
lingsbevölkerung, durch die freiheitlichen Gefetze verwöhnt, fich 
oft nur fchwer zur Erfüllung eingegangener Verpflichtungen ent- 
fchliefst, fo fiel mir namentlich die Zuverläffigkeit diefer Mayas 
auf, die Pünktlichkeit, mit welcher fie ihr einmal gegebenes Ver- 
fprechen einlöflen, die Treue, welche fie mir auf der Keife 
bewiefen. Freigebig theilten meine Mayaführer ihre Jagdbeute 
mit mir und meinen aus Guatemala mitgebrachten Trägern; über- 
all, auch in der einfamften Hütte, fanden wir gaftliche Aufnahme. 
Ihr Familienleben verlief überall, wo ich es beobachten konnte, 
friedlich und ruhig, und wenn die Mayas auch etwas verfchloffen 
und ftiller find, als die Stämme von Guatemala und Chiapas, 
fo find fie doch keineswegs finfterer Gemüthsart, fondern einem 
harmlofen Scherz fehr wohl zugänglich. Man fagt den Mayas 
manchmal nach, dafs fie in wichtigeren Dingen zwar ehrlich 
feien, Kleinigkeiten aber gern entwendeten; mir felbft aber ift 
auf meinen Reifen in Mayagebieten niemals auch nur die geringfte 
Kleinigkeit geftohlen worden. Ein allgemein verbreitetes Lafter 
ift dagegen die Trunkfucht, und wenn man den Mayas den Vor- 
wurf der Graufamkeit macht, fo erfcheint mir derfelbe um fo 
mehr glaubhaft, als nach meinen Beobachtungen ein gewiffer Zug 
der Graufamkeit felbft den fanftmüthigften mittelamerikanifchen 
Indianern eigen ift. Die blutdürftige Graufamkeit und die kriege - 
rifche Schlagfertigkeit, welche namentlich die Santacruz-Indianer 
auf ihren Zügen bethätigten, haben ihren Namen ungemein 
gefürchtet gemacht und die vielgeglaubte Sage von ihrer grofsen 
Volkszahl und ihren unüberwindlichen Heeren erzeugt. 

Dies Gerücht und der geringe commercielle Verkehr der 
unabhängigen Mayas tragen wohl zum gröfsten Theile die Schuld 
daran, dafs fo feiten wiffenfchaftlich gebildete Reifende nach 


- 257 — 

jenen Gegenden kommen, und dafs deshalb die Topographie 
und die eigentümlichen politifchen Verhältniffe jener Gebiete fo 
wenig bekannt find. In Chansantacruz , der Hauptftadt der öfh- 
lichen Mayas, ift der Ingenieur Miller, deffen Reifebericht (in 
Proc. R. Geogr. Soc. 1889) mir leider nicht zugänglich ift, als 
erfter Europäer (feit dem Aufftande im Jahre 1847) gewefen, und 
gegen Ende des Jahres 1893 kamen abermals durch daffelbe, 
zur Zeit faft entvölkerte Dorf zwei Engländer (Mr. Strange und 
Mr. Bradley), als fie den Chef diefes Stammes in feinem Wohn 
fitze, dem benachbarten Chanquec, auffuchten*). 

*) Die beiden Engländer waren als Gefandtfchaft dorthin gegangen, um die 
durch jüngft eingetroüfene politifche Nachrichten aufgeregten Santacruz-Indianer zu 
beruhigen. Die britifche Regierung hatte nämlich mit der mexikanifchen am 
8. Juli 1893 einen Grenzregulirungsvertrag abgefchloffen, worin fich England unter 
Anderem verpflichtete, den Verkauf von Waffen und Munition an die unabhängigen 
Mayas zu verbieten. Diefe Beftimmung erregte unter den Santacruz-Indianern fo 
böfes Blut, dafs man ernftlich einen Einfall derfelben in Corofal befürchtete. Da 
übrigens ein grofser Theil des mexikanifchen Volkes die nördlichen Gebiete von 
Britifch- Honduras, fowie Belize felbft, als mexikanifches Eigenthum beanfprucht 
und deshalb den Grenzvertrag verurtheilte , fo hat der mexikanifche Senat , der 
öffentlichen Meinung Rechnung tragend , nunmehr die Ratification des Vertrages 
verweigert. 


Sapper, Das nördliche Mittelamerika. 


17 


Die Lacandonen. 


Von allen Indianerftämmen des nördlichen Mittelamerika find 
die »Lacandonen« *) oder »Cariben« die einzigen, welche in 
religiöfer und cultureller Hinficht fich vollftändig ablehnend gegen 
den europäifchen Einflufs verhalten haben, und auch ihre poli- 
tifche Unabhängigkeit bis zum heutigen Tage wahrten. Freilich 
haben fich die wenigen noch vorhandenen Refte der Lacandonen 
nicht zu politifchen Einheiten, ähnlich den unabhängigen Indianer- 
ftaaten Yucatans, zufammengefchloffen , vielmehr leben die ein- 
zelnen Tribus des Stammes getrennt und weit zerftreut in den 
Urwäldern, ohne irgendwie fich bemerklich zu machen, denn fie 
find friedlich und fcheu, und können fchon wegen ihrer aufser- 
ordentlich geringen Volkszahl nicht hervortreten. Zudem find 
fie in einem, wie es fcheint, jähen Ausfterbungsprocefs begriffen 
und in der ganzen gegenwärtigen Provinz Peten giebt man die 
Zahl der noch lebenden Lacandonen auf etwa fünfzehn an (die 
Mehrzahl derfelben ift zur Zeit am Akte, füdlich vom See Yzan, 
angefiedelt, die »Ukes«); dazu kommen wahrfcheinlich noch einige 
wenige in der nördlichen Alta Verapaz (vier Leguas nördlich 
von Secacao am Chajmayic); in dem Gebiete zwifchen Lacantun 
und Chixoy wohnen (am Lacantun felbft und am See Oaxaca) viel- 
leicht zehn Individuen; eine etwas gröfsere Anfiedelung befindet 
fich am See Pet Ha und benachbarten Seen in Chiapas (die 

*) Der Name leitet fich ab vom Lacantun, dem weltlichen Quellflufle des 
Ufumacinta; die Indianer der Verapaz nennen aber den Chixoy, den mittleren 
Quellflufs deffelben Stromes, Lacantun. 


— 259 - 

.-Garcias-, welche fechzehn Köpfe zählen follen), ebenfo am 
oberen Rio S. Cruz in Chiapas (die »Cobojes«), während die 
sSises wahrfcheinlich in der Nähe des oberen Lacanjä wohnen. 
Die Lacandonen, welche man vor Jahren an der Mündung des 
Santo Domingo in den Jatatd traf, haben fich von dort ver- 
zogen, ebenfo diejenigen, welche man vor einigen Jahren an dem 
See traf, welchen der Mittellauf des Lacanjä bildet, und in 
gleicher Weife find auch die meiften Lacandonen fortgezogen, 
welche man im Jahre 1893 bei Eröffnung eines Weges vom 
Rio Chacamäs zum Rio Cendales antraf. Unter den letztgenannten 
befanden fich auch Rayados« , d. h. Leute, deren Geflehter 
durch Narben verziert find (tättowirt?). Da diejenigen Gebiete 
von Chiapas, in welche felbft die kühnen Holzfäller noch nicht 
eingedrungen find, keine grofse Ausdehnung mehr befitzen, fo 
darf man mit Sicherheit annehmen, dafs nicht mehr fehr viele 
Lacandonenanfiedelungen unbekannt fein werden, und dafs es 
überhaupt gegenwärtig nur noch fehr wenige Lacandonen giebt; 
wenn man ihre Zahl auf zwei bis drei Hundert Seelen fchätzt, 
fo wird man wohl der Wahrheit ziemlich nahe kommen. Auch 
in der Conquifta-Zeit ift ihre Zahl fchon ziemlich befchränkt 
gewefen, und auch damals waren fie fchon wenig fefshaft, wie 
man aus den Nachrichten älterer Schriftfteller entnimmt, und aus 
der Verpflegungsfchwierigkeit für die Truppen und der fteten 
Veränderung der Lacandonenwohnfitze erklärt es fich auch in 
erfter Linie, weshalb das in den unzugänglichen Urwäldern 
häufende Volk niemals unter die Botmäfsigkeit der Spanier 
gekommen ift. 

Alle noch lebenden Lacandonen fprechen, foweit bekannt 
ift, die Mayafprache, und man kann daher den früher gemachten 
Unterfchied zwifchen Maya redenden oft liehen und Chol reden- 
den we ft liehen Lacandonen fallen laffen, denn die letzteren 
fcheinen bereits vollftändig ausgeftorben zu fein. Man erzählte 
mir allerdings in dem Choldorfe S. Domingo Palenque, dafs noch 
vor wenigen Jahrzehnten Chol redende Cariben an den Rio Cha- 
camäs zum Taufchhandel gekommen feien; feit langer Zeit hat 
man aber nichts mehr von ihnen gehört noch gefehen. 

Das Hauptintereffe flöfst uns der gegenwärtige Culturzuftand 
der Lacandonen ein, da fie zum grofsen Theil noch auf der 

17* 




— 260 — 

Stufe des Steinzeitalters ftehen. Freilich find in den letzten 
Jahrzehnten allenthalben bereits Bufchmeffer und Aexte durch 
Taufchverkehr in ihren Befitz gekommen, allein fie machen noch 
immer einen fehr befchränkten Gebrauch davon, und die drei 
Lacandonen, welche ich im örtlichen Chiapas jagend angetroffen 
habe, trugen keine Bufchmeffer bei fich, fondern gingen, nur 
mit Bogen und Pfeilen bewaffnet, ohne Weg und Steg, durch 
den dichten Urwald. Mit Bewunderung denke ich hier des 
ungemein fcharfen Ortsfinnes diefer Wilden, welcher fie durch 
all das Wirrfal eines tropifchen Urwaldes ficher zum gewünfchten 
Ziele führt, während ein europäifcher Reifender nur mit Mühe 
mit Hülfe des Compaffes feinen Weg finden und mit Bufch- 
meffer und Axt gangbar machen könnte. 

Es ift übrigens vom ethnologifchen Standpunkte aus fehr 
zu bedauern, dafs eiferne Werkzeuge bereits Eingang bei den 
Lacandonen gefunden haben, denn fonft hätte man von ihnen 
vielleicht Auskunft darüber bekommen können, wie es die alten 
Indianer vor Ankunft der Spanier zu Wege brachten, mächtige 
Bäume zu fällen und mitten im Urwalde Maisfelder zu bearbeiten, 
da ihnen doch, wie es fcheint, metallene Aexte fehlten. Im 
Zapoteken-Gebiete allerdings findet man häufig Kupferäxte, und 
es fteht durch Berichte der fpanifchen Schriftfteller feft , dafs 
auch an der hondurenifchen und yucatekifchen Kürte metallene 
Aexte bekannt waren. Im Peten oder im Innern von Chiapas 
und Guatemala find dagegen meines Wiffens noch niemals Kupfer- 
äxte (bei Ausgrabungen oder anderweitig) aufgefunden worden, 
und in San Salvador fah ich ein einziges derartiges Werkzeug, 
welches aus den Ruinen von Cuscatlan ftammt. Erfahrene Kenner 
der Indianer vermuthen, dafs fie feiner Zeit durch Feuer die 
Bäume gefällt haben, indem fie mit ihren Steinäxten die Rinde 
ringsum durchhieben und fo die Bäume zum Vertrocknen 
brachten. Die Sitten der Lacandonen werfen, wie fchon gefagt, 
kein Licht auf diefe Frage, fchon aus dem Grunde nicht, weil 
fie eigentlich kein Ackerbauvolk mehr find, fondern ihr Leben 
vorzugsweife von Jagd und Fifchfang friften. Nur an folchen 
Stellen, wo Windbruch kleine Lichtungen im Urwalde gefchlagen 
hat, pflanzen fie Mais und Bohnen, nachdem fie die verdorrten 
Bäume durch Feuer zerftört haben, oder auch an Niederungen, 


2ÖI 


die während der Regenzeit überfchwemmt lind und deshalb keine 
Bäume, fondern nur Schilfgräfer oder Bambufen tragen. 

Zur Jagd verwenden die Lacandonen noch immer Bogen 
und Pfeile, letztere mit Feuerfteinfpitzen, welche fie mittelst eines 
Hornmeifsels fpalten. Ich felbft habe nicht Gelegenheit gehabt, 
das Verfertigen von Pfeilfpitzen mit anzufehen; dagegen fah ich 
am See Pet Ha in Chiapas zu, wie ein Lacandone abgebrochene 
Pfeilfpitzen wieder fchärfte: er rifs mit der unteren Kante eines 
Parken Meilers Splitterchen um Splitterchen von der Pfeilfpitze 
weg, die er feft in der Hand hielt, und nach kaum einer Minute 
war aus dem abgebrochenen Trumm eine kleine fcharfe Pfeil- 
fpitze geworden; ich kaufte jenem Lacandonen feinen ganzen 
Vorrath an Pfeilen nebft einem Bogen ab und befitze damit zwei 
Pfeilfpitzen, deren Schärfung ich felbft mit angefehen habe. Was 
ich an Bogen und Pfeilen aus dem Peten fammeln konnte, habe 
ich dem Mufeum für Völkerkunde in Berlin gefchenkt, wohin 
ich auch Kleidungs- und Schmuckgegenftände und dergleichen 
Dinge der Lacandonen gegeben habe, damit diefe Zeugniffe des 
Culturzuftandes eines ausfterbenden, zum Naturvolk herabgefun- 
kenen Stammes an einem allgemein zugänglichen Orte aufbewahrt 
werden. 

Die Lacandonen verwenden verfchiedenartige Pfeile für die 
verfchiedenen Thiere: Pfeile mit Holzknöpfen für Vögel, Pfeile 
mit Holzfpitze für Fifche, Pfeile mit Feuerfteinfpitze und Wider- 
haken bewehrtem Holzfchaft für Affen (welche fonft die Pfeile 
aus der Wunde ziehen würden), Pfeile mit Feuerfteinfpitzen und 
glattem Holzfchafte für die anderen Thiere. Die Pfeile beftehen 
gewöhnlich aus einer Spitze (meift F'euerftein, feiten auch Spiegel- 
glas, das die Lacandonen an Stätten alter Holzfällereien gefunden 
haben mögen), einem Holzfchafte und einem leichten Rohrftabe, 
an deffen hinterem Ende zwei Federn angebracht find; die ein- 
zelnen Theile find mit Schnüren zufammengebunden; die Pfeil- 
fpitzen werden aber verhältnifsmäfsig leicht lofe ynd gehen dann 
oft verloren. So traf ich in einem Bivouac am Espejo (zwifchen 
Tenosique und dem Paso del Macho des Chocoljä) mit einem 
alten Lacandonen zufammen, der einen Affen und ein Hoccohuhn 
am Feuer dörrte, deffen Pfeile aber fämmtlich blutbefleckt und 
ohne Spitzen waren. Der Mann hatte ein Wildfehwein ange- 


2Ö2 


fchoffen und fpätcr die Pfeile wieder gefammelt, welche das 
fliehende Thier an den Bäumen und Büfchcn abftreifte. Für den 
Schildkrötenfang benutzen die Leute von Pet Ha bereits Har- 
punen mit eiferner Spitze; auch fah ich viele Schildkröteneier 
in ihrem Haufe und hörte, dafs folche mit Vorliebe gefammelt und 
verzehrt werden. Cacao, Wachs und Honig fuchen fie im Walde 
und benutzen es als Taufchobjecte, wenn fie Salz und andere 
Dinge erhandeln wollen. Ihre Ruderboote bieten nichts Auf- 
fälliges dar und die Lacandonen von Izan benutzen auch bereits 
diefelben langen Ruder, wie die Holzfäller des Peten; die Garcias 
am Pet Ha- See dagegen haben kurze Ruder mit ovalem Ruder- 
blatt, welche man in hockender Stellung führt, genau fo , wie 
der Gott Itzamnä im Dresdener Codex*) es zeigt. 

Die Hausggräthe der Lacandonen find fehr einfach , einige 
Kochtöpfe, Röftteller und Schalen aus Thon von keineswegs auf- 
fallender Form, gefchnitzte Holzlöffel, Maismahlfteine, welche am 
Pet Ha genau mit den zur Zeit in Chiapas üblichen überein- 
ftimmen, am Izan aber eine alterthümliche Form mit drei fehr 
plumpen Füfsen zeigte, und offenbar durch Handel aus dem 
weit entfernten Eruptivgebiete im Süden dorthin gelangten. Am 
Pet Ha beobachtete ich zudem niedrige Stühlchen mit vier Füfsen, 
fowie leichte Körbchen mit zubindbarem Deckel, in welchen 
Vögel aufbewahrt wurden. Auf dem Gebälke des Daches lagen 
Holz- und Rohrftäbe im Rauche, damit fie, wenn fie einmal zu 
Pfeilen verarbeitet würden, nicht von Würmern angegriffen wer- 
den. Auch die in Mittelamerika allgemein üblichen Guacales 
(Holztrinkfchalen) findet map hier, glatt oder mit rohen Schnitze- 
reien verfehen. Bettgeftelle fall ich nirgends; Männer und Weiber 
fchlafen in Hängematten, welche — im Gegenfatz zur fonftigen 
Gepflogenheit in Mittelamerika — geknüpft, nicht geflochten 
werden; die Kinder fchlafen auf blofser Erde. 

Die Kleidung der Lacandonen ift einfach; fie befchränkt ficli 
beim Manne auf ein langes Hemd; Frauen tragen Röcke und 
Guipiles aus grobem Gefpinnfte. Spindel und Webeapparat der 
Lacandonen entfprechen genau denen der übrigen mittelamerika- 
nifchen Stämme. Hüte und Sandalen find unbekannt. Während 


*) Reproducirt in D. G. Brinton, A primer of Mayan Hieroglyplücs, p. 53. 


— 263 — 

die Männer am Izan-See die Haare kurz gefchoren tragen, laffen 
die Garcias gleich den meiften Lacandonen ihre Haare bis über 
die Schulter herabfallen und zeichnen fich durch aufserordent- 
lich üppigen Haarwuchs aus. Einem jungen Lacandonen, welchen 
ich am Espejo im Bivouac traf, und der fich befonders über 
meine Brille wunderte, fetzte ich eine Brille auf, und mit diefer 
verfehen zeigte der Mann eine ganz erftaunliche Aehnlichkeit 
mit dem Maler Dieffenbach, wie fich derfelbe in den achtziger 
Jahren in München zu zeigen pflegte. Die Frauen, welche ich 
am Pet Ha gefehen, hatten ihre Haare in einen Wulft zufammen- 
gebunden und liefsen fie auf den Rücken herunterhängen; am Ende 
des Wülftes hatten fie ein Bündel Papageienfedern vom Guacamaya 
(mo) und Loro (chochö) angebracht. Als Schmuck tragen Männer 
und Weiber Halsketten von durchbohrten Schneckengehäufen, 
Knöchelchen, Mufchelftückchen, Glasperlen, Blumenkelchen *). 

Die Wohnhäufer find fehr leichte, auf vier Pfeilern ruhende 
Plütten, ohne Wand, vierkantig; am Pet Ha-See war an einer 
Hütte eine Kurzfeite halbkreisförmig abgefchloffen. Die Ermita 
(das heidnifche Heiligthum) der Ukes am Izan-See dagegen war 
an beiden Kurzfeiten halbkreisförmig gebildet, ruhte aber gleich 
den anderen Mayahäufern auch auf vier im Inneren befindlichen 
Pfeilern; um Unberufenen den Einblick ins Heiligthum zu wehren, 
war das Dach bis faft zur Erde herab verlängert und liefs nur 
einen niedrigen Eingang frei**). In der Cariben- Anfiedelung am 
Pet Ha dagegen wurde mir der Zugang zur Ermita verwehrt; 
meine Führer aber befuchten diefelbe unbemerkt und machten 
mir eine Befchreibung davon, welche im Allgemeinen mit meinen 
früheren Erfahrungen von Izan zufammenftimmte. 

Wenn man in Izan durch den niedrigen Eingang an der ört- 
lichen Langfeite ins Heiligthum eintrat, fah man dem Eingänge 
gegenüber zwei Hängebretter (Tapescos), auf welchen eine 
Anzahl von Thonfchalen , je mit einer dem Rande aufgefetzten 
Gefichtsmaske ***) , ftanden; ferner auf niedrigen Pfoften einige 

J einer F rau in Izan fah ich aüch einen trefflich gearbeiteten ringförmigen 

Stein mit Figuren. 

**) Zur Stütze des Daches dienten eine Anzahl fchwacher Pfeilerchen nahe der 
Peripherie. 

) ^ergl. Di. E. Sei er, Alterthümer aus Guatemala in »Veröffentlichungen 
aus dem K. Mufeum für Völkerkunde zu Berlin«, IV. Bd., i. Heft, 1895, S. 25. 


— 264 — 

Bretter, auf welchen Wachskerzen abgebrannt worden zu fein 
fchienen ; lange fchwarze Wachskerzen hingen am Gebälke. 
Grofse und mittelgrofse Thongefäfse ftanden am Boden, ferner 
einige fauber gearbeitete, vierfüfsige Stühlchen, auf deren einem 
Pfeilfpitzen lagen, dann zwei Holztröge mit mannigfachen Gegen- 
ftänden , Gefäfse mit Copal , Stäbchen mit einer Scheibe vorn 
(zum Einwerfen von Räucherwerk ins Feuer?), einige Muflk- 
inftrumente. Auf den Balken lagen Bogen und Pfeile, während 
vor der Ermita ein Topf mit noch unbearbeiteten Feuerftein- 
fpitzen ftand. Am örtlichen Dache ftaken zwifchen frifchen 
Palmblättern Vogelfedern, befonders vom Guacamaya, und Unter- 
kiefer und Schädel von Affen. Der Eindruck, welchen der 
Befucher eines folchen Heiligthums bekommt, ift ein ganz eigen- 
artiger, und unwillkürlich fchweifen die Gedanken zurück zu 
den Vorfahren diefer jetzt fo fcheuen und furchtfamen Leutchen, 
als diefe noch als ein gefürchtetes Volk die weiten Urwälder 
beherrfchten und mit unübertrefflicher Treue am alten Glauben 
und an den alten Sitten fefthielten. Noch immer wird diefer 
alte Glauben von den Lacandonen hochgehalten, noch immer 
hängen fle fo manchen alten Gebräuchen an und mit Bedauern 
fleht der Ethnologe, dafs es wahrfcheinlich nicht gelingen wird, 
etwas Sicheres darüber in Erfahrung zu bringen, denn das Völk- 
chen fchmilzt zufehends zufammen — als Todesurfache wird 
meiftens »Katarrh« angegeben — und es ift nicht zu hoffen, dafs 
fleh in abfehbarer Zeit, fo lange es dazu nicht zu fpät wird, ein 
Forfcher der fchwierigen Arbeit unterziehen wird, darüber aus 
dem Munde der Lacandonen felbft Klarheit zu schaffen. Es find 
ja freilich viele Naturvölker auf Erden zur Zeit bereits dem Aus- 
fterben nahe, und von ihnen allen wären wohl wichtige und 
intereffante Aufschlüffe zu erhalten; von besonderem Interesse 
aber müfste es doch fein , den Glauben der Lacandonen zu 
belauschen und ihren Gebräuchen nachzugehen, da daraus trotz 
der gewifs bereits ftark veränderten und vereinfachten Form 
doch noch manches unfehätzbare Licht auf die vielfach dunkle 
Mythologie und die merkwürdigen Gebräuche des alten Cultur- 
volkes der Maya fallen dürfte. 

Was ich bei meinen beiden Befuchen von Lacandonenanflede- 
lungen (1891 'am Izan-See, 1894 am Pet Ha-See) davon gefehen 


— 265 — 

habe, ift nicht der Rede werth; an beiden Orten gaben fich die 
Leutchen als freundliche, fanfte, aber fcheue Geschöpfe, die jeden 
Verfuch, über ihre Religion zu fprechen (fo weit ihr fehr gebroche- 
nes Spanifch fo etwas überhaupt geftatten würde) , mit grofser 
Entfchiedenheit zurückwiefen. Eine gewiffe naive Neugier zeig- 
ten befonders die Frauen, und nur fchüchtern fp rachen fie den 
Getränken zu, welche ich ihnen allen vorfetzte. Bei den Lacan- 
donen herrfcht Vielweiberei; eine grofse Kinderzahl habe ich 
aber nirgends bemerkt; am See Pet Ha wohnten in den zwei 
Häufern, die ich befuchte, zwei junge Familien: eine Haushal- 
tung beftand nur aus einem Manne und einer Frau, die andere 
aus einem Manne, zwei Frauen und einem Kinde. Die Lacan- 
donenhaushaltung, welche ich in Izan fah, beftand aus einem 
Manne, zwei Frauen und mehreren Kindern; ein anderes Haus 
gehörte einem jungen Manne, dem wir unterwegs in feinem 
Nachen begegneten; ein drittes Haus ftand leer und war durch 
einen Zaun abgefperrt: man verficherte mich, dass der Befttzer 
geftorben und im Innern des Hauses begraben fei; feine Geräthe 
bleiben unbenutzt im Haufe liegen; die übrigen Infaffen zogen 
aus und bauten eine neue Hütte. — Wenn bei den Lacandonen 
Frauenmangel herrfcht, fo begnügen fich zwei Männer auch mit 
einer Frau; ich habe aber diefen Fall nicht felbft beobachtet. 

Bei den Lacandonen im örtlichen Chiapas follen die Leich- 
name im Walde auf einen Holzroft in einer nur handtiefen Grube 
gelegt und mit Laub und Erde beftreut werden, fo dafs fie alfo 
den Thieren zum Frafse dienen könnten. Gewiffes ift mir über 
diefen merkwürdigen Brauch nicht bekannt. 

Die Lacandonen bemalen fich zu ihren Feften und bereiten 
fich aus Honig und der Rinde des Balche-Baumes ein beraufchen- 
des Getränk (Balche). Bis vor Kurzem kamen eine Anzahl 
Lacandonen (wahrfcheinlich von Lacanjä aus) nach den Ruinen 
von Menche Tunamit, um ihre Fefte zu feiern und ihren Göttern 
zu opfern, wobei fie ihre Opferfchalen im Tempel zurückliefsen. 
Genaueres über den Verlauf ihrer Fefte ift aber nicht bekannt. 

Die Cariben von Izan find mittlerer Gröfse , von ziemlich 
fchmächtigem Körperbau, häufig mit Tina, einer eigenthümlichen 
Hautkrankheit, behaftet. Dagegen find die Lacandonen im ört- 
lichen Chiapas ziemlich grofs und ftark; über ihre Körperhöhe 


266 


geben ihre Bogen einigen Aufschlufs, da die Länge der Bogen 
fast genau der Höhe ihrer Befitzer entfpricht. Die Haare find 
fchwarz, ftrafif, lang; bei Männern ein fehr dünner Schnurr- und 
Knebelbart; Stirn breit, niedrig, Backenknochen vorftehend, Kinn 
fchmal, Augen zuweilen ein klein wenig fchief geftellt, fchwarz. 
Nafe meiflens krumm, öfters typifche Adlernafen. Die Lacan- 
donen , welche ich gefehen , waren von fchmutzigem Aeufseren, 
hatten wirres Haar und fchmutzige, viel geflickte, fchmucklofe 
Gewandung. 

Die Mufikinftrumente, welche ich in Izan gefehen, beftanden 
aus einer hölzernen Rohrflöte (Flageolet), einer kleinen Trommel 
(oder richtiger Pauke: ein faft krugförmiges Holzbecken, mit Fell 
überfpannt), welche, mit einem hölzernen Schlegel angefchlagen, 
einen paukenartigen Ton gab, und mehreren Guitarren mit zwei 
fich entgegenftehenden Armen; das Ganze beftand entweder aus 
einem Stück, oder aber war das Mittelftück aus einer Guacal- 
fchale gebildet; ich beobachtete zwei F- Löcher, einen Steg und 
fechs Saiten , aus Bindfaden gedreht. Leider ifl es mir nicht 
möglich gewefen, irgend welche mufikalifche Leiftung der Lacan- 
donen zu hören; es ift nicht unmöglich, dafs in ihren Weifen 
wie auch in ihren Gebeten noch Refte ihrer alten Kunft erhalten 
find, doch fürchte ich, dafs wir bei dem Mifstrauen diefer armen 
Leute, die wie gehetztes Wild in den Wäldern häufen, nie etwas 
darüber erfahren werden. Am eheften dürfte fich noch alte Art 
und Sitte in den Wäldern von Chiapas erhalten haben, wo 
mehrere Anfiedelungen aufgefunden worden find, deren Bewohner 
noch niemals Weifse oder Mifchlinge gefehen hatten (1893). 
Aber fast alle haben fich in die tieferen Wälder zurückgezogen 
und zumeift genügt fchon das einmalige Erfcheinen weifser Leute, 
um fie zum Verläufen der alten Wohnfitze zu bewegen. Als 
Holzfäller vor einigen Jahren am Lacanjä ein gröfseres Cariben- 
dorf gefunden hatten und wenige Tage fpäter dahin zurück- 
kehrten, fanden fie das Neft leer, die Geräthe aus den Häusern 
mitgenommen, Fruchtbäume (Bananen) und andere Nutzgewächfe 
(Baumwolle, Chile u. a.) aber umgefchlagen und zerftört. 


Die Gebräuche und religiöfen Anfchauungen der 

Kekchi-Indianer *). 


Es ift ungemein fchwer, einen einigermafsen richtigen Ein- 
blick in das Denken und Fühlen eines fremden Volksftammes 
zu bekommen und es bedarf jahrelangen, innigen Verkehrs und 
fortgefetzter, ernfter Beobachtung, um die Charaktereigenthüm- 
lichkeiten zu erkennen und die Handlungsweife richtig zu ver- 
ftehen. Am fchwierigften aber ift es vielleicht, die religiöfen 
Anfchauungen zu ergründen, denn es läfst fich Niemand gern 
auf den Grund der Seele fchauen, und wenn Mifstrauen und 
Voreingenommenheit befteht, gewifs er ft recht nicht. 

So habe ich denn auch Jahre lang unter den Kekchi- 
Indianern gelebt, habe ihre Sitten und Gebräuche beobachtet 
und das Vertrauen diefer etwas verfchloffenen Leutchen zu 
gewinnen gefucht — und trotz alledem ift es mir bis vor Kurzem 
niemals gelungen, etwas Näheres über ihre religiöfen Anfchau- 
ungen zu erfahren. Dem Namen wie ihrer eigenen Anficht nach 
find die Kekchi-Indianer katholifche Chriften, wie faft alle mittel- 
amerikanifchen Indianer, aber wenn man ihr Thun und Treiben 
fieht, fo fällt einem bald auf, dafs ein gut Stück alten Heiden- 
thums noch in ihren Gebräuchen und Anfchauungen fleckt und 
es liegt auf der Hand, dafs es von grofsem Intereffe fein müfste, 
die Mifchung der chriftlichen und heidnifchen Elemente in ihrem 
Glaubensbekenntniffe kennen zu lernen, und von letzterem aus 
zugleich auf den früheren Glauben diefes Volkes zu fchliefsen. 

Anfänglich hörte ich nur von gewiffen abergläubifchen 
Anfchauungen, fo vom Kek**), einem böfen, nächtlich umgehen- 

*) Vergl. Internationales Archiv f. Ethnographie. Bd. VIII, S. 195 bis 215. 

**) Ich fo lg e in der Schreibweife indianifcher Wörter genau der S'toll’fchen 
Orthographie (vergl. O. S toll, »Zur Ethnographie der Republik Guatemala«, 
Zürich 1884.) 


268 


den, bei Tage in Geftalt einer Kuh lebenden Geifte, oder von 
Verhexungen der Maisfelder oder Menfchen, ausgeübt von india- 
nifchen Zauberern — meift Betrügern, welche in def einträglichen 
Entzauberung ihr Gefchäftchen machen. Der hierbei zu Tage 
tretende Aberglaube ift zwar manchmal recht eigenartig, aber er 
dürfte doch kaum vollftändig wurzelecht fein. 

In den Gebräuchen, welche die Kekchi- Indianer auf Reifen 
und bei der Jagd, beim Säen und Ernten ihrer Maisfelder, bei 
Beerdigungen und etlichen Feften beobachten, fiel mir zwar 
manches Eigenartige auf, ftets aber fehlte mir die Erklärung: 
ich konnte den Sinn, den Zweck diefer Gebräuche nicht erfaffen 
da ich nichts von ihren religiöfen Anfchauungen in Erfahrung 
bringen konnte. 

Endlich brachte mich ein Zufall meinem Ziele näher, als 
ich mich einmal (1893) in der Nähe von Zapaluta (Chiapas) auf- 
hielt. Die dortigen Indianer (Tzentales) hatten ein Reh gefchoffen 
und nach ihrem Haufe gebracht; ehe fie daffelbe aber abhäuteten, 
hoben fie ihm den Kopf in die Höhe und verbrannten vor dem- 
felben ein Rauchopfer von Copal*). Ich gab meiner Verwunde- 
rung über die feltfame Sitte Ausdruck, und Sebaftian Botzoc, 
ein Kekchi-Indianer von Campur, welcher mich auf diefer, wie 
1 vielen früheren Reifen begleitet hatte, erklärte mir, dafs die 
Kekchi-Indianer eine ganz ähnliche Sitte befolgten, da fonft der 
Tzultaccä**) böfe werden könnte und ihnen in der Zukunft kein 
Wild mehr in den Weg fchicken würde. Die Zunge war ihm 
gelöft und er erzählte mir in der Folge Mancherlei von ihren 
Sitten und Gebräuchen und vom Tzultaccä. 

Als ich darauf im Jahre 1894 eine halbjährige Reife nach 
dem Peten, nach Belize, Yvfeftan, Tabasco und Chiapas unter- 
nahm, begleitete mich, aufser zwei jungen Kekchi-Indianern, der- 
felbe Sebaftian Botzoc, und ich hatte nun hinreichende Gelegen- 
heit, sein- Glaubensbekenntnifs und feine Gebete zu belaufchen. 


*) Copal ift das Harz eines Baumes von niedrigem Wuchfe , der in ziemlich 
trockenen Gebieten Mittelamerikas bis zu einer Meereshöhe von etwa 1550111 herauf 
gefunden wird. In der Trockenzeit gewinnt man das Harz des Copalbaumes rein 
(weifses Copal), in der Regenzeit vermifcht man es mit anderen Harzen (fchwarzes 
Copal). 

**) »Tzultaccä« heifst wörtlich »Berg (und) Thal« oder auch »Fufs des Berges«. 


— 269 — 

Ich fage ausdrücklich, fein Glaubensbekenntnifs , denn wenn 
fchon im Allgemeinen Jedermann feine individuelle AufTaffung 
in Glaubensfachen hat, fo find bei einem fo ungleichförmig von 
europäifchem Einflüße berührten Völkchen, wie dem der Kekchi- 
Indianer, die Unterfchiede noch viel .gröfser: Die in Coban und 
Umgebung wohnenden Indianer haben fleh in ihren Gebräuchen 
und Anfchauungen fchon ziemlich ftark den Mifchlingen genähert, 
während die fernab, in entlegenen Gegenden wohnenden Indianer 
in vielen Fällen den alten Sitten treu geblieben find und ein 
p-ut Theil Heidenthum in ihrer Seele bewahrt haben. Es fcheint, 

o 

als ob fchon in alter Zeit — vor der Einführung des Chriften- 
thums — zwifchen den Bewohnern verfchiedener Landftriche, 
wenn auch Angehörigen eines und deffelben Stammes, mannig- 
fache Unterfchiede in Sitten und Gebräuchen, in Cultus und 
Glaubensansichten beftanden hätten, denn es hatte fchon damals 
in der Verapaz, wie in manchen anderen Gebieten von Mittel- 
amerika, weitgehende politifche Decentralifation geherrfcht, was 
der Entwickelung von Sondergebräuchen und Sonderculten in 
verfchiedenen Landfchaften ohne Zweifel Vorfchub geleifbet hat. 
Ich mache deshalb auch keinen Verfuch, die hauptfächlichfte 
Göttergeftalt der Kekchi- Indianer, Tzultaccä, mit irgend welcher 
Gottheit der Maya-Mythologie zu identificiren, fondern will kurz 
und bündig berichten, was mir mein Gewährsmann, in neben- 
fächlicheren Dingen auch andere Perfonen, erzählt haben. 

Es ift vielleicht am beiden, wenn ich den verehrten Lefer 
einlade, mich in Gedanken auf meiner Reife zu begleiten und 
meinen Beobachtungen der Reihe nach zu folgen, denn ich ver- 
fpreche mir von diefer Art der Darftellung den Nutzen, dafs 
meine Angaben weniger fubjectiv gefärbt erfcheinen dürften, als 
wenn ich ein trockenes Syftem der Kekchi-Dogmatik vorlegen 
wollte. 

Obgleich ich in einer Reihe von Jahren eine gewiffe Uebung 
im Gebrauche der hier gefprochenen Indianerfprache erlangt 
habe, fo war mir doch der Umftand hinderlich, dafs meine india- 
nifchen Begleiter, die allerdings nur fehr wenig Spanifch sprachen, 
mit mir ausfchliefslich Kekchi fprachen, wodurch mir das Ver- 
ftändnifs ihrer Erzählung oft erfchwert wurde. Ich glaube aber 
nicht, dafs fich aus diefem Grunde irgendwo ein Mifsverfländnifs 


— 270 — 

.eingefchlichen habe, bin aber andererfeits überzeugt, dafs mir 
mein Gewährsmann überhaupt feine Anfchauungen und Gebete 
nicht mitgetheilt hätte, wenn ich nicht Kekchi fprechen und ver- 
liehen würde ; denn wer zu einem folchen Indianer nicht in feiner 
Sprache fpricht, der erringt auch nicht fein Vertrauen. Meine 
drei Indianer , mit denen ich innerhalb fechs Jahren alljährlich 
lange Reifen zufammen gemacht hatte, und die bisher ftets 
Schweigen bewahrt hatten, vertrauten mir ihre Mittheilungen faft 
wie ein Geheimnifs an , und als ich die unterwegs mehrfach 
gehörten Gebete aufzeichnen wollte, dictirte mir fie Sebaftian 
Botzoc nur dann, wenn wir Beide ganz allein waren; nicht ein- 
mal feine beiden Gefährten durften dabei fein! 

* 

Die Gebete, welche Sebaftian Botzoc zu beten pflegte, 
zeigen eine alterthümliche Form; auch wenn ihr Inhalt nicht 
heidnifcher Art ift, fondern der chriftliche Gott angefprochen 
wird, werden demfelben folche Attribute beigelegt, dafs man 
fofort erkennt, dafs diefe Gebete von indianifchen Autoren, nicht 
von chriftlichen Geiftlichen herftammen. Wenn der Indianer z. B. 
den Chriftengott alfo anfpricht: »at in nä, at in yukvuä« (»Du 
b i ft meine Mutter, du b i ft mein Vater«), fo ift das eine echt 
indianifche Anfchauungsweife , die .ähnlich auch mehrfach im 
Popol Vuh, dem bekannten alten Quiche-Manufcript, zum Aus- 
drucke kommt. Auch durch ihre poetifche Form zeigen diefe 
chriftlichen Gebete ihren rein indianifchen Urfprung, denn in 
allen bemerkt man die eigenthiimliche Erfcheinung von Parallelis- 
mus oder Antithefen einzelner Worte, womit häufig noch ein 
gewiffer Gleichklang verbunden ift; ungemein häufig ift auch ein 
beftimmter Begriff in einem zweiten erklärenden Sätzchen mit 
anderen Worten wiederholt, eine Eigenthümlichkeit, die man noch 
jetzt in der Umgangsfprache der Kekchi -Indianer öfter bemerkt. 
Als Beifpiele von Parallelismus oder Antithefen einzelner Worte 
mögen folgende angeführt fein: rubel a cvuok, a cvuuk (»unter 
deine Fiifse, deine Hände«), se li chinal, se li nebail ( in 
der Kleinheit, in der Armuth«), sa oxib ke, sa oxib eutan 
(»in drei Sonnen, in drei Tagen«), chirä chisa (»in Leid 
und Freud«). 


— 271 — 

Es war im Januar 1894^ a ^ s ich m it drei Kekchi- Indianern 
als Trägern zu Fufs durch die dichten Wälder der nördlichen 
Alta Verapaz und des füdlichen Peten nordwärts wanderte. Ich 
hatte dabei zunächh keinerlei Gelegenheit, irgend welche neue 
Beobachtung zu machen ; in beftimmten Zwifchenräumen, gewöhn- 
lich nach je etwa 2 km, bei heilen Bergen oft fchon nach 1 km, 
pflegten meine Träger auszuruhen, und nach der Zahl folcher 
Rallen wird von den Kekchi-Indianern die Entfernung angegeben. 
Die Entfernung von einem Raftplatze zum anderen heifst im 
Kekchi »hil« . 

An den Pafs übergängen p flegen fämmtliche, zur Mayavölker- 
Famili e gehörig^lndian er" von Guatemala undJI hiapas.*.). Kreuze 
aufzuflellen , welchen die Vorübergehenden ihre Verehrung in 
befonderer Weife zollen. Gewöhnlich trägt der Indianer, der 
zum erften Male einen folchen Pafs überfchreitet , einen Stein 
herbei, fo dafs bei diefen Kreuzen oft anfehnliche Steinhaufen 
gefehen werden. Häufig werden auch Opfer in Gehalt von 
Blumen oder grünen Zweigen vor dem Kreuze niedergelegt oder 
an daffelbe gebunden, und es ih bemerkenswert!! , dafs oft bei 
weit entfernten Stämmen (z. B. Choles in Chiapas und Kekchi- 
Indianer in Guatemala) diefelben Blumenarten dafür verwendet 
werden. Ueberall, wo Kiefern Vorkommen, find Kiefernzweige 
als Opfer gebräuchlich, wie denn überhaupt dieTGefenTbei india- 
nifchen Fehen eine gewiffe Rolle fpielen, weshalb he auch von 
den Kekchi-Indianern in den feuchten Urwaldgebieten der nörd- 
lichen Alta Verapaz, wo keine Kiefern mehr wild Vorkommen, 
neben ihren Ermiten gepflanzt werden. Bei bedeutfamen Berg- 
päffen bringt der Kekchi-Indianer auch Rauchopfer dar, indem 
er eine gewiffe Menge Copal vor dem Kreuze verbrennt und 
fein Gebet dazu fpricht. Bei manchen Pafsübergängen wird 
zudem getanzt. Kommt der Kekchi-Indianer auf feiner Reife über 
einen Pafs, wo kein Kreuz ih, fo bringt er trotzdem die gewohnten 
Opfer dar, richtet aber fein Gebet nicht an den chrihlichen Gott, 
fondern an feine heidnifche Hauptgottheit, den Tzultaccä. 

Der Tzultaccä fpielt überhaupt für den reifenden Indianer 

*) In Yucatan habe ich diefen Gebrauch nicht mehr bemerkt, während die 
Mayas des Peten ihm noch huldigen. In Yucatan fieht man aber auf viel began- 
genen Wegen oft kleine Kreuze in der Entfernung von je einer I.egua. 



— 272 — 

eine wichtigere Rolle als der chriftliche Gott, denn er ift gewiffer- 
mafsen der Gott des Waldes und des Waffers, der Thiere, kurz 
der gefammten Natur überhaupt, und fo wendet lieh dann der 
Kekchi -Indianer bei allen möglichen Gelegenheiten an ihn mit 
feinen Gebeten und richtet fich in feinen Gebräuchen allenthalben 
nach dem Willen diefes Gottes. Während unferer Reife im 
Peten legte Sebaftian Botzoc alle Morgen und Abende 
glühende Kohlen auf ein grofses Blatt, nahm es vor das Lager 
und zwar in der Richtung des einzufchlagenden Weges, ver- 
brannte fein Rauchopfer von Copal und betete zum Tzultaccä, 
und zwar hauptfächlich um Jagdbeute (f. S. 289). Später, als 
wir durch bevölkerte Gegenden kamen, wo keine Jagdbeute mehr 
zu erhoffen war, unterliefsen meine Indianer diefe Gebete. 

Das häufigfte Jagdwild in den feuchten Urwaldgebieten des 
nördlichen Mittelamerika find Pavos (pu), Hoccohüher (chakmut*) 
und Wildfehweine (chacö = Jabalf; die zweite Wildfehweinart ak 
ift feltener). Im Gebiete der Sabanen und trockenen Wälder 
find die beiden Rehforten des Landes (quej und tyuc) die häu- 
figfte Beute. Aufserdem werden häufig Tepescuintles (halau), 
Taltusas (ba), Cotusas (acam) und die beiden Affenarten (patz 
und max**) ihres Fleifches wegen von den Indianern gejagt, 
aufserdem faft alle Vögel des Waldes, darunter auch die rothen 
und grünen Papageien (mo und chochö). Letztere find aufser- 
ordentlich zähe und die Kekchi-Indianer legen fie daher vor dem 
Kochen, gewiffermafsen um fie recht jung und zart zu machen, 
in die aufgehängte Hängematte, wiegen fie darin hin und her und 
pfeifen dazu, als ob fie ein kleines Kind in den Schlaf wiegen wollten. 

Kleine Vögel werden gerupft, aber unausgenommen am 
Spiefse gebraten und fammt den Eingeweiden verzehrt. Gröfsere 
Thiere werden ausgenommen, aber die Gedärme nur entleert, 
ausgewaschen und zum Effen verwendet , denn die Indianer 
glauben, dafs der Tzultaccä böfe würde und in Zukunft kein 
Wild mehr hergäbe, wenn irgend etwas Efsbares fortgeworfen 

*) Chakmut oder chajmut ift eigentlich kein Kekchi-, fondern ein Chol-Wort 
und bedeutet »rot her Vogel». Die Mayas des Pet6n nennen das fchwarze Männchen 
»bok c’hich«, das braunrothe Weibchen »chaj ch’ich«. 

**) Die wiflenfchaftlichen Namen der genannten Thiere find mir nicht bekannt, 
foweit fie nicht von O. Stoll (»Guatemala«, Leipzig iSS6, S. 1 97 » °ü er »Ethno- 
logie dei Indianerftämme Guatemalas», Leiden, 1889, S. 25) genannt find. 


— 273 — 

würde. Es darf daher auch nie ein Stück von einem lhiere 
zurückgelaffen werden. Um das Fleifch für längere Zeit aufzu- 
bewahren, und es zugleich leichter für den Transport zu machen, 
wenden die Indianer ein eigenthümliches Dörrverfahren an (chinanc 
in Kekchi): es wird ein Feuer angezündet, darüber aus leichten 
Holzftäben eine Art Roft gemacht und das zerlegte Wild darauf 
gelegt und von Zeit zu Zeit umgewendet. Gröfsere Stücke 
müffen die ganze Nacht über dem Feuer liegen, um haltbar zu 
werden. Es geht bei diefem Dörrverfahren allerdings- ziemlich 
viel Fett verloren, aber das Fleifch bleibt — auch im heifsen 
Lande — auf etwa acht Tage haltbar; das gedörrte Fleifch wird 
für den Genufs gekocht und giebt noch eine annehmbare Fleifch- 
brühe. Die Gedärme gröfserer Thiere (z. B. des Wildfehweines) 
werden fauber ausgewafchen , in Blätter gewickelt , und beim 
Dörren des Fleifches mit auf den Roft gelegt,, und fo gewiffer- 
mafsen gedämpft (lanchä in Kekchi). Das Fleifch der Rehe wird 
häufig — wie Ochfenfleifch — in dünne Striemen gefchnitten, 
eingefalzen und an der Luft getrocknet und heifst in folcher 
Zubereitung taxax in Kekchi. 

Als Merkwürdigkeit fei hier noch erwähnt, dafs die Kekchi 
redenden, im Uebrigen von den Kekchi -Indianern ftark abweichen- 
den Tribus der CajaboY)eros und Languineros, d ie Sitte ha ben, 
das Fleifch gewiffer Schl angen, wie Icvolai, Otooi, K’anajij, 
Ahauchan u. a: zu geniefsen, was die übrigen Kekchi -Indianer 
mit Abfcheu erfüllt. Auch Schildkröteneier, welche von Mayas 
und Lacandonen gefammelt und gegeffen werden, weifen die 
Kekchi -Indianer zurück. Dagegen find fie grofse Liebhaber von 
Wafferfchnecken (pur)*), welche gekocht werden; man fchlägt 
ihnen dann den Wirbel oben ab (wofür die Indianer das befondere 
Zeitwort puric anwenden), und fchlürft fie aus. Mufcheln effen 
die Kekchi -Indianer nicht, fammeln aber davon Schalen, ebenfo 
wie die Gehäufe der Wafferfchnecken, um Kalk daraus zu brennen, 
den fie dann für das Kochen des Maifes. verwenden. Fifche 
werden von den Kekchi -Indianern gern gegeffen; fie fangen fie (in 
Chamä) mit Netzen, an welchen thönerne Ringe als Befchwerer 
angebracht find, ftatt Blei. 


*) Verfchiedene Arten von Melanda (Pachychilus). 
Sapper, Das nördliche Mittelamerika. 


- 274 — 

Ohne befondere Vorkommniffe hatte ich mit meinen Kekchi- 
Trägern das Peten durchwandert und fuhr in einem Ruderboote 
auf dem Rio Viejo nach Belize hinunter. Da gab es nun zu 
fehen und zu Raunen für meine guten Indianer; andere Menfchen, 
eine andere Sprache, andere Sitten, anders gebaute Häufer, 
andere Culte ! Meine Indianer gaben ihre täglichen Gebete und 
Opfer auf und wurden mit einem Schlage religionslos. Die Macht 
des Tzultaccä reiche nicht bis hierher, meinten fie, denn in Belize 
werde eine fremde, für ihn unverftändliche Sprache gefprochen, 
und als ich fie verficherte, dafs der chriftliche Gott, li kacvuä 
Cruz, auch hier verehrt werde, und ihre Kekchi- Gebete ebenfo 
gut verftehe, als in Coban oder S. Pedro, glaubten fie mir nicht. 
Sie erklärten mir, dafs bei den Kirchen von Belize keine Kreuze 
angebracht wären, wie in Guatemala, und dafs es alfo auch ein 
anderer Gott fein müffe. Ich zeigte ihnen nun die katholifche 
Kirche mit dem Kreuze auf jedem Thurme und nahm Sebaftian 
Botzoc in den Convent von S. Jofeph mit (wo die Jefuitenpaters 
eine meteorologifche Station errichtet haben); aber trotzdem 
fchüttelten fie den Kopf und blieben dabei, dafs Gott hier eine 
andere Sprache fpreche und fie nicht verliehen würde. Sie Hellten 
nun zwei volle Monate alle Religionsübungen ein (abgefehen von 
einem einzigen Kirchenbefuche in Merida am Charfreitag), bis fie 
im Verbreitungsgebiete der Cholas in Chiapas auf einer Pafshöhe 
(zwifchen Sabanilla und Tila) einige grofse hölzerne Kreuze mit 
daran gebundenen Blumen fanden; da begann Sebaftian Botzoc 
für fich und die anderen wieder in gewohnter Weife die Andachten 
zu verrichten. 

In den kleinen Dörfern im Innern Yucatans wurde uns 
gewöhnlich zum Uebernachten eine Hütte angewiefen, welche 
für die Anwohner zugleich als Kirche diente. Mit Erftaunen 
beobachtete ich, dafs innerhalb derfelben fich Spuren von Gräbern 
zeigten und erfuhr, dafs die Angehörigen derjenigen Familien, 
welche die Kirche erbaut hatten, darin begraben würden, während 
die übrigen Dorfbewohner auf dem offenen Friedhofe beerdigt 
würden. Im Norden und Wellen der Halbinfel befteht diefer 
Gebrauch nicht mehr und unter den Indianerftämmen von Tabasco, 
Chiapas und Guatemala ebenfo wenig*), mit alleiniger Ausnahme 


*) Bei den Maines fall ich wohl, dafs auf dem Friedhofe über einzelnen 


— 275 — 

der echten Kekchi-Indianer, welche — wenigftens auf dem 
Lande — mit grofser Pietät diefen Gebrauch innehalten: eine 
Anzahl von Familien, gewiffermafsen eine Genoffenfchaft bildend, 
that fielt zur Errichtung eines folchen Begräbnifshaufes (Ermita 
oder Hermita) zufammen, das zugleich als Verfammlungsort bei 
Feftlichkeiten und als Kirche (Aufbewahrungsort des Heiligen- 
bildes) benutzt wird; die Leitung der Gefchäfte beforgen eine 
Anzahl hervorragender Männer, deren Oberhaupt (Xbenil) die 
Oberaufficht führt und beftimmt, an welchem Platze eventuell 
ein Geftorbener zu begraben ift u. dergl.; ein Anderer macht 
den Kaffirer und fo fort. Stirbt der Xbenil, fo rücken die 
unteren Chargen je um eine Stufe höher hinauf; das Amt des 
Obmannes ift daher nicht etwa erblich, fondern kann nur durch 
vorherige Bekleidung der niedrigeren Aemter erreicht werden. 
Geldabgaben, oder perfönliche Arbeitsleiftungen (z. B. Neu- 
deckung des Daches oder Wiederaufbau des fchadhaft gewor- 
denen Haufes) , müffen gleichmäfsig von allen Genoffenfchafts- 
mitgliedern geleiftet werden; w.er feinen Beitrag nicht leiftet, 
verliert das Recht auf das Begräbnifs innerhalb der Ermita. 

Wie oft hatte ich fchon in folchen Ermitas der Alta Verapaz 
gewohnt, wie oft auch indianifche Beerdigungen mit angefehen, 
ohne jemals die Urfache und den Zweck der eigenthümlichen 
Gebräuche zu verftehen oder befriedigende Antwort auf meine 
Fragen zu erhalten. Nun ich aber im fernen Yucatan etwas 
Aehnliches beobachtete, verfuchte ich abermals mein Glück und 
es fchien, als ob die Ferne der Heimath meinen Begleitern die 
Zunge gelöft hatte. Ich erfuhr nun, dafs die Kekchi-Indianer 
den Glauben haben, die Seele (änum)* *) der Verftorbenen müffe 
unmittelbar nach dem Tode beginnen, die nämlichen Reifen 
abermals zu machen, welche der Lebende ausgeführt hatte, aller- 
dings mit der Einfchränkung, dafs nur diejenigen Wege zurück- 
gelegt werden müffen, wo der Lebende fich felbft direct mit den 
Bewohnern verftändlich machen konnte, und wo er keine Flufs- 


Gräbern Hütten errichtet waren; dagegen fehlen dort Häufer, in denen eine 
gröfsere Zahl von Todten beerdigt werden. 

*) Das Wort »änum« ift möglicherweife eine Verfttimmelung des fpanifchen 
»anima«; doch ift es auch möglich, dafs es ein echtes ICekchi-Wort ift, da das 
Herz der Thiere auch fo von den Kekchi - Indianern genannt wird. 

iS* 


— 276 — 

oder Meerfahrt zu machen brauchte. So z. B. meinten meine 
Indianer, fie müfsten nach ihrem Tode nur bis El Cayo (Belize) 
gehen, da dafelbft im Leben die Flufsfahrt begonnen habe, 
müfsten auch nicht zu Lande nach Yucatan gehen, da Gott 
dafelbft eine andere Sprache fpricht — nämlich Maya — und 
fie nicht verftände. 

Nach Ausführung jeder einzelnen Reife kehrt die Seele nach 
der heimathlichen Ermita zurück und ruht dort aus, fich mit den 
Seelen der Nachbarn unterhaltend, bevor fie eine neue Reife 
antritt. Damit die Seele für diefe Reifen gut vorgefehen fei, 
wird der Leichnam vor der Beerdigung (wo möglich) mit einer 
neuen Kleidung bekleidet und in eine Binfenmatte (pop) gewickelt, 
auf welcher die Seele dann auf ihren Reifen fchlafen kann. Aufser- 
dem bekommt der Todte folgende Gegenftände mit ins Grab: 
feinen Hut (punit), einen thönernen Kochtopf (xar), einen Guacal, 
d. h. die gebräuchliche hölzerne Trinkfchale (jom), eine Taffe 
(sec), eine Serviette, d. h. eben ein Tuch zum Einwickeln der 
Nahrungsmittel (masbael), Sandalen (xap), ein Tragband (tap), 
ein Tragnetz (champä), Feuerzeug, d. i. Zunder, Feuerftein und 
Stahl (jutp), ein Regendach aus Blättern der Corozopalme (mococh) 
und den dazu gehörigen Bindfaden (lix k’am li mococh) ; kurz 
Alles, was der Indianer zur Reife nöthig hat, mit Ausnahme der 
jetzt allgemein gebräuchlichen wollenen Decke (is), da man 
glaubt, dafs die Wolle — als thierifches Erzeugnis? — im 
Grabe Zähne habe und die Seele beifsen würde. Dem Todten 
wird beim Begräbniffe auch ein Rofenkranz zwifchen die Finger 
der rechten Hand gelegt und zwar fo, dafs das Kreuz am 
Daumen ruht. 

Sollte irgend etwas an der Reifeausrüftung des Todten ver- 
gel'fen worden fein, fo kommt die Seele zu ihrem nächftftehenden 
lebenden Verwandten, d. h. fie erfcheint ihm im Traume (nabuchic) 
und verlangt das Vergeffene. Da es nun nicht angeht, das Grab 
des Todten wieder zu öffnen, oder dies überhaupt unmöglich 
ift, wenn nämlich der Betreffende fernab von feiner Heimath 
verdorben, fo giebt man die vergeffenen Gegenftände einfach 
einem anderen Leichnam mit ins Grab und trägt feiner Seele 
auf, die Sachen im Jenfeits an ihren Befitzer abzuliefern, wenn 
fie ihn trifft. 


-- 2 77 — 

Speifen werden den Todten nicht ins Grab mitgegeben, da 
die Indianer glauben, dafs die Seelen nunmehr ohne den irdifchen 
Leib wären und daher auch keine irdifche Nahrung mehr zu fich 
nehmen. Sie glauben, dafs der Tzultacca fie im Jenfeits mit 
Nahrung verfehe, wiffen aber nicht anzugeben, aus was diefelbe 
beftehe. 

Am Allerfeelentage find alle Seelen in der Ermita verfam- 
melt , weshalb an diefem Tage Niemand in dei Ermita fchläft, 
die fonft als das allgemeine Nachtquartier für alle Durchreisenden 
gilt. Am gleichen Tage kommen die Seelen auch in die Hütten 
ihrer Angehörigen auf Befuch, weshalb man ihnen dafelbft vor 
dem Hausaltare Fleifch, Bohnen, Tortillas (Maiskuchen), Bananen, 
Cigarren u. dergl. vorfetzt; die Seelen, welche in ihrer urkörper- 
lichen Wefenheit diefe Dinge nicht materiell geniefsen können, 
riechen daran und gehen wieder fort. Die Speifen felbft werden 
am folgenden Tage im San Pedranifchen von den Angehörigen 
verzehrt, in Coban und Umgebung aber weggeworfen. 

Haben die Seelen fämmtliche Reifen wieder zurückgelegt, 
die die betreffenden Leute vorher im Leben gemacht hatten, — 
man mufs verliehen, dafs fie fo lange unter der directen Herr- 
fchaft des Kacvuä Tzultacca ftanden — , fo gehen fie zum Kacvuä 
Cruz (dem chriftlichen Gott) , um dort ihre Sünden abzubüfsen. 
Meine Indianer Hellten fich das, echt anthropomorphiftifch, gerade 
fo vor, wie wenn fie auf Erden auf einer Kaffeepflanzung Vor- 
fchüffe bekommen hätten und diefelben nun durch perfönliche 
Arbeit heimbezahlen müfsten; fie meinten nämlich, die Seelen, 
die fie fich doch immer wieder körperlich denken, müfsten nun 
Bäume fällen, erden u. dergl., bis fie ihre Sünden abverdient 
hätten; fie dürften hernach unter dem Vordache (se li mu li capl) 
zuhören, wie die Engel im Innern des Haufes dem lieben Gott 
auf Harfen, Geigen und Guitarren vorfpielen. Die Kekchi-Indianer 
find nämlich aufserordentlich eingenommen für Mufik, weshalb 
fie fleh kein Glück, keine rechte Freude ohne diefelbe denken 
können; ihr gewöhnliches Orchefler befleht aus Harfe, Geige 
und Guitarre, wozu ein vierter Theilnehmer an Stelle einer 
Trommel den breiten Refonanzboden der Harfe mit den Fäuflen 
bearbeitet und fo den Tact hervorhebt. Bei den meiften anderen 
Indianerflämmen von Guatemala und Chiapas find Trommel 


— 278 — 

und Pfeife — Schalmei — die Hauptinftrumente; in Yucatan 
habe ich überhaupt keine Volksmufik unter den Mayas gehört, 
die auch im Allgemeinen ernfter find als die Indianer Guate- 
malas. 


Die Ceremonien bei einer Beerdigung find bei den Kekchi- 
Indianern, abgefehen von den Todtenbeigaben, fehr einfach. Der 
Leichnam wird — im San Pedranifchen — innerhalb der Ermita 
in eine vier bis fechs Fufs tiefe Grube gelegt, die Erde darauf- 
gefüllt und mit Holzkeulen feftgeftampft, fo dafs das Grab keinen 
Hügel erhält, fondern ebenerdig wird, was fchon deshalb noth- 
wendig ift, weil in der Ermita bei allen Feftlichkeiten auf eben 
diefem Boden getanzt wird. Bei Cubilguitz foll der Todte in 
hockender Stellung in die Grube gefenkt werden. In Coban 
und Umgebung richten fich die Indianer bei Beerdigungen fchon 
faft ganz nach den Gebräuchen der Mifchlinge. Die Lanqui- 
neros und Cajaboneros, die auch fonft vielfach von den übrigen 
Kekchi-Indianern abweichen, haben keine Ermitas und begraben 
ihre Todten auch nicht in den Ermitas der San Pedraner, die in 
ihrem Gebiete zerftreut fich befinden, fondern vor denfelben. 

Stirbt bei den Kekchi-Indianern Vater oder Mutter eines 
Verheiratheten, oder ftirbt ein Kind, fo werden keine befonderen 
Gebete gefprochen; ftirbt aber der Mann oder die Frau, fo 
fpricht das andere Ehegefpons ein beftimmtes Gebet; auch ruft 
der Ledige feinem verdorbenen Vater oder Mutter ein befon- 
deres Gebet nach. 

Bei den Beerdigungen heulen nur die Frauen, und zwar in 
einer eigenthümlichen Weife, indem fie mit einem langgezogenen, 
hohen Tone beginnen und allmählig fchwächer werden und in 
tiefere Lagen herabfinken. |Ganz ähnlich bewegt fich die Todten- 
klage bei den Choles, welche ich aus der Ferne in S. Pedro 
Sabana hörte, hauptfächlich auf folgenden Intervallen: 



während bei den Mames die Todtenklage in vielen, mannig- 


— 279 — 

fächeren Weifen und Rhythmen gefungen wird (vergl. Neue Mulik- 
zeitung, 1892, Nr. 22 und 23. | 


Da meine Indianer in der weltentlegenen Kirche von Chun- 
jabin (im Inneren Yucatans) gerade am Erzählen waren, fo fuchte 
ich noch weitere Mittheilungen über ihre Gebräuche bei Geburten 
und Heirathen von ihnen zu erfahren, aber' ich konnte faft nichts 
herausbekommen, das ich nicht fchon früher gewufst hätte. 

Bei Geburten werden keine nennenswerthen Gebräuche 
beobachtet. 

B ei der ^ Heirath tritt die Idee des Kaufes deutlich hervor. 
In der Gegend von Campur will es der Brauch (nach Mitthei- 
lungen von Domingo Caal), dafs der Vater des zukünftige 
Bräutigams am Sonntage zum Vater des gewünfchten Mädchens 
gehe und mit Zurücklaffung von 1 / 2 Silberpefo über die even- 
tuelle Heirath fpreche; ebenfo an zwei folgenden Sonntagen, 
wobei dann jedesmal I Dollar zurückgelaffen werden mufs. Ift 
auch das. dritte Mal der Vater des Mädchens einverftanden , fo 
ift die Verlobung fertig und die Heirath geht am vorher feft- 
gefetzten Tage in der ftaatlich und kirchlich vorgefchriebenen 
Weife vor fich. Gegenwärtig fcheinen übrigens die Preife für 
die Frauen höher zu fein: meine beiden jüngeren Träger, 
Antonio Pop und Sebaftian Ical, hatten je faft das dreifache 
der oben erwähnten Summe für ihre Frau bezahlt (nämlich je 
im Ganzen 7 Dollars, während nach dem alten Brauch der Preis 
nur 2,50 Dollars gewefen wäre). Sebaftian Botzoc dagegen ift 
ein »gekaufter Mann« (lok vil) , denn im ICekchi- Gebiete kann 
auch das Mädchen um einen Mann werben laffen, mufs aber 
einen höheren Preis bezahlen: der Vater von Sebaftian Botzoc 
z. B. bekam für feinen Sohn 10 Dollars; zudem kann in folchem 
Falle die Frau von ihrem Manne unter Umftänden nach der 
Brautnacht zu ihren Eltern zurückgefchickt werden und die Ehe 
ift dann in den Augen der Indianer nichtig. 

In eigenartiger Weife werden (nach den Mittheilungen von 
Mr. E. Cary) in Chamä die Heirathen der Indianer unter fich 
eigenmächtig — d. i. ohne Zuthun von Kirche und Staat 


280 


gefchloffen, wie denn auch ebendort häufig die Kinder nicht 
getauft werden : die Braut kommt ins Haus des Bräutigams, mufs 
dafelbft Mais mahlen und Tortillas (Maiskuchen) backen, Bohnen 
kochen u. f. w., kurzum eine Art hauswirthfchaftlichen Examens 
beftehen, und wenn (nach der Brautnacht) der Mann nicht in 
Allem mit feiner Frau zufrieden ift, hat er das Recht, fie zu 
ihren Eltern zurückzufchicken. Was dem Manne nach der Braut- 
nacht am meiften auffällig ift, ein Thier, ein Gegenftand, ein 
Ereignifs, danach bekömmt er einen Beinamen, der im Bekannten- 
kreife in Zukunft ausfchliefslich ftatt feines Taufnamens Anwen- 
dung findet. 

Nach der Heirath zieht das junge Paar — im San Pedra- 
nifchen — für einige Jahre ins Haus der Schwiegereltern; ich 
habe es gefehen, dafs fie ins Haus der Eltern des Mannes, in 
anderen Fällen in das der Eltern der Frau zogen, es fcheint 
alfo in diefer Hinficht keine beftimmte Regel zu herrfchen. Das 
junge Paar mufs nun in diefem Haufe für den Haushalt der alten 
Leute mitarbeiten, und da es dabei häufig Streit giebt, fo zieht 
das junge Paar gewöhnlich nach längerer oder kürzerer Zeit weg 
und gründet fich einen unabhängigen Haushalt und ein eigenes 
Haus. Immerhin kenne ich Häufer, wo neben dem alten Ehe- 
paar noch zwei oder drei Schwiegerföhne oder Söhne mit ihren 
Frauen und Kindern häufen. Sterben nun die Alten, fo erben 
die jungen Familien den Nachlafs, welche im Haufe der Alten 
gelebt und diefelben alfo verpflegt haben; die weggezogenen, 
felbfländig gewordenen Kinder bekommen Nichts, oder nur eine 
Kleinigkeit. 


Verhältnifsmäfsig wenig Intereffe erregten bei meinen India- 
nern Eifenbahn und Dampffchiffe, welche wir auf unferer Weiter- 
reife im nördlichen Yucatan und auf dem Wege nach 1 abasco 
benutzten; fie dachten an ihre ferne Heimath und je näher die 
Zeit der Maisfaat heranrückte, defto häufiger fprachen fie davon. 
Der Mais bildet die Hauptbafis für den Lebensunterhalt der 
mittelamerikanifchen Indianer, er bildet daher auch einen Haupt- 
angelpunkt im Denken und Fühlen derfelben. 


— 28i — 


Wir befanden uns gerade im Gebiete der Choles, als der 
erfte Tag für die Maisfaat der Kekchi- Indianer war, und ich 
konnte bei diefer Gelegenheit feftftellen, dafs die weit entfernt 
wohnenden Choles denfelben Tag für den Beginn der Maisfaat 
feftgeitellt haben (25. April). Die Leute von Campu r (Kekcln- 
Indianer) enthalten fich fünfTage^vorderAAJSiaat^des^Ft 5 fl^S" 
FgenufifeT una des ydldhlcu 


Umganges mit ihren Frauen, 
das alte Tndianifche Jahr nach Ablauf der achtzehn 


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zwanzigtägigen Monate (360 Tage) gleichfalls fünf Tage bis zum 
Beginne des neuen Jahres kennt, da ferner der Mais als wich- 
tig ftes Lebenselement eine fo bedeutfame Rolle im Leben der 
Indianer fpielt, fo erfcheint es mir gar nicht unmöglich, dafs 
der 25. April der Jahresanfang der Kekchi-Indianer und Choles 
gewefen ift. Freilich ift die Vermuthung zu unbeftimmt, als 
dafs ich befonderes Gewicht darauf legen möchte, und es fpricht 
nicht fehr zu ihren Gunften, dafs die Lanquineros und Caja- 
boneros eine längere Frift hindurch (13 Tage) vor der Mais- 
faat fich des gefchlechtlichen Umganges und des Fleifchgenuffes 
enthalten. Bei den Mayas von Yucatan ftimmt der Jahresanfang 
.nicht mit der Maisfaat zufammen, da fie Mais im Juni (manchmal 
fchon Ende Mai, eben mit den erften Regen) ausfäen, während 
ihr Jahr nach Landas Zeugnifs am 16. Juli begann. 

Drei Tage vor der Ausfaat des Maifes verbrennen die Kekchi- 
Indianer Abends Copal vor dem Kreuze ihres Hausaltars — je'des 
Tfaüs~hat fSifiefl 1 Altar J'meifl gegenüber dem Eingänge; derfelbe 
wird gewöhnlich mit Blumen, Flafchenkürbiffen und Palmblättern 
gefchmückt, oft auch mit Maiskolben, Vogelfchnäbeln und den 
Federn des Guacamaya (mo) u. dergl. — Sie richten dabei ein 
befonderes Gebet an den Tzultaccä, aus deffen Inhalt ich als 
befondere Merkwürdigkeit hervöfliebe7"tlafs darin verfchiedene 
Localitäten der Alta Verapaz, oder vielmehr verfchiedene Tzul- 
taccä’s, die an eben jenen Orten ihren Sitz haben, namhaft 
gemacht werden (s. S. 292). Meine indianifchen Begleiter beten 
z. B. zum Tzultaccä von »Pecmö« (wörtlich »Felfen des Gua- 
camaya« , ein Ort im Gebiete der Kaffeeplantage Campur) und 
behaupten, derfelbe fei ein fehr ftarker Tzultaccä und behüte 
feine Schützlinge auf Reifen und zu Haufe kräftig vor Fieber, 
Schlangenbifs und anderen Gefahren. Dagegen fagen fie, der 


Tzultaccä von Chiitzam, der Gott der Languineros, fei ein 
fchwacher Tzultaccä, weshalb die Languineros auf Reifen leicht 
vom Fieber befallen werden und die Strapazen nicht lange aushalten. 

Ich erfuhr ferner, dafs der Tzultaccä an all den, im Gebete 
namhaft gemachten, Orten in tiefen Höhlen wohne, in welchen 
mächtige Icvolai- Schlangen (Crotalus horridus Cuv.) als Stricke 
für feine Hängematte dienen. Schlangen find auch die Diener 
des Tzultaccä, mit denen er die Sünden der Menfchen beftraft; 
leichte Vergehen werden durch den Bifs ungiftiger Schlangen 
(k’im und ähnliche) gefühnt, während fchwere Sünden durch die 
Biffe der giftigen Schlangen geahndet werden, von welch letzteren 
eben die Icvolai wegen ihrer Körperkraft und blitzfchnellen Bewe- 
gungen, wie wegen der furchtbaren Wirkungen ihres Giftes am 
meiften gefürchtet ift. Der Tzultaccä ift auch der Herr des 
Waffers, und Fieber (raxquihob) oder Dysenterie (mochquej), 
welche in Durchnäffung oder Erkältung ihre Urfache haben, find 
vom Tzultaccä den Menfchen gefchickt. Es ift verboten, irgend 
einen heifsen Gegenftand zur Abkühlung ins Waffer zu ftellen, 
da der betreffende Bach dadurch verbrannt würde, was der Tzul- 
taccä durch Senden von Fieber ahnden könnte. Auch Schlangen 
oder Skorpione*) dürfen nicht ins Feuer geworfen werden, da 
fonft die Thiere derfelben Art fich an dem Thäter rächen würden; 
man darf fie aber erfchlagen mit einem hölzernen Stabe, oder mit 
einem Stein etc. Vor dem Jagen oder Fifchen mufs die Erlaub- 
nis des Tzultaccä durch Gebet und Brandopfer (Verbrennen von 
Copal) eingeholt werden. Ueberfchwemmungen oder HochwalTer 
find das äufsere Zeichen von Feften, welche der Tzultaccä im 
Sclioofse der Erde feiert. Auch die Blitze find ihm eigen; der 
Blitzfchlag entfteht, wenn der Tzultaccä mit feinem Steinbeile 
(mal) in einen Baum fchlägt; zur Strafe für beftimmte Frevel 
tödtet er damit auch wohl Menfchen. So erklären es fich die 
heutigen Indianer, warum da und dort die altindianifchen Stein- 
beile in der Erde gefunden werden! 

Sebaftian Botzoc erzählte mir, dafs in der Höhle von 
Pecmö der Tzultaccä durch Gebete und Abbrennen von Kerzen 

*) Die Kekchi- Indianer fchneiden häufig den Skorpionen die Stacheln "eg 
und tragen diefe Stacheln bei fich , da lie glauben , lieh dadurch die Diebe ihrer 
Angebeteten fiebern zu können. 


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gefeiert werde; er felbft fei aber noch nie darin gewefen. Ich 
höre aber von anderer Seite, dafs der Mann, welcher in die 
Höhle des Tzultaccä gehen will, fich 40 Tage vorher jeglichen 
gefchlechtlichen Umganges enthalten mufs und drei Tage lang 
mit feiner ganzen Familie betet, ehe er den bedeutungsvollen 
Gang unternimmt. 

In der Alta Verapaz dürfte übrigens der Gottesdienft der 
Indianer in vorchriftlicher Zeit vielfach in Höhlen abgehalten 
worden fein, da in folchen häufig thönerne, alterthümliche Götzen- 
bilder gefunden werden, und da in Zeiten religions-politifcher 
Umtriebe, z. B. im Jahre 1885, die Indianer immer noch in folchen 
Höhlen ihre Andacht verrichten, Blumen u. dergl. als Opfer dar- 
bringen u. f. w. Die Höhle von Xucaneb erfreute fich damals 
befonders eifrigen Befuches von Seiten der Indianer, da der 
geiftige Urheber der damaligen Bewegung, Juan de la Cruz, 
dort eine Verwandte von ihm als weisfagende Jungfrau Maria 
auftreten liefs. Auch die Höhle von Seamay, in welche man 
über eine künftliche Steintreppe hinuntergelangt, erhielt damals 
harken Zulauf. 

Auch im Hochlande von Chiapas, bei den Tzotziles und 
Tzentales, fcheinen die Höhlen häufig als Ort der Gottesver- 
ehrung gedient zu haben, wenigftens findet man in folchen 
Höhlen noch jetzt oft thönerne Götzenbilder, welche bei den 
dortigen Indianern noch immer Gegenftand der Verehrung find. 
Ich hörte aber auch von glaubwürdiger Seite, dafs die Tzo- 
tzilles fich manchmal mitten im Felde niederwerfen und Sonne 
und Mond anbeten; fie nennen die Sonne »tot-tic«, »unfer Hem , 
den Mond »metic«, »unfere Herrin«. 

Im Gebiete der Marne- und Quiche -Stämme fcheinen 
dagegen vorzugsweife die Berggipfel als Orte der Verehrung 
gedient zu haben, zum Theil auch noch zu dienen. So wohnte 
Herr Ed. Rockftroh auf dem Gipfel des Vulkans Tacanä einer 
Andachtsübung von Marne-Indianern bei, bei welcher ein Trut- 
hahn gefchlachtet und aus feinen Bewegungen beim Todeskampfe 
geweisfagt wurde, während ich auf den Gipfeln der Vulkane 
Tajumulco und S. Maria indianifche Opferftätten fand, kennt- 
lich an den zahlreichen umherliegenden Kohlen und an den 
Scherben von Räuchergefäfsen. Auch bei S. Miguel Uspantan 


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fall ich auf dem Gipfel eines Hügels einen Opferplatz, begehend 
aus zwei etwa halbkreisförmigen F euerftellen, vor welchen einige 
Reihen ganz parallel gelegter Kiefernnadeln hingelegt waren, und 
zwar lind beide Feuerftellen fo fituirt, dafs der Opfernde genau 
nach Often gewendet ift; um die gröfsere Opferftelle herum find 
junge Kiefern gepflanzt. 

Kehren wir nach diefer Abfchweifung zum eigentlichen 
Thema zurück! 

Drei Tage vor der Maisernte wird Abends vor dem Haus- 
altare Copal verbrannt und ein Gebet gefprochen (s. S. 293). 
Auch nach der Ernte wird dem Tzultaccä wieder Copal ver- 
brannt, aber keine Gebete dabei gefprochen. 

Bei Ausfaat von Bohnen und Chile (Capsicum annuum) wird 
nur Copal verbrannt und nur Diejenigen, welche den Anbau 
diefer Pflanzen in gröfserem Mafsftabe betreiben und ein Gefchäft 
aus dem Verkaufe machen, enthalten fleh einige Tage vor der 
Ausfaat des Umganges mit ihren Weibern. Wer Vieh hat, ver- 
brennt auch am Zaune der Weideplätze Copal für den Tzultaccä, 
damit das Vieh wachfe und fleh vermehre. 

Was es auch immer fei, in den meiften Angelegenheiten des 
täglichen Lebens wendet fleh der confervative Kekchi- Indianer 
an feinen Tzultaccä, während der chriftliche Gott feinem Denken 
und Fühlen ferner fteht und vielleicht nur als ein unnahbarer, 
oberfter Richter und Herr betrachtet wird. Ich zweifle übrigens 
nicht daran, dafs der Indianer felbft fleh über das Verhältnifs 
zwifchen Gott und dem Tzultaccä nicht klar ift, obgleich er dem 
letzteren in feinen Gebeten den Titel eines Engels giebt (Spanifch: 
Angel). Jedenfalls giebt es für ihn Gebiete, welche dem Ein- 
fluffe des Chriftengottes, nach Kekchi - Glauben , vollftändig ent- 
zogen find: Als wir auf der Heimreife durch die nur von ganz 
vereinzelten Niederlaffungen heidnifcher Lacandaren bevölkerten 
Urwälder des örtlichen Chiapas wanderten, fing eines Abends, 
während wir in der Hängematte ausruhten, Antonio Pop, einer 
meiner Begleiter, in Kekchi das Ave Maria zu beten an, er 
wurde aber alsbald von Sebaftian Botzoc in zornigem Tone 
zurechtgewiefen und belehrt, dafs die hier wohnenden Leute den 
Kacvuä Cruz nicht kennen und dafs deren Gott über diefe Gebete 
böfe werden würde; Antonio Pop meinte nun fchüchtem, dafs 


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man doch überall zum Kacvuä Cruz beten dürfe, wurde aber 
fofort darauf hingewiefen, dafs an unferem Wege nirgends Kreuze 
ftänden, dafs alfo diefe Gegend nicht zum Gebiete des chrift- 
lichen Gottes gehöre. 

Anknüpfend an dies Gefpräch erfuhr ich dann, dafs auch in 
der Alta Verapaz die unwegfamen, unbewohnten Urwaldgebiete 
nicht zum Bereiche des Chriftengottes gehören, und dafs der 
Indianer, welcher dort fich niederlaffe, ausfchliefslich zum Tzul- 
taccä, aber nie zum Kacvuä Cruz bete. Der Indianer geht, 
gewiffermafsen zur Befitzergreifung, in den Urwald, umwandert 
fo viel Land, als er in einem Tag umwandern kann, und fchlägt 
an den vier Cardinalpunkten je ein Bäumchen um; nach einem 
Jahre kommt er an den Platz zurück, verbrennt dem Tzultaccä 
Copal und macht fein Maisfeld in der Richtung, nach welcher 
hin der Rauch des Copal gegangen ift. So lange nur eine oder 
wenige Indianerfamilien fo im Urwalde wohnen, beten fie nur zum 
Tzultaccä; zum Chriftengott aber beten fie nur in einem Dorfe, 
in einer Ermita oder bei einem Kreuze am Wege, aufserhalb 
ihrer Anfiedelung; erft wenn fich die Familien einer folchen 
Anfiedelung zur Errichtung einer Ermita zufammengethan und 
darin ein Heiligenbild aufgeftellt haben, beginnen fie mit ihren 
Gebeten an den chriftlichen Gott, der damit gewiffermafsen 
Befitz von der Gegend nimmt. Aus dem ganzen Berichte klang 
etwas wie Feindfchaft zwifchen dem Tzultaccä und dem mäch- 
tigeren Chriftengott heraus. 


Der Kekchi-Indianer verehrt aber noch einen Gott, dem er 
gleich dem Tzultaccä und dem Chriftengott ebenfalls das Attribut 
Kacvuä („unfer Herr«) giebt, und zwar ift das die Sonne (li 
kacvuä sak-ke, wörtlich »unfer Herr, die leuchtende Sonne«). 
Mit beredten Worten, die wirklich von einem Gefühle der Wärme 
und Liebe durchtränkt waren, fchilderte mir SebaftianBotzoc 
all das Gute, welches der Indianer der Sonne verdankt: fie 
erleuchtet die Erde, dörrt die umgefchlagenen Bäume und 
Sträucher, welche vor der Saat auf der gerodeten Fläche ver- 
brannt werden müffen, läfst den Mais wachfen und reifen u. f. w. 


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•>Und warum betet Ihr denn nicht zur Sonne?« frug ich ihn. 
»Weil li kacvuä sak-ke zu weit weg ift, um unfer Gebet zu 
hören«, lautete die Antwort. Nur ein kurzes Gebetchen pflegen 
die Kekchi- Indianer an die Sonne zu richten, wenn fie auf der 
Reife ganz und gar vom Regen durchnäfst und durchkältet find 
und die Sonne nun aus den Wolken brechen fehen (s. S. 288, Nr. 1). 

Der Mond wird von den Kekchi -Indianern nicht verehrt, 
denn fie fagen, dafs er für fie von wenig Bedeutung fei im prak- 
tifchen Leben. Sie beobachten aber die Mondwechfel (lixxilibo), 
wie er zunimmt (nimanc) und abnimmt; und wenn Neumond ein- 
tritt, fagen fie, der Mond fei geftorben (quicam li bo). Auch 
von Verehrung der Sterne ift keine Spur mehr zu bemerken, 
kennen fie doch nicht einmal mehr die Namen derfelben. 


Wenn auch chriftliche Ideen und neuer Aberglaube vielfach 
verändernd auf die religiöfen Anfchauungen und die Gebräuche 
der Kekchi-Indianer eingewirkt haben und fie vollftändig durch- 
fetzen, fo ift doch noch ein fo ftarker Kern alten Heidenthums 
darin enthalten, dafs er geradezu überwiegt über den chriftlichen 
Gemengtheil der Gefinnung. Freilich wird bei anderen Individuen 
vermuthlich Chriftenthum und Heidenthum in anderer Weife neben 
einander hergehen, als gerade bei Sebaftian Botzoc, der fchon 
als kleiner Knabe fein Reifeleben begann und von den älteren 
Mitreifenden feine jetzigen Anfchauungen eingepflanzt bekam. 
Bei den in Städten wohnenden Indianern ift der heidnifche 
Gemengtheil ihres Glaubens wohl nur noch als unklarer Aber- 
glauben vorhanden. Immerhin aber dürfte es von allgemeinem 
Intereffe fein, an einem Beifpiele das Fortwuchem altheidnifcher 
Ueberliefer ungen gezeigt zu haben, im Schoofse eines Völkchens, 
das feit vierthalb Jahrhunderten fich zum Chriftenthum bekennt 
und das Wort »Chriftiano« geradezu als gleichbedeutend mit 
dem Begriff »Menfch« anfieht. 


¥ 


Kekchi-Gebete. 

(Mitgetlieilt von Sebaftian Botzoc, 1894.) 


Bemerkung. — Beim Niederfchreiben diefer Gebete habe 
ich mich möglichft eng an St oll’s Orthographie angefchloffen; 
diefelbe beruht auf der fpanifchen Orthographie mit zweckent- 
fprechenden Modificationen , als deren wichtigfte folgende her- 
vorgehoben fein mögen: x ift wie »fch« auszufprechen; von c 
(vor e und i: qu) wird das gutturale k, das vielfach dem Klange 
unferes »y« nahe fteht, unterfchieden. 

Der Ton ift oft durch einen Accent hervorgehoben. Wenn 
e wie unfer ä ausgefprochen wird, ift es mit Accent grave e 
gefchrieben. 

Die Ueberfetzung ift wegen der oft feltenen, veralteten 
Wortformen (im San Pedraner Dialect) und des eigenthümlichen 
Gedankenganges, der felbft dem Indianer nicht mehr recht 
geläufig zu fein fcheint, fchwierig, fo dafs ich felbft nicht damit 
zu Stande kommen konnte, fondern den Beiftand fprachkundiger 
Bekannter, namentlich der Herren Ern ft Fetze r und David 
Sapper, in Anfpruch nehmen mufste; die Ueberfetzung, welche 
mein Vetter David Sapper mir geliefert hat, ift die Grund- 
lage der hier gegebenen Uebertragung. 

Manches ift aber auch jetzt noch ganz unklar und dunkel 
geblieben, weshalb die ganze Uebertragung als verbefierungs- 
bedürftig zu betrachten ift, und der Nachficht der Sprachforscher 
empfohlen fein möge. 


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Nr. x. Gebet an die Sonne. 

(Selten gebetet und nur, wenn die Indianer auf der Reife fehr nafs geworden lind 
und nach langem Regen wieder die Sonne erblicken.) 


At i dios, at i kacvud sakke, kaxal sU 
naca cvuil , u li tziej hap ma ani tacvuil 
lix nebd, ut laat at i kacvud sakke, anclial 
la nebd. 


Du mein Gott, Du Herr Sonne, gar 
lieblich blickft Du, und der hündifche 
Regen, er fieht nicht auf feine Armen, 
aber Du , o Herr Sonne , auch Du hart; 
Deine Armen ! 


Nr. 2. Gebet an den Tzultaccd beim Erreichen eines Berges oder Paffes, auf 

dem fich kein Kreuz befindet. 


At i dios , at loklaj tzultaccd , xinlub 
naj xulin-k’abliec chacvuü, chacvuü, at in 
na, at in yucvudl Cajat ajcvui in na lin 
tyucvua, at loklaj tzul, at loklaj taccd. 


Xinlub chacvuü chacvuü; matara tacvui 
chik’ut naj xincuvec chacvuü loklaj angel 
tzultaccd. 

Ahf li chinal li nebail xintye , at in 
kaxil at yucvua. Ahf tana li chinal li nebail 
chacvuü chacvuü, at in kaxil. 


Du o Gott, Du Herr der Berge und 
Thäler, ich bin müde, denn ich bin (hier) 
angekommen vor Deinem Munde, vor 
Deinem Angefichte, Du meine Mutter, 
Du mein Vater! Nur Du bift meine 
Mutter, mein Vater, Du Herr der Berge, 
Du Herr der Thäler ! 

Müde bin ich (hier) vor Deinem Munde, 
vor Deinem Angefichte; mögeft Du mir 
zeigen, wie dann hinabfleigen vor Dir, 
o Engel, Herr der Berge und Thäler. 

Hier ift die Kleinheit , die Armuth *), 
ich habe es gefagt, Du mein Herr, Da 
o Vater! Hier wohl ift die Kleinheit, die 
Armuth vor Deinem Munde, vor Deinem 
Angefichte, Du mein Herr ! 


Nr. 3. Gebet an den chriftlichen Gott beim Erreichen eines Paffes, wo ein 

Kreuz ift. 


At i dios, xulink’ abliü chacvuü chacvuü, 
at ajual santisima cruz. Laat ajcvui chik’ut 
tatyocrü xcauil li cvuok, xcauil li cvuük, 
at in kaxil. 

Laat xcanleval**) li Jesu Chrifto, laat 
nacat iloc re li nim, li chin, at in kaxil 
kacvud; cutk’ucat xatxocat arcvuin. 


Du o Gott, ich bin angelangt vor Deinem 
Munde, vor Deinen Augen, Du allmäch- 
tiges, heiligftes Kreuz! Du auch zeigft 
und verleihft die Kraft meiner Füfse, die 
Kraft meiner Hände, Du mein Herr! 

Du, o Todespfahl Jefu Chrifti, Du fiehft 
auf die Grofsen, auf die Kleinen, Du mein 
Herr, mein Vater; Du zeigft Dich, Du 
ftehft bei mir! 


Nr. 4. Gebet an den chriftlichen Gott beim Vorbeigehen an einem gewöhn- 
lichen Wege-Kreuz. 

At i dios, at in kaxil, cvuancat arcvuin, Du o Gott, Du mein Herr, Du bift bei 
at ajual santisima cruz. Xincvuan, at mir, Du allmächtiges, heiligftes Kreuz, 
inkaxil, kacvud. Lebe wohl, Du mein Herr, mein Vater! 

*) Es wäre vielleicht klarer, zu fagen, »die kleine, die arme Gabe«, da fich li chinal, li nebail 
hier wahrfchcinlich auf das dargebrachtc Opfer bezieht. 

**) Xcanleval, richtiger Xcainleval, heifst »Ort des Sterbens« wörtlich. 


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Nr. 5. Gebet an den Tzultaccä, 

At i dios, at loklaj tzultaccä, cachin 
xmar la cvuä, la k’ukhä xinke acvud. 

Anakvuan tyal nume cvue rubel a cvuok 
a cvuük, lin laj viaje. 

Matarä matachaj nac chake cvuä li k’a 
reru li nimi xul li chin i xul, at in yucvuä; 

cvuanc la vualk li xul, li pu, chakmut, 
chacöu, xak’ut acvui ut chik’u xajac xa- 
cvuisi ta xatke ta se lin vue. 


Xcvuil xincayä tacvui; cvuanquin rubel 
a cvuok rubel a cvuük, cvuanquin se li 
sa, at loklaj tzul, at loklaj taccä. 

Sa la cvuilval, sa la k’avä, la cvuanquil, 
cvuan li k’areru la vualk; chijunil xintyal 
tacvui. 

Moon tana cux incvuä 1 hoon cvuanquin 
se li sil ch’och, t’ril tacvui li dios naj 
mak’a c’a na tyolä; jun tana li chin a pu 
xinkamchac, xinchilu chak. 


Anajcvuanc tcvuil tincayä ajcvui, at i 
dios, at in nä, at in yucvuä. Cajvui nantye 
najulchicä: moco cvuan texchamal xsasal 
la cvuä la k’ukhä xinchilu chak, uix moco 
haan, uix moco maji barcvuan nantye, 
barcvuan najulclücä, at i dios, at in na, 
at in yucvuä. 


Anaj cvuan ut xincvuark rubel a cvuok 
rubel a cvuük, at loklaj tzultaccä, at 
loklaj che, at loklaj lc’am. 

Hulaj chic li cutan, hulaj chic li sak- 
ke-inc. 

Inka chic retal bar chi li cvuanquin. 


auf der Reife beim Copalverbrennen. 

Du o Gott, Du Herr der Berge und 
Thäler, ein klein Wenig Deines Edens, 
Deines Trinkens habe ich Dir gegeben. 

Jetzt gehe ich vorüber unter Deinen 
Füfsen , Deinen Händen*), ich, ein Rei- 
fender. 

Es fchmerzt Dich nicht , es macht Dir 
keine Mühe, mir zu geben allerlei grofse 
Thiere, kleine Thiere, Du mein Vater ; 

Du haft eine Menge Thiere, den wilden 
Pfau, den wilden Fafan, das Wildfehwein ; 
zeige fie alfo vor mir, öffne (mir die 
Augen?), nimm fie und fetze fie auf meinen 
Weg. 

Ich fehe,,ich fchaue fie dann, ich bin 
unter Deinen Füfsen, unter Deinen Hän- 
den , ich bin im Glücke , Du Herr der 
Berge, Du Herr der Thäler. 

In Deiner Macht, in Deinem Namen, 
Deinem Sein iil alles mögliche im Ueber- 
fluffe; von Allem möchte ich haben. 

Heute müfste ich vielleicht meine Tor- 
tillas (Maiskuchen) essen und ich bin 
(doch) in einem reichen (Jagd-)gelände ; 
es möge Gott fehen, dafs es nichts Leben- 
des giebt; vielleicht nur einen kleinen 
wilden Pfau bringe ich, fchleppe ich her. 

Jetzt fehe, fchaue ich auch, Du mein 
Gott, Du meine Mutter, Du mein Vater. 
Nur das ift es , was ich fage , was ich 
denke: es ift ja nicht Vieles und Gutes 
an Deinem Effen, wie Deinem Trinken, 
was ich hergefchleppt habe. Und möge 
es (gut) fein oder nicht (?), was ich fage, 
was ich denke, o Gott, ift: Du bift meine 
Mutter, Du bift mein Vater. 

Jetzt werde ich alfo fchlafen unter 
Deinen Füfsen, unter Deinen Händen, 
Du Herr der Berge und Thäler, Du Herr 
der Bäume, Du Herr der Schlinggewächfe. 

Morgen ift wieder der Tag, morgen ift 
wieder das Sonnenlicht. 

Ich weifs nicht mehr, wo ich dann fein 
werde. 


*) Der Ausdruck »rubel a cvuok, a cvuuk« bedeutet 
Deinen Füfsen, Deinen Händen«. 

Sapper, Das nördliche Mittelamerika. 


»unter Deiner Macht«, wörtlich »unter 


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290 


Ani lin na, ani lin tyucvua ? Cajat ajcvui, 
at i dios. 

Laat ajcvui at iloc cvud, tatcuyanc cvud 
se li jun chi be, matacvui jun chi kek, 
jun tixk’ok, chamuc chabalap tacvui, at i 
dios, at in kaxil at loklaj tzultaccd. 

Cajcvui nantye, najulchicd, uix cvuan 
chic, uix may chic, xintye, laat ajcvui tat- 
cuyuc tatsachoc lin mäc. 


Wer ift meine Mutter, wer ift mein 
Vater? Nur Du, o Gott! 

Du fiehft mich , Du befchützeft mich 
auf jedem Wege, in jeder Finfternifs, vor 
jedem Hindernifs, das Du verftecken, das 
Du befeitigen mögeft, Du o Gott, Du mein 
Herr, Du Herr der Berge und Thäler. 

Nur das ift es, was ich fage, was ich 
denke, fei es nun, dafs es mehr, fei es, 
dafs es nicht mehr fein follte, als ich 
gefagt habe : Du erträgft , Du vergiebft 
meine Sünden. 


Nr. 6. Gebet an den chriftlichen Gott vor einem Kreuze auf der Reife 
nach dem Verbrennen von Copal. 


At i dios, at ajual santisima cruz. Xuli- 
nelk rubel a cvuok, a cvuük. 

Anakvuan cachin xmar la cvua , la 
k’ukha xink’amchac. 

Moco cvuan ta xchamal xsasal tinke 
acvud. 

Jun tanä li mer, jun tanä li cuartillo, 
xinjal, xincas chac se li chinal, se li nebail. 


C’ape nacacvuaj, naco vec, naco iloc, 
at i dios. 

Hocain ajcvui ut xsailal lin chol, xsailal 
li cvuanum. 

Xulinelk ahi, nacvuil at ajcvual santi- 
sima cruz. 

Maka li jun chikek, maka li jun tanek. 

Hocain rajcvui xsailal lin chol , naj 
xinkvuaclic chak chir6 chiril lin tzulul 
lin taccaal. 

At i dios, at ajual santisima cruz, cvuan- 
cat arcvuin, at ajual santisima cruz. 

Xcanleval li Jesu Christo, naj cvuancat 
ahi chird chirü li loklaj angel tzultaccd. 

Nacacvuil li nim chin. 

Laat ajcvui nacatiloc r 6, nacat cayd rd 
laj chinal, laj nebail. 


Du o Gott, Du allmächtiges, heiligftes 
Kreuz. Ich bin angelangt unter Deinen 
Füfsen, Deinen Händen. 

Jetzt habe ich ein klein wenig Deines 
Effens, Deines Trinkens gebracht. 

Es ift ja nicht Vieles oder Gutes, was 
ich Dir gebe. 

Vielleicht einen halben, vielleicht einen 
viertel Real*) habe ich gewechfelt, habe 
ich geliehen in meiner Kleinheit, in meiner 
Armuth. 

Nach Deinem Willen wandern wir, 
fehen (d. h. reifen) wir, o mein Gott. 

Deshalb ift auch mein Herz froh, meine 
Seele froh. 

Ich bin hierher gekommen, Du fiehft 
es, Du allmächtiges, heiligftes Kreuz. 

Ich bin nicht krank geworden, ich bin 
nicht gefallen. 

Darum will auch mein Herz fröhlich 
fein, da ich mich aufgemacht habe aus 
meinen Bergen j meinen Thälern (d. h. 
meiner Heimath). 

Du o Gott, Du allmächtiges, heiligftes 
Kreuz, Du bift bei mir, Du allmächtiges, 
heiligftes Kreuz. 

Todespfahl Jefu Chrifti, du bift hier an 
der Seite und vor dem Engel Tzultaccd. 

Du befchützeft die Grofsen, die Kleinen. 

Nur Du befchützeft , Du liehft die 
Kleinen, die Armen. 


*) Ein Real ift der achte Theil eines Pefo, alfo 12'/* Centavos. 


291 


Tyalat i dios, moco in chinal, in nebail 
li bar cvuan nabanü. 

Jö vui tanä chik’ut in chinal in nebail, 
li tyoquin cvui. 

K’ape li tinrä a li jun chi mer li jun 
chi real tyoquin sa chinal sa nebail. 

Matacvui li niquincvuaclic toj ajcvui li 
naco CYuaclic li jun chi cvuink. 

Matacvui li nacocvuaclic inlca nakil li 
jun chi mer, ut an a dios tyoquin chi rä 
chi sä se li chinal, sa li nebail, chirix li 
cvuas, li cvuitz’in. 

K’ape naj tyoquin, ma chaquinta a li 
jun chi mer, jun chi real tcvuaj xintau. 

Laat at cvui ut xatk’utuc xatjakok chi 
ru li cvuanum, chiru lin tzejcvual. 

Kajcvui un nantye, najulchicä chacvue 
chacvuü, at ajual santisima cruz. Cuancat 
arcuin, jutkukat chi re chirü li loklaj angel 
tzultaccä. 

Kajcvui nantye kajcvui najulchicä chac- 
vue chacvuü, at ajual santisima cruz. 

Anajuan ut xic cvue, tyanumelin. Tin- 
chalk cvui chic ut moco chaac in tä — 
jun k’amoc li cvuanquin — uix cvuanum 
ui in tzejcvual chicut lin ak’ul ilök. 

Anakvuan tinchalk vui chic moco chaa- 
quinta, ui a chi li cvuanum nak’ul chac 
raviec li bar tyoquin chivec, chiiloc. 

Inka nacvuaj tachap li cvuanum ; takax- 
taj ajcvui. 

Xincvuan ut, at i dios ; chan chi quirerü 
li tuxinum£c , inka chic in nanau, li lok- 
laj tzultaccä; ma li us, ma li chavil, ma 
li jun chic xiec. 


Du bifl der wahrhaftige Gott , es ift 
nicht wegen meiner Kleinheit, meiner 
Armuth, was Du auch thufl. 

So zeigt es aber vielleicht meine Klein- 
heit, meine Armuth, was ich fchaffe. 

Was verlange ich denn , als nur einen 
halben, einen ganzen Real ; ich bin in der 
Kleinheit, in der Armuth. 

So wie ich mich erhebe, fo erhebt lieh 
Jedermann. 

So wie wir uns erheben, fehen wir nicht 
auf einen halben Real, und dies, o Gott, 
thue ich in Leid und Freud, in der Klein- 
heit , in der Armuth , wie meine Neben- 
menfchen. 

Weshalb ich es thue, das fage ich nicht; 
ich will einen halben, einen ganzen Real 
verdienen. 

Du felbft haft es gezeigt (gelehrt), haft 
es eröffnet meiner Seele , meinem Leibe. 

Nur das Eine fage ich , denke ich vor 
Deinem Munde, vor Deinem Angefichte, 
Du allmächtiges, heiligfies Kreuz. Du bifl 
bei mir! Du flehfl an der Seite und vor 
dem Engel Tzultaccä. 

Nur das fage ich, nur das denke ich, 
vor Deinem Munde , vor Deinem Ange- 
fichte, Du allmächtiges, heiligfies Kreuz. 

Und jetzt gehe ich weiter, ich bin im 
Vorbeigehen. Ich komme wieder , aber 
ich fage wohl nicht — da ich weit weg 
wohne — ob meine Seele, ob mein Leib 
kommt, um Dich zu fehen. 

Jetzt komme ich wieder ; ich frage nicht, 
ob es meine Seele fein wird, welche kommt, 
um fich zu verabfchieden, da, wo ich reife 
und fchaue. 

Ich will nicht, dafs Du meine Seele 
aufhältfl; lafs sie vorübergehen. 

Lebe alfo wohl (=r ich gehe alfo fort), 
Du o Gott ; wie es fein wird , wie ich 
vorbeikomme, das weifs ich nicht mehr, 
o Herr der Berge und Thäler ; ob es gut, 
ob es fchön, ob es fchlecht fein wird. 

19* 


Cajat ajcvui nacat iloc nacatcayä re; 
ch’a cvuisi li k’esal pec, k'esal che, k’esal 
k’am; xatcvuisi xnmuc se lin vuö, ma ta- 
cvui li tanec chire chiru li loklaj tzultaccd, 
li bar tuxinelk, tuxinumec. 


Ulaj li cutan, li sakkeinc, inka chic 
nanau utan. At i dios, at ajual santisima 
cruz. 


Nur Du fiehfl, Dm fchauell es. Befeitige 
die verletzenden Steine, die verletzenden 
Baumflämme , die verletzenden Schling- 
pflanzen ; befeitige fle , entferne fie von 
meinem Wege , damit ich nicht flürze 
neben und vor dem Herrn der Berge und 
Thäler, da wo ich hingehe und vorbei- 
komme. 

Morgen ifl der Tag, morgen das Sonnen- 
licht; ich weifs davon noch nichts. Du 
o Gott, o allmächtiges, heiligfies Kreuz ! 


(Zum Schluffe wird das Zeichen des Kreuzes gemacht.) 


Nr. 7. Gebet an den Tzultaccd, drei Tage vor dem Befäen des Maisfeldes. 


At i dios, at in kaxil, at in na, at in 
yucvud, at loklaj tzultaccd. 

Anakvuan li c’utan, anakvuan li sak- 
keinc; cachin xmar la cvud la k’ukha 
tinke. 

Umoco cvuan texchamal xsasal tinke 
acvud. 

Anajuan xink’at li cvuutzuj se li ora 
c’utanc, li ora sakkeinc, hocain sa oxib ke, 
sa oxib c’utan. 

Matara matachaj ma chak’ut cvui chiru 
li cvuanum, lin tzejcvual. Matarä matachaj 
ma chak’ut cvui lin cvuä li k’ukha, at in 
na, at in yucvud, at loklaj angel tzultaccd. 


Ani lin na, ani lin tyucvua? Laat utan 
ruqu’uin li calec, li ac’ irc, li cvuac, li 
uk’ ac. 

Anakvuan at i dios chacvuok, chacvuuk, 
chielk tacvui lin jal, at in na, at in yucvud, 
at loklaj tzultaccd tatcvuakliec chak. 


Anajcvuan li c’utan, anajuan li sakkeinc, 
hocain se oxib ke, se oxib k’utan; nacat- 
cvuakliec chac, at loklaj Pecmö, at loklaj 
Cojaj, at loklaj Chiitzam, at loklaj Xeka- 
byuc, at loklaj Cancuen, at loklaj Chak- 
mayic. 


Du o Gott, Du mein Herr, Du meine 
Mutter, Du mein Vater, Du Herr der 
Berge und Thäler. 

Jetzt ifl der Tag, jetzt ifl das Sonnen- 
licht, ein klein Wenig Deines Eflens, 
Deines Trinkens gebe ich hier. 

Und es ifl. nicht Vieles und Gutes, was 
ich Dir gebe. 

Jetzt habe ich das Opfer verbrannt in 
der Stunde des Tages, der Stunde des 
Lichtes, ebenfo (werde ich es thun) in 
drei Sonnen, in drei Tagen. 

Es fchmerzt Dich nicht, es macht Dir 
keine Mühe , (Dich) vor meiner Seele, 
meinem Leibe zu zeigen; es fchmerzt 
Dich nicht , es macht Dir keine Mühe, 
mein Elfen, mein Trinken (mir) zu zeigen, 
Du meine Mutter, Du mein Vater, Du 
Engel, Herr der Berge und Thäler. 

Wer ift meine Mutter, wer ift mein 
Vater? Du gewifs wegen der Rodung, 
der Reinigung (des Maisfeldes), wegen des 
Effens, des Trinkens. 

Jetzt, o mein Gott, bin ich vor Deinen 
Füfsen, vor Deinen Händen, damit mein 
Mais emporfprofle, Du meine Mutter, Du 
mein Vater, Du Herr der Berge und Thäler, 
lalfe ihn auf keimen. 

Jetzt ift der Tag, jetzt ifl das Sonnen- 
licht; ebenfo wird es fein in drei Sonnen, 
in drei Tagen ; lafle ihn aufkeimen , Du 
Herr von Pecmö. Du Herr von Cojaj, Du 
Herr von Chiitzam, Du Herr von Xekabyuc, 
Du Herr von Cancuen, Du Herr von Chak- 
mayic. 


— 293 * — 


Se oxib ke, se oxib c’utan najtau xnaj 
chacvue chacvuu. 

Matarä matachaj matacui c’a chi cheoc 
chantacvui naj xinchic naj xinmu chacvuä 
chacvuu. 

Matavi c’a chi cheoc xamuc xabalap 
tacvui la cvualk. 

Xattzec tacvui chi oxlaju tzul chi oxlaju 
tacca; moco camk, moco sachk tacvuaj 
chirix tyuam ticam, cvuaj chirix li cvuixim 
aj tzitzb aj tuxb.- 

Sa cvukub ke, sa cvukub c’utan t’cvuil 
xsi li re, xsi li ru a cvuilom a cayom chi 
c’utan naj nacake chire chiru. 

Se ix caba i dios hauabej, dios kajolbej, 
Espiritu Santo. 


In drei Sonnen, in drei Tagen wird fo 
(der Samen) feinen Platz finden vor Deinem 
Munde, vor Deinem Angefichte. 

Es fchmerzt Dich nicht, es macht Dir 
keine Mühe, ihn zu befchirmen vor Allem, 
was ihm widerfahren kann, denn ich (lecke 
ihn, denn ich decke ihn zu vor Deinem 
Munde, vor Deinem Angefichte. 

Mögefl Du alle Deine, ihm fchädlichen 
Thiere verdecken und befedigen. 

Wirf fie hinweg über dreizehn Berge, 
über dreizehn Thäler ! Ich will nicht, 
dafs er abderbe und vergehe .... viel- 
mehr will ich, dafs mein Mais keime und 
fproffe. 

In fieben Sonnen, in fieben Tagen werde 
ich nachfehen nach der Gefundheit deffen, 
was ans Tageslicht kommt, um dazwifchen 
zu thun (nachzupflanzen). 

Im Namen Gottes des Vaters , Gottes 
des Sohnes und des Heiligen Geides ! 


Nr. S. Gebet an den Tzultaccä beim Ernten des Maifes, drei Tage vor der Ernte; 
dabei wird Copal vor dem Kreuze im Haufe verbrannt (Abends). 


At i dios, at in kaxil, at in na, at in 
yucvuä, at loklaj tzultaccä. 

Anajkvuan ut hocain sa oxib ke, sa 
oxib c’utanc , nantyö xxcocval lin hal 
chacvuä chacvuu , at loklaj tzultaccä. 
Xak’ut cvui ut chik’u chirü li cvuanum 
lin tzejcvual. 


Cachin ut xmar la cvuä, la k’ukha 
tinke acvuä; moco cvuan ta tinke acvuä 
u lain cvuan xchamal xsasal lin cvua , li 
lc’ukhä; xak'ut cvui chiru li cvuanum lin 
tzejcvual, at in na, at in yucvuä.. 


Tinchikib ut xxocval moco hoon nanchoi 
ihoon lix xacval chacvuä chiacvuü ; 


toj hatyal tanä, harup ke, harup k’utan 
naxocvui; moco jompat ta xsicval se li 
jun chi pim elajic tyoquin tana chi enquelä. 


Du o Gott, Du mein Herr, Du meine 
Mutter , Du mein Vater , Du Herr von 
Berg und Thal. 

Jetzt und ebenfo in drei Sonnen , in 
drei Tagen werde ich beginnen mit dem 
Zufammenlefen (Ernten) meines Maifes vor 
Deinem Munde, vor Deinem Angefichte, 
Du Herr der Berge und Thäler. Zeige 
ihn mir alfo vor meiner Seele, meinem 
Leibe. 

Ein klein wenig Deines Edens, Deines 
Trinkens gebe ich Dir; es id (fad) nichts, 
was ich Dir gebe; aber ich, ich habe 
Vieles und Gutes von meinem Eden, meinem 
Trinken ; Du had es gezeigt (gefchenkt) 
meiner Seele, meinem Leibe, Du meine 
Mutter, Du mein Vater. 

Ich fange alfo mit der Ernte an , ich 
werde aber heute nicht mit dem Ernten 
fertig vor Deinem Munde , vor Deinem 
Angefichte ; 

wer weifs , wie viele Sonnen , wie viele 
Tage ich ernte; es geht nicht fchnell, im 
Unkraute zufammen zu fuchen, ich voll- 
bringe es wohl nur langfam. 


294 


Toj achityal tintye acvuä, at in nä, at 
in yucvuä, at loklaj angel tzultaccä. 

Tat cvuatilä vi chic c’a na maji, at 
i dios. 


Wer weifs, bis wann ich zu Dir fprechen 
kann, Du meine Mutter, Du mein Vater, 
Du Engel, Herr der Berge und Thäler. 

Ich werde wieder zu Dir beten, warum 
denn nicht, Du mein Gott. 


Nr. 9. Gebet an den chriftlich'en Gott in der Kirche, 
gebetet vom Vater des Bräutigams bei der Hochzeit unter Verbrennen von Kerzen, 
in Gegenwart der Mutter des Bräutigams. 


At i dios, at in kaxil, at in 11a, at in 
yucvuä. Ani pe li kanä li kacvuä? Cajat 
ajcvui utan ruqu’in li c’a irerü nanume se 
li kachol, se li kanum, at in kaxil (k)acvuä 
ruqu’in li vec, li iloc; tyal moco chan ta 
xtye li ranum, lix tzejcvual li cvualal lin 
kajol. 


Ocan, cvuaxin, ma chantara cvuä tyalä 
ajbä xcvuachec inka uxl lain xna, xtyu- 
cvua. 

Tyal ma xjepval li tumin chiru li cvua- 
num, lin tzejcvual; chirix vuan li jun atal, 
maka li moz. 

Laat acvui ut xatochöc ranum xmusic 
li cvuas, li cvuitz’in. 

Bar vi tinvec, tiniloc ; ma tara matachaj 
vi 11t naj xintau jun ac ralal xkajol li cvuitz’in 
at in yucvuä. 


Cajcvui nantye, najulchicä rubel a cvuok, 
rubel ä cvuük, at in yucvuä cutkuquex 
arcvuin sa sant Iglesia cabl, at in kaxil, 
at yucvuä. 


Du o Gott, Du mein Herr, Du meine 
Mutter, Du mein Vater! Wer ift unfere 
Mutter, wer ift unfer Vater? Nur Du 
gewifs wegen alles Dellen , was vorgeht 
in unterem Herzen, in unferer Seele, Du 
mein Herr, unfer Vater, wegen dem Reifen, 
dem Sehen ; es ift wahr, wie follte es nicht 
die Seele, der Leib meines Sohnes, meines 
Spröfslings fagen. 

Trete ein, mein Vater, fagte er mir 
nicht einmal, nur weil ich that, was ich 
überlegt hatte, denn ich bin feine Mutter, 
fein Vater. 

Es ift wahr, nicht um das Geld zu ver- 
fchwenden für meine Seele, meinen Leib, 
weil ich ein Einzelner bin und keinen 
Nachkommen habe. 

Du nur ftcherlich haft die Seele , den 
Athem meiner Nebenmenfchen erweicht. 

Wo ich gehe und fehe, es fchmerzte 
Dich nicht, es machte Dir keine Mühe 
und ich fand dann eine Tochter, den 
Nachkommen eines Nebenmenfchen , Du 
mein Vater ! 

Nur das fage ich, das denke ich, unter 
Deinen Fiifsen, unter Deinen Händen. Du 
mein Vater ! Ihr feid bei mir im Haufe 
der heiligen Kirche, Du mein Herr, Du 
o Vater. 


Nr. 10. Gebet beim Begräbniffe der Frau, gefprochen vom Manne. 

Xinacanab, at cvuixiquil, xatlaj, xatosö ; Du haft mich verlaffen, Du mein Weib, 
chanta naj xincvuanc ma chic li chin cvuac; Du bift entfchwunden , Du bift todt; wie 

jun torol la vual xatcanab chicvuu. Cvua werde ich denn fein, ohne ein Bischen 

uk teraj. zueffen! Einzig und allein DeineKinder haft 

Du mir geladen; eden, trinken wollen fie. 

Moon ta naquinok li jun clii ixk chi Ich kann doch nicht wie ein Weib (Mais) 
queec; ani ta tequiok lix cvuä la vual mahlen; wer foll mir das Eden Deiner 

cliicvuü. Kinder bereiten? 


— 295 — 

Tyal cvuinkin naj xincand. Xinacanab Wahrlich als ein einzelner Mann bin ich 
se li jun atal cayanc. geblieben. Du hart mich zurUckgelaffen, 

um dies Alles mit anzufehen , mit anzu- 
fchauen. 


Nr. ii. Gebet beim Begräbniffe 

Xatcamc, at in belom, xinacanab. Xat- 
laj, xatosö ; inka chic ut naquin nanau 
ma chic xintyal li ic, li atz' am, ma chi 
rajoc, ma chi kfoc, ma xintau, ma maji ; 
tyal jun chi ix kin naj xincand. 


Ca ta chic tintau cvui li mer, ohin sa 
chinal, sa nebail ; ma chaquinta, at i dios 
xacvuaj tana ranum lin na, lin sumel. 


es Mannes, gefprochen von der Frau. 

Du bift geftorben, Du mein Gatte, Du 
haft mich verlaffen. Du bift entfchwunden, 
Du bift todt ; ich weifs nicht mehr , ob 
ich wieder Chile oder Salz verfuchen werde 
zum Würzen, zum Angenehmmachen, ob 
ich es finde oder nicht; ich bin nur ein 
einzelnes Weib , denn ich bin zurück- 
geblieben. 

Wie werde ich wieder halbe Reales 
bekommen , ich will gehen in der Klein- 
heit, in der Armuth ; ich frage nicht dar- 
nach, o mein Gott, Du haft vielleicht die 
Seele meiner Mutter (Ernährer) , meines 
Gatten gewollt. 


ledigen jungen Mannes, beim Tode feines Vaters 
oder feiner Mutter. 


Nr. 12. Gebet eines 
cvuä 

Xatcamc, — — , xinacanab. Chanta Chi- 
na 

naj in cvuanc lac ta ut chi cvuanc li cvui- 
xaquil ut an tyal junin chi chajom. 

Chan ta tinbanü naj tintye, ohin chivec, 
ma chaquinta; laextoj laex li jun chi uabej. 

Toj laex ajcvui texvec, texiloc. Xinvec, 
xiniloc, ma chaquinta, tyal junin chichajom, 
at i dios, at in na, at in yucvua. Cvuan- 
cat ahi. 


"V ätcr 

Du bift geftorben — , Du haft mich 

& Mutter 

verlaffen. Wie wird es mir ergehen, hätte 
ich doch wenigftens eine Frau, aber ich 
bin allein als ein Lediger. 

Was foll ich thun , fage ich ; ich fage 
nicht, dafs ich fortgehe; Ihr, nur Ihr feid 
mein Vater. 

Ihr auch feid gereift , habt gefehen 
(d. h. leid erfahren). Ich bin gereift, ich 
habe (viel) gefehen, davon fpreche ich 
nicht, aber ich bin allein als Lediger, Du 
mein Gott , Du meine Mutter , Du mein 
Vater. Du bift bei mir. 


Die Handelsbeziehungen 

der Indianerftämme im nördlichen Mittelamerika*). 


Von den eigenthümlichen Erfcheinungen , unter denen fich 
der Binnenhandel des nördlichen Mittelamerika abfpielt, verdienen 
diejenigen Handelsbeziehungen, welche die Indianer auf eigene 
Rechnung und Gefahr unterhalten, ein befonderes Intereffe, da 
fie uns gewiffe Andeutungen über den Handelsverkehr in vor- 
columbifcher Zeit zu geben vermögen, denn trotz der mannig- 
fachen Aenderungen, welche durch den Einflufs der Europäer 
in den gesammten Lebensumftänden der Indianer eintraten, find 
fie doch in gewiffen Zügen der althergebrachten Sitte treu 
geblieben und folgen vermuthlich im Grofsen und Ganzen noch 
jetzt denselben Handelsftrafsen, welche vor Ankunft der Spanier 
für fie mafsgebend waren. Freilich ift die Richtung des Handels- 
verkehrs durch die Natur vorgezeichnet: die Mannigfaltigkeit der 
Klimate, das örtliche Vorkommen technifch wichtiger Mineralien, 
Erdarten und Gefteine, fowie die darauf gegründete landwirth- 
fchaftliche und gewerbliche Thätigkeit haben naturgemäfs fchon 
in den älteren Zeiten Handelsverbindungen zwifchen den Bewoh- 
nern der verfchiedenen Gegenden hervorgerufen, und da diefelben 
äufseren Einflüffe noch heutzutage fortdauern, fo ift auch der 
indianifche Handel in den Grundzügen gleichartig geblieben. 

Was die räumliche Ausdehnung des indianifchen Handels- 
verkehres betrifft, fo hat fich allerdings feit Ankunft der Spanier 
Vieles geändert: manche einft volkreiche Gegenden sind jetzt 
nur noch von einer dünn gefäeten Bevölkerung bewohnt oder 
auch gänzlich unbewohnt; allenthalben hat dem Anfcheine nach 

*) Vergl. Das Ausland, Jahrgang 65 (1892), Nr. 38, S. 593 bis 596. 


— 2 97 — 

die Volkszahl abgenommen, und in weiten Gebieten des füdlichen 
und örtlichen Guatemalas, in S. Salvador und im -weltlichen Hon- 
duras ist der fpanifche Einflufs fo weit rtegreich gewefen , dafs 
dort die Indianer, obgleich fie fich vielfach unvermifcht erhalten 
haben, nicht nur ihre Sprache, fondern auch ihre althergebrachte 
induitrielle Thätigkeit mehr oder minder vollftändig aufgegeben 
haben, in Folge deffen fich in diefen Gegenden für die Indianer- 
ftämme von Mittelguatemala ein neuer Markt ihrer induftriellen 
Erzeugniffe aufgethan hat. 

Auch in anderer Hinlicht find feit Ankunft der Spanier ein- 
fchneidende Veränderungen eingetreten, und ich will folgende 
Umftände namhaft machen, um die Grenzen anzudeuten, inner- 
halb deren von den Indianern ein Beharren in den Fufstapfen 
ihrer Vorfahren erwartet werden kann. 

Das Verkehrswefen hat fich in Guatemala feit der Conquista 
auf eine viel höhere Stufe erhoben, zunächft durch Einführung 
von Reit-, Laft- und Zugthieren und Anlage entfprechender 
Strafsen und Brücken, in neuefter Zeit auch durch Bau von 
Eifenbahnen und Einrichtung einiger Dampferlinien. Diefe 
modernen Verkehrsmittel dienen aber weniger dem Binnen- 
handel, als der Erleichterung der Ein- und Ausfuhr, auch die 
Anlage von Reitwegen kommt für den indianifchen Handelsver- 
kehr kaum in Betracht, da nur die Indianer der Altos (befonders 
Quiche-Indianer, Mames, Tzotzilles und Tzentales) fich dann und 
wann bei ihren Handelsreifen der Laftmaulthiere bedienen; im 
Allgemeinen aber tragen die indianifchen Händler der über- 
wiegenden Mehrzahl nach ihre Waaren (deren Gewicht in jedem 
einzelnen Falle einen Centner und mehr betragen kann) mittelft 
eines Stirnbandes in einem Tragnetze oder hölzernen Traggeftell 
auf dem Rücken mit fich, wie folches in vorfpanifcher Zeit aus- 
fchliefslich Gebrauch war. Aus diefem Grunde genügen fchmale 
Fufswege dem indianifchen Händler vollftändig, und einfache 
Baumftämme oder die aus Lianen geflochtenen Hängebrücken, 
wie man fie in der Alta Verapaz noch häufig, zum Theil mit 
recht anfehnlicher Spannweite (bis 30m) antrifft, thun dem 
Indianer dieselben Dienfte, wie die fchönften Brücken von Stein- 
oder Eifenconftruction. Der indianifche Handelsverkehr auf den 
natürlichen Wafferftrafsen (mittelft Ruderbooten) ift gegenwärtig 


» 


— 298 — 

fehr unbedeutend, dürfte aber früher ziemlich grofse Ausdehnung 
befeffen haben. . 

Die Einführung von Metallgeld, das die früher üblichen 
I aufchmittel allmählich verdrängte, hat die Vermittelung des 1 
Handels fehr erleichtert und den Taufchhandel in den Hinter- 
grund gedrängt; ganz aufgehört hat derfelbe aber nicht, und in 
gewiffen Gegenden pflegt der Indianer noch heutzutage fleh die 
Lebensmittel, die er bedarf, gegen Gewürze und andere Klei- 
nigkeiten einzutaufchen , da er diefelben gegen Geld gar nicht 
erhalten würde. 

Die fpanifche Sprache ift im Laufe der Zeit in den meiften 
Gegenden, felbft da, wo die indianifche Bevölkerung ftark über- 
wiegt und die einheimifchen Sprachen noch herrfchend find, Ver- 
kehrsfprache für die fremden Händler geworden, und fo ift denn 
der indianifche Handelsmann in den meiften Fällen genöthigt, 
fleh einige Kenntnifs des Spanifchen anzueignen, wodurch fleh 
das Spanifche auch unter Stämmen verbreitet, die fleh fonft 
ftark ablehnend gegen diefe Sprache verhalten. Nur in einigen 
Gebieten herrfchen die einheimifchen Sprachen noch fo aus- 
fchliefslich, dafs fremde Händler fleh derfelben bedienen müffen, 
fo in einigen Theilen der Alta Verapaz und der Altos. Daher 
kommt es, dafs die Kekchi- Sprache von zahlreichen Pokomchi- 
und manchen Maya-Indianern, die Quiche-Sprache von zahlreichen 
Marne-, Aguacatan-, Ixil-, Uspantan-, Pokomchi- Indianern u. a. 
gelprochen wird. 

Von der gröfsten Bedeutung für den indianifchen Handel 
ift der europäifche Einflufs dadurch geworden, dafs eine grofse 
Zahl neuer Handelsgegenftände in Aufnahme kamen. Solche 
lieferten zunächft die eingeführten Nutzpflanzen , fowohl die- 
jenigen des kalten Landes (Weizen, Kartoffeln, Apfelbäume, 
Zwiebeln u. f. w.) , als auch diejenigen des gemäfsigten und 
warmen Landes (Reis, Kaffee, Zuckerrohr u. a.). Auch die 
Zucht der eingeführten Hausthiere (Geflügel, Rindvieh, Schweine, 
Schafe, feltener Pferde, Maulthiere, Ziegen) wird von 
Indianern betrieben; der Handel mit diefen Thieren ift aber 
meift ein örtlich befchränkter; nur die Schweine werden häufig 
von Indianern zum Verkaufe nach entfernten Städten verbracht, 
wobei man die Vorfleht anwendet, die Klauen der Schweine 


\ 


- 299 — 

beim Wege über quarzhaltiges Geftein durch eine Art Schuhe 
zu fchützen. Von den eingeführten Hausthieren find für Induftrie 
und Handel der Indianer die Schafe am wichtigften geworden, 
welche in den trockenen Hochlandgebieten von Guatemala und 
Chiapas in ziemlich grofser Zahl gezüchtet werden; die Wolle 
wird von den dortigen Indianern theils als folche verhandelt, 
theils an Ort und Stelle verarbeitet. — In neuerer Zeit find 
auch europäifche Producte Gegenftand des indianifchen Handels 
geworden; die Mehrzahl folcher Objecte wird jedoch von den 
indianifchen Confumenten aus den Kaufläden der Ausländer oder 
Ladinos direct gekauft, wie denn überhaupt der indianifche 
Handel fleh hauptfächlich auf Erzeugniffe indianifcher Landwirth- 
fchaft und Induftrie befchränkt. 

Durch den europäifchen Einflufs hat übrigens auch die 
urfprüngliche landwirthfchaftliche und gewerbliche Thätigkeit der 
Indianer mannigfache Veränderungen erlitten, was begreiflicher 
Weife für die Geftaltung des indianifchen Handelsverkehrs von 
der gröfsten Bedeutung war. 

Der Anbau der einheimifchen Culturpflanzen ift ftark zurück- 
gegangen, indem entweder neu eingeführte Nutzpflanzen die ein- 
heimifchen theilweife verdrängten, oder auch die Einfuhr euro- 
päifcher Erzeugniffe die Cultur derjenigen Pflanzen, welche 
gewiffen Induftriezweigen als Grundlage dienten, vernachläffigen 
liefs. So hat die Einführung von Kaffee als Genufsmittel die 
früher üblichen Genufsmittel (Cacao, Pataxte) ftark in den Hinter- 
grund gedrängt, und die Einfuhr von Baumwollgeweben hat die 
indianifche Baumwollcultur und -Induftrie fo gefchädigt, dafs die- 
felbe in abfehbarer Zeit ganz auf hören dürfte. 

Durch die Einfuhr europäifcher Waffen , Werkzeuge und 
Geräthe haben die früher hierfür verwendeten Materialien (Feuer- 
ftein, Obfidian, kryftallinifche Schiefer, Kupfer u. a.) ihre bis- 
herige Bedeutung verloren, wie denn auch die Orte, wo diefe Roli- 
ftoffe in gröfserer Menge und guter Befchaffenheit Vorkommen, 
allmählich aufhörten, Mittelpunkte der auf diefe Materialien gegrün- 
deten Induftrie und des entfprechenden Handels zu fein. Nur 
wenige der im Lande fleh findenden mineralifchen Rohmaterialien 
haben noch heute ihre einftige Bedeutung bewahrt. Stücke von 
Glimmerfchiefer, Gneis, Kiefelfchiefer und dergleichen Gefteinen 


— 300 — 

werden noch immer allgemein als Schleiffteine benutzt und wer- 
den, da diefe Gefteine nur in beftimmten Gegenden des Landes 
anftehen, aus ziemlich weiten Entfernungen dort geholt; eine 
Induftrie oder nennenswerther Handel hat fich aber nicht darauf 
gegründet, da die Indianer bezüglich der Gröfse und Form der 
Schleiffteine befcheidene Anfprüche machen. — Die Herftellung 
von Maismahlfteinen aus Andefiten und Bafalten wird noch heut- 
zutage von den Indianern einiger Orte eifrig betrieben, und der 
Handel mit diefen auch im Haushalte von Mifchlingen und Euro- 
päern unentbehrlichen Geräthen hat feit Ankunft der Spanier 
fogar noch an (räumlicher) Ausdehnung gewonnen, indem im 
Peten früher Kalkfteine, in den nördlichen Gebieten der Alta 
Verapaz aber kryftallinifche Schiefer (v^enigftens theilweife) das 
Ausgangsmaterial für die dortigen, auch der Form nach ver- 
fchiedenen Mahlfteine bildeten. — Der Handel mit Töpferwaaren 
hat infofern andere Wege eingefchlagen , als durch den Verfall 
der Töpferei in manchen Gebieten von Südoft- Guatemala dort- 
felbft eine Einfuhr von Gefchirr aus Mittel -Guatemala nothwendig 
geworden ift; in neuerer Zeit find auch europäifche Erzeugniffe 
(Gefäfse aus Porcellan, Glas, Metall) als Mitbewerber auf dem 
Markte aufgetreten und haben fchon an viejen Orten Eingang 
in den indianifchen Haushalt und Handel gefunden. — Der 
Handel mit Salz hat in neuefter Zeit einige Aenderung erfahren, 
indem ausländifches Salz in Mitbewerb mit dem einheimilchen 
getreten ift. 

Durch die kurz nach Ankunft der Spanier beginnende all- 
gemeine Verarmung der indianifchen Bevölkerung, fowie durch 
Abfchaffung des heidnifchen Ritus ift das indianifche Kunft- 
gevverbe rafch feinem Verfalle entgegen gegangen, die Gewin- 
nung und Bearbeitung von Metallen und edlen Steinen ift bald 
in Vergeffenheit geräthen, und damit hat natürlich auch der 
Handel mit dergleichen Gegenftänden fein Ende gefunden. Was 
an Schmuck heutzutage getragen wird , ift meift europäifcher 
Herkunft. Der frühere fchwunghafte Handel mit Vogelfedern 
hat aufgehört und an feine Stelle ift unter veränderten Umftän- 
den ein Handel mit Vogelbälgen getreten, fo namentlich in der 
Alta Verapaz, wo der prachtvolle Quezal (Pharomacrus mocinna), 
deffen Erhaltung in vorcolumbifcher Zeit durch ftrenge Jagd 


301 


gefetze geüchert war, in vielleicht nicht allzu ferner Zeit aus- 
gerottet fein dürfte. Manche Indianer befchäftigen fleh auch 
o-eleeentlich mit Orchideenhandel. 

o ö 

Die Aenderungen in der Tracht, welche grofsentheils wieder 
auf den fpanifchen Einflufs zurückzuführen find, haben gleichfalls 
Aenderungen in den Handelsbeziehungen der Indianer hervor- 
gerufen. So hat der immer allgemeiner werdende Gebrauch, 
Hüte zu tragen, ein rafches Aufblühen der Hutflechterei und 
einen ftarken Huthandel erzeugt; der Gebrauch wollener Klei- 
dungsftücke hat eine fchwungvolle indianifche Induftrie in den 
Hochländern ins Leben gerufen, und die Sitte der Kekchi- und 
Pokomchi - Indianerinnen , die Zöpfe, oder richtiger Haarwülfte, 
mit fchwerem, roth gefärbtem Wollfchmuck zu umwickeln, hat 
zu einem lebhaften Handelsverkehr mit Comitan (Chiapas) und 
S. Cruz del Quiche geführt, wofelbft diefe Gegenftände (tupuy) 
heutzutage verfertigt werden. 

Der Handel mit Farbhölzern und indianifchen Heilmitteln 
ift gegenwärtig recht geringfügig, dürfte aber früher eine anfehn- 
liche Bedeutung gehabt haben. 

Wenngleich, wie aus Obigem zu erfehen ift, im indianifchen 
Handel feit Ankunft der Spanier grofse Umwälzungen ftatt- 
gefunden haben, fo ift es doch bezüglich der Art des Handels 
und bezüglich mancher Handelsgegenftände fo ziemlich beim 
Alten geblieben. So dürfte z. B. die Verfertigung von Körben, 
Matten, Befen, Stricken, Netzen, Hängematten, Feuerfächern, 
Suyacales, Guacales, Jicaras u. dergl. gleich geblieben fein und 
auch der Handel mit diefen Gegenftänden hat gewifs nur wenig 
Veränderung erfahren. 

Der indianifche Handel Guatemalas vollzieht fleh grofsen- 
theils auf Jahrmärkten, welche in gewiffen Ortfchaften gelegent- 
lich kirchlicher Feiern abgehalten werden, fo in Chiantla, Rabinal, 
Salamä und zahlreichen anderen Orten. Der bedeutendfte Markt 
ift derjenige von Esquipulas, wo ein Wunder wirkendes, hölzernes 
Chriftusbild und die Freude an Handel und Gewinn alljährlich 
(in den erften Wochen des Januar und um Oftern) viele Taufende 
von Indianern und Ladinos aus Guatemala, San Salvador und 
Honduras, gar manche fogar aus Nicaragua, Britifch- Honduras, 
Yucatan und Chiapas zufammenführt. Der gröfste Theil der 


— 302 — 

indianifchen Waaren wird aber im Haufierhandel abgefetzt, indem 
der Handelsmann theils feine eigenen, theils fremde Erzeugniffe 
mit fich nimmt und auf feinen Wanderungen allmählich abfetzt. 
Ausgangspunkt oder Endziel der indianifchen Handelsreifen find 
die Hauptproductionsgegenden , und fo beftimmt fich die Rich- 
tung des Handelsverkehrs, wie fchon oben angedeutet wurde, 
hauptfachlich durch die Gegenfätze des Klimas und durch das 
örtliche Vorkommen mineralifcher Rohmaterialien, welche an Ort 
und Stelle verarbeitet werden. Die Erzeugniffe des warmen und 
gemäfsigten Klimagürtels gehen nach dem kalten Lande und 
umgekehrt; von feuchten Gegenden befteht ein Handelsverkehr 
nach trockenen Gebieten und umgekehrt; nach den Productions- 
centren von Töpferwaaren , Mahlfteinen und Salz kommen die 
indianifchen Händler, um diefe Artikel einzukaufen, fofern die 
Producenten ihre Waaren nicht felbft im Haufierhandel verkaufen. 

Von den Pflanzen des warmen und gemäfsigten Landes, 
welche Handelsartikel von gröfserer Bedeutung liefern, find neben 
den oben angegebenen, von den Spaniern eingeführten, die fol- 
genden einheimifchen zu nennen: Cacao (im Tieflande des Peten 
und der Alta Verapaz, an der pacififchen Küfte, im Motagua- 
thale und im nördlichften Chiapas), Pataxte (Theobroma bicolor, 
in der Alta Verapaz), die Corozopalme (Attalea Cohune, deren 
Blattfiedern namentlich in der Alta Verapaz und an der paci- 
fifchen Küfte zur Herftellung von Suyacales — den indianifchen 
Regendächern — und Feuerfächern verwendet werden), Baum- 
wolle , Palma real (befonders in den trockenen Gebieten des 
Motaguathales und deffen Umgebung, giebt Ausgangsmaterial 
für die Hutflechterei), Chile und Pfeffer (namentlich in der Alta 
Verapaz) , Tabak (in guter Qualität befonders im Departement 
von Zacapa in S. Salvador und im Departement Copan in Hon- 
duras), Vanille, Sarsaparilla, Copalbaum (Alta Verapaz), mehrere 
Crescentia -Arten (deren längliche resp. runde Frucht die unter 
dem Namen Jicara resp. Guacal bekannten Trinkfchalen liefert), 
Agaven (befonders im Süden der Alta Verapaz angebaut und 
verbreitet), Campecheholz (Peten, Alta Verapaz), Grenadillos 
(Alta Verapaz). 

Für den Handel der Bewohner des kalten Landes haben 
aufser der Agave, welche namentlich bei Nebaj im Departement 


303 — 

Quiche angebaut wird , faft nur die fchon oben angegebenen, 
von den Spaniern eingeführten Hausthiere und Nutzpflanzen 
Bedeutung. 

Die wichtigften Handelsartikel der Altos find Wollftofte 
(jerga) und Reifetücher (chamarra). 

Centren der Töpferinduftrie find in Chiapas: im Gebiete 
der Zoques Tapalapa und Coapilla, im Gebiete der Tzentales Yaja- 
lou, Tenango, Amatenango und Pinola, im Chiapanekengebiete 
Chiapa und Suchiapa, in Guatemala: S. Andres, S. Sebaftian, 
Tejutla und Aguacatan (Departamento Huehuetenangoj , Nebaj, 
Chiquimula (Departamento Quiche) , Chinantla (Departamento 
Guatemala), Salamä (Departamento Baja Verapaz) und Jilotepeque 
(Departamento Jalapa), in San Salvador: Cojutepeque. Natur- 
gemäfs verforgen diefe Centren jeweils ihre nähere Umgebung, 
und an vielen nicht genannten Orten wird ebenfalls, freilich in 
kleinerem Mafsftabe, Töpferei getrieben. Von manchen Ort- 
fchaften aus werden die Thongefäfse nach ziemlich entfernten 
Gegenden hin verhandelt, z. B. von Tejutla und Chiquimula aus 
nach Südweft-Guatemala und Südoft-Chiapas, während Jilotepeque 
faft ganz Südoft- Guatemala und Weft-Salvador verforgt. 

Dreierlei Arten von Maismahlfteinen find im nördlichen 
Mittelamerika im Gebrauche: 

1. Der Maismahlftein ruht auf drei Füfsen; die Handwalze 
ift im Querfchnitte rund und dabei länger als die Breite des Mahl- 
fteines. Solche Mahlfteine werden von Oaxaca her eingeführt 
(Ifthmusgegend und füdweftliches Chiapas) oder in fchwereren 
Formen im Inlande hergeftellt: in Chiapas bei Coapilla, bei 
Chamula und Tenejapa (aus Andefit), in Yucatan bei Ticul und 
Icaiche (aus Flint), in Guatemala bei S. Catarina (unfern Totoni- 
capan) und bei Izapa (nahe Chimaltenango) , in San Salvador 
bei Cojutepeque und Ilobasco (aus Andefit). Die falvadoreiiifchen 
Mahlfteine zeigen zwar auch runde Handwalzen; diefelben find 
aber ziemlich kurz und bilden daher gewiffermafsen einen Ueber- 
gang zur zweiten Art Mahlfteine. 

2. Der Mahlftein ruht auf drei f 1 üfsen ; die Handwalze 
ift im Querfchnitte flach, und dabei kürzer als die Breite des 
Mahlfteines. Diefe Mahlfteine werden aus Andefit in der 
Nähe von Jilotepeque (Guatemala) hergeftellt und verforgen 


— 304 — 

Südort- Guatemala, die Verapaz, das Peten, Theile von Britifch 
Honduras, fowie das weltliche San Salvador (bis Sonfonate 
herunter). 

3. Der Mahlftein ift ohne hüfse; die Handwalze ift rundlich 
und dabei kürzer als die Breite des Mahlfteins. Diefe Mahlfteine 
werden, aus Andefit und Bafalt, in Opatoro und anderen Orten 
des Leuca-Gebietes (Honduras), fowie in Cacaopera und S. Alejo 
(örtliches San Salvador) angefertigt und find in jenen Gegenden 
ausfchliefslich üblich. — Mahlfteine ohne Füfse waren übrigens 
in vorfpanifcher Zeit auch im übrigen Mittelamerika vorzugsweife 
üblich, wie man bei Gelegenheit von Ausgrabungen feftftellen 
kann. 

Salz wird in gröfserer Menge in S. Maddalena (Departement 
Quiche) und Nueve Cerros (Departement Alta Verapaz) gewonnen; 
in Sacapulas und S. Mateo Ixtatan finden fich gleichfalls Salz- 
quellen, welche von den Indianern felbft ausgenutzt werden. An 
der pacififchen Kürte und in Yucatan wird Seefalz gewonnen. 
Die wichtigften Salinen in Chiapas find diejenigen von Iztapa 
und von La Concordia (Valle de Cuxtepeque). Ausländifches 
Salz kommt bereits vielfach auf den Markt. 

Wenn auch durch diefe Ueberficht die allgemeine Handels- 
bewegung zu erkennen ift, fo ift es doch nothwendig, durch einige 
Beifpiele die Richtung und die Art der Handelsreifen zu erläutern, 
theils aus geographifchem Intereffe, theils aber auch deshalb, 
weil die Producenten in manchen Fällen nicht felbft auf den 
Haufirhandel gehen, ja der Käufer zuweilen feine Waare erft 
aus dritter oder vierter Hand erhält. 

Quiche-Indianer von Chiquimula verkaufen Wolle und Jerga 
oder Reifetücher in Süd- und Südoft-Guatemala; fie verkaufen 
auch Töpferwaaren an der Südfeeküfte und kommen auf diefen 
Wanderungen bis Champerico, Tapachula und Huehuetan. 
Quiche-Indianer von Totonicapan und San Francisco bringen 
Aepfel und Kartoffeln in Guatemala, Coban, Zacapa und anderen 
Orten auf den Markt. 

Die Bewohner von Aguacatan (deren Sprache zur Marne- 
Gruppe gehört) verkaufen Knoblauch, Zwiebeln und Töpferwaaren 
in der Verapaz und dem Motaguathale, in \ zabal und Guatemala- 
Stadt, in den Altos und an der pacififchen Küfte (bis Champerico). 


- 305 - 

Die Bewohner von Nebaj (Ixil- Indianer) verkaufen Stricke, 
Netze, Hängematten und Gefchirr in den Altos und in Chiapas; 
in der Alta \ erapaz (befonders Coban) verkaufen fie Kartoffeln 
und kaufen dagegen Chile und Baumwolle ein. Manchmal kommen 
fie fogar nach Tabasco, um Grenadillos, Zwiebeln und Knoblauch 
zu verkaufen und Cacao zurückzunehmen. 

Der Handel der Indianerftämme der Altos Cuchumatanes (mit 
Aepfeln, Matten, Wolle u. a.) geht hauptfächlich nach Comitan 
(Chiapas). Die Tzotziles von Chamula gehen vielfach nach 
Tabasco, um Brot von S. Criftobal zu verkaufen, kehren aber 
ohne Gepäck nach dem Hochlande zurück. 

Pokoinam- und Cakchiquel -Indianer aus dem Departement 
Guatemala und Umgebung verkaufen 'Gefchirr in Süd-Guatemala 
(befonders Chiquimulilla), feltener in der Verapaz (Coban). 

Die Indianer von Jilotepeque (Pokomamas) machen keine 
größeren Handelsreifen; ihre Erzeugniffe werden vorzugsweife 
von Kekchi-Indianern aufgekauft und im Haufirhandel abgefetzt, 
gehen aber auch nach dem weltlichen S. Salvador. 

Die Bewohner von Taktik (Pokomchi- Indianer) verkaufen 
Körbe, auch Stricke in Süd-Guatemala und der Alta Verapaz. 
Die Bewohner von Tomahü und Tucurü (Pokomchi-Indianer) ver- 
handeln Suyacales und Chile nach Süd-Guatemala und den Altos 
(Quezaltenango). 

Die Bewohner von Lanquin (Kekchi- Indianer) verkaufen 
Suyacales, Copalharz und Chile in Coban, Feuerfächer*) und 
anxibre •"*) im füdlichen Guatemala, befonders der Hauptftadt. 
Die Cajaboneros (Kekchi -Indianer) verkaufen in Coban Baum- 
wolle und Guacales (letztere häufig verziert***). 

Kekchi- und Pokomchi-Indianer der verfchiedenften Dorf- 
fchaften verkaufen im Motaguathale und Umgebung Kaffee, worauf 
fie dort Hüte, auch wohl etwas Cacao (in S. Aguftin) aufkaufen, 
um fie in ihrer Heimath wieder zu verhandeln. 


Abbildung in Stell, Ethnologie, Tafel I, Nr. 3 
Sappcr, Das nördliche Mittelamerika. 


20 


— 306 — 

Indianer von Coban gehen nach Quezaltenango , um Jerga 
und Reifetücher, nach Guatemala, um Mehl zu kaufen. 

Die Bewohner von S. Juan Chamelco (Kekchi-Indianer) gehen 
nach Süd-Guatemala, um Stricke, Tragnetze, Hängematten zu 
verkaufen; fie kaufen von dem Erlös Taffen (europäifcher Her- 
kunft) und einheimifche Töpfer waaren (Pokomam- Arbeit) in der 
Hauptftadt und verhandeln diefelben in Süd-Guatemala und San 
Salvador (befonders S. Ana); auf der Heimreife kaufen fie meiftens 
Mahlfteine in Jilotepeque, um fie in der Verapaz, namentlich in 
der Gegend von Cajabon wieder abzufetzen. San Juaneros ver- 
kaufen Seilerwaaren auch vielfach im örtlichen Guatemala (Yzabal, 
Zacapa, Esquipulas) und San Salvador (S. Ana, S. Salvador, 
S. Miguel, La Union), kaufen hernach Töpferwaaren in Jilote- 
peque auf, um fie im unteren Motaguathale und Yzabal zu ver- 
kaufen; fie nehmen als Rückfracht von Yzabal europäifches 
Gefchirr (befonders Taffen) oder auch von Zacapa aus Cigarren, 
um fie unterwegs und in der Alta Verapaz wieder zu verkaufen. 

Die Bewohner von S. Cruz (Pokomchi-Indianer) verfolgen 
diefelben Wege wie die San Juaneros, und treiben auch mit 
den gleichen Gegenftänden, wie jene, Handel. 

Die Bewohner von S. Pedro Carchä und Umgebung (Kekchi- 
Indianer) verkaufen Chile, Pfeffer und Anis (letzteren vom Aus- 
lande eingeführt) in den Altos und nehmen als Rückfracht Mehl 
von den Altos oder Cacao von der Südfeeküfte, oder auch 
Tupuyes von Comitan (feltener von S. Cruz del Quiche). San 
Pedraner, welche nach Esquipulas gehen, verkaufen dort Körbe, 
Pfeffer und Nimquiic (eine grofse Varietät von Capsicum annuum) 
und nehmen auf dem Heimwege Mahlfteine von Jilotepeque und 
Hüte von Esquipulas oder dem Motaguathale mit. San Pedraner 
gehen ferner nach der Hauptftadt, verkaufen dort Chile, Pfeffer, 
Campecheholz, Xanxibre und nehmen als Rückfracht Mehl, Cacao 
oder Salz. 

Die Bewohner von San Criftöbal (Pokomchi-Indianer) folgen 
denfelben Handelsftrafsen und handeln mit den gleichen Gegen- 
ftänden, wie die San Pedraner, in deren Gebiet he Chile und 
Pfeffer einkaufen; aufser diefer Waare nehmen fie aber auch das 
Haupterzeugnifs ihres Dorfes (Stricke, Tragnetze und Hänge- 
matten) mit auf den Weg, um es in den Altos zu verkaufen. 


— 3°7 - 

Zwifchen den San Pedranern und den San Criftöbaleiios befleht 
ein eigenartiges Freundfchaftsverhältnifs, trotz der Verfchieden- 
heit der Sprache, was um fo auffälliger ift, als zwifchen den 
einzelnen Tribus des Kekchi -Volkes ftets gegenfeitige kleine 
Reibereien und Feindfchaften Vorkommen. — 

Während der indianifche Handelsverkehr zwifchen Mittel- 
und Süd-Guatemala ein fehr reger ift, ift. der Handel zwifchen 
Nord- und. Mittel -Guatemala — vermuthlich wegen des fehr 
befchwerlichen Weges — ganz geringfügig: San Pedraner gehen 
ins Peten, um dort Kaffee, feltener Hängematten, zu verkaufen, 
Mayas kommen nach San Pedro Carchä, um dort Mahlfteine 
einzukaufen — das ift Alles. Im Uebrigen verforgen fich die 
Mayas des Peten mit allen Gebrauchsartikeln, die fie nicht felbft 
erzeugen, theils mittelbar, theils unmittelbar von Britifch-Honduras, 
auch wohl von Tabasco her, während der noch vor einigen Jahr- 
zehnten ziemlich lebhafte Handel mit der Halbinfel Yucatan 
gegenwärtig faft ganz aufgehört hat. Auch zwifchen Chiapas 
und Tabasco ift der Handelsverkehr verhältnifsmäfsig befchränkt; 
ebenfo in Yucatan. 

Man fieht aus diefen Angaben, welche allerdings noch vieler 
Erweiterungen, vielleicht auch Berichtigungen fähig find, wie 
weit ausgedehnt die Handelsbeziehungen der Indianer, befonders 
Guatemalas, lind. Es ift dies von der gröfsten Bedeutung, da 
dadurch die mduftriellen Erzeugniffe einer beftimmten Gegend, 
eines beftimmten Stammes oder Dorfes vielen anderen mitgetheilt 
werden; in Folge deffen findet man gleichartige induftrielle 
Erzeugniffe bei den verfchiedenften Stämmen vor, nicht feiten 
aber auch, da die Wege der verfchiedenen Händler fich häufig 
begegnen und kreuzen, Gegenftände .derfelben Art, aber ver- 
fchiedener Technik und Herkunft bei ein und demfelben Stamme 
So trifft man Hängematten von Kekchi- und Pokomchi-Indianern 
aff in ganz Guatemala an, zuweilen neben einheimifchen Pro- 
ucten diefer Art, in den Altos im Wettbewerbe mit den Erzeug- 
ten der Ixil- Indianer; im Peten fieht man neben einheimifchen 
Hangematten auch folche von S. Pedro Carchä, von Tabasco 
auch wohl von Campeche. 

Suyacales der Pokomchi-Indianer werden in einzelnen Theilen 
der Altos verkauft, während fonft in den Altos hauptfächlich 


20 * 


— 308 — 

Suyacales von der pacififchen Kürte (befonders S. Sebartian) 
gebräuchlich find. Man heftet die Blattfiedern der Corozopalme 
durch mehrere parallele Nähte zufammen, fo dafs nur die Spitzen 
der Fiedern frei bleiben. Die Marne-Stämme dagegen benutzen 
die Fiedern einer Fächerpalme, welche fie an einem Ende zufammen- 
faffen und kragenartig um den Hals hängen, während die Suya- 
cales aus Corozo auch das Haupt des Trägers fammt feinem 
Gepäcke fchtitzen. 

Wie in diefem Falle läfst fich auch bezüglich der Töpfer- 
waaren häufig an Form und Technik die Herkunft feftftellen. 
Wer z. B. im Motaguathale einen dreihenkeligen Cäntaro (Waffer- 
krug) fieht, darf beftimmt annehmen, dafs derfelbe von Jilote- 
peque ftammt; eine zweihenkelige Tinaja (Wafferkrug), die man 
dort fieht, ift höchft wahrfcheinlich Erzeugnifs von Pokomam- 
Indianern, und wenn man im Motaguathale ein Schuhgefäfs*) fieht, 
fo darf man ficher fein, dafs daffelbe von Aguacatan- Indianern 
erzeugt und gebracht worden ift, denn das Schuhgefäfs wird 
von den örtlichen Stämmen gar nicht hergeftellt und fcheint bei 
denfelben auch früher niemals üblich gewefen zu fein. 

Obgleich der europäifche Einflufs dem indianifchen Handels- 
verkehr immer engere Grenzen zieht, fo ift doch unverkennbar, 
welch wichtige Rolle derfelbe auch jetzt noch im Leben der ein- 
zelnen Stämme fpielt. In vorcolumbifcher Zeit aber hat der india- 
nifche Handel zweifellos eine noch viel gröfsere Bedeutung befeffen, 
obwohl damals die induftriellen Thätigkeiten (z. B. Töpferei, 
Seilerei) viel allgemeiner geübt wurden und demnach der Handel 
mit jenen Erzeugniffen verhältnifsmäfsig weniger lebhaft war. 
Wir gehen gewifs nicht fehl, wenn wir lagen, dafs durch den 
Handel hauptfächlich die jeweiligen Culturfortfchritte eines Stam- 
mes den übrigen mitgetheilt wurden. Wie noch jetzt dann und 
wann gewerbliche Gegenftände von verfchiedener Technik und 
Herkunft durch den Handel zu ein und demfelben Stamme 
kommen, fo ift das zweifellos auch früher der Fall gewefen, und 
es läfst fich wohl denken, dafs früher, wo die gewerbliche und 
kunftgewerbliche Thätigkeit fich fo eifriger Pflege und hoher 
Blüthe erfreute, derartige Gegenftände nachgeahmt wurden. Auf 

*) Ein den dort gebräuchlichen Schuhgefäfsen ähnliches Gefafs abgebildet in 
St oll, Ethnologie, Tafel II, Nr. 19. 


— 309 — 

folche Weife haben fich vielleicht die der Mayafamilie fern flehen- 
den Stämme Guatemalas allmählich der Cultur der Mayaftämme 
affimilirt, wenn fie nicht etwa durch den Verfall ihrer Induftrie 
genöthigt wurden, den gewerblichen Erzeugniffen der herrfchen- 
den Mayaftämme in ihrem Haushalte Bürgerrecht zu geben*). 

Möglicherweife aber haben in umgekehrter Weife fich die 
Mayaftämme Guatemalas (namentlich Weft- Guatemalas) an die 
höhere Cultur der einwandernden (oder von den einwandernden 
Mayas Vorgefundenen) Pipiles (Nahuatl) angelehnt, und Stoll**) 
hat in der That manche bemerkenswerthe Anhaltspunkte für 
diefe Annahme beigebracht. 

Möge dem aber fein, wie ihm wolle — eine fichere Ent- 
fcheidung kann erft die eingehende archäologifche Unterfuchung 
der Gebiete bringen — •, unbeflreitbar ift der nivellirende und 
fördernde Einflufs, welchen der Handel auf die Cultur der ver- 
fchiedenen Stämme ausübt. Durch den Handel (direct oder 
indirect durch die Ausfagen der Händler) ift Wetteifer und Nach- 
eiferung bei den Stämmen von niedrigerer Cultur entflammt 
worden, durch ihn wurden folche Stämme alfo auch allmählich 
auf die Höhe der anderen emporgehoben; der Handel hat für 
die Cultur die Brücke über die Kluft gefchlagen, welche zwifchen 
den einzelnen Stämmen durch die politifche Abgefchloffenheit 
beftand, und hat fo bewirkt, dafs die zahlreichen verfchieden- 
artigen Stämme des nördlichen Mittelamerika der Hauptfache 
nach derfelben Cultur theilhaftig wurden. Freilich ift dies nicht 
in dem Mafse der Fall gewefen, dafs alle Unterfchiede aus- 
geglichen worden wären; die leitenden Culturcentren drückten 
vielmehr ihren Tributären mehr oder minder deutlich den Stempel 
ihres Geiftes auf, und es wird Sache künftiger Studien fein, dies 
im Einzelnen nachzuweifen. 

*) Als ich vor Kurzem wieder durch das Gebiet der Pipiles (Nahuatl) der 
Baja V erapaz wanderte , bemühte ich mich vergebens, in ihrem Haushalte irgend 
em Gerath zu entdecken, das von denjenigen benachbarter Mayaftämme bedeutfam 
abgewichen wäre. 

**) °* Stoll > D >e Mayafprachen der Pokomgruppe , I. Theil. Die Sprache 
der Pokomchi-Indianer, Wien 1888, S. 4 f. 


Volksmufik bei den Indianerftämmen des nörd- 
lichen Mittelamerika. 


Wenn es wahr ift, dafs die Mulik der unmittelbare Ausdruck 
des Gefühls ift, dafs mufikalifche Weifen die Schwingungen des 
Herzens gewiffermafsen in Töne umfetzen, fo mufs es auch mög- 
lich fein, aus der Mufik einen Rückfchlufs auf das Gefühlsleben 
zu ziehen. Namentlich müfste dies bei der Volksmufik Geltung 
haben, da in diefem Falle gewiffe Weifen trotz aller Individualität 
der Einzelglieder eines Volkes bei der grofsen Menge Anklang 
gefunden haben; es ift dabei gleichgültig, ob die betreffenden 
Weifen aus dem Volke felbft hervorgegangen find oder ob fie 
von Fachmufikern gefchaffen wurden; das Wefentliche ift, dafs 
fie bei der grofsen Mehrheit die Saite ihres Empfindens zum 
Mittönen bringen, d. h. dafs fie ihrer Gefühlsweife thatfächlich 
entfprechen. Wer nun die Mufik fo zu deuten verftünde, dafs 
er diefe Gefühlsäufserungen unferen abftracten Urtheilsbegriffen 
einzuordnen wüfste , der würde aus den Lieblingsweifen eines 
Volkes ein wahreres Bild feines Gefühlslebens, feines Charakters 
herauslefen, als jahrelange unmittelbare Beobachtungen zu geben 
vermöchten. Leider find aber die Aeufserungen des Gefühls in 
Tönen zu allgemein, als dafs fie in der angegebenen fpeciellen 
Weife gedeutet werden könnten, und die ganze Programmmufik 
hat meines Erachtens nur die Wahrheit diefer Behauptung erwiefen, 
da die von dem Componiften angegebenen Gedanken wohl mög- 
licherweife nachgefühlt werden können, aber in keinem mir 
bekannten Falle fo überzeugend dargeftellt find, dafs fie nach- 


— 3 1 1 — 

gefühlt werden müfsten. Die Mufik vermag eben weder beftimmte 
Gedanken noch materielle Gegenftände nachzubilden, fondern nur 
Stimmungen, und diefe vermag fie daher auch wirklich beim 
Zuhörer hervorzurufen, während alle Verfuche, aus Tonwerken 
abftracte Gedanken oder beftimmte Vorgänge herauszulefen, 
dem nüchternen Beurtheiler phantaflifch Vorkommen müffen. 

Obgleich demnach die Mufik viel engere Grenzen des Geftal- 
tungsvermögens befitzt, als man vielfach anzunehmen geneigt ift, 
fo ift fie doch ein aufserordentlich wichtiges ethnologifches Ele- 
ment, da fie das Gefühlsleben eines Volkes oder Stammes in 
richtigem und farbenwahrem Bilde, wenn auch in verfchwom- 
menen Umriffen, zum Ausdrucke bringt. Ich kann hier nicht 
darauf eingehen, wie fich dies in der Mufik der verfchiedenen 
europäifchen Nationen, namentlich in ihren Volksweifen, aus- 
fpricht; auch will ich mich nicht darüber verbreiten, welch geringe 
Meinung man von der Gefühlstiefe unferer Grofsftadtbewohner 
erhält, wenn man an allen Strafsenecken platte Gaffenhauer fingen 
und pfeifen hört; ich will hier nur darauf aufmerkfam machen, 
wie wichtig die Kenntnifs der Mufik von fremden Cultur- und 
Naturvölkern für uns fein kann, da fie möglicherweife allein den 
Schlüffel zum Verftändniffe ihres Charakters zu bieten vermag, 
und zugleich einen guten Werthmeffer der Cultur darftellt. Leider 
ift das einfchlägige Material zur Zeit noch zu dürftig, als dafs 
es möglich wäre, die Bedeutung der Mufik nach der genannten 
Richtung hin auf Grund vergleichender Unterfuchungen jetzt 
fchon voll und ganz zu würdigen. Trotzdem erfcheint es mir 
wahrfcheinlich, dafs die Volksmufik in der vergleichenden Völker- 
kunde eine bedeutfame Rolle zu fpielen berufen ift, und ich halte 
mich zu diefem Urtheile um fo mehr für berechtigt, als ich auf 
meinen Wanderungen in der Republik Guatemala mancheBeobach- 
tungen machen konnte, welche als unmittelbare Beftätigung meiner 
Annahme dienen können. 

Vor Allem fiel mir die vergleichsweife hohe Entwickelung 
der indianifchen Volksmufik unter den Stämmen der Maya- Völker- 
familie auf. In der That ift den mufikalifchen Aufführungen bei 
manchen Stämmen ein folcher Wohlklang und fo kraftvoller 
Rhythmus eigen, dafs es felbft dem verwöhnten Ohr des Euro- 
päers äfthetifch angenehm klingt, trotz der Einfachheit der Melo- 


— 312 — 

dien und trotz mancher auffallender Eigentümlichkeiten. Ich 
glaubte mich berechtigt, aus diefer verhältnifsmäfsig hohen Stufe 
mufikalifcher Geltaltungskunft auch auf eine hohe Stufe der 
gefammten früheren Cultur fchliefsen zu dürfen, und ein Befuch 
der grofsen Ruinenplätze diefer Gebiete mit ihren prächtigen 
Sculpturen und Tempeln hat mich in meiner Annahme aufs Ueber- 
zeugendfte beftärkt. 

Wichtiger find andere Beobachtungen, aus welchen hervor- 
geht, dafs die Volksmufik unter den verfchiedenen Stämmen der 
Mayafamilie mannigfache und bedeutfame Unterfchiede aufweift, 
und es ift fehr beachtenswert, dafs diejenigen Stämme, welche 
fprachlich zu befonderen Gruppen zufammengehören, auch gleiche 
Grundzüge der mufikalifchen Geftaltung aufweifen. 

Das Orchefter befteht bei den Kekchi- und Pokomchi- 
Indianern gewöhnlich — im Gegenfatze zu anderen Stämmen 
der Mayafamilie — aus Saiteninftrumenten (Harfe, Geige und 
Guitarren); diefelben find zwar offenbar europäifchen Muftern 
nachgebildet, aber es ift aufser Zweifel, dafs vor Ankunft der 
Spanier bereits Saiteninftrumente , freilich anderer Conftruction, 
bei ihnen üblich waren. 

Vielfach beobachtet man im Kekchi-Gebiete, wie im übrigen 
Mittelamerika, die Marimba, ein Holzfchlaginftrument, welches 
in gleicher Art in Afrika gefunden wird und zweifellos auch von 
Afrika her ftammt, wie durch die Etymologie des Wortes mit 
Sicherheit feftgeftellt ift (»di rimba« heifst in der Angolafprache 
nach Max Büchner »der Kürbis«, »marimba« »die Kürbiffe«, weil 
dort Kürbiffe als Refonanzkäften verwendet werden) , und man 
beobachtet nicht feiten fehr grofse Inftrumente diefer Art, welche 
von zwei oder drei, felbft vier Mann gefpielt werden, daneben 
freilich auch kleine, welche von einem Mann getragen und gefpielt 
werden. Wahrfcheinlich ebenfalls afrikanifchen Urfprungs ift der 
Arpache oder Marimbache, auch Caramba genannt, welcher aus 
einem etwa fechs Fufs langen, leichten Holzbogen befteht, 
befpannt mit einer zähen dünnen Schlingpflanze oder einer 
Schnur; diefe Art Saite wird feitlich vom Mittelpunkte durch 
eine Schlinge gegen den Bogen hin in der Weife zurückgebunden, 
dafs durch Anfchlagen der beiden Seitentheile mittelft eines 
leichten Holzftäbchens Grundton und Oberdominante ertönen, 


, — 313 — 

während gleichzeitig mit dem Munde, an welchen man den Holz- 
bogen prefst, eine Melodie (wie bei einer Maultrommel) gebildet 
wird, die mit Hülfe der Schwingungen des Holzbogens vernehm- 
bar wird. 

Die Mufik der Kekchi- und Pokomchi-Indianer ift ausfchliefs- 
lich inftrumental, Gefang habe ich bei indianifchen Aufführungen 
niemals (mit Ausnahme des Baile de Cortez) beobachtet, und zwar 
find die Weifen gewöhnlich in zwei ganz kurze Sätze gegliedert, 
deren erfter meiftens ftiller und ruhiger, der zweite aber lauter 
gefpielt wird und lebendigere Rhythmen und einen gröfseren 
Töneumfang aufweift. Ich gebe im Anhänge einige Beifpiele 
derartiger Weifen; fo einfach diefelben find, fo kann ihnen ein 
gewiffer rhythmifcher und melodifcher Reiz doch nicht abge- 
fprochen werden, und obgleich leider manchmal die Reinheit 
der Stimmung bei den einzelnen Inftrumenten etwas zu wünfchen 
übrig läfst, fo ift doch meift die Klangwirkung der fanften Saiten- 
instrumente eine fehr angenehme und erfreuliche; und manche 
halbe Stunde habe ich, ohne irgendwie zu ermüden, den Tänzen 
mit ihren ruhigen, aber namentlich bei jungen Indianerinnen oder 
Kindern oft ungemein graciöfen Bewegungen zugefchaut und 
dabei die munteren Weifen trotz der beftändigen Wiederholungen 
ftets mit Vergnügen mit angehört; bei Tänzen wird zur fchärferen 
Hervorhebung des Rhythmus meift von einem Indianerjungen 
mit der Fauft auf dem Refonanzboden der Harfe getrommelt und 
obgleich der etwas rohe Klang etwas ftörend in das weichere 
Zufammenklingen der Saiteninftrumente eingreift, fo ift er doch 
für die exacte Ausführung der Tanzbewegungen ein recht gutes 
Hülfsmittel. 

Früher waren in der Verapaz und anderen Theilen Mittel- 
amerikas thönerne Pfeifen*) in Gebrauch; der gröfste Tonumfang, 
welchen ich an folchen vorgeschichtlichen Thonpfeifen beob- 
achtete, betrug nur eine Quinte in diatonifcher Tonleiter, und es 
fcheint diefer Umftand noch jetzt in manchen Tonftücken diefer 
Indianer nachzuwirken, indem kleine Weifen zuweilen ganz, bei 
zweitheiligen aber wenigftens der erfte Satz lieh auf den genannten 
Tonumfang befchränken. Nicht ganz ohne Einflufs auf die Mufik 

*) Jetzt fleht man folche Thonpfeifen — in Vogelgeftalt — nur noch als 
Kmderfpielzeug, mit nur zwei Tönen, in Gebrauch (vovol in Kekchi). 


— 314 — 

der Indianer ift wohl auch der Vogelgefang geblieben, den die 
Leute in den einfamen Wäldern häufig genug hören und nach- 
ahmen. In einzelnen Fällen fielen mir bei Indianer -Melodien 
leichte Anklänge an Vogelrufe auf, und wenn man beobachtet, 
dafs manche Singvögel, ihren Ruf variirend, den meift gehaltenen 
Anfangston des Rufes manchmal in eine Anzahl rafch auf ein- 
ander folgender Einzeltöne auflöfen, fo findet man ein ganz ähn- 
liches Verhältnifs auch im Anfänge vieler Indianer-Weifen. 

Obgleich die Weifen manchmal nicht im Grundtone, fondern 
in der Quinte endigen, fo beobachtet man doch oft auch ein 
auffallend häufiges Wiederholen und Betonen des Grundtones, 
ganz entfprechend dem eigenthümlichen Charakter der Verapaz- 
Indianer: das Bevorzugen der fanften Saiteninftrumente und ein- 
facher, aber meifl ziemlich reich bewegter Weifen entfpricht fehr 
gut dem ruhigen, fanften, aber empfindungsreichen Charakter der 
Leute; das auffallende Hervorkehren des Grundtones in manchen 
Weifen bringt ihren Eigenfinn , ihr zähes Beharren am Alther- 
gebrachten zum Ausdruck. 

Einer befonderen Eigenthümlichkeit mufs ich aber hier noch 
Erwähnung thun, ehe ich der Volksmufik anderer Indianerftämme 
gedenke, und das ift der Mangel an Symmetrie, welchen man 
an faft allen ihren Weifen beobachten kann und welcher felbft 
an ganz kleinen Melodien noch zu bemerken ift. Wenn z. B. 
Indianerinnen traurig find, fo pfeifen fie häufig folgende kleine 
fchwermüthige Weife zwifchen den Zähnen: 


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und in ähnlicher Art findet man meiftens bei Wiederholung einer 
Tonformel diefelbe in unfymmetrifcher Ausbildung wieder. 

Bei den Mayas von Yucatan, wie auch bei den Lacan- 
donen, habe ich leider (abgefehen von einigen Tanzweifen der 
Beten -Indianer, bei welchen eine auffallend grofse Häufung von 
Triolen zu bemerken war) keine mufikalifche Originalleiftung 
o-ehört, und kann daher Nichts darüber berichten. Das Vor- 
kommen originaler Saiteninftrumente bei den Lacandonen läfst 
die Vermuthung berechtigt erfcheinen, dafs deren Mulik einiger- 
mafsen verwandt mit der der Verapaz-Indianer fei. Auffallend 


— 315 — 

war mir aber namentlich in Yucatan das gänzliche Fehlen von 
Mufikinftrumenten in den Indianerhütten und man mufs daher 
annehmen, dafs diefe Mayas ein minder mufikfreundliches Volk 
wären als die Kekchi- und Pokomchi- Indianer. 

Während die genannten Verapaz-Indianer, entfp rechend ihrer 
Gemüthsart, den fünften Saiteninftrumenten den Vorzug geben, 
findet man bei den lebhafteren Stämmen des Hochlandes 
kräftigere Klangwerkzeuge verwendet. Das Orchefter befteht 
hier durchwegs aus Pfeife (Schalmei oder Flageolett) und grofsei 
Trommel. Auch die mufikalifchen Weifen tragen ein ganz anderes 
Gepräge als in der Alta Verapaz. 

Bei den Stämmen der Quiche-Gruppe find die mufika- 
lifchen Sätze (wie bei allen anderen Stämmen der Mayafamilie) 
gewöhnlich fehr kurz und werden daher faft unzählige Male 
wiederholt, mögen es nun Tänze oder Märfche fein. Während 
aber bei den Kekchi -Indianern der zweite Satz meiftens durch 
bewegtere Melodieführung und kräftigere Tongebung ausge- 
zeichnet ift, kommt dies im Quiche-Gebiete nicht mehr vor; 
häufig merkt man fogar das Gegentheil davon; nach oftmaliger 
Wiederholung der beiden Sätze eines Stückes wird zuweilen ein 
Zwifchenfatz eingefchoben, wodurch eine wohlthuende Abwechfe- 
lung entfteht. 

Dem beiftehenden Tonftückchen: 



entfpricht z. B. folgender Zwifchenfatz: 



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Wie in diefem Beifpiele, fo find auch fonft häufig die Sätzchen 
(oder beffer gefagt Perioden) noch kürzer als bei den Kekchi- 
Weifen, denen fie zudem zumeift in Bezug auf Mannigfaltigkeit 


— 3iö - 

des Rhythmus nachftehen. Ganz einförmigen Rhythmus zeigt 
z. B. folgende Weife: 


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Trotzdem verftand der Spieler (ich hörte die beiden ange- 
führten Weifen in Uspantau auf der Marimba fpielen) durch kaum 
merkliches Schneller- und Langfamerwerden eine geradezu nerven- 
erregende Wirkung zu erzielen. Auffällig war mir an diefen 
Stücken die Verwendung von Molltonarten, da ich Moll bei den 
Indianern der Alta Verapaz nie gehört habe. Jenen eigenthüm- 
lichen Mangel an Symmetrie in der Ausbildung einzelner Glieder 
einer mufikalifchen Periode, welcher bei den Kekchi- Indianern 
häufig auffällt, habe ich bei den Stämmen der Quiche-Gruppe 
weit feltener beobachtet. Aus diefer Bemerkung darf aber keines- 
wegs gefchloffen werden, als ob die mufikalifchen Weifen in der 
Alta Verapaz regellofer wären als im Quiche-Gebiete; im Gegen- 
theil halten die Kekchi -Indianer viel ftrenger an der überkom- 
menen Form feft , und wenn auch bei ihnen der Spieler fich 
eigenmächtige Variationen erlaubt, fo bleiben doch die Form 
des Satzbaues und der Grundzug der Melodie gewahrt, wie es 
ja auch mit Rückficht auf die begleitenden Inftrumente nicht 
anders fein kann. Anders bei den Stämmen der Quiche-Gruppe, 
wenn zur Pfeife nur die grofse Trommel als Begleitungsinftrument 
hinzukommt (oder auch in feltenen Fällen eine Holzpauke, die 
wahrfcheinlich aztekifchen Urfprunges ift) ; in folchem Falle ift 
natürlich dem Spieler viel gröfsere Freiheit gewährt, und es 
fcheint mir, als ob er davon ausgiebigen Gebrauch machen würde; 


- 317 — 

allein es war mir niemals möglich, den oft wilderregten Läufen 
zu folgen und fie in Notenfchrift feftzulegen. Wenn zwei Schal- 
meien unter Trommelbegleitung zufammenfpielen , wie man zu- 
weilen beobachten kann, fo ift die Variirungsfreiheit natürlich 
befchränkt; das Zufammenfpiel gefchieht dann in der Weife, dafs 
entweder die zweite Schalmei die erfte begleitet (Beifpiele diefer 
Art theilt Brasseur de Bourburg in feiner »Gramätica de la 
lengua Quiche«, Paris 1862, im Anhänge mit), oder aber dafs 
die zweite Schalmei nach befUmmtem Zeiträume im gleichen 
oder auch verfchiedenen Intervall einfällt. 

So hörte ich z. B. beim erften Tanze des Baile de Cortez, der 
jedenfalls aus dem Quiche-Gebiete ftammt, in Chincani(i895), wie die 
erfte Schalmei, ohne ficher erkennbaren Tact, folgende Weife fpielte : 



u. s. w., 


während die zweite Schalmei nach einer Paufe einfetzte und 
unbekümmert um die erfte Stimme immerfort die Weife blies : 



Später blies die erfte Schalmei: 



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während die zweite Schalmei, wie oben, irgendwo während des 
Spiels der erften Schalmei einfetzte und fortiffimo die folgende 
Weife fpielte: 



- 318 ~ 

Dabei fangen die tanzenden Indianer und Indianermädchen 
unausgefetzt ein gehaltenes hohes d und die Trommel trommelte 
in einem fort: 



tEE?: 




U. S. f. 


Es war eine äufserft regellofe wilde Mufik, ohne Wohlklang, 
aber für den Tanz (eine Art Kriegstanz) vielleicht paffend. Später 
begann die erfte Schalmei wieder: 




u. s. f., 




die zweite aber blies dazu: 


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fpäter wechfelten die zwei Schalmeien einander ab und fpielten: 


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In ähnlicher Weife dauerte die fchreiende Mufik fort, zuletzt 
fetzte auch wieder der Gefang ein, wie zuvor in gehaltenem d 
erklingend, fchliefslich aber in einer Art Cadenz in ebenfalls 
gehaltenem a abfchliefsend. 

Die Regellofigkeit der Weifen, welche von den Spielenden 
offenbar häufig und ftark variirt werden, die Unruhe der Melo- 
dien, das Nervenerregende, welches in den hohen gehaltenen 
Anfangsnoten liegt, flicht fehr krafs von den lanften harmo- 
nifchen Weifen der Kekchi-Indianer ab, doch darf nicht vergeffen 
werden, dafs der Baile de Cortez ein kriegerifches Tanzfpiel ift 
und demgemäfs auch die Mufik einen wilden Charakter tragen mufs. 

Eine eigenthiimliche Sitte , welche bei den Stämmen der 
Quiche-Gruppe (aber nicht bei denen der Pokom-Gruppe) geübt 


— 319 — 

wird, verdient hier noch befondere Erwähnung. Die Indianerinnen 
pflegen nämlich, wenn fie mit Maismahlen befchäftigt find, ihre 
Arbeit mit Pfeifen von kurzen Melodien zu begleiten. Es find 
gewöhnlich felir einfache und anfpruchslofe Melodien, aber fie find 
trotzdem oft nicht ohne Reiz, wie folgende Beifpiele andeuten 
mögen : 



Diefelbe Sitte findet man freilich weit feltener geübt bei den 
Stämmen der Marne-Gruppe; die mufikalifchen Motive find dort 
noch einfacher und dürftiger. Ueberhaupt ift die indianifche 
Volksmufik im Marne-Gebiete im grofsen Ganzen einfacher, form- 
lofer und ärmer an Erfindung als im Quiche-Gebiete. Zufammen- 
fpiel zweier Schalmeien habe ich dort nie beobachtet, auch Moll- 
tonarten nicht; die Tonftückchen find nicht mehr in zwei Sätze 
gegliedert, fondern beftehen aus einem einzigen Satze. Die 
Rhythmen find oft mannigfaltiger als im Quiche-Gebiete, aber 
kunftlofer, unbeholfener als im Pokom-Gebiete; häufig fällt Mangel 
an Symmetrie in der Ausbildung entfprechender Glieder einer 
mufikalifchen Periode auf, wie z. B. in folgenden Weifen: 


1 ) 




Ift bei den Stämmen der Quiche-, Marne- und Tzental-Gruppe 
im Hochlande von Guatemala und in benachbarten Gebieten des 
mexikanifchen Staates Chiapas nicht gerade feiten, dafs ein Stück 
mit einem gehaltenen Tone in der Quinte endigt, fo kann man 
bei den Marne-Stämmen fogar zuweilen beobachten, wie manche 
Weifen mit der Secunde abfchliefsen, z. B.: 




Am häufigften ift freilich der Abfchlufs mit dem Grundtone 
und es wird fehr häufig an die mufikalifche Periode, wenn diefe 
nicht im Grundtone endigt, eine kurze Schlufsformel angehängt, 
welche einen befriedigenden Abfchlufs bewirkt, fo z. B. im fol- 
genden Falle: 









Auffallend ift ferner die häufige Verwendung von Triolen 
in der Mufik der Marne-Stämme, und die Häufigkeit, mit welcher 
die Stücke in der Quinte beginnen. 




321 


Um einen Begriff zu geben, in welcher Weife die Trommel 
die Begleitung übernimmt, füge ich hier eine kleine Weife bei: 


Flageolett. 



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Trommel. 

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bemerke aber, dafs die Viertelnoten vom Trommler häufig in 
Achtel aufgelöft werden und dafs bei anderen Weifen die Trom- 
melbegleitung oft Synkopen aufweift. 

Das Eigenthümlichfte an der Volksmufik der Marne-Stämme 
ift aber die Thatfache, dafs dort noch Gefang mit untergelegtem 
indianifchem Texte gebräuchlich ift, was — wenigftens heutzu- 
tage — bei den Indianern der Quiche- und Pokom-Gruppe nicht 
der Fall zu fein fcheint. Hatte ich fchon bei früheren Reifen 
im Marne -Gebiete allabendlich Indianer unter Abfingen gehal- 
tener Töne vor der Kirche Räucherwerk verbrennen fehen, fo 
hatte ich auf meiner Reife im Jahre 1892 einmal Gelegenheit, 
der Todtenklage zu laufchen , welche Indianerinnen über den 
Gräbern ihrer Angehörigen anftimmten: feltfam klingende, im 
höchften Affecte des Schmerzes gefungene Weifen, welche an 
einen gefetzmäfsigen Rhythmus nicht gebunden zu fein fcheinen. 
Leider ift es mir nicht möglich gewefen, genauere Beobachtungen 
über diefen Gegenftand anzuftellen, noch den Inhalt des Gefanges 
zu verftehen, da ich der Marne-Sprache ebenfo unkundig war, wie 
meine indianifchen Begleiter. Hier einige Proben der Todtenklage : 


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-G>~ 


Sapper, Das nördliche Mittelamerika. 


21 


3 22 



In Chiapas habe ich leider fehr wenige mufikalifche Weifen 
gehört, welche faft überall (bei Tzentales, Chaneabales, Zoques, 
ebenfo wie bei den Zapoteken von Oaxaca oder den Chorti- 
Indianern von Guatemala) mit Pfeifen refp. Schalmeien und 
Trommel aufgeführt wurden. Es ift eben leider nur ein Zufall, 
wenn man gerade einem indianifchen Felde beiwohnen kann, 
und manchmal find die begleitenden Nebenumftände derart, 
dafs man gern auf längeren Aufenthalt verzichtet und fich aus 
dem Staube macht, namentlich, wenn man fieht, dafs einem 
nicht wohl die nöthige Ruhe zum Aufzeichnen von Melodien 
bleiben würde. \ 

Als ich z. B. im Jahre 1894 durch Caucuc in Chiapas (Gebiet 
der Tzentales) kam, wurde gerade ein grofses Feft gefeiert; ein 
Theil der Indianer war mit Trinken befchäftigt, ein anderer 
bereits faft finnlos betrunken; andere Indianer machten eine 
Proceffion mit, welcher ein Pfeifer voranging, während der dazu 
gehörige Trommler und die Gläubigen in einiger Entfernung 
nachfolgten. Andere veranftalteten auf ungefattelten oder nur 
mit Packfattel verfehenen Pferden wilde Wettrennen, wobei fich 
auch eine angetrunkene indianifche Amazone, rittlings zu Pferde 
fitzend, betheiligte; wieder andere liefsen fich durch ein ein- 
heimifches Orchefter, beftehend aus Harfe und Guitarre, zum 
Tanze auffpielen — Alles in Allem ein überaus buntes Treiben, 
dem ich leider, aus Furcht vor unangenehmer Störung durch 
betrunkene Indianer, bald aus dem Wege ging. Trotzdem konnte 
ich feftftellen , dafs die Mufik der Tzentales recht gut mit der- 
jenigen der übrigen Mayaftämme zufammenftimmt, wenn fie auch 
wieder gewiffe locale Befonderheiten aufweift. Leidet kann ich 
die Unterfchiede nicht präcifiren, denn ich zeichnete nur folgende 
Rudimente einer von Pfeife mit Trommelbegleitung gefpielten 
Melodie auf: 


% 


— 323 — 



Zu denken giebt die Thatfache , dafs im Chiapas neben 
Trommel und Pfeife bereits wieder Saiten -Inftrumente von den 
Indianern verwendet werden: ich hörte folche nicht blofs bei den 
Tzentales, fondern auch bei den Choles (Violine und Guitarre, 
nebft Gefang: Todtenklage, welche hauptfächlich in den Tönen 



fich bewegte) . 

Sehr auffallend war es mir, in S. Jofe Montenegro einmal 
(auf Marimba) ein Stück fpielen zu hören, welches ich, freilich 
mit lebendigerem Rhythmus, auch bei den Kekchi-Indianern der 
Alta Verapaz gehört habe, fo dafs ich alfo annehmen mufs, dafs 
gewiffe Stücke (wohl durch die Tanzfpiele verbreitet) unter ver- 
fchiedenen, oft weit entfernten Stämmen Aufnahme fanden. 

Pei allen Unter fchieden, welche die Volksmufik der einzelnen 
Maya- Stämme aufweift, beobachtet man doch gewiffe gemein- 
fame Züge, welche auch bei den Maya- Völkern und Zapoteken 
nicht zu fehlen fcheinen. Die Weifen der Zapoteken, welche 
ich hörte , endigten meift auf den Grundton und wurden mit 
Pfeife und Trommel zu Gehör gebracht; einmal hörte ich aber 
in Mitla (Oaxaca) eine Weife, welche in folgender eigenthüm- 
licher Form endete: 



In fchroffem Gegenfatze zu der meift als Inftrumentalmufik 
auftretenden Volksmufik der eingefeffenen mittelamerikanifchen 

21 * 


— 324 — 

Indianerftämme fteht die Mufik der Caraiben, von welcher ich 
allerdings nicht weifs, ob fie caraibifchen (alfo indianifchen) oder 
afrikanifchen Urfprunges ift. Hier ift nämlich der Gefang mit 
untergelegtem Text das vorherrfchende Element, und obgleich 
die Tonbildung faft durchweg eine rauhe ift, auch die Inftru- 
mentalbegleitung (befonders Guitarren) meift viel minder rein 
und weich klingt, als bei den Kekchi-Indianern beifpielsweife, fo 
ift ein werthvoller Kern doch auch der Volksmufik diefes Stammes 
eigen; die Rhythmen find faft ebenfo mannigfach und reich 
gegliedert, wie bei den mittelamerikanifchen Stämmen, die Zahl 
der Intervalle und der Modulationen aber ift bei den Caraiben 
eine gröfsere, wie fchon folgende Weife eines Caraiben zeigen 
kann, welche ich auf dem Belize -Fluffe bis zum Ueberdrufs oft 
hörte : 


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worauf der Mann entweder fo: 


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oder fo abfchlofs: 


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Befonders wohl gefiel es mir, wenn ich Solo- und Chorgefang 
mit einander abwechfeln hörte; fo einmal in Livingfton (1888), 
als Kinder auf ihren Köpfen Laften vom Strande herauf trugen 
und eine Stimme fang: 


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— g»' ■ — — - 


und der Chor der Kinder antwortete: 





— 325 — 

Alles in Allem genommen, ift die indianifche Volksmufik 
recht interelTant und nicht ohne Schönheit, fo dafs ich meine 
Ausführungen mit dem Wunfche fchliefsen möchte, es möge 
einem glücklicheren Reifenden gelingen, die Studien über diefe 
Frage durch genaue Aufnahmen zu fördern und zum Nutzen 
der Ethnologie und der Mufikwiffenfchaft zu einem günftigen 
Abfchluffe zu brineren. 


Tanzfpiele bei den Indianern des nördlichen 

Mittelamerika. 


Es ift bekannt, dafs an den Fürftenhöfen der mexikanifchen 
und mittelamerikanifchen Indianerftämme vor Zeiten dramatifche 
Aufführungen und Ballets mit mufikalifcher Begleitung eifrige 
Pflege erfuhren, und die Gefchichtsfchreiber der Conquifta 
berichten an verfchiedenen Orten von der Pracht und Schönheit 
jener Kunftleiftungen , welche oft von einer ungemein grofsen 
Anzahl von Darftellern gegeben wurden und für welche ftändige 
Bühnen errichtet waren. Als die Spanier jenen Völkern mit der 
Selbftändigkeit auch die Früchte ihrer Culturentwickelung raubten, 
hielten fle mit grofser Zähigkeit an den Errungenfchaften der 
früheren glücklicheren Epochen feft , aber mit verfchiedenem 
Erfolge. Während z. B. die Regeln der Heilkunde, vielleicht 
auch der Rechtfprechung, fleh an manchen Orten noch ziemlich 
unverfälfcht erhalten zu haben fcheinen, auch Tänze und mufika- 
lifche Weifen bei vielen Stämmen noch den Stempel wahrer 
Urfprünglichkeit zeigen, fcheinen die dramatifchen Aufführungen 
der heidnifchen Vorzeit ganz und gar der Vergeffenheit verfallen 
zu fein. Zwar gelang es noch im Jahre 1856 dem verdienten 
Forfcher Brasseur de Bourbourg in Rabinal (Departamento 
Baja Verapaz, Guatemala), wo derfelbe als Pfarrer weilte, ein 
hiftorifches Schaufpiel*) aus der Gefchichte des Fürftengefchlechts 
von Rabinal in der Quiche-Sprache darftellen zu fehen und aut- 
zuzeichnen, heutzutage aber finden meines Wiffens derartige Auf- 

*) » Rabinal -Achi« ou le drame-ballet du Tun, mitgetheilt in Brasseur de 
Bourbourg’s Grammaire de la langue Quichde. Paris 1862. 


— 327 - 

führungen, aufser Wiederholungen des genannten Schaufpiels, an 
keinem Orte Guatemalas mehr ftatt. Allerdings waren auch diefe 
Dramen, welche den Argwohn allzu eifriger Priefter in hohem 
Grade hervorriefen, vielfachen Anfeindungen ausgefetzt: da und 
dort wurden fie verboten und — im Geheimen dennoch aufge- 
führt, häufig aber wurden den indianifchen Volksdramen und 
Tanzfpielen auch gleichartige Stücke chriftlichen Inhalts ent- 
gegengefetzt und diefe Machwerke, welche einerfeits der Schau- 
luft der Indianer gerecht wurden, und andererfeits von den 
Prieftern eifrig begünftigt wurden und noch werden, haben fchliefs- 
lich den Sieg davongetragen und einem intereffanten , höchft 
wichtigen Zweige altindianifcher Literatur den Untergang bereitet. 
So kann man denn heutzutage an vielen Orten die mannigfachften 
chriftlichen Heiligenlegenden, felbft die Kämpfe der Spanier 
gegen die Mauren, die Rolandsfage oder gar Cortez’ Zug gegen 
Mexiko von Indianern durch Tänze feiern fehen und in lang- 
athmigem fpanifchem Dialog erzählen hören. Auch bei den 
Kekchi-Indianern finden derartige Aufführungen (»bailes«) häufig 
ftatt, insbefondere zur P'eier der Schutzheiligen des entfprechen- 
den Sprengels, und die Bewohner der Alta Verapaz haben daher 
nicht feiten Gelegenheit, diefelben mit anzufehen. Ob auch die 
Kekchi-Indianer in vorfpanifcher Zeit in gleicher Weife die drama- 
tifche Kunft und das Ballet gepflegt haben, wie es von manchen 
benachbarten Stämmen hiftorifch beglaubigt ift, läfst fich nicht 
mit Beftimmtheit bejahen oder verneinen; jedenfalls aber bilden 
die heutzutage üblichen chriftlichen Tanzfpiele einen wichtigen 
Beftandtheil in ihrem gegenwärtigen Volksleben, weshalb ich 
denfelben an diefer Stelle einige Zeilen widmen möchte. 

Es ift ein eigenthümlicher Anblick, die Indianer in den phan- 
taftifchen Coftümen, welche für diefe Zwecke üblich geworden 
find, ftatt in ihrer einfachen kleidfamen Tracht vor fleh zu fehen, 
und alsbald erkennt man das fremde Element, das in diefen 
Aufführungen zu Tage tritt. Schnitt und Zierrath der gewöhn- 
lich fehr gefchmacklofen Coftüme, welche natürlich je nach dem 

Inhalte des Bailes verfchieden find und — beiläufig gefagt 

von fpeculativen Unternehmern in den Hauptorten gegen hohes 
Entgelt ausgeliehen werden, zeigen europäifches Gepräge; fämmt- 
liche Darfteller tragen Schuhe, während fonft die hiefigen Indianer 


— 328 — 

ftets barfufs oder in Sandalen gehen; felbft die Tänze weichen 
in vielen Bailes von der einheimifchen Sitte gänzlich ab und 
erinnern eher an eine verballhornte Frangaife als an die natio- 
nalen Tänze des Kekchi -Volkes. Auffallend find für ein euro- 
päifches Auge nur die riefigen, fchweren Holzmasken mit ihren 
bemalten Fratzen, welche in der That, wenn auch nicht in ihrer 
jetzigen Geftalt, fo doch in der Art und Weife der Verfertigung 
ein Reft indianifcher Ueberlieferung im Coftüme diefer Tänzer 
zu fein fcheint, wenigftens ift bekannt, dafs auch bei Ankunft 
der Spanier bereits Holzmasken bei den Ballets, Dramen und 
dramatifchen Thierfpielen der mexikanifchen und mittelamerika- 
nifchen Völker üblich waren. 

Wenn fo in der äufseren Erfcheinung der Darfteller das 
indianifche Element fehr ftark zurücktritt, fo ift dies oft in noch 
höherem Grade beim Texte der betreffenden Stücke der Fall. 
Der Inhalt der Bailes läfst fich bei den Aufführungen übrigens 
zumeift gar nicht unmittelbar erkennen , oder höchftens aus der 
Art der Vermummungen oder aus den unklaren Geften errathen, 
denn die Kenntnifs der fpanifchen Sprache, in welcher der Text 
all diefer Tanzfpiele gefchrieben wurde, ift unter den Kekchi- 
Indianern noch fehr wenig verbreitet, fo dafs derfelbe den Dar- 
ftellern nur in Bruchftücken mühfam eingedrillt werden kann 
oder auch gänzlich wegfallen mufs; denn die Bailes werden 
keineswegs von berufsmäfsigen Darftellern, fondern von den 
jungen Burfchen des entfprechenden Sprengels gegeben. Aber 
auch für den Fall, dafs der Text (»relacion«) wenigftens theil- 
weife zum Vortrage gelangt, bleibt derfelbe wegen der fchlechten 
Ausfprache der Darfteller dem Zuhörer meift völlig unverftänd- 
lich, fo dafs alfo diefe Aufführungen mehr oder weniger zu blofsen 
Schauftellungen mit Tänzen herabgedrückt werden. Nach dem 
zu fchliefsen, was mir von folchen Relaciones bekannt geworden 
ift, verliert der Zuhörer aber nicht viel, wenn er den Text nicht 
verlieht, denn es find diefe Machwerke im trockenen Gefprächs- 
tone, untermifcht mit bombaftifchen Phrafen gefchrieben, von 
dramatifcher Handlung oder poetifcher Empfindung ift gewöhn- 
lich keine Rede, und fehr häufig vermifst man auch die logifche 
Anordnung der Gedanken oder überhaupt jeglichen Sinn in 
denfelben. 


— 329 — 

Nehmen wir als Beifpiel einer derartigen Aufführung den 
»Baile de los Diablos« (Tanzfpiel der Teufel), welcher wohl ain 
häufigften unter allen Bailes gegeben wird, fo fehen wir zunächft 
die Darfteller unter den Klängen einer fcharf markirten Marfch- 
weife, welche fie felbft auf Guitarren verfchiedener Gröfse und 
dem Su (einem indianifchen Kratzinftrument) vortragen, auf den 
zuf Aufführung beftimmten Raum einziehen, um welchen das 
indianifche Publicum plaudernd , rauchend und Chicha trinkend, 
im Kreife umherhockt und fteht. Die Darfteller ordnen fich in 
zwei Reihen: auf der einen Seite flehen männliche Teufel (Lucifer, 
vier andere Dämonen, das »Alter« und der »Tod«) in rothen 
Gewändern mit langen Schwänzen und gehörnten Holzmasken, 
auf der anderen Seite flehen fechs weibliche Teufel (allegorifche 
Figuren: »Hochmuth«, »Habfucht« , »Ungerechtigkeit« , »Zorn«, 
Unmäfsigkeit«, »Neid«), von männlichen Perfonen dargeftellt, 
und ein phantaftifch aufgeputzter Knabe (der »Miquito«, d. h. ein 
kleiner Affe). Nachdem alle Darfteller einen gemeinfamen Contre- 
Tanz aufgeführt haben, ftellt fich zunächft der erfte männliche 
Teufel, Lucifer, dem Publicum vor, worauf alle übrigen Darfteller 
den Refrain fingen: 

Pues los diablos ya se ban (van), 
pero no para el infierno, 
pues el Apostol San Pablo 
nos libre del fuego Eterno. 

Die Teufel gehen fchon, 

Doch nicht zum Höllengrunde; 

Apoftel Paulus rette 

Uns aus dem Feuerfchlunde ! 

Nach derfelben Melodie fingend erklärt hierauf der erfte weib- 
liche Teufel, dafs er, der »Hochmuth«, aus der Hölle gekommen 
fei, um den Apoftel Paulus zu feiern, worauf der Chor wieder 
die eben mitgetheilte Strophe fingt. In ähnlicher Weife (teilen 
fich darauf die übrigen Darfteller vor, der Chor wiederholt jedes 
Mal wieder feinen Refrain, worauf zuguterletzt ein gemeinfamer 
Tanz begonnen wird. Hiernach treten Lucifer und der »Hoch- 
muth« aus ihrer Reihe vor, erklären in längerer ungebundener 
Rede ihre Thaten und Qualen in der Hölle und tanzen fchliefslich 
zu Ehren des Heiligen. Es folgt das zweite, dritte Paar u. f. w. 
in gleicher Weife, bis endlich auch der Tod und der Affe, welcher 


— 33 ° — 

aus dem Walde zum Fefte des Heiligen herbei gekommen ift, 
mit einander getanzt haben. Nun tritt Lucifer vor und verab- 
fchiedet fich, der Chor fingt den Refrain dazu; der Reihe nach 
fingen auch die übrigen Darfteller ihre Abfchiedsftrophe , ftets 
nach derfelben Melodie, während der Chor jedes Mal wieder 
feinen Refrain wiederholt; endlich wendet fich das Aeffchen ans 
Publicum und bittet um Entfchuldigung wegen etwaiger Fehler, 
der »Tod« droht, Alle mit fich zu nehmen, die fchlimm über 
ihn fprechen würden, auch das »Alter« und der »Neid« fügen 
ihre Drohungen bei, der Affe ruft »Adios« und Alle bringen zum 
Schlufs einen Hochruf auf den Apoftel Paulus aus: Que viva 
nuestro amado patron el Apoftol San Pablo! 

Es liegt mir fern, die eigenthümlichen dogmatifchen Anfchau- 
ungen des unbekannten Verfaffers des »Baile de los Diablos«, 
feine merkwürdigen Gedankenfprünge und naive Redeweife näher 
zu befprechen, da diefelben von keinem allgemeinen Intereffe 
find. Dagegen möchte ich auf den alterthümlichen Charakter 
des Stückes hinweifen, welcher fich vor Allem darin ausfpricht, 
dafs die Darfteller fich einzeln beim Publicum vorftellen und 
verabfchieden, ja, dafs mehrere derfelben fich am Schlufs geradezu 
ans Publicum wenden. In der Anordnung der Tänze (wie auch 
im Auftreten allegorifcher Perfonen) zeigt fich einige Familien- 
ähnlichkeit mit fpanifchen Feftfpielen früherer Jahrhunderte, 
z. B. mit dem Feftfpiele, das Cervantes bei der Hochzeit des 
reichen Camacho in feinem »Don Quijote de la Mancha« ( 2 . Theil, 
Cap. XX) aufführen läfst. Ob aber das Stück wirklich in früher 
Zeit gefchrieben wurde, oder erft verhältnifsmäfsig fpät nach einer 
alten Schablone verfertigt worden ift, möchte ich nicht entfcheiden. 
Dagegen will ich noch auf die Figur des Affen aufmerkfam 
machen, welche fich unter der grotesken Gefellfchaft von Teufeln 
und Teufelinnen ziemlich eigenthümlich ausnimmt. Diefelbe ver- 
tritt, ihren Reden und ihrem ganzen Benehmen nach zu fchliefsen, 
die Stelle der luftigen Perfon und ift zugleich als eine Conceffion 
an den Gefchmack und die Gebräuche der Indianer aufzufaffen, 
denn zahlreiche altindianifche Bailes waren dramatifirte 1 hier- 
fabeln, wie denn überhaupt die verfchiedenen Thiere ihrer 
Heimath in der bildenden Kunft und Literatur der Indianer eine 
bedeutende Rolle fpielen. 


— 33i — 

In zahlreichen chriftlichen Tanzfpielen ift auch diefer alten 
Vorliebe der Indianer, heimathliche Thiere redend und handelnd 
vorzufuhren, in ausgiebiger Weife Rechnung getragen, z. B. in 
dem fehr häufig aufgeführten »Baile de los Micos y Monos« 
(Tanzfpiel der beiden Affenarten Mittelamerikas). Eine Anzahl 
Micos und Monos hören im Walde den Lärm eines grofsen 
Feftes unter den Menfchen ; fie brechen auf, um nach dem Grunde 
deffelben zu fragen und treffen unterwegs eine Schlange, welche 
fie zum Genuffe des Apfels einladet, mit welchem fie ehedem 
Eva im Paradiefe überliftet hat. Aber die Micos und Monos 
widerftehen den Verlockungen und bannen die Schlange durch 
Anrufung Marias; fie tanzen darauf zu Ehren des hl. Paulus und 
bringen demfelben mannigfache Früchte als Opfer dar. 

Obgleich alfo auch auf die chriftlichen Tanzfpiele die alt- 
indianifchen Bailes noch einen gewiffen Einflufs ausgeübt haben, 
fo ift derfelbe doch nur ein äufserlicher , denn die Thierfiguren 
find eben nur Masken, und was fie reden, find chriftlich-religiöfe 
Phrafen. Da aber das Volk den Text wegen Unkenntnifs des 
Spanifchen doch nicht verftehen konnte, äufserlich aber die 
gewohnten Thiergeftalten auf der Bildfläche fah, fo fühlte es die 
einfehneidende Aenderung des Inhaltes nicht fo fehr und gewöhnte 
fich fomit leichter an die neuen Tanzfpiele, welche mehr und 
mehr die alten aus der heidnifchen Vorzeit verdrängten. Aber 
auch die Thierfiguren felbft zeigen heutzutage nicht mehr das 
Gepräge von ehedem , denn es find fchematifche Masken , weit 
entfernt von der ausgezeichneten Naturnachahmung, welche (nach 
Acofta) die Träger der Thierrollen bei den heidnifchen Feften 
in Cholula bewiefen haben follen. 

Wenn man daher nach dem Werthe diefer Bailes fragt, fo 
mufs wohl das Hauptgewicht darin gefucht werden, dafs durch 
diefelben die indianifche Mufik mannigfache Pflege erfährt und 
manche Weifen, z. B. Märfche, nur durch fie bis auf den heu- 
tigen Tag erhalten geblieben find. Als Dramen oder Ballets 
aber ift ihr Werth fehr gering und ein erzieherifcher Einflufs 
auf die Indianer ift denfelben auch kaum zuzufchreiben. Mag 
aber die Bedeutung diefer chriftlichen Tanzfpiele noch fo gering- 
fügig fein, man möchte diefelben, nachdem nun einmal doch die 
altheidnifchen Bailes zu exiftiren aufgehört haben, nicht im india- 


— 332 — 

nifchen Volksleben miffen, da fie daffelbe immerhin um ein gut 
Theil abwechfelungsvoller und farbenreicher geftalten und im 
Volke einen Hauch von dem idealen Sinne erhalten, welcher 
daffelbe in den Zeiten feiner Unabhängigkeit zu bedeutfamen 
Kunftleiftungen begeiftert hat. 

Ein etwas höherer Werth fcheint trotz der oft haarfträuben- 
den hiftorifchen Irrthümer einem Theile der gefchichtlichen 
Tanzfpiele innezuwohnen, und der Baile de Cortez fcheint mir 
fogar ein gewiffes culturhiftorifches Intereffe darzubieten, denn 
abgefehen von den Schwerttänzen der Spanier — bieten die Tänze 
der indianifchen Partei ein fo eigenartiges Bild, dafs man fich 
wahrlich in eine Jahrhunderte entlegene Zeit zurückverfetzen 
kann; es ift dies auch das einzige Tanzfpiel, in welchem ich 
weibliche Darfteller habe auftreten fehen: junge Mädchen, welche 
entgegen den jetzt gebräuchlichen ruhigen, fanften Tanzbewe- 
gungen jähe Dreiviertelsdrehungen ausführten und zugleich einen 
gehaltenen hohen Ton fangen. Auch die Kleidung der Indianer 
fcheint noch Reminiscenzen aus alter Zeit zu enthalten; fo fah ich 
eine Figur, welche auf der Bruft ein rothes fchräges Kreuz 
auf weifsem Felde trug; die vier Hauptperfonen aber trugen 
hohe leichte Holzgerüfte, mit rothem Tuche überzogen und mit 
Federn gefchmückt, auf dem Rücken, indem fie zwei Fortfätze 
des Holzgerüftes fich in den Nacken hinter ihr Kleid fleckten 
und damit jenen Schmuck als eine Art Rückwand für das Haupt 
verwendeten. Der Vortänzer der Indianer aber trug in der 
linken Hand verkleinerte hölzerne Nachbildungen einer Lanze 
und eines Steinbeiles. 

In einem anderen Tanzfpiele, betitelt »die wahrhaftige 
Gefchichte von der Eroberung Quezaltenangos«, erhebt fich die 
Sprache fogar an einer Stelle zu einem gewiffen poetifchen 
Schwung , aber all das giebt nicht einmal einen fchwachen 
Abglanz von der Kraft der alten indianifchen Dramen, von 
welchen uns, wie fchon erwähnt, der verdiente Abbe Brasseur 
de Bourbourg wenigflens das eine (Rabinal Achi im Urtext 
und franzöfifcher Ueberfetzung) erhalten hat und in welchem 
fich die Sprache trotz der für unfer Denken etwas eigenthüm- 
lichen Redewendungen ftets auf einer gewiffen Höhe des Aus- 
druckes hält, und in den Schlufsftellen fogar einen Schimmer 


— 333 — 

modernen fentimentalen Gefühles durchblicken läfst. Es ift ja 
Überhaupt auffallend, dafs der Indianer trotz feiner grundver- 
fchiedenen Charakterzüge doch in manchen Einzelheiten an den 
modernen Culturmenfchen erinnert und gerade in folcher Hin- 
ficht eher unferem Verftändniffe als dem der fpanifchen Con- 
quiftadoren entfpricht. 


Indianifche Ortsnamen im nördlichen Mittelamerika*). 

(Hierzu die Karten Nr. 7 und 8.) 


I. Die Wortbedeutung der indianifchen Ortsnamen. 

Wenn Egli**) Recht hat mit feiner Thefe, dafs »die geo- 
graphifche Namengebung, als Ausflufs der geiftigen Eigenart je 
eines Volkes oder einer Zeit, fowohl die Culturftufe als die 
Culturrichtung der verfchiedenen Volksherde fpiegeln«: , fo mufs 
es in Gegenden, wo zahlreiche verfchiedene Völker neben und 
zwifchen einander wohnen, von grofsem Intereffe und Nutzen 
fein, die einheimifchen Ortsnamen in ihrer fprachlichen Bedeutung 
zu würdigen. In wenigen Gebieten auf der Erde find fo viele, 
zum Theil ftammverwandte, zum Theil aber auch ftammfremde 
Völkerfchaften auf engem Raume zufammengedrängt, wie im 
nördlichen Mittelamerika***), und es ift daher von einer genauen 
Durchmufterung der geographifchen Namen mancher Auffchlufs 
über Cultur und Geiftesrichtung der verfchiedenen Völkerfchaften 
zu erwarten. Leider ift aber bei dem gegenwärtigen Stande 
unferer Sprachkenntniffe an eine wortgetreue Ueberfetzung aller 
indianifchen Namen noch nicht zu denken; nur für Erklärung der 
aztekifchen und Maya -Ortsnamen find genügende philologifche 

*) Vergl. Globus, Bd. 66 (1894), S. 90 bis 96 nebft Karte. 

»*) J. J. Egli, Der Völkergeift in den geographifchen Namen. »Auslände 
1893, Nr. 30 bis 38. 

***) Vergl. über die ethnographifchen VerhältniflTe des nördlichen Mittelamerika : 
M. Orozco y Berra, Geograffa de las lenguas y carta etnogrdfica de Mexico 
(Mexico 1864), ferner Otto Stoll, Zur Ethnographie der Republik Guatemala 
(Zürich 1884), und K. Sapper, Beiträge zur Ethnographie der Republik Guate- 
mala (Petermann’s Mittheilungen, 39. Bd. 1893, S. 1 ff.), föwie die Sprachen- 
karte von Mittelamerika in Berghaus’ phyfikalifchem Atlas, Blatt 74. 


— 335 ~ 


Hülfsmittel vorhanden, die mir aber leider nicht zugänglich find ; 
für die übrigen Indianerfprachen find aber die Hülfsmittel durch- 
aus ungenügend, fo dafs jeder Verfuch der geographifchen Namen- 
erklärung lückenhaft bleiben mufs. 

Wenn ich daher den Verfuch mache, aus der Zahl der india- 
nifchen Ortsbezeichnungen des nördlichen Mittelamerika die- 
jenigen auszuwählen, deren Bedeutung mir bekannt ift und dar- 
aus auf den geiftigen Zug zu fchliefsen, der fich in der geogra- 
phifchen Namengebung verkörpert hat, fo ift von vornherein 
klar, dafs diefer Verfuch nur einen ungefähren Ueberblick über 
die Frage zu geben vermag, während eine erfchöpfende Behand- 
lung des Themas zur Zeit überhaupt noch nicht möglich ift. 

Auf die fpanifchen und die wenig zahlreichen englifchen Orts- 
bezeichnungen brauche ich hier nicht einzugehen, da fie als neu 
aufgepfropftes Reis der geographifchen Nomenclatur kein tieferes 
Inte reffe erwecken und zudem in ihrem Allgemeincharakter nicht 
wefentlich- von der bekannten , in anderen fpanifchen und briti- 
schen Colonialländern üblichen Weife abweichen. Auch auf die 


fpärhchen einheimifchen Ortsnamen im Gebiete der Chiapaneken 
(in Chiapas), der Levca -Indianer in Honduras und der Xinca- 
Indianer (in Guatemala) kann ich aus Mangel an Vorarbeiten 
oder fprachlichen Hülfsmitteln hier nicht eingehen. Caraibifche 
Ortsnamen find mir überhaupt nicht bekannt geworden. Es 
bleiben alfo für die Befprechung hauptfächlich die Ortsnamen 


von drei verfchiedenen Völkerfamilien: den Mayavölkern, der 
aztekifchen Völkergruppe und der Mixegruppe. Von den beiden 
letzteren Gruppen kommen je nur Dialekte einer einzigen Sprache 
in Betracht, das Aztekifche (einfchliefslich der Pipilfprache) und 
das Zoque. Von der Mayavölkerfamilie wohnen dagegen fehr 
zahlreiche Glieder im nördlichen Mittelamerika, und zwar find 
es — mit Ausnahme der Huasteken — fämmtliche bekannten 
Stamme diefer Familie; es find dies die reinen Mayas von Yukatan 
und Peten, dann die Chicomucelteken in Chiapas; ferner die 
Stamme der Cholgruppe (Chontal, Chol und Chortf), der Tzental- 
gruppe (rzotzil, Tzental, Chaneabal), der Mamegruppe (Marne 
Jacalteca , Ixil, Chuj , Motozintleca , Aguacateca), der Quiche- 
gruppe (Quiche, Chakchiquel, Tzutuhil und Uspanteka) und der 
komgruppe (Kekchi, Pokonchf, Pokomam). Ich kenne von 


— 33Ö — 

diefen Sprachen leider nur das Kekchi durch langen Verkehr 
mit den Indianern dieses Stammes etwas näher und mufs daher 
die Kekchi-Ortsnamen als Beifpiel für die geographifchen Bezeich- 
nungen der Mayaftämme annehmen, während ich nur wenige 
Ortsnamen aus anderen Mayafprachen heranziehen kann. Das 
ICekchigebiet eignet fich übrigens auch deshalb fehr wohl dazu, 
als Mufter geographifcher Namengebung der Mayavölker zu 
gelten , da dafelbft die Ortsnamen zumeift noch ein rein india- 
nifches Gepräge zeigen, während in Südguatemala und Theilen 
von Chiapas und Tabasco fpanifche und aztekifche Ortsbezeich- 
nungen an die Stelle der einheimifchen Namen getreten find und 
damit den urfprünglichen Charakter der älteren Nomenclatur 
mehr oder minder vollftändig verwifcht haben. 

Als wichtige Vorarbeit für die Ortsnamen der Zoquefprache 
und des Aztekifchen dienen mir die »Nombres geogräficos del 
Estado de Tabasco« von Jofe Rovirosa (Mexiko 1888), in 
welchen neben den Ortsnamen von Tabasco auch diejenigen 
von Chiapas Berückfichtigung finden. Ferner veröffentlichte der 
Presbftero Jose Maria Sanchez eine »Nomenclatura de los 
once Departamentos del Estado de Chiapas« (S. Cristobal-Las 
Casas 1890), und Stoll hat in feinem Buche über Guatemala 
(Leipzig 1886) eine kleine Anzahl von indianifchen Ortsnamen 
erklärt. 

Für die Rechtfehreibung der indianifchen Namen folge ich 
ganz dem von Stoll aufgeftellten Alphabet der Mayafprachen*). 
Als Grundlage für daffelbe dient die fpanifche Orthographie; die 
einzigen Abweichungen davon find folgende: von dem c (vor e 
und i. qu) wird das gutturale k unterfchieden ; h wird afpirirt 
ausgefprochen wie im Deutfchen; die explofiven Laute, welche 
gleichfam durch eine kurze Paufe vom folgenden Vocal getrennt 
erfcheinen, find durch die apoftrophirten Buchftaben ausgedrückt 
(c’, qu’, k’, ch’, tz’); x lautet wie das deutfehe »sch«, ö hat einen 
Laut zwifchen ö und u; ng (im Zoque) wird wie im Deutfchen 
ausgefprochen. 

Wenn man die ihrer Wortbedeutung nach bekannten Orts- 
namen des nördlichen Mittelamerika muftert, fo fällt vor allem 


*) O. Stoll, Zur Ethnographie der Republik Guatemala. S. 40 ff. 


o n n 

— 

die grofse Zahl von Ortsbezeichnungen auf, welche ihre Benen- 
nung’ von der Naturbefchafifenheit der Oertlichkeit herleiten. Bald 
ift es die Farbe des Waffers, welche Flüffen oder daran gelegenen 
Orten ihren Namen giebt (z. B. im Aztekifchen: Acumba, Chi- 
chicapa, »am gelben Waffer«, Cosauyapa, »grofser, gelber Flufs«, 
Tisapa, »weifser Flufs«, Tila, »fchwarzes Waffer (?)« ; im Kekchi: 
Raxija, »grünes oder blaues Waffer« ; im Chol und Maya: Yaxha, 
grünes Waffer (Flufs)« ; im Maya: Ixkanhä, »beim gelben Waffer« ; 
im Pokomam: Sac ruha, »weifses Waffer« ; im Pokonchi': Cakiha, 
»rothes Waffer« , Saquiha, »weifses Waffer«), bald ift es die 
Befchaffenheit des Flufsbettes (z. B. im Aztekifchen: Tapalapa, 
»Flufs der thonigen Erde«, Jalapa, »Sandflufs« , ferner Teapa 
aztekisch, Chaspa und Tzanö im Zoque, Tulijä im Tzental = 
»fteiniger Flufs«), bald auch die Temperatur des Waffers (Kixha 
im Kekchi und Pokonchi, Pingnö im Zoque, »heifses Waffer«, 
Totonicapan aztekifch und Xeme’kenya im Quiche, »am war- 
men Waffer« , Tanquelha im Chol, »beim kalten Waffer (?)«), 
oder auch die Zahl der Nebenflüffe oder Flufsarme (z. B. Oxla- 
juhä im Kekchi, »dreizehn Flüffe« , Bolonajä im Chol, »neun 
Flüffe« ; im Maya: Oxä, »drei Waffer«), oder andere auf das Waffer 
bezügliche Namen (z. B. im Aztekifchen: Acapetagua, »breiter 
Flufs«; im Tzotzil: Chenalö, »wenig Waffer«; im Pokonchi: 
Panzös, »beim Wafferfall«, Panimä, »beim grofsen Flufs«, Chi- 
quin (Chixiquin), »an der Ecke« (des Fluffes) ; im Kekchii 
Chirixquisös, »hinter den Wafferfällen«, Nimha, »grofser Flufs«, 
Senimä, Benimä, Chirenimä, »bei, über, neben dem grofsen 
Flüffe«, Eliha, »wo Waffer entfpringt« , Xaliha, »Vereinigung 
zweier Wafferläufe« , Chixküxhä, »wo der Flufs verschwindet«, 
Siguanhä, »das Waffer der Doline«, Chibu und Sesab, »Ort, 
welcher fielt (in der Regenzeit) mit Wasser anfüllt«, im Maya: 
Chichanjä, »kleines Wasser«, Panchoy, »im See«), 

Manchmal ift es auch die Beschaffenheit des Erdreiches oder 
das Vorkommen gewiffer Mineralien, das Auftreten eigenartiger 
helfen, was den Oertern ihren Namen gegeben hat z. B. im 
Aztekifchen: Jalpa, »über dem Sandwege«, Jaltenango, »an der 
Sandmauer«, Jalupa, »über dem Sandwege«, Chalchigüitan, »Ort 
der edlen Steine«, Iztapa, »Salzflufs«, Ixtatan, »Salzftelle«, Tepa- 
tan, »Ort der Feuerfteine«, Teepate, »Ueberflufs an Feuerfteinen» ; 

Sappcr, Das nördliche Mittelamerika. 


22 


— 33 § — 

im Zoque: Mactumatzä, »elf Felfen«, Popotzä, »weifser Stein ; 
im Kekchi: Chitok, Setok, Satok, »Ort, wo Feuerfteine«, Senim- 
latok, »wo grofse Feuerfteine Vorkommen«, Chisamahi, »wo Sand«, 
Chipok, »wo weifse vulkanifche Afche vorkommt«, Cakquibec, 
»rother Stein«, Rubelsaconac, »unter der Felswand«, Chicocpec, 
»Ort, wo kleine Steine«, Yalihux, »wo Wetzfteine Vorkommen , 
Sehachichä, »am Fluffe an der Afche« ; im Maya: Chachaclum, 
»rothe Erde«), oder aber find die Ortsnamen von anderen ört- 
lichen Eigentümlichkeiten entnommen (wie im Aztekifchen: 
Ecatepec, »am Berge des Windes«, Guaquitepeque , »grofser, 
grüner Berg«, Hueitepeque, »grofser Berg«, Tepetitan, »zwifchen 
den Bergen«, Tiltepec, »am fchwarzen Berge«, Tonalä, »heifser 
Ort«, Macultepeque, »fünf Berge«, Ostitan, »zwifchen den Höhlen , 
Yolotepec, »am Berge der Mitte«, Tepecentila, »am Abhange 
des Berges«, im Maya: Ticax, »im Walde«, Nojcacab, »grofser 
Berg«, Petcacab, »Stück eines Berges«, Jehmul, »zwifchen Bergen ; 
im T zental: Michol, »die Enge«, im Chol und Chorti: Tityuk, »am 
Berge«; im Chol oder Maya: Boloneb, »ihrer Neun« (sc. Berge); 
im Kekchi: Nimlatzul, »grofser Berg«, Sepocil, Sepocilha, »am 
Erdloch«, Rubelmu, »unterm Schatten«, Rubeltzul, »unterhalb 
des Berges«, Chijolom, »auf der Spitze«, Chirutacä, »auf der 
Ebene«, Senimtacä, »im tiefen Thal«). 

Sehr häufig werden auch Thiernamen mit den Ortsbezeich- 
nungen verknüpft (z. B. im Aztekifchen: Aztapa, Flufs der 
Garzas« (Ardea candidissima Gm.) , Coatan, »Ort der Schlangen , 
Tuxtla, »Ueberflufs an Kaninchen«, Chacalapa, »am Fluffe der 
Krebfe«, Chapultenango, »Stadt der Heufchrecken«, Chicomucelo. 
»fieben Jaguare« (Felis onca L.), Escuintla, »Ueberflufs an Hunden , 
Mazatan und Mazaltepeque, »Ort der Rehe«, Mazapa, »Flufs der 
Rehe« (Cariacus virginianus Brocke), Mapastepeque , »Ort der 
Mapaches« (Procyon lotor Desm.), Pichucalco, »im Zaun der 
Schweine«, Sayula, »Ueberflufs an Mücken«, Tecoluta, Tecolutan, 
»Ort der Eulen« (Bubo virginianus Bp.), Tamasulapa, Flufs der 
Kröte«,. Totolapa, »Flufs der wilden Pfauen« (Melleagris gallo- 
pavo L.), Usumacinta, »Beginn der Affen«, Usumatan, »Ort der 
Affen«, Zinacantan, Tzinacata, »Ort der Fledermäufe«, Motozintla, 
»Ort der Eichhörnchen«, Coapilla, »Ort der Vipern« , Quezalte- 
nango, Quezaltepeque, »Ort des Quezals« (Pharomacrus mocinna), 


— 339 — 

Ayutla, »Ort der Schildkröten«, Ocsolutan, »Ort des Jaguars«; 
im Zoque: Güetunöpac, »Bach der Wildkatze« (Felis aguarondi 
Lapecede), Moba, »Bach der Rehe«, Tzagüinö, »Bach der Affen«; 
Nötzipac, »Bach der Nutria« (Didelphis virginiana Kerr.); im 
Maya: Tizimin, »Beim Tapir (oder Pferd)«; im Chol oder Maya: 
Cansis, »wo der Rüffelbär auftritt« ; im Chaneabal: Yaaltz’i, 
»See des Hundes«, Yaalpech, »See der Ente«; im Tzotzil: 
K’ukalhuitz , »Berg des Quezels« ; im Pokonchi: Panpur, »wo 
Wafferfchnecken (Pachychilus sp.) Vorkommen«, Panpä, »wo die 
Taltusa (Geomys hyspidus) vorkommt«; im Kekchi: Sepur, 

Sapur, Chipur, Yalipur, »wo Wafferfchnecken«, Secocpur, »wo 
kleine Wafferfchnecken«, Sequixpur, »wo gedornte Waffer- 
fchnecken Vorkommen«, Yalpemech, Chipemech, »wo es 
Mufcheln«, Sexoch, Chixoch, »Landfchnecken«, Chicok, »Schild- 
kröten«, Yalicar, »Fifche giebt« , Carchä, »Fifche der Afche« 
Sacpur, »weifse Schnecken«, Chichen, »wo Mosquitos«, K’anus, 
»wo gelbe Bienen Vorkommen«, Akha, »Bach der Schweine«, 
Sesis, »wo der Riiffelbär«, Chiacam, »wo die Cotusa (Dasyprocta 
punctata) auftreten« , Saxok, »wo Skorpione«, Chik’uk, »der 
Quezal«, Schix, »der Jaguar Vorkommen«, Cajcoj, »der Puma« 
(Felis concolor), Chimö und Chicouarom beziehen fich auf gewiffe 
Vogelarten, Icvolai ift eine Schlangenart, Cacvualtzul, »Berg der 
Cakvualfchlange « ) . 

Häufiger noch als von Thiernamen find die Ortsbezeich- 
nungen von Pflanzennamen entnommen (fo im Aztekifchen: 
Aguacatan und Aguacatenango , »Ort des Aguacatebaumes« 
(Persea gratissima); Amatan, Amatenango, Amatitan, Amatitlan 
leiten ihren Namen von einer Ficusart ab, die den Vulgärnamen 
Amate führt; Camoapa, »Flufs der Camote« (Convolvulus 
batatas L.), Camotan, »Ort der Camotes« , Chiapa, »Flufs der 
Chia« (Salvia polyftachia Ort.), Chilapa, »Flufs des Chile« (Cap- 
sicum annuum) , Chiltepec, »Ort des Chile«, Etapa, »Flufs des 
Bohnenfeldes«, Mescalapa, »Flufs der Mescal -Agave«, Ocosingo, 
»Beginn der Kiefern«, Ocotepeque, »am Kiefernberge«, Ocuapa, 
»Kiefernbach«, Cacahuatan, »Ort des Cacao«, Soyatitan, »zwifchen 
den Palmen«, Soyatengo, »am Rande des Palmenhains«, Jocotan, 
»Ort des Jocote« (Spondias dulcis), Soconusco, »Ort der fauren 
Opuntiafrüchte«, Chichicaftenango, »Ort Chichicafte« (einer Urti- 


— 340 — 

cacee); im Zoque: Cacaguanö, »Cacaobach«, Poanä, »Flufs des 
Jolocin« (Heliocarpus appendiculatus Turez); im Maya: Tzitbalche, 
»wo Ralchebaum«, Chunchintoc, Chunjuas etc., »wo der Chintoc- 
baum, der Crescentiabaum etc. Vorkommen«; im Chorti: Taca- 
cao , »Ort des Cacao«; im Chol oder Maya: Boloncö, »neun 
Bäume Namens co«, Cantutz, »wo die Corozopalme (Attalea 
Cohune) vorkommt«, Yaxon, »grüne Aguacate«, Yaxche, »Ceiba ; 
im Pokonchi: Panguip, Panpacaya, »Ort, wo gewiffe Palmen«, 
Panchesibic, »wo der Sibikbaum Vorkommen«; im Kekchi: 
Sechaj, Chichaj, »wo die Kiefer vorkommt«, Semococh, Setutz, 
»wo die Corozopalme«, Semap, »wo die Cayolpalme auftritt«, 
Rubelsaltul, »unter dem Zapotebaume«, Rubelraxtul, »unter dem 
Ingertebaum«, Setul, »bei den Bananen«, Sexpens, »beim Pfeffer- 
baum«, Sesutzujl, »beim Mahagonibaum«, Semuy, Chimuy, beim 
Chicosapotebaum« (Sapota achras), Secacao, Chicacao, »wo Cacao«, 
Sebalam, »wo Pataxte (Theobroma bicolor) wächft«, Sapatä, »wo 

„die Guayava«, Chijom, »wo der Guacalbaum« (Crescentia Cujete), 

W 

Chimay, »wo Tabak«, Chinup, »wo die Ceiba (Eriodendron 
anfractuosum D. C.) wachfen«. Secumum, Secumumxan, Seakte*), 
Chireakte, Sequixquip, Rubelquixquip, Halaute**) beziehen fich 
auf Palmen, Setal (im Pokonchi Patal), Sechintal, Chiretal, Semox, 
Semau, Sechinacte, Seamay, Rubelhu, Sehu, Seubub, Chicojl, 
Rubelcojl, Secvolcvol, Chisec, Sesajal, Sejalal, Chijalal, Setzucl, 
Chiax beziehen fich auf andere Pflanzen, deren Name wie der 
zweite Theil der Ortsnamen lautet, deren wiffenfchaftliche Benen- 
nungen mir aber unbekannt find. 

Die Ortsbezeichnungen find auch manchmal von allge- 
meineren Vegetationseigenthümlichkeiten entnommen (z. B. im 
Aztekifchen: Huistan, »Ort der Dornen«, Hueizacatlan, »Ort 
der grofsen Wiefe« , Suche, »Blume«, Suchiapa, »Flufs der 
Blumen«, Suchiate, »YVaffer der Blumen«, Zocoltenango, »in der 
Stadt der Früchte«, im Zoque: Chacuibä, »Bach der niederen 
Bäume«; im Kekchi: Sekim, »in der Grasflur«, Sechinakim, »in 
der kleinen Grasflur«, Sequiche, »im Walde«, Chiraxche, »im 
grünen Holz«). 


*) Wörtlich: »Schweinsbaum«, wegen feiner Stacheln. 

**) Wörtlich: »Tepescuintlebaum«. 


— 34i - 

Auch an die Beschäftigung des Rodens (Niederfchlagens und 
Abbrennens einer Waldfläche) erinnern manche geographifche 
Namen, wie im Kekchi Xalichoc, »der Bergfattel der gerodeten 
Fläche«, Rubelchoc, Chirixquichoc, Chichoc, Chireichoc (oder 
chocl), »unter, hinter, bei, neben der gerodeten Fläche«. 

Andere Ortsnamen -find wieder reine Culturnamen (fo im 
Aztekifchen: Acala, Acalän, »Ort der Brote«, Comalcalco, »im 
Haufe der Comales« (Röftteller) , Comitan, »Ort der Töpfe«, 
Comixtlahuacan, »Ebene der Töpfe«, Chicoacam, »fechs Grund- 
stücke« , Jiquiplas, »8000 Grundstücke«, Chimalapa, »Flufs der 
Schilde«, Chimaltenango, »Stadt der Schilde«, Huihuitlan, »alter 
Ort«, Huehuetenango, »in der alten Stadt«, Huitiupan, »grofser 
Tempel«, Cucultiupan, »Tempel der Zwietracht«, Mecatepeque, 
»Ort der Stricke«, Mexicapa, »Flufs der Mexicaner«, Chontalpa, 
»im Auslande«, Pinola, »Ueberflufs an Pinol« (geröftetem Mais- 
mehl), Pantepec, »Berg der Fahne«, Tenango, »an der Mauer«, 
Zacualpa, »über der Pyramide«, Teopisca, »Ort der Priefter«, 
Zitalä, »Ort der Sterne«, Petalcingo, »Ort, wo man Binfenmatten 
macht«; im Zoque: Jomenäs, »Neues Land«; im Maya: Bolonchen, 
»Neun Brunnen«, Hopelchen, »fünf Brunnen«; Tzibalchen, »gemalter 
Brunnen«, Tibolon, »in den Neun«, Tihoo, »in den Fünf«; im 
C'haneabal: Juncanä, »ein Stern«, Baluncanal, »neun Sterne«, 
Uninajap, »der Sohn des Königs« ; im Cakchiquel: Bok, »Schild«; 
im Uspanteca: Ch’amack, »bei dem Dorfe«; im Kekchi: Setzac, 
»an der Mauer«, Setzacpec, »an der Steinmauer«, Setzimaj, »bei 
den Pfeilen«, Xaltenamit, »Berg der Stadt«). 

Im Kekchi erinnern auch noch einige Ortsnamen an alter- 
tümliche aus der Vorzeit überkommene Gebräuche. So pflegt 
jeder Kekchi-Indianer alten Schlages an gewiffen bekannten 
Wegeftellen, wo er zum erften Male vorbei kommt, einen Stock 
in die Erde zu Stecken und dort ftecken zu laffen, und von diefem 
eigentümlichen Gebrauche führt ein Bächlein zwifchen Setal und 
Seakte den Namen Selabaxukb, »Ort, wo du deinen Stock hinein 
ftecken mufst«. An bedeutungsvollen Pafsübergängen pflegen 
die Kekchi-Indianer Copalharz zu verbrennen, wenn fie diefelben 
zum erften Male überfchreiten, und an einigen derfelben (nämlich 
dem Paffe zwifchen Quezaltepeque und Esquipulas, dem zwifchen 
Quezaltenango und St. Maria und demjenigen zwifchen Cunen 


— 342 — 

und Zacapulas) wird aufserdem noch getanzt, und zwar am letzt- 
genannten Orte eigenthümlicher Weife mit umgelegter Binfenmatte, 
daher der Name diefes Platzes Potopop »Ort, wo wir uns mit einer 
Binfenmatte (pop), wie mit einem Huipil (Frauenhemd, pot) beklei- 
den«. An heifsen Quellen pflegen die Kekchi-lndianer ebenfalls 
Copalharz zu verbrennen und aufserdem ein Bündelchen Holz her- 
beizufchleppen und zurückzulaffen, vermuthlich, damit der Gott der 
Natur (Xtyucvuä tzul taca, »der Vater von Berg und Thal«) damit 
das Waffer erwärmen kann; letzteren Gebrauch habe ich in den 
Ortsnamen aber nicht angedeutet gefunden, wie die erftgenannten. 

Obgleich aus der mitgetheilten kleinen Zahl von Beifpielen 
ein Procentverhältnifs nicht conftruirt und für allgemein gültig 
angenommen werden darf, fo fällt doch vor Allem das ftarke 
Ueberwiegen der Naturnamen über die Culturnamen auf. Es 
würde daraus den Anschauungen Egli’s zufolge gefchloffen wer- 
den müffen, dafs die Völkerschaften des nördlichen Mittelamerika 
reine Naturvölker gewefen wären. Nun weifs man aber, dafs die 
aztekifchen und die Mayavölker fehr wohl als Culturvölker ange- 
fehen werden konnten zur Zeit, als die Spanier die Eroberung 
des Landes begannen. Der Widerfpruch ift aber nur fcheinbar, 
denn die genannten Völker find in der That in gewiffem Sinne 
wieder auf die Stufe von Naturvölkern heruntergefunken und 
andererfeits können von den Naturnamen viele nur bedingt als 
folche gerechnet werden, da fle vielfach zugleich enge Beziehungen 
zum Culturleben des Volkes enthalten. Es ift dies befonders 
deutlich bei den Ortsnamen des Kekchi-Volkes, welche, was 
Folgerichtigkeit und Syftem anbelangt, von keinem der euro- 
päischen Culturvölker erreicht werden. 

Das Vorkommen der für technifche Zwecke benutzbaren 
oder für den Lebensunterhalt wichtigen Pflanzen und Thierarten 
hat bei den Kekchi- Indianern viel häufiger geographische Orts- 
bezeichnungen hervorgerufen , als die blofsen auffälligen Eigen- 
tümlichkeiten der Oertlichkeiten an fleh. Es ift hierbei freilich 
zu bemerken, dafs die häufigften, regelrecht angebauten Cultur- 
pflanzen, wie Mais, Bohnen, Baumwolle, Chile 1 ), \ uka, Camote, 

*) Chile und Camote kommen dagegen in aztekifchen Namen häufig vor, da 
das Auftreten diefer Pflanzen ftir die aus dem Hochlande kommenden Mexicaner 
etwas Auffälliges hatte. 


- 343 — 

fiir geographifche Benennungen keine Verwendung finden, eben 
weil fie nichts Charakteriftifches für eine beftimmte Oertlichkeit 
bezeichnen würden; vielmehr find die Ortsnamen hei geleitet von 
folchen für den Haushalt des Indianers wichtigen Pflanzen und 
Thieren, die er in der freien Natur vorfindet. Es fpricht fleh 
hierin einmal der aufserordentlich praktifche Blick aus, der den 
Indianern eigen ift, dann aber hat es für ihn noch eine weitere 
Bedeutung, indem er aus dem Vorkommen gewiffer Pflanzen 
zugleich auf Klima und Bodenbefchaffenheit, und damit zugleich 
auf die Eignung des Ortes für Cultur und Anfiedelung fchliefsen 
kann. Denn die Indianer find, foweit fie noch nicht in den 
Bereich »europäifcher Civilifation« , d. h. in den Dunftkreis der 
Schnapsfchenken, oder ins blofse Tagelöhnerthum eingetreten find, 
ausgezeichnete Beobachter der Natur und kennen die Abhängigkeit 
der Pflanzenwelt von Klima und Bodenbefchaffenheit ganz gut. 

Ich habe diefe Bemerkungen aus meinen Beobachtungen der 
Kekchi-Indianer abgeleitet, und will daher die Ortsnamen diefes 
Stammes nochmals durchmuftern, um meine Behauptungen näher 
zu begründen. 

Da die Kekchi-Indianer kein Jägervolk find, fondern Jagd 
nur gelegentlich betreiben, fo find Thiernamen viel weniger zahl- 
reich unter den Ortsbezeichnungen vertreten als Pflanzennamen. 
Ganz vereinzelt ift einmal ein Ort nach Jaguar oder Puma 
benannt; dagegen fehlen Tapir (tixl), Alligator (ayin), Coyote 
(ajxojb) , Reh (quej), Jabali (chacö), Tepescuintle (halau) und 
anderes Jagdwild vollftändig in der Lifte der Ortsnamen; ebenfo 
werden Schlangen, trotz ihres maffenhaften Vorkommens und 
ihrer Gefährlichkeit, nur ganz vereinzelt in Ortsnamen erwähnt, 
in einem der beiden mir bekannten Fälle zudem nur als Bild 
für die Windungen eines anfehnlichen Fluffes (»Icvolai«), Sonft 
find es entweder der Landwirthfchaft fchädliche Thiere (fo der 
Rüffelbär, sis, oder die Cotusa, acam), oder fehr leicht erreich- 
bare, für die Küche verwendbare Thiere (Schnecken, Mufcheln, 
Fifche), welche Veranlaffung zu Ortsnamen geben. Von den 
Wafferfchnecken und Mufcheln werden die Schalen zum Kalk- 
brennen verwendet. Die K’anus liefern wilden Honig. 

Die pflanzlichen Ortsnamen leiten fleh gröfstentheils, wie 
fchon erwähnt, von Nutzpflanzen ab. Von Cacao, Pataxte, Coyol, 


— 344 — 

Chicosapote , Guayava , Sapote , Ingerte , Banane werden die 
Früchte, von Quixquip, Akte, Halaute und anderen Palmen die 
Herztriebe gegeffen , die Früchte des Guacalbaumes werden zu 
Trinkgefäfsen verarbeitet, die Blattfiedern der Corozopalme geben 
das Regendach (mococh) des Indianers ab, das Kienholz der 
Kiefern ift fein Beleuchtungsmaterial, der Kautfchuk (Chicle) des 
Chicosapotebaumes wird von den Indianerinnen zur Unterhaltung 
gekaut; die Bambuse amay findet als Flöte, oder im Webe- 
apparat der Indianerinnen Verwendung, Ubub, Cvolcvol, Chico- 
sapote, Chinacte werden ihres Holzes wegen gefucht u. f. w. 

Die pflanzlichen Ortsnamen haben aber auch vielfach eine 
klimatographifche Bedeutung für den Indianer. Wo Cacao, 
Pataxte oder Mahagoni, wo Cumumxan, Halaute oder Corozo- 
palmen, wo Mox, Mau oder ähnliche Kräuter Vorkommen, ift 
»kix« (d. i. »heifses Land« im Kekchi*), und in der That über- 
fchreiten diefe Gewächfe nach meinen Beobachtungen in der 
Verapaz die Höhengrenze von 700m nicht, gehören demnach 
der echten Tierra calienta an. Auch die Ceiba oder der Guacal- 
baum erreichen in der Alta Verapaz die Höhengrenze von 900 m 
nicht , und geben daher einen gewiffen Begriff von den allge- 
meinen Wärmeverhältniffen des Ortes. Andererfeits weifs aber 
der Indianer auch ganz genau, dafs in Gegenden, wo Quixquip. 
Akte, Cumum, Halaute und dergleichen Palmen, Cvolcvol, Ubub, 
Chicosapote und ähnliche Bäume auftreten, ein ganz anderer 
Vegetationscharakter, andere Wachsthumsbedingungen herrfchen, 
als im Verbreitungsgebiete der Kiefern, oder in den Savannen 
(»kirn« im Kekchi). — Die erftgenannten Gebiete find regen- 
reich, die der Kiefern mäfsig feucht, die Savannen verhältnifs- 
mäfsig trocken. — Unter Berückfichtigung eben des Vegetations- 
charakters eines Ortes weifs nun der Indianer, welche Mais- oder 
Bohnenvarietät an dem Platze mit Ausficht auf Erfolg gepflanzt 
werden kann, ob Baumwolle wohl gedeihen würde und dergleichen 
mehr. Was dem europäifchen Landwirth Barometer, Boden- 
unterfuchung und meteorologifche Beobachtungen fagen würden, 
das deutet dem ortskundigen Indianer die Art der Pflanzendecke 

*) Der Kekchi -Indianer unterfcheidet nicht Tierra caliente, Tierra templada 
und Tierra fria, fondern nur zwei Stufen, li kix, »heifses Land« und li que, 
•» kaltes Land«. 


— 345 — 

an, Erfahrung und Analogiefchlüffe vertreten bei ihm die Stelle 
des Wissens und fchon in den Ortsnamen fteckt, nach dem, was 
ich eben ausgeführt habe, häufig ein Urtheil über die Klima- 
tologie des Ortes. 

Viel geringere Bedeutung für klimatologifche Schlüffe haben 
die .Verbreitungsgrenzen der Thierwelt und daher ift wohl mit 
zu erklären, dafs pflanzengeographifche Namen häufiger find als 
thiergeographifche. Ein vielgewanderter Kekchi- Indianer weifs 
als fcharfer Naturbeobachter zwar wohl, welche Schlangen oder 
Landfehn ecken etc. im kalten oder warmen Lande, im Urwalde 
oder an offenen fonnigen Plätzen Vorkommen und dergleichen, 
aber folche Grenzen find minder auffällig, minder fcharf und 
zugleich weniger bedeutungsvoll für feine praktifchen Aufgaben. 
Immerhin mag hier erwähnt fein, dafs z. B. Schildkröten, Mufcheln 
oder die gedornten Wafferfchnecken (wegen der befonderen 
hydrographifchen Verhältniffe) in der Alta Verapaz nicht über 
500 m, dafs Skorpione nirgends über 1000 m herauffteigen; alfo 
läfst das Vorkommen folcher Thiere immerhin einen gewiffen 
Schlufs auf die allgemeinen Wärmeverhältniffe eines Ortes zu. 

Bei den übrigen Mayavölkern herrfchen ficherlich ähnliche 
Verhältniffe der Nomenclatur, wenn auch gewiffe Verfchieden- 
heiten immerhin zum Ausdrucke kommen werden, da fie ja auch 
in Befchäftigung und Volkscharakter in manchen Zügen von den 
Kekchi-Indianern abweichen *). — Noch mehr ift das aber bei 
den aztekifchen Völkern der Fall, bei welchen nach der vor- 
ftehenden Aufftellung das Jagdwild bereits einen grofsen Raum 
unter den Ortsnamen einnimmt; zugleich ift aber auch die Zahl 
der Culturnamen viel gröfser als bei den Mayavölkern, was fehl* 
auffällig ift, weil die Cultur der Mayavölker nach Allem, was 
wir davon wiffen, derjenigen der Azteken keineswegs nachftand, 
fie vielmehr in mancher Hinficht übertraf. Bei den reinen Mayas 
von Yucatan ift allerdings die Zahl der Culturnamen gleichfalls 
eine relativ grofse, entfprechend ihrer einft hohen Cultur. — Bei 
den Zoques dagegen fehlen unter den wenigen mir bekannten 

*) Dafs bei den Huasteken diefelben Principien geographifcher Ortsnainen- 
gebung herrfchten, zeigt die fchöne, ziemlich umfaffende Arbeit über diefen Gegen- 
wand von Marcelo Alejandre über die Lengua Huasteca im Repertorio Salva- 
dorerio, Tomo III (S. Salvador 1893), p. 28 ff. 


— 346 — 

Beifpielen die Culturnamen faft ganz; Jomenäs, »neues Land«, 
iit der einzige mir bekannte Culturname, und diefer fcheint 
nichts Anderes zu fein, als eine Ueberfetzung des fpanifchen 
Pueblo Nuevo, eines Namens, der früher ftatt Pichucalco viel 
gebraucht wurde. Bei den Zoques tritt das Jagdwild in den 
Vordergrund bei den Ortsnamen, während geographifche Bezeich- 
nungen nach Nutzpflanzen (Cacao, Joloche) fpärlich find. Es 
entfpricht dies Verhältnifs fehr wohl dem geringen Culturgrade, 
auf dem die Zoques flehen und von jeher geflanden haben, 
fowie ihrer Vorliebe für Jagd anftatt für Agricultur. 

Es geht demnach aus den mitgetheilten Beifpielen von Orts- 
namen , fo fpärlich fle auch find, deutlich hervor, dafs in der 
That auch im nördlichen Mittelamerika, wie anderwärts nach 
Egli, die geographifche Namengebung die Eigenart und Cultur- 
richtung der verfchiedenen Volksherde widerfpiegelt. 


2. Die Verbreitung der indianifchen Ortsnamen. 

Das fprachliche Studium der Ortsnamen vermag uns nicht 
nur eine Andeutung über Befchäftigung und Geiftesrichtung der 
entfprechenden Völker zu geben, fondern kann unter Umftänden 
auch auf die ehemalige Ausdehnung der Stämme, auf ihre Wande- 
rungen, kurzum auf ihre Gefchichte werthvolle Streiflichter werfen, 
wenn man die geographifche Verbreitung verfchiedenfprachiger 
Ortsnamen in Betracht zieht. Hier ift freilich die mangelhafte 
Kenntnifs , welche man von den meiften mittelamerikanifchen 
Sprachen hat, noch in viel höherem Grade hinderlich, als wenn 
man nur verflicht, aus der Wortbedeutung einen Einblick in das 
Culturleben eines Volkes zu gewinnen; namentlich fehlt uns von 
den meiften Sprachen jegliche Kenntnifs der älteren Wortformen, 
ja, manche Sprachen find bereits ausgeftorben oder dem Aus- 
fterben fo nahe, dafs man nur noch mit Mühe von etlichen 
älteren Indianern eine Anzahl Wortformen herausbekommen 
kann, während die Sprache bereits aufgehört hat, Verkehrsfprache 
zu fein; zahlreiche Ortsnamen, namentlich alterthümliche, müflen 
daher unüberfetzt bleiben , felbft wo man fich des Beiftandes 


— 347 — 

gewiegter Sprachkenner erfreut. Ueberdies haben gerade die 
wichtigeren Siedelungen und Wafferläufe , welche man auf den 
Karten faft allein verzeichnet findet, in manchen Gegenden faft 
ausfchliefslich fpanifche und aztekifche Namen, fo dafs es fchon 
einer genauen Localkenntnifs bedarf, um überhaupt einheimifche 
indianifche Ortsbezeichnungen in gröfserer Zahl in Erfahrung zu 
bringen. Unter folchen Umftänden ift es natürlich im nördlichen 
Mittelamerika nicht denkbar, dafs es je gelingen wird, fcharf die 
Grenze der ehemaligen Verbreitung der einzelnen Sprachgebiete 
feftzuftellen (um fo weniger als die Wortformen in verwandten 
Sprachen faft oder manchmal ganz gleich lauten). Es ift dies 
fehr zu bedauern, da gerade derartige Unterteilungen uns einen 
ficheren Führer abgeben könnten in dem Wirrfal der mittel- 
amerikanifchen Vorgefchichte, und ich geftehe, dafs ich den aus 
gründlicher Erklärung fämmtlicher indianifcher Ortsnamen und 
aus ihrer Verbreitung zu erfchliefsenden Refultaten weit mehr 
Glauben fchenken würde, als den unzuverläffigen und unbe- 
ftimmten , oft fich widerfprechenden Angaben der älteren fpa- 
nifchen Schriftfteller. 

Leider aber ift bei dem geringen philologifchen Material, 
das man befitzt, bei dem völligen Mangel an hinreichend genauen 
Karten, welche die indianifchen Ortsnamen in genügender Zahl 
enthalten würden, bei dem rafchen Rückgänge der Indianerfprachen 
eine derartige 7 \rbeit nicht möglich. Etliche Andeutungen giebt 
aber bereits mein geringes Material, das freilich nur für das 
Kekchi und Pokonchi ausreichend ift, und ich habe daher auf 
der beigegebenen Karte (Nr. 7, s. S. 352) gewiffe Grenzlinien der 
Verbreitung der zu beftimmten Sprachen gehörigen Ortsnamen 
eingezeichnet. 

Was nun zunächft die Verbreitung der zur Gruppe der 
Mayafprachen zugehörigen Ortsnamen betrifft, fo zeigt ein Ver- 
gleich der beigegebenen Kartenfkizze mit den vorhandenen 
ethnographifchen Karten die bemerkenswerthe Thatfache, dafs 
fich diefe Ortsnamen auf jene Räume befchränken, welche auch 
in hiftonfeher Zeit von den Mayavölkern eingenommen worden 
waren: es ift ein vollftändig compactes Gebiet, das den gröfsten 
Theil des nördlichen Mittelamerika (nämlich die Halbinfel Yucatan, 
Belize, faft ganz Guatemala und die örtliche Hälfte von Chiapas 


- 348 - 

und Tabasco) einnimmt, und es ift auffällig, dafs in diefem ganzen 
Gebiete keine fremden Stämme wohnen (mit Ausnahme der 
nördlichen Pipiles von Salamä, Tocoy und S. Aguftin Acasa- 
guastlan , welchen nach Brinton*) die Alagüilacs des mittleren 
Motaguathales zuzuzählen wären), keine fremdfprachigen india- 
nifchen Ortsnamen mit Sicherheit nachgewiefen find, ausgenommen 
die aztekifchen, auf welche ich im Folgenden eingehender zurück- 
komme. Es beftärkt mich diefe Beobachtung in meiner fchon 
früher**) angedeuteten Anficht, dafs nämlich die Mayavölker 
fchon fehr lange vor Ankunft der Spanier in jenen Gegenden 
ihre Wohnfitze hatten, ja, dafs dafelbft geradezu ihre Heimath 
zu fuchen ift. 

Bedeutfame Verfchiebungen der einzelnen Mayavölker gegen 
einander haben aber flattgefunden und finden, wie ich an anderer 
Stelle ausgeführt habe***), noch heutzutage ftatt. Ein Beifpiel 
hierfür ift vor Allem die Verbreitung der Kekchi- Ortsnamen, 
welche mit der heutigen Ausdehnung diefes Volkes überein- 
ftimmt; die Kekchi-Indianer find in das ehemalige Sprachgebiet 
der Choles und Pokonchis, fowie der Mayas von San Luis vor- 
gedrungen und zeigen daher in ihrem gegenwärtigen Gebiete 
neben eigenfprachigen Ortsnamen viele fremde, welche fie von 
den genannten Nachbarvölkern übernommen haben. Auch die 
Mayas im engeren Sinne fcheinen fich nach Süden hin ausge- 
breitet zu haben im ehemaligen Sprachgebiete der in lang- 
dauernden Kriegen ausgeftorbenen Choles und vor einigen Jahr- 
zehnten war ihre Südgrenze noch weiter vorgerückt, da damals 
noch öftliche Lacandonen (Maya redende, unabhängige und heid- 
nifche Indianer) fogar noch bei den Salinas de los nueve Cerros 
und am unteren Chixoy wohnten. Bei den übrigen Mayavölkern 
fcheinen die räumlichen Verfchiebungen minder bedeutend zu 
fein; doch vermöchte erft eine eingehende Unterfuchung hierüber 
Licht zu verbreiten. 

Aehnlich wie die Völker der Mayagruppe fcheinen auch die- 
jenigen der Mixegruppe, ferner die Zapoteken und Xinca-Indianer, 
felbft die Chiapaneken, abgefehen von kleineren Gebietsverluften, 

*) D. G. B rin ton, On the so-called Alagüilac I.anguage of Guatemala, 1S87. 

**) Petermann’s Mittheilungen 1893, S. 4. 

***) Petermann’s Mittheilungen 1 893 > S* 4! Globus, Bd. 61, 1892, S. 210. 


— 349 — 

feit fehr langer Zeit ihre Wohnfitze behauptet zu haben. Wenig- 
stens habe ich in ihrem ehemaligen Verbreitungsgebiete keine 
fremdfprachigen indianifchen Ortsbezeichnungen aufser azteki- 
fchen in Erfahrung bringen können, was allerdings bei meiner 
geringen Ortskenntnis und bei der grofsen Zahl unüberfetzbarer 
Ortsnamen nicht viel fagen will. Es mufs daher eine offene 
Frage bleiben, ob nicht fpäter eingehendere Unterfuchungen ein 
anderes Licht auf diefen Gegenftand werfen werden. 

In hohem Grade auffällig ift die aufserordentlich weite Ver- 
breitung der aztekifchen Ortsnamen, denn diefelben durchfetzen 
das ganze Gebiet der Zapoteken, der Mixevölker, dei Chiapa- 
neken und der Xincas, fowie der füdlichen und weiblichen Maya- 
ftämme; nur Yucatan und die Verapaz find frei geblieben von 
aztekifchen Ortsbenennungen. Diefe Thatfache ift vielfach 
bemerkt und commentirt worden. Am eingehendften hat fich 
meines Wiffens Manuel Orozco y Berra in feiner Geograffa 
de las lenguas de Mexico (p. 83 ff., 96 ff., 128 ff., 134) mit diefer 
Frage befchäftigt; er erklärt die aztekifchen Ortsnamen (a. a. O., 
p. 129) durch »eine Invafion der Nahuatlfprache , welche früher 
war, als diejenige der Kichefprachen«. Diefes Urtheil ift aber zum 
Theil mit veranlafst durch Annahmen, welche in der Zwifchen- 
zeit als irrthümlich erkannt worden find , auf die ich aber hier 
nicht eingehen will, um nicht weitläufig zu werden. 

Jose Rovirosa dagegen*) leitet die aztekifchen Ortsnamen 
der in Frage kommenden Gebiete aus jener Epoche her, »wo 
die letzten Refte der toltekifchen Monarchie nach Süden bis 
nach Guatemala wanderten«, und bringt fie zum Theil aber auch 
mit fpäteren Nahuatlcolonien in Beziehung. Was die letztere 
Anficht anbetrifft, fo bin ich ganz derfelben Meinung, denn foweit 
die aztekifchen und Pipilcolonien in Tabasco, Soconusco, in 
Mittelguatemala (Baja Verapaz und mittleres Motaguathal) , in 
Südguatemala, San Salvador (Cuscatlan) und Nicaragua reichen, 
fo weit erklären fich aztekifche Ortsnamen von felbft. Auf die 
erfte Hypothefe Rovirosa’s aber will ich hier nicht eingehen, 
denn die gefammte Toltekenfrage ift ein fo fchwieriges Capitel, 
dafs ein vorfichtiger Mann diefes X nicht in die Rechnung ein- 


*) Nombres geograficos, p. 5. 


— 350 — 

führt, wenn nicht eine dringende Nothwendigkeit dazu vorhanden 
i ft. Und eine folche Nothwendigkeit herrfcht hier keineswegs, 
vielmehr fcheint mir die Löfung viel einfacher, als man auf den 
erften Blick glauben möchte. 

Wenn man mit Orozco y Berra und Rovirosa für die 
aztekifchen Ortsnamen einen fehr frühen Urfprung annimmt, 
wenn man glaubt, dafs diefe Namen fchon Jahrhunderte lang 
vor Ankunft der Spanier gang und gäbe waren , fo mufs man 
auch annehmen, dafs diefelben bei den in jenen Gegenden woh- 
nenden Indianern in Gebrauch waren, da den Spaniern die Namen 
von jenen ja hätten überkommen müffen, ja, man mufs annehmen, 
dafs diefelben Namen noch heutzutage bei den umwohnenden 
Indianern gebräuchlich wären. Das ift aber nicht der Fall, denn 
bei einigen Städten kennen, wie ich zufällig in Erfahrung brachte, 
die Indianer, foweit fie fich von der fpanifch redenden Bevölke- 
rungsclaffe fern halten, die aztekifchen Ortsnamen überhaupt 
nicht, fondern gebrauchen ausfchliefslich die Ortsbezeichnungen 
ihrer eigenen Sprache. Diefelben entfprechen den aztekifchen 
gewöhnlich in ihrer Wortbedeutung, fo dafs alfo der eine Name 
als einfache Ueberfetzung des andern aufzufaffen ift. So lautet 
das aztekifche 


Tumbalä 

im Chol 

Xkukuitz, 

Tila 

im Chol 

Tzisä, 

Petalcingo 

im Tzental 

Kajol, 

Chimaltenango 

im Cakclnquel 

Bok, 

Totonicapan 

im Quiche 

Xeme’kenya, 

Chichicastenango 

im Quiche 

Chuvilä, 

Tuxtla 

im Zoque 

Coyatök, 

Tehuantepec 

im Zapotekifch 

Guixi, 

Sacapulas 

im Quiche 

Tujal. 


Manchmal ift die Wortbedeutung aber auch verfchieden; fo 
heifst Aguacatan bei den dortigen Indianern Balamajä (»Haus 
des Jaguars«), Huehuetenango heifst Naphul (Bedeutung?), Que- 
zaltenango heifst im Quiche Xelahu (»Unter den Zehen«), Comitan 
im Chaneabal , Baluncanal (»neun Sterne«). — In beiden Fällen 
fragt es fich nun aber, welches die urfprüngliche Bezeichnung 
war. Der aztekische Ortsname ift der officielle Name, der Name 


— 35i — 

der Spanier und der Mifchlinge; der andere Name ift der der 
dort anfäfsigen Urbevölkerung; beide Theile kennen, im Allge- 
meinen gefprochen, die Bezeichnung der andern Partei nicht. 
Daraus fcheint mir hervorzugehen, dafs im Allgemeinen die 
aztekifche Bezeichnung die jüngere ift. Dabei gebe ich aber 
gern zu, dafs bei neu gegründeten Städten die aztekifche Bezeich- 
nung die urfprüngliche war. So wurde der aztekifche Name 
Zacatlan (»Grasflur«), der von den Spaniern gegründeten Stadt 
S. Cristobal-las Casas , von den Tzotziles in Jovel, von den 
Zoques in Mujä muc iiberfetzt. 

Aufserdem ift mir bei den aztekifchen Ortsnamen aufgefallen, 
dafs fle fleh faft ganz auf die wichtigeren Siedelungen und Waffer- 
läufe befchränken, während die unbedeutenden Oertlichkeiten 
Bezeichnungen in der Sprache der dort anfäfsigen Indianer tragen. 
Wären die aztekifchen Ortsbezeichnungen fehr alten Urfprungs 
und einft von den nun dort wohnenden Indianern angenommen 
gewefen, fo müfsten auch die unbedeutenden Oertlichkeiten zum 
Theil aztekifche Namen führen. Ich glaube aus diefer Erfchei- 
nung fchliefsen zu dürfen, dafs die aztekifchen Ortsnamen durch 
einen Eroberer, der die wichtigeren Punkte mit gleichfprachjgen, 
einheitlichen Namen kennzeichnen wollte, in verhältnifsmäfsig 
junger Vergangenheit gegeben wurden. Da die Heere der mexi- 
canifchen Kaifer, felbft des unternehmenden Ahuitzotl, niemals 
weiter als bis Soconusco vordrangen, fo könnte der erwähnte 
Eroberer nur das mit mexicanifchen Hülfstruppen kämpfende 
Heer der Spanier gewefen fein. 

Wenn man annimmt, dafs die Spanier in den erften Jahr- 
zehnten ihrer Herrfchaft die aztekifchen Ortsnamen einführten, 
fo erklärt es fleh auch leicht, warum diefelben fprachlich dem 
claffifchen Aztekifch fo nahe flehen, was man doch gewifs nicht 
erwarten könnte, wenn man mit Rovirosa die Entftehung diefer 
Ortsnamen in die Zeit der Tolteken (etwa u. Jahrhundert), oder 
mit Orozco y Berra in die graue Vorzeit eines noch älteren 
mythifchen Nahuatlvolkes verfetzen wollte. 

Die Anfleht, dafs die Spanier die eigentlichen Urheber der 
aztekifchen Ortsnamen gewefen feien, gewinnt an Wahrfchein- 
lichkeit, wenn man bedenkt, dafs auch in der fpanifchen Um- 
gangsfprache jener Gegenden fleh zahlreiche aztekifche Wort- 


— 352 — 

formen erhalten haben. Stoll bringt in feinem Buche über 
Guatemala*) eine kleine Anzahl von folchen Wortformen, die 
fich leicht vermehren liefse**), und fügt bei, dafs diefelben offen- 
bar in den erften Zeiten nach der Eroberung des Landes ange- 
nommen wurden; es ift dies aufser Zweifel, da fich fpäter in 
Guatemala keine mexicanifchen Hülfstruppen mehr befanden, 
und auch mit Mexico-Stadt nur wenig Verkehr beftand. 

In manchen Städten wurden fogar die Rathhausacten nicht 
in Spanifch, noch in der einheimifchen Indianerfprache , fondern 
in Aztekifch gefchrieben (z. B. in Chiapa). 

Ich glaube alfo, dafs die Spanier, welche von zahlreichen 
mexicanifchen Hülfstruppen begleitet, und des Aztekifchen felbft 
bis zu einem gewiffen Grade mächtig waren, bei der Eroberung 
Mittelamerikas nicht die einheimifchen Namen annahmen, fondern 
den wichtigften Punkten, aufser den gewohnten fpanifchen Hei- 
ligennamen, noch eine aztekifche Bezeichnung beilegten, um ein 
Verftändnifs mit ihren Verbündeten zu erleichtern und um eine 
gewiffe Gleichförmigkeit in der Namengebung zu erzielen. Diefe 
Sitte der Spanier fcheint aber nur bis zum Jahre 1535 ungefähr 
gedauert zu haben, und nur bei den von Cortez befehligten 
oder ausgefandten Heeren gebräuchlich gewefen zu fein, denn 
in der Verapaz (damals von den Spaniern Tezulatan, »Land des 
Krieges«, genannt), die erft fpäter durch Fray Bartolome de 
las Casas auf friedlichem Wege in die Hände der Spanier kam, 
und auf der Halbinfel Yucatan (einft Mayapan, von den Mexi- 
canern Onohualco genannt), welche nicht von Mexico her erobert 
wurde, fehlen aztekifche Ortsbezeichnungen gänzlich. Die örtliche 
Grenze der aztekifchen Ortsnamen ift daher zugleich die Oft- 
grenze der fpanifchen Herrfchaft ums Jahr 1535. 

Meine Annahme, dafs die aztekifchen Ortsnamen, welche 
aufserhalb der ehemaligen Grenzen des mexicanifchen Reiches 
und der Pipilcolonien angetroffen werden, Schöpfungen der 
Spanier und der mit ihnen als Hülfstruppen ziehenden Mexicaner 
feien, dürfte nach dem Gefagten immerhin ziemlich wahrfchein- 

*) Stoll, Guatemala, Leipzig 1886, S. 305. 

•*) Ueber genauere Nachweife vergl. das Buch »Vicios de lenguaje y pro- 
vincialismos de Guatemala» von Antonio Bätres, Guatemala 1892, fovie 
»Nohuatlismos de Costarica« von Ferraz (S. Jose de Coftarica, 1892). 


— 353 — 

lieh fein, wenn ich auch einen ftricten Beweis zur Zeit noch 
nicht zu führen vermag. Es erfcheint wie ein grofser, flaats- 
männifcher Gedanke des Cortez, das Uebel der Vielfprachigkeit 
durch folche Mittel zu verringern; er fchien das Erbe Monte- 
zuma’s antreten und ein grofses Reich mit vielfprachigen Gliedern 
durch das einigende Band aztekifcher Sprache und in gewiffem 
Sinne auch aztekifcher Sitte zufammenhalten zu wollen, fo wie 
einft der grofse Macedonier die Völker des Morgenlandes durch 
das Band griechifcher Cultur mit denen des Abendlandes zu 
verfchwiftern fuchte. 


\ 


Sapper, Das nördliche Mittelamerika. 


23 


Altindianifche Siedelungen und Bauten im nördlichen 

Mittelamerika*). 


Obgleich die Ruinen des nördlichen Mittelamerika feit 
geraumer Zeit die Aufmerkfamkeit weiterer Kreife auf fich 
gelenkt haben und obgleich die wiffenfchaftliche Erforfchung 
derfelben fchon vor mehr als einem Jahrhundert begonnen hat 
(Antonio del Rio in Palenque 1787), fo liegen doch nur von 
wenigen der altindianifchen Städteanlagen und Bauten genaue 
Aufnahmen vor; eine ganze Reihe wichtiger neuer Studien dürften 
erft im Verlaufe einiger Jahre zur Veröffentlichung gelangen, fo 
die Aufnahmen yucatekifcher Ruinen voo E. Tompson und 
T. Maler, die gründliche Erforfchung der Ruinen von Palenque 
durch A. Maudslay und der Ruinen von Copan durch eine 
amerikanifche Commiffion, die Pläne von Comalcalco und Menche 
Tenamit, aufgenommen von Ingenieuren der mexikanifchen Grenz- 
commiffion u. a. Von den Ruinen des Hochlandes von Guate- 
mala und Chiapas find, obgleich fie faft ebenfoviel Intereffe ver- 
dienen wie die meiften Ruinen des Tieflandes, bisher nur fehr 
wenige eingehender unterfucht worden — ich wüfste hier aufser 
Stephens’**) Befchreibungen nur die Aufnahme von Iximche 
durch Dr. Guftav Brühl***) zu erwähnen — und fo mufs ich 
denn bei meinen Darlegungen vorzugsweife auf meine eigenen 
Beobachtungen zurückgreifen; find diefelben auch nur durch 
flüchtigen Befuch und rohe Aufnahmen der einzelnen Ruinen- 

*) Vergl. Globus, Bd. 68 (1895), S. 165 ff. 

**) J. Stephens, Incidents of Travel in Central-Amerika, Chiapas und Yucatan. 
London 1854, p. 313 ff., 331 ff., 365 ff., 383 ff. 

***) Globus, LXVI, S. 213 ff. 


% 


— 355 — 

platze gewonnen, fo dürften doch meine vergleichenden Betrach- 
tungen von einigem Intereffe fein, da ich in faft allen ethnogra- 
phifchen Einzelgebieten*) des nördlichen Mittelamerika etliche 
Proben altindianifcher Städteanlagen und Bauten aus eigener 
Anfchauung kennen gelernt habe. Ich bemerke dabei , dafs ich 
die Ruinen nicht mit dem Auge eines Künftlers oder Architekten, 
fondern als Geograph durchmuftert habe, mit der Abficht, die 
charakteriftifchen Eigenthümlichkeiten der Siedelungs- und Bau- 
formen bei den einzelnen Stämmen feftzuftellen, um dadurch wo 
möglich Anhaltspunkte über die vorgefchichtlichen Wanderungen 
und den ethnographifchen Zufammenhang der Stämme zu gewinnen; 
auch habe ich die Abhängigkeit der menfchlichen Bauweife von 
der phyfikalifchen und orographifchen Befchaffenheit des Geländes 
und von der Natur der in der Nachbarfchaft anftehenden Bau- 
materialien nachzuweifen gefucht, wo mir folches möglich war. 
Geleitet von oben genannten Gefichtspunkten habe ich mich mit 
den von competenterer Seite unterfuchten Ruinen nur wenig 
befchäftigt und mich bei Unterfuchung unbekannter oder wenig 
erforfchter Siedelungsrefte auf rohe Aufnahmen durch Abfehreiten 
und Compafspeilungen befchränkt. Die von mir gegebenen Pläne 
und Durchfchnitte dürfen daher nicht als genau angefehen werden, 
fondern follen lediglich eine ungefähr richtige Anficht von der 
Anordnung und Structur der einzelnen Bauten geben, was für 
meine Zwecke genügend erfchien. Da ich über die altindianifchen 
Siedelungen von Guatemala und Chiapas fchon an anderem Orte 
mich verbreitet habe**), fo brauche ich auf diefelben hier nicht 
wieder zurückzukommen. Da aber viele Ruinen noch gar nicht 
unterfucht wurden (wie diejenigen von Chiapa, Tonalä und Agua 
Escondida in Chiapas, von Piedras Negras, Yaxche und Jolomax 
im Peten, von Benque viejo in Britifch-Honduras, von S. Jorge, 
Aguacatan, Sacapulas, Mixco, Chajul, Canilla, Mita u. a. in Guate- 
mala), da ferner zweifellos viele andere Ruinen noch gar nicht 


*) Im Gebiete der aztekifchen , zapotekifchen , Mije- , Lenca- und Xinca- 
Stämme habe ich nur wenige und nicht charakteriftifche Bautenrefte beobachtet, 
weshalb ich auf diefelben im Rahmen diefes Auffatzes nicht eingehen werde. 

**) Sappe r, Altindianifche Anfiedelungen in Guatemala und Chiapas. »Ver- 
öffentlichungen aus dem königl. Mufeum für Völkerkunde zu Berlin.« IV Band 
i. Heft. 


— 356 — 

entdeckt find, fo ift mein Material noch höchft lückenhaft und 
deshalb bedürfen auch meine Ergebniffe fpäterer Ergänzung und 
Nachprüfung. Ich will mich darum auch nur auf das Wichtigfte 
befchränken. 

i. Die Anordnung der altindianifchen Bauten innerhalb 

der Siedelungen. 

Alle Indianer des nördlichen Mittelamerika haben in früheren 
Zeiten, wie auch heute noch, in hölzernen, mit Gras oder Palm- 
blättern gedeckten Hütten gewohnt, und nur für Cult- oder 
Kriegszwecke, aufserdem auch wohl für die Wohnung der höchften 
geiftlichen und weltlichen Würdenträger wurden unter Anwendung 
von Erde und Steinen, bei höherer Cultur auch unter Anwendung 
von Mörtel, dauerhaftere Bauten hergeftellt; von letzteren allein 
find uns Ueberrefte erhalten und fie werden daher auch haupt- 
fächlich den Gegenftand diefer Arbeit bilden. 

Wenn man beachtet, dafs heutzutage in entlegenen, dem 
fpanifchen Einfluffe weniger ftark unterworfenen Gegenden die 
Mehrzahl der indianifchen Bevölkerung in Einzelgehöften oder 
kleinen Häufergruppen zerftreut wohnt, fo ift man wohl zu dem 
Schluffe berechtigt, dafs auch in vorcolumbifcher Zeit ein ähn- 
liches Siedelungsfyftem vorherrfchend gewefen fein dürfte. 
Daneben aber befafsen die Indianer damals auch fchon gröfsere 
Bevölkerungscentren, fo bei ihren Cultusftätten innerhalb wohl- 
befeftigter Orte, in der Nachbarfchaft der königlichen Refidenz, 
in der Nähe von Salinen, Goldwäfchereien u. f. w.; man mufs fich 
aber vorftellen, dafs diefe Bevölkerungscentren nur zu gewiffen 
Zeiten wirklich ftark bevölkert waren, nämlich die erfteren zur 
Zeit religiöfer Fefte und Andachtsübungen, die Feftungen in 
Kriegszeiten, die Salinen in der für Salzgewinnung günftigen 
Trockenzeit u. s. w. Den gröfsten Theil des Jahres aber dürfte 
die Mehrzahl der Indianer, felbft derjenigen, welche ein eigenes 
Haus in den Städten befafsen, auf dem Lande in einfachen Hütten 
inmitten ihrer Maisfelder gewohnt haben, wie folches noch jetzt 
in Theilen der Alta Verapaz der Fall ift. Erft die Spanier haben 
die Indianer in wirkliche Städte und Dörfer zu fammeln gefucht, 
und als ein Zeichen, wie fremdartig diefe Siedelungsform ihnen 


- 357 — 

erfchien, mag es gelten, dafs viele Stämme der Mayafamilie gar 
kein deckendes Wort für diefen Begriff hatten und deshalb die 
mexikanifche Bezeichnung »tenamit« dafür annahmen. Nur in 
Yucatan mag von jeher eine ftärkere Concentration der Bevölke- 
rung geherrfcht haben , da die fpärliche Zahl der ausdauernden 
Teiche (Aguadas), der von unterirdifchen Flüffen durchftrömten 
Höhlen (Cenotes) und der Brunnen geradezu dazu zwang. 

Wie nun aber die Anlage der altindianifchen Bevölkerungs- 
centren gewefen ift, darüber können wir nur Vermuthungen hegen, 
da von dem Haupttheile derfelben, nämlich den aus Hütten 
beftehenden Stadtvierteln der ärmeren Bevölkerung, keine Spuren 
auf uns gekommen find. Die fpanifchen Eroberer wiffen zwar 
von Strafsen und Plätzen zu erzählen; was man aber an den 
thatfächlich vorhandenen Ruinen beobachtet, bezeugt nur die 
ehemalige Exiftenz von Plätzen, oft ausgedehnten fchönen Plätzen, 
die in einer einzigen Stadt häufig in mehrfacher Zahl vorhanden 
waren, Strafsen in modernem Sinne habe ich aber bisher nirgends 
gefehen; nur in Iximche und an einigen religiöfen Bauten (Saj- 
cabajä, Pasajon, S. Isfdoro) fand ich Andeutungen einer folchen 
Anlage. Im Uebrigen bemerke ich, dafs die Ueberrefte der 
Hauptgebäude (die Tumuli und Steinbauten) keine beftimrnte 
Anordnung unter fich zeigen. Aehnlicb ift es noch jetzt in 
manchen indianifchen Dörfern, die von der fpanifchen Schablone 
der rechtwinklig fich fchneidenden geradlinigen Strafsen unberührt 
geblieben find : man fieht ein Wirrfal einzeln flehender Häufer, 
zwifchen welchen wohl krumme und vielfach gebrochene Wege, 
aber keine Strafsen in unferem Sinne hindurchführen; wie jetzt 
die Kirche mit ihrem Platze den Mittelpunkt diefer Dörfer bildet, 
fo mögen auch früher die Complexe öffentlicher Bauten den Kern 
ähnlich gebildeter Anfiedelungen gebildet haben. 

Die altindianifchen Städte von Chiapas und Guatemala haben 
in gewöhnlichen Zeiten jedenfalls keine grofse Bevölkerung 
beherbergt, denn der Flächenraum, welcher innerhalb der Befefti- 
gungshnie liegt, ift gewöhnlich fehr befchränkt, und es ift fehr 
unwahrfcheinlich , dafs fich aufserhalb davon andere Stadttheile 
unmittelbar angegliedert hätten, denn das wäre — in Kriegs- 
zeiten — weder für die aufsen Wohnenden noch für die Feftung 
vortheilhaft gewefen. 


- 358 - 

Man wird mir wohl entgegenhalten, dafs die älteren fpa- 
nifchen Schriftfteller uns ganz eingehende Befchreibungen von 
der Gröfse mancher altindianifchen Städte hinterlaffen haben; ich 
geftehe aber, dafs ich ihren Angaben in folchen Dingen fehr 
fkeptifch gegenüberftehe: fie fcheinen mir gern in grofsen Zahlen 
gefchwelgt zu haben und vor Uebertreibungen nicht zurück- 
gefchreckt zu fein. Fuentes erzählt uns z. B., dafs der Ober- 
befehlshaber der Quiches, Tee um Uman, im Jahre 1524 aus 
der Hauptftadt Gumarcah (Utatlan) allein 72000 Krieger gezogen 
habe; der Königspalaft von Utatlan aber foll 728 Schritte lang 
und 376 Schritte tief gewefen fein. Wenn man fich beim Anblick 
der Ruinen von Utatlan diefe tiberfchwenglichen Zahlen vor 
Augen hält, fo kann man fich eines Lächelns kaum erwehren, 
denn die bewohnbare Oberfläche des eigentlichen Utatlan-Plateaus 
ift nicht einmal gha grofs und könnte ein Bauwerk von den oben 
genannten Dimenfionen überhaupt nicht faffen! Ich habe, um 
hierüber Sicherheit zu bekommen, das Plateau durch Abfehreiten 
an feinen Rändern gemeffen, als ich mit meinem Bruder Richard 
im Auguft 1894 die Ruinen befuchte, hatte aber nicht hinreichend 
Zeit zur Verfügung, um eine Aufnahme der Bauten vornehmen 
zu können. Wir ftellten aber feft, dafs der Haupthof im foge- 
nannten Palacio nur 100 Schritte lang und 60 Schritte breit ift 
und dafs die Anordnung der umgebenden Gebäude faft ganz mit 
derjenigen des fogenannten Resguardo übereinftimmt. [Ich habe 
auf dem Situationsplan, Fig. 10 (S. 363), die Lage der wichtigften 
Bauten aus dem Gedächtniffe eingezeichnet, da ich nachträglich 
fehe, dafs der Plan in Stephens’ Incidents of travel, p. 235, eine 
unrichtige Idee giebt.] Die Ruinen find übrigens feit Stephens’ 
und Catherwood’s Befuch — 1840 — fehr ftark zerfallen, haupt- 
fächlich durch die Schuld von Schatzgräbern, die in unfinniger 
Weife das ganze Plateau durchwühlt haben. 

Man mag allerdings annehmen, dafs das Plateau von Utatlan 
nur das Schlofs des Königs und deffen Nebengebäude, fowie die 
Tempel enthalten hätte, während der Reft der Stadt auf der 
nahen Ebene gelegen hätte. In der That findet man in einiger 
Entfernung von Utatlan in der Ebene noch einige Tumuli, welche 
man als Aufsenforts anfehen kann, die die Stadttheile der ärmeren 
Bevölkerung deckten. Aber die fpanifchen Schriftfteller berichten 



- 359 — 

nichts von einer folchen Aufsenftadt, und der Flächeninhalt von 
Utatlan ift nicht geringer als der vieler anderer indianifcher 
Feftunsren, wie Saculeu, Comitancillo, Iximchö u. a. 

o ’ 



Ueberfichtsfkizze der Bauftile im nördl. Mittelamerika i : iooooooo. 

I. Maya-Stil (ia. Nordyucatekifcher Typus; ib. Südyucatekifcher Typus; 
ic. Peten-Typus) ; 2. Chol-Stil; 3. Chorti-Stil; 4. Verapaz-Stil ; 5. Quiche-Stil; 

6. Marne-Stil; 7. Tzental-Stil ; 8. Chiapaneken-Stil ; 9. Motozintleken-Stil. 

Die Anlage der altindianifchen Bevölkerungscentren war 
natürlich verfchieden, je nachdem die Anfledelung'hauptfächlich 
zum Zwecke der Vertheidigung oder zur Pflege religiöfen Cults 
oder blofs wegen der Hofhaltung des Königs oder Fürften fleh 
gebildet hatte. Im Hochlande von Guatemala und Chiapas, 
wo zahlreiche kriegerifche Völker und unabhängige, fleh feind- 
felig geflnnte Tribus eines und deffelben Stammes neben einander 
wohnten, überwiegen natürlich die Feftungsanlagen , innerhalb 


Fig. I. 


Fig. 2. 


— 360 — 



Vw/i/iiiiiiiiii:;-- : r=^= 


Hofraum 

(etwas Lirfkr lisgejid 
als die. Terrasse) 


icn 


O B 

N 

1 1 

in 



1 


_J 





b 



Fig. 7b. 


Fig. 6. 



Fig. 1. Steinhaus Ixtinta (Yucatan). 1 : 1600. Fig. 2. Beteiligung bei Ixtinta 
(Yucatan). 1 : 1600. Fig. 3. Bauwerk in Cacd Xkan lid (\ucatan). 1 : 1600. 
Fig. 4. Skizze eines Steinhaufes in Tz’ibinocac. 1 : 1600. Fig. 5a. 1 : Soo. 

Fig. 5b. 1 : 400. Schematifcher Durchfchnitt und Plan des Haupttempels von 

Menchd Tenamit. Fig. 6. Grundrifs eines Steinhaufes in Tikal (Petdn). 1 : Soo. 
Fig. 7a. Steinhaus in Tikal (Petdn). 1 : 1600. Fig. 7b. Durchfchnitt des Mittel- 
zimmers eines Steinhaufes in Tikal (Petdn). 


— 36 1 — 

deren gewöhnlich auch die Paläfte der Fürften und die Tempel 
der Götter erbaut wurden*). Die Natur bot in Plateaus, die 
durch Schluchten ganz oder theilweife von der benachbarten Hoch- 
ebene abgefchnitten 


Fig. 7 c. 



Fig. 7C. Plan des Mittelzimmers eines Steinhaufes in 
Tikal (Peten). 



schematischer Durchschnitt 
ein cs Theiles <L Palastes E . 


Fig. 8b. Fig. 8a. 

Haupttheil der Ruinen von Tonina bei Ocosingo (Chiapas), 


waren, oder auch in 
abgeftutzten Ber- 
gen leicht zu ver- 
teidigende Plätze 
an , die auch von 
den Indianern in fol- 
cher Weife benutzt 
wurden; der natür- 
lich befchränkte 
Raum zwang bei 
der Anlage folcher 
Städte zu einer 
möglichft gedräng- 
ten Anordnung der 
Bauten, welche denn 
auch charakteri- 
ftifch für die Städte- 
anlagen im Hoch- 
lande von Chia- 
pas und Guate- 
mala ift. 

Als Beifpiel führe 
ich hier die bekann- 
ten Ruinen von To- 
ninä (d. h. »Stein- 
haus«) an, von wel- 


chen ich allerdings nur den oberen Theil aufgenommen habe 
(Fig. 8a). Das Gros der Ruinen liegt auf einem fchmalen, gegen 
den Toninä-Bach hin abbrechenden Hügelkamm, die (auf Fig. 8a 


*) Manchmal wohnten die Fürften auch in offenen Städten und zogen ftch, 
unter Preisgebung derfelben, beim Ausbruche eines Krieges nach benachbarten 
feften Plätzen zurück, wie im Jahre 1525 Caibil-Balam, der König der Mames, 
ftch beim Heranrücken der Spanier unter Gonzalo de Alvarado von feiner 
Hauptftadt Chinabhul (Huehuetenango) nach der Fefte Saculeu zurückzog. 


362 



Fig. 9. Ruinen von S. Clemente (Petdn). 1 : 1600. 




363 



aufgezeichneten) 
Hauptgebäude 
am öftlichen 
Ende deffelben. 
Schon unten auf 
der Ebene beob- 
achtet man an- 
fehnliche künft- 
liche Hügel, dann 
fleigt man über 
vier verfchiedene 
künftliche Ter- 
raffen an, deren 
zweite ziemlich 
breitiftundQuer- 
tumuli trägt, und 
erreicht endlich 
die fünfte Ter- 
raffe mit dem 
»Palacio« (Stein- 
haus _E7), der feit 
Stephens’ Be- 
fuch offenbar 
ftarkverfallenift; 
noch höher oben 
flehen die beiden 
grofsen Pyrami- 
den; alle Ge- 
bäude find eng 
zufammen- 
gedrängt, Raum 
fparend und 
offenbar vorzugs- 
weife der Ver- 
theidigung die- 
nend. 

In Yucatan 
aber, wodieRück- 


— 364 — 

ficht auf die Nähe des Waffers mafsgebend fein mufste, und wo 
die Natur überhaupt keine fo günftigen natürlichen Vertheidi- 
gungsplätze gefchaffen hat, find die Hauptgebäude viel mehr 
zerftreut , und wenn auch einzelne derfelben fehr geeignet zur 
Verteidigung waren, fo ift doch die Anlage des Ganzen derart, 
die Verzierung der Aufsenwände fo reich, dafs man diefe Städte- 
anlagen als die Refidenzen der Fürften und Oberpriefter , nicht 
aber als Feftungen anfehen darf. Ich kenne freilich nur eine 
geringe Anzahl folcher Siedelungen von Yucatan; nach dem, was 
ich über andere aus Charnay’s Mittheilungen und aus den noch 
unveröffentlichten Plänen, Zeichnungen und Photographien von 
Mr. E. Tompson in Merida weifs, fcheint aber auch anderwärts 
eine ähnliche zerftreute Anordnung wie in Uxmal oder Tzibino- 
cac zu herrfchen. 

Feftungscharakter zeigen dagegen die füdlichften Maya- 
bauten, nämlich die Städteanlagen im Peten, wie S. Clemente 
und namentlich das grofsartige Tical, durch ihre gedrängte 
Anlage, durch die Art vieler Einzelbauten und die Anordnung 
derfelben um Hofräume, von denen jeder für fich wieder je ein 
Vertheidigungscentrum bildete. Von Tical befitzen wir trotz 
der Studien von M. Maudslay noch keine vollftändige Aufnahme, 
und ich felbft war leider nicht in der Lage, den Plan diefer 
grofsen, im Schatten des Urwaldes fchlummernden Stadtruinen 
aufzunehmen. Ich kann nur feftftellen , dafs man dafelbft eine 
ganze Reihe leicht zu vertheidigender, zum Theil terraffenförmig 
über einander liegender Hofräume beobachtet und in der Nähe 
des von mächtigen Steinhäufern umgebenen Hauptplatzes eine 
Anzahl von fteilen trotzigen Pyramiden mit mächtigen Stein- 
häufern auf dem Gipfel antrifft. 

Viel einfacher und unbedeutender, aber auch viel leichter 
zu überblicken find die Ruinen von S. Clemente (Fig. 9), welche, 
im Walde verborgen, unbekannt geblieben waren, obgleich fie 
nur 250 Schritte vom Reitwege Peten-Belize entfernt find. Die 
Ruinen liegen auf einem länglichen Hügel von mäfsiger Höhe, 
über welchen die Bauten in der Weife vertheilt find, dafs eine 
Anzahl Plätze oder Hofräume entftanden, von denen fall jeder 
einzelne für fich leicht vertheidigt werden konnte. Die Hof- 
räume B und C liegen in gleicher Höhe mit einander, während 


— 365 — 

der Platz A um ein Stockwerk, der durch einen Engpafs von C 
gefchiedene Platz B um etwa 4 m höher liegt. Die Steinhäufer I 
und II zeigen gegen aufsen nur eine glatte Wand, am Fufse 
derfelben beginnt alsbald der Steilabfall. Die Zimmer von I 
und II find von A aus zugänglich; Steinhaus III hat aber die 
Zimmereingänge auf der — übrigens ftark zerfallenen — Süd- 
feite, wo fie über eine fteile Böfchung 1 erreicht werden können. 
Die obere Plattform von III fetzt fich gegen Often in gleicher 
Höhe fort, fo dafs die Fortfetzung (lila) von B aus zweiftöckig 
erfcheint, bis gegen Ende des Bauwerks daffelbe durch einen 
Abfatz der Plattform wieder einftöckig wird (III b). Von der 
ftidweftlichen Ecke von B führt ein fchmaler Durchgang durch lila 
nach C. Die weltliche Begrenzung von B bildet eine Mauer, 
die bis zur Höhe des Platzes A hinaufreicht; die öftliche und 
nördliche Begrenzung ift nur von Steinwällen gebildet, ebenfo 
die öftliche und weltliche Begrenzung von C und E. Die Wälle 4 
und 5 find aus behauenen Steinen erbaut und 3 bis 4 m hoch. 
Auf der Höhe des Walles 9 befindet fich ein kleines zerfallenes 
Steinhaus. Zwifchen C und D befinden fich zwei hohe ftarke 
Steinhäufer, mit je nur einem nach Norden offenen Gemach, auf 
hohen, offenbar künftlich umgeformten Hügeln. Merkwürdiger 
Weife befindet fich am Nordweftfufs des Hügels ein rundes 

0 

gemauertes Loch, das eben einem Menfchen Durchgang gewährt; 
man gelangt durch daffelbe in ein darunter befindliches unter- 
irdifches Gefchofs, in das ich aber ohne Seil und genügendes 
Licht nicht einzudringen wagte. 

Auch im ehemaligen Cholgebiete fcheinen ähnliche Städte- 
anlagen terraffenförmig neben einander befindlichen umwallten 
Plätzen aufzutreten (z ; B. Las Quebradas) und auch Copan, 
fonft in feiner Anlage vielleicht die eigenartigfte Schöpfung india- 
nifcher Baukunft, zeigt Züge diefes Syftems. 

Die Ruinen im füdlichen Yucatan ftehen an Ausdehnung 
hinter denen des übrigen Mayagebietes zurück; fie zeigen häufig 
ausgeprägten Feftungscharakter, umwallte, auf Hügeln gelegene 
Hofräume (z. B. Ixtinta, Fig. 2), oder ausgedehnte Steinmauern, 
oder Bauten auf Pafshöhen [wie auf der Höhe von Cacä de 
Xkanjä, welche theils zur Vertheidigung, aber auch als Bet- und 
Opferplatz für die Reifenden gedient haben mögen (Fig. 3)]. 


— 366 — 

Immerhin tritt im Allgemeinen der Feftungscharakter weniger 
ausgeprägt hervor als im Peten. Die Bauten find weniger con- 
centrirt, die Steinhäufer aber zeigen viel forgfältigere, fall künft- ' 
lerifche Behandlung der Aufsenwände; andererfeits find die Bauten 
doch nicht fo zerftreut, wie bei nordyucatekifchen Niederlaffungen, 
und es fehlt der Sculpturenfchmuck derfelben, fo dafs die füd- 
yucatekifchen Siedelungen eine vermittelnde Stellung zwifchen 
den nordyucatekifchen und den Peten-Städteanlagen einnehmen. 

In ähnlicher Weife zeigt Menche Tenamit gewiffe vermittelnde 
Züge zwifchen Tical und Palenque, und Toninä erinnert in feinen 
Bauten vielfach an die Tiefland -Siedelungen, folgt aber in der 
Anlage durchaus den Gepflogenheiten der Hochlandftämme. 
Ueberhaupt hat die Cultur eines Volkes im nördlichen 
Mittelamerika ftets die feiner Nachbarn mit beeinflufst, 
und fo beobachtet man denn namentlich in Grenzgebieten oft 
Anklänge an die Eigenheiten der nachbarlichen Bauweife. Der 
ifolirte weftliche Hofraum von Chamä*) zeigt ganz den Verapaz- 
Typus, während die örtlichen Bauwerke mehr an die Cholbauten 
erinnern, ebenfo die Ruinen von Pueblo Viejo, während die nahe 
dabei liegenden, wohl einft dazu gehörigen Ruinen von Chacujal 
durchaus eigenartig find. 

In der Verapaz find fonft nur kleine Siedelungsrefte bekannt, 
die in ihrer Einfachheit in ausgefprochenem Gegenfatze zu den 
verwickelteren Anlagen der Hochland- und Tiefland-Siedelungen 
flehen, wenn fie auch gleich jenen meift den Grundtypus eines 
ganz oder theilweife umwallten Hofraumes aufweifen, innerhalb 
deffen gewöhnlich kleine Stufenpyramiden fleh erhoben haben. 
Auch Befeftigungsanlagen find aus der Verapaz bekannt, wie 
Pafs fperrende Mauern (bei Las Pacayas), oder durch aufge- 
thürmte Steinreihen befeftigte, fchwer zu erreichende Berggipfel 
(z. B. Yaltenamit). Ob die Ruinen des Pokomamgebietes fich 
dem Verapaz- oder Hochlandcharakter anfchliefsen , weifs ich 
nicht , da ich die wenigen Siedelungsrefte , die ich kenne (bei 
El Carrizal und Guatemala), nicht unterfucht habe. 

Vergleichsweife feiten find altindianifche Siedelungen zu 
Cultuszwecken erbaut gewefen (z. B. Kalamte) , und auch fie 

*) Dieter weftliche Hofraum ift abgebildet von E. P. Diefeldorff in »\ er- 
handlungen der Berliner anthropologifchen Gefellfchaft«, iS93> S. o75- 


— 367 — 

(wie z. B. Sajcabajä, Copan) waren oft zugleich für die Vertheidi- 
gung eingerichtet, boten ja doch die Tempelbauten mit ihren 
umwallten Hofräumen und ihren Stufenpyramiden leicht zu ver- 
teidigende Gebäudecomplexe dar. Palenque halte ich mit 
Charnay für eine Priefter- und Cultusftadt, ebenfo Quiriguä und 
die Ruinen am Rio de la Pafion, von welchen F. Artes 1892 
im Aufträge der guatemaltekifchen Regierung Abklatfche der 
Monolithen mitbrachte und auf der Weltausftellung in Chicago 
ausflellte. 

Ueberblickt man die bisher bekannt gewordenen Ruinen des 
Gefammtgebietes der Mayaftämme, fo findet man, dafs überall 
der Grundtypus völlig oder unvollftändig gefchloffener Hofräume 
wiederkehrt; bei den Städteanlagen des Hochlandes von Guate- 
mala und Chiapas ift die Anordnung der Bauten eine gedrängte, 
da die Siedelungen meift Feftungscharakter hatten, und deshalb 
Plätze dafür gewählt wurden, welche an und für fich durch natür- 
liche Grenzen (Steilabftürze , Schluchten) räumlich befchränkt 
waren. Auch im Peten finden wir, offenbar wegen kriegerifcher 
Vorkommniffe in jenen Zeiten, die Bauten in gedrängter Anord- 
nung, mit Feftungscharakter, fonft find die Siedelungen im Tief- 
lande meift offener, ohne den Zweck der Vertheidigung im 
Vordergründe zu zeigen. 

In allen Mayaruinen find die Gebäude zwar nicht ausnahms- 
los, aber doch gröfstentheils nach einer beftimmten Richtung 
orientirt, und zwar nach den Cardinalrichtungen bei den Tiefland- 
ftämmen, den Verapazftämmen und aufserdem bei den Quiches, 
Tzutuhiles, Uspantecos und Aguacatecos, während bei den 
übrigen Hochlandftämmen (Tzental-Gruppe, Marne-Gruppe, Cak- 
chiqueles) die Bauten häufiger nach Zwifchenrichtungen orientirt 
find, jedoch fo, dafs innerhalb einer Städteanlage ftets eine 
gewiffe Richtung als Norm galt. 

Im örtlichen Chiapas habe ich bei Mazapa und Motozintla 
einige Ruinen gefehen , welche vom Mayatypus abweichen, 
obgleich dort jetzt Mayafprachen gefprochen werden; aufser 
anderen Eigenthümlichkeiten ift hier der Mangel deutlicher Plätze 
hervorzuheben und die langgezogene Gefammtanlage (s. Fig. 11). 
Ganz nahe davon, bei Chimalapa, fah ich aber aus der Ferne 
altin dianifche Siedelungen mit deutlichem Hofraum vom Maya- 


— 3Ö8 — 


Fig. ii. 





Fig. 12. 



|l_ — 1| 


So 

fraxurr 

Ls 


1 = 1 


"1 


F »g- 13 - 

□ □ 


N 


□ 





Fig. ii. Ruinen bei Motozintla (Chiapas). Fig. 12. Tempelhof bei El Rosarita 
(Chiapas). i : Soo. Fig. 13. Ruinen bei Chimalapa (Chiapas). 1 : 800 (gefchätzt). 
Fig. 14. Ruinen bei San Isidoro (Chiapas). 1 : 1600. Fig. 15. Durchfchnitt und 
Plan eines Zimmers von Tical. 1 : 200. Fig. 16. Schematifcher Durchfchnitt eines 

Steinwalles von Chacujal 1 : 200. 



— 369 — 

typus, nach den Cardinalrichtungen orientirt (s. Fig. 13, Mafs- 
ftab nicht bekannt). 

Im Gebiete der Chiapaneken find keine fo deutlichen 
Hofräume zu beobachten, wie bei den Mayaftämmen ; die Plätze 
find, wenn überhaupt vorhanden, fehr unvollftändig umwallt; die 
Bauten zeigen kaum eine Orientirung nach einer beftimmten 
Himmelsrichtung und find ziemlich regellos zerftreut, zeigen aber 
oft deutlich durch die Wahl der Oertlichkeit und durch befon- 
dere Vertheidigungsmauern Feftungscharakter. 

Im weltlichen und füdlichen Chiapas, in Soconusco 
und Südguatemala habe ich faft keine altindianifchen Anfiede- 
lungen gefehen, und die wenigen, welche ich kenne, waren fo 
zerftört, dafs ich nichts Eigenartiges an ihnen zu erkennen ver- 
mochte. 

Im Gebiete der nördlichen Pipiles (im oberen Motagua- 
thale und in der Baja Verapaz) habe ich mehrfach Spuren alt- 
indianifcher Anfiedelungen gefehen, aber oft kaum mehr kenntlich. 
Die Ruinen bei S. Aguftin Acasaguastlan find langgedehnt, lehnen 
fich auf einer Seite an einen Berghang an, einigermafsen ähnlich 
den Ruinen von Mazapa. Sie zeigen Terraffen und Halbhöfe und 
find nach den Cardinalrichtungen orientirt. 


2. Einzelgebäude und Gebäudecomplexe. 

Schon oben habe ich hervorgehoben, dafs die Indianer des 
nördlichen Mittelamerika in vorcolumbifcher Zeit in Strohhütten 
gelebt haben, wie auch heute noch, und es liegt kein Grund vor, 
anzunehmen, dafs fich ihre Hausconftruction feither geändert. 
Es beftanden alfo damals fchon diefelben Unterfchiede im Haus- 
bau der einzelnen Stämme und Stammesgruppen, wie ich fie in 
der Gegenwart beobachten konnte und an anderer Stelle 
befchrieben habe*). 

Für die gröfseren öffentlichen Privatbauten wurden aber 
auch zunächft auf den Unterbau — andere Materialien ver- 
wendet, die eine längere Dauer verfprachen, nämlich bei noch 

) Beiträge zur Ethnographie der Republik Guatemala (Petermann’ s Mitthei- 
lungen 1893, S. 12 f.) und Beiträge zur Ethnographie von Südoft-Mexiko und 
Britifch-PIonduras (dafelbfi: 1895, S. 177). 

Sapper, Das nördliche Mittelamerika. 


24 


— 370 — 

niedrig flehender Entwickelung Erd- und Steinwälle oder eben- 
folche Stufenpyramiden, auf deren oberfter Plattform fich häufig 
dem gewünfchten Zwecke angepafste Holzgebäude — Stroh- 
hütten — erhoben haben werden. 

Die urfprünglichfte Form der Wälle waren wohl einfache 
Erdwälle, welche bei etwas fortgefchrittener Cultur eine Stein- 
verkleidung erhielten; oft find die Wälle aber auch ganz aus 
Steinen erbaut; auch bei den Stufenpyramiden ift der Kern 
gewöhnlich aus Erde (manchmal Steinkammern einfchliefsend), 
während eine Verkleidung von geeigneten Steinen dem Bauwerke 
die entfprechende äufsere Form gab und dauerhaft machte. Auf 
diefer Stufe der Entwickelung find die meiften Bauten von 
Chiapas, Südguatemala und der Verapaz ftehen geblieben 
und auch im Gebiete der weiter vorgefchrittenen Mayaftämme 
find derartige Bauwerke fehr häufig. Dabei find die Steine, 
welche die äufsere Verkleidung bilden, gewöhnlich nicht oder 
nur roh bearbeitet; feltener trifft man forgfältig bearbeitete 
Steine in folchen Bauten. Es fleht diefe Erfcheinung übrigens 
grofsentheils im Zufammenhange mit dem fchwer zu bearbeiten- 
den Steinmaterial jener Gegenden: in der Alta Verapaz und 
Theilen des mittleren Chiapas find es fpaltendurchfetzte Dolo- 
mite und Kalke, im Chiapaneken- und Motozintleken- Gebiete 
vorzugsweife Granite, im Tzotzil- und füdlichen Pipil- Gebiete 
andere (junge) Eruptivgefteine , deren Bearbeitung ebenfo wie 
die der Granite bei den unvollkommenen Werkzeugen der India- 
ner viel Mühe gekoftet haben mufs. Wegen derfelben Schwierig- 
keit findet man auch im Hochlande von Guatemala und Chiapas 
vergleichsweife wenige Steinfculpturen, und wo man folche trifft, 
hat gewöhnlich das vorhandene Gefteinsmaterial die Herftellung 
begünftigt. Andefite, frifch oder zerfetzt, find häufig dazu ver- 
wendet worden, feltener Sandfteine oder Kalkfteine, für kleine 
Gegenftände zuweilen auch Thonfchiefer , aber niemals Dolomit. 
Je weniger das ■ vorhandene Gefteinsmaterial für Bauten und 
Sculpturen geeignet war, deftö eifriger war häufig die Pflege 
der Keramik, und wenn z. B. die Indianer der Alta Verapaz in 
Baukunfl weit hinter ihren nördlichen, örtlichen und weltlichen 
Nachbarn zurückftanden, fo find fie andererfeits in Töpferei fo 
gefchickt gewefen und haben Arbeiten von fo feinem Gefchmack 


— 37i — 

und künftlerifchem Sinne geliefert, dafs fie von keinem anderen 
Mayaftamme darin übertrofTen worden zu fein fcheinen. Man 
mag daraus den Satz ableiten, dafs die Baukunft keinen 
Werthmeffer für die Höhe der Cultur im Allgemeinen 
abgiebt, denn der Mangel an geeignetem Material hemmt die 
Entwickelung und drängt den Kunftfinn eines Volkes anderen 
Kunftzweigen zu. Auch ift nicht zu vergeffen, dafs die Ent- 
wickelung der Baukunft im Vorhandenfein einer bedeutenden 
politifchen und finanziellen Macht den günftigflen Nährboden 
findet; in der Alta Verapaz aber fcheinen diefe Vorbedingungen 
in weit geringerem Grade vorhanden gewefen zu fein, als in 
Yucatan oder im Hochlande von Guatemala. 

Der Erhaltungszuftand der aus Erde und über einander 
gefchichteten Steinen hergeftellten Baulichkeiten ift gewöhnlich 
ein fehr fchlechter und es ift nur feiten möglich, ficher und genau 
die Umriffe der Bauten und die Art der an Pyramiden ftets, an 
Wällen häufig vorhandenen Stufen feftzuftellen. Soweit meine 
Beobachtungen reichen, find die Grundriffe meift viereckig, feiten 
(durch Abftumpfung der Kanten) fünf- oder mehrkantig, dann 
aber im Oberbau trotzdem wieder viereckig; runde Grundriffe 
habe ich niemals mit Sicherheit feftftellen können, bei genauerer 
Prüfung konnte ich faft jedesmal, auch bei fcheinbar runden oder 
gerundeten Bauten, den rechteckigen urfprünglichen Verlauf der 
Linien nachweifen. Die Stufen fcheinen bei den Maya- 
bauten ftets durch den Wechfel wagerechter und fenk- 
rechter (oder nahezu fenkrechter) Flächen gebildet zu fein, 
fie find dabei gewöhnlich ungefähr gleich hoch und tief. 
Einen durchgreifenden Unterfchied zeigt dagegen die Stufen- 
form der chiapanekifchen und motozintlekifchen Bauten, 
da fie fchief anfteigen und nur einen fchmalen wagerechten Raum 
übrig laßen (Fig. ua). Es mag diefe Eigenthümlichkeit eine 
gewiffe Abhängigkeit von dem verwendeten Baumaterial bekunden, 
da die flachgerundeten Granitrollfteine jener Gegenden fich nicht 
leicht fenkrecht über einander thürmen liefsen und der Bau durch 
fchief anfteigende Stufen alfo gröfsere Haltbarkeit bekommen 
mufste. Wie dem aber auch fein möge , immerhin fleht die 
Thatfache einer verfchiedenen Bauweife feft und ich glaube daraus 
fchliefsen zu dürfen, dafs in der Gegend von Motozintla und 

24* 


— 372 — 

Mazapa, wo gegenwärtig Mayafprachen gefprochen werden, früher 
ein ftammfremdes Volk gewohnt habe; welches daffelbe aber 
gewefen fein könnte, darüber habe ich nicht einmal eine Ver- 
muthung; ich glaube aber nicht, dafs es die Chiapaneken waren, 
da einmal die Bauten im Motozintlagebiete gefetzmäfsiger ange- 
ordnet erfcheinen als im Chiapanekengebiete, und aufserdem fieht 
man vor etlichen Tumuli in Masapa und Motozintla (Fig. u, 
vor A, B und C) forgfältig ausgeführte Pfiafter von flachen Gra- 
nitfliefen, was ich bislang im Chiapanekengebiete niemals beob- 
achtet habe. 

Eine höhere Stufe der Baukunft bekundet es, wenn 
man fenkrechte oder faft fenkrechte, aus behauenen Steinen 
aufgethürmte Mauern findet, die aber noch ohne Mörtel auf- 
geführt find. Man trifft folche Bauten da und dort zerftreut an 
(z. B. S. Aguftin Acasaguastlan), oft auch in Städteanlagen, wo 
bereits Steinhäufer zu treffen find (z. B. die Steintumuli 4 und 5 
im Hofraume C der Ruinen von S. Clemente, Fig. 9). Die eigen- 
artigften derartigen Bauten find aber diejenigen von Chacujal 
(Alta Verapaz), wo Urtonfchiefer, an der Aufsenfeite forgfältig 
bearbeitet, zur Bildung fenkrechter oder fehr fteiler Mauern ohne 
jegliches Bindemittel verwendet wurden, auf deren oberer Platt- 
form eine Art Brüftung angebracht ift. Der Kern diefer Bauten 
befteht aus gerundeten Flufsgeröllen (Fig. 16). Ich habe nirgends 
Bauten von ähnlicher Structur wieder gefehen. 

Einen weiteren Fortfehritt in der Baukunft bekunden 
diejenigen Bauwerke im Hochlande von Guatemala, bei welchen 
die Steine des Mauerwerkes durch reichlichen Kalkmörtel mit 
einander verbunden find. Mörtel findet man beiläufig auch ander- 
wärts (z. B. in der Alta Verapaz) verwendet, aber nicht in einer 
Ausdehnung, dafs feine Anwendung von wefentlichem Einflufle 
auf die Bauweife gewefen wäre. Auch in Iximche fcheint Mörtel 
noch eine ziemlich untergeordnete Rolle gefpielt zu haben. In 
Kalamte und Comitancillo, in Utatlan und Saculeu aber find 
viele Bauten faft ausfchliefslich aus Mauerwerk hergeftellt, und 
zwar find zur Herftellung der Stufen die Mauern fenkrecht erbaut; 
wo aber höhere Mauern ohne Stufen errichtet werden follten, 
find diefelben mit fteiler Neigung erbaut und es leiteten befondere 
Treppenbauten zur Plattform folcher Gebäude hinauf (ebenfo an 


— 373 — 

Stufenpyramiden mit befonders hohen Stufen). Ein Ueberzug von 
geglättetem Mörtel bildete die äufsere Bekleidung des Mauer- 
werkes. Aehnliche Cementaufgüffe bildeten den Boden der wich- 
tigeren Plätze und der Tumuliplattformen , und man beobachtet 
in Utatlan auch jetzt noch trotz der allgemeinen Zerftörung der 
Bauten zuweilen Spuren von Malereien an den Wänden; auch 
fieht man an einigen Plattformen über der offenbar fchadhaft 
gewordenen Mörteldecke einen zweiten, felbft einen dritten Auf- 

o 

gufs angebracht. 

Im Hochlande von Chiapas fcheinen die zuletzt befprochenen 
Bauformen zu fehlen und die Stämme der Marne- und Quiche- 
Gruppe fcheinen demnach in einem gewiffen Gegenfatze zu denen 
der Tzental- Gruppe in bautechnifcher Hinficht zu ftehen. Und 
doch zeigen die Hochland ftämme von Guatemala und Chiapas 
nicht nur in Bezug auf die Anlage ihrer Städte, wie ich oben 
hervorgehoben habe, fondern auch in der Bauweife eines beftimm- 
ten Tempels eine auffallende Uebereinftimmung: es ift dies ein 
Tempelbau, deffen Hauptgebäude zwei gleiche, parallel zu ein- 
ander liegende längliche Bauwerke find, welche an der einander 
zugekehrten Seite eine fchmale niedrige Terraffe, ähnlich einem 
Trottoir, aufweifen; zwifchen denfelben befindet fich der tief- 
liegende Tempelhof, der fich jenfeits der beiden Hauptgebäude 
verbreitert und ganz oder fall ganz umwallt ift, fo dafs die 
Geftalt des Hofes eine gewiffe Aehnlichkeit mit einem grofsen 
lateinifchen H oder I bekommt. Von El Sacramento in Chiapas 
bis Sajcabajä und Kalamte erfcheinen diefe H- förmigen Tempel- 
höfe mit gleichbleibendem Grundtypus immer wieder, und doch 
ftets in irgendwie veränderter Form, und neuerdings beobachtete 
ich denfelben Typus auch in den Ruinen von Leon de Piedra 
in S. Salvador, was (neben Funden anderer Maya-Alterthümer) 
darauf fchliefsen läfst, dafs vor der Befiedelung der Gegend durch 
Pipiles fich hier ein Mayavolk befunden habe. Ich gebe einige 
flüchtige Skizzen folcher Höfe (Fig. 12 und 10a). 

Merkwürdiger Weife fehlt in Iximche diefer Tempelbau, 
oder es find wenigftens kaum Spuren des Grundgedankens zu 
entdecken, und doch zeigt auch die fonft ziemlich originell ent- 
wickelte Baukunft der Cakchiqueles Anklänge an beftimmte 
Bauten der Nachbarvölker: fo findet man in Iximche einen recht- 


— 374 - 

eckigen länglichen Tumulus {A in Brühls Plan von Iximche, 
Globus Bd. 66), deffen Plattform ringsum umwallt ift, der alfo 
einen in Bezug auf die Ränder des Tumulus vertieften Hofraum 
trägt, und denfelben Bau traf ich auch zweimal in Sajcabajä, 
einmal, nicht ganz typifch, auch in Saculeu. 

Bei allen bisher befprochenen Bauten dürften, foweit fie nicht 
etwa blofs zur Vertheidigung dienten, auf der oberften Plattform 
Holzhütten geftanden haben, in denen die Götzenbilder aufgeftellt 
wurden, oder auch hochgeftellte Perfönlichkeiten ihre Empfangs- 
räumlichkeiten oder ihre Wohnung hatten. Bei den Tiefland- 
ftämmen der Mayavölkerfamilie dagegen hat die Bau- 
kunft einen weiteren Schritt nach vorwärts gethan, 
indem fie auch diefe Holzgebäude durch Steinhäufer mit bewohn- 
baren dauerhaften Innenräumen (Zimmern) erfetzten. Der Um- 
ftand, dafs in Yucatan, Peten und Nordoft-Chiapas wohlgefchichtete 
Plattenkalke auftreten, hat jedenfalls diefen Fortfehritt mit ver- 
anlafst und begünftigt, wie auch das Vorkommen feinkörniger, 
den Solenhofer Schiefern ähnlicher Kalke bei Palenque und 
Menche Tenamit die Entftehung der dort blühenden Relief- 
bildnerei mit verurfacht haben mufs. Im Chortigebiete, wo gerade 
in der Gegend von Copan ein fehr leicht zu bearbeitender Bau- 
ftein (zerfetztes Eruptivgeftein) anfteht, hat die Baukunft eine 
ganz eigenartige Entfaltung genommen, die Steinhäufer fcheinen 
aber — bei fonft gleicher Conftruction — minder grofs und 
bedeutend zu fein als in den nördlichen Gebieten. In der Tief- 
ebene von Tabasco (Comalcalco) haben die Indianer (Chontales) 
mittelft künftlich erzeugten Baumaterials (Ziegelftein) Steinhäufer 
errichtet, zweifellos in Nachahmung der Steinhäufer ihrer ört- 
lichen und füdöftlichen Nachbarn. 

Steinhäufer find im nördlichen Mittelamerika, fo weit bis 
jetzt bekannt, ausfchliefslich *) von den Tieflandftämmen der 
Mayafamilie erbaut worden, nämlich von den Mayas und den 
Stämmen der Cholgruppe (Choles, Chontales, Chorties). Es find 
dies diefelben Stämme, welche auch heutzutage fich noch durch 
gewiffe Eigenthümlichkeiten des Hausbaues (vorgefchobene Wand) 
von den übrigen Mayavölkern unterfcheiden. Steinbauten, wie 

*) Ich lafle hier Tonind vorläufig aufser Rechnung. Vergl. Biologin Centrali- 
Americana, London »Archaeology« by A. P. Maudslay 1889. 


- 375 — 

fie die Marne- und Quiche-Stämme aufifahrten, fehlen ihnen voll- 
ständig, ebenfo Tempelhöfe von H-förmigem Grundriffe. 

Aus dem Gebiete der Chontales find nur die Ruinen von 
Comalcalco, aus dem der Chortfes nur die von Copan einiger- 
mafsen bekannt. Da ich erftere nicht perfönlich kenne und in 
letzteren bei meinem Befuche (Januar 1892) die genauere Erfor- 
schung eben erft begonnen wurde, fo kann ich meinen obigen 
beiläufigen Bemerkungen nichts Neues hinzufügen. Ich befchränke 
mich daher in meinen folgenden Bemerkungen hauptfächlich auf 
meine im Cholgebiete, im Peten und in Yucatan gemachten 
Beobachtungen. 

Der Grundrifs faft aller Steinhäufer ift ein rechteckiger, und 
wo Seitenflügel oder andere Neben- und Zwifchenbauten auf- 
treten, fetzen auch fie rechtwinkelig vom Hauptgebäude ab; nur 
in Yucatan fah ich einige Male an thurmartig erhöhten Seiten- 
flügeln (Ixtinta, Tzibinocac) gerundete Kanten und es ift bemer- 
kenswerth, dafs diefe Ausnahmen von der allgemeinen Regel in 
Yucatan Vorkommen, wo die Wohnhütten der Indianer durchweg 
gerundeten Grundrifs zeigen. 

Die Steinhäufer find im einfachsten Falle fchmale Bauwerke 
mit einem einzigen Innengemache, zu welchem von einer Längs- 
feite ein Zugang (Thürgang) führt (z. B. die Steinhäufer V, VI 
und VII in S. Clemente). Wenn die Bauten eine höhere Stufe 
der Entwickelung aufweifen , fo erfcheint der einzige Innenraum 
durch Nifchen, Gänge und Erweiterungen gegliedert und befitzt 
mehrere Eingänge von einer Seite her (Fig. 5 a, der Haupttempel 
von Menche Tenamit), oder aber befinden Sich in einem Stein- 
haufe mehrere getrennte Zimmer in einer Reihe, jedes mit feinem 
eigenen Eingänge von aufsen her (z. B. die Steinhäufer I, II 
und III in S. Clemente, Fig. 9). Bei weiter fortgefchrittener 
Baukunft findet man zwei oder drei Reihen von Gemächern hinter 
einander, die unter Sich in Verbindung Stehen und nach einer 
oder beiden Längsfeiten hin Ausgänge haben (Fig. 7). Es liegt 
nicht in meiner Abficht, die aufserordentliche Mannigfaltigkeit 
im Bauplane der Steinhäufer in den verschiedenen Ruinenplätzen 
hier zu verfolgen, ich erwähne nur, dafs bei noch höherer Ent- 
wickelung Seitenflügel von dem Hauptbau abgegliedert werden 
(kaum angedeutet in Fig. 7, Tical, deutlich in den Steinhäufern 


— 376 - 

von Tzibinocac, Fig. 4, und Ixtinta, Fig. 1), oder auch, dafs das 
Gebäude einen Hofraum theilweife (Tical, Fig. 6) oder ganz 
(Palenque, Uxmal) umfchliefst. In Palenque ift die Vorderwand 
zuweilen durch grofse Zahl, Höhe und Breite der Thüröffnungen 
gewiffermafsen zu einer Anzahl von Pfeilern reducirt, welche 
das breite äufsere Längszimmer in eine Art heller Vorhalle ver- 
wandelt. 

Die Steinhäufer von Toninä, die einzig bekannten*) im 
Gebiete der Hochlandftämme , fchliefsen fich in Bezug auf den 
Grundrifs am engften manchen Bauten von Palenque an. 

Die Aufsenwände der Steinhäufer fteigen theils fteil geneigt, 
theils fenkrecht an, Theile derfelben überragen fogar manchmal 
den Fufs der Mauer, im Grofsen und Ganzen aber nimmt der 
wagerechte Durchfchnitt durch das Gebäude um fo mehr an 
Ausdehnung ab, je höher oben man ihn durch daffelbe legt, 
d. h. das Gebäude verjüngt fich von unten nach oben hin. Die 
Aufsenwände find theils durch eine geglättete Mörtellage gebildet 
(gewöhnlich fo im Peten), theils mit Stuckverzierungen verfehen 
(Menche Tenamit, einige Häufer von Tical), theils durch gefon- 
derte Bild- und Hieroglyphentafeln gefchmückt (Palenque) oder 
mit einem glatten (Südyucatan) oder fculpturenverzierten (Nord- 
yucatan) Steinmantel verfchalt. Der Kern der Bauten ift, wo 
keine wohlgefchichteten Plattenkalke auftreten, durch Rollfteine 
und vielen Mörtel gebildet. 

Rings um das ganze Gebäude ziehen fich fortlaufende Gefims- 
leiften, welche, in ungefähr gleicher Höhe über einander befindlich, 
an dem Gebäude das Ausfehen verfchiedener Stockwerke erzeugen, 
um fo mehr, als die einzelnen Abtheilungen der Aufsenwand 
gerade bei diefen Gefimfen den Neigungswinkel oder die Umfangs- 
mafse zu ändern pflegen. Man beobachtet in diefem Sinne ein- 
bis vierftöckige, gewöhnlich aber zwei- bis dreiftöckige Bauwerke; 
manchmal find auch einzelne Theile eines Steinhaufes höher als 
andere, und wenn in diefer Weife (wie bei den Steinhäufern von 
Ixtinta und Tzibinocac) die Seitenflügel und ein Mittelftück durch 

*) In Kalamtd sah ich die dürftigen Ueberrefle eines kleinen Steinhäuschens, 
deffen dünne Mauern aber vermuthen laflen, dafs kein fo maffiger Oberbau darauf 
geruht haben kann , wie er für die Mayahäufer charakteriftifch ift. Es fcheint 
demnach eine andere Art von Bauwerk gewefen zu fein. 


— 377 — 

befondere Höhe ausgezeichnet erfcheinen, fo erreichen derartige 
Gebäude eine fehr angenehm empfundene Mannigfaltigkeit der 
Formen, welche in erfreulichem Gegenfatze fleht zu dem fonft 
einförmigen Charakter des Aufriffes der Mayahochbauten. 

Die Innenräume der Steinhäufer find fchmal und ziemlich 
lichtarm, da gewöhnlich nur die Thüröfifnungen dem Tageslichte 
Zugang gewähren. Selten find fchmale, niedrige Fenfter vor- 
handen, welche die Aufsenwand durchbrechen oder auch einzelne 
Zimmer deffeiben Haufes verbinden (Tical, Fig. 6). Der obere 
Abfchlufs der Innenräume wird durch allmähliches Näherrücken 
der Längsmauern erreicht, bis fie nahe genug zufamm engerückt 
find, um durch flache Steinfliefen vollends gefchloffen zu werden. 
Die Raumverjüngung nach oben wird durch vorkragende Steine 
bewirkt, jede höher liegende Steinreihe ragt etwas über die vor- 
hergehende hinaus; die fo entfliehenden Kanten werden durch 
Mörtelbelag etwas abgeftumpft (z. B. in Toninä, Fig. 8 b) oder 
auch ganz überdeckt. Bei forgfältiger Arbeit wurden die Steine 
fchief abgefchnitten, fo dafs fie, über einander gelegt, eine gleich- 
mäfsige, geradlinige Verjüngung erzeugen (Fig. yb in Tical), und 
in Uxmal beobachtet man fogar einige Male fchwach gekrümmten 
convexen oder concaven Verlauf der Verjüngungslinie. Zwifchen 
den beiden Wänden des Verjüngungstheiles der Innenräume findet 
man gewöhnlich Querhölzer, meift aus Zapoteholz, welche den 
Halt der Conftruction erhöhen füllten, vielleicht aber auch — in 
Wohnräumen — nebenher zum Aufhängen der Hängematten 
dienten. Ueber den Thüreingängen, welche ohne folche Ver- 
jüngung einfach flach gedeckt find, dienen ftarke Querbalken, 
meift aus Zapoteholz, als Stützen, in Palenque und Menche 
Tenamit mächtige Steinplatten. Sind die Innenräume lang- 
geftreckt, fo befchränkt fleh die Verjüngung auf die Längsfeiten, 
an den Kurzfeiten fchliefst die Wand fenkrecht ab; ift aber die 
Längen- und Breitenerftreckung nicht fehr verfchieden (wie z. B. in 
Toninä), fo erftreckt fleh die Verjüngung auf alle vier Wände 
des Raumes. Bei fchmalen niedrigen Verbindungsgängen wird 
die Decke einfach durch horizontale Steinplatten gebildet. In 
Toninä beobachtet man in diefem Falle einen eigenartigen oberen 
Abfchlufs, der in Fig. 8 b anfchaulich gemacht ift. 

Die Innenräume eines Steinhaufes find gewöhnlich in gleicher 


— 378 - 

Höhe mit einander. Treppengänge im Inneren des Kaufes habe 

ich — abgefehen von dem berühmten Thurm von Palenque 

nur in den thurmartig erhöhten Seitenflügeln von Ixtinta 
gefehen, wo folche von aufsen her zur oberen Plattform hinauf- 
führen*). 

Die Innenräume der Mayafteinhäufer find meiffc fchmucklos ; 
feiten beobachtet man Wandmalereien (z. B. Chichenitzä, Toninä, 
Tzibinocac) oder Stuckverzierungen (z. B. Toninä) oder in befon- 
deren Nifchen Relief- und Hieroglyphentafeln (Palenque) oder 
Bildfäulen (Menche Tenamit). Den Hauptfchmuck zeigen die 
meiften Bauten an ihren Aufsenwänden. Befonders reich an 
Sculpturenfchmuck find die Aufsenwände der Steinhäufer im 
nördlichen Yucatan und es tritt hier der Gegenfatz zu dem 
Bauftil von Mitla in Oaxaca (Zapoteken-Gebiet) befonders auf- 
fällig zu Tage, denn die genannten Bauten, welche fich auch 
durch die Dachconftruction und durch das Auftreten runder 
Steinpfeiler fundamental von den Mayabauten unterfcheiden, 
verlegen den Hauptfchmuck in das Innere der Gebäude, wäh- 
rend die Aufsenwände verhältnifsmäfsig einfach gehalten find. 
Die Schmucklofigkeit der engen Indianergemächer in einem 
äufserlich überreich gefchmiickten Bauwerk, wie es z. B. die 
Casa del Gobernador in Uxmal ift, macht auf den Befchauer 
einen eigenthümlichen Eindruck und erinnert ihn unwillkürlich 
an die Kleinlichkeit der Anfchauungen, welche dem Indianer der 
Mayafamilie neben vielen fchönen Charakterzügen allgemein eigen 
zu fein fcheint. 

Aufser den Steinhäufern beobachtet man in etlichen Städte- 
anlagen von Yucatan und Peten noch ein eigenthümliches Bau- 
werk. Steile Steinpyramiden**), die auf ihrer oberften Plattform 
ein längliches Steinhaus tragen. Ich felbft kenne diefe Bauwerke 
nur von Uxmal und Tical her aus eigener Anfchauung und die 
vier Steinpyramiden des letzteren Ortes waren fo fehr von Wald 
und Bufchwerk überwachfen, dafs ich kein klares Bild von ihrem 
Unterbau bekommen konnte, obgleich ich eine derfelben mit 
grofser Mühe erkletterte***). Die Steinpyramide von Uxmal 

*) Sie find aber auch fonft in Nord-Yucatan und Copan beobachtet worden. 

**) Neuerdings auch in Copan nachgewiefen. 

***) Eine Reconfixuction s. Maudslay a. a. O., Text, p. 18. 


— 379 — 

fteigt in zwei ungleichen, geneigten Abfätzen an, über welchen 
eine vergleichsweife niedrige fenkrechte Stufe zur oberen Platt- 
form führt, die das Steinhaus trägt. In der Mitte der einen 
Längsfeite (von Often her) führt eine fehr fteile, gegen hundert 
Stufen enthaltende Treppe zur Plattform hinauf. Diefe Art von 
Pyramiden fcheint es nur bei den Mayas (in Yucatan und Peten) 
und in Copan zu geben, denn im Chol- und Chorti-Gebiete fieht 
man fonft nur die gewöhnlichen Stufenpyramiden (mit fenkrecht 
auffteigenden , ungefähr gleich hohen und tiefen Stufen), ebenfo 
im Hochlande von Guatemala und Chiapas , wo allerdings die 
Stufen ihrem ursprünglichen Zweck manchmal ganz entfremdet 
erfcheinen und grofse Dimenfionen (von I bis 2 m Höhe und 
Tiefe) annehmen (Saculeu, Toninä). Bei den zwei grofsen Pyra- 
miden von Toninä beobachtet man etwa fechs bis acht hohe 
Stufen, vom Boden bis zur oberften kleinen Plattform; bei der 
beträchtlichen Höhe der Stufen fteigen diefelben aber nicht fenk- 
recht (wie in Saculeu), fondern mit Heilem Neigungswinkel an. Dafs 
Catherwood’s Reconftruction diefer Pyramiden (in Stephen’s 
Incidents of travel, p. 384) unrichtig ift, fieht man am beften 
von Nordweften her, wo beide ihre befterhaltene Seite zeigen. 
Ich möchte mit diefer Bemerkung Catherwood gewifs keinen 
Vorwurf machen, fondern dadurch lediglich auf die Schwierigkeit 
hinweifen, die fich bei jeder folchen Reconftruction darbietet: 
es ift ungemein fchwer, aus zerfallenen Trümmern fich ein rich- 
tiges Bild der ehemaligen Verhältniffe zu machen und oft giebt 
ein Blick von einem zufällig gewählten, günftigen Standpunkte 
einen richtigeren Auffchlufs, als ein langes Studium der Trümmer 
felbft, und da bei dem meift fchlechten Erhaltungszuftande der 
altindianifchen Bauten faft jeder Plan und Grundrifs etliche Recon- 
ftructionen enthält, fo begreift es fich auch, dafs man meine 
flüchtigen Skizzen nicht in allen Einzelheiten für durchaus zuver- 
läffig anfehen darf. Ich bin zufrieden, wenn es mir gelungen 
fein follte, dem Lefer eine ungefähr richtige Vorftellung von 
den altindianifchen Bauten des nördlichen Mittelamerika und ihrer 
Mannigfaltigkeit zu geben. Eine erfchöpfende , in alle Einzel- 
heiten eingehende Darftellung der altmittelamerikanifchen Bau- 
kunft und Siedelungsweife zu geben, mufs einer fpäteren Zukunft 
Vorbehalten bleiben, und ich befchränke mich an diefer Stelle 


— 380 — 

darauf, nun noch die Schlüffe zu ziehen, welche mir das bisher 
gefammelte Material ermöglicht. 

3. Zufammenfaffende Bemerkungen und Schlüffe. 

Die altindianifchen Bauten des nördlichen Mittelamerika 
zeigen in verfchiedenen Theilen diefes Gebietes eine ungemein 
grofse Mannigfaltigkeit, fowohl in Bezug auf die Anordnung, als 
auf die Structur der einzelnen Bauten. Bei genauerer Unter- 
fuchung findet man aber, dafs die Bauten beftimmter Gegenden 
befondere Eigenthiimlichkeiten aufweifen , welche ihnen allen 
gemeinfam find, den Bauten benachbarter Gebiete aber fehlen 
(Bauftile). Es erftrecken fich diefe gemeinfamen Eigenthüm- 
lichkeiten aber immer nur auf allgemeine Züge, während fklavifche 
Nachahmung eines beftimmten Bauplanes oder genaue Wieder- 
holung eines befonderen Gebäudes fich niemals findet, fondern 
auch innerhalb der Verbreitungsgrenzen eines und deffelben Bau- 
ftiles noch eine erftaunliche Mannigfaltigkeit in Anordnungs- und 
Geftaltungsgabe der mittelamerikanifchen Indianer zu Tage tritt. 
Da die Bauten in den Grenzgebieten eines Bauftiles häufig fchon 
Anklänge an die Eigenthümlichkeiten des Nachbarftiles zeigen, fo 
kann man daraus auf einen ziemlich regen Verkehr und geiftige 
Anpaffungsfähigkeit der Indianerftämme fchliefsen. Allenthalben 
trifft man die Grundform der Wälle und Stufenpyramiden, aber 
in ihrer Ausführung treten fchon charakteriftifche Stilverfchieden- 
heiten auf. Leider mufs ich mich auf die Bauten des Hochlandes 
von Guatemala und Chiapas, auf die von Oft- Guatemala, Peten, 
Tabasco und Yucatan befchränken. In diefem Gebiete glaube 
ich folgende Bauftile unterfcheiden zu dürfen. 

I. Die Stufen der Pyramiden und Wälle find fchief anfteigend. 
Die Bauten find nicht in deutlicher Weife um Hofräume 
(Plätze) gruppirt. 

1. Chiapaneken-Stil. Die Bauten einer Anfiedelung 
find ziemlich regellos angeordnet. 

2. Motozintleken-Stil. Die Bauten einer Anfiede- 
lung zeigen Anordnung nach je einer Hauptrichtung. 
Vor manchen Tumuli ift Steinfliefen-Pflafter ange- 
bracht. 



- '38i — 

II. Die Stufen der Pyramiden und Wälle find fenkrecht 
anfteigend. Die Bauten einer Anfiedelung find je nach 
einer beftimmten Hauptrichtung orientirt. Die gröfseren 
Anfiedelungen zeigen einen Theil ihrer Bauten um ganz 
oder theilweife umfchloffene Plätze (Hofräume) angeordnet: 
Bauftile der Mayavölker. 

A. Verapaz-Stil. Die Anfiedelungen find meift klein. 
Die Bauten find nach den Cardinalrichtungen orien- 
tirt. Mörtel wurde nicht in nennenswerther Weife 
verwendet. In Chacujal Steinwälle mit fenkrechten 
Mauern, Brüftungen auf der Plattform. 

B. Bauftile der Hochlandftäm me. Die Anfiede- 
lungen zeigen eine gedrängte Anordnung ihrer 
Bauten. Im ganzen Gebiete treten H- förmige 
Tempelhöfe auf. 

a) Mörtel ift bei den Bauten nicht verwendet. 

1. Tzental-Stil. Die Bauten einer Anfiede- 
lung find gewöhnlich nicht nach den 
Cardinalrichtungen, fondern vorzugsweife 
nach Zwifchenrichtungen orientirt. 

b) Bei manchen Bauten wird Mörtel zur Herftel- 
lung von Steingebäuden verwendet. 

2. Marne-Stil. Die Bauten einer Anfiede- 
lung find meift nach Zwifchenrichtungen 
orientirt. 

3. Quiche-Stil. Die Bauten einer Anfiede- 
lung find nach den Cardinalrichtungen 
orientirt. 

C. Bauftile der Tieflandftämme. Bei vielen Bauten 

find Steinmauern, mit Mörtel verkittet, angewendet. 
Steinhäufer mit bewohnbaren Innenräumen. Die 

Bauten find meift nach den Cardinalrichtungen 
orientirt. 

I. Maya-Stil. Zuweilen Steilpyramiden. Die 
Thürbalken find aus Zapoteholz. 

1 a. Petentypus. Die Bauten einer Anfiede- 
lung find eng gedrängt; Bildung vieler 
Plätze (Festungscharakter). Die Wände 


— 382 — 

zeigen Mörtelbelag. Meift lchmucklofe 
Bauten. 

i b. Siidyucatekifcher Typus (Ueber- 
gangstypus). Die Anordnung der Bauten 
ift minder gedrängt. Die Wände der 
Steinhäufer find häufig mit forgfältig 
behauenen, aber einfachen Steinen 
bekleidet. 

ic. Nordyucatekifcher Typus. Die 
Bauten einer Siedelung find ziemlich 
zerftreut. Die Aufsenwände der Stein- 
häufer find oft fehr reich mit Sculpturen 
verziert. 

2. Chol-Stil. Die Thüreingänge find meift mit 
Steinplatten überdeckt. Die Ausfchmückung 
der Steinhäufer gefchah durch Stuckverzierun- 
gen oder durch Bild- und Hieroglyphentafeln. 

3. Chortf-Stil. Eigenartige Ausbildung der 
Pyramidenbauten und Plätze. In Copan eine 
Steilpyramide. 

Die Steinhäufer von Toninä gehören dem Chol-Stil an, 
während die übrigen Bauten und die Gefammtanordnung dem 
Tzental-Stil entfpricht. Die Ruinen liegen gegenwärtig im Ver- 
breitungsgebiete der Tzentales, aber nicht fehr fern von der 
Grenze derfelben, da die nächften Lacandonen- und Chol-Anfiede- 
lungen kaum 30 bis 40km davon entfernt find, und es ift die 
Möglichkeit nicht von der Hand zu weifen, dafs Toninä urfprüng- 
lich eine Chol- oder Lacandonen- Anfiedelung war. Wie dem 
aber auch fei, Toninä zeigt immer einen gemifchten Stil, auf 
jeden Fall Entlehnungen von einem Nachbarftil, fo dafs ich nicht 
gewagt habe, wegen diefes einzigen Beifpiels dem Tzental-Stil 
das Vorkommen von Steinhäufern zuzufchreiben. 

Die indianifchen Bauten des nördlichen Mittelamerika zeigen 
fehr häufig einen auffälligen Mangel an Symmetrie. Die 
allereinfachften Bauten find allerdings faft immer fymmetrifch, 
da fie bei ihrer Einfachheit überhaupt keinen Raum zu unfym- 
metrifcher Ausgeftaltung gaben. Die beffer differenzirten Einzel- 
bauten und einheitlichen Gebäudecomplexe (Tempelanlagen) zeigen 


- 3§3 — 

aber fall immer eine ungleichartige Ausbildung zu beiden Seiten 
der Mittellinie, und wenn bei höherer Entwickelung der Baukunft 
die Bauten fich immer mehr der fymmetrifchen Ausgellaltung 
nähern, fo fcheinen doch nur die höchll flehenden Steinbauten 
von Yucatan und Palenque wirklich volle Symmetrie erreicht zu 
haben. Freilich find es oft nur noch Kleinigkeiten, die unfym- 
metrifch gebildet find, aber man hat beim Betrachten der Bauten 
oder Pläne doch fall immer das Gefühl, als ob diefe Dinge nicht 
aus Nachläffigkeit , fondern abfichtlich unfymmetrifch ausgeführt 
worden wären. Und wie capriciös felbft noch die Innenräume 
der Steinhäufer manchmal zu beiden Seiten des Einganges ver- 
fchiedenartig ausgebildet find, mag der Plan eines Zimmers von 
Tical (Fig. 15) zeigen; auch der reich differenzirte Innenraum 
des Haupttempels von Menche zeigt durch die verfchiedene 
Lage der Eingänge zu den äufserflen Seitengelaffen*) Abweichung 
von der Symmetrie. Beiläufig mag übrigens darauf hingewiefen 
werden, dafs die Indianer der Mayafamilie auch in ihren mufika- 
lifchen Weifen diefelbe Hinneigung zu unfymmetrifcher Ausbil- 
dung der einzelnen Glieder zeigen**). 

Allen zur Mayavölkerfamilie gehörigen Stämmen ***) kommen 
gewiffe gemeinfame Eigenthümlichkeiten der Bauweife zu und es 
ift von grofser Bedeutung, dafs innerhalb ihres gegenwärtigen 
Verbreitungsgebietes nach dem heutigen Stande unferer Kennt - 
niffe keine Bauten von fremdartigem Stile Vorkommen — mit 
Ausnahme der wenigen bei Motozintla, über welche ich fchon 
oben gefprochen habe. Man darf daraus denfelben Schlufs ziehen, 
zu welchem ich auch beim Studium der geographifchen Orts- 
namen f) gelangt bin, dafs nämlich die Maya Völker fchon 
feit lange ihre ge-genwärtigen Wohnfitze im nördlichen 
Mittelamerika inne haben. 

Ein Vergleich der gemeinfame’n Züge der Bauftile der Maya- 

*) Diefe Seitengelaffe fcheinen von den Lacandonen vorzugsweife zu ihren 
Opfern benutzt worden zu fein, da ich in ihnen 1891 die meiden ihrer thönernen 
Opferfchalen fand. 

*•) Vergl. Neue Mufikzeitung, XI. Jahrg. (1890), Nr. 7 und 8, und XIII. Jahrg. 
(1892), Nr. 22 und 23. 

**•) Ich mufs leider hier von den Huasteken abfehen, da ich über ihre Bauten 
keinerlei Nachrichten habe. 

f) Globus, Bd. 66, 1894, S. 90 ff. 


— 384 — 

Völker läfst auch einen gewiffen Schlufs zu auf den Grad der 
bautechnifchen Cultur, wie fie vor der definitiven Trennung der 
Stämme bei dem Mayavolke befanden hat. Es ift dies ein recht 
niedriger Grad: Wälle und Stufenpyramiden von geringer Gröfse, ' 
nach einer beftimmten Himmelsrichtung orientirt und oft um 
einen Platz (Hofraum) herum gruppirt. Es fcheint übrigens, als 
cb fich die Tieflaridftämme bereits vom Urmayavolke abgetrennt 
gehabt hätten, als die Verapaz- Stämme (Pokan- Gruppe) mit den 
Hochlandftämmen noch in engfter Fühlung waren, denn ihre 
Strohhütten (Wohnhäufer) ftimmen in der Conftruction völlig 
überein, während die Tieflandftämme durch vorgefchobene Wand 
davon abweichen; dabei halten aber die nahewohnenden Chol- 
und Chorti- Indianer noch an dem rechteckigen Grundriffe der 
Hochlandhütten feft, während Chontales und Mayas durch gerun- 
dete Grundrifsformen fich von diefem Typus entfernen. 

Während die Verapaz -Stämme auf einer niederen Stufe der 
Baukunft flehen blieben, entwickelten die Hochland- und Tiefland- 
flämme diefe Kunft je in eigenartiger Weife fort, und wenn unter 
den Hochlandftämmen bei denjenigen der Quiche- und Marne- 
Gruppe die Baukunft einen neuen Auffchwung erhielt, an welchem 
die Tzental-Stämme nicht mehr theilnahmen, entwickelte fie fich 
bei jedem der Tieflandftämme in origineller Weife zu hoher 
Blüthe , zu welcher das günftige Gefteinsmaterial zweifellos mit 
beigetragen hat, wie denn auch die Eigenart des anftehenden 
Gefteins im Chol -Gebiete die Relief bildnerei, im Chortf- Gebiete 
die Monolithen-Sculptur , im nördlichen Yucatan die fculpturelle 
Ausfchmückung der Häufet - zur Entwickelung brachte. 

Da von den einfachen Bauten des Urmayavolkes ab bis zur 
Entftehung der fein entwickelten Tempelbauten von Sajcabajä, 
der originellen Copan-Pyramiden, der trotzigen Tical-Bauten, der 
überreich gefchmückten Steirthäufer von Yucatan und der har- 
monifch gegliederten und gefchmückten Bauwerke von Palenque 
eine fehr lange Zeit verfloffen fein mufs, fo darf man auch als 
ficher annehmen, dafs jeder einzelne der betreffenden 
Mayaftämme fchon feit fehr langer Zeit mehr oder 
weniger feine jetzigen Wohnfitze innegehabt habe und 
dafs innerhalb derfelben erft die Entfaltung feines Bau- 
ftiles Platz gehabt hat; in Andeutungen erkennt man auch 





— 3§5 — 

wohl noch den Einflufs des angehenden Gefteins auf die Bau- 
weife und man kann aus dem örtlich befchränkten Urfprung und 
der örtlich verfchiedenen Entwickelung der Baukunft erfehen, 
dafs ein Einflufs afiatifcher Bauftile durchaus ausge- 
fchloffen i ft. Freilich giebt das Studium der Baurefte bisher 
noch keinerlei Auffchlufs über die Heimath und etwaige ehe- 
malige Wanderungen des Urmayavolkes und ich kann hier nur 
dem Wunfche und der Hoffnung Raum geben, dafs es künftigen, 
eingehenderen Studien auf breiterer Grundlage gelingen möge, 
die in diefem Auffatze angedeuteten Anfchauungen tiefer zu 
begründen, durch Vergleiche mit der Baukunft der Nachbarvölker 
den Culturausgleich zwifchen denfelben feftzuftellen und eine 
geficherte Grundlage für die urgefchichtliche Forfchung zu 
fchafifen. 


Sapper, Das nördliche Mittelamerika. 


25 


Induftrielle Thätigkeit der Kekchi- Indianer. 


Spinnen und Weben ift unter den auf dem Lande woh- 
nenden Indianern noch ganz allgemein üblich, während in den 
Hauptorten diefe Induftrie fall ganz erlofchen ift. 

Um die Baumwolle fürs Spinnen vorzubereiten, nimmt man 
die Baumwollfafern (tux il nok) aus der Samenkapfel (rü i nok), 
entfernt (pitzok) die Samen, legt die Baumwolle auf ein Fell 
(gewöhnlich ein Rehfell = rix qui quej) und fchlägt (choxok) 
diefelbe mit zwei Gabelftöcken (rukb tz’uum xalche caib). Um 
zu fpinnen, macht man ein Knäuel von Baumwolle (chox vil nok), 
formt den Faden mit der linken Hand und dreht mit der rechten 
die Spindel, welche in einem kleinen Guacal oder auf einem 
Brette läuft. 

Die Spindel (petet) entfpricht genau der Zeichnung Taf. I, 
Fig. 18 der »Ethnologie der Indianerftämme« , ift aber nicht 
bemalt; der Längsftab heifst tz’aaj (weil er aus Taxixcö-Holz 
befteht = tz’aaj), der kugelförmige Abfchlufs nahe dem unteren 
Ende heifst map (die durchbohrte Nufs der Coyolpalme = map). 

Zum Weben wird der Baumwollfaden (k’amamvil nok) auf 
Knäuel (k’oloch) gewickelt; dann fteckt man drei Holzftäbe 
fenkrecht in die Erde, in der Weife, dafs die Entfernung vom 
erften Stab über den feitwärts geftellten zweiten (kimlep) zum 


dritten gleich der Länge des zu webenden Stückes ift 



und wickelt den Faden verfchränkt um die beiden Endftäbe. 
Hierauf nimmt man die neben einander aufgezogenen Fäden (die 
»Kette« , kimvil nok) forgfältig ab und fchiebt an Stelle der 


— 387 — 

beiden Endftäbe zwei andere runde Holzftäbe (tzulub) ein, welche 
dem Bruftbaum und Kettenbaum europäifcher Webftiihle ent- 
fprechen; ein mittlerer runder Stab (cachöl) hat die Fäden aus- 
einanderzuhalten; die ungeraden Kettenfäden find durch Faden- 
fchleifen an einen leichten Holzftab (samil) gebunden, mit welchem 
lie aufgehoben werden, um das Einfchiefsen zu ermöglichen. 
Ein leichtes Stäbchen mit aufgewickeltem Faden (patval xco 
inok) dient als Schiffchen. Den eingefchoffenen Einfchlagfaden 
drückt man mit einem breiten flachen Holzftab (kem) feft; da 
derfelbe gegen Ende des Gewebes zu umfangreich ift, fo wird 
dann bis zum Abfchluffe als Erfatz ein fchmales flaches Stäbchen 
(latz kem) benutzt. Alle die erwähnten Holzftäbe des Webe- 
apparates haben ungefähr gleiche Länge. Das Weben ift Gefchäft 
der Frauen; der Webeapparat wird auf der einen Seite durch 
eine gabelförmig aus einander gehende, an beiden Enden eines 
tzulub feftgebundene Schnur (tuy) an der Decke oder Wand 
befeftigt; das andere tzulub wird an ein geflochtenes Magueyband 
(iekal) gebunden, welches rückwärts um die Hüften der auf dem 
Boden knienden oder fitzenden Weberin verläuft. Die Ver- 
zierungen werden während des Webens durch Einziehen der 
weifsen oder farbigen Fäden mittelft einer Nadel hergeftellt, 
ohne dafs die Frau ein Mufter vor fleh hätte und die Exactheit 
der Figuren legt ein fchlagendes Beifpiel für den Fleifs und das 
enorme Gedächtnifs der indianifchen Weberinnen ab. 

Färben mittelft gewiffer Färbepflanzen fcheint nur noch von 
Cajaboneros geübt zu werden. 

Für Darftellung von Bindfäden u. dergl. werden die 
Agavefafern verwendet. Die Blätter der Agave (ik’e) werden 
macerirt, die Fafern (uch ik’e) werden getrocknet und zwei 
getrennte Partien von Fafern von dem Seiler (bakonel) mit ‘der 
Hand auf dem blofsen Schenkel zu einer Schnur (bakvil k’aam) 
zufammengedreht. Um Schnüre zu Laffos zufammenzudrehen, 
benutzt man ein einfaches Inflrument (baklep), beftehend in einem 
länglichen Plolzbiettchen, das um einen Holzftab an deffen Ende 
drehbar ift. Jenfeits der Drehungsaxe hat das Brettchen einen 
kurzen Dorn, an welchem die zu drehende Schnur befeftigt wird ; 
das Ganze wird mit der Hand in Drehung verfetzt und die 
gröfsere Schwere des Holzbrettchens giebt die nöthige Kraft bei 

25* 


— 388 - 

der Drehung ab, um die am Dorne befindlichen Schnüre zufarn- 
menzudrillen. 

Man verfertigt aus den Schnüren die verfchiedenen Arten 
von Tragnetzen: grofse weitmafchige (se’k), mittelgrofse, enger- 
mafchige (champä), welche beide mittelft des Stirnbandes (tap) 
getragen werden, und kleine, fehr engmafchige, zum Umhängen 
(aulep, weil in ihnen die Mais- und Bohnenkörner bei der Saat 
— auk — aufbewahrt werden) *). Aus Magueyfchnüren werden 
auch die Hängematten (ap) verfertigt. Schnüre drehen, Netze 
machen u. dergl. ift Gefchäft der Männer. 

[Netze werden zum Fifchfange verwendet; Fifche, welche 
fich durch Unterkriechen unter Steine dem Netze entziehen 
wollen, werden von dem untertauchenden Indianer mit den Hän- 
den gefafst, mit den Zähnen feftgehalten und fo in den begleiten- 
den Nachen — Einbaum — geworfen. 

Das einzige noch gebräuchliche Jagdgeräth indianifcher 
Abftammung ift aufser den verfchiedenen Fallen das Blasrohr 
(pubche), welches zur Erleichterung des Zielens am Vorderende 
eine Wachsmücke (xulum) erhält; die Lehmkugeln (sep), welche 
zur Erlangung der nöthigen Härte auf dem Comal fchwach geröftet 
werden, werden in einer engmafchigen Umhängetafche (aulep) 
mitgetragen; ein daran gebundener, abgebrochener Knochen 
eines Truthahnes oder Hahnes (sochelc) dient dazu, den Lehm- 
kugeln die nöthige Rundung und das richtige Caliber zu geben.] 

Flechten von Körben (chacach, Korbflechter, tzulunel) und 
Hüten (punit), Verfertigen von Matten (pop) und Befen (mes- 
lep) ift unter allen Kekchi-Tribus üblich. Die Anfertigung von 
Regendächern (Soyacales, ind.: mococh) und Feueranblafern 
(kvuaal; vergl. Taf. I, Fig. 3 der »Ethnologie«) ift eine Induftrie 
der ‘Cajaboneros; Ausgangsmaterial dafür find die getrockneten 
Blattfiedern der Corozopalme (Attalea Cohune, ind.: tutz), welche 
für erfteren Zweck parallel zufammengeheftet , für letzteren 
geflochten werden. 

Kalkbrennen gefchieht jetzt gewöhnlich in kleinen, den 
europäifchen Kalköfen nachgebildeten, in die Erde gegrabenen 


*) Ganz dichte Umhängetafchen find aus Fellen angefertigt (naj jin jut = 
die Felltafche). 


- 389 — 

Löchern. In manchen entlegenen Anfiedelungen werden Mufchel- 
und Schneckenfchalen ausfchliefslich zum Kalkbrennen benutzt. 

Kohlenbrennen habe ich bei Kekchi- Indianern nie beob- 
achtet. 

Töpferei ift meift Gefchäft des Mannes. Der Töpfer heifst 
paconel. Dem Thon (sep) wird in Ermangelung von Sand pul- 
verilirter Kalkfpath beigemifcht. Tinajas werden nicht, wie in 
Chinantla (Stoll, »Guatemala«, S.333), durch drei einzelne Stücke, 
fondern durch eine ganze Anzahl zwei bis drei Finger breiter 
Streifen zufammengefetzt — im Princip diefelbe Methode, aber 
offenbar auf tieferer Entwickelungsftufe befindlich. 

Die gebräuchlichften Thongefchirre find die Tinaja (der 
breite doppelfchenkelige Wafferkrug, ind.: cuk), der Comal (der 
Röftteller, ind.: qu’il), grofse, weite, gefchweifte Häfen (ucal), 
nicht gefchweifte, tiefe Töpfe (emel) , Taffe (sek) und der ein- 
henkelige bauchige Kochtopf (xar). Thönerne Bratfchüffeln habe 
ich bei Kekchi -Indianern nie beobachtet, dagegen fanden fich in 
altindianifchen Anfiedelungen unter den Ausgrabungsgegenftänden 
manche Thonfchalen, welche Fig. 32 der Taf. II der »Ethnologie« 
fehr nahe flehen, fie waren demnach früher gebräuchlich. 

[Andere Küchengeräthe find: der Guacal (jom), der Flafchen- 
kürbis (su) und der zum Auf bewahren der Tortillas benutzte, 
oben abgefchnittene Flafchenkürbis (seel). 

Der Urfprung der Töpferei fcheint aus der Nachahmung der 
Guacales und Flafchenkürbiffe entflanden zu fein, wobei erftere 
fogar direct als Form benutzt worden fein kann. 

Die Feuerflätte (ben i chaa, d. i. »über der Afche«) befteht 
aus einem mit drei Steinen (k’up) als Stützpunkte für die Gefäfse 
verfehenen Raum am Boden der Hütte.] 


Die Heimath der Mayavölker. 


Wenn wir nach der Heimath der mittelamerikanifchen Völker 
forfchen, fo ftofsen wir auf grofse Schwierigkeiten, denn die 
fpärlichen Nachrichten indianifcher Documente find zu ungenau, 
um irgend welche fichere Schlüffe zu ermöglichen, und die aus 
Ueberlieferungen der Einheimifchen mitgetheilten Berichte älterer 
fpanifcher Schriftfteller find vollends unficher und oft unklar, 
fo dafs man kaum eine Hoffnung haben kann, auf dem Wege 
der Urkundenforfchung diefe Frage zu löfen. Es geht zwar aus 
folchen Nachrichten ziemlich übereinftimmCnd hervor*), dafs die 
aztekifchen Volksftämme Mittelamerikas von Norden her, 
alfo vom Hochlande von Mexiko aus, nach ihren heutigen Wohn- 
fitzen gelangt find, und es ift fehr bemerkenswert!!, dafs fie fich 
faft ausfchliefslich an den Meeresküften, welche bei dem Gebirgs- 
charakter des Binnenlandes den natürlichften und leichterten 
Wandenveg darftellen , niedergelaffen haben und nur da ins 
Binnenland vordrangen (Motaguathal, Baja Verapaz in Guatemala) 
und ausgedehnte Anfiedelungen gründeten, wo eine Depreffion 
des centralen Gebirgslandes den Zutritt (von Süden her) am 
meiften erleichterte. Bemerkenswerth ift ferner, dafs in dem 
vermuthlichen Ausgangspunkte diefer Wanderungen (in Mexiko) 
das Gros diefes Völkercomplexes wohnt und es ift dies Zufam- 
mentreffen ein neuer Beleg für die Wahrfcheinlichkeit der eben 
erwähnten Wanderungsrichtung, da es doch viel eher vorkommt, 
dafs beftimmte Zweige eines Volkes fortwandem, das Gros aber 
zurückbleibt, als umgekehrt. Freilich weifen manche Anzeichen, 


*) Vergl. Stoll. 





— 39i — 

insbefondere aber directe hiftorifche Mittheilungen darauf hin, 
dafs die aztekifche Völkerfamilie noch viel weiter nördlich als 
in ihrem gegenwärtigen Wohngebiete ihre urfprüngliche Heimath 
gehabt habe; aber es kann auch keinem Zweifel unterliegen, dafs 
die Wanderung der aztekifchen Stämme nach Mittelamerika in 
vergleichsweife junger Vorzeit erft fich ereignet hat, und der 
Fund von Maya-Alterthümern auf dem Boden der Pipilreiche von 
San Salvador macht es in hohem Grade wahrfcheinlich, dafs z. B. in 
genanntem Gebiete urfprünglich ein Stamm der Mayafamilie, der 
zudem fchon die höchften Culturerrungenfchaften jener Völker- 
familie fein eigen nannte, wohnte und durch die einwandernden 
Pipiles verdrängt wurde. , 

In ähnlicher Weife wie die aztekifchen Stämme, mögen auch 
die Zapoteken und Mijevölker von Mexiko aus nach Mittel- 
amerika vorgedrungen fein; erftere find, wie es fcheint, mit den 
Mayavölkem nicht in directe Berührung gekommen; letztere aber 
(die Zoques) wohnen noch heute in unmittelbarer Nachbarfchaft 
derfelben, jedoch fo, dafs die Mayaftämme (die Tzotziles) das 
Hochland einnehmen, während die Zoques bis an den Rand des- 
felben heranreichen , gleichwie als ob erftere fich vor dem 
Andringen der letzteren erft an dem Steilabfalle des Hochlandes 
hätten vertheidigen und halten können. Ein Zweig der Mije- 
völker wohnt, wohl erft nachträglich von dem Refte getrennt, 
in der pacififchen Küftenebene bei Tapachula (Chiapas). 

Die Chiapaneken ftehen fprachlich in Beziehung zu den 
Mangues von Nicaragua und mögen, wie die Ueberlieferung will, 
aus letzterem Lande gekommen fein; fie bewohnten Theile der 
grofsen Thalfenke des Chiapasfluffes , jedoch ebenfo, wie die 
Zoques, in der Weife, dafs fie auf die Niederungen befchränkt 
blieben, während unmittelbar über dem Steilanftiege des Gebirges 
die Niederlaffungen der Tzotziles, eines Mayavolkes, fich befinden. 

Es ift auffallend, die Tzotziles diefen beiden Volksftämmen 
gegenüber als Hochlandsbewohner und in einer Art Vertheidi- 
gungsftellung zu 'finden. 

Die Xincas in Guatemala reichten von der pacififchen Küften- 
ebene bis ins Herz der Plauptcordilleren von Südguatemala und 
bildeten damit einen Keil in der Mayabevölkerung jener Gegend 
zu einer Zeit, als ein Mayavolk noch Theile von S. Salvador 


— 392 — 

bewohnte und die Chortf -Indianer noch bis ins Thal des Sensenti 
reichten. Auch jetzt bilden fie noch einigermafsen einen Keil 
in der Pokomambevölkerung Südguatemalas, wie fie auch 
zugleich die einftige Pipilbevölkerung Südguatemalas von der 
S. Salvadors trennten. Derartige Verbreitung läfst mancherlei 
Vermuthungen über die Vorgefchichte des Volkes zu; doch will 
ich hier nicht näher darauf eingehen und überlaffe es dem Lefer, 
feine Wahrfcheinlichkeitsfchlüffe zu ziehen. 

Die H'uaves follen von Süden her zur See in Mittelamerika 
eingewandert fein, und die Caraiben, offenbar von Südamerika 
flammend , haben fich erft in diefem Jahrhundert an der atlan- 
tifchen Küfte des nördlichen Mittelamerika, im ehemaligen Gebiete 
der Choles, niedergelaffen. Beide Volksftämme kommen aber für 
die Frage nach der Heimath der Mayavölker nicht in Betracht. 

Dagegen darf es als h ö c h ft . \gjJbx£cJie inlixJi-gfilten . dafs 
d ie aztekifch en-Völker- des.-HÖrdlichen Mitt elamerika einwander ten. 
alg Völker längft dort anfäfsig waren, und ein Gleiches 

vermuthe ich für di e Zoques (Mijevölker) *ünd Chiapan eken, 
während die Xincas und Leucas wohl fchon in fehr früher Vor- 
zeit neben "den Mayas mehr oder weniger ihre jetzigen Wohn- 
plätze innegehabt haben dürften. 

Was nun die Mayavölker felbft betrifft, fo zeigt ein Blick 
auf die Sprachenkarte, dafs diefelben (mit einziger Ausnahme 
der Huasteken) ein ganz zusammenhängendes Gebiet im nörd- 
lichen Mittelamerika einnahmen, oder wenigftens vor der Zeit 
der Conquifta und noch fpäter vor dem fprachlichen oder voll- 
ftändigen Untergang mancher Stammestheile eingenommen haben. 
Schaut man zudem nach der Vertheilung der einzelnen Sprachen, 
fo ergiebt fich wieder, dafs die zu einer beftimmten Gruppe 
zufammengehörenden Glieder noch immer auch räumlich bei 
einander liegen, oder wenigftens vor nicht zu langer Zeit zufam- 
menlagen: der Zufammenhang von Chol und Chortf ift durch 
Vordringen der Lacandonen und Entvölkerung einzelner Chol- 
gebiete unterbrochen, der Zufammenhang von Pokonchi und 
Pokomam fcheint fchon viel früher durch das keilförmige Ein- 
dringen von Pipil-Indianern geftört worden zu fein. Einen beträcht- 
lichen Entfernungsunterfchied zeigen aber die Wohnfitze der 
Huasteken von den ihnen fprachlich nahe flehenden Chicomucal- 


- 393 — 

teken und ich werde gerade hierauf noch fpäter zurückkommen 
miiffen. Abgefehen davon aber legt das räumliche Beifammen- 
fein der fprachlich nächftverwandten Mayaftämme die Vermuthung 
nahe, dafs fich die Abgliederung der Nebenfprachen von ihrer 
Hauptfprache an Ort und Stelle vollzogen haben mag und da 
zur Ausbildung einer folchen Nebenfprache jedenfalls eine fehr 
lange Zeit erforderlich war, fo müfsten die Mayavölker fchon 
feit fehr langer Zeit ihre jetzigen Wohnfitze inne gehabt haben. 
Die Sprachen der Cholgruppe (Chontal, Chol, Chorti) umfchliefsen 
gürtelförmig das reine Mayagebiet, während in einem weiter 
vorgefchobenen Ringe neben einander die Sprache der Tzental-, 
der Marne-, der Quiche- und der Pokomgruppe vorgelagert find. 
Giebt man zu, dafs die Sprachen der Cholgruppe dem Maya etc. 
fehr nahe ftehen, und fieht man zunächft von der Huasteca- 
Gruppe ganz ab, fo erhält man fünf Hauptgebiete, von welchen 
das erfte dem ausgedehnten Tieflande im Norden vorzugsweife 
angehört, während die folgenden drei in der Hauptfache dem 
Hochlande, das Pokomgebiet aber hauptfächlich gemäfsigten 
Gebirgsländern angehören. Stellen wir die letzten vier Gebiete 
kurz als Hochlands- oder Gebirgsgebiete dem erften gegenüber, 
fo fleht man leicht ein, dafs die Tiefland ftämme ein weit gröfseres 
Gebiet einnehmen bezvv. eingenommen haben, als die Gebirgs- 
ftämme alle zufammen, und man könnte daher leicht zu der 
Anficht verfucht fein, dafs das Tiefland den Ausgangspunkt für 
die Befiedelung der Gebirge geworden fei, und dafs in den 
Bergländern in Folge der gröfseren natürlichen Verkehrs- 
fchwierigkeiten rafcher die Bildung von Einzelfprachen vor fleh 
gegangen fei. 

Wenn man aber bedenkt, dafs die ausgedehnten Urwald- 
gebiete im Norden Mittelamerikas von jeher fehr fchwach bevöl- 
kert waren, fo ift es begreiflich, dafs das Stärkeverhältnifs der Hoch- 
land- und Tieflandftämme doch ein ganz anderes gewefen fein 
mufs. Leider ift es unmöglich, irgendwie dies Stärkeverhältnifs 
feftzufetzen ; aber auch ein Vergleich der jetzt zu beobachtenden 
Ziffern dürfte bei diefer Frage inflructiv fein, doch ift fchon eine 
folche Feftftellung fchwierig und für mich nur für Guatemala 
auf Grund des neuen Cenfus von 1893 möglich, während ich für 
Chiapas und Tabasco keine Einzelzahlen geben kann und mich 


— 394 — 

auf ganz rohe Schätzungen befchränken mufs. Ich bitte alfo, die 
Zahlen nur als ganz rohe Schätzungswerthe betrachten zu wollen: 

Mayas 300 000 

Chontales 10 000 

Choles 20000 

Chortfs 50000*) 

380000 

Tzentales, Tzotziles, Chaneabales jedenfalls weit über 100000. 


Mames 


Jacaltecos 


Chujes 


Aguacatecos .... 

. . . . 4000 

Ixiles 


Motozintlecos .... 



183 000 

Ouiches 

. . . . 278 000 

Cakchiqueles .... 

. . . . 1 3 1 000 

Zutuhiles 

. . . . 14000 

Uspantecos .... 

. . . . 3 000 


426 000 

Kekchis 

. . . . 85000 

Pokonchis 

. . . . 20000 

Pokomames .... 

. . . . 50000 


155 000 


Mit Chicomucelteken (etwa 4000?) und Huasteken, über 
deren Zahl ich nicht einmal eine Vermuthung äufsern kann, 
beträgt die Summe der noch lebenden, zu den Mayavölkern 
gehörigen Indianer jedenfalls über 1 V* Millionen. Die ftärkften 
Volksgruppen find die Tieflandftämme und die Quichegruppe; 
die ftärkften Einzelvölker find die Mayas (300000) und die 
Quiches (faft 280000). 

Aehnlich mufs das Stärkeverhältnifs auch in früheren Zeiten 
gewefen fein, denn zur Zeit der Conquifta und vorher waren es 
ebenfalls die Mayas und die Quiches gewefen, welche die mäch- 


*) Jedenfalls viel zu hoch gegriffen. 


— 395 — 

tieften Reiche des nördlichen Mittelamerika dargeftellt hatten. 
Man fleht aus diefem Umftande, dafs eben auch hier die Einheit 
der Sprache die Gründung grofser Reiche erft ermöglichte, und 
ein Blick auf die Gefchichte der Quiches lehrt, dafs das nume- 
rifche Uebergewicht diefes einen Stammes im Vereine mit 
kluger Politik und hoher Kriegstüchtigkeit es dahin brachte, all- 
mählich auch die benachbarten, fremdfprachigen Stämme dem 
Quichereiche anzugliedern, dafs aber in der Folge gerade die 
Verfchiedenheit der Sprache zufammen mit den particulariftifchen 
Beftrebungen der Einzelftämme und ihrer eingeborenen Herrfcher- 
gefchlechter wieder den theilweifen Zerfall des Quichereiches 
hervorrief. 

Kehren wir aber nach diefer Abschweifung zu unferem Thema, 
zur Frage nach der Heimath der Mayavölker, zurück, fo ift leicht 
zu erkennen, dafs der Vergleich des Stärkeverhältniffes uns keine 
Handhabe zur Löfung der Frage darbietet; nur das eine geht 
daraus hervor, dafs die Mayas etc. an Volkszahl nicht fo fehr 
den anderen Stämmen überlegen find , dafs man diefe nur als 
Zweige, die Mayas felbft aber als das Muttervolk der ganzen 
Völkerfamilie anfehen müfste. 

Auch die Sprachen fprechen meines Erachtens nicht für 
eine derartige Annahme; ein Vergleich des gefammten Sprach- 
baues ift zwar noch nie verfucht worden; lautlich aber ift die 
Mayafprache im Allgemeinen minder archaiftifch, als man glauben 
müfste, wenn Sie die Stammmutter der übrigen Sprachen wäre; 
ich will hier nicht auf die Erweichungen der t- Laute in tz oder ch, 
oder der c-Laute in ch eingehen, denn wenn fleh auch in manchen 
Fällen gerade in diefer Hinfleht die Sprachen der Chol- und 
Tzen talgruppe als alterthümlicher erweifen als Maya, fo ift doch 
beim Vergleiche anderer Wörter wieder das Gegentheil feft- 
zuftellen , fo dafs man leicht erkennt, dafs eine derartige Er- 
weichung nicht eine allgemeine Lautregel ift, fondern nur für 
einzelne Fälle gilt. Wir werden aber nichts Beftimmtes über 
diefe Fragen ausfagen können, bis nicht eine vergleichende Gram- 
matik diefer intereffanten Sprachen gefchaffen fein wird. 

Dagegen können uns die Sprachen, und zwar das Vocabular, 
unter Umftänden wichtige Fingerzeige für die Löfung der uns 
befchäftigenden Frage geben, wenn man nämlich diejenigen 


— 396 — 

Wörter vergleicht, welche Pflanzen, Thiere und culturhiftorifch 
intereffante Rohmaterialien oder Gegenftände bezeichnen (s. Bei- 
lage 4). Alle Mayavölker find Ackerbauvölker; fie haben auch 
für das Hauptnährmittel, den Mais, faft durchweg diefelbe Bezeich- 
nung; ebenfo zeigt fleh für die meiften übrigen Culturpflanzen 
fehr grofse Uebereinftimmung. Leider ift hierdurch für die Frage 
nach der Heimath diefer Völker nicht viel gewonnen, denn faft 
alle diefe Pflanzen find über ein weites Gebiet verbreitet und 
gehen auch durch verfchiedene Klimazonen hindurch. Nutzbrin- 
gender ift der Vergleich der Namen wildwachfender Pflanzen, 
und es fällt hier in erfter Linie die Uebereinftimmung in der 
Bezeichnug der Kiefer auf. Freilich ift auch diefer Baum weit- 
hin verbreitet, und reicht in Mittelamerika vom Hochgebirge an 
bis faft zur Meereshöhe (Motaguathal, Britifch-Honduras) herunter. 
Immerhin zeigt aber ein Blick auf die Vegetationskarte, dafs die 
Kiefern (mit einziger Ausnahme der Pineridges von Britifch- 
Honduras) vollftändig auf das Gebirgsland befchränkt find, und 
insbefondere in Yucatan vollftändig fehlen. Man erfleht daraus 
unfehwer, dafs Yucatan alfo nicht die Heimath der Mayavölker 
gewefen fein kann, fondern dafs diefe im Gebirgslande , wenn 
überhaupt in Mittelamerika, zu fuchen ift. 

Von viel geringerer Verbreitung als die Kiefern find die 
Corozo- und Coyolpalmen, welche in Mittelamerika und in Mexiko 
auftreten und in den Mayafprachen , foweit bekannt, faft durch- 
weg gleichartige Benennungen haben. Corozopalmen fehlen 
übrigens im nördlichen Yucatan vollftändig, find aber im übrigen 
Mittelamerika auf warme feuchte Gebiete befchränkt; wenn auch 
Hochlandftämme, wie Jacaltecos und Uspantecos, diefelbe Bezeich- 
nung für die Corozopalmen haben, fo zeigt das den Einflufs von 
Handelsverbindungen an. Spricht die gleiche Benennung für 
Corozo- und Coyolpalmen dafür, dafs die Heimath der Mayavölker 
in Mittelamerika oder Mexiko, nicht aber in Yucatan gewefen 
fein könne, fo ergiebt fleh ein ähnliches Refultat bei Unterfuchung 
der Thiernamen. 

Eine grofse Zahl von Thieren find faft gleich benannt 
in allen Mayafprachen , aber leider haben fie faft alle eine fo 
weite Verbreitungsgrenze, dafs damit für die Frage nach der 
Heimath der Mayavölker Nichts gewonnen ift. So reicht der 


- 397 - 

Alligator bis 42 0 n. Br. und findet fich im nördlichen Mittel- 
amerika vorzugsweife im warmen Lande, feltener (Flufsgebiet 
des Rio Chiapas) auch im gemäfsigten; wenn man nun auch fieht, 
dafs überall in den Mayafprachen diefelbe Bezeichnung für diefes 
Thier wiederkehrt (im Tzutehil erfcheint nur die Umfehreibung 
iboy chu = »Gürtelthier-Fifch«) , fo läfst fich damit doch kein 
brauchbarer Schlufs ziehen. Anders, wenn man fieht, dafs die 
Taltufa, welche Mexiko meinen Nachrichten nach nicht über- 
fchreitet, ebenfalls durchweg gleichartig benannt wird ; man erhält 
fo wieder diefelbe engere Grenze, wie oben bei Betrachtung der 
Corozo- und. Coyolpalmen. 

Mehrfach lautet auch der Name des Brüllaffen gleich, welcher 
nördlich nicht über die Nordgrenze der tropifchen Wälder Mexikos 
hinausreicht und, was bemerkenswerth ift, auch in Yucatan fehlt, 
ebenfo der Guacamaya und der Quezal, der von Neugranada bis 
Mexiko reicht. 

Es ift nicht zu bezweifeln , dafs bei genaueren fprachlichen 
und thier- wie pflanzengeographifchen Studien die Frage nach 
der Heimath der Mayavölker wefentlich gefördert, vielleicht fogar 
ganz entfehieden werden könnte; für jetzt kann nur fo viel gefagt 
werden, dafs Yucatan die Heimath diefer Völker nicht ift, fon- 
dern dafs diefelbe anderwärts in Mittelamerika oder Mexiko zu 
fuchen ift; wenn man auf die Verbreitung der Kiefern Rückficht 
nimmt, ift vor Allem das Gebirgsland zu nennen, wo ja auch 
jetzt noch die Hauptmaffe der Mayavölker ihre Wohnfitze hat. 

Sprachliche Studien würden aber auch in anderer Hinficht 
bei Einzelfragen von grofser Bedeutung fein, wie man am Bei- 
fpiele der Kekchi-Indianer erfehen kann. Wie aus der Verbrei- 
tung der Maya- refp. Chol -Ortsnamen hervorgeht, findet man 
folche im nördlichen Wohngebiete der Kekchis. Dafs letztere 
erft nachträglich nach Norden vorgedrungen find , erkennt man 
mit Sicherheit daran, dafs fie für das auf feuchte Urwaldgebiete 
befchränkte Hokkohuhn kein Kekchi-Wort haben, fondern ein 
reines Cholwort benutzen (chak mut = rother Vogel, was in 
Kekchi cak tz’ic heifsen müfste), und ebenfo benennen fie einen 
Fifch des Usumacinta- Stromgebietes in reinem Chol chak ti 
(rothe Schnauze), was in Kekchi cak chi heifsen müfste. Dafs 
die Kekchi-Indianer von Süden her, d. h. wenigftens aus dem 


— 398 — 

Verbreitungsgebiete der Kiefern, nach jenen feuchten Urwald- 
gebieten gekommen find, erkennt man daran, dafs fie bei ihren 
Heiligthümern (Ermitas) Kiefern zu pflanzen pflegen, welche 
fonft in jenen Gegenden nicht wachfen. Aber nicht blofs bei den 
Kekchis findet man eine derartige religiöfe Verwendung der 
Kiefern, fondern auch bei den verfchiedenften anderen Maya- 
völkern, was dafür fpricht, dafs in ihrer Heimath die Kiefern 
eine ftarke Verbreitung und grofse Bedeutung befafsen. 

Alles in Allem genommen, erkennt man leicht, dafs die 
Frage nach der Heimath der Mayas noch nicht mit irgend welcher 
Sicherheit gelöft werden kann. Bedenkt man aber, dafs fowohl 
bei der Unterfuchung der Ortsnamen, als bei derjenigen der 
Bauftile, fich das übereinftimmende Refultat ergeben hat, dafs 
die Mayavölker feit fehr langer Zeit ihre bisherigen Wohnfitze 
innegehabt haben, bedenkt man ferner, dafs die geographifche 
Lage ihrer Wohnfitze darauf hinzudeuten fcheint, als ob fie 
fremden Völkern gegenüber fich entweder (auf dem Hochlande) 
behauptet haben, oder aber vor ihnen zurückweichen mufsten 
(S. Salvador), bedenkt man ferner, dafs aus fprachlichen und 
biographifchen Gründen zufammengenommen die Heimath der 
Mayavölker in Mittelamerika -Mexiko, nicht aber in Yucatan 
zu fuchen ift, fo erfcheint es als das Wahrfcheinlichfle, dafs das 
Gebirgsland von Chiapas- Guatemala der Urfit z der Ma yavölker - 
lamilie ift, von wo aus frühzeitig die Mav as und fhnlftämm p 

- * W-» — — ■' 

nach dem Tieflande hin ausgewandert fi nd, während noch früher 
clie Huasteken von Chiapas aus läng s der atlantifchen Küfte nach 
Norden zogen und lieh in ihren jetzigen W ohnplätzen feftfetzte n. 
Ob die Chicomucalteken'"3ann noch in Zufammenhang mit ihren 
Stammesverwandten blieben und fo den fprachlichen Gleichklang 
in vielen Wörtern wahrten, wer wüfste das zu fagen? 

Man mag es vielleicht unnatürlich finden, wenn ich die aus- 
gedehnten Colonien der Mayas in Yucatan und der Huasteken 
in Mexiko vom Hochlande des nördlichen Mittelamerika ausgehen 
laffe; aber abgefehen davon, dafs, wie oben hervorgehoben, manche 
Wahrfcheinlichkeitsgriinde dafür fprechen, ebendort die Heimath 
der Völkerfamilie zu fuchen (wobei natürlich an die allerfrühefte 
Vorzeit nicht gedacht wird, fondern nur an jene Zeit, von welcher 
ab ihre Cultur und ihre Sprache fich zu entwickeln, wie auch zu 


- 399 — 

verzweigen begann), erfcheint mir auch darum eine derartige 
Annahme glaubhaft, weil die natürlichen Bedingungen und Roh- 
materialien jener Gebirgsländer fehr gut zur Entftehung der 
Mayacultur geführt haben können, und weil nach modernen 
Beobachtungen die Richtung der indianifchen Wanderungen 
immer vom Hochlande nach dem Tieflande zu geht, wie denn 
auch die einzelnen Culturpflanzen fleh durchweg leichter von 
höheren Standorten nach tieferen hin verpflanzen laffen, als umge- 
kehrt. Der allgemeine Charakter der einheimifchen Agricultur 
ift überhaupt kein eigentlich tropifcher, und die Thatfache, dafs 
die Mayavölker fämmtlich Ackerbauer find und waren, deutet 
mit Beftimmtheit darauf hin, dafs ihre Heimath nicht in Urwald- 
gebieten zu fuchen ift, wo der Urbarmachung grofse Schwierig- 
keiten im Wege flehen, fondern in offenerem Gelände, d. i. in 
Sabannen und lichten, trockeneren Waldgebieten. Solche findet 
man im nördlichften Yucatan, fowie im mittleren Guatemala und 
Chiapas, und dafs Nordyucatan nicht in Frage kommen kann, 
haben wir oben aus fprachlichen und biographifchen Gründen 
erfehen. 

Obgleich auch jetzt noch die Hauptmaffe der Mayavölker 
in relativ trockenen Gebieten wohnt, fo fleht doch aus fprach- 
lichen Gründen feft, dafs fie fchon in früher Vorzeit auch feuchte 
Urwaldgebiete befiedelt hatten, und die Verfchiedenartigkeit der 
Producte beider Klimazonen hat jedenfalls die erfte Urfache zu 
einer derartigen Colonifation geboten. Wenn wir auch fehen, 
dafs gewiffe Völker der Mayagruppe jetzt vollftändig dem feuchten 
Klima angepafst find und trockene Gebiete ziemlich meiden 
(Chujes, Ixiles, Kekchis), fo ift das eben eine Erfcheinung, welche 
fich aus langer Gewöhnung erklärt, und in einzelnen Fällen (Kek- 
chis) kann man, wie wir oben gefehen haben, fogar noch nach- 
weilen, dafs das Volk aus anderen, trockeneren Gebieten her 
eingewandert ift. In den meiften Fällen haben die einzelnen 
Stämme nur Colonien nach wärmeren, feuchten Gegenden ent- 
fendet, fo die Mames, Quiches, Zutuhiles und Cakchiqueles nach 
der pacififchen Iviiftenebene und je ftärker die Erfchöpfung des 
Bodens und gelegentlicher Mifswachs auf dem Hochlande fleh 
fühlbar machen , defto ftärker ift auch die Auswanderung nach 
wärmeren und feuchteren Klimaten, wo die gröfsere Feuchtigkeit, 


— 400 — 

der regelmäßige Regen fichere Ernten gewährleiftet und die 
höhere Temperatur die Reife der Feldfrüchte befchleunigt. 

Neben äufseren Kriegen und inneren Revolutionen haben 
jedenfalls auch ähnliche Erfchein ungen, wie die eben befprochenen, 
ehedem zur Auswanderung ganzer Völker aus ihren alten Wohn- 
fitzen geführt und in manchen Fällen (Tolteken) wird Mifswachs 
direct als Urfache der allgemeinen Wanderung angegeben. So 
mögen auch feiner Zeit Uebervölkerung und Mifsernten einen 
Theil der Mayavölker aus dem Hochlande nach dem Tieflande 
getrieben haben, und es fcheint aus dem von Brasseur de Bour- 
bourg in feinem »Diaao de Landa« mitgetheilten und überfetzten 
Manufcript*) hervorz&gehen, dafs noch in hiftorifcher Zeit (Ende 
des 5-Jahrh. n. Chr.) vom Süden her eine Abtheilung von Mayas 
fich im , Südoften Y ucatans feftfetzte und allmählich nordwärts 
vordrang, bis fie Chichenitza (8. Jahrh.) und Champutun (9. Jahrh.) 
eroberten und dadurch eine füdlich gerichtete Auswanderung der 
dortigen Bewohner (Itzaes) hervorriefen. 

Leider mufs man bei der Frage nach der Heimath der 
Mayavölker meift mit Vermuthungen und Analogiefchlüffen rech- 
nen, und wir müffen am Ende unterer Unterfuchung geftehen, 
dafs wir nicht mit voller Beftimmtheit eine gewiffe Gegend als 
Urfitz der Völkerfamilie bezeichnen können; manche Gründe 
fprechen allerdings dafür, dafs es das Hochland des nördlichen 
Mittelamerika war; alle die Gründe find jedoch nicht zwingend 
und zahlreich genug, als dafs man nicht die- ganze Frage noch 
immer als eine offene bezeichnen müfste. 


*) »Lelo lai utzolan katunil ti Mayab.« 


Anhang. 


Sapper, Das nördliche Mittelamerika. 


26 


402 


Beilage i. 


Regenmeffungen 



Ort ... . 
Meereshöhe 
Jahrgang . 

San 

Salvador 

Südguatemala 

Costa Cuca 

Baja Verapaz 

A 1 t a 

■*- 

S. Tecla 

903 

1887 

S. Salvador 

657 

1893 

Guatemala 

I480 

1880 

Esmeralda 

IOOO 

1893 

Las Mercedes 
IOOO 

1893 

Salami 

920 

Nov. 1891 
bisOct. 1892 

Panzos 

50 

1894 

Cubilgui. 

300 

1893 

Januar. . . 

0,3 

— 

IO 

25,4 

35,6 

29,8 

50,9 

169 


Februar . . 

s,i 

— 

6 

102,1 

185,4 

0,0 

52,1 

319 

- 

März . . . 

0,0 

30,0 

I 

205,0 

203,2 

0,0 

35,i 

206, 

■ 

April . . . 

49,7 

23,5 

20 

248,6 

312,4 

0,4 

16,2 

73.' 


Mai .... 

220,1 

151,3 

I44 

579,9 

482,6 

o,5 

230,4 

1811 

i 

Juni. . . . 

243.8 

179,5 

253 

785,6 

797,5 

0,4 

490,1 

2155 

t! 

Juli .... 

338,7 

369,7 

137 

635,5 

655,3 

112,4 

427,5 

5799 

' 

Auguft . . 

230,0 

229,1 

234 

1091,9 

960,1 

182,0 

45i,5 

398' 

■ 

September . 

254,2 

241,5 

231 

734,8 

627,4 

80,2 

324,1 

418: 

•i 

October . . 

277,1 

69,2 

159 

367,8 

472,4 - 

83,8 

3 H ,6 

718? 

:c: 

November . 

47,7 

60,7 

51 

120,2 

121,9 

69,6 

108,1 

114^ 

S : 

December . 

14,3 

13,1 

2 

35,9 

30,5 

in, 8 

42,0 

> 532: 


Jahr . . . 

1684,0 

1367,6 

1248 

4932,7 

4884,3 

670,9 

2542,6 

> 3926t 



Beilage 2 . 

Culturgrenzen im nördlichen Mittelamerika. 



Untere | Obere 
Cultur grenze 

Untere j Obere 
Verbreitungsgrenze 

Kaffee in Guatemala und S. Salvador 

200 

1550 

0 

1800 

Kaffee in Tabasco 

10 

— 

0 

— 

Cacao 

0 

600 

O 

920 

Zuckerrohr 

0 

1600 

0 

1900 

Banane 

0 

1800 

0 

1900 

Tabak 

0 

1400 

0 

1S00 

Reis 

0 

IOOO 

— 

— 

Baumwolle 

0 ' 

IOOO 

0 

1400 

Mais 

0 

3100 

— 

— 

Bohnen 

0 

3000 

— 


Chile (Capsicum annuum) 

O 

1700 

— 





403 


nördlichen Mittelamerika. 




Vera 

p a z 



Brit.-Honduras 

Tabasco 

Chiapas 

,, | Setal 

\ 73° 
1 1893 

Chiacam 

850 

1893 

Senahu 

990 

1892 

Panzaraala 

1250 

1892 

Samac 

1500 

.8« 

Chimax 

1300 

1893 

Belize 

1893 

S. Juan Bautista 

IO 

Novbr. 1892 
bis Nov. 1893 

Ixtacomitan 

210 

1884 

1 a 

1397,6 

248,9 

' 94,3 

170,9 

234,8 

146,9 

60,2 

78,8 • 

822,2 

324.8 

144,6 

63,5 

108,4 

253,4 

126,8 

85,1 

72,0 

273,6 

1 183,2 

(>I4,5) 

75-5 

60,6 

I5T4 

74,9 

20,3 

2,1 

152,4 

A 90,9 

165,0 

60,4 

14,6 

37,5 

30,8 

0,0 

0,0 

I7T9 

,1389.5 

226,5 

686,6 

460,6 

308,4 

275.7 

67,3 

300,5 

154,7 

21 a 

. |3 I 3.4 

370.8 

674,4 

563,8 

3i4,3 

204,6 

55,9 

380,7 

119,2 

^1674,4 

647,0 

926,6 

708,9 

422,5 

422,7 

281,9 

558,5 

337,5 

-^1632,2 

654,4 

515,6 

388,6 

423,6 

362,8 

297,2 

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703,6 

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504,2 

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334,8 

86,4 

234,0 

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70,6 

160,0 

6,4 

569,2 

21, 0 

344,6 

143,8 

154,9 

882,7 

394,2 

370,8 

64,6 

46,4 

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3819,6 

4294,5 

2703,9 

1828,5 

2554,o 

4673,5 


Culturgrenzen im nördlichen Mittelamerika. 



Untere Obere 

Culturgrenze 

Untere | Obere 
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Indigo 

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Pfirfichbaum 

1800 

2470 

1300 

2470 

Apfelbaum 

2000 

2500 

1600 

2500 

Weizen in Guatemala und Chiapas 

1800 

3i5o 

— 

— 

Weizen in San Salvador 

1000 

— 

— 

— 

Gerfle 

1480 

(?) 

— 

— 

Kartoffel 

1800 

3100 

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3100 

Yuca (Manihot utilissima) 

0 

1950 

— 

— 

Orangenbaum 

— 

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2100 

Agaven 

— 

— 

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3450 

Henequen 

— 

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700 


*) In Tabasco. 


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Beilage 3. 


Nr. I. 

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Beilage 4. 


Vergleichendes 


Vocabular culturgeschichtlich interessanter 
Wörter der Mayasprachen. 


Nach eigenen Vocabularen und Stoll’s Ethnographie 
zusammengestellt von 


Dr. Karl Sappe r. 


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Chicomucelteca fp. bobom fp. — fp. jot tim 

. Maya von Yucatan (St oll) . — tab — kabcum — cum luch 

a. Maya vom Pet 6 n (Stoll) . mococli taab, jol — kabcum — cum luch 


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22. Pokomam von Jilotepeque . . tz’i . mis ernul — ae’aeh tz iquin 

22a. Pokomam (Stoll) tz’i mis emul ac’acli tut ae’aeh chicob 


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. Chicomucelteca sanich ul mic — ajlic tuchunun 

. Maya von Yucatan (St oll) . sinic — — xculüch yaxcach kaxol 

a. Maya vom Peten (St oll) . sinic tot — — — us, koxol 


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21. Pokonchf (St oll) — — (p an ) taxaj su’tz teu lc’ij po ch’umil 

22. Pokomam von Jilotepeque . . — — taxaj su’ tz teuj k’ij po ch’imil 

22a. Pokomam (Stoll) xilabon xilabon anaj cvuataxaj su’tz teau k’ij po ch’imil 


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Sapper, Das nördliche Mittelamerika. 


Verlag von Friedr. Vieweg u. Sohn, Braunschweig. 






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Nr.IIL 



Sapper, Das nördliche Mitlelamerika.. 


"Verlag von Friedr. Vieweg u.'Sohn, Braunschweig . 


Höhenschichtenkarte 
des nördlichen Mi tte lame rfka 

Entworfen vonJDr. Carl Sapper 
1895. 

Fai*beiL-Brldainm^ ", 


ISeissenLand ■ 0-600 Afeter 

TTizttlere Ja/rrescouperatza-: c.27- 23°C. 

I \0a7iässigrtesjLartöL:&OO-/SO0A/eter' 

I ( rrntfLene . /aJjj'esterrjpe/'crtur . c, 23 — 77 a C. 

Land : Zone des Weizenbaues 
7800-325OM mittL JaJoesKc. //« /O °C 
^^^^/Ih£eesLarid-J/ocbgebT7ysr‘egio7z:0berh£tZb 
3250 AL rrrittl. Jcdiresternpenatnn: unter /£? °C- 


Maß stab 1:4500 000 










Nr. VI. 





unabhängigen Indi anerstaatem 

'■cm "Yucaian 

vt>u Dr. Carl Sapper. 

Erklärung: 

SaptsäMühste Wege un südluhen Yucaian 

- Reisen von Dr C Sapper 

n " ‘ Eisenbahnen im Be/rieb 

' Projektirie Eisenbahnen 

Grenzen von Guatemala und Britisdi-Ehndnras 

Grrns *n des unter mexikanischer Verwaltung 

stehenden Gebietes 

Grenzen des unbewohnten Landes 

• Städte A unbewohnte Orte 

o Dorier, Weiler, Radcndas RUINEN 


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Sapper, Das nördliche Mittelamerika, 


Verlag von Friedr. Viewe 


n, Braunschweig. 
















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Ruinenplntze und geographische Ortsname 
im nördlichen Mittolainerika . 

Entworfen von Dr. Carl S apner 

1895. 

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Sonst 


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Verlag von Friedr. Vieweg u. Sohn, Braunaohweig. 


Sapper, Dcu» nördliche Mittelamerika. 




















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